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Der Nabob. Band 2

Alphonse Daudet: Der Nabob. Band 2 - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleDer Nabob. Band 2
publisherVerlag J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 21
year1888
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060924
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Dreizehntes Kapitel.

Ein toller Tag.

Es ist fünf Uhr nachmittags. Seit dem frühen Morgen regnete es, ein grauer und niedriger Himmel, den man mit dem Regenschirm berühren zu können glaubte, hing über der Stadt. Kot, Schmutz und wiederum Schmutz in großen Haufen und in glänzenden Streifen am Rande der Trottoirs. Vergeblich von den Fegemaschinen und von den Straßenkehrerinnen zusammengekehrt und auf große Karren geworfen, die ihn gemessenen Schrittes nach Montreuil bringen und im Triumph durch die Straßen spazieren führen, bleibt der Schmutz stets wieder und wieder aufgerührt und sich von selbst erneuernd zwischen den Steinen liegen, bespritzt die Wagenfenster, das Geschirr der Pferde, die Kleider der Leute, befleckt die Ladenfenster, die Thürschwellen, die Sockel der Häuser, so daß man fürchten möchte, ganz Paris müsse unter diesem Unflat eines schlammigen Erdreiches, in welchem alles erweicht und ineinander läuft, verschwinden und untergehen. Und es ist in der That zum Erbarmen, anzusehen, wie dieser Schmutz die neuen weißen Häuser, die Rampen der Quais und die Säulen der steinernen Balkons mit seiner Kruste überzieht. Ein Wesen erfreut sich aber allerdings dieses Schauspieles, ein armes blasiertes und krankhaftes Geschöpf, das der Länge nach auf dem gestickten Seidenüberzuge eines Diwans hingegossen, den Kopf in seine Hände gestützt, ganz glücklich durch die vom Regen triefenden Fensterscheiben blickt und sich an allen diesen Widerwärtigkeiten ergötzt.

»Schau einmal, meine liebe Fee, das ist genau das Wetter, wie es mir heute zusagt. . . . Sieh, wie sie in den Pfützen herumwaten. . . . Wie sehen sie abscheulich aus und wie schmutzig sind sie! . . . Welch ein Kot! Ueberall, auf den Straßen, auf den Quais, selbst bis in die Seine, ja sogar bis in den Himmel. . . . Ach, thut dieser Schmutz doch gut, wenn man traurig ist. . . . Wie möchte ich gern darin herumkneten, eine Statue daraus machen, etwa hundert Fuß hoch, die ich ›Meine Langeweile‹ taufen würde.«

»Aber warum langweilst du dich, meine Liebe?« sagte die alte Tänzerin, rosig und liebenswürdig in ihrem Stuhle sitzend und sich kerzengerade haltend, nur um ihre heute noch mit mehr als gewöhnlicher Sorgfalt geordnete Frisur zu schonen, »hast du nicht alles, was man braucht, um glücklich zu sein?«

Und mit ihrer gemessenen Betonung begann sie zum hundertstenmal, dem jungen Mädchen all ihren Anlaß zum Glücklichsein aufzuzählen, ihren Ruhm, ihre Schönheit, die Huldigung von seiten der schönsten und einflußreichsten Herren; ja, allerdings der einflußreichsten, denn gerade heute. . . . Aber ein schauerliches Geheul, der herzzerreißende Klageruf eines durch die Eintönigkeit seiner Vereinsamung gereizten Schakals läßt plötzlich alle Fenster des Ateliers erzittern und veranlaßt die erschreckte altertümliche Seidenraupe, sich schleunigst in ihren Cocon zurückzuziehen.

Acht Tage waren vergangen, seit die von Felicia gefertigte Gruppe vollendet und zur Ausstellung abgesandt war, und nichtsdestoweniger befand die Künstlerin sich in demselben Zustande der Niedergeschlagenheit, des Mißmutes und einer entsetzlichen Gereiztheit. Die Fee bedarf ihrer ganzen unerschöpflichen Geduld, der Zauberkraft ihrer bei jeder Gelegenheit wachgerufenen Erinnerungen, gegenüber dieser Unruhe, diesem giftigen Zorne, dessen fernes Grollen man schon vernimmt und der bei irgend einer Gelegenheit mit einem bittren Worte, in einem Ausruf des Ekels das Schweigen des jungen Mädchens durchbricht. . . . Die von ihr gefertigte Gruppe ist abscheulich – kein Mensch wird davon Aufhebens machen. . . . Die Kritiker sind insgesamt Esel. . . . Das Publikum? Was ist es weiter als ein Kropf mit einem dreifachen Kinn. . . . Und dennoch, als am vergangenen Sonntage der Herzog von Mora mit dem Oberintendanten der schönen Künste sie besuchte, um die Ausstellung in ihrem Atelier zu sehen, war sie so glücklich, so stolz auf die ihr gespendeten Lobeserhebungen gewesen, so ganz und gar von ihrem eignen Werke hingerissen, das sie wie die Schöpfung eines andern aus der Ferne bewunderte, jetzt, wo der Meißel nicht mehr jenes Band zwischen ihr und ihrem Werke bildete, das dem unparteiischen Urteil des Künstlers so hinderlich ist.

Aber so ist es jedes Jahr. Sobald das jüngste Werk ihrer Hände das Atelier verlassen hat und ihr berühmter Name von neuem der Spielball der unberechenbaren Laune des Publikums geworden ist, irren Felicias Gedanken, die sich nunmehr auf keinen greifbaren Gegenstand richten, in der trostlosen Oede des eignen Herzens, der Existenz einer aus ihrem bescheidenen Wirkungskreise herausgetretenen Frau so lange umher, bis eine neue Arbeit sie aus ihrem Grübeln aufrüttelt. Sie schließt sich ein, will niemand sehen, man möchte glauben, daß ihr vor ihr selbst bange ist. Nur der brave Jenkins vermag in solchen Krisen bei ihr auszuhalten, ja, es hat fast den Anschein, als ob sie ihm willkommen seien, weil er für sich daraus einen Vorteil zu ziehen hofft. Und doch, der Himmel weiß es, sie ist nichts weniger als liebenswürdig gegen ihn. Erst gestern hat er zwei Stunden mit dieser schönen Gelangweilten ausgehalten, obgleich sie nicht ein einziges Wort mit ihm zu wechseln für gut befand.

Wenn das der Empfang ist, den sie für die hohe Persönlichkeit in Bereitschaft hat, die heute den beiden Damen die Ehre anthun will, bei ihnen zu speisen. . . .

Bei diesen Gedanken, denen die gute Cremnitz, in den Anblick ihrer zierlichen Schuhe versunken, nachhängt, erinnert sie sich plötzlich, daß sie zu Ehren der hohen Persönlichkeit eine Wiener Mehlspeise zum Diner zu bereiten versprochen hat, und schlüpft deshalb leise auf den Fußspitzen aus dem Atelier.

Mittlerweile prasselt der Regen nach wie vor nieder und immer noch liegt die schöne Sphinx auf ihrem Diwan, den Blick auf den undurchdringlichen Himmel gerichtet. Woran mag sie denken? Was mag sie auf diesen von Schmutz starrenden Wegen im Zwielicht der Dämmerung nahen sehen, mit dieser Falte auf der Stirn und diesen Lippen, auf denen der Ueberdruß sichtlich lagert? Ist es ihr Schicksal, das sie kommen sieht? Wahrlich, ein trostloses Schicksal, das bei einem solchen Wetter, unbekümmert um Düster und Schmutz, sich naht. . . .

Aber horch, es tritt jemand in das Atelier, ein schwererer Tritt, als der sanfte Schritt Konstanzes. Vermutlich der Diener. Und Felicia ruft in nichts weniger als freundlichem Tone, ohne sich einmal umzusehen: »Mach, daß du fortkommst . . . ich bin für niemand zu Hause. . . .«

»Und doch hätte ich gern mit Ihnen geplaudert,« antwortete ihr eine wohlbekannte Stimme.

Felicia erbebt, richtet sich empor und mit liebenswürdiger, fast lächelnder Miene erwidert sie dem unerwarteten Besucher: »Was, sind Sie es, junge Minerva, wie in aller Welt sind Sie denn hereingekommen?«

»Sehr einfach, alle Thüren stehen offen.«

»Nun, das nimmt mich nicht wunder. Konstanze ist wegen ihres Diners seit heute morgen rein toll.«

»Ja, allerdings, ich habe schon bemerkt, das Vorzimmer ist voll von Blumen. Sie haben? . . .«

»Ach, ein albernes Diner, ein offizielles Diner. Ich begreife selbst nicht, wie ich dazu gekommen bin. . . . Setzen Sie sich doch her zu mir, ich freue mich sehr, Sie zu sehen.«

Paul setzt sich etwas verwirrt. Das junge Mädchen ist ihm nie so schön erschienen.

In dem Helldunkel des Ateliers, inmitten des unbestimmten Wiederscheins der Kunstgegenstände, der Bronzestatuen und Stickereien verbreitet ihre Blässe ein sanftes Licht und strahlen ihre Augen einen Glanz aus, wie von einem kostbaren Edelstein und ihr langes, enganschließendes Kleid zeichnet die Umrisse ihrer Göttergestalt. Und nun redet sie mit ihm in einem so herzlichen Tone und scheint so glücklich über diesen Besuch. Warum er so lange Zeit ihr fern geblieben sei? Fast ein Monat sei vergangen, seit er sich nicht habe sehen lassen. Ob sie denn nicht mehr gute Freunde seien? Paul rechtfertigt sich, so gut er es vermag, mit seinen Geschäften und der unternommenen Reise. Uebrigens, wenn er sie auch nicht besucht habe, so habe er doch oft, ja täglich von ihr gesprochen.

»Wirklich, und mit wem denn?«

»Mit . . .«

Er wollte schon erwidern: mit Aline Joyeuse . . . aber eine Art Verlegenheit, ein Gefühl, von dem er sich selbst kaum Rechenschaft zu geben vermag, eine Art sittlichen Bedenkens, einen solchen Namen in diesem Atelier auszusprechen, das so manche ganz andre Namen gehört hat, läßt ihn stocken. Es gibt ja Dinge, die nicht miteinander harmonieren, ohne daß man recht weiß, warum. Lieber noch nimmt Paul zu einer Unwahrheit seine Zuflucht, die ihn gleichzeitig auf den Zweck seines Besuches führt.

»Mit einem ausgezeichneten Manne, dem Sie eine in der That recht unnötige Sorge bereitet haben . . . – denn offen gesprochen, warum haben Sie die Büste des armen Nabob nicht vollendet? . . . Seine Büste in der Ausstellung wäre für ihn ein großes Glück, ein wahrer Stolz gewesen. Und er hatte so sicher darauf gerechnet.«

Bei dem Namen des Nabob wurde das junge Mädchen etwas verlegen.

»Allerdings,« sagte sie, »ich habe mein Wort nicht eingelöst. . . . Aber, was wollen Sie? Ich bin aus Launen zusammengesetzt, wahrhaftig. . . . Ich beabsichtige aber wirklich, die Arbeit in diesen Tagen wieder aufzunehmen. Sehen Sie selbst, ich habe ein Stück Linnen darübergelegt, ganz naß, damit der Thon nicht austrocknet.«

»Und der Unfall? . . . Sie wissen ganz gut, daß wir niemals an einen solchen geglaubt haben. . . .«

»Das ist unrecht von Ihnen . . . ich lüge niemals. Ein Sturz, eine böse Beschädigung. . . . Zum Glück aber war der Thon noch frisch, so daß ich den Schaden leicht habe ausbessern können. Sehen Sie einmal her!« Bei diesen Worten nahm sie mit einer raschen Bewegung das Linnen hinweg, und der Nabob mit seinem gutmütigen Antlitz, das ganz glücklich darüber schien, abkonterfeit zu sein, stand vor ihnen, und zwar so ähnlich und natürlich, daß Paul einen Ausruf der Bewunderung nicht unterdrücken konnte.

»Nun, ist er nicht recht gut geraten?« sagte sie ganz naiv. »Hier und da noch einige kleine Retouchen« (bei diesen Worten hatte sie das Bossierholz und einen kleinen Schwamm ergriffen und die Büste in das spärliche Licht gerückt). »In wenigen Stunden ließe sich das Werk vollenden, aber zur Ausstellung wird es doch nicht mehr kommen können. Heute haben wir schon den 22. und die Ablieferung hätte daher schon längst erfolgen müssen.«

»Bah, wenn man hohe Gönner hat. . . .«

Felicia runzelte die Stirn, und ein böser Zug zuckte um ihren Mund.

»Ja so, das ist wahr. Als Schützling des Herzogs von Mora, . . . Sie brauchen sich nicht zu verteidigen. Ich weiß sehr gut, was man sich erzählt, und ich kümmere mich keinen, Pfifferling darum, nicht so viel. . . .« (Sie warf eine Thonkugel gegen die Wand.) »Wer weiß, vielleicht veranlaßt mich gerade die Vermutung eines in Wirklichkeit nicht bestehenden Verhältnisses, . . . Aber lassen mir diese elenden Verdächtigungen,« sagte sie, ihren kleinen aristokratischen Kopf zurückwerfend. . . . »Mir liegt nun einmal daran, Ihnen, Minerva, zu Gefallen zu sein. . . . Und daher wird Ihr Freund noch in diesem Jahre auf der Ausstellung erscheinen.«

In diesem Augenblicke durchdrang ein Geruch von gebranntem Zucker und von heißem Butterteige das Atelier, das nur noch von dem letzten Zwielicht beleuchtet wurde, und, eine Schüssel mit Apfelkrapfen in der Hand, erschien die Fee, gleich einer wirklichen Fee geschmückt und jugendlich, in einem weißen Kleide, durch dessen gelbliche Spitzenärmel man die schönen Arme einer alten Frau sah, diese Schönheit die am längsten der Zeit Trotz bietet.

»Sieh doch, mein Liebling, ob meine Krapfen dieses Mal geraten sind? . . . Ach! Ich bitte um Entschuldigung, ich hatte gar nicht bemerkt, daß Besuch da ist. . . . Aber, nicht wahr, das ist ja Herr Paul. . . . Geht es Ihnen gut, Herr Paul? Kosten Sie doch mein Gebäck, . . .« Und die gute Alte, die in ihrem heutigen Paradeanzug noch an Lebhaftigkeit gewonnen zu haben schien, näherte sich tänzelnd, die Schlüssel auf ihren zierlichen Fingern balancierend.

»Laß das einstweilen noch,« versetzte Felicia in großer Ruhe. . . . »Du kannst Herrn Paul ja bei Tische davon anbieten.«

»Bei Tische?«

Die Tänzerin war so verblüfft, daß sie fast ihre Krapfen hätte fallen lassen, die so schön aufgegangen, leicht und vorzüglich waren, wie sie selbst.

»Ja, allerdings, ich werde Herrn Paul zu Tische bei uns behalten. . . . Ach, ich bitte Sie,« fügte sie mit besondrer Eindringlichkeit hinzu, als sie eine ablehnende Gebärde bei dem jungen Manne wahrnahm, »das dürfen Sie mir nicht abschlagen. . . . Sie leisten mir einen wahren Dienst, wenn Sie heute abend bleiben. . . . Ich habe mich doch eben auch nicht bedacht, ich . . .« Sie hatte seine Hand ergriffen, und in der That, es machte sich ein eigentümliches Mißverhältnis zwischen ihrer Bitte und dem flehenden, fast ängstlichen Tone bemerkbar, mit dem diese Bitte vorgebracht wurde. Paul suchte nach Ausflüchten. Er sei nicht entsprechend gekleidet. . . . Wie sie ihm dies zumuten könne? . . . Ein Diner, bei dem sie Gesellschaft erwarte. . . .

»Ach was, mein Diner! . . . Das bestelle ich einfach ab. . . . Das ist so meine Art. . . . Wir werden mit Konstanze ganz unter uns sein.«

»Aber, Felicia, mein Kind, du kannst doch nicht in Wirklichkeit daran denken wollen? Und der . . . der andre Herr, der jeden Augenblick kommen kann.«

»Nun, ich schreibe ihm ganz einfach, er möge zu Hause bleiben.«

»Aber, bedenke doch, es ist ja schon zu spät. . . .«

»Keineswegs. Es ist jetzt sechs Uhr. Das Diner sollte um siebeneinhalb Uhr stattfinden. Schicke ihm nur rasch das hier.«

Und sie schrieb in der Eile an der Tischecke einige Zeilen.

»Was für ein Mädchen, mein Gott, mein Gott!« murmelte die Tänzerin verzweifelt, während Felicia ganz wie verwandelt mit dem glücklichsten Lächeln ihren Brief beendete.

»Da, die Entschuldigung ist fertig . . . die Migräne wurde nicht umsonst erfunden. . . .« Und als der Brief fort war, setzte sie erleichtert hinzu: »Ach, wie ich mich freue: was für einen hübschen Abend wir verleben werden! Küsse mich doch, Konstanze. . . . Das soll uns nicht abhalten, deinen Krapfen alle Ehre anzuthun, und dann sehen wir dich in einer reizenden Toilette, in der du jünger aussiehst, als ich.«

Das war mehr als genügend, um die Tänzerin mit der neuen Laune ihres geliebten Dämons auszusöhnen, und sie zur Mitschuldigen an dem Majestätsverbrechen zu machen. So rücksichtslos mit einer solchen Persönlichkeit umzuspringen! Das war auf der ganzen Welt nur ihr möglich, aber auch nur ihr. – Was Paul von Géry betrifft, so machte er keinen Versuch mehr, ihr zu widerstreben: er sah sich von neuem in das Netz verstrickt, aus dem er sich bereits durch sein Fernbleiben befreit gewähnt, das aber, seit er die Schwelle des Ateliers überschritten, seinen Willen gefangen hielt und ihn wehrlos und besiegt dem Gefühl preisgab, das zu bekämpfen er so fest entschlossen gewesen.

Offenbar war das Diner – ein wahrhaft lukullisches Mahl, das bis in die kleinsten Details von der Oesterreicherin überwacht worden – für einen Gast von hohem Stande bestimmt gewesen. Von dem großen siebenarmigen Leuchter aus geschnitztem Holze, der über die gestickte Tischdecke seinen Glanz ausgoß, bis zu den langhalsigen Caraffons, welche den Wein in ebenso geschmackvolle als bizarre Formen zwangen, von dem kostbaren Service bis zu der ausgezeichneten Zubereitung der durch einen leisen Beigeschmack von Fremdartigkeit besonders pikant schmeckenden Gerichte, ließ alles die hohe Stellung des erwarteten Gastes und die eifrige Sorge ahnen, ihm zu Gefallen zu sein. Die Künstlerwirtschaft ließ sich freilich nicht verkennen. Wenig Silberzeug, aber vorzügliches Porzellan, ein buntes Allerlei, ohne jede Gleichartigkeit. Altes Porzellan von Rouen, rosarotes Sèvres, holländische Krystallgefäße mit altertümlichem Zinnbeschlage, alles stand auf diesem Tische bunt durcheinander, wie in einer Raritätensammlung, die ein Liebhaber, der Laune seines Geschmackes folgend, zusammengehäuft hat. In diesem Hausstande, der so durch Zufall und Gelegenheitskäufe zusammengetragen war, herrschte in der That keine geringe Unordnung. Das wunderbar schön geformte Oelflacon hatte keinen Stöpsel, das geborstene Salzfaß verschüttete seinen Inhalt auf die Tischdecke und in jedem Augenblicke wurden Ausrufe laut: »Aber, was in aller Welt, ist aus unsrem Senftopfe geworden? . . . Was ist denn mit dieser Gabel passiert?« Géry waren solche Ausrufe seiner jungen Wirtin wegen etwas peinlich, diese schien sich aber nicht das mindeste daraus zu machen.

Aber was in weit höherem Grade Pauls Gedanken beschäftigte, das war das drückende Bewußtsein, daß er an dieser Tafel die Stelle eines hervorragenden Gastes einnahm, den man gleichzeitig mit einem solchen ehrerbietigen Glanze und einer so unglaublichen Gleichgültigkeit bedachte. Unwillkürlich hatte er stets diesen abbestellten Tischgenossen vor Augen, der für seine persönliche Würde etwas Verletzendes hatte. Mochte er sich auch noch so sehr bemühen, ihn sich aus dem Sinne zu schlagen, so erinnerte ihn doch alles daran, bis zur Toilette der ihm gegenüber sitzenden guten Fee, welche die Haltung der großen Welt, die sie eigens für diese feierliche Angelegenheit angenommen hatte, noch immer bewahrte. Dieser Gedanke beunruhigte ihn und trübte ihm die Freude an dem Beisammensein. Dafür war Felicia, wie ja bei Duetten selten Gleichklang herrscht, so zuthunlich und so aufgeräumt, wie er sie noch nie gesehen. Sie war von einer übersprudelnden, fast kindischen Fröhlichkeit, von einer Gefühlswärme, wie sie uns nach bestandener Gefahr zu überkommen pflegt, wie sie der aus einem Schiffbruche Gerettete am freundlichen, flackernden Kaminfeuer empfindet. Sie lachte aus vollem Herzen, neckte Paul wegen seiner Aussprache und wegen seiner spießbürgerlichen Ideen, wie sie sie nannte.

»Denn, Sie sind doch im Grunde ein schauderhafter Philister, . . . Aber das ist es gerade, was mir an Ihnen zusagt. . . . Das kommt natürlich von dem Gegensatze mit mir, denn weil ich unter einem Brückenpfeiler, Wind und Wetter zum Trotz, zur Welt gekommen bin, habe ich immer die vernünftigen und gesetzten Naturen bevorzugt.«

»Aber, meine Tochter, du wirst doch Herrn Paul nicht weismachen, daß du unter einem Brückenpfeiler geboren bist?« ließ sich die gute Cremnitz vernehmen, die sich nicht an solch bildliche Übertreibungen gewöhnen konnte und alles buchstäblich nahm.

»Laß ihn doch glauben, was er will, meine gute Fee . . . wir haben ja nicht die Absicht, ihn als Ehemann zu kapern. . . . Ich bin auch überzeugt, daß er von einem solchen Ungeheuer, das man eine Künstlerin nennt, nichts wissen will. Er würde sich ebenso gern mit einem Teufel verheiraten. . . . Und Sie haben ganz recht Minerva. . . . Die Kunst ist eine Despotin. Man muß sich ihr ganz zu eigen geben. Alles, was man an Ideal, Energie, Rechtschaffenheit und Gewissen besitzt, geht so völlig in dem Kunstwerke auf, daß uns für das Leben nichts übrig bleibt, und sobald dann die Arbeit vollendet ist, werden wir ein entmastetes Schiff, ohne Steuer und Kompaß, ein Spiel der Wogen, . . . Wahrhaftig, ein trauriger Besitz, eine solche Gattin!«

»Und dennoch,« wagte der junge Mann verschämt zu erwidern, »scheint mir, daß die Kunst, so anspruchsvoll sie auch sein mag, eine Frau nicht ganz und gar für sich allein in Beschlag nehmen kann. Wo bliebe sie mit ihrer Zärtlichkeit, mit dem Bedürfnis, andre zu lieben und sich für dieselben aufzuopfern, dieses Bedürfnis, das bei der Frau in viel höherem Grade als bei uns die Triebfeder aller ihrer Handlungen ist?«

Felicia sann einen Augenblick nach, ehe sie antwortete.

»Sie haben vielleicht recht, weise Minerva. . . . Wahr ist, daß ich Tage habe, an denen mein Leben mir außerordentlich schal erscheint. . . . Ich nehme dann plötzlich Abgründe und Untiefen wahr, in denen alles verschwindet, was ich in dieselben hineinwerfe, um sie auszufüllen. . . . Mein herrlichster künstlerischer Enthusiasmus geht in diesem Abgrunde unter und stirbt mit einem Seufzer ab, . . . In solchen Augenblicken denke ich an eine Heirat, an einen Gatten, an Kinder, ein ganzes Häuflein Kinder, die sich im Atelier umhertummeln, an die Besorgung eines warmen Nestes für all das, an die Genugthuung, welche die physische Thätigkeit gewährt, die uns Künstlerexistenzen abgeht, an regelmäßige Beschäftigung, ein frisch bewegtes Leben, fröhliche Lieder, kindliche Freuden, die einen zu heiterem Spiele zwingen an Stelle öden und unfruchtbaren Grübelns, die uns ein Lächeln abringen bei einer Niederlage der Eigenliebe und nichts als eine glückliche zufriedene Mutter aus uns machen, wenn einst die Welt uns als verbrauchte Künstlerin beiseite wirft. . . .«

Und bei dieser Vision eines häuslichen Glückes nahm die Schönheit des jungen Mädchens einen Ausdruck an, wie Paul ihn noch nie gesehen, einen Ausdruck, der ihn völlig hinriß und ihn mit einer wahnsinnigen Begierde erfüllte, diesen schönen wilden Vogel, der vom Taubenschlage träumte, in seinen Armen fortzutragen, um ihn zu verteidigen und ihm in der zuverlässigen Liebe eines ehrenhaften Mannes ein sicheres Obdach zu bieten.

Inzwischen fuhr das junge Mädchen fort, ohne ihn anzusehen:

»Uebrigens bin ich wirklich kein so loser Vogel, wie es den Anschein hat. . . . Fragen Sie meine gute Patin, ob ich mich nicht ganz ordentlich gehalten habe, als sie mich in die Pension brachte. . . . Aber, was für ein Strudel ist darauf gefolgt! Wenn Sie wüßten, was für eine Jugend ich durchgemacht habe, wie eine frühreife Erfahrung die Blüten meines Geistes entblättert hat, welche Verwirrung in meinem Urteile als kleines Mädchen darüber herrschte, was erlaubt und verboten, was vernünftig oder unvernünftig ist. Die Kunst allein, die gefeierte, umstrittene war der feste Punkt in diesem Chaos, zu ihr habe ich meine Zuflucht genommen. . . . Und das ist auch wohl der Grund, weshalb ich nie etwas andres als eine Künstlerin, als eine Frau außerhalb des Kreises andrer Frauen sein werde, eine arme Amazone, deren Herz in einen Eisenpanzer eingepreßt ist, die gleich einem Manne im Kampfe ums Dasein ringt und verurteilt ist, zu sterben und zu leben wie ein Mann.«

Warum erwiderte Paul ihr nun nicht: »Schöne Kriegerin, laß deine Waffen im Stich, bekleide dich mit den Attributen deines Geschlechtes. Ich liebe dich, ich flehe dich an, beglücke mich mit deiner Hand, um mich und dich gleichzeitig glücklich zu machen.«

Ach, es war darum: Er lebte in der Furcht, der andre, der, wie die Leser wissen, zum Diner eingeladen war, und der trotz seiner Abwesenheit mitten unter ihnen war, möchte ihn so sprechen hören und dann berechtigt sein, ihn wegen seines hohen Fluges mitleidig zu belächeln.

»Auf alle Fälle versichere ich hoch und heilig,« begann Felicia von neuem, »daß wenn ich jemals eine Tochter haben sollte, ich daraus eine wirkliche Frau und nicht eine arme Verlassene, wie ich es bin, machen werde. . . . Ja, ja, du weißt, gute Fee, das bezieht sich nicht auf dich, was ich eben sagte. . . . Du bist mit deinem kleinen Teufel immer gut, fürsorglich und liebevoll gewesen. . . . Aber, sehen Sie sie sich doch einmal an, wie hübsch und jugendlich sie heute ist.«

Durch das Mahl, die Lichter und durch die helle Toilette, deren Widerschein die Runzeln glättete, in die beste Laune versetzt, saß die Cremnitz, auf die Lehne ihres Stuhles gelehnt, und hielt in Höhe ihrer halbgeschlossenen Augen ein Glas mit perlendem Chateau Yquem. Der rosige Hauch ihres Antlitzes, der malerische Putz ihrer wallenden Kleidung, der in dem goldgelben Wein sich widerspiegelte und ihr einen pikanten Reiz verlieh, erinnerten an die frühere Heldin der kleinen Soupers nach Schluß des Theaters, die Cremnitz der guten alten Zeit, die nicht wie die Sterne unsrer heutigen Oper durch Uebermut glänzte, sondern in ihrem Luxus unbewußt, wie eine kostbare Perle in ihrer Muschel, es sich wohl sein ließ. Felicia, die es sich in den Kopf gesetzt hatte, heute aller Welt zu gefallen, brachte sie unvermerkt auf das Kapitel ihrer Erinnerungen, ließ sie von neuem von ihren großen Triumphen als Gisela, als Péri, von den Ovationen des Publikums und den fürstlichen Besuchen in ihrer Loge, und dem ihr mit einigen freundlichen Worten von der Königin Amélie gewidmeten Geschenke erzählen. Die Erinnerung an diese glorreichen Vorgänge berauschten die arme alte Fee, ihre Augen glänzten und man hörte ihre kleinen Füße, wie vom Tanzdämon ergriffen, unter dem Tische trippeln. . . .

Und in der That, kaum war das Diner beendigt und man hatte sich wiederum in das Atelier zurückbegeben, als Konstanze von einem Ende des Zimmers zum andern zu schreiten begann, hier einen Pas und dort eine Pirouette versuchend, während sie immer weiterplauderte oder eine Ballettmelodie vor sich hinsummte, die sie mit einem Neigen des Kopfes begleitete. Dann drehte sie sich plötzlich um und war mit einem Sprunge am andern Ende des Ateliers.

»So, nun ist sie in ihrem Fahrwasser,« flüsterte Felicia leise. »Sehen Sie sie einmal an, es ist wirklich der Mühe wert, die alte Cremnitz tanzen zu sehen.« Und in der That war dieser Anblick hinreißend und feenhaft: Auf dem Boden des weitläufigen, im Dunkel verschwimmenden Zimmers, das fast nur von dem großen Bogenfenster Licht empfing, durch das man den Mond am klaren dunkelblauen Nachthimmel, einem wahren Theaterhimmel, emporsteigen sah, zeichneten sich die Konturen der berühmten Tänzerin in hellen, scharfen Umrissen ab, einem kleinen, leichten, unwägbaren Schattengebilde vergleichbar, das mehr fliegt als hüpft. Und dann wiederum auf ihren kleinen Fußspitzen stehend, nur durch ihre ausgebreiteten Arme in der Schwebe erhalten, das Antlitz in einer flehenden Gebärde erhoben, auf dem nichts sichtbar war als ein Lächeln, voltigierte sie rasch nach dem Lichte zu oder retirierte in so kleinen und raschen Absätzen, daß man jeden Augenblick auf ein leises Klirren der Fensterscheibe gefaßt war, und sie rückwärts auf den Strahlen des Mondes emporklimmen zu sehen erwartete. Was den Reiz noch erhöhte und diesem phantastischen Ballett eine wunderbare poetische Färbung gab, das war das Fehlen jeder Musik. Nur das Geräusch des Taktes, der durch das Halbdunkel sich in noch höherem Grade geltend machte, dieser lebhafte und leichte Takt, der auf dem Parkett nicht stärker anklingt, als das blattweise Fallen einer entblätterten Georgine. . . .

Der Tanz dauerte einige Minuten und dann merkte man an den kurzen Atemzügen die Ermüdung der Tänzerin,

»Genug, genug . . . ruhe dich aus,« sagte Felicia.

Und nun hielt der kleine weiße Schatten inne, sich an einen Fauteuil lehnend, und verblieb dort in Positur, jeden Augenblick bereit, den Tanz von neuem zu beginnen, lächelnd und atemlos, bis sie von Müdigkeit ergriffen wurde und, ohne ihre reizende Haltung zu ändern, einschlummerte, einer Libelle vergleichbar, die auf dem im Wasser schwimmenden Zweige einer Weide sitzt, der durch die Strömung sanft bewegt wird.

Während die beiden die Alte anblickten, die auf ihrem Sessel sich hin und her wiegte, sagte Felicia: »Diese arme kleine Fee dort, das ist alles, was ich an wahrhafter Freundschaft, an Zuflucht und Schutz gehabt habe. . . . Dieser Schmetterling ist es, der mir als Patin zur Seite gestanden hat. . . . Wundern Sie sich nun noch über die Kreuz- und Quersprünge meines Geistes? . . . Es ist fast ein Glück zu nennen, daß ich mich noch so gehalten habe. . . .«

Und plötzlich rief sie mit überströmender Lustigkeit: »Ach, Minerva, wie bin ich glücklich, daß Sie heute abend gekommen sind. . . . Aber in Zukunft dürfen Sie mich nicht so lange allein lassen, nicht wahr? Ich habe das Bedürfnis, einen rechtschaffenen Menschen, wie Sie es sind, um mich zu haben, inmitten der Larven, die mich umgeben, ein offnes Gesicht zu sehen. . . . Aber freilich, ein schauderhafter Philister sind Sie doch,« sagte sie lachend, »und ein Provinziale obendrein. Aber das ist einerlei! Sie zu sehen, macht mir doch die größte Freude. . . . Und ich glaube, daß meine Sympathie für Sie vorzugsweise in einem Punkte ihren Grund hat. Sie erinnern mich an eine Person, die mir in meiner Kindheit sehr lieb gewesen ist, zwar auch ein kleines, verständiges, ernsthaftes Geschöpf, das durch die Not des Lebens an die Erde gefesselt wurde, aber gleichwohl dieser idealen Regungen nicht entbehrte, die wir Künstler allein für unsre Kunstwerke aufsparen. Worte, die ich von Ihnen höre, scheinen mir oft aus dem Munde dieses Mädchens zu kommen. . . . Sie haben ganz denselben antiken Schnitt des Mundes. Ob wohl hieraus die Aehnlichkeit Ihrer Aeußerungen entspringt? Ich weiß es nicht; aber ganz gewiß, Sie sehen einander ähnlich. Sie können sich davon überzeugen.«

Auf dem mit Zeichnungen und Albums bedeckten Tische, vor welchem Felicia ihm gegenüber Platz genommen hatte, begann sie nun, die Stirn vornübergebeugt, den kleinen wundervollen Kopf, von den etwas unordentlich wallenden Haaren umrahmt, zu zeichnen, indem sie ruhig weiter plauderte. Sie glich nun nicht mehr jenem schönen Ungeheuer mit dem geängstigten und finsteren Gesichtsausdruck, das sein eignes Geschick verflucht, sondern einer wirklichen Frau, die liebt und zu gefallen wünscht.

Diesmal vergaß Paul vor so vieler Herzlichkeit und Anmut alle seine Bedenklichkeiten. . . .Er wollte sprechen, überzeugen. Die Minute war entscheidend. . . . Da öffnete sich die Thür und der kleine Diener erschien. . . . »Der Herr Herzog lassen fragen, ob das Fräulein heute abend noch immer von ihrer Migräne geplagt sind. . . .«

»Immer gleich sehr,« erwiderte sie mit Laune. Nachdem der Diener das Zimmer verlassen, trat ein Augenblick des Schweigens, eine eisige Kälte ein. Paul hatte sich erhoben, während sie mit übergebeugtem Kopfe an ihrer Zeichnung fortarbeitete.

Er machte einige Schritte im Atelier, dann zu dem Tische zurückkehrend, fragte er leise, über seine eigne Ruhe erstaunt: »Sollte der Herzog von Mora heute hier speisen?«

»Ja . . . ich langweile mich . . . ein toller Tag . . . Solche Tage sind für mich schlimm.«

»Wurde auch die Herzogin erwartet?«

»Die Herzogin? Nein, die kenne ich gar nicht.«

»Nun wohl! An Ihrer Stelle würde ich keinen verheirateten Mann zu Tische einladen, wenn ich nicht auch seine Gemahlin bei mir sähe. . . . Sie beklagen sich über Ihre Verlassenheit; warum verlassen Sie sich selbst? . . . . Wenn man sich selbst nichts vorzuwerfen hat, muß man sich auch vor Verdächtigungen hüten . . . Sind Sie mir böse?«

»Nein, nein, schelten Sie mich nur, Minerva. . . . Ich bin mit Ihrer Moral völlig einverstanden. Sie ist geradezu und offen und schielt nicht wie die Moral von Jenkins. . . . Ich habe Ihnen ja schon gesagt, ich muß jemand haben, der mich führt. . . .«

Und indem sie die jetzt vollendete Zeichnung ihm hinschob, sagte sie: »Sehen Sie, das ist die Freundin, von der ich Ihnen sprach. Das war eine innige und zuverlässige Freundschaft, die ich in meiner Armseligkeit thöricht genug war, zu verlieren. . . . Sie war es, die ich in schwierigen Lagen zu Rate zog, wenn es galt, einen Entschluß zu fassen, ein Opfer zu bringen. Ich sagte mir immer: Wie würde sie über diesen Fall denken? ebenso wie wir bei unsern künstlerischen Arbeiten innehalten um unsre Gedanken zu etwas Erhabenerem, zu einem unsrer Meister, zu erheben, . . . Wollen Sie das für mich sein?«

Paul antwortete nicht. Er schaute das Bild Alines an, denn sie, eben sie war es, ihr reines Profil, ihr lächelnder, gutmütiger Mund und die langen Locken, um den feinen Hals geschmiegt. Ach! Jetzt könnten alle Herzöge von Mora kommen. Felicia war für ihn nicht mehr vorhanden.

Die arme Felicia, sie, die mit hervorragenden Gaben ausgestattet war, glich gleichwohl diesen Weissagerinnen, welche die Geschicke der Menschen zu enträtseln vermögen, ohne doch Herrinnen ihres eignen Geschickes zu sein.

»Wollen Sie mir diese Zeichnung schenken?« sagte er leise und mit bewegter Stimme.

»Sehr gern. . . . Sie ist hübsch, nicht wahr? . . . Ja, meiner Treu', sollten Sie der einmal begegnen, dann lieben Sie sie und führen Sie sie heim. Sie ist besser als alle andern. Aber freilich, in Ermangelung ihrer. . . . ich sage nur, in Ermangelung ihrer . . .«

Und die schöne gezähmte Sphinx erhob zu ihm ihre großen, feuchten, schelmischen Augen, deren Rätsel nichts Unlösbares mehr hatten.

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