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Der Nabob. Band 2

Alphonse Daudet: Der Nabob. Band 2 - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleDer Nabob. Band 2
publisherVerlag J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 21
year1888
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060924
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Zehntes Kapitel.

Aus den Denkwürdigkeiten eines Büreaudieners.
Die Dienerschaft.

In Paris dreht sich Fortunas Rad mit wahrhaft rasender Geschwindigkeit! Bei der Territorialkasse habe ich's leibhaftig miterlebt: ungeheizte, nie gekehrte Lokalitäten – die staubige Wüste – Proteste auf jedem Schreibtische – so hoch – dazu allwöchentlich an der Thüre eine Versteigerungsanzeige, das Ganze überduftet vom Bettlerküchendunst meiner Privatmahlzeiten – und jetzt bin ich Augenzeuge eines gänzlichen Umschwunges in unsern neumöblierten Salons, in denen ich von Amts wegen einheize, daß man darin schwitzt wie in einem Ministerialbüreau, und in denen eine geschäftige Menge unter Pfeifensignalen, elektrischen Glockenzeichen und dem Klirren zusammenstürzender Geldstöße hin und her wogt. Kann so etwas wirklich mit natürlichen Dingen zugehen? Um daran zu glauben, muß ich mich mit eignen Händen betasten, muß mich im Spiegel betrachten mit meinem silberbetreßten stahlgrauen Rock, meiner weißen Halsbinde, meiner Amtskette, genau derselben, wie ich sie als Pedell trug, wenn große Sitzung war. Und diese ganze Umwälzung, die unser aller Stirn mit der Mutter der Eintracht, dem Frohsinn, krönt, die den Wert unsrer Aktien verzehnfacht, die unserm teuren Gouverneur die ihm so ungerechterweise entzogene Achtung und Autorität zurückgibt – das alles hat ein Mensch . . . nein, kein Mensch, eine rettende Gottheit, jener überirdische Millionenmann zustande gebracht, den die hundertstimmige Fama den Nabob nennt!

Ach! Als er zum erstenmal in unsre Büreaus kam mit seinem stattlichen Wuchs, seinem vielleicht etwas unregelmäßigen, aber doch so distinguierten Gesicht, mit Manieren, wie sie nur einem Liebling der Höfe eigen sind, der mit allen Fürsten des Orients auf du und du steht, kurzum, mit jenem unaussprechlichen, großartigen Selbstvertrauen, das ein unermeßliches Vermögen dem Sterblichen verleiht – o, da habe ich gefühlt, wie mir das Herz unter der Doppelreihe meiner Westenknöpfe zusammenschmolz! Was andre auch in noch so schönen Worten von Gleichheit und Verbrüderung sagen mögen, es gibt doch Menschen, die alles dergestalt überragen, daß man sich ihnen platt zu Füßen legen und noch nicht dagewesene Ausdrücke der Verehrung erfinden möchte, um sich ihnen bemerkbar zu machen. Ich muß indessen ungesäumt beifügen, daß ich dergleichen nicht nötig hatte, um vom Nabob beachtet zu werden. Da ich mich, als er herantrat, sehr ergriffen, aber immerhin würdevoll, wie es mir, Passajou, nicht anders zuzutrauen ist, von meinem Sitz erhob, schaute er mich lächelnd an und that gegen seinen jugendlichen Begleiter die halblaute Aeußerung: »Ein prächtiger Kopf, der reine . . .« und dann kam ein Wort, das mir entging, ein Wort auf . . . kater: Kater kurzweg kann es nicht geheißen haben, denn ich sehe doch nicht aus wie ein Kater; vielleicht war es Abd el Kader, wiewohl ich dem Sinn dieser Anspielung nicht auf den Grund kommen kann. . . . Doch, wie dem auch sei, daß er meinen Kopf prächtig fand, steht fest, und diese wohlthuende Kritik erfüllte mich mit Stolz. Auch sind jetzt die Herren alle in ihrem Umgang mit mir so leutselig, so höflich. . . . Im Verwaltungsrat ist meine Person offenbar der Gegenstand einer längeren Debatte gewesen: ob ich bleiben oder den Abschied bekommen solle, wie unser Kassierer, dieser griesgrämige Patron, der immer davon sprach, andre Leute »ins Zuchthaus stecken zu lassen«, und der nun sehen kann, wo er seine filzigen Papierkragen zurechtstutzen mag. Geschieht ihm recht! Er soll sich seine Flegeleien nur abgewöhnen. Was mich betrifft, so hat sich der Herr Gouverneur gütigst herbeigelassen, in Anbetracht meines langjährigen Diensteifers bei der Territorialen und anderswo, meine etwas gereizten Aeußerungen zu vergessen, und hat beim Weggehen aus der Sitzung mit seiner wohlklingenden Stimme zu mir gesagt: »Sie, Passajou, bleiben uns erhalten.« Ich bin natürlich überglücklich gewesen und habe meiner Erkenntlichkeit in beredten Worten Luft gemacht. Man bedenke nur, wie nahe mir's stand, mit meinen paar Groschen, ohne Hoffnung auf weiteren Erwerb von dannen ziehen und mich in meinem abgelegenen kleinen Weingarten von Montbars begraben zu müssen, was doch ein gar zu beschränkter Wirkungskreis gewesen wäre für einen Mann, der sich einmal inmitten der Pariser Geldaristokratie und jener Schachzüge der Börse bewegt hat, mit denen man sich ein Vermögen zusammenspielt. Statt dessen sitze ich nun wieder in einer glänzenden Stellung, in funkelnagelneuen Kleidern, und habe meine Ersparnisse, nachdem ich meine Blicke einen ganzen Tag über daran geweidet, neuerdings der Fürsorge des Gouverneurs anvertraut, der sie mir nutzbringend anlegen will. Der hat den Rummel los, unser Gouverneur, und jetzt kann ich auch vollkommen ruhig sein, denn der Aengstlichste unter uns braucht nur nachzusprechen, was bei jeder Sitzung des Verwaltungsrates, bei jeder Generalversammlung der Aktionäre, was an der Börse, auf den Boulevards, mit einem Wort, überall zu sagen an der Tagesordnung ist: »Der Nabob ist bei dem Unternehmen beteiligt.« Das füllt die Kasse bis an den Rand und macht die schlimmste »Combinazione« zu einer vortrefflichen. Er ist ja so reich, dieser Nabob, so reich, daß es nicht mehr zu glauben ist: hat er doch dem Bey von Tunis bar hingezahlte fünfzehn Millionen geliehen – sage fünfzehn Millionen, und zwar lediglich um den beiden Hemerlingues einen Possen zu spielen, die ihn mit jenem Regenten entzweien und ihm das Gras unter den Füßen abschneiden wollten in jenen gesegneten Gefilden des Orients, wo dasselbe in goldenen Halmen so dicht in den Himmel wächst. Durch einen alten Türken aus meiner Bekanntschaft, den Oberst Brahim, der mit zum Verwaltungsrat der Territorialen gehört, ist das Geschäft zustande gekommen. Der Bey, dem aller Wahrscheinlichkeit nach das Taschengeld ausgegangen war, hat, wie natürlich, die Dienstfertigkeit des Nabobs sehr hoch angeschlagen und ihm soeben durch Brahim ein Dankschreiben zugeschickt, das die Mitteilung enthält, er werde bei Anlaß seiner bevorstehenden Badereise nach Vichy zwei Tage bei Herrn Jansoulet zubringen, in jenem schönen Schloß von Saint-Romans, das auch vom frühern Bey, dem Bruder des jetzt regierenden, bereits mit einem Besuche beehrt worden. Und das ist weiter keine Ehre? . . . Einen Herrscher bewirten zu dürfen? . . . Nun denke man sich die Wut der beiden Hemerlingues, die so eifrig darauf losgearbeitet hatten, der Sohn in Tunis und der Vater in Paris, um den Nabob in Ungnade zu bringen! . . . Allerdings sind fünfzehn Millionen auch ein hübsches Stück Geld. Und man wende nur ja nicht ein, daß ich, Passajou, etwa aufschneide: die Persönlichkeit, die mir diese Thatsachen erzählt, hat den Brief des Beys in Händen gehabt; er lag in einem Umschlag von grüner Seide mit dem königlichen Siegel, und wenn besagte Persönlichkeit ihn nicht gelesen hat, so ist einzig und allein der Umstand daran schuld gewesen, daß der Brief mit arabischen Buchstaben geschrieben war; sonst hätte sie ebenso gut Kenntnis davon genommen, wie von der ganzen übrigen Korrespondenz des Nabobs. Besagte Persönlichkeit ist nämlich des Nabobs Kammerdiener, Herr Noël, dem ich vergangenen Freitag bei einer kleinen Bediensteten-Soirée, die derselbe für seine nähere Umgebung veranstaltete, vorgestellt zu werden die Ehre hatte. Den Bericht über dieses Fest trage ich hiermit in meine Denkwürdigkeiten ein, als eins der merkwürdigsten Erlebnisse meines vierjährigen Aufenthaltes in Paris.

Als mir die Sache durch Monpavons Kammerdiener, Herrn Francis, zu Ohren kam, glaubte ich anfangs, es handle sich um einen jener heimlichen Kneipabende, die zuweilen in den Mansarden unsres Boulevards stattfinden, wo man, auf Koffern herumsitzend, voller Gewissensangst zu gestohlenem Wein die von Fräulein Seraphine und den andern Köchinnen des Hauses heraufgeschafften Brocken hinunterschlingt, beim Schein von zwei Kerzen, die, sowie sich das kleinste Geräusch auf der Treppe vernehmen läßt, schleunigst ausgeblasen werden. Dergleichen Heimlichkeiten vertragen sich nicht mit meinem Charakter. Statt dessen erhielt ich aber, wie zu einem Herrschaftsballe, folgende sehr schön geschriebene Einladung auf rosa Papier: »Her Noël bietet Herren Passajou, Ihm zu seiner Soree vom 25. die ere zu Schönken. P.S. es wird Suppiert.« Trotz der mangelhaften Orthographie wurde mir sofort klar, daß es sich hier um etwas Ernsthaftes, Erlaubtes handele. Ich warf mich demnach in meinen neuesten Rock, in meine feinste Wäsche und verfügte mich, nach Angabe des Einladungsschreibens, in das Haus Nr. 12 am Vendômeplatz. Herr Noël hatte sich für dieses Fest absichtlich einen Abend ausgesucht, an dem die große Welt wie ein Mann einer ersten Aufführung in der großen Oper beiwohnte, ein Umstand, welcher dem gesamten Dienstpersonal bis Mitternacht freie Hand ließ. Wiewohl wir über das ganze Haus verfügen konnten, hatte unser Wirt dennoch vorgezogen, uns oben in seinem Zimmer zu empfangen, was ich vollkommen billigte, denn wie der gute Lafontaine, so danke auch ich in solchen Fällen für ein Vergnügen, »das getrübt wird durch die Furcht«. Und solche Dachräume wie die am Vendômeplatz konnte man sich, weiß Gott, gefallen lassen! Ueber den Fliesboden war ein Filzteppich gebreitet; das Bett stand in einem Alkoven, den ein rotgestreifter algerischer Vorhang den Blicken entzog; auf dem Kamin prangte eine Pendüle mit grüner Marmorgruppe, und zwei schöne Lampen beleuchteten das Ganze. Herr Chalmette, unser Dekan in Dijon, hatte keine elegantere Wohnung. – Etwa um Neune brachte mich der alte Francis des Herrn von Monpavon hin, und ich muß bekennen, daß mein Eintritt allgemeines Aufsehen erregte, sintemal mir der Ruf meiner akademischen Vergangenheit, sowie auch meiner höflichen Manieren und meiner gründlichen Kenntnisse vorauseilte, wobei mein einnehmendes Aeußere noch ein übriges that, denn das muß man mir schon lassen, ich weiß zu repräsentieren. Herr Noël, der im schwarzen Frack, mit seiner dunklen Hautfarbe und den Bartkoteletten höllisch fein aussah, kam uns entgegen.

»Seien Sie mir willkommen, Herr Passajou,« sagte er zu mir.

Dann nahm er mir meine Dienstmütze mit silberner Borte ab, die ich, wie es die Sitte heischt, beim Eintreten in der rechten Hand trug, und hielt sie einem kolossalen Mohren in roter und goldner Livree hin: »Da, Achmed, nimm das . . . und das,« fügte er scherzweise hinzu, indem er ihm einen Fußtritt auf einen gewissen Körperteil versetzte.

Nachdem über diesen witzigen Einfall sehr gelacht worden, entspann sich ein gemütliches Gespräch.

Wirklich ein lieber Mensch, dieser Noël, mit seinem südlichen Accent, seinem sicheren Auftreten und seinem kurz angebundenen, einfachen Wesen. Er hat etwas vom Nabob, die distinguierten Manieren natürlich abgerechnet. Ueberhaupt habe ich an jenem Abend die Beobachtung gemacht, daß derlei Aehnlichkeiten bei Kammerdienern häufig vorkommen, da dieselben mit ihrem Herrn, der ihnen immer mehr oder weniger als Ideal vorschwebt, so viel verkehren, daß sie sich schließlich einen Teil seiner Absonderlichkeiten und Angewöhnungen aneignen. Wenn, zum Beispiel, Herr Francis sich der ganzen Breite nach in die Brust wirft und jeden Augenblick einen Arm aufhebt, um seine Manschetten zurechtzuziehen, so gleicht er Monpavon wie ein Ei dem andern. Einer, der indessen seinem Herrn nicht ähnlich sieht, das ist Joë, Dr. Jenkins' Kutscher. Hier nenne ich ihn Joë, aber dort nannten sie ihn alle Jenkins, denn in diesen Gesellschaftskreisen legt sich das Stallpersonal gegenseitig den Namen der Herrschaft bei und tituliert sich kurzweg Bois-Landry, Monpavon und Jenkins. Soll der Dienstgeber dadurch erniedrigt, oder der Dienstbote erhöht werden? Jedes Land hat eben seine besondren Gebräuche, an denen bloß ein Dummkopf Anstoß nehmen kann. Aber um auf jenen Joë Jenkins zurückzukommen, wie ist es nur möglich, daß ein so charmanter und in jeder Beziehung musterhafter Mann wie der Doktor eine solche Porter- und Gin-Bestie in seinem Dienste duldet, die sich stundenlang schweigend volltrinkt und dann, sowie die Getränke ihre Wirkung thun, zu randalieren anfängt und einen jeden niederboxen will, wie dies aus dem skandalösen Zwischenfalle zu entnehmen ist, der sich kurz vor unsrem Erscheinen zugetragen hatte. Der kleine Groom des Marquis, Tom Bois-Landry, wie sie ihn hier nennen, hatte sich nämlich dem ungeschlachten Irländer gegenüber einen harmlosen Scherz erlaubt, den dieser mit einem furchtbaren Belfaster Faustschlag mitten ins Gesicht des Pariser Gelbschnabels erwiderte.

»Vierbeinige Wurst? Ich eine vierbeinige Wurst?« wiederholte der Kutscher, vor Wut fast erstickend, indessen sein schuldloses Opfer ins Nebenzimmer getragen wurde, wo die Damen demselben kalte Umschläge auf die Nase applizierten. Doch über ein kurzes hatte sich der Sturm wieder gelegt, sowohl infolge unsres Erscheinens, wie auch der weisen Ermahnungen Herrn Barreaus, eines bejahrten Mannes, dessen gesetztes, würdevolles Wesen mich an mich selber erinnert. Herr Barreau ist des Nabobs Koch, ein früherer Chef de cuisine des Café anglais, den Cardailhac, der Direktor des Nouveauté Theaters, seinem Freunde zugeführt hat. Wie er so dastand, im Frack und in der weißen Halsbinde, mit seinem schönen, vollen, glattrasierten Gesichte, hätte man ihn für einen der großen Würdenträger des Reiches halten können. Freilich, in einem Hause, wo jeden Mittag, das Dejeuner der gnädigen Frau nicht einmal mit eingerechnet, für dreißig Personen gedeckt, und wo alles nur mit extrafeinen Leckerbissen abgespeist wird, da ist ein Koch etwas andres als ein gewöhnlicher Rindfleischabsieder. Er bezieht eine Oberstengage und bei freier Station obendrein seine Sporteln; und was die ausmachen in so einem Hause, davon hat man gar keinen Begriff. Auch behandelte ihn jedermann respektvoll und mit der Rücksicht, die ein Mensch in solcher Stellung beanspruchen darf, »lieber Herr Barreau« hinten, »lieber Herr Barreau« vorn – denn man bilde sich nur ja nicht ein, daß die Dienstboten eines großen Hauses alle du und du miteinander sind: nirgends wird die Rangordnung pünktlicher eingehalten. So habe ich bei Herrn Noëls Soirée recht wohl gemerkt, daß weder die Kutscher mit den Stallknechten wie mit ihresgleichen verkehrten, noch die Kammerdiener mit den Lakaien und Jägern, gerade wie der Silberbewahrer und der Haushofmeister sich von dem gewöhnlichen Küchenpersonale fernhielten. Auch war es ein Vergnügen, den diensteifrigen Beifall mit anzusehen, der jedem noch so unscheinbaren Witz des Herrn Barreau von seiten seiner Untergebenen gezollt wurde. Nicht daß ich an dergleichen etwas auszusetzen fände: o nein! Ich halte es im Gegenteil mit unserm Dekan, der zu sagen pflegte, eine Gesellschaft ohne Rangordnung sei ein Haus ohne Treppe, und habe die Sache nur erwähnt, weil sie mir in diese meine Denkwürdigkeiten hinein zu gehören scheint.

Die Soirée erfreute sich, wie ich wohl nicht eigens zu versichern brauche, ihrer vollen Pracht erst bei der Rückkehr ihrer schönsten Zierde, der Damen, die Tom Bois-Landry in die Kur genommen hatten: Kammerzofen mit glänzenden, pomadisierten Frisuren, Wirtschafterinnen in reichbebänderten Hauben, Negerweiber, Kinderfrauen – kurzum, eine brillante Gesellschaft, in der ich mir sofort eine sehr angesehene Stellung verschaffte, sowohl durch mein ehrbares Betragen, wie auch durch das Prädikat »Onkel«, mit dem mich die jüngeren unter diesen liebenswürdigen Personen auszuzeichnen so freundlich waren. Die seidenen Kleider, die Spitzen sahen zwar nicht zum frischesten aus, der Samt war etwas spiegelig, die achtknöpfigen Handschuhe mehrfach gewaschen und die Parfüms waren offenbar vom Putztische der Gnädigen gegrapst – aber auf den Gesichtern malte sich die Zufriedenheit; jedermann war nur darauf bedacht, sich zu unterhalten, und bald hatte ich mich in einem recht lustigen kleinen Winkel festgesetzt, in allen Ehren, versteht sich, wie es einem Manne von meinem Schlage geziemt. Ueberhaupt herrschte bei dieser Soirée im großen und ganzen ein solider Ton; bis gegen Ende der Mahlzeit vernahm ich keine jener unschicklichen Redensarten oder skandalösen Geschichten, an denen unsre Herren vom Verwaltungsrate so viel Wohlgefallen finden, und ich darf, um nur dies eine Beispiel herauszugreifen, mit einiger Genugtuung die Thatsache feststellen, daß Bois-Landry, der Kutscher, ein anständigerer Mensch ist, als Bois-Landry, der Herr. Nur Herr Noël stach etwas ab durch sein burschikoses Wesen und seine sprudelnde Schlagfertigkeit. Ein Blatt nimmt der nicht vor den Mund, wenn es die Dinge beim rechten Namen zu nennen gilt.

»Du Francis,« rief er zum Exempel ganz laut von einem Ende des Salons bis zum andern hinüber, »dein alter Spitzbube hat uns diese Woche wieder einmal schön übers Ohr gehauen!«

Da Francis hierauf Miene machte, seine gekrönte Würde herauszukehren, fing Herr Noël zu lachen an: »Nichts für ungut, alte . . . Der Geldschrank kann's aushalten. Ihr werdet ihn doch nie leer pumpen.«

Und bei dieser Gelegenheit hat er uns die von mir bereits erwähnte Geschichte von dem Fünfzehn-Millionen-Darlehen erzählt.

Unterdessen wollte es mich nachgerade doch wunder nehmen, daß für jenes Souper, welches die Einladungskarten in Aussicht gestellt hatten, noch immer keine Vorbereitungen getroffen wurden, aber eine meiner reizenden Nichten, der ich meine Besorgnis darüber im Flüstertone mitteilte, gab mir zur Antwort: »Man wartet noch auf Herrn Louis.«

»Auf Herrn Louis?«

»Was? Sie kennen Herrn Louis nicht, den Kammerdiener des Herzogs von Mora?«

Und nun erteilte man mir nähere Auskunft über diese einflußreiche Persönlichkeit, um deren Protektion Präfekten, Senatoren, ja sogar Minister sich bewarben – jedenfalls eine recht gepfefferte Protektion, weil Herr Louis bei einem fixen Gehalt von zwölfhundert Franken fünfundzwanzigtausend Franken Renten zusammengespart hat, seine Töchter im Sacre-Coeur und seinen Sohn im Collège Bourdaloue erziehen läßt, und obendrein eine kleine Villa in der Schweiz besitzt, wo die ganze Familie ihre Ferienzeit zubringt.

Kurz darauf hielt er seinen Einzug; aber sein Aeußeres hätte keineswegs auf eine Stellung schließen lassen, die in Paris einzig in ihrer Art war: in der ganzen Erscheinung von Erhabenheit keine Spur; ein bis zur Halsbinde in seine Weste eingeknüpfter schmächtiger Mensch mit frechem Gesichte und einer Sprechweise, deren Eigentümlichkeit darin bestand, daß er kaum die Lippen bewegte, was eine große Rücksichtslosigkeit ist gegen die, welche einem zuhören sollen.

Er begrüßte die Versammlung mit einem leichten Nicken des Kopfes, reichte Herrn Noël den einen Finger, und noch starrten wir, ganz verblüfft von diesem hochfahrenden Auftreten, einander an, als plötzlich im Hintergrunde eine Thüre aufging und wir den von zwei flammenden Kandelabern beleuchteten Tisch voll ausgesuchter kalten Fleischspeisen, Obstpyramiden und Flaschen jeder Façon erblickten.

»Die Damen zu Tische führen, meine Herren!« rief unser Wirt.

So war denn binnen einer Minute alles in schönster Ordnung: die ältesten oder Behäbigsten unter uns hatten sich zu den Damen hingesetzt; die übrigen standen herum, aufwartend, plaudernd, aus allen Gläsern trinkend und von allen Tellern etwas wegschnappend. Mein nächster Nachbar war Herr Francis, und ich kam ihm gerade recht, um die Ausfälle seines Grolles auf Herrn Louis anzuhören; er beneidete diesen nämlich um seine schöne Stelle, neben welcher seine eigne bei dem abgehausten Marquis doch ziemlich untergeordnet erschien.

»Der reine Parvenu,« flüsterte er mir ins Ohr. »Verdankt alles seiner Frau, der Madame Paul.«

Diese Madame Paul, die nun schon seit zwanzig Jahren beim Herzog Wirtschafterin ist, soll sich nämlich wie keine zweite mehr auf die Zubereitung einer gewissen Salbe für ein kleines Gebrechen Moras verstehen, und aus diesem Grunde ist sie ihm unentbehrlich. Herr Louis hat also in Anbetracht dessen der alten Dame die Cour gemacht, hat sie, wiewohl er viel jünger ist als sie, geheiratet; und um seiner barmherzigen Schwester mit ihrer Salbe nicht verlustig zu gehen, hat die Excellenz den Herrn Gemahl als Kammerdiener zu sich genommen. Trotzdem ich Herrn Francis zu Gefallen redete, fand ich die Sache eigentlich ganz in der Ordnung und der gesundesten Moral entsprechend, sintemal der Bürgermeister und der Herr Pfarrer Amen dazu gesagt hatten. Auch war ich so wie so infolge der köstlichen Mahlzeit mit all ihren feinen und äußerst kostspieligen Speisen, die ich nicht einmal dem Namen nach kannte, nachsichtig gestimmt und gut gelaunt. Diese Gemütsstimmung war indessen keine allgemeine, denn mir gegenüber ließ sich der grollende Herr Barreau in seinem Brummbaß also vernehmen: »Ich möchte wirklich wissen, was ihn das angeht? Stecke denn ich etwa die Nase in seine Dienstangelegenheiten hinein? Und dann, wenn sich jemand drein zu mischen hätte, so wäre es Bompain, und nicht er. Und überhaupt, was ist denn so Besondres los? Was wird mir vorgeworfen? Jeden Morgen schickt mir der Metzger fünf Körbe mit Fleisch. Davon verwende ich bloß zwei und lasse mir das übrige wieder von ihm abkaufen! Ja, wo ist denn der Küchenchef zu finden, der's nicht so hält? Da thäte dieser Mensch doch wahrhaftig besser daran, auf die großartige Stoffvergeudung im ersten Stock sein Augenmerk zu richten, anstatt in meinem Souterrain herumzuschnüffeln. Wenn ich bedenke, daß droben in drei Monaten achtundzwanzigtausend Franken in Cigarren verraucht worden sind. . . . Fragen Sie nur Noël, ob's gelogen ist! . . . Und oben im zweiten Stock, bei der Gnädigen, da ist erst ein rechtes Durcheinander von Weißzeug und von Kleidern, die man ein einziges Mal getragen und dann beiseite geworfen hat, von herumfahrenden Juwelen und von Perlen, die am Fußboden zertreten werden. . . . Aber nur Geduld! Ich will ihm schon kommen, dem Gelbschnabel!«

Es handelte sich hier offenbar um Herrn von Géry, des Nabobs jungen Sekretär, der bei der Territorialen häufig vorspricht und dann immer in allen Büchern herumstöbert. Ein exquisit höflicher Mensch, das muß man ihm lassen, nur zu stolz, um sich ins rechte Licht zu setzen. Um den ganzen Tisch herum ist sofort ein wahrer Sturm von Verwünschungen über ihn losgebrochen, und Herr Louis selber hat bei dieser Gelegenheit mit seiner gewohnten Gönnermiene das Wort ergriffen: »Bei uns, lieber Herr Barreau, ist dem Koch ganz vor kurzem eine ähnliche Geschichte mit dem Kabinettschef Seiner Excellenz passiert, der sich erlaubt hatte, ihm einige Bemerkungen über die Tafelausgaben zu machen. Unser Koch, nicht faul, steigt, wie er eben geht und steht, zum Herzog hinauf, stemmt die Hand in den Bund seiner Küchenschürze und sagt: ›Excellenz mögen zwischen dem Herrn und mir wählen!‹ Der Herzog war kurz entschlossen. Kabinettschefs laufen zu Dutzenden herum; die guten Küche aber lassen sich zählen, es sind im ganzen ihrer vier hier in Paris – Sie natürlich mitgerechnet, lieber Barreau – und so haben wir denn unserm Kabinettschef den Laufpaß gegeben, mit einer Präfektur erster Klasse als Entschädigung; unsern Küchenchef aber haben wir behalten.«

»Das ist es ja eben,« sagte Barreau, von der Erzählung dieses Vorfalls hingerissen: »Das ist das Schöne daran, bei einem Kavalier zu dienen! Aber was wollen Sie? Emporkömmlinge sind einmal Emporkömmlinge. . . .«

»Und Jansoulet ist ein Emporkömmling, weiter nichts,« setzte Herr Francis hinzu, indem er seine Manschetten zurechtzog. »Ein Mensch, der in Marseille Kornsäcke trug! . . .«

Jetzt loderte aber Herr Noël auf: »Gemach, alter Schwede! Ihr seid doch gar froh an ihm, wenn er euch eure gottverdammten Spielschulden zahlt, der Mann mit den Kornsäcken! . . . Kannst sie mit der Laterne suchen, die Emporkömmlinge von unserm Schlag, die Königen Millionen leihen und von Kavalieren wie Mora ohne Bedenken zu Tisch geladen werden! . . .«

»Aber nur auf dem Lande!« fiel Herr Francis mit höhnischem Lachen ein, wobei sein einziger noch übriger Vorderzahn zum Vorschein kam.

Hierauf stand der andre vom Tische auf, ganz rot im Gesichte, und war im Begriffe, ernstlich böse zu werden; aber Herr Louis winkte ihm zu, als wolle er eine Rede halten, und sofort nahm Herr Noël wieder Platz und spitzte die Ohren wie wir alle, um von den erhabenen Worten nur ja keins zu überhören.

»Allerdings,« begann der Gefeierte in seinem nachlässigen Flüstertone, indem er hin und wieder aus seinem Weinglase nippte, »allerdings haben wir vorige Woche den Nabob in Grandbois empfangen. Es hat sich damals sogar etwas recht Drolliges zugetragen. In unserm hinteren Park gibt es nämlich viele Schwämme, und Seine Excellenz vertreiben sich oft die Zeit damit, welche zu sammeln. Nun wird beim Diner eine große Schüssel mit Champignons serviert. Geladen war . . . Dingsda . . . na, wie heißt er denn gleich? . . . Ach ja! Der Minister des Innern, Marigny, Monpavon und Ihr Herr, lieber Noël. Die Champignons werden herumgereicht – sahen auch recht appetitlich aus – und jeder nimmt davon eine schöne Portion auf seinen Teller, nur der Herr Herzog nicht, der sie schlecht verdaut und sich, der Form halber, entschuldigen zu müssen glaubt: ›Legen Sie mir's ja nicht aus, als ob ich etwa Mißtrauen hätte! . . . Gefahr ist gewiß keine dabei, denn ich habe sie mit eigner Hand gesammelt.‹

»›Teufel auch!‹ meint Monpavon lachend, ›nach diesem Geständnis, lieber Henri, werden Sie mir wohl gestatten, auf den Genuß zu verzichten.‹

»›Aber, Monpavon, wo denken Sie hin?‹ sagt der weniger intime Marigny mit einem schiefen Blick auf seinen Teller. ›Sie sehen vollkommen unschuldig aus, diese Champignons; mir dürfen Sie's glauben und es thut mir wirklich leid, daß ich nicht mehr bei Appetit bin.‹

»›Und Sie, Herr Jansoulet,‹ beginnt jetzt der Herzog, der ein ganz ernstes Gesicht machte, ›Sie werden mir doch nicht auch einen Korb geben, will ich hoffen . . . Champignons, die ich selber ausgesucht habe! . . .‹

»›O Gott bewahre, Excellenz! . . . Ich greife blindlings zu.‹

»Ein guter Anfang, das muß ich sagen, für den armen Nabob, der zum erstenmale bei uns speiste! Duperron, der ihm gegenüber servierte, hat's uns im Bedientenzimmer erzählt. Nichts muß komischer gewesen sein, als mit anzusehen, wie Jansoulet mit rollenden, entsetzten Augen seine Champignons hinunterschlang, während ihm die andern, ohne ihren Teller zu berühren, neugierig zuschauten. Dem Unglücklichen brach der Schweiß darüber aus! Und was noch das Beste an der Sache ist, er hat, ja, er hat den Mut gehabt, eine zweite Portion zu verzehren. Allerdings schüttete er zu jedem Bissen ein Glas Wein in sich hinein, wie ein Maurer. . . . Aber meine Herrschaften, von einer ernsteren Seite angesehen war dieses Verfahren ein äußerst pfiffiges, und jetzt nimmt es mich auch nicht mehr wunder, daß sich dieser dicke Ochsentreiber bei regierenden Fürsten in Gunst gesetzt hat. Er weiß, wo man sie anfassen muß, nämlich bei jenen kleinen Liebhabereien, auf die man sich etwas zu gute thut, ohne es eingestehen zu wollen. . . . Genug, seit jenem Diner thut der Herzog wie närrisch mit ihm.«

Diese kleine Geschichte wirkte sehr erheiternd und verscheuchte die Wolken, die eine unbedachte Aeußerung heraufbeschworen hatte. Und nun, da der Wein die Zunge löste und man auch näher bekannt geworden war, legte man die Ellenbogen ganz ungeniert auf den Tisch, diskutierte über die Herrschaften, die jetzigen und die früheren, und gab seine drolligen Beobachtungen zum besten. O, was habe ich da nicht alles zu hören bekommen, und wie wunderliche Haushaltungen habe ich an mir vorbeidefilieren sehen! Natürlich habe auch ich einen kleinen Knalleffekt erzielt mit meiner Speisekammer bei der Territorialen, zur Zeit, wo ich meine paar Brocken im leeren Geldschrank aufbewahrte, was unsern alten, immer an der Form festhaltenden Kassierer nicht verhinderte, jeden andern Tag die Chiffern des Verschlusses umzusetzen, als hätte er alle Schätze der Staatsbank zu hüten gehabt. Selbst Herr Louis schien an dieser meiner Geschichte einiges Wohlgefallen zu finden. Das Staunenswerteste aber war, was uns der kleine Bois-Landry in seinem Pariser Gassenjungenjargon über die Verhältnisse seiner Herrschaft berichtet hat, – Marquis und Marquise von Bois-Landry, Boulevard Haußmann zweite Etage: ein Mobiliar wie in den Tuilerieen, blaue Atlasdraperieen an allen Wänden, dazu chinesische Nippsachen, Gemälde, Kunstgegenstände bis auf den Vorplatz hinaus, die reine Weltausstellung, und eine Bedienung aus dem ff, sechs Lakaien in kastanienbrauner Winter- und nankinggelber Sommerlivrée. Diese Leute machen alles mit, Festlichkeiten bei Hofe, Pferderennen, erste Aufführungen, Gesandtschaftsbälle, und werden regelmäßig in den Zeitungen erwähnt mit einer kleinen Bemerkung über die schönen Toiletten der gnädigen Frau und den verblüffenden »Chic« des gnädigen Herrn. . . . Aber hast du's gehört! das ist alles weiter gar nichts als Larifari, versilbertes Blech, Schwindel, und wenn der Marquis ein Fünffrankenstück braucht, so würde es ihm kein Mensch gegen eine Hypothek auf seine Besitzungen borgen. Das Mobiliar ist auf vierzehntägige Kündigung bei Fitily, dem Tapezier der Kokotten, gemietet. Die Bilder und Antiquitäten gehören dem alten Schmalbach, der seine Kunden hinschickt und die Sachen doppelt so teuer verkauft, weil man ja bei einem Marquis und Kunstfreund immer nur feste Preise voraussetzt. Die Toiletten der Marquise werden ihr für jede Saison von den Modistinnen und Kleidermacherinnen auf Pump geliefert, um die neuen Moden in Schwung zu bringen, die sich zwar oft ein wenig verrückt ausnehmen, aber denen sich die große Welt nichtsdestoweniger fügt, weil die Gnädige noch immer eine schöne Erscheinung ist und für einen Ausbund von Eleganz gilt. Und endlich die Lakaien? Die sind, wie das Ganze, provisorisch und werden alle acht Tage umgetauscht, wie es gerade den Dienstvermittelungsagenturen beliebt, die ihre Neulinge dort einem Vorbereitungsprozeß für ernstgemeinte Stellen unterwerfen. Wer weder einen Gewährsmann noch Zeugnisse aufzuweisen hat, wer aus einer Strafanstalt oder dergleichen hergelaufen kommt, der wird von Glanand, dem bekannten Vermieter aus der Rue de la Paix, nach dem Boulevard Haußmann dirigiert. Dort dient man dann seine acht bis vierzehn Tage ab, worauf einem als Gegenleistung ein gutes Zeugnis vom Marquis ausgestellt wird, der einen natürlich nicht bezahlt und auch kaum nährt, denn in diesem Haushalte bleibt der Küchenherd immer kalt, sintemal die Herrschaft fast jeden Abend zu Tisch geladen ist oder zu Bällen, wo soupiert wird. – Ja, es ist thatsächlich erwiesen, daß es in Paris Leute gibt, für die das Buffett eine Lebensfrage bildet und die ihre erste Mahlzeit erst nach Mitternacht einnehmen. So sind z. B. Bois-Landrys in der Büffettkunde sehr bewandert und könnten jedem die Auskunft erteilen, daß man im österreichischen Gesandtschaftshotel sehr gut speist, daß die spanische Gesandtschaft ihren Keller etwas vernachlässigt, und daß man im Ministerium des Auswärtigen immer noch die besten Geflügelpasteten bekommt. Und so wirtschaftet dieses Ehepaar weiter. Es ist nichts an den beiden, was niet- und nagelfest wäre, alles bloß zu Faden geschlagen oder mit Stecknadeln angeheftet. Beim ersten Windstoß stiebt der ganze Plunder auseinander. Aber dafür haben sie wenigstens die Gewißheit, nichts verlieren zu können, und eben das gibt dem Marquis jene schwadronierende Zuversicht, mit der er, die Hände in den Hosentaschen, in die Welt hinausschaut, als ob er sagen wollte: »Nun, was weiter? Wer kann mir etwas anhaben?«

Und die bezeichnete Haltung annehmend, kopierte der kleine Groom mit seinem greisen- und lasterhaften Kinderkopf seinen Herrn so täuschend, daß ich ihn leibhaftig vor Augen zu haben glaubte, mitten in unserm Verwaltungsrat, vor den Gouverneur hingepflanzt, um ihn mit seinen cynischen Witzen in Grund und Boden zu bohren. Aber gleichviel, das muß man Paris schon lassen, daß es ganz verteufelt großstädtisch ist, weil man fünfzehn, zwanzig Jahre so drin leben kann, von Kniffen, Scheinmanövern und Spiegelfechtereien und dabei nicht einmal von aller Welt durchschaut wird, ja sogar noch wie ein Sieger in alle Salons einzieht hinter dem dröhnend vorausposaunten Namen: der Herr Marquis von Bois-Landry!

O, es ist erstaunlich, wie man bei einer Dienstbotensoirée seine Kenntnisse bereichern kann und wie kurios sich die Pariser Gesellschaft ausnimmt, so von unten, von den Küchensouterrains aus betrachtet! Man muß wahrhaftig dabei gewesen sein, um's zu glauben. So hab' ich zum Beispiel, während ich zufällig zwischen Herrn Francis und Herrn Louis dastand, folgendem Bruchstück einer vertraulichen Unterhaltung über den sehr edlen Herrn von Monpavon zugehört: »Es ist doch unrecht von euch, Francis!« sagte Herr Louis. »Da ihr gegenwärtig bei Kasse seid, solltet ihr die Gelegenheit ergreifen und dem Fiskus die Summe zurückerstatten.«

»Ja, was wollen Sie,« entgegnete Herr Francis mit jämmerlicher Miene, »uns zehrt unsre Spielwut rein auf.«

»Weiß schon; aber nehmt euch in acht! Wir werden nicht ewig oben bleiben; wir können mit Tod abgehen, können unser Amt niederlegen. Dann wird man euch höheren Ortes zur Rechenschaft ziehen und der Teufel ist los!«

Ich hatte schon sehr oft über eine Zwangsanleihe von zweimalhunderttausend Franken murmeln hören, deren sich der Marquis dem Staat gegenüber schuldig gemacht haben soll, als er noch Generaleinnehmer war; aber das Zeugnis seines Kammerdieners fiel noch ganz anders ins Gewicht, als jenes Gerede. . . . O, wenn die Herrschaften eine Ahnung davon hätten, was die Dienerschaft von ihnen weiß und was im Bedientenzimmer alles erzählt wird, wenn sie sehen könnten, wie ihr Name dort unter dem Kehricht und den Küchenabfällen herumfährt – sie hätten nicht einmal mehr die Courage, zu sagen, »Jean, machen Sie drüben die Thür zu!« oder: »Jean, lassen Sie anspannen!« Da ist zum Exempel Dr. Jenkins, der die vornehmste Praxis von ganz Paris und seit zehn Jahren auch eine prächtige Frau hat, die von allen Seiten Huldigungen empfängt; alles hat er aufgeboten, um den wahren Sachverhalt zu vertuschen, hat falsche Vermählungsanzeigen herumgeschickt, hat bloß solche Dienstboten bei sich aufgenommen, die als Ausländer kaum drei Worte französisch konnten – aber siehe da! vermittelst dieser drei Worte und einer kleinen pikanten Zugabe von Proletarierflüchen und Faustschlägen auf den Tisch hat uns sein Kutscher Joë, der ihn nicht ausstehen kann, die ganze Geschichte beim Souper klargelegt: »Mit nächstem wird sie ins Gras beißen, die Irländerin nämlich, seine wirkliche Frau. Jetzt fragt sich's, ob er die andre heiraten wird. . . . Fünfundvierzig Jahre alt, Mrs. Maranne, und keinen Heller im Vermögen. . . . Hat auch nicht wenig Angst, sitzen gelassen zu werden! . . . Heiraten – nicht heiraten – ätsch! ätsch! . . . Wird was zum Lachen geben! . . .«

Und je mehr man ihm einschenkte, desto mehr brachte er vor und riß seine Herrin herunter, daß kein guter Fetzen an ihr blieb. Ich, für mein Teil, muß gestehen, daß sie mir leid that, diese falsche Frau Jenkins, die zahllose heimliche Thränen vergießt und bittet und fleht wie ein Opfer vor dem Henker, um schließlich vielleicht doch den Laufpaß zu bekommen, während alle Welt sie für eine verheiratete, respektabel versorgte Dame hält. Die andern wußten bloß darüber zu lachen, namentlich die Weiber. Mein Gott! Wenn man dienen muß, macht es einem eben Spaß, zu sehen, daß es für die Haute-volée auch Demütigungen gibt und Seelenqualen, die den Schlaf verscheuchen.

Unsre Tafel bot in diesem Moment den belebtesten Anblick, und alle die heiteren Gesichter waren auf den Irländer gerichtet, der mit seinen Enthüllungen Furore machte. Man beneidete ihn förmlich darum und suchte und wühlte in seinen Erinnerungen nach irgend einer alten Skandalgeschichte, nach Anekdoten von betrogenen Ehemännern, nach jenen intimen Beobachtungen, wie sie zwischen den abgetragenen Schüsseln und den halbleeren Flaschen auf die Küchentische ausgeschüttet werden. In den Köpfen der Gäste fing der Champagner schon an sein Unwesen zu treiben. Joë erbot sich, auf der Tafel einen Nationaltanz auszuführen. Die Damen warfen sich, sobald nur ein einigermaßen lustiges Wort fiel, auf ihren Sesseln zurück, lachten und kicherten hysterisch, als ob sie gekitzelt würden, und ließen ihre gestickten Röcke achtlos in den vom Tische gefallenen Speiseresten schleifen. Herr Louis hatte sich in aller Stille entfernt. Schon wurden die gefüllten Gläser nicht mehr ausgetrunken, und eine von den Wirtschafterinnen hatte sich sogar Wasser in das ihrige eingeschenkt und tauchte ihr Taschentuch ein, um sich die Stirn damit zu kühlen, weil sich, wie sie selbst erklärte, alles mit ihr herumdrehte. Es war hohe Zeit, der Sache ein Ende zu machen, und eben gab uns auch ein schrilles elektrisches Glockenzeichen vom Korridor her die Weisung, daß der dienstthuende Lakai vom Theater zurückgekommen sei, um die Kutscher hin zu beordern. Hierauf brachte Monpavon einen Toast auf den Hausherrn aus, dem er für die hübsche Soirée dankte. Herr Noël erwiderte, daß er in Saint-Romans abermals eine solche zu arrangieren beabsichtigte, wohin bei Anlaß der Festlichkeiten zu Ehren des Beys wohl die meisten der hier Versammelten geladen sein würden. Nun schickte auch ich mich an, das Wort zu ergreifen, denn ich habe schon zu viel Gesellschaftsessen miterlebt, um nicht zu wissen, daß dem Neuesten unter den Anwesenden die Pflicht zufällt, ein Hoch auf die Damen auszubringen. Da wurde plötzlich die Thür aufgerissen, und ein langer Lakai mit einem triefenden Regenschirm in der Hand, über und über mit Kot bespritzt und in Schweiß gebadet, rief atem- und rücksichtslos hinein: »Na wird's bald, ihr Maulaffen allesamt? . . . Was lungert ihr noch da herum, wenn ihr doch einmal hört, daß es aus ist mit eurem Jux?«

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