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Der Nabob. Band 2

Alphonse Daudet: Der Nabob. Band 2 - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleDer Nabob. Band 2
publisherVerlag J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 21
year1888
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060924
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Zwölftes Kapitel.

Eine Wahl in Korsika.

Pozzonegro bei Sartène.    

»Endlich kann ich Ihnen Nachrichten von uns geben, mein lieber Herr Joyeuse. Seit den fünf Tagen, die wir in Korsika weilen, sind wir so viel gelaufen, haben so viel geredet, so oft Wagen gewechselt, sind bald auf Maultieren, bald auf Eseln geritten, bald selbst auf dem Rücken von Menschen, um die Stromschnellen zu überschreiten; wir haben so viele Briefe geschrieben, auf Anfragen Bescheide erteilt, Schulen besucht, Meßgewänder und Altardecken gestiftet, wackelige Glockenstühle ausgebessert, Asyle gegründet, wir haben so vielerlei eingeweiht, Toaste ausgebracht, Anreden, Wein von Talano und weißen Käse verdauen müssen, daß ich wirklich nicht die Zeit gefunden habe, dem kleinen Familienkreis rings um den großen Tisch, an welchem ich nun schon seit zwei Wochen fehle, einen freundlichen Gruß zu senden. Glücklicherweise wird meine Abwesenheit nicht mehr gar lange dauern, denn wir gedenken übermorgen abzureisen und in einem Zuge nach Paris zurückzukehren. Was die Wahlangelegenheit betrifft, so glaube ich, daß unsre Reise von Erfolg gekrönt ist.

»Korsika ist ein wunderbares Land, träg und dürftig, eine Mischung von Armut und Stolz, welcher letztere sowohl den Adels- als den bürgerlichen Familien einen gewissen Anstrich von Wohlstand, wenn auch auf Kosten der schmerzlichsten Entbehrungen, verleiht. Man spricht allen Ernstes von dem Vermögen des Popolaska, dieses bedürftigen Deputierten, dem der Tod hunderttausend Franken weggeschnappt hat, die ihm sein Rücktritt zu gunsten des Nabob eingetragen haben würde. Alle diese Leute haben überdies eine wahre Sucht nach Aemtern, eine Verwaltungswut, ein Bedürfnis, irgend welche Uniform und eine platte Mütze mit der Inschrift: ›Regierungsbeamter‹ zu tragen.

»Ließe man einem korsischen Bauer die Wahl zwischen der reichsten Pachtung in der Beauce und dem bescheidenen Bandelier eines Feldhüters, er würde sich keinen Augenblick bedenken und nach dem Bandelier greifen. Unter diesen Umständen kann man sich leicht vorstellen, daß ein Kandidat, der über eignes Vermögen verfügt und dem die Unterstützung der Regierung zur Seite steht, gute Aussicht hat, gewählt zu werden. Auch wird Herr Jansoulet jedenfalls gewählt, namentlich wenn ihm sein Vorhaben gelingt, welches uns jetzt hierher in die einzige Herberge eines kleinen Dorfes Namens Pozzonegro geführt hat, bestehend aus etwa fünfzig Häusern aus roten Backsteinen, die rings um einen Glockenturm nach italienischer Sitte gebaut sind, und auf der Sohle eines Thales gelegen, das ringsum von steilen, mit unabsehbaren Waldungen bestandenen Felsen eingeschlossen ist. Durch mein geöffnetes Fenster, vor welchem ich Ihnen schreibe, sehe ich in der Höhe ein Stückchen Blau, und unten auf dem kleinen Platze, den ein riesiger Nußbaum beschattet, als ob es hier nicht ohnehin schattig genug wäre, zwei in Felle gekleidete Hirten, welche, die Ellbogen auf einen Brunnen gestützt, sich mit Kartenspiel beschäftigen.

»Das Spiel ist die Krankheit dieses Landes der Trägheit, wo man selbst die Ernte durch Einwohner aus Lucca besorgen läßt. Die beiden armen Teufel, die ich da vor mir habe, würden vergeblich nach einem Heller in ihrer Tasche suchen; der eine setzt sein Messer, der andre ein in Weinblätter eingewickeltes Stück Käse, welche Einsätze neben ihnen auf der Bank liegen. Ein Pfäfflein raucht seine Cigarre und sieht den beiden zu, an deren Spiel er das größte Interesse zu nehmen scheint.

»Das ist aber auch alles, nirgends ein Geräusch ringsum, außer dem Wasser, das auf die Steine tröpfelt, und den Ausrufen eines der Spieler, der bei dem sango del seminario schwört, und unter mir in der Wirtsstube die rauhe Stimme unsres gemeinsamen Freundes, vermischt mit dem Geplapper des berühmten Paganetti, der ihm als Dolmetscher mit dem nicht minder berühmten Piedigriggio dient.

»Piedigriggio (Graufuß) ist eine lokale Berühmtheit. Er ist ein alter Mann von etwa fünfundsiebzig Jahren, der sich in seinem kleinen Burnus, über welchen sein langer weißer Bart fällt, kerzengrade hält, eine katalanische Mütze aus brauner Wolle auf seine weißen Haare gestülpt und an den Hüften eine Schere, deren er sich bedient, um seinen grünen Tabak auf der flachen Hand zu zerschneiden. Sein Aussehen ist ehrfurchtgebietend, und als er quer über den Platz schritt, dem Pfarrer die Hand drückend und mit wohlwollendem Lächeln die beiden Spieler betrachtend, da würde ich nicht geglaubt haben, den berüchtigten Banditen Piedigriggio vor mir zu sehen, der in den Jahren 1840 bis 1860 im Gebiete von Monte Rotondo Alleinherrscher war, die Truppen und die Gendarmerie fortwährend in Alarm hielt und der jetzt, dank der ihm zustatten kommenden Verjährung, nach sieben oder acht mit Gewehr und Dolch vollbrachten Mordthaten unbelästigt in dem Lande, das Zeuge seiner Verbrechen gewesen ist, umherstreift und sich einer ausgezeichneten Hochachtung erfreut. Und der Grund hierfür ist der: Piedigriggio hat zwei Söhne, welche in seine edlen Fußstapfen getreten sind und mit dem Stutzen in der Hand nun ebenfalls die Alleinherrscher spielen. Niemals zu finden noch zu ertappen, wie ihr Vater während zwanzig Jahren, machen diese Banditen, die von den Hirten stets über die Bewegungen der Gendarmerie unterrichtet sind, ihre Aufwartung in den Dörfern, sobald die Luft rein ist. Der Aeltere, Namens Scipio, ist erst am letzten Sonntag nach Pozzonegro gekommen, um dort die Messe zu hören. Nicht als ob man sie liebte und ein Händedruck von diesen blutbefleckten Elenden allen willkommen wäre, die sie bei sich aufnehmen, das hieße die friedliche Neigung der Einwohner dieser Gemeinde verkennen; aber man fürchtet sie, und ihr Wille steht dem Gesetze gleich.

»Und dies der Grund, weshalb die Piedigriggio es sich in den Kopf gesetzt haben, unsern Gegner bei der Wahl zu protegieren, eine höchst bedenkliche Protektion, die zwei ganze Kantone zu unsern Gegnern machen kann, denn die Taugenichtse haben ebenso lange Beine, wie weittragende Büchsen. Wir haben natürlich die Gendarmen für uns, aber die Banditen haben größeren Einfluß. Wie unser Wirt heute morgen treffend sagte: ›Die Gendarmen kommen und gehen, aber die Banditen bleiben.‹ Gegenüber diesem so außerordentlich logischen Raisonnement haben wir eingesehen, daß nur eins ausführbar sei, nämlich mit den Graufüßen einen Vertrag abzuschließen, mit ihnen zu paktieren. Der Gemeindevorsteher hatte von dieser Absicht dem Alten gegenüber einige Worte fallen lassen, dieser hat wiederum sich mit seinen Söhnen beraten, und jetzt werden unten die Bedingungen des Vertrages diskutiert.

»Von hier aus höre ich die Stimme des Gouverneurs: ›Nun wohl, alter Bursche, du weißt, ich bin auch ein alter Korse, ich . . .‹ Und dann wiederum die ruhige Erwiderung des andern, die durch das angreifende Geräusch der Schere gleichzeitig mit dem Tabak zerhackt wird. Der alte Kamerad scheint mir aber nicht allzu viel Zutrauen zu haben; und solange die Thaler nicht auf dem Tische klimpern, glaube ich nicht, daß die Angelegenheit erhebliche Fortschritte macht.

»Das kommt aber daher, daß dieser Paganetti in seinem Geburtslande nur zu bekannt ist. Was sein Wort wert ist, das steht auf dem Platze in Corte geschrieben, welcher noch immer auf das Monument von Paoli wartet, und in diesen unermeßlichen Rübenfeldern, die er auf diesem Ithaka mit seinem dürren Boden anzubauen verstand, und das steht endlich geschrieben auf den schlaffen, ausgeplünderten Börsen dieser unglücklichen Dorfpfarrer, kleinen Bürger und Adligen, denen er die mageren Ersparnisse abzuschwindeln gewußt hat, indem er vor ihren Augen seine chimärischen ›Combinazione‹ erglänzen ließ. In der That, um hier wieder erscheinen zu können, hat es seines phänomenalen Selbstbewußtseins und der Hilfsquellen bedurft, über die er jetzt verfügt und womit er alle Reklamationen kurzerhand abschneidet.

»Ueberhaupt, was ist denn in der That Wahres an diesen fabelhaften Arbeiten, die von der Territorialkasse unternommen sind? –

»Nichts.

»Minen, in denen nichts produziert wird und nichts produziert werden kann, weil sie nur auf dem Papier existieren, Steinbrüche, welche weder Hacke noch Pulver je gesehen haben, unbebaute und sandige Landstrecken, welche man mit einer Handbewegung bezeichnet, indem man sagt: ›Hier fängt es an, und dann erstreckt es sich bis ganz dahinten zum Teufel.‹

»Nicht anders ist es mit den Waldungen. Eine ganze Waldstrecke des Monte Rotondo gehört, wie es scheint, uns, allein an ein Fällen der Bäume ist nicht zu denken, wenn nicht etwa Luftschiffer das Geschäft der Holzhauer übernehmen wollten. Ebenso ist es mit den Badeorten, unter denen dieser elende Weiler von Pozzonegro mit seiner Quelle, deren eisenhaltiges Wasser Paganetti in den Himmel erhebt, der bedeutendste ist. Von Paketbooten nicht die Spur. Und doch, da steht ein alter halbverfallener Thurm am Ufer des Golfes von Ajaccio, der über seiner stets hermetisch verschlossenen Thür in goldnen Buchstaben auf einem großen Schilde die Inschrift trägt: ›Agentur Paganetti. Schiffahrts-Gesellschaft. Geschäftsbüreau‹ Nur große, graue Eidechsen hüten in Gesellschaft einer Eule die Büreaus. Was die Eisenbahnen angeht, so sah ich alle diese wackeren Korsen, mit denen ich davon sprach, mit einer malitiösen Miene lächeln und mit Augenzwinkern und abgerissenen geheimnisvollen Worten antworten. Erst heute morgen erhielt ich die überaus komische Lösung dieser Geheimthuerei.

»Ich hatte in den Briefschaften, mit denen der Direktor der Bank von Zeit zu Zeit wie mit einem Fächer unter unsern Augen herumhantierte, um damit seine Aufschneidereien aufzublasen, den Kontrakt über den Verkauf eines Marmorbruches in einem Orte, genannt Taverna, zwei Meilen von Pozzonegro, gelesen. Unsern hiesigen Aufenthalt benutzend, bestieg ich heute morgen, ohne einem Menschen etwas davon mitzuteilen, ein Maultier, und unter Führung eines großen Burschen mit wahren Hirschbeinen, dem richtigen Typus eines korsischen Wilddiebes oder Schmugglers, der eine große rote Pfeife im Munde und sein Gewehr über den Nacken gehängt trug, begab ich mich nach Taverna. Nach einem entsetzlichen Marsche über zerklüftete Felsen, Schluchten und Abgründe von unabsehbarer Tiefe, an deren äußerstem Rande mein Maultier malitiöserweise zu gehen für gut befand, gelangten wir nach einem fast senkrechten Abstieg an das Ziel unsrer Reise, eine völlig kahle Felsenwüste, die fast weiß war von dem Dünger der Möwen und andrer Seevögel; denn das Meer ist dort sehr nahe und die tiefe Stille des Ortes wird nur durch das Branden der Wogen und das laute Geschrei der umherflatternden Vögel unterbrochen. Mein Führer, der eine heilige Scheu vor Zollwächtern und Gendarmen hat und der eine Abteilung der ersteren am Meeresufer auf ihrem Posten erblickt hatte, war oben zurückgeblieben, und ich begab mich nach einem großen roten Gebäude mit zerbrochenen Fensterscheiben und hier und da fehlenden Dachziegeln, welches in dieser schaurigen Einsamkeit drei Stockwerke hoch aufgeführt war. Ueber der verwitterten Thür hing ein ungeheueres Schild: ›Territorialkasse. Marm..br...54.‹

»Der Nordwind, die Sonne und der Regen hatten die andern Buchstaben verwischt. Es ist gewiß mit der Ausbeutung dieses Marmorbruches der Anfang gemacht worden, denn es ist ein großes viereckiges Loch in den Boden hineingebrochen, das längs den Seitenwänden große braungeaderte Flecken zeigt, und an dessen Grunde große Marmorblöcke liegen, die man aber nicht hat verwerten können, weil weder eine Straße in den Marmorbruch mündet, noch ein Hafen existiert, der die Küste für Frachtschiffe erreichbar macht, und zwar weil für diese Projekte die sehr beträchtlichen Mittel fehlen. Aus diesem Grunde bleibt der Marmorbruch auch unbenutzt, trotzdem er nur einige Kabellängen vom Ufer entfernt ist, unnütz und unbrauchbar gleich dem Boote Robinsons mit seinen mangelhaften Einrichtungen. Diese traurigen Mitteilungen über unsern einzigen Reichtum auf der Insel wurden mir durch einen unglücklichen, vom Fieber geschüttelten Aufseher zu teil, den ich in einem unteren Zimmer des Hauses antraf, als er im Begriff war, ein Stück Ziegenfleisch in dem beizenden Rauche eines Mastixbüschels zu rösten.

»Dieser Mann, der für sich allein das Personal der Territorialkasse in Korsika ausmacht, ist der Pflegevater Paganettis, ein alter Leuchtturmwärter, den die Einsamkeit weiter nicht drückt. Der Direktor beläßt ihn auf seinem Posten, teils aus Barmherzigkeit, teils auch weil, wenn von Zeit zu Zeit Briefe, datiert aus dem Marmorbruche von Taverna einlaufen, dies in den Generalversammlungen einen guten Eindruck auf die Aktionäre macht.

»Ich habe keine geringe Mühe gehabt, diesem zu dreiviertel wilden Geschöpfe, das mich in seinem Ziegenhaarrock mit Mißtrauen anstarrte, einige Mitteilungen zu entreißen, ich habe aber dennoch, ohne daß der Mann es wollte, in Erfahrung gebracht, was die Korsen unter Eisenbahn verstehen, und warum sie so geheimnisvoll thun, wenn sie davon sprechen.

»Als ich zu ermitteln suchte, ob er von dem Projekte einer Eisenbahn in diesem Lande Kunde habe, begann der Alte nicht, wie seine Landsleute, malitiös zu lächeln, sondern erwiderte mir mit seiner rauhen und knarrenden Stimme, die wie ein altes Schloß krächzte, das lange außer Gebrauch gewesen, übrigens in leidlichem Französisch: ›Ach, mein Herr, wir können keine Eisenbahn hier gebrauchen . . .‹

»›Eine Eisenbahn ist aber doch sehr nützlich und zweckmäßig für den Verkehr.‹

»›Ich will auch nicht das Gegenteil behaupten, aber mit den Gendarmen haben wir bei uns vollauf genug. . . .‹

»›Mit den Gendarmen?‹

»›Ja, allerdings.‹

»Das Quiproquo dauerte ungefähr fünf Minuten, bis ich endlich zu begreifen anfing, daß man den Dienst der Geheimpolizei hierzulande ›Eisenbahn‹ nennt. Da viele Korsen auf dem Kontinent bei der Polizei bedienstet sind, so ist dies ein ehrenvoller Euphemismus, dessen man sich in ihren Familien bedient, um ihr verachtetes Metier zu bezeichnen. Fragt man die Verwandten: ›Wo ist Euer Bruder Ambrosius? Was macht Onkel Barbicaglia?‹ so antworten sie mit einem verständnisvollen Augenblinzeln: ›Er hat eine Anstellung bei der Eisenbahn‹ – und alle Welt weiß, was das heißen will. Bei dem Volke, bei den Bauern, die nie eine Eisenbahn gesehen haben und gar keine Vorstellung von einer solchen haben, glaubt man allen Ernstes, daß die Verwaltung der geheimen kaiserlichen Polizei keinen andern Namen hat als eben diesen. Unser Hauptvertreter in diesem Lande teilt dieselbe rührende Naivetät. Damit wissen Sie, was es für eine Bewandtnis hat mit der ›Linie von Ajaccio nach Bastia via Bonifacio, Porto vecchio und so weiter‹, wie die Bezeichnung in den großen Büchern mit grünem Rücken im Hause Paganetti lautet.

»Kurz und gut, das ganze Vermögen der Territorialbank beschränkt sich auf einige Firmenschilder und zwei alte Mauerreste, und der ganze Plunder ist kaum gut genug, um auf der Abbruchstelle der Rue Saint Ferdinand zu figurieren, von der ich alle Abende beim Einschlafen die Windfahnen und die alten Thüren knarren zu hören glaube. . . .

»Aber wohin sind nun alle diese enormen Summen geflossen, und wohin fließen sie noch jetzt, die von Herrn Jansoulet seit fünf Monaten eingeschossen sind, das Geld ungerechnet, das von anderswoher durch die magische Anziehungskraft seines Namens eingezahlt ist? Ich dachte mir wohl ebenso wie Sie, daß alle diese Bohrunternehmungen, Gruben, Terrainankäufe, welche in den Büchern in hübschen runden Summen aufgeführt sind, über die Maßen übertrieben seien; aber auf eine so unerhörte Schamlosigkeit bin ich denn doch nicht gefaßt gewesen. Und dies mag der Grund sein, weshalb der Gouverneur sich so sehr dem Plane widersetzte, mich auf diese Wahlreise mitzunehmen. Ich habe von einer sofortigen Auseinandersetzung abgesehen. Mein armer Nabob hat so schon genug mit seiner Wahl zu thun. Sobald wir aber wieder heimgekehrt sind, werde ich ihm alle Details meiner gründlichen Untersuchung vor Augen halten und, ob mit oder gegen seinen Willen, werde ich ihn dann aus dieser Diebesspelunke befreien. . . .

»Sie sind jetzt unten handelseinig geworden. Der alte Piedigriggio geht quer über den Platz und läßt den Ring seines altmodischen Geldbeutels, der mir wohlgespickt zu sein scheint, auf und nieder gleiten. Nun noch ein kurzes Lebewohl, mein lieber Foneuse, grüßen Sie Ihre Damen bestens von mir und bewahren Sie mir einen kleinen Platz an dem Arbeitstische.

Paul von Géry.«

Der Wahltrubel, den unsre Reisenden in Korsika kennen gelernt hatten, begleitete sie über das Meer, wie der Sirokko, selbst bis Paris und ließ sogar seine Wirkungen in der Wohnung am Vendômeplatz verspüren, die vom Morgen bis zum Abend nicht leer wurde. Außer der gewöhnlichen Gesellschaft kamen fortwährend kleine bronzefarbige Menschen mit regelmäßigen und starkbehaarten Köpfen, einige aufgeregt, schnatternd und schwatzend nach der Art Paganettis, andre schweigsam an sich haltend und philosophisch, zwei verschiedene Typen einer Rasse, bei der dasselbe Klima sich verschieden äußert. Alle diese ausgehungerten Insulaner aus dem Inneren ihrer wilden Heimat gaben sich Rendezvous an der Tafel des Nabob, dessen Haus eine Herberge, ein Restaurant, ein Markt geworden war. In dem Speisesaale, wo der Tisch beständig gedeckt war, konnte man stets einen Korsen finden, der soeben frisch mit der Eisenbahn angekommen, sich mit den linkischen und gefräßigen Manieren eines Vetters vom Lande an den Fleischtöpfen des Nabob gütlich that.

Die prahlerische und lärmende Rasse der Wahlagenten ist überall dieselbe. Die hier thätigen zeichneten sich aber noch durch ein besondres Feuer, durch eine truthahnmäßige, bis zur Siedhitze gesteigerte Eitelkeit aus. Der unbedeutendste Gerichtsschreiber, Gemeindeschreiber, Dorfschulmeister sprach nicht anders, als ob er einen ganzen Kanton zu seiner Verfügung hätte und als ob die Taschen seines abgeschabten Ueberziehers mit Stimmzetteln bis oben gefüllt wären. Und in der That hatte Jansoulet Gelegenheit gehabt, sich davon zu überzeugen, daß in den korsischen Gemeinden die Familien so alt und so verzweigt sind, daß ein armer Teufel, welcher an der Straße Steine klopft, seine Verwandtschaft mit den ersten Familien der Insel nachzuweisen vermag, und daher über einen weitgehenden Einfluß gebietet. Das hochmütige, intrigante, tückische und rachsüchtige Nationaltemperament trägt noch dazu bei, die Schwierigkeiten zu erhöhen, so daß man wohl acht zu geben hat, bevor man seinen Fuß in dieses über die ganze Insel verzweigte Netz von Fallstricken setzt.

Das Abscheulichste aber war, daß alle diese Menschen aufeinander eifersüchtig waren, sich haßten und bei offener Tafel über die Wahl stritten, sich finstere Blicke zuwarfen, bei dem geringfügigsten Streite nach ihren Dolchen griffen, sehr laut und auf einmal sprachen, teils in ihrem sonoren harten Patois, teils in einem lächerlichen Französisch, sich gegenseitig mit Beleidigungen überhäuften, sich einander die Namen von unbekannten Weilern oder Stadtklatschereien an den Kopf warfen, durch welche zwischen zwei Gästen auf einmal der Familienhaß von Jahrhunderten aufgerührt wurde. Der Nabob befürchtete ein tragisches Ende seiner Mahlzeiten und suchte diese Wutausbrüche durch den versöhnenden Eindruck seines gutmütigen Lächelns zu beschwichtigen. Aber Paganetti beruhigte ihn. Die Vendetta, die allerdings in Korsika noch an der Tagesordnung ist, verwendet nach seiner Behauptung nur noch selten und nur in den niederen Klassen Dolch und Messer zu ihrer Befriedigung. An deren Stelle ist der anonyme Brief getreten. In der That erhielt man täglich am Vendômeplatz Briefe ohne Unterschrift, etwa folgenden Inhaltes:

»Herr Jansoulet, Sie sind so großmütig, daß ich nicht umhin kann, Ihnen den Herrn Bornalinco (Ange-Marie) als einen von Ihren Feinden erkauften Verräter zu bezeichnen. Das Gegenteil gilt allerdings von seinem Vetter Bornalinco (Louis-Thomas), welcher der guten Sache völlig ergeben ist.«

Oder auch in dieser Weise:

»Herr Jansoulet, ich fürchte, daß Ihre Wahl nicht durchzusetzen ist, wenn Sie einen gewissen Castirla (Josué) aus dem Kanton Omessa ferner verwenden, wogegen sein Verwandter Luciani Ihr Mann ist.«

Obgleich der arme Kandidat schließlich dahin gelangte, diese Episteln überhaupt nicht mehr zu lesen, so empfand er doch diese nagenden Zweifel, diese Gehässigkeiten und kleinlichen Intriguen sehr peinlich und seine Sorgen, seine fieberhafte Spannung und seine überreizten Nerven lehrten ihn die Wahrheit des korsischen Sprichwortes kennen: »Willst du deinem Feinde einen Tort anthun, so wünsche ihm eine Wahlkandidatur in seiner Familie.«

Man mag sich unschwer vorstellen, daß das Checkbuch und die drei großen Schubladen in der Mahagonikommode nicht geschont wurden von diesem Schwarm gieriger Heuschrecken, die in die Salons des »Herrn Jansoulet« eingefallen waren. Nichts war komischer als die großartige Weise und die unverfrorene, herausfordernde Miene, womit diese wackeren Insulaner den Kredit des Nabob in Anspruch nahmen. Und dennoch waren sie noch nicht die Schlimmsten, es sei denn für die Cigarrenkisten, die in ihren Taschen verschwanden, als ob sie alle bei der Heimkehr einen Tabakshandel anfangen wollten. Aber gleichwie zur Zeit der starken Hitze die Wunden sich röten und eitern, so hatte die bevorstehende Wahl dem im Hause sich breit machenden Raubsystem einen unglaublichen Anstoß gegeben. Da waren vor allem die Drucksachen, welche enorme Summen verschlangen: von Moëssard verfaßte Artikel wurden in zwanzig- bis dreißigtausend Exemplaren nebst Porträts, Biographieen, Flugschriften und allem andern erdenklichen gedruckten Zeug nach Korsika gesandt. Und dann der hergebrachte Saugapparat, der sich vor dem Millionenreservoir etabliert hatte: Die bethlehemitische Stiftung, dieses gewaltige Triebwerk, das in großen Zügen sog; die Territorialkasse, dieses wunderbare, unermüdliche Institut, das mit Tausenden von Pferdekräften arbeitete, und dann die Saugpumpe Schmalbach, Bois-Landry und wie viele sonst noch, teils groß und geräuschvoll, teils sanft und wohlgeschmiert, wahre Zierpumpen in der Art der Saugrüssel von Insekten, deren Durst Stiche verursacht, und die ihr Gift dort hinterlassen, wo sie ihren Lebensunterhalt schöpfen: alle in demselben Tempo arbeitend und dadurch schließlich, wenn auch nicht eine völlige Trockenheit, so doch ein bedrohliches Sinken des Niveaus in Aussicht stellend. Schon cirkulierten an der Börse, wenn auch in keiner greifbaren Gestalt, üble Gerüchte. Es mochte dahinter ein Manöver seines Feindes, dieses Hemerlingue, stecken, mit dem Jansoulet eine erbitterte finanzielle Fehde führte, indem er sich bemühte, alle Finanzoperationen seines Gegners zu hintertreiben, bei welchem gefährlichen Spiele er erhebliche Summen einbüßte, weil ihm sein heftiges Temperament, die Kaltblütigkeit seiner Gegner und die Ungeschicklichkeit Paganettis, der als Strohmann figurierte, im Wege standen. Auf alle Fälle war sein goldner Stern im Erbleichen, Paul von Géry hatte dies durch den Vater Joyeuse in Erfahrung gebracht, der als Commis bei einem Wechselmakler in Dienst getreten war und genaue Kenntnis von den Zustanden der Börse hatte: aber was ihn noch mehr besorgt machte, das war die eigentümliche Aufregung des Nabob, sein Bedürfnis sich zu betäuben, gegenüber seiner früheren unverwüstlichen Ruhe und Heiterkeit, das Schwinden seiner südländischen Nüchternheit und die Art und Weise, wie er sich jetzt vor den Mahlzeiten durch reichlichen Genuß von Absinth aufregte, während er geräuschvoll sprach und laut lachte wie ein angeheiterter Matrose. Man merkte ihm den Menschen an, der sich über die Maßen anstrengt, um einer Sorge zu entfliehen, die aber dennoch in dem plötzlichen Zusammenzucken des Gesichtes bei der Erinnerung an den peinlichen Gedanken zu Tage trat, wie auch, wenn er in fieberhafter Hast sein kleines abgegriffenes Notizbuch durchblätterte.

Von dieser ernsten Unterredung, von dieser definitiven Auseinandersetzung, welche Paul so gern mit ihm herbeigeführt hätte, wollte der Nabob unter keinen Umständen etwas wissen. Er verbrachte seine Nächte im Klub, die Vormittage im Bett und von seinem Erwachen an war sein Zimmer mit Leuten vollgepfropft, die während des Ankleidens mit ihm sprachen, und denen er mit dem Gesichte im Waschbecken antwortete. Wenn durch Zufall Géry ihn auf eine Sekunde erwischte, so machte er sich davon, schnitt ihm durch ein »nur jetzt nicht, bitte,« das Wort ab. Endlich nahm daher der junge Mann zu einem heroischen Mittel seine Zuflucht.

Eines Morgens gegen fünf Uhr bei der Rückkehr aus dem Klub fand Jansoulet einen Brief auf seinem Betttische, den er anfangs für eine jener anonymen Denunziationen hielt, wie er sie täglich empfing. Allerdings war auch dieser Brief eine Denunziation, aber mit voller Unterschrift und offnem Visier, eingegeben von der Rechtlichkeit und dem jugendlichen Eifer des Verfassers. Géry charakterisierte darin in sehr klaren Worten alle die Schändlichkeit und Ausbeutungen, deren Opfer er geworden. Ohne Umschweife nannte er ihm die Strolche bei Namen. Da war auch nicht einer von den täglichen Tischgenossen, der ihm unverdächtig erschien, nicht einer, der einen andern Zweck verfolgte, als zu stehlen und zu lügen. Von oben bis unten nichts als Plünderung und Verschwendung. Die von Bois-Landry herstammenden Pferde seien Schindmähren, die Schwalbachsche Bildergalerie eine Betrügerei, die Zeitungsartikel von Moëssard stadtbekannte Erpressung. Ueber all diese schamlosen Vertrauensmißbräuche hatte Géry ein ausführliches Memorandum verfaßt und dieses mit Beweisstücken belegt. Besonders aber waren es die Akten der Territorialkasse, deren Durchsicht er Jansoulet auf das dringendste empfahl, weil dadurch seine Situation besonders bedroht sei. Bei allen andern Angelegenheiten kam lediglich das Geld in Frage, hier aber stand auch die Ehre auf dem Spiele. Durch seinen Namen, durch seinen Titel als Präsident des Verwaltungsrates angelockt, waren Hunderte von Aktionären, die gleich ihm, dem glücklichen Goldgräber, nach Gold haschten, in diese Fallstricke getaumelt. Dadurch sei ihm eine furchtbare Verantwortlichkeit erwachsen, deren Tragweite er beim Durchlesen der Akten dieser Gesellschaft erkennen werde, die auf nichts als Lüge und Schwindel gegründet sei.

»Sie werden das erwähnte Memorandum in dem obersten Schubfache meines Schreibsekretärs finden,« hieß es am Schlusse seines Briefes. »Verschiedene Quittungen sind demselben beigelegt. Ich habe diese Papiere nicht in Ihr Zimmer gelegt, weil ich Noël ebensowenig traute, wie allen andern. Heute abend bei meiner Abreise werde ich Ihnen den Schlüssel überbringen. Denn ich gehe fort, mein teurer Freund und Wohlthäter, ich gehe fort voller Erkenntlichkeit für alles Gute, was Sie mir erwiesen haben, und mit Trauer im Herzen darüber, daß Ihr blindes Vertrauen mir die Möglichkeit geraubt hat, Ihnen diese Güte wenigstens teilweise zu vergelten. Wie die Sachen jetzt stehen, verbietet mir mein Gewissen fernerhin zwecklos meine Stelle zu behaupten. Ich bin der ohnmächtige Zeuge eines nahen Unheils, aber mein Herz empört sich über das, was ich mitansehen muß. Ich gehe mit Leuten um, deren Händedruck mich entehrt. Ich bin Ihr Freund, und erscheine gleichwohl als deren Mitschuldiger. Und wer vermöchte zu sagen, ob nicht die Gewohnheit, in einer solchen Atmosphäre zu leben, mich schließlich zum Mitschuldigen derselben gemacht haben würde?«

Dieser Brief, den Jansoulet langsam und mit Bedacht und bis zum Punkt auf dem i las, machte auf ihn einen so überwältigenden Eindruck, daß er, anstatt sich zur Ruhe zu begeben, sofort seinen jungen Sekretär aufsuchte. Derselbe hatte am Ende der Zimmerreihe sein Arbeitskabinett, in welchem man für ihn ein Bett auf dem Diwan bereitet hatte, eine provisorische Einrichtung, die auf seinen Wunsch bisher nicht abgeändert war. Das ganze Haus schlief noch. Indem der Nabob die lange Flucht der Zimmer durchschritt, in denen, da dieselben nicht für den Empfang am Abend dienten, die Rouleaux nicht niedergelassen waren, und die in diesem Augenblicke von der ersten Morgendämmerung erhellt wurden, hielt derselbe einen Moment inne, unangenehm betroffen von dem trostlosen Anblick, den der von ihm entfaltete Luxus bot. In dem widerwärtigen Tabaks- und Liqueurdunst, der in den Zimmern herrschte, erschienen die Möbel, die Zimmerdecke, das Holzgetäfel, obwohl sie ganz neu waren, dennoch bereits alt und verbraucht. Flecken auf den Seidenvorhängen, Asche auf den Marmorkaminen, Stiefelspuren auf den Teppichen, riefen den Gedanken an den Salon eines riesigen Waggons erster Klasse wach, welcher die Spuren der Trägheit, der Ungeduld und der Langeweile einer langen Reise gleichzeitig mit der souveränen Mißachtung eines vom Publikum bereits bezahlten Luxus an sich zu tragen pflegt. Inmitten dieser gesuchten Ausstattung, die noch die Merkmale des verbrecherischen Gaukelspieles, das Tag für Tag innerhalb derselben aufgeführt wurde, an sich trug, erblickte er in dem kalten, fahlen Licht von zwanzig Spiegeln reflektiert, unheilverkündend und komisch zugleich sein eignes Bild mit der zu seiner Erscheinung nicht passenden modischen Kleidung, mit hervortretenden Augen und gerötetem Gesichte.

Was für ein trübes Erwachen aus dem Taumel seiner tollen Lebensweise!

Einen Augenblick vertiefte er sich in düstere Gedanken, aber dann trat er mit jenem ihm eigentümlichen Achselzucken, durch welches er sich aller traurigen Vorahnungen zu entledigen pflegte, in das Zimmer Gérys, der bereits aufgestanden war und, vor seinem offnen Schreibsekretär stehend, Papiere ordnete.

»Vor allem, mein Freund,« sagte Jansoulet, indem er vorsichtig zunächst die Thür schloß, »antworten Sie mir freimütig auf folgendes: Sind es wirklich die in Ihrem Schreiben ausgesprochenen Gründe, welche Sie veranlassen, mich zu verlassen? Steckt nicht vielleicht dahinter eine jener Verleumdungen, die, wie ich weiß, in Paris über mich umgehen? Ist nur dies der Fall, so werden Sie rechtlich genug denken, mich davon in Kenntnis zu setzen, und mir dadurch die Möglichkeit gewähren, mich vor Ihnen zu rechtfertigen!«

Paul versicherte, daß nur die von ihm angeführten Gründe ihn zu seinem Entschlusse bewogen hätten, daß dieselben aber allerdings ausreichten, da es sich hier um eine Gewissenssache handle.

»Dann, mein lieber Junge, hören Sie mich an, und ich bin sicher, daß Sie bei mir bleiben werden. . . . Ihr Brief, aus welchem die Rechtlichkeit und Aufrichtigkeit in so beredter Weise spricht, hat mich nichts gelehrt, wovon ich nicht schon seit drei Monaten überzeugt bin. Ja, mein lieber Paul, Sie haben allerdings recht. Paris ist ein schwierigerer Ort, als ich mir anfangs vorgestellt hatte. Es fehlte mir bei meinem Eintreffen ein ehrlicher, uninteressierter Führer, der mich vor den Menschen und Dingen gewarnt hätte. Ich habe nur Leute gefunden, die mich ausbeuteten. Alles, was die Stadt an gewitzigten Gaunern beherbergt, hat den Kot seiner Stiefelabsätze auf meinen Teppichen zurückgelassen. – Erst eben habe ich meine armen Salons darauf angesehen. Die hätten einen gehörigen Besenstrich verdient, und, weiß Gott, ich gebe Ihnen mein Wort, der soll ihnen werden und zwar mit kräftiger Faust. . . . Ich warte nur darauf, daß ich erst Deputierter bin. Alle diese Schurken dienen mir mit Rücksicht auf meine Wahl, und diese Wahl ist mir zu wichtig, um auch nur eine Chance aus der Hand zu geben. . . . In zwei Worten hier meine Lage: Nicht allein geht der Bey damit um, mir das Geld vorzuenthalten, das ich ihm vor einem Monate geliehen habe, nein, auf die von mir ausgestellte Anweisung hat er mit einer Gegenforderung von achtzig Millionen geantwortet, auf welchen Betrag er das Geld schätzt, das ich seinem Bruder entzogen habe. Das ist von seiner Seite ein infamer Diebstahl, eine schmähliche Verleumdung. . . . Mein Vermögen ist mein, gehört mir . . . ich habe es in meinem Kommissionsgeschäft verdient. Ich war der Günstling Achmeds, dieser selbst hat mir die Gelegenheit verschafft, reich zu werden. . . . Daß ich oft die Schraube etwas stark angezogen habe, kann möglich sein. Aber man muß dergleichen nicht mit den Augen eines Europäers betrachten. Dort unten sind diese maßlosen Gewinne der Levantiner eine allbekannte Geschichte. Das ist das Lösegeld der Wilden, für welches sie unsre westliche Civilisation eintauschen, Hemerlingue, der diesen ganzen Verfolgungsplan dem Bey eingegeben, hat noch ganz andre Gewinne erzielt. . . . Aber wozu sich streiten? Ich bin in dem Rachen eines Wolfes. Ehe ich meine Sache vor den Gerichten führe – ich kenne die Justizpflege im Orient nur zu genau – hat der Bey schon begonnen, auf alle meine Güter, Paläste und alles, was sie enthalten, Beschlag zu legen. . . . Die Angelegenheit ist in aller Form durch einen Beschluß des höchsten Gerichtshofes eingeleitet. Die Hand von Hemerlingues Sohn ist dabei im Spiele. . . . Wenn ich erst Deputierter bin, so ist das nur ein Kinderspiel. Der Gerichtshof nimmt seinen Beschluß zurück, und man gibt meine Schätze mit tausend Entschuldigungen frei. Werde ich aber nicht gewählt, so verliere ich alles, sechzig, achtzig Millionen, selbst die Möglichkeit, aufs neue mein Glück zu machen; das wäre gleichbedeutend mit Ruin, Schande und Verderben. . . . Nun wohl, mein junger Freund, wollen Sie mich in einer solchen Krisis verlassen? . . . Bedenken Sie doch, daß Sie allein mir zur Seite stehen! Etwa meine Frau? Sie haben sie gesehen und wissen gut genug, welche Stütze, welcher Beirat sie für ihren Mann ist. . . . Meine Kinder? Ja, ob ich die habe oder nicht? Ich sehe sie nie, sie würden mich auf der Straße kaum erkennen. . . . Mein abscheulicher Luxus hat eine Art Liebesleere rings um mich geschaffen und diese zarten Empfindungen durch unersättlichen Eigennutz ersetzt. . . . Liebe wird mir nur von meiner Mutter zu teil, die leider fern von hier ist, und von Ihnen, den ich ihr verdanke. . . . Nein, Sie können mich nicht allein inmitten dieser im Dunkeln schleichenden Verdächtigungen lassen . . . es ist furchtbar, wenn Sie alles wüßten. . . .

»Im Klub, im Theater, wohin ich immer gehe, überall begegne ich diesem giftgeschwollenen Kopfe der Baronin Hemerlingue, überall höre ich den Widerhall ihrer Verdächtigungen und spüre das Gift ihrer Wut. Ueberall spöttische Blicke; die Unterhaltung wird, wenn ich in die Nähe komme, plötzlich abgebrochen, nichts als gleisnerisches Lächeln oder ein Wohlwollen, das mit einer guten Dosis von Mitleid gemischt ist. Und dann diese Fahnenflucht von Leuten, die sich wie bei dem Nahen eines Unglückes, vorsichtig zurückziehen. Da ist zum Beispiel Felicia Ruys, die im selben Augenblicke, wo meine von ihr gefertigte Büste vollendet ist, irgend einen Unfall zum Vorwande nimmt, um dieselbe nicht in die Ausstellung zu senden. Ich habe nichts gesagt, ich habe gethan, als ob ich an diesen Unfall glaubte. Aber ich habe sehr wohl begriffen, daß auch hier eine Verleumdung im Spiele ist. . . . Und doch ist gerade dieses für mich eine große Enttäuschung. In so schweren Zeitläufen, wie die gegenwärtigen, ist alles von Wichtigkeit. Meine Büste in der Ausstellung, mit der Unterschrift der berühmten Bildhauerin würde mir in Paris unendlich zu statten gekommen sein . . . aber nein, alles geht in die Brüche, alles schlägt fehl. . . . Sehen Sie nun ein, daß Sie mich nicht auch im Stiche lassen dürfen?«

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