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Der Nabob. Band 1

Alphonse Daudet: Der Nabob. Band 1 - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleDer Nabob. Band 1
publisherVerlag J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 20
year1888
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060924
modified20140408
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Achtes Kapitel.

Die bethlehemtische Stiftung.

»Bethlehem!« Warum überkam jeden ein Frösteln, wenn er den trauten heiligen Namen in goldenen Buchstaben droben über dem Gitterthore glänzen sah? Vielleicht lag's an der melancholischen Umgebung, an jener düsteren Ebene zwischen Nanterre und St. Cloud, deren langgedehnte wagerechte Linien durch nichts unterbrochen werden, als durch einige Baumgruppen und die Rauchsäulen der Fabrikschlote, vielleicht auch an dem Abstande zwischen dem ärmlichen Städtchen und der großartigen Anstalt, dieser Villa im Stile Louis XIII,, deren Quaderbau aus Steincement rosig dalag zwischen den entlaubten Bäumen des Parkes und den großen, von Algen grün überwucherten Weihern; so viel ist gewiß, daß sich jedem, der hier vorüberging, die Brust zusammenschnürte – und wie wurde einem erst ums Herz, wenn man eintrat. Eine dumpfe, unerklärliche Stille lastete auf dem Hause, und die Gesichter, die an den Fenstern erschienen, nahmen sich unheimlich aus hinter den altertümlichen, grünlichen Rundscheiben. Wehmütig meckerten die in den Alleen weidenden Ziegen zu ihrer ebenfalls verdrießlichen Hüterin hinüber, die dem Besucher mit trübseligem Blick nachsah: über dem Ganzen schwebte etwas wie die Trauer eines gemiedenen Ortes. Und doch war hier ein freundlicher Landsitz gewesen, wo noch vor kurzem tüchtig geschmaust wurde. Allenthalben hatte die Phantasie des berühmten Tenoristen, von dem Jenkins das Gut erstanden, theatralisch dekorative Schöpfungen hinterlassen; hier ein großes Bassin mit einer Brücke und einem Kahn, der sich jetzt, am Ufer verfaulend, mit dürren Blättern anfüllte, dort einen epheuumrankten Pavillon im Grottenstil. Hatte tolle Geschichten erlebt zu der Zeit des Tenoristen, dieses muschelverzierte Gartenhaus! Dafür erlebte es jetzt um so traurigere, seitdem ein Lazarett daraus geworden. Im Grunde genommen, war die ganze Anstalt nichts andres als ein großes Lazarett, denn kaum waren die Kinder da, so erkrankten sie und siechten einem sicheren Tode entgegen, wenn ihre Eltern sie nicht schleunigst unter ihr schirmendes Dach zurücknahmen. Der Pfarrer von Nanterre kam so häufig mit den Sterbesakramenten nach Bethlehem und der Schreiner lieferte so viele kleine Särge hin, daß es in der ganzen Umgegend ruchbar wurde, und daß die entrüsteten Mütter, die einen blühenden Säugling im Arme trugen, die Musteranstalt mit geballter Faust verwünschten, allerdings nur von fern, um ihn ja nicht die Luft des fluchwürdigen Hauses einatmen zu lassen. Und darum war diese Jammerstätte so herzbeklemmend anzusehen, denn wo die Kinder hinsterben, da kann keine heitere Stimmung aufkommen, da hat man kein Auge für die sprießenden Knospen und die nistenden Schwalben und das Wellenspiel des rieselnden Baches. So viel stand fest: in der Theorie nahm sich Jenkins' Schöpfung vortrefflich aus, aber in der Praxis stieß sie auf Schwierigkeiten, die ihre Lebensfähigkeit in Frage stellten. Und doch, weiß Gott, mit welchem Uebereifer hatte man bis in die geringfügigsten Einzelheiten hinein für alles gesorgt, mit welchem Aufwand an Geld und Personal! Obenan ein ausgezeichneter, aus den Pariser Spitälern hervorgegangener Praktikus, Herr Pondevez, und Frau Polge, eine Frauensperson für die häuslichen Angelegenheiten, ferner so und so viele Kindermädchen, Nähterinnen, Krankenwärterinnen, dann eine Menge von mustergültigen Einrichtungen, von der ausgiebigen Wasserleitung nach dem neuesten System an bis zum Omnibus, der mit dem Kutscher in Livree und den schellenbehangenen Pferden am Bahnhof von Rueil die Ankunft der verschiedenen Züge zu erwarten hatte, und endlich die prächtigen Ziegen, seidenhaarige, milchstrotzende Ziegen aus Tibet. Organisiert war alles in bewundernswerter Weise, aber ein Stein des Anstoßes war da, über den alles strauchelte: Diese künstliche Ernährung, wie sehr sie auch durch die Reklame herausgestrichen und empfohlen wurde, sagte nämlich den Kindern nicht zu. Es kam eine eigentümliche Verstocktheit über sie, als hätten sie, allerdings nur mit einem Blick, denn sprechen konnten sie ja nicht, die armen Würmchen, und die meisten sollten es auch niemals lernen, als hätten sie einander die Losung gegeben: Wißt ihr was, heute rühren wir die Ziegeneuter nicht an. Und wirklich, sie tranken nicht, sie zogen es sogar vor, Kind für Kind hinzusterben, nur um nicht zu trinken. War denn der kleine Jesus in seinem Stalle zu Bethlehem von einer Ziege genährt worden? War's nicht im Gegenteil eine weiche, volle Frauenbrust gewesen, an die er sich anschmiegte, und an der er einschlief, wenn der Durst gelöscht war? Wer hat je von einer Ziege gehört, die neben den Oechslein und Eselein der Legende gestanden hätte in jener Nacht, da die Tiere sprachen? War's nicht eine Lüge, den Namen Bethlehem an dieses Haus zu schreiben?

Anfangs hatte die unverhältnismäßige Sterblichkeit den Direktor erschreckt, denn dieser Pondevez war zwar ein gestrandetes Wrack des Quartier latin, ein Student im vierzigsten Semester, unter dem Spitznamen Bompon in allen Schnapskonditoreien des Boulevard St. Michel zur Genüge bekannt, aber es war kein hartherziger Mensch. Da er also die Mißerfolge der künstlichen Ernährung wahrnahm, suchte er ohne weiteres vier oder fünf kräftige Ammen aus der Umgegend aus, und sofort waren die Kleinen wieder bei Appetit. Doch diese Anwandlung von Humanität hätte ihn beinahe um seine Stelle gebracht.

»In unsrer Anstalt Ammen?« fuhr ihn Jenkins bei der nächsten Wochenbesichtigung zornentbrannt an. »Sie sind wohl nicht bei Sinnen! Und die Ziegen, und die Rasenplätze und meine Neuerung, und die Broschüren, die davon handeln, was soll aus dem allem werden? Sie stoßen ja mein System um, Sie stehlen ja unserm Protektor das Geld aus der Tasche!«

»Aber, verehrtester Herr Doktor,« wagte der Student zu bemerken, indem er mit der Hand durch seinen langen roten Bart fuhr, »wenn sie einmal von dieser Kost durchaus nichts wissen wollen. . . .«

»Nun, so mögen sie fasten, doch die Grundidee der künstlichen Ernährung darf nicht angetastet werden. . . . Das ist die Hauptsache, merken Sie sich das und schaffen Sie mir die verwünschten Ammen ab! Wir geben unsern Kindern Ziegenmilch, im äußersten Notfall auch Kuhmilch, aber mehr kann ich nicht bewilligen.«

Und mit seiner gewöhnlichen Apostelmiene setzte er hinzu: »Wir stehen hier, um eine große philanthropische Wahrheit darzulegen, und müssen ihr zum Siege verhelfen, selbst wenn es einige Opfer kosten sollte. Danach richten Sie sich!«

Pondevez widersprach nicht mehr. Alles in allem hatte seine Stellung manches für sich: Die kurze Entfernung von Paris ermöglichte seinen Bekannten aus dem Quartier latin einen Sonntagsausflug nach Nanterre, oder dem Direktor einen Abstecher in seine früheren Stammkneipen. Frau Polge, die von Jenkins immer »unsre intelligente Aufseherin« genannt wurde, und die er auch in der That hergesetzt hatte, um jedem, vor allem aber dem Direktor auf die Finger zu sehen – Frau Polge war auch nicht so schroff, wie sich's etwa vermuten ließ, und ging einigen Gläschen Kognak und einer rechtschaffenen Partie Piquet nicht aus dem Wege. Pondevez gab also den Ammen den Laufpaß und bemühte sich, alles, was da kommen konnte, möglichst kaltblütig hinzunehmen. Und es kam auch, leider Gottes – der reine bethlehemitische Kindermord. Hierauf holten die wenigen anständigen Eltern, die sich durch die Annoncen hatten verführen lassen, Arbeiter oder Geschäftsleute aus den Vorstädten, ihre Kleinen wieder ab, und es blieben nur noch die Unglücklichen in der Anstalt zurück, die man unter den Hausthüren und auf freiem Felde aufgelesen oder aus den Spitälern hergeschafft hatte, und die schon von der Geburt ab allen Schmerzen geweiht waren. Als jedoch die Sterblichkeit immer noch zunahm, blieben auch solche Pfleglinge aus, und der Omnibus, der zum Bahnhofe fuhr, kam jetzt immer federleicht zurückgeholpert, wie ein leerer Leichenwagen. Wie lange konnte es so weitergehen? Wie lange brauchten die fünfundzwanzig oder dreißig, die noch übrig waren, um nachzusterben? Mit dieser Frage beschäftigte sich eines schönen Morgens der Herr Direktor oder, wie er selber sich umgetauft hatte, der Totenkontrolleur Pondevez, als er nach dem Frühstück Frau Polge und ihrer ehrwürdigen Tuffenfrisur gegenübersaß und ihre geliebte Partie mit dieser Matrone spielte.

»Jawohl, beste Frau Polge, was wird dann aus uns? So kann's nicht mehr lange zusammenhalten. Jenkins hat sich ganz festgebissen, und die kleinen Bursche sind halsstarrig wie Droschkengäule – kurz und gut, sie werden uns zu Grunde gehen, alle. Der kleine Rumäne zum Beispiel – Coeurfünf, Frau Polge – kann jeden Augenblick den Geist aufgeben . . . natürlich, wenn sich so ein armer Wurm volle drei Tage die Speiseröhre trocken legt. . . . Jenkins mag sagen, was er will, Kinder sind nicht wie Gartenschnecken, durch Fasten bekommen sie kein besseres Fleisch. Nicht ein einziges bringen wir durch, es ist wirklich zum Verzweifeln. Das Krankenzimmer ist überladen wie ein Frachtschiff. . . . Eine verfluchte Situation, sage ich Ihnen! . . . Fünf und vier Aß macht neunzehn. . . .«

Hier wurde der Redner durch ein zweimaliges Anläuten am Gitterthore unterbrochen. Es war der Omnibus, der vom Bahnhofe zurückkam und mit ungewohnter Wucht über den Sand hinrasselte.

»Merkwürdig!« sagte Pondevez. »Es ja jemand drin!«

Wirklich, der Wagen fuhr diesmal mit einiger Grandezza an der Freitreppe vor und der Mann, der nun ausstieg, sprang mit einem Satze die paar Stufen hinauf. Es war ein Eilbote von Jenkins mit der erschütternden Nachricht, daß in zwei Stunden der Doktor eintreffen werde mit dem Nabob und einem Herrn aus den Tuilerien, die Anstalt zu besichtigen. Er lasse sehr bitten, bis dahin alles bereitzuhalten. Die Ereignisse hatten sich so überstürzt, daß es ihm unmöglich gewesen sei, zu schreiben, aber er rechne darauf, daß der Herr Pondevez für das Notwendige sorgen werde.

»Das Notwendige. . . . Der hat gut reden,« murmelte Pondevez ganz bestürzt.

Die Lage war in der That kritisch. Der wichtige Besuch fiel gerade in die schlechteste Zeit, in eine Zeit, wo das Ziegensystem bereits in Brüche ging; der arme Bompon stand ratlos da und zerrte und biß an seinem Barte herum.

»Nun meinetwegen!« sagte er plötzlich zu Frau Polge, deren langes Gesicht noch länger geworden war zwischen ihren Tuffen. »Es bleibt keine andre Wahl, wir müssen die Krankenabteilung ausräumen und unsre Patienten in den Schlafsaal hinüberschaffen. Es wird ihnen weder besser noch schlimmer gehen, wenn sie einen halben Tag in ihrem früheren Quartier zubringen. Die mit den Hautausschlägen stecken wir in irgend einen Winkel, sie sehen gar zu garstig aus; werden sie nicht vorzeigen. . . . Und nun, Achtung! Alle Mann auf Deck!«

Ein Alarmsignal mit der Mittagsglocke und dann ein plötzliches Durcheinanderrennen von Beschließerinnen, Mägden, Kranken- und Kinderwärterinnen, ein Eilen und Drängen aus allen Thüren, auf den Treppen, über die Höfe, ein Kreuzfeuer von Befehlen, ein Rufen und Schreien, über welches jedoch das Getöse eines allgemeinen Scheuerns die Oberhand behält, ein Wassergeplätscher, als ob das Haus in Flammen stünde. Diese Vorstellung einer Feuersbrunst wird noch obendrein durch das Gewimmer der kranken Kinder vervollständigt, die man aus den warmen Bettchen hob, jene heulenden Tragkissen und flatternden Decken, die man durch den feuchten Park trägt. Endlich nach zweistündigen übermenschlichen Anstrengungen ist das Haus von oben bis unten für den bevorstehenden Besuch hergerichtet, das ganze Personal an seinem Posten, der Heizapparat in Thätigkeit und die Ziegenherde auf den Rasenplätzen malerisch zerstreut. Frau Polge hatte sich in ihr grünseidenes Kleid und der Direktor in eine Toilette geworfen, die, wenngleich minder unordentlich als die gewöhnliche, dennoch zu einfach war, um einen Vorbedacht auch nur im entferntesten vermuten zu lassen; jetzt mag der kaiserliche Sekretär nur kommen.

Eben fährt er mit Jenkins und Jansoulet vor. Ein Lakai in der rot und goldnen Livree des Nabobs hilft ihm aus der Prachtkarosse, während Pondevez mit meisterhaft geheucheltem Staunen herbeistürzt.

»Ach, Herr Jenkins, ist das eine Ehre, eine Ueberraschung!«

Hierauf Begrüßung, Komplimente, Händeschütteln und Vorstellung. Mit freier Brust, in wallendem, weit zurückgeschlagenem Paletot, strahlt der aufrichtige Jenkins sein freundlichstes, herzlichstes Lächeln aus, doch zuckt ihm eine vielsagende Falte auf der Stirn. Klarer als irgend wer, ist er sich der Notlage seiner Schöpfung bewußt und sieht unwillkommenen Zwischenfällen mit Bangigkeit entgegen. Wenn dieser Pondevez nur alle Maßregeln getroffen hat! . . . Einstweilen läßt sich's übrigens gut an, der etwas opernhafte Charakter des Anwesens und die weißen Tiere im grünen Grase haben Herrn von la Perrière entzückt, der mit seinen naiven Augen, seinem weißen Kinnbarte und dem beständigen Wackeln des Kopfes eigentlich selber einer dem Pflock entlaufenen Ziege gleicht.

»Hier, meine Herren, die Hauptsache, die Nursery,« sagt im Vorzimmer der Direktor, indem er die massive, schwere Mittelthür öffnet.

Die Herren folgen ihm ein paar Stufen hinab und betreten einen ungeheuren, mit Fliesen belegten, niedrigen Saal, die ehemalige Küche der Villa. Dem Eintretenden fällt zuerst ein hoher altertümlicher Kamin aus roten Ziegeln auf, unter dessen Mantel sich zwei Steinbänke gegenüberstehen und dessen Giebel das ausgehauene Wappen des Tenoristen – eine kolossale Lyra mit quer darüberliegender Notenrolle – trägt. Der Totaleindruck ist überraschend, nur weht uns ein abscheulicher Luftzug an, der, wenn man noch den kalten Fliesboden und die mangelhafte Beleuchtung durch die ebenerdigen Kellerfenster hinzurechnet, uns um der Kinder Wohlergehen bange macht. Aber, mein Gott, die Nursery hat an diesen ungesunden Ort hin verlegt werden müssen, weil man die eigensinnigen Wärterinnen vom Lande nicht dazu bringen kann, ihre unreinlichen Stallgewohnheiten abzulegen, eine Thatsache, deren Berücksichtigung jedem unbedingt gerechtfertigt erscheint, der die großen auf den Steinplatten verdunstenden Milch- und sonstigen Pfützen sieht und den scharfen, aus allen möglichen Bestandteilen zusammengesetzten Geruch atmet, der uns gleich beim Eintreten im Halse reizt. – Der Kindersaal mit den dunklen Wänden ist so groß, daß ihn die Besucher anfangs für leer hielten, doch im Hintergrunde macht sich eine meckernde, wimmernde, unruhige Gruppe bemerklich. Dort sitzen auf Strohmatten, den Säugling im Arme, zwei Bäuerinnen mit harten, rohen, erdfahlen Gesichtern, zwei sogenannte Trockenammen, auf die der Name vortrefflich paßt, und vor jeder steht eine große Ziege und hält mit ausgespreizten Hinterfüßen ihre Zitze hin. Der Direktor scheint angenehm überrascht.

»Sieh da! Das trifft sich ja ganz prächtig, meine Herren, dort nehmen zwei von unsern Kindern eben ein kleines Frühstück ein; schauen wir zu, wie sich Ammen und Säuglinge miteinander vertragen.«

Was soll das? Der Mensch ist ja toll! denkt Jenkins voller Entsetzen, aber der Direktor ist im Gegenteil recht klug und hat das selber kunstvoll inszeniert; er hat nämlich zwei geduldige, sanftmütige Tiere und zwei Ausnahmskinder herausgesucht, zwei kleine Wüteriche, die um jeden Preis leben wollen und nach jedweder Nahrung den Schnabel aufreißen, wie junge Raben im Neste.

»Treten Sie nur näher, meine Herren und überzeugen Sie sich.«

Sie trinken, trinken wirklich, die kleinen Engel. Der eine hat sich unter den Bauch einer Ziege geduckt und hingeschmiegt und spricht ihr so wacker zu, daß man das Gluck-Gluck der warmen Milch bis in seine Beinchen hinuntergurgeln hört, die vor lauter Behagen an der Mahlzeit hin und her strampeln. Bei dem andern, ruhigeren, der träg daliegt, bedarf's einiger kleiner Aufmunterungen von seiner bäuerlichen Wärterin.

»So trink, trink doch, du Racker! . . .«

Endlich, als wäre er plötzlich zu einem Entschlusse gekommen, fängt er so eifrig zu saugen an, daß das Weib, von einem so außerordentlichen Appetit überrascht, sich zu ihm niederbeugt und dann in ein Gelächter ausbricht.

»O, der Schelm, hat der's hinter den Ohren! An seinem Daumen lutscht er jetzt, anstatt an der Ziege.«

»Ja, das hat er ausgeheckt, der Engel, um seine Ruhe zu haben. . . .« Der Zwischenfall wirkt jedoch nicht nachteilig. Herrn von la Perrière belustigt vielmehr die Bauernschrulle, daß ihnen das Kind einen Possen habe spielen wollen. Er ist von der Nursery ganz entzückt. . . . »Auf Ehre, ent–ent–entzückt,« wiederholt er mit wackelndem Kopfe, indem er zwischen hallenden, mit Hirschgeweihen dekorierten Wänden die große Treppe hinansteigt, die zum Schlafsaal führt. Dieses weite, sehr helle und luftige Gemach, das eine ganze Front des Hauses einnimmt und eine Menge Fenster hat, enthält in gehörigen Zwischenräumen lauter Wiegen mit weißen, wolkenduftigen Vorhängen. Ueber den breiten Durchgang in der Mitte schreiten Weiber, mit Stößen von Weißzeug auf den Armen oder mit Schüsseln in der Hand, ab und zu, Beschließerinnen und Wickelfrauen. Hier ist der erste Eindruck auf die Besucher ungünstiger, weil des Guten zu viel gethan wurde. Das viele schneeweiße Musselin, der gewichste Parkettboden, der das Licht reflektiert, und die blanken Scheiben, durch die der Himmel voll Trauer über diese Zustände hereinschaut, heben die ungesunde Magerkeit und Blässe dieser leichenfahlen Kleinen zu sichtlich hervor. Die Nettesten sind, ach! erst sechs Monate und die jüngsten kaum vierzehn Tage alt, und doch liegt schon auf all den Gesichtern, auf diesen Embryonen von Gesichtern, ein grämlicher Ausdruck, ein verzerrter, greisenhafter Zug, ein verfrühter Schmerz, der die kleinen, kahlen Stirnen so runzlig aus den Spitzenhäubchen mit ihrer ärmlichen Spitzengarnitur herausschauen laßt. . . . Was fehlt ihnen? Was haben sie denn? Mein Gott! Alles, was Kinder des Elends und des Lasters mit auf die Welt bringen können – und überdies sterben sie Hungers. Trotzdem man ihnen Löffelvoll Milch und Zuckerwasser mit Gewalt eingießt, trotzdem man sie verstohlenerweise hin und wieder aus einer Saugflasche trinken läßt, schwinden sie vor Entkräftung hin. Diesen vor der Geburt schon erschöpften Wesen thäte eben die frischeste, stärkendste Nahrung not; vielleicht könnten die Ziegen sie ihnen bieten, aber sie haben es einmal verschworen, die Ziegen nicht anzurühren – und deshalb ist es im Schlafsaal so still und schaurig, darum keine ungeduldig geballten Fäustchen, keine jener kleinen, lauten Zornausbrüche, bei denen das Kind sein hellrotes, festes Zahnfleisch sehen läßt und die Kraft seiner Lunge prüft, höchstens ein leises Stöhnen wie von einem ängstlichen Seelchen, das sich in dem kranken, kleinen Körper wendet und wendet, ohne eine Stelle zu finden, wo seines Bleibens wäre.

Jenkins und der Direktor, die den schlimmen Eindruck des Schlafsaales auf ihre Gäste wahrgenommen haben, suchen Leben in die Situation hineinzubringen, indem sie sich recht laut in einem gemütlich unbefangenen, selbstgefälligen Tone unterhalten.

»Sagen Sie einmal, beste Frau Polge,« beginnt Jenkins, indem er der Aufseherin kräftig die Hand schüttelt, »läßt sich's gut an mit unsern kleinen Pfleglingen?«

»Wie Sie sehen, Herr Doktor,« antwortet sie und deutet auf die kleinen Bettchen.

Sie schaut unheimlich drein in ihrem grünseidenen Kleide, diese lange Frau Polge, die Perle der Kinderfrauen; durch sie kommt die Stimmung des Bildes erst recht zum Ausdruck. . . . Aber wo ist denn der Herr Geheimsekretär hingeraten? Ach, da steht er vor einer der Wiegen, die er mit wackelndem Kopfe trübselig betrachtet.

»Donner und Doria,« sagt der Direktor ganz leise zu Frau Polge, »er hat sich den Wallachen herausgesucht.«

Der kleine blaue Zettel, der, wie's in Spitälern Brauch ist, über der Wiege hängt, gibt die Nationalität des Kindes an: »Aus Rumänien.« Ein verwünschter Zufall, daß der alte Herr gerade auf den aufmerksam geworden ist. Ach, wie kümmerlich liegt das seitwärts geneigte Köpfchen auf den Kissen da, mit schiefgerückter Haube, zusammengekniffenen Nasenflügeln, halbgeöffnetem Munde und kurzem, keuchendem Atem, dem Atem der Neugeborenen und auch der Sterbenden.

»Ist er krank?« fragte der Herr Geheimsekretär voller Teilnahme den hinzutretenden Direktor.

»Nicht die Spur,« gab der Unverschämte zur Antwort und, indem er sich über die Wiege beugt, liebkost er den Kleinen schäkerhaft mit dem Finger, rückt ihm das Kopfkissen zurecht und sagt mit kräftiger, vor lauter Zärtlichkeit etwas polternder Stimme: »Nanu, Alterchen!« Aus seiner Erstarrung wach gerüttelt und gleichsam auftauchend aus den Schatten, die es schon umwallen, schlägt das Kind die Augen auf, schaut die zu ihm hingeneigten Gesichter mit trübseliger Gleichgültigkeit an und versinkt dann wieder in einen Traum, der ihm besser gefällt als das Leben; die gerunzelten Händchen krampfen sich zusammen; noch ein unmerklich hingehauchter Seufzer und – der Rest ist Schweigen! Wer vermag zu sagen, wozu er auf die Welt gekommen, dieser kleine Mensch, der zwei Monate lang litt und dann heimging, ohne von der Welt etwas gesehen, etwas begriffen zu haben, und ohne daß man von ihm auch nur den Klang seiner Stimme gehört? – »Er ist so blaß,« murmelt Herr von la Perrière, der selber ganz bleich geworden ist.

Auch der Nabob hat die Farbe gewechselt, als hätte ihn ein eisiger Hauch angeweht.

»Das kommt vom Reflex,« fällt der Direktor mit möglichster Unbefangenheit ein, »wir sehen ja alle ganz grün aus.«

»Jawohl, wirklich wahr,« sekundiert ihm Jenkins. »Der Reflex vom großen Weiher. . . . Da sehen Sie nur, Herr Geheimsekretär . . .«

Und er zieht ihn mit sich ans Fenster, um ihm den großen Weiher mit den hineinhängenden Weiden zu zeigen, während Frau Polge die zurückgeschlagenen Gardinen des Kinderbettchens über den ewigen Traum des kleinen Rumänen hastig herunterläßt.

Um diesen üblen Eindruck zu vermischen, muß nun die Besichtigung der Anstalt schleunigst fortgesetzt werden. Herr von la Perrière wird rasch in ein prachtvolles Waschhaus geführt mit Dampfheizung, Trockenöfen, Thermometern und ungeheuren Schränken aus gewichstem Nußbaumholz voll wohlsortierten, dutzendweise zusammengebundenen Häubchen und Jäckchen. Sowie das Weißzeug ausgebügelt ist, wird es von der Beschließerin gegen eine numerierte Marke der betreffenden Magd eingehändigt, die es an einem kleinen Schalter in Empfang nimmt. Es herrscht hier augenscheinlich eine musterhafte Ordnung und alles in diesem Raume, auch der frische Wäschegeruch, macht den Eindruck ländlicher Gesundheit. Er enthält Weißzeug für fünfhundert Kinder, so viel nämlich kann die bethlehemitische Stiftung aufnehmen und nach diesem Maßstabe ist auch alles eingerichtet worden: die ungeheure Apotheke mit den glänzenden Glasgefäßen und ihren lateinischen Aufschriften und den marmornen Mörsern in jedem Winkel; die Bäder mit den großen steinernen Reservoirs, den blanken Wannen, dem riesigen hunderröhrigen Douche-Apparat, gewöhnliche und aufsteigende Douchen, regen- oder strahlförmige, milde oder kräftige, und die Küchenräume mit den prächtigen, wie Orgelpfeifen abgestuften Kupferkesseln und den Sparherden mit Kohlen- und Gasheizung. Jenkins hatte eben etwas Mustergültiges herstellen wollen und es ist ihm das nicht schwer geworden, denn es stand ihm Kapital genug zur Verfügung, um im großen Stil zu arbeiten. Auch macht sich allenthalben das wachsame Auge, die eiserne Faust unsrer intelligenten Aufseherin geltend, welcher ein öffentliches Lob zu spenden der Direktor sich nicht versagen kann. Dieses Lob entfesselt einen Sturm gegenseitiger Anerkennung: Herr von la Perrière, von der Einrichtung der Anstalt höchlich erbaut, gratuliert dem Doktor zu seiner verdienstvollen Schöpfung, der Doktor macht seinem Freunde Pondevez auch sein Kompliment, und dieser bedankt sich wieder beim Herrn Geheimsekretär für die Ehre des Besuches. Der Nabob stimmt in diesen Chor von Glückwünschen mit ein und richtet an jeden ein paar verbindliche Worte, aber es nimmt ihn immerhin ein wenig wunder, daß ihm selber nicht auch etwas Schmeichelhaftes gesagt worden, da man doch einmal im Zuge war. Allein, ihm steht das Allerschmeichelhafteste bevor, das Dekret im Moniteur vom 16. März, das jetzt schon in Flammenschrift vor seinen Augen aufblitzt und ihn nach seinem Knopfloch hinzuschielen veranlaßt.

Dieser Austausch von Artigkeiten findet auf dem Wege über den weiten Korridor statt, der von dem biedermännischen Tonfalle der Lobsprüche widerhallt. Da plötzlich werden die Besucher im Weitergehen und im Weiterreden durch einen Höllenlärm unterbrochen. Man hört ein rasendes Maunzen, ein Gebrüll und Geheul wie von Wilden am Marterpfahl, einen losgelassenen Orkan von Naturlauten, den das Echo der dröhnenden Wölbung noch verstärkt, verlängert, verzehnfacht. Es steigt und fällt, verstummt und hebt dann mit einer fabelhaften Einstimmigkeit wieder an, . . . Der Herr Direktor wird unruhig, wirft einen fragenden Blick zu Jenkins hinüber, rollt die Augen voller Ingrimm und sagt schließlich, diesmal nicht ohne einige Befangenheit: »Nur weiter, meine Herren, ich weiß schon, was das ist.«

Er weiß es freilich, aber Herr von la Perrière möchte es gleichfalls wissen, und ehe ihn Pondevez zurückhalten konnte, drückt er die schwere Thür auf, hinter welcher dieses schauderhafte Konzert hervortönt.

In einem schmutzigen Loche, das bei der allgemeinen Säuberung leer ausging, weil man wahrlich nicht die Absicht hatte, es sehen zu lassen, liegen am Boden auf einer Reihe von Matratzen etwa zehn kleine Ungeheuer, unter der Obhut eines leeren Stuhles mit einem angefangenen Strumpfe darauf und einer kleinen Kanne mit abgebrochener Schnauze voll siedenden Glühweins, die auf einem qualmenden Holzfeuer steht. In diesen abgelegenen Winkel hat man die Aussätzigen, die Ausgestoßenen gesteckt und ihrer Wärterin dabei eingeschärft, sie einzuwiegen, zu beschwichtigen und sie um jeden Preis am Schreien zu verhindern: aber das einfältige, naseweise Bauernweib hat alles im Stich gelassen, um den schönen Wagen im Hofe drunten zu betrachten. Ueber ein kurzes sind nun die kleinen Schorfköpfe ihrer horizontalen Lage überdrüssig geworden und haben ein kräftiges Tutti angestimmt, denn sie, wunderbarerweise, sind wohlauf; ihr Uebel bewahrt und ernährt sie. Wie Maikäfer, die auf dem Rücken liegen, zappeln die einen, sich mit Händen und Füßen abarbeitend, während andre, die auf die Seite gefallen sind, sich vergeblich bemühen, wieder ins Gleichgewicht zu kommen, indem sie ihre eingewickelten steifen Beinchen in die Höhe strecken. Beim Aufgehen der Thüre stellen sie ihr Krabbeln und Rumoren unwillkürlich ein, aber das Bärtchen, das an Herrn von la Perrières Kinn hin und her wackelt, flößt ihnen Vertrauen und Mut ein; so geht denn der Spektakel wieder von neuem los und hätte beinahe des Direktors erläuternde Worte übertönt: »Abgesonderte Kinder – Hautausschläge – ansteckende Krankheiten.« Einer weiteren Auskunft bedarf's für Herrn von la Perrière nicht; weniger heroisch als Bonaparte bei seinem Besuche im Pestlazarett zu Jaffa, prallt er nach der Thür zurück und murmelt, da er in seiner ängstlichen Verwirrung nicht weiß, was er vorbringen soll, mit einem unbeschreiblichen Lächeln vor sich hin: »Ga–ganz aller–liebst, die Kleinen!«

Nach der Besichtigung sitzen sie nun alle im ebenerdigen Salon bei einem kleinen Imbiß, den Frau Polge bereit gehalten hat. Der Keller der bethlehemitischen Stiftung ist in einem guten Zustande und die scharfe Luft der Hochebene, das viele Gehen und Treppensteigen haben den alten Herrn aus den Tuilerien mit einem Appetite gesegnet, wie er sich dessen schon lange nicht mehr erfreute. Er wird ganz gemütlich und idyllisch, plaudert und scherzt, und beim Aufbrechen erhebt er noch das Glas, um mit wackelndem Kopfe »ein Hoch auf Be–Bet–Bethlehem« auszubringen. Nachdem alle in erhöhter Stimmung mit ihm angestoßen, fahren die Besucher in der Karosse durch die lange Lindenallee davon, welche in dem rötlichen und kalten Lichte der strahlenlosen Sonne daliegt. Hinter ihnen versinkt der Park wieder in seine unheimliche Stille; schon lagern sich schwarze Schattenmassen in den Gehölzen, die sich nach und nach über das Haus, die Alleen und zuletzt die Rasenplätze ausbreiten. Bald läßt sich nur noch die ironische Inschrift über dem Gitterthore unterscheiden und dort drüben an einem Fenster des ersten Stockes ein rötlich flimmernder Fleck, die Flamme der Wachskerze bei der Leiche des kleinen Rumänen.

»Auf Antrag Sr. Excellenz des Ministers des Innern ist durch kaiserliches Dekret vom 12. März 1865 Dr. Jenkins, dem Begründer und Vorstand der bethlehemitischen Stiftung, für seine hervorragenden Leistungen auf dem Gebiete der Philanthropie das Ritterkreuz der Ehrenlegion verliehen worden.«

Dem armen Nabob schwamm's vor den Augen, als er früh morgens, am 16. März, diese paar Zeilen im »Moniteur« fand. Also Jenkins und nicht er selber? War's denn auch wirklich möglich? Um sich zu versichern, daß es keine Sinnestäuschung gewesen, überlas er die Notiz noch zweimal. Es summte ihm in den Ohren und die Buchstaben tanzten vor ihm herum, alle doppelt und von roten Ringen umflossen, als hätte ihn das grelle Sonnenlicht geblendet. So bestimmt rechnete er auf sein rotes Band, und so zuversichtlich hatte noch gestern abend Jenkins zu ihm gesagt: »Wir sind im reinen«, daß ihm auch jetzt noch war, als müsse er sich geirrt haben. Aber nein, da stand es schwarz auf weiß: Dr. Jenkins. Es war ein schwerer, empfindlicher Schlag, bedeutungsvoll wie eine erste Warnung, und um so grausamer, als der, den er traf, schon seit Jahren verlernt hatte, einen Mißerfolg über sich ergehen zu lassen, weil er über dem Lose gemeiner Sterblicher zu thronen pflegte. Mit einem Male wurde des Nabobs besseres Ich mit dem Mißtrauen bekannt.

»Nun,« sagte er zu Paul von Géry, der jetzt wie gewöhnlich ins Zimmer trat und ihn überraschte, wie er noch ganz erschüttert die Zeitung in der Hand hielt, »haben Sie's schon gelesen, ich stehe nicht in der offiziellen Liste.« Mit verschwollenen Zügen, wie ein Kind, das mit Thränen kämpft, bemühte er sich, zu lächeln, dann aber fügte er mit jener Aufrichtigkeit, die jeden so sehr für ihn einnahm, plötzlich hinzu: »Es stimmt mich recht herunter. . . . Ich hatte gar so fest darauf gerechnet.«

Bei diesen Worten ging die Thür auf und Jenkins, der atemlose, vor Aufregung stotternde Jenkins stürzte herein: »Es ist niederträchtig, geradezu himmelschreiend! . . . Es kann nicht sein . . . es darf nicht sein! . . .«

Und nun drängten sich die Worte in milder Unordnung auf seine Lippen, als wollten sie alle zu gleicher Zeit hervorströmen; er schien deshalb auch auf eine erschöpfende Darlegung seiner Gedanken zu verzichten und warf ein kleines Saffianfutteral und einen großen Brief, beide mit dem Stempel der Ordenskanzlei versehen, auf den Tisch: »Da nehmen Sie mein Kreuz und mein Diplom! Was meinem Freunde gehört, mag und darf ich nicht behalten.«

Im Grunde war damit so viel als nichts gesagt, denn hätte sich Jansoulet mit Jenkins' rotem Bande schmücken wollen, so wäre er ganz einfach wegen unbefugten Tragens des Ordens bestraft worden; aber einem theatralischen Knalleffekt mutet man ja nicht zu, logisch zu sein. Genug, daß es zwischen den beiden zu einem edlen Wettstreit kam, welcher damit endete, daß Jenkins die Gegenstände wieder zu sich steckte, unter dem Vorbehalt, Protest zu erheben, . . . sich an die Presse zu wenden! . . .

Der Nabob mußte ihn sogar noch beschwichtigen: »Nur keinen Lärm schlagen, Sie Unglücksmensch! . . . Sie würden ja alles verderben für ein andermal. . . . Wer weiß, ob nicht nächstens, am 15. August? . . .«

»O, was das betrifft,« rief Jenkins, ihm den Gedanken vom Munde wegschnappend und dabei den Arm ausstreckend wie die schwörenden Horatier auf dem Bilde von David – »mit meiner Ehre stehe ich dafür ein.«

Damit ließ man die Sache beruhen. Beim Frühstück sprach der Nabob von andern Dingen und war bei Laune, wie immer; dieser gute Humor verleugnete sich auch den ganzen Tag über nicht. – Für Paul von Géry war dieser Auftritt eine Offenbarung gewesen, jetzt kannte er den wahren Jenkins und hatte den Schlüssel zu Felicias ironischen Ausfällen und verhaltenem Zorn dem Doktor gegenüber. Er ging nun, allerdings erfolglos, mit sich zu Rate, wie er den ihm teuer gewordenen Gönner über so viel Heuchelei wohl aufklären könne. Und doch hätte er wissen sollen, daß der Südländer, trotz aller Ueberschwenglichkeit, in seiner Verblendung und Verranntheit nie weit genug geht, um den warnenden Einflüssen der Ueberlegung ganz unzugänglich zu werden. – Im Laufe des Abends schlug der Nabob ein elendes kleines Notizbuch mit abgewetzten Ecken auf, worin er seit zehn Jahren über seine Millionen Buch führte, indem er mit einer Hieroglyphenschrift, die jedem andern als ihm selbst unverständlich war, seine Einnahmen und Ausgaben eintrug. Nachdem er sich eine Zeitlang in die Zahlen vertieft hatte, blickte er plötzlich wieder auf: »Lieber Paul,« sagte er, »Sie wissen wohl nicht, was ich thue?«

»Allerdings nicht.«

»Ich berechne eben« – und der seiner Rasse eigne schalkhafte Blick bespöttelte die Gutmütigkeit seines Lächelns – »ich berechne eben, daß ich viermalhundertdreißigtausend Franken geopfert habe, um Jenkins das Ehrenkreuz zu verschaffen.«

Viermalhundertdreißigtausend Franken! – Doch, das war noch nicht alles. . . .

Ende des ersten Bandes.

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