Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alphonse Daudet >

Der Nabob. Band 2

Alphonse Daudet: Der Nabob. Band 2 - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleDer Nabob. Band 2
publisherVerlag J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 21
year1888
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060924
modified20140408
projectid19ad8275
Schließen

Navigation:

Vierzehntes Kapitel.

In der Ausstellung.

»Ausgezeichnet! . . .«

»Ein außerordentlicher Erfolg. Barye hat niemals so etwas Herrliches geschaffen.«

»Und die Büste des Nabob? . . . . Ein wahres Wunderwerk! Konstanze Cremnitz wird glücklich sein. Sehen Sie sie dort trippeln! . . .«

»Wie, diese alte kleine Dame im Hermelinmantel ist die Cremnitz? Ich glaubte, sie sei schon vor zwanzig Jahren gestorben.«

O, nein, im Gegenteil, sie ist ganz lebendig. Verjüngt, entzückt durch den Triumph, den ihr Patenkind feiert, welches in der That den ganzen Erfolg der Ausstellung auf ihre Rechnung schreiben kann, bewegt sie sich unter der Menge von Künstlern, unter der feinen Welt, die an zwei Stellen, wo die Arbeiten Felicias ausgestellt sind, zwei Haufen von schwarzen Röcken, von hellen Toiletten bildet, die sich einander drängen und fast ersticken, um die Kunstwerke anzuschauen. Konstanze, die sonst so schüchtern ist, drängt sich in die vorderste Reihe, lauscht auf die Unterhaltungen, erhascht die laut werdenden Urteile und Ansichten, die sie in ihrem Gedächtnis vergräbt, nickt mit dem Kopfe, lächelt, zuckt die Achseln, wenn sie eine Dummheit äußern hört, und fühlt sich versucht, den ersten besten, der mit seiner Bewunderung zurückhält, zu Boden zu schmettern.

Ob es nun die gute Cremnitz oder eine andre ist, stets wird man bei der Eröffnung von Ausstellungen eine solche unmerklich dahingleitende Gestalt wahrnehmen, die mit ängstlicher Miene und gespanntem Ohr die Unterhaltungen belauscht. Oft ist es ein alter, gutmütig aussehender Vater, der uns mit einem Blick für ein beiläufig geäußertes freundliches Wort seinen Dank abstattet, oder eine untröstliche Miene über eine tadelnde Bemerkung aufsetzt, die man über das Kunstwerk fallen läßt, und die ein Herz in unsrer Nähe zum Tode verwundet. Das ist so eine Figur, die in der That nicht fehlen dürfte, wenn je ein für Darstellungen aus unsrer gegenwärtigen Zeitepoche sich interessierender Maler diese förmlich typisch gewordene Manifestation des Pariser Lebens zum Vorwurf nähme, die Eröffnung einer Ausstellung von Skulpturen, mit ihren mit gelbem Sande bestreuten Gängen und dem großen Glasdache, unter welchem sich in halber Höhe die Galerien der ersten Etage, besetzt mit niedergebeugten im Anschauen begriffenen Köpfen und für den Augenblick hergerichteten wallenden Draperieen abheben.

In einem etwas kalten Lichte, das an den grünen Wanddekorationen der Halle verblaßt, wohin die Lichtstrahlen kaum noch dringen, man möchte fast sagen, um dadurch den Augen der Besucher eine gewisse ruhige Besonnenheit zu geben, flutet die Menge langsam auf und nieder, bleibt stehen, zerstreut sich auf den Bänken, ballt sich dort in Gruppen zusammen und bringt nichtsdestoweniger ein solches Durcheinander von Leuten aus allen Ständen hervor, wie keine andre Versammlung, indem sie, der um diese Jahreszeit herrschenden abwechselnden und launenhaften Witterung ähnlich, alle Arten von Kleidern durcheinander würfelt, die schwarzen Spitzen und die majestätische Schleppe einer Dame aus der großen Welt, welche, um den Eindruck ihres Porträts zu sehen, gekommen ist, und die sibirische Pelzgarnitur einer Schauspielerin, die soeben erst aus Rußland zurückgekehrt ist und die Kunde hiervon gern verbreitet sehen möchte.

Hier gibt es keine Logen, keine Sperrsitze, noch reservierte Plätze, und das ist es gerade, was der Eröffnung einer solchen Ausstellung am hellen Tage einen so hohen Reiz verleiht. Die Damen der feinen Welt können die beim Lampenlichte so beklatschten Schönheiten aus nächster Nähe betrachten, die neue kleine Hutfaçon einer Marquise von Bois-Landry begegnet hier der mehr als bescheidenen Toilette der Frau oder Tochter eines Künstlers, während das schöne Modell, welches für die am Eingang aufgestellte Andromeda gesessen hat, in einem zu kurzen Rock, in elenden, aber alle Uebertreibungen der Mode aufweisenden Kleidern triumphierenden Schrittes einherstolziert. Man mustert, man bewundert sich, man schwärzt sich an, man wechselt mißbilligende, verachtungsvolle oder neugierige Blicke, die indes plötzlich zur Ruhe kommen, wenn eine berühmte Persönlichkeit, etwa ein bekannter Kritiker vorübergeht, den wir noch in Gedanken vor uns sehen, wie er ruhig und majestätisch, den gewaltigen Kopf von langen Haaren umwallt, die Runde durch die Skulpturen macht, stets begleitet von einer Anzahl Jünger, die seiner wohlwollenden Autorität ein geneigtes Ohr leihen. Wenn das Geräusch der Stimmen, das nur bei den Eingangs- und Ausgangspforten lauter tost, in der Mitte des ungeheuren Raumes erstirbt, so nehmen die Gesichter einen auffälligen Ausdruck der Spannung an, während die Bewegung und das belebte Treiben besonders in der in der Nähe des Buffetts auf und ab wogenden Menge seinen Höhepunkt erreicht. Die helleren Hüte der Damen und die weißen Schürzen der Kellner kontrastieren wunderbar mit dem Gewirr der dunkeln Röcke, und nicht minder auch das Ameisengewimmel der Zuschauer in dem Mitteltrakte, mit der Unbeweglichkeit der ausgestellten Statuen, dem leisen Beben, das durch die kreidigen Gestalten in ihren verzückten Stellungen geht.

Da sieht man in riesenhaftem Fluge erstarrte Flügel, eine Weltkugel von vier allegorischen Figuren getragen, die in rhythmischem Schwung dahinschreiten und in dem wohlabgewogenen Gleichmaß der Bewegung eine treffliche Versinnlichung des Laufes der Erde bilden; dann wieder bedeutungsvoll erhobene Arme, heldenhaft emporgereckte Leiber, die eine Allegorie, ein Symbol bilden, das ihnen im Tode Unsterblichkeit verleiht, sie der Geschichte einreiht, der Legende, jener Idealwelt unsrer Museen, in denen sich die Neugier oder die Bewunderung der Völker drängt.

Obgleich die Bronzegruppe Felicias nicht zu den größten Stücken der Ausstellung gehört, so hatte doch ihr außerordentlicher Wert derselben den Vorzug verschafft, eine der Rotunden inmitten der Halle zu schmücken, von der das Publikum sich augenblicklich respektvoll fernhielt, indem es über eine Reihe von Aufsehern und Polizeidienern hinweg den Bey von Tunis und sein Gefolge, mit ihren langen, malerisch drapierten Burnus, die ihnen das Ansehen von wandelnden Bildsäulen gaben, betrachtete. Der Bey, der erst seit einigen Tagen in Paris war und bei allen Premièren zugegen sein wollte, hatte auch die Eröffnung der Ausstellung mitansehen wollen. Er war, wie man sagte, ein aufgeklärter Fürst, ein Freund der Künste, der in seinem Palais am Bardo eine Galerie wunderbarer türkischer Gemälde und alle Schlachten des ersten Kaiserreiches in Farbendrucken besaß.

Sofort bei seinem Eintritt hatte ihn der Anblick des großen arabischen Windhundes in Erstaunen gesetzt. Das war in der That der wahre, schöne und kräftige Windhund seiner Heimat, sein Begleiter auf allen Jagdzügen. Er lächelte in seinen schwarzen Bart hinein, betastete liebkosend die Gliedmaßen und Muskeln des Hundes, schien ihn noch mehr anfeuern zu wollen, während das aristokratische Tier, mit geöffneten Nüstern und fletschenden Zähnen, die elastischen und unermüdlichen Glieder weit ausgestreckt, stieren Auges seine Beute schon mit der Zungenspitze zu kosten schien, die ihm aus dem Maule hing und die wild grinsenden Zähne wetzte. Sah man nur den Windhund an, so sagte man sich: Er hat ihn. Aber der Anblick des Fuchses beruhigte einen alsbald.

Wie er in seinem samtweichen, glänzenden Fell, seiner katzenartigen Geschwindigkeit mit dem Bauche fast am Boden, ohne sichtbare Anstrengung pfeilgeschwind dahinflog, machte der Fuchs einen wahrhaft wunderbaren Eindruck, und sein feiner Kopf mit den spitzen Ohren, die er mitten im Laufe nach der Seite des Windhundes drehte, erweckte die Vorstellung eines ironischen Sicherheitsgefühls, das die ihm von der Vorsehung verliehenen Eigenschaften vorzüglich zum Ausdruck brachte.

Während ein glatzköpfiger Galeriebeamter, der in größter Hast mit schief zugeknüpftem Rocke herbeigelaufen kam, dem orientalischen Fürsten die Fabel »Vom Fuchs und vom Hund« explizierte, wie sie in der Ueberlieferung mit den stereotypen Worten erzählt wird: »Es war einmal ein Fuchs . . .« und schließlich die Erläuterung hinzufügte: »Eigentum des Herzogs von Mora«, bemühte sich der dicke Hemerlingue, noch ganz in Schweiß gebadet und nach Atem ringend, Seine Hoheit davon zu überzeugen, daß diese hervorragende Schöpfung in der That von der Hand der schönen Amazone herrührte, der sie am Abend vorher im Bois de Boulogne begegnet seien. Wie in aller Welt habe doch nur eine Dame mit ihren schwachen Händen die harte Bronze so meistern, ihr so das Ansehen des Lebens geben können? Von allen Wundern dieses wunderbaren Paris war dieses Werk dasjenige, das den Bey am meisten in Erstaunen setzte. Aus diesem Grunde erkundigte er sich auch sofort bei dem Beamten, ob nicht noch andre Werke von derselben Künstlerin ausgestellt seien.

»Allerdings, Hoheit, noch ein andres Meisterwerk. . . . Wenn Hoheit mir zu folgen geruhen, so werde ich Sie dorthin geleiten.«

Der Bey setzte sich mit seinem Gefolge in Bewegung. In demselben sah man nur prächtige Rasseköpfe mit scharf geschnittenen, reinen Zügen und von einem warmen, blassen Ton, zu dem die weißen Haïks eine wirksame Folie bildeten. In ihrer herrlichen Drapierung kontrastierten sie auffällig mit den Büsten, die zu beiden Seiten des Ganges, den sie durchschritten, aufgestellt waren und die, hoch oben auf ihren Postamenten, unvermittelt in den leeren Raum ragten, herausgerissen aus ihrer Umgebung, wo sie gewiß die Erinnerung an bedeutende Leistungen, an liebevolle Beziehungen, an ein Leben voll Arbeit und Thatkraft wachgerufen hatten, nun aber den traurigen Eindruck von Menschen machten, die nicht an ihrem Platze sind und sich darum höchst unbehaglich fühlen.

Abgesehen von zwei oder drei Frauengestalten mit üppigen Schultern, auf welchen die Spitzengewänder versteinert zu sein scheinen, dem Marmorhaar, das mit einer solchen Zartheit wiedergegeben ist, daß man den Puder auf den Frisuren zu sehen glaubt, und abgesehen von einigen Kinderprofilen mit ihren einfachen Linien, bei welchen die Glätte des Steines wie ein feuchter Hauch des Lebens erscheint, bestanden die übrigen Statuen aus nichts als Runzeln, Falten, verzerrten Zügen und Grimassen, die Folge unsrer Ueberanstrengungen und unsrer Ruhelosigkeit, unsrer nervösen und fieberhaften Stimmungen, die mit der Skulptur, dieser Kunst der Ruhe und heiteren Schönheit, in schneidendem Widerspruche stehen.

Der Häßlichkeit des Nabob kam aber mindestens die Energie und der ihm eigentümliche Charakterzug des Abenteurers zu gute, und vor allem dieser Ausdruck von Gutmütigkeit, den die Künstlerin so gut wiederzugeben verstanden hatte; durch einen Ockerton hatte sie beinahe die sonnenverbrannte braune Färbung des Modells erreicht. Die Araber brachen, als sie die Büste sahen, in den halb unterdrückten Ausruf »Bou t.Saïd« (Vater des Glückes) aus. Denn dies war der Beiname des Nabob in Tunis, gleichsam die Etikette seiner Erfolge. Der Bey, in dem Glauben, daß man ihn habe mystifizieren wollen, indem man ihn vor die Büste des verabscheuten Mercanti führte, wechselte mit dem Beamten einen Blick des Mißtrauens.

»Jansoulet? . . .«fragte er mit seiner Kehlstimme.

»Ja, Hoheit, Bernard Jansoulet, der neue Abgeordnete von Korsika.«

Bei diesen Worten wandte sich der Bey mit gerunzelter Stirn zu dem hinter ihm stehenden Hemerlingue. »Ist er Abgeordneter?«

»Allerdings, Hoheit, seit heute morgen, aber noch ist nicht alles im reinen.«

Und der Bankier fügte mit lauterer, vor Aufregung stammelnder Sprache hinzu: »Nun und nimmer wird eine französische Kammer etwas von diesem Abenteurer wissen wollen.«

Aber gleichwohl, dem blinden Vertrauen des Bey in seinen Finanzbaron war ein Schlag versetzt worden. Derselbe hatte ihm so fest versichert, daß der andre nicht gewählt werden würde und daß man mit völliger Freiheit und ohne irgend welche Besorgnis gegen ihn zu Werke gehen könne. Und nun, an Stelle eines vernichteten, niedergeschmetterten Mannes trat ihm ein Vertreter der Nation entgegen, ein Abgeordneter, dessen Bild die Pariser zu bewundern sich beeiferten; denn in den Augen dieses Orientalen trug eine solche öffentliche Ausstellung etwas Ehrenvolles in sich, er erblickte darin die rühmliche Auszeichnung eines öffentlichen Denkmales. Hemerlingue, der noch gelber als sonst geworden war, klagte sich selbst der Ungeschicklichkeit und Unvorsichtigkeit an. Aber, wie hätte er auch hierauf gefaßt sein können? Man hatte ihm so bestimmt versichert, daß die Büste nicht fertig geworden sei. Und nun war sie doch da, schon am Eröffnungsmorgen, und schien sich ganz wohl zu fühlen, vor befriedigtem Ehrgeiz erschauernd und die Feinde mit dem Kinderlächeln auf den aufgeworfenen Lippen verhöhnend. Eine stumme und doch so beredte Revanche für die Niederlage von St. Romans.

Während einiger Minuten betrachtete der Bey das Steinbild ebenso kalt und teilnahmlos wie dieses, ohne auch nur ein Wort zu sagen, aber mit einer senkrechten Falte auf der Stirn, aus der seine Hofleute allein den Zorn herauszulesen verstanden; und dann nach einigen rasch hingeworfenen Worten in arabischer Sprache, mit denen er befahl, die Wagen vorfahren zu lassen und das zerstreute Gefolge zusammenzurufen, begab er sich gemessenen Schrittes nach dem Ausgange, ohne irgend etwas weiter ansehen zu wollen. . . . Wer vermöchte zu sagen, was in diesen, von der Macht blasierten Köpfen vorgeht? Schon unsre Fürsten des Westens haben unbegreifliche Wahnvorstellungen; aber diese sind mit den orientalischen Launen gar nicht zu vergleichen. Der Herr Inspektor der schönen Künste, der bestimmt darauf gerechnet hatte, die ganze Ausstellung Seiner Hoheit vorzuführen und bei diesem Spaziergange für sich das hübsche rot und grüne Band des Nicham-Iftikahr herauszuschlagen, hat niemals das Geheimnis dieser plötzlichen Flucht enträtselt.

In dem Augenblick, wo die weißen Haïks unter dem Portikus verschwanden, gerade noch zu rechter Zeit, um deren letzte Falten wahrzunehmen, trat der Nabob durch die Mittelthür ein. Am Morgen hatte er die Nachricht erhalten: »Mit erdrückender Majorität gewählt« und nach einem reichlichen Frühstück, bei welchem man kräftig auf den neuen Deputierten von Korsika getoastet hatte, kam er mit einigen Tischgenossen, um sich zu zeigen, um sich selbst zu sehen und um in seinem neuen Ruhme zu schwelgen.

Die erste Person, die er bei seiner Ankunft antraf, war Felicia Ruys, die, auf den Sockel einer Statue gestützt, mit Komplimenten und Huldigungen, denen er auch die seinigen hinzuzufügen sich beeilte, förmlich überschüttet wurde. Sie war einfach gekleidet, trug ein dunkles, gesticktes, mit schwarzen Perlen besetztes Kleid, deren schillernder Glanz im Verein mit dem entzückenden hellen Federhütchen, unter welchem ihr Haar in reichen Wellen herausquoll, den Ernst ihres Anzugs milderten.

Eine Menge von Künstlern und Personen der besten Gesellschaft machte sich eifrig mit diesem Talente zu schaffen, das mit so viel Schönheit gepaart war, und unter ihnen Jenkins, der mit entblößtem Haupt und von leidenschaftlichen Beteuerungen förmlich überströmend, von einem zum andern ging, den Enthusiasmus anfeuernd und den Kreis der Bewunderer dieser jugendlichen Berühmtheit erweiternd, zu deren Wächter und Koryphäe er sich gleichzeitig aufwarf.

Seine Frau unterhielt sich mittlerweile mit dem jungen Mädchen. Die arme Madame Jenkins! Ihr Mann hatte ihr in jenem brutalen Töne, den sie allein kannte, gesagt: »Du mußt Felicia begrüßen. . . .« Und sie hatte, ihre Aufregung nach Kräften bekämpfend, gehorcht, denn sie wußte nur zu gut, was sich hinter dieser angeblich väterlichen Zärtlichkeit verbarg, obwohl sie jeder Auseinandersetzung mit dem Doktor, als ob sie den Ausgang fürchtete, aus dem Wege ging.

Nach Madame Jenkins folgt der Nabob, der die feinbeschuhten beiden Hände der Künstlerin in seine großen Tatzen nimmt und ihr seine Dankbarkeit mit großer Herzlichkeit ausdrückt, die ihm selbst die Thränen in die Augen lockt.

»Sie haben mir eine große Ehre erwiesen, mein Fräulein, meinen Namen mit dem Ihrigen zu verbinden, meine geringe Person mit Ihrem Triumph in Beziehung zu setzen und diesem ganzen Geschmeiß, das über mich herzufallen im Begriff ist, zu zeigen, daß Sie den über mich verbreiteten Schmähungen keinen Glauben schenken. Wahrlich, das werde ich Ihnen nie vergessen! . . . Und wollte ich auch diese herrliche Büste mit Gold und Diamanten bedecken, ich würde nichtsdestoweniger Ihr Schuldner bleiben.«

Zum Glück für den Nabob, der mehr gefühlvoll als beredt ist, muß er alsbald andern Platz machen, die durch das glänzende Talent, die bewunderte Persönlichkeit angezogen werden; verzückte Enthusiasten, die keine Worte für ihre Gefühle finden und wieder verschwinden, wie sie gekommen sind, konventionelle Bewunderer, die den besten Willen haben, etwas Angenehmes, Verbindliches zu sagen, aber von denen jedes Wort wie ein kalter Wasserstrahl wirkt, und dann die Kollegen, die Rivalen mit ihren kräftigen Händedrücken, die teils offen und ehrlich gemeint sind, teils durch ihre Weichheit ein Gefühl des Unbehagens erwecken. Da ist unter andern ein großer anspruchsvoller Tölpel, dessen unsinnige Lobsprüche einen in den Himmel erheben sollen, der dieselben aber, damit man nicht zu sehr verwöhnt werde, mit »einigen kleinen Vorbehalten« begleitet, und da ist auch der, welcher, indem er einen Künstler mit Komplimenten überhäuft, ihm zugleich begreiflich macht, daß er nicht das ABC des Handwerks kennt, und da ist endlich dieser gute vielbeschäftigte Mensch, der sich nur so viel Zeit läßt, um einem ins Ohr zu raunen, daß »Herr Dingsda, der berühmte Kritiker, durchaus nicht befriedigt zu sein scheint«. Felicia, die durch ihren Erfolg über die Kleinlichkeiten des Neides hoch erhaben war, hörte alle diese Bemerkungen ruhig an und war ganz stolz, wenn ein berühmter Veteran, ein alter Kunstgenosse ihres Vaters ihr ein »sehr gut, Kleine!« zurief und sie dadurch in die Vergangenheit versetzte, in jene kleine Ecke, die für sie in dem väterlichen Atelier reserviert war, damals, als sie anfing, von dem Ruhme des großen Ruys ein kleines Stück für sich zu erwerben. Aber im ganzen ließen die Beglückwünschungen sie ziemlich kalt, weil ihr darunter eine fehlte, die ihr lieber war, als alle andern, und die sie zu ihrem Erstaunen noch nicht empfangen hatte. . . . Und wirklich, sie dachte öfter an ihn, als sie je an einen andern Mann gedacht hatte. War es wirklich die Liebe, die wahre Liebe, die so selten eine Künstlerseele ergreift, weil die außer stande ist, sich gänzlich dem Gefühl zu überantworten, oder war es nur ein einfacher Traum von einem biederen, spießbürgerlichen Leben, in welchem sie Schutz gegen die Langeweile erhoffte, diese Vorbotin der Stürme, die zu fürchten sie alle Ursache hatte?

Wie dem auch sein mag, sie war in einer Täuschung befangen und lebte seit einigen Tagen in diesem süßen Wahne, denn die Liebe ist ein so starkes, so schönes Gefühl, daß schon die Illusion derselben ebenso zu locken und in Aufregung zu versetzen vermag, wie die Liebe selbst.

Ist es dem Leser wohl einmal auf der Straße begegnet, daß ihm, in Gedanken an einen teuren Abwesenden versunken, die Begegnung mit diesem durch den zufälligen Anblick von Personen, die ihm entfernt ähnlich sehen, angekündigt worden ist, als bereite sich dessen Erscheinen vor und werfe seinen Schatten voraus, als trete aus der Menge sein Bild immer wieder der überreizten Aufmerksamkeit entgegen? Das sind nervöse und magnetische Einflüsse, über die man nicht leichthin spotten sollte, da sie für die Betreffenden eine Quelle des Leidens sind.

Schon hatte Felicia in dem auf und nieder flutenden und sich immer wieder erneuernden Strome von Besuchern mehrfach den Lockenkopf Paul von Gérys zu erkennen geglaubt, als sie plötzlich einen Freudenschrei ausstieß. Freilich war er es noch nicht, aber dennoch eine Person, die ihm sehr ähnlich sah, deren regelmäßige, ruhige Züge sich in ihren Gedanken immer mit den Zügen ihres Freundes vermischten, und zwar mehr infolge einer moralischen als körperlichen Ähnlichkeit und kraft der unmerklichen Herrschaft, welche beide über ihre Gedanken ausübten.

»Aline!«

»Felicia!«

Wenn auch die Freundschaft zweier Weltdamen, welche den Salon miteinander beherrschen und die sich gegenseitig mit den schmeichelhaftesten Beiwörtern und vielen kleinen Liebenswürdigkeiten weiblicher Zärtlichkeit überhäufen, stets problematisch ist, so bewahren doch die Freundschaften aus der Kinderzeit bei der Frau einen Freimut des gegenseitigen Verkehrs, der charakteristisch für sie ist und sie vor allen andern auszeichnet; diese kindlich aber dauerhaft geschürzten Bande gleichen den Handarbeiten der beiden Mädchen, bei denen eine ungeübte Hand den Faden und die großen Knoten geschürzt hat, oder den Pflanzen, die, in neues fruchtbares Erdreich gesetzt, alsbald kräftige Wurzeln schlagen und Schößlinge ansetzen. Und was ist das für ein Glück, Hand in Hand, wie bei den Spaziergängen im Pensionat, die Gedanken rückwärts schweifen zu lassen, mit derselben Kenntnis des Weges und der kleinen Zwischenfälle und mit derselben lächelnden Rührung! Ein klein wenig abseits tauschen die beiden jungen Mädchen, die sich nur von Angesicht zu Angesicht wiederzusehen brauchten, um fünf Jahre der Entfernung vergessen zu machen, in beschleunigtem Redeflusse ihre Erinnerungen aus, während der kleine Papa Joyeuse, dessen rötlicher Kopf in einer neuen Halsbinde steckt, sich stolz bei dem Gedanken erhoben fühlt, seine Tochter durch eine berühmte Persönlichkeit in solcher Weise bewillkommnet zu sehen. Allerdings hat er Ursache stolz zu sein, denn diese kleine Pariserin behauptet selbst neben ihrer in Anmut, Jugend und Unschuld erstrahlenden jungen Freundin ihren Platz.

»Wie mußt du aber glücklich sein! . . . Ich habe zwar noch nichts gesehen, aber alle Welt sagt, es sei so schön. . .«

»Ach, ich bin so glücklich, dich wiederzusehen, meine kleine Aline. . . . Es ist so lange Zeit verflossen . . .«

»Ja freilich, du kleiner Bösewicht, aber wer trägt die Schuld? . . .«

Und in einem trostlosen Winkel ihres Gedächtnisses findet Felicia den Zeitpunkt des Abbruches der Beziehungen wieder, ein Zeitpunkt, der für sie auf denselben Tag fällt, an welchem ihre Kindheit in einem unvergeßlichen Auftritte erstorben ist.

»Und was hast du in all dieser Zeit gethan, mein Liebling?«

»Ich, nun immer dasselbe . . . nichts, was der Rede wert wäre. . . .«

»Ja freilich, man weiß wohl, was du nichtsthun nennst, du kleine Unermüdliche. . . . Das heißt, dich für andre aufopfern, ist es nicht so?«

Aber Aline hörte schon nicht mehr. Sie lächelte freundlich jemand zu, und als Felicia sich umschaute, um zu sehen, wem dieses Lächeln gelte, bemerkte sie Paul von Gérn, der das heimliche und zärtliche Willkommen des Fräulein Joyeuse erwiderte.

»Ihr kennt euch also!«

»Ob ich Herrn Paul kenne! . . . Das will ich glauben. Wir plaudern oft von dir. Hat er dir nie davon erzählt?«

»Nein, nie. . . . Er ist ein abscheulicher Duckmäuser.«

Sie hielt plötzlich inne, wie von einem Blitzstrahl getroffen, und ohne auf Géry zu achten, welcher sich ihr genähert hatte, um ihr seine Glückwünsche darzubringen, beugte sie sich zu Aline herab und sprach ganz leise mit ihr. Diese errötete und suchte mit lächelnder Miene abzuwehren, indem sie mit halblauter Stimme sagte: »Wie kannst du nur daran denken? In meinem Alter. . . . Ich, das Großmütterchen! . . .« Und schließlich ergriff sie den Arm ihres Vaters, um einer freundschaftlichen Neckerei zu entgehen.

Als Felicia die beiden jungen Leute sich entfernen sah, als sie inne geworden war, – was sie selbst noch nicht einmal wußten – daß sie einander liebten, da war es ihr, als ob rings um sie alles einstürze. Und nun, da ihr Traum in tausend Scherben am Boden lag, machte sie sich in voller Wut daran, ihn zu zerstampfen. . . . Im Grunde habe er doch recht gehabt, die kleine Aline ihr vorzuziehen. Werde ein rechtschaffener Mann es auch nur wagen, Fräulein Ruys zu heiraten? Sie, einen häuslichen Herd, eine Familie, das wäre gar schön! . . . Du bist die Tochter einer Dirne, meine Liebe; und du mußt leichtsinnig sein, wenn du überhaupt etwas vorstellen willst. . . . Der Tag neigte sich zu Ende. Die Menge der Besucher, die ihre Schaulust befriedigt hatte, aber gleichwohl durch diese mit künstlerischer Elektrizität geschwängerte Atmosphäre angeregt war, und welche schon hier und da Lücken zeigte, begann nach einigen längeren Stockungen bei den Glanzstücken den Ausgängen zuzuströmen. Ein glänzender Strahl der Nachmittagssonne traf die farbige Glasrosette und warf schimmernde Regenbogenfarben auf die Sandwege, die sich der Bronze oder dem Marmor der Statuen mitteilten und die nackten Formen eines schönen Körpers im Lichte erglänzen und dem weitläufigen Museum fast das glanzvolle Leben eines Gartens zu teil werden ließen. Felicia, ganz in ihr tiefes und trauriges Nachdenken versenkt, bemerkte kaum eine elegante, fascinierende Persönlichkeit, die aus der ehrerbietig zurücktretenden Menge, die den Namen »Mora« flüsterte, auf sie zukam.

»Nun wohl, mein Fräulein, das nenne ich einen schönen Erfolg. Ich bedaure dabei nur eins, und das ist das häßliche Symbol, das sich in Ihrem Meisterstück verbirgt.«

Beim Anblick des Herzogs erbebte Felicia.

»Ach ja, das Symbol,« sagte sie mit einem mutlosen Lächeln, und indem sie sich auf den Sockel einer neben ihr befindlichen großen, üppigen Statue stützte, welche eine Frau mit hingebend geschlossenen Augen darstellte, murmelte sie ganz leise: »Rabelais hat gelogen, wie es alle Männer thun. . . . Die Wahrheit ist, daß der Fuchs keinen Widerstand mehr zu leisten vermag, daß er mit seinem Atem ebenso wie mit seinem Mut zu Ende und nahe daran ist, in die Grube zu stürzen, und daß, wenn der Windhund nicht nachläßt  . . .« Mora erbebte, wurde ein wenig bleicher, weil ihm das wenige Blut, das er besaß, zum Herzen zurückströmte. Zwei dunkle Augen begegneten sich, zwei rasche Worte wurden halblaut gewechselt, und darauf verbeugte sich der Herzog ehrerbietig und entfernte sich mit einem so leichten und flüchtigen Schritte, als würde er von Göttern getragen.

In diesem Augenblicke war nur noch ein Mensch so glücklich wie er, und das war der Nabob. Von seinen Freunden umringt, nahm er das große Mittelschiff der Halle fast allein für sich in Anspruch, indem er laut sprach und gestikulierte und in solchem Grade verklärt war, daß er sogar fast schön erschien, gerade als ob von dem fortwährenden und naiven Anschauen seiner Büste ein klein wenig dieser wunderbaren Idealisierung sich ihm mitgeteilt hätte, durch welche die Künstlerin die Gewöhnlichkeit seines Gesichtsausdruckes zu verwischen gewußt hatte. Das nach oben gerichtete Gesicht, das sich frei aus dem geöffneten Kragen erhob, gab den Vorübergehenden zu den widersprechendsten Urteilen über die Aehnlichkeit Veranlassung, und der Name Jansoulet, der an den Wahlurnen so häufig genannt worden war, war nun stets im Munde der reizenden Pariserinnen, deren Stimme alle andern übertönt. Jeder andre als der Nabob würde sich durch diese oft nichts weniger als sympathischen Ausrufe peinlich berührt gefühlt haben. Aber die Schaubühne und die Marktbude waren gerade die geeigneten Orte für seine Natur, die unter dem Kreuzfeuer der Blicke Selbstvertrauen und Sicherheit gewann, wie gewisse Frauen, die nur in Gesellschaft schön und geistreich sind, und die sich beim geringsten Zeichen von Bewunderung verwandeln und vervollkommnen.

Wenn dieser Freudentaumel sich in ihm legen wollte, so brauchte er sich nur zu sagen: »Abgeordneter! . . . Ich bin Abgeordneter!« und der Freudenkelch schäumte von neuem über. Das war so viel als die Aufhebung der Beschlagnahme seiner Güter, das Erwachen von einem Alpdruck, der seit zwei Monaten auf ihm lastete; das war der Sturmwind, der alle seine Beängstigungen und Sorgen, selbst bis zu diesem Schimpf von St. Romans, so schwer derselbe auch in seinem Gedächtnisse lastete, auf einmal hinwegfegte.

Abgeordneter!

Er lachte bei dem Gedanken an die Miene, die der Baron bei dieser Nachricht zeigen würde, an das Entsetzen des Beys bei dem Anblicke seiner Büste. Und bei der Vorstellung, daß er ferner nicht mehr ein bloß mit Gold gespickter Abenteurer sei, der, wie etwa ein Goldklumpen in dem Schaufenster eines Geldwechslers, die Bewunderung der einfältigen Menge erregt, sondern daß man in ihm einen Erwählten des Nationalwillens zu respektieren habe, erstarrte sein sonst gutmütiges und bewegliches Gesicht in gesuchter Würde, er erwog in Gedanken Zukunftsprojekte und Reformen, von dem Wunsche beseelt, die Lehren sich zu nutze zu machen, welche ihm das Schicksal in der letzten Zeit erteilt hatte. Schon zeigte er, in Erinnerung an das Versprechen, das er Géry gegeben hatte, gegenüber der ausgehungerten Herde, die sich an seine Fersen geheftet hatte, eine gewisse verächtliche Kälte, eine keinen Widerspruch duldende Autorität. Er nannte den Marquis von Bois-Landry »mein Guter«, gebot dem Gouverneur, dessen Enthusiasmus geradezu Anstoß erregend war, kurzerhand Schweigen und gelobte, sich sobald als möglich dieser ihn bloßstellenden Hungerleiderschar zu entledigen. Moëssard, der schöne Moëssard, mit seinem feinen enganliegenden Rocke, durchbrach die Menge, als er sah, daß der Nabob, nachdem er wohl zwanzigmal die Runde durch die Skulptur-Ausstellung gemacht, sich nach dem Ausgange wendete, und den Arm des Nabob in den seinigen legend, rief er: »Sie wollten mich ja mitnehmen. . . .«

In der letzten Zeit, namentlich seit der Wahlbewegung, hatte er sich in dem Hause des Nabob eine Autorität angemaßt, die nahezu der Monpavons gleichkam und nur noch unverschämter war, denn was Unverschämtheit anlangt, suchte der Liebhaber einer Königin seinesgleichen in Paris. Dieses Mal kam er aber an den Unrechten. Der kräftige Arm, den er ergriffen hatte, entwand sich ihm, und in trockenem Ton erwiderte ihm der Nabob: »Ich bedaure sehr, mein Lieber, Ihnen keinen Platz anbieten zu können.«

Keinen Platz in einer Karosse, so groß wie ein Haus, und in der sie zu fünf angekommen waren.

Moëssard sah ihn erstaunt an.

»Ich hätte Ihnen aber rasch ein paar Worte zu sagen. . . . In betreff meines Billets. . . . Sie haben dasselbe doch erhalten?«

»Allerdings und Herr von Géry wird Ihnen unzweifelhaft heute morgen schon geantwortet haben. . . . Was Sie verlangen, ist unmöglich. Zwanzigtausend Franken! . . . Donnerwetter, wo denken Sie hin!«

»Ich dächte doch, daß meine Dienste . . .« stammelte der Geck.

»Die sind Ihnen, scheint mir denn doch, reichlich bezahlt worden. Zweimalhunderttausend Franken in fünf Monaten! Wenn es Ihnen recht ist, hat es dabei sein Bewenden. Sie haben sehr lange Zähne, junger Mann, man muß sie Ihnen etwas abfeilen.«

Diese Worte wurden im Gehen gewechselt, während die Menge ihnen aus den Ausgängen nachdrängte. Moëssard stand still.

»Ist das Ihr letztes Wort?«

Der Nabob besann sich einige Sekunden, gegenüber diesem bösen und fahlen Munde von einer Vorahnung geängstigt, alsbald erinnerte er sich jedoch des Versprechens, das er seinem Freunde gegeben hatte.

»Es ist mein letztes Wort.«

»Nun wohl, mir werden ja sehen,« erwiderte der schöne Moëssard, dessen Stöckchen die Luft mit einem Geräusch wie das Zischen einer Schlange durchschnitt, und sich umwendend, entfernte er sich wie jemand, der bei einem dringenden Geschäfte erwartet wird.

Jansoulet setzte seinen Triumphzug fort. Heute hätte es noch weit mehr bedurft, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, im Gegenteil fühlte er sich durch diese so schleunig ins Werk gesetzte Exekution höchlich befriedigt.

Das weite Vestibül war von einer gedrängten Menge überfüllt, die bei dem herannahenden Schluß der Ausstellung nach außen drängte, die aber durch einen von diesen plötzlichen Platzregen, die notwendig zu der Eröffnung von solchen Ausstellungen zu gehören scheinen, unter dem Portikus auf dem mit Sand bestreuten festgestampften Boden zurückgehalten wurde. Draußen Sonnenblitze zwischen den Regengüssen, das junge Grün der Champs Elysées, die Rhododendrongruppen im Glanz der Regentropfen schimmernd. Die Wagen auf der Straße sind in einer Reihe aufgestellt, die blanken Mäntel der Kutscher und das reiche Geschirr der Pferde gewinnen durch den Regen und die Sonnenstrahlen noch an Glanz und spiegeln eine Bläue wieder, die Bläue des Himmels, der sich eben zu einem Lächeln zwischen zwei Regengüssen anschickt.

Drinnen Lachen, Geplauder, Begrüßungen, Ungeduld, hochgeschürzte Röcke, seidene Kleider über den zierlichen Falten der Unterröcke und den zartgestreiften seidenen Strümpfen, Fransen, Spitzen und Volants, die mit einer Hand zusammengerafft und auf immer verdorben sind, und dann Diener, unter Regenschirmen einherlaufend, die Namen der Kutscher rufend, und Equipagen, in welche sich hastige Paare flüchten.

»Der Wagen des Herrn Jansoulet!«

Alles sah sich um, aber das genierte den Nabob bekanntlich wenig. Und während inmitten dieser schönen Damen, dieser berühmten Persönlichkeiten und dieses mannigfaltigen Paris, das sich dort befand und sich auch fast durchweg gegenseitig kannte, der gute Nabob ein wenig affektiert that, indem er seinen Wagen erwartete, streckte sich eine zarte und fein beschuhte Hand ihm entgegen und der Herzog warf ihm im Vorbeigehen, auf dem Wege zu seinem Wagen, mit der Vertraulichkeit, welche das Glück auch dem Zurückhaltendsten einflößt, die Worte zu: »Besten Glückwunsch, mein lieber Abgeordneter!« Diese Worte wurden laut gesprochen und ein jeder konnte hören: »Mein lieber Abgeordneter.«

Es gibt in dem Leben jedes Menschen eine Glücksstunde, einen leuchtenden Gipfelpunkt, wo ihn alles erwartet, was ihm an Glück, Freude und Triumphen beschieden ist. Der Gipfel ist mehr oder weniger hoch, mehr oder weniger steil und schwierig zu erklimmen, aber er ist für alle gleichmäßig vorhanden, für die Kleinen und Großen. Nur ist es wie bei dem längsten Tage im Jahre, an welchem die Sonne ihre ganze Kraft einsetzt, während der darauffolgende Tag schon wie der erste Schritt zum Winter erscheint. Dieser Höhepunkt der menschlichen Existenz kann nur einen Augenblick genossen werden; dann geht es unfehlbar wieder abwärts. Dieser Spätnachmittag des 1. Mai, der zwischen Regen und Sonne geteilt war, an ihn magst du denken, armer Mann, den wechselnden Glanz dieses Tages magst du für immer im Gedächtnis behalten. Das war die Stunde deines Hochsommers mit seinem reichen Blumenflor, wo die Zweige sich unter den goldnen Früchten biegen, die Zeit der reifen Garben, deren Aehren du so leichtfertigerweise ausstreutest. Jetzt wird der Stern erbleichen, allmählich weiter sinken und bald nicht mehr im stande sein, die düstere Nacht zu durchdringen, in welcher dein Geschick sich vollziehen wird.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.