Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alphonse Daudet >

Der Nabob. Band 2

Alphonse Daudet: Der Nabob. Band 2 - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleDer Nabob. Band 2
publisherVerlag J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 21
year1888
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060924
modified20140408
projectid19ad8275
Schließen

Navigation:

Neuntes Kapitel

Großmütterchen

Dreimal in der Woche begab sich Paul von Géry, sobald es Abend wurde, zu Herrn Joyeuse, um sich in der Buchhaltung unterrichten zu lassen. Die Lektionen wurden im Speisezimmer erteilt, welches an jenen kleinen Salon stieß, wo der junge Mann bei seinem ersten Erscheinen die Familie beisammen getroffen hatte. So kam es denn auch, daß er, während sein Blick auf der weißen Halsbinde seines Lehrers ruhte, und er immer tiefer in die Geheimnisse von Soll und Haben eindrang, unwillkürlich zugleich jedem kleinen Geräusch des fleißigen Waltens nebenan lauschte und sich zurücksehnte nach dem Bilde von damals, nach den hübschen, über den beleuchteten Arbeitstisch geneigten Köpfchen.

Herr Joyeuse aber sprach nie über seine Töchter. Eifersüchtig auf ihre Anmut und Liebenswürdigkeit wie ein Drache, der einen Turm voll schöner Prinzessinnen hütet, fertigte er seinen Schüler, so oft dieser sich nach den jungen Damen erkundigte, mit einer ziemlich trockenen Antwort ab. Endlich gab der junge Mann das Fragen auf. Nur darüber wunderte er sich, daß er jenes Großmütterchen nie zu Gesicht bekam, dessen Name bei jeder Gelegenheit, auch wenn Herr Joyeuse von den geringfügigsten Einzelheiten seines Lebens sprach, immerfort wiederkehrte und das als Sinnbild der Ordnung und des häuslichen Friedens über der ganzen Familie zu schweben schien. Bei einer ehrwürdigen Dame, welche doch längst über die Jahre hinaus sein mußte, in denen man jungen Männern den Kopf verdrehen kann, kam ihm eine solche Zurückhaltung denn doch übertrieben vor. Im übrigen war der Unterricht vortrefflich. Der Lehrer wußte alles recht klar und anschaulich darzulegen, und an seiner Methode war nur das eine auszusetzen, daß er sich zuweilen in Kunstpausen vertiefte, die er selber wieder durch raketenartiges Aufschnellen und hervorsprudelnde Ausrufe unterbrach. Sonst war Joyeuse ein Musterpräzeptor, tüchtig, geduldig, geradeaus; Paul lernte bei ihm, sich in dem Labyrinth der Handelsbücher zurechtzufinden, und mehr verlangte er nicht.

Eines Abends gegen Neun, als der junge Mann sich eben verabschieden wollte, fragte ihn Herr Joyeuse, ob er ihm nicht die Ehre schenken möchte, im Familienkreis eine Tasse Thee mit ihm zu trinken. Diese »Tasse Thee« stammte noch aus der Zeit, da die arme Frau Joyeuse, geborne von St. Amant, jeden Donnerstag ihren Empfangsabend hatte. Seit ihrem Tode und dem darauf folgenden Systemwechsel hatten sich die früheren Hausfreunde verloren, aber die kleine Donnerstagsunterhaltung wurde nicht aufgegeben.

Nachdem Paul die Einladung angenommen hatte, that der gute alte Herr die Thüre auf und rief nach Großmütterchen. Sofort tönte vom Vorplatz her ein muntrer Schritt, und herein trat ein zwanzigjähriges Mädchen mit einem lebhaften, offenen Gesicht, das trotz seinem vorzeitig ernsthaften Ausdrucke, aus seinem dichten und dennoch duftigen Kranz von braunem Haar so jugendlich in die Welt hinausblickte, daß Paul von Géry sie fragend und staunend ansah.

»Großmütterchen . . . .«

»Freilich, so hat sie schon als Kind geheißen. In ihrem Rüschenhäubchen und dem gravitätischen Bewußtsein ihrer Erstgeburt machte sie ein so possierlich gesetztes Gesichtchen. . . . Wie ihre Großmutter schaute sie drein. Wir nennen sie nie anders.« Der Biedermann sagte das in einem überzeugten Ton, als hätte nichts in der Welt so naturgemäß zusammengepaßt, wie das Ahnenprädikat zu so viel jugendlichem Liebreiz – eine Meinung, von der auch seine ganze Umgebung durchdrungen zu sein schien, denn die übrigen Töchter, die, auf den Vater zueilend, sich um ihn herum gruppierten, beinahe wie unten im Schaukasten des Photographen, und die alte Magd, die im Salon, wohin man sich eben verfügt hatte, ein prachtvolles Theeservice, ein letztes Denkmal einstiger Herrlichkeit auftrug; alle redeten sie mit Großmütterchen an, ohne daß sie die Sache verdrossen hätte. Im Gegenteil, durch den gesegneten Namen erhielt die Zuneigung aller einen Beigeschmack von Respekt, der dem Mädchen schmeichelte und das Ansehen, in dem es stand, zum milden Walten eines Schutzengels verklärte.

Mochte nun diese Benennung, die ihm von frühester Kindheit auf teuer gewesen, schuld daran sein – auf Paul von Géry übte das junge Wesen einen unaussprechlichen Zauber aus. Wie verschieden war doch dieses Empfinden von jenem plötzlichen Stoß ins Herz, den er von einer andern empfangen hatte, und dessen betäubende Wirkung noch immer anhielt, oder von jener Befangenheit, mit welcher sich der Gedanke verband: Du mußt fliehen! Um jeden Preis – fliehen, als gälte es, einem dämonischen Bann zu entrinnen, und jener trüben Stimmung, die uns nach einer Ballnacht beschleicht: erloschene Leuchter, verklungene Weisen, zerstobener Duft. . . . Nein, wenn er dieses Mädchen betrachtete, wie sie so dastand und den Familientisch überwachte, überall nach dem Rechten sehend und ihre Kinder, ihre Enkelkinder, mit Augen voll werkthätiger Zärtlichkeit überschauend – da hätte er sie näher kennen, von jeher mit ihr befreundet sein mögen, um ihr Dinge anzuvertrauen, die er sonst nur sich selber eingestand, und als sie ihm jetzt in ungezwungener Natürlichkeit, weder mutwillig, neckisch, noch salonmäßig geziert, seine Tasse hinreichte, hätte er's gar gern mit den andern gehalten und in ein »Danke schön, Großmütterchen« alles hineingelegt, wovon sein Herz voll war.

Plötzlich wurde draußen so munter und kräftig angeklopft, daß die Gesellschaft auffuhr.

»Ah, da kommt Herr Maranne! Nur gleich eine Tasse her, Elise – und auch Backwerk, Yaja!« –

Fräulein Henriette, die drittälteste der jungen Damen, auf die sich etwas von der Prunksucht ihrer Mutter, der gebornen von St. Amand, vererbt hatte, eilte zum Klavier, um dort zu Ehren dieses außergewöhnlich zahlreichen Besuches die zwei Kerzen anzuzünden.

»Mit dem fünften Akt wär' ich zu Ende,« rief der neue Gast gleich unter der Thüre.

Doch beim Anblick des Fremden brach er etwas verdutzt ab und entschuldigte sich.

»Herr Paul von Géry, Herr André Maranne,« sagte Herr Joyeuse, indem er die beiden einander vorstellte – mit einer gewissen Feierlichkeit, denn er erinnerte sich dabei an die früheren Empfangsabende seiner Frau, und die zwei großen Lampen, die Vasen auf dem Kamin und die im Halbkreise gruppierten Fauteuils schienen auf diese Reminiscenz einzugehen, welche durch den heutigen ungewöhnlichen Zuspruch von Besuchern noch an Glanz und Leben gewann.

»Ihr Stück ist also fertig?«

»Fix und fertig, Herr Joyeuse, und ich denke es Ihnen nächstens vorzulesen.«

»Ach ja, Herr Maranne . . . ach ja,« riefen einstimmig die vier Mädchen.

Ihr Nachbar schrieb fürs Theater, und in diesem Kreise zweifelte niemand an seinem Erfolg. Die Photographie hingegen bot weniger Aussichten auf Erwerb. Die Kunden waren selten, und das Geschäft ging recht flau. Um nicht aus der Uebung zu kommen und den neuen Apparat nicht einrosten zu lassen, nahm André allsonntäglich die befreundete Familie wieder vor, die sich zu jedem Experiment mit unvergleichlicher Langmut hergab, denn alle setzten sie eine gewisse Eigenliebe in das Gedeihen dieser neugebackenen vorstädtischen Kunstindustrie; auch in den jungen Mädchen regte sich dabei jenes rührende Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, welches die Geringen dieser Welt verschwistert, daß sie aneinanderrücken, wie Sperlinge auf einer Dachkante. Uebrigens nahm André Maranne stets die unerschöpflichsten Illusionen, die hinter seiner großen Stirn wohnten, zu Hilfe, um, ohne bitter werden zu müssen, eine Erklärung für die Gleichgültigkeit des Publikums zu finden; einmal war's die ungünstige Jahreszeit, ein andermal klagte man ja allgemein über den Gang der Geschäfte, und so tröstete er sich denn immer wieder mit der einen Schlußbetrachtung: »Wenn ich nur erst meine ›Revolte‹ zur Aufführung gebracht haben werde . . .« Revolte war nämlich der Titel seines Stückes.

»Es ist geradezu unerklärlich,« meinte das jüngste Fräulein Joyeuse, ein Kind von zwölf Jahren, noch à la Chinoise frisiert – »es ist unerklärlich, mit einem so schönen Balkon vor dem Atelier . . .«

»Und in einem so verkehrsreichen Stadtviertel,« fährt Elise ganz zuversichtlich fort, worauf Großmütterchen mit einem feinen Lächeln erwidert, daß auf dem Boulevard des Italiens doch noch etwas mehr Verkehr sei.

»Ja, wenn er am Boulevard des Italiens sein Atelier hätte,« bemerkt Herr Joyeuse sehr nachdenklich und versinkt in einen Traum, aus dem er dann plötzlich mit einem Ruck auffährt, indem er ganz jämmerlich vor sich hinflüstert: »Wegen Konkurses geschlossen.« Binnen einer Minute hat unser schrecklicher Vorstellungsmensch seinen Freund in ein prachtvolles Atelier am Boulevard einquartiert, wo er Unsummen verdient, dabei aber seine Betriebskosten so unverhältnismäßig anwachsen läßt, daß, bevor einige Monate vergangen sind, ein grandioser Krach den Photographen und alles, was drum und dran hängt, verschlingt.

Trotzdem die Erzählung dieses Traumes ein gewaltiges Gelächter hervorruft, ist jedermann damit einverstanden, daß die St. Ferdinandstraße, wenngleich minder großartig als das Boulevard, doch mehr Sicherheit bietet, außerdem liegt sie dicht beim Bois de Boulogne, und wenn einmal die große Welt hier vorbeifährt. . . .

Diese große Welt, nach der sich schon die Mutter so sehr gesehnt, spukt Fräulein Henriette ganz gewaltig im Kopf und deshalb wundert es auch besagtes Fräulein, daß der Herr Nachbar über den Gedanken lachen muß, die Haute-volée in seinem fünf Treppen hohen Atelier zu empfangen, wo man sich kaum mehr rühren kann als unter einer Käseglocke.

»Vorige Woche ist doch ein Herrschaftswagen zu Ihnen hergefahren und vorhin haben Sie schon wieder sehr noblen Besuch gehabt. . . .«

»Jawohl, von einer sehr vornehmen Dame,« fiel Großmütterchen ein, »Wir standen gerade am Fenster und erwarteten den Papa, da haben wir sie aussteigen sehen, und als sie die Photographienauslage zu betrachten anfing, haben wir gleich geahnt, daß der Besuch Ihnen gelte.«

»Er galt allerdings mir,« sagte André etwas verlegen.

»Erst haben wir gefürchtet, sie möchte wieder weitergehen, wie so viele andre, wegen der fünf Treppen. Da hätten Sie sehen sollen, wie wir sie anstarrten, wir alle vier, um die Ahnungslose durch den Magnetismus unsrer acht Augen hereinzulocken, wie wir an den Federn ihres Hutes und am Pelze ihres Mantels ganz sachte zogen und zogen: ›Ei so kommen Sie doch, gnädige Frau, immer näher!‹ . . . Zu guter Letzt ist sie auch eingetreten.« Es liegt wirklich eine magnetische Kraft in den Augen, die vom Wohlwollen beseelt sind! Magnetische Kraft, die war ihr freilich nicht abzusprechen, dem lieben Wesen, nur lag diese Kraft nicht nur im unbestimmten Farbenspiele ihrer Augen, die wie der Himmel ihrer Pariser Heimat lachten und trauerten, sie lag auch noch in ihrer Stimme, im Faltenwurf ihres Kleids, ja selbst in der langen Locke, welche ihren plastisch schlanken und zierlichen Hals überschattete, und die auch anzog mit ihrer ins Blonde hinüberschillernden, auf flinkem Finger geringelten Spitze.

Während die Herren, nachdem der Thee serviert war, noch weiter plauderten und tranken, denn Papa Joyeuse brauchte infolge seiner improvisierten Abstecher nach dem Monde zu allen Verrichtungen sehr viel Zeit, gingen die Mädchen an ihre Arbeit. Der Tisch bedeckte sich mit Weidenkörbchen, mit Stickereien, mit hübschen Wollsträngen, deren glänzende Farben die verblichenen Blumen des alten Teppichs verjüngten, und im Lichtkreise des Lampenschirms bildete sich wieder die Gruppe von damals. Paul war davon entzückt, es war dies der erste derartige Abend, den er in Paris erlebte, und dieser Abend erinnerte ihn an andre längst vergangene, an welchen er eingewiegt worden mit demselben unschuldigen Lachen, mit dem leisen Geräusche von Scheren, die man sachte auf den Tisch legt, von Nadelstichen, die durch das Weißzeug rascheln, oder von umgewendeten Blättern, an Abende, wo teure, auf immer entschwundene Gesichter sich gerade so unter dem Schimmer einer Familienlampe vereinigten, die ach – so plötzlich erloschen war. . . . Nun er einmal in dieses trauliche Familienleben eingeführt war, ward er auch nie mehr davon ausgeschlossen; fortan genoß er seinen Unterricht in Gegenwart der Mädchen und getraute sich auch, mit ihnen zu plaudern, sowie der gute alte Herr sein Kassabuch zuklappte. Hier fand er Ruhe vor dem ewigen Treiben, in welches ihn des Nabobs prachtliebende Weltlust mit fortriß; in dieser reinen, gesunden Atmosphäre schöpfte er jedesmal wiederum neue Kraft und in ihr suchte er auch Genesung für die tausend Wunden, aus denen sein Herz unter einer mehr gleichgültigen als grausamen Hand hoffnungslos blutete.

»Sie haben mich gequälet,
Doch die, die mich am meisten
Geärgert blau und blaß,
Gequält, geärgert, betrübt.
Die einen mit ihrer Liebe,
Die hat mich nie gehasset
Die andern mit ihrem Haß.«
Und hat mich nie geliebt.«

Und eben an die, von welcher Heinrich Heine im Liede singt, war Paul geraten. Felicia begegnete ihm zuvorkommend, ja herzlich. Niemand stand höher in ihrer Gunst als er. Für ihn hatte sie sogar ein besondres Lächeln, in dem sich zweierlei aussprach, das Wohlwollen, mit welchem ein Künstlerauge einen anregenden Studienkopf betrachtet, und das Interesse einer blasierten Natur, der das Neue, wie einfach es auch erscheinen mag, Zerstreuung gewährt. Ihr gefiel seine, bei einem Südländer pikant wirkende Zurückhaltung, sein gerades Urteil, frei von jeder ästhetischen oder gesellschaftlichen Voreingenommenheit. Das war doch einmal etwas anders als die hergebrachten Daumenbewegungen, mit denen unreife Kunstenthusiasten ihre Lobsprüche zickzackartig in die Luft zeichneten; als die fachmännischen Komplimente über die flotte Sicherheit, mit der sie eine Skizze hinwarf; oder als der geckenhafte Beifall des jungen, den Spazierstock schwingenden Stutzers, welcher sich mit einem Charmant! Allerliebst! Luft machte. Der führte gottlob! keine solchen Redensarten im Munde. Sie nannte ihn scherzweise Minerva, wegen seiner scheinbaren Seelenruhe und der Regelmäßigkeit seines Profils –

»Ah, da kommt ja Minerva,« pflegte sie ihm von weitem schon entgegenzurufen! »Gott zum Gruße, schöne Minerva! Nehmen Sie Ihren Helm ab, und lassen Sie uns plaudern.« Aber gerade dieser trauliche, fast schwesterliche Ton überzeugte den jungen Mann von der Aussichtslosigkeit seiner Liebe. Er fühlte zu wohl, daß er dieser weiblichen Kameradschaft, die von Zärtlichkeit nichts wußte, kein weiteres Terrain abgewinnen konnte, und daß er sogar an jedem Tage etwas einbüßte an Reiz der Neuheit bei diesem Wesen, welches den Ueberdruß als Wiegengeschenk mit auf die Welt gebracht hatte, welches sein Dasein bereits durchgelebt zu haben schien und auf welches alles, was es sah oder hörte, den langweiligen Eindruck einer Wiederholung machte. Felicia litt eben an chronischer Langeweile, ihre Kunst allein vermochte sie zu zerstreuen, hinzureißen und in ein blendendes Zauberland emporzutragen, aus dem sie immer und immer wieder wie vernichtet ins Alltagsleben zurücksank, in verstörtem, sturzähnlichem Erwachen.

Sie selber verglich sich mit den Medusen, jenen durchsichtig schillernden Tierpflanzen, die in den frischen, bewegten Meereswellen so schön leuchten, am Ufer aber als gallertartige kleine Lachen hinschwinden. An den Tagen künstlerischer Unfruchtbarkeit, wo die Oede der Gedanken die Hand am Meißel erstarren ließ, überkam Felicia, sowie die einzige geistige Triebfeder ihrer Existenz versagte, eine ungebärdige, abschreckend zänkische Laune – die Rache aller unterdrückten menschlichen Jämmerlichkeiten an dem ermatteten souveränen Hirn: dann erpreßte sie allen, denen ihr Wohl am Herzen lag, Thränen, wühlte jede peinliche Erinnerung, jede schreckliche Vorahnung hervor und riß mit rücksichtslosen, selbstquälerischen Händen ihre innersten Seelenwunden auf, bis sie schließlich, da bei ihr die traurigsten Empfindungen stets eine ins Närrische hinüberspielende Kehrseite hatten, den Rest ihres Unmuts in einem Naturlaute aushauchte, wie ihn etwa ein gelangweiltes wildes Tier ausstößt, in einem herausgebrüllten Gähnen, das sie »das Geheul des Schakals in der Wüste« nannte, und vor dem die gute, aus ihrer müßigen Beschaulichkeit aufgeschreckte Cremnitz jedesmal erbebte. Wohl war es eine Wüste, in der das arme Mädchen vor sich hinlebte, wenn die Trugbilder der Kunst es nicht umgaukelten, eine schauerliche, trostlos abgeflachte Einöde, in deren eintöniger Unendlichkeit alles zusammenschrumpfte und sich verlor, alles unterging im trockenen Sand unter dem Hauche eines verhängnisvollen Samums, die Liebesschwärmerei des zwanzigjährigen Jünglings so gut, wie das leidenschaftliche Strohfeuer des Herzogs. Paul fühlte, daß ihm hier ein Nichts entgegenstarrte, und schrak auch davor zurück, aber immer hielt es ihn wieder fest, wie an einer Kette: trotz der Verdächtigungen, die ihm zu Ohren gekommen, trotz der wunderlichen Launen dieses seltsamen Wesens fand er eine unsägliche Lust in ihrer Nähe und er blieb, auf die Gefahr hin, nach langem, sehnsuchtsvollem Hinüberschauen nichts mit sich fortzutragen, als die Verzweiflung eines Andächtigen, der sich mit bloßem Bilderkultus begnügen muß.

Die Ruhestätte, die war dort drüben, in jenem abgelegenen Stadttheil, wo der Wind noch so scharf wehen mochte, ohne daß deshalb die Flamme der Tischlampe minder hell und sicher dem Familienleben geleuchtet hätte, welchem Großmütterchen vorstand. Die langweilte sich freilich nicht und wußte auch nichts vom »Geheul des Schakals in der Wüste«. Dazu hatte sie viel zu viel zu thun! Da war der Vater, der aufgemuntert und unterstützt, da waren die Kinder, die unterrichtet werden mußten, all die materiellen Anforderungen eines verwaisten Haushalts, jene tiefempfundene Fürsorge, die mit dem Morgengrauen wach wird, und die erst der Abend in Schlummer wiegt, um sie auch dann noch vielleicht im Traume weiterwalten zu lassen – kurz, jene unermüdliche, wenn auch keine wahrnehmbare Anstrengung verratende Selbstverleugnung, die dem armseligen, menschlichen Egoismus so mundgerecht ist, weil sie ihm alle Pflichten der Dankbarkeit erläßt und zu leise auftritt, um kaum mehr als geahnt zu werden. Großmütterchen war nicht das tapfere, in der ganzen Nachbarschaft als Muster geltende Mädchen, welches, die Eltern durch seine Arbeit ernährend, sich von früh bis spät mit Stundengeben plagt und über den Strapazen des Tagewerks alle Mißstände der Häuslichkeit vergißt: o nein, sie hatte ihre Aufgabe anders aufgefaßt, sie war eine seßhafte Biene, die sich auf das Walten im Immenkorb beschränkte und nicht hinausschwärmte ins Freie von einer Blume zur andern. Ohne sich einen bestimmten Wirkungskreis abzustecken, war sie alles in allem, Kleidermacherin, Modistin, Flicknähterin, Klavierlehrerin, Gouvernante und obendrein noch Rechnungsführern, denn bei seiner Unfähigkeit, irgendwelche Verantwortung auf sich zu nehmen, überließ ihr Herr Joyeuse die unbeschränkte Verwaltung der Finanzen.

Wie es in Familien, die anfangs wohlhabend gewesen, zu gehen pflegt, war Aline als die Erstgeborne in einem der besten Pariser Institute erzogen worden. Auch Elise hatte zwei Jahre mit ihr dort zugebracht, aber die zwei jüngsten, zu spät Gekommenen, die in geringere Töchterschulen geschickt worden waren, hatten noch ihre sämtlichen Studien zu vervollständigen; und es war dies gerade kein Leichtes, denn die Kleine brach bei jedem Anlaß in ein Gelächter aus vor lauter Gesundheit und aufblühender Jugend; auch flatterte sie von der aufgeschlagenen Grammatik auf und davon wie eine kornduftberauschte Frühlingslerche ins unabsehbare Blau. Und Fräulein Henriette wollte auch nicht recht lernen, weil ihr bei der Vorliebe für alles »Prunkhafte« gar zu grandiose Gedanken im Kopfe herumspukten. Dieses fünfzehnjährige Dämchen, auf das sich auch etwas von der Erfindungsgabe seines Papas vererbt hatte, legte sich bereits seine Zukunft zurecht und erklärte ganz ausdrücklich, daß es dereinst einen Standesherrn heiraten und niemals mehr denn drei Kinder haben wolle, »einen Knaben, damit der Name nicht aussterbe, und zwei kleine Mädchen, um sie gleich kleiden zu können.«

»Nun ja,« sagte dann Großmütterchen, »sie sollen beide schon den gleichen Anzug bekommen, aber einstweilen wollen wir doch unsre Zeitwörter noch ein wenig durchnehmen.«

Die meisten Sorgen jedoch machte ihr Elise, die schon dreimal durchs Lehrerinnenexamen gefallen war, immer in den historischen Fächern, und die jetzt einem weiteren Versuch mit Zittern und Beben entgegenging, so mißtrauisch gegen sich selbst, daß sie ihren unglückseligen »Grundriß der französischen Geschichte« überall mit sich herumschleppte, um ihn jeden Augenblick zu durchstöbern, im Omnibus, auf der Straße, ja sogar am Mittagstisch. Leider war dem schon erwachsenen und nebenbei sehr hübschen Mädchen jenes beschränkte, mechanische Gedächtnis der Kindheit abhanden gekommen, das sich Daten und Ereignisse fürs ganze Leben einzuprägen weiß. Von anderweitigen Gedanken verdrängt, war das eben Gelernte in der nächsten Minute schon wieder zerstoben, trotz dem äußerlichen Fleiß der Schülerin, die sich mit gesenkten langen Wimpern über ihr Buch niederbeugte, daß ihr die Locken darüber hinfegten, und, mit einem leisen Zucken der Aufmerksamkeit um die roten Lippen, oft zehnmal hintereinander vor sich hinmurmelte: »Ludwig X., genannt der Zänkische, 1314 bis 1316; Philipp V., genannt der Lange, 1316 bis 1322 . . . 1322 . . . Ach! Großmütterchen, mit mir ist's aus. . . . Niemals werd' ich das behalten!« . . . Nun legte sich Großmütterchen ins Mittel, gab ihr einige Anhaltspunkte und half ihr einige jener Jahreszahlen aus der Vorzeit einheimsen, die dem Mädchen ebenso barbarisch vorkamen, wie die spitzen Helme der damaligen Helden. Und in den Zwischenpausen dieser vielseitigen Thätigkeit, dieser allgemeinen und unablässigen Beaufsichtigung, brachte Großmütterchen es noch zustande, niedliche Sachen ins Dasein zu zaubern, und aus ihrem Arbeitskörbchen irgend eine gehäkelte Spitze oder eine Buntstickerei hervorzuziehen, die gerade zu Ende geführt werden sollte, und von welcher sie dann ebensowenig abließ, wie Elise von ihrem Grundrisse der französischen Geschichte. Selbst beim Plaudern blieben ihre Finger keine Minute hindurch müßig.

»Ruhen Sie denn gar nie aus?« meinte Paul von Géry, während sie die Stiche ihrer Stickerei halblaut nachzählte »zwei, drei, vier,« um das Dessin herauszubringen,

»Aber das ist ja eine Arbeit zum Ausruhen,« gab sie ihm zur Antwort. »Ihr Männer habt keine Ahnung von der wohlthätigen Einwirkung einer Handarbeit auf das weibliche Gemüt. Das bringt Ordnung in die Gedanken; jeder Stich hält eine flüchtige Minute fest und zugleich auch alles, was sonst mit ihr verschwinden würde. Und wie viel Kummer und Sorge wurde nicht schon gelindert und verbannt durch die Wiederholung einer gleichmäßigen Bewegung, die unserm ganzen inneren Wesen notgedrungen und in kürzester Frist das Gleichgewicht wiedergibt! Ich achte darum um kein Haar breit weniger auf das, was um mich herum gesprochen wird, und höre Ihnen noch aufmerksamer zu, als wenn ich die Hände in den Schoß legte . . . drei, vier, fünf . . .«

Sie hörte ihm auch wirklich zu, o ja, dafür bürgten ihr lebhafter Gesichtsausdruck und die Art und Weise, wie sie plötzlich aufschaute, mit hochgehaltener Nadel und straffgespanntem Faden auf dem ausgestreckten kleinen Finger, um sich dann wieder schleunigst über ihre Arbeit herzumachen, zuweilen mit einer eingeworfenen richtigen und bedeutsamen Aeußerung, deren Grundzug mit Freund Pauls Anschauungsweise stets harmonierte. Die beiden jungen Leute fühlten sich durch die Aehnlichkeit sowohl ihres Naturells, wie auch ihrer Verantwortlichkeiten und Pflichten einander nähergerückt und interessierten sich deshalb gegenseitig für das, was ihnen am Herzen lag. Sie wußte, wie seine zwei Brüder hießen, Pierre und Louis, und was er mit ihnen vorhatte, wenn sie einmal das Gymnasium absolviert haben würden. Pierre wollte Seemann werden. . . .

»Ach! Nein, leiden Sie's nicht!« sagte Großmütterchen. »Es wird viel besser sein, Sie nehmen ihn zu sich her.«

Und da Paul ihr nun gestand, daß ihm ein Aufenthalt seiner Brüder in Paris Furcht einflößen würde, lachte sie ihn aus und schalt ihn einen ängstlichen Provinzler, denn sie hing mit wahrer Schwärmerei an der Stadt, in der sie geboren worden, in der ihre keusche Jugend sich entfaltet hatte und der sie, als Gegengabe für diese Zuneigung, jene Beweglichkeit, jene unbewußte Verfeinerung, jenen munteren Humor verdankte, die einen auf den Gedanken bringen könnten, Paris mit seinen Regengüssen, seinen Nebeln und seinem Himmel, der streng genommen gar kein Himmel ist, sei des Weibes richtige Heimat, indem es das Nervenleben schont, den Verstand aber und die Ausdauer entwickelt.

Mit jedem Tage lernte Paul von Géry Fräulein Aline, wie er sie im Gegensatze zu allen andern Hausgenossen nannte, höher schätzen, und durch einen merkwürdigen Zufall war es Felicia, die dieses vertrauliche Band vollends befestigen half. Was in aller Welt konnte den Anknüpfungspunkt abgeben zwischen dem Künstlerkind, das in die höchsten Sphären emporgezogen worden, und dem bescheidenen, in einem Vorstadtwinkel vergrabenen Bürgermädchen? Je nun, freundliche Beziehungen aus den Kinderjahren, gemeinsame Erinnerungen, der große Hof des Belinschen Instituts, in welchem beide drei Jahre hindurch miteinander gespielt hatten. Der zufällig im Laufe des Gespräches hingeworfene Name rief eines schönen Tages die staunende Frage wach: »Ja, kennen Sie sie denn?«

»Ob ich Felicia kenne! . . . Saßen wir doch nebeneinander in der ersten Klasse und hatten ein gemeinschaftliches Gärtchen. . . . Ein liebes Mädchen! . . . Und so schön, so gescheit!«

Und da Aline bemerkte, wie gern man ihr zuhörte, frischte sie jene Erinnerungen wieder auf, die, so nah sie ihr noch lagen, sich doch schon wie alles, was nicht mehr ist, zu einer melancholisch reizvollen Vergangenheit verklärten. Sie stand recht einsam da im Leben, die arme Felicia! Donnerstags, wenn im Sprechsaal die Namen ausgerufen wurden, kam niemand, nach ihr zu sehen, außer von Zeit zu Zeit eine gutmütige, etwas lächerliche Dame, die früher einmal Tänzerin gewesen sein sollte; Felicia nannte sie »die Fee«, denn alle, denen sie gut war, taufte sie in ihrer Phantasie um und gab ihnen Kosenamen. Man sah sich auch während der Ferien. Frau Joyeuse weigerte sich zwar, Aline nach Herrn Ruys' Atelier zu schicken, lud aber dafür Felicia auf ganze Tage zu sich ein, raschverstrichene Tage, während welcher abwechselnd gearbeitet, musiziert, jugendlich geschwärmt und geplaudert wurde nach Herzenslust.

»O, wie gerne hörte ich sie von ihrer Kunst sprechen mit jenem Feuereifer, mit dem sie alles erfaßte! Wie so manches ist mir durch sie klar geworden, was mir sonst niemals aufgedämmert wäre! . . . Jetzt noch, wenn uns der Papa in die Louvregalerie oder in den Salon führt, ruft mir jener eigenartige Schauer, den man beim Anblick einer schönen Statue oder eines guten Bildes empfindet, immer wieder Felicia ins Gedächtnis zurück. Sie ist die Muse meiner Jugend gewesen; dazu eignete sich auch so recht ihre Schönheit, ihr etwas zerfahrenes aber doch grundgütiges Wesen, aus dem mich eine Ueberlegenheit anwehte, die mich hoch über mich selbst emporhob, ohne mich deshalb einzuschüchtern. . . . Plötzlich hat sie ihre Besuche abgebrochen. Ich schrieb an sie und erhielt keine Antwort. Dann trat der Ruhm an sie heran, an mich viel schwerer Kummer, Pflichten, die den ganzen Menschen in Anspruch nehmen, daß ich nicht davon sprechen kann ohne . . . zwei, drei, vier . . . ist nichts mehr übrig geblieben, als alte Erinnerungen, ein Herumstöbern in verglommener Asche . . . vier, fünf . . .« Ueber die Arbeit gebeugt, beschleunigte jetzt das liebe Geschöpf das Nachzählen der Stiche und wob seinen Harm in die verschnörkelten Arabesken seiner Stickerei. Paul war indessen ganz gerührt, dieses Zeugnis einer reinen Mädchenseele zu vernehmen, das er den Verleumdungen einiger abgewiesenen Gecken oder neidischen Zunftgenossen gegenüberstellen konnte, und fühlte sich dadurch gehoben, zu stolzem Lieben neu berechtigt. Und so wohlthuend berührte ihn diese Empfindung, daß er recht oft wiederkam, um sie aufzufrischen, nicht nur an den Unterrichtsabenden, sondern auch zu andern Zeiten, und daß er über dem Vergnügen, Aline von der Freundin sprechen zu hören, beinahe vergessen hätte, Felicia aufzusuchen.

Eines Abends, als Paul die Familie Joyeuse eben verlassen hatte, traf er auf dem Treppenabsatz mit dem Nachbar, Herrn Maranne, zusammen, der ihn dort erwartete und ihn fieberhaft aufgeregt beim Arme faßte: »Herr von Géry,« sagte André mit bebender Stimme, und seine Augen blitzten hinter den Brillengläsern auf (seine Gesichtszüge ließen sich in der Dunkelheit nicht wahrnehmen), »Herr von Géry, ich habe eine Erklärung von Ihnen zu fordern. Möchten Sie nicht einen Moment zu mir hinaufkommen?«

Zwischen Paul und dem andern jungen Manne bestanden bloß die oberflächlichen Beziehungen zweier Freunde eines und desselben Hauses; weiter hatte sie nichts zusammengeführt und sie schienen einander sogar infolge einer natürlichen Antipathie ihres ganzen Wesens gegenseitig abzustoßen. Weshalb sollte es also zwischen ihnen zu einer Erklärung kommen? Paul folgte dem andern demnach mit neugieriger Spannung.

Der Anblick des kleinen, frostigen Ateliers mit seinem Glasdache, der Kamin ohne Feuer, der Luftzug, unter dem die Kerze aufflackerte, als stände sie draußen im Freien, diese spärliche Flamme, die den Nachtwachen des Armen und Einsamen leuchtete und deren Widerschein auf ringsum zerstreute, vollgekritzelte Blätter fiel, kurz jenes Etwas eines bewohnten Raumes, aus dem die ganze Eigenart des Bewohners spricht, das alles klärte Paul von Géry über André Marannes leidenschaftliche Anrede auf, über sein zurückgeworfenes, langflatterndes Haar und jenes etwas exzentrische Aeußere, das so verzeihlich ist bei Menschen, die es mit einem Leben voll Mühsal und Entbehrungen bezahlen. Mit einem Schlag fühlte er sich sympathisch hingezogen zu jenem tapfern Herzen, dessen ganzen energischen Stolz er auf den ersten Blick erriet. Andrés Gemütsbewegung war indessen viel zu heftig, als daß jener diesen Umschwung hätte wahrnehmen können, und sobald die Thür hinter ihnen ins Schloß fiel, begann er mit dem Pathos eines Theaterhelden, der den hinterlistigen Verführer zur Rede stellt: »Noch bin ich kein Bartolo, Herr von Géry. O nein,« fuhr er fort, ohne sich um die verblüffte Miene des also Angeredeten zu kümmern, »ich durchschaue Sie; ich habe ganz wohl begriffen, was Sie bei Herrn Joyeuse suchen, und auch die zuvorkommende Aufnahme, die Sie dort gefunden, ist mir nicht entgangen. . . . Sie sind reich, sind von Adel: wie sollte man da schwanken zwischen Ihnen und dem armen Poeten, der ein lächerliches Handwerk treibt, um einen Erfolg abwarten zu können, der vielleicht nie kommen wird? . . . Aber mein Lebensglück lasse ich mir darum doch nicht rauben. . . . Wir werden uns schießen, mein Herr. Ja, wir werden uns schießen,« wiederholte er, durch die Seelenruhe seines Rivalen noch mehr gereizt. »Schon lange liebe ich Fräulein Joyeuse. . . . Diese Liebe ist das Ziel, ist die Freude, die Triebkraft eines sehr harten, nach mancher Richtung hin qualvollen Daseins. . . . Ich habe sonst nichts in dieser Welt und würde lieber sterben, als entsagen!«

Ein wunderlich Ding um die menschliche Seele! Paul liebte die liebenswerte Aline nicht, denn sein Herz gehörte ungeteilt einer Dritten; er gedachte ihrer nur wie einer Freundin, einer ganz himmlischen Freundin, und siehe da! beim Gedanken, daß Maranne mit einer wohl auf Gegenseitigkeit beruhenden Leidenschaft an ihr hing, durchschauerte ihn etwas wie Neid und Verdruß, so daß er nicht ohne eine gewisse Heftigkeit fragte, ob denn Fräulein Joyeuse um diese Neigung wisse und ob sie ihn, André, irgendwie ermächtigt habe, seine Rechte in dieser Weise geltend zu machen.

»Fräulein Elise weiß, daß ich sie liebe, und ehe Sie ihr so häufige Besuche zudachten. . . .«

»Elise? Ja, sprechen Sie denn von der?«

»Von wem sollte ich denn sonst sprechen, mein Herr? Die zwei jüngern sind ja noch Kinder!«

Er mußte sich schon recht in die Familienüberlieferung hineingelebt haben, der gute Junge: auch ihn machten Großmütterchens ehrwürdiger Spitzname und ihre Eigenschaft als Vorsehung zweiter Klasse stockblind für ihre zwanzig Lenze und ihre unwiderstehliche Anmut.

Jetzt genügten ein paar Worte, um André Maranne die Ruhe wiederzugeben. Er bat Paul um Entschuldigung, nötigte ihn auf den geschnitzten Lehnstuhl, auf den sonst die zu photographierenden Kunden zu sitzen kamen, und es entspann sich ein Gespräch, das, unter dem Eindruck des vorausgegangenen leidenschaftlichen Geständnisses, bald einen freundschaftlichen, herzlichen Charakter annahm. Paul bekannte nun seinerseits, daß auch er verliebt sei und bei Herrn Joyeuse lediglich deshalb so oft vorspreche, um über seine Angebetete mit Großmütterchen zu plaudern, das früher mit ihr befreundet gewesen.

»Ganz mein Fall,« erwiderte André. »Auch ich vertraue Großmütterchen alles an; nur habe ich mich dem Vater noch nicht zu eröffnen gewagt. Ich bin eben noch gar zu schlecht gestellt. Aber habe ich meine ›Revolte‹ einmal zur Aufführung gebracht, dann sollen Sie sehen!«

Nun drehte sich das Gespräch um jenes vielbesprochene Drama, an dem er seit sechs Monaten Tag und Nacht arbeitete, und welches ihn den ganzen Winter hindurch warm gehalten, denn trotzdem es ein recht strenger Winter gewesen, hatte die Weihe des Schaffens ihn überwinden helfen in dem kleinen verzauberten Atelier; waren doch hier, in diesem engen Raume, dem Dichter all die Helden seines Stückes erschienen, wie schöne Genien, die auf einem Mondstrahl zum Fenster hereingleiten, und mit ihnen die prachtvollen Damastdraperieen, die funkelnden Kronleuchter, die hellbeleuchteten Hallen mit Parkprospekt, der ganze zu erwartende Ausstattungspomp mitsamt dem Fieber der ersten Aufführung; in dem Geräusch des Regens, der gegen die Scheiben prasselte, der Pappdeckelplakate, die an die Hausthür schlugen, hörte André schon den künftigen Applaus, und der Wind, welcher drunten mit einem Geräusch wie ein von fernher tönendes Stimmengewirr über die wüsten Bauplätze strich, gemahnte ihn an das Getöse der plaudernden, erregten Menge, das durch die geöffneten Logenthüren von den Korridoren hereindringt und seinen Erfolg verkündet. Und nicht allein Ruhm und Vermögen sollte es ihm einbringen, dies gesegnete Theaterstück, sondern etwas weit Köstlicheres dazu. Deshalb blätterte er auch mit gar so zärtlichen Blicken in den fünf starken, in blauem Umschlag prangenden Heften seines Manuskriptes – Hefte, wie sie die Levantinerin auf ihrem Diwan wahrend der Siesta aufschlug und mit ihrem dramaturgischen Rotstift zeichnete. Als Paul nun gleichfalls zum Tische hintrat, um das Meisterwerk in Augenschein zu nehmen, fiel sein Blick auf ein Frauenporträt in reich verziertem Rahmen, das der Künstler als Schutzengel seiner Arbeit dort angebracht zu haben schien. Elise, ohne Zweifel? Ach nein! André hatte das Recht noch nicht, das Bild seiner kleinen Freundin aus ihrer schirmenden Umgebung zu sich herüberzunehmen. Es war eine sanftblickende, sehr elegante blonde Dame von etwa vierzig Jahren, die Paul eine unwillkürliche Gebärde der Ueberraschung entlockte.

»Kennen Sie sie?« fragte Maranne.

»Freilich, Frau Doktor Jenkins! Ich war im Laufe des Winters bei ihr geladen.«

»Allerdings,« sagte Maranne und setzte dann halblaut hinzu: »Sie ist meine Mutter, in zweiter Ehe mit Doktor Jenkins vermählt. Sie staunen, wie ich merke, und mit Recht, mich in einer so jämmerlichen Lage zu sehen, während doch meine Eltern sich in glänzenden Verhältnissen befinden. Aber Sie wissen ja, solche zufällige Familienbeziehungen führen oft grundverschiedene Charaktere zusammen: mein Stiefvater und ich haben eben nicht miteinander auskommen können. Er wollte durchaus einen Arzt aus mir machen; ich dagegen fand nur an der Schriftstellerei Geschmack, und so hab' ich's denn aus Schonung für meine Mutter für besser gehalten, das Haus zu verlassen, auf jeden Beistand von außen zu verzichten und allein meine Wege zu gehen. Leicht wurde mir es freilich nicht. Vor allem fehlten die Mittel. . . . Der reiche Teil ist ja dieser – Herr Jenkins. Es hieß demnach, das tägliche Brot verdienen, und Sie wissen wohl, mit welchen Schwierigkeiten das für uns, die sogenannten Gebildeten, verbunden ist. Traurig genug, daß in der Gesamtsumme dessen, was man herkömmlicherweise eine vollständige Erziehung nennt, nur dieses Kinderspiel mir einige Aussicht auf unverzüglichen Erwerb bieten konnte! . . . Mein zusammengespartes Taschengeld ermöglichte mir den Ankauf des Unentbehrlichsten, und hier sitze ich nun am Ende der Welt, absichtlich recht weit weg, um meine Eltern nicht in Verlegenheit zu bringen, . . . Aber, im Vertrauen gesagt, mit der Photographie werde ich wohl kaum mein Glück machen. Zu Anfang namentlich hatte ich ein Pech . . .! Das Geschäft wollte durchaus nicht gehen, und verirrte sich zufällig einmal irgend ein Unglücklicher hierher, so mißlang mir alles, und ich verarbeitete ihn zu einem fahlen verschwommenen Unding, das einem Gespenst ähnlicher sah, als einem Menschengesicht. Eines Tages, in den allerersten Zeiten, kam eine Hochzeit zu mir herauf, die Braut ganz in Weiß, der Bräutigam mit einer Weste . . . ungefähr so! und sämtliche Gäste in weißen Handschuhen, die sie absolut mitphotographiert haben wollten, der Seltenheit halber. . . . Nein, damals habe ich wirklich geglaubt, ich müßte verrückt werden! Diese schwarzen Gesichter, diese großen weißen Klexe der Kleider, der Handschuhe, der Orangenblüten, die unglückselige Braut, wie eine Mohrenkönigin unter ihrem Kranz, der mit den Haaren verschwamm. . . . Und dabei waren sie alle von einem so guten Willen beseelt, so voller Nachsicht für den Künstler. . . . Nicht weniger denn zwanzigmal nahm ich sie auf, bis abends fünf habe ich sie hingehalten, und erst bei sinkender Nacht sind sie weggegangen, zum Diner. . . . Was sagen Sie dazu? Leute, die einen Hochzeitstag in einem photographischen Atelier zubringen! . . .«

Während André in dieser humoristischen Manier die Bitternisse seiner Existenz erzählte, dachte Paul unwillkürlich an die Auslassungen Felicias über das »Zigeunervolk« zurück, und an alles, was sie damals bezüglich jener mutbeseelten Schwärmer und ihrer selbstquälerischen Opferlust dem Doktor vorgehalten hatte. Er erinnerte sich zugleich an Alines Begeisterung für ihr liebes Paris, das er leider nur in seinen krankhaften Auswüchsen kennen gelernt, und das gerade in seinen verborgensten Winkeln so viel ungeahntes Heldentum, einen so edlen Optimismus beherbergte. Jener Eindruck, den er bereits beim traulichen Schimmer der großen Lampe der Familie Joyeuse empfangen hatte, war vielleicht ein noch tieferer hier, in diesem minder behaglichen, friedlichen Heim, dem die Kunst ein neues Element, das Hangen und Bangen zwischen künftiger Verzweiflung oder Herrlichkeit hinzufügte – und mit herzlicher Teilnahme erfüllten ihn jetzt André Marannes Betrachtungen über Elise, über ihre Prüfung, die zu keinem Abschluß kommen wollte, über die Photographie, um die es fast ebenso schlimm stand, und über die peinliche Ungewißheit seiner Lage, eine Ungewißheit, die indessen sicherlich aufhören würde, wenn er nur erst die »Revolte« zur Aufführung gebracht hätte. Ein himmlisches Lächeln auf den Lippen des Dichters begleitete diese Hoffnung, die er schon so oft ausgesprochen, und über die er sich selbst lustig machte, als müsse er den Spott des andern durch Selbstironie entwaffnen.

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.