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Der Nabob. Band 1

Alphonse Daudet: Der Nabob. Band 1 - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleDer Nabob. Band 1
publisherVerlag J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 20
year1888
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060924
modified20140408
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Fünftes Kapitel

Die Familie Joyeuse

Kein Morgen des Jahres verging, an welchem nicht Schlag acht Uhr in einem neuen Hause und beinahe unbewohnten Stadtviertel von Paris das munterste Zwitschern, Rufen und Kichern von silberhellen Stimmen über die öde Treppe hinschallte: »Papa, vergiß meine Noten nicht!«

»Und die Wolle für meine Stickerei, Papa!«

»Und die frischen Semmeln, Papa!«

Und von unten herauf tönte jetzt auch die Stimme des Papas: »Du Yaja, bring mir doch schnell meine Mappe!«

Richtig, seine Mappe hat er liegen lassen.

Und nun wimmelte es und tummelte sich treppauf, treppab – lustige verschlafene Köpfchen mit zerzaustem Haar, das man sich unterwegs in der Eile zurechtstrich, bis schließlich, übers Geländer hinausgelehnt, eine Anzahl junger Mädchen einem kleinen, rotbäckigen, säuberlich gekleideten und ausgebürsteten Herrn, dessen unscheinbare Gestalt zu guter Letzt in den Windungen des Stiegenhauses verschwand, noch schallende Abschiedsgrüße nachschickten. Herr Joyeuse hatte den Weg zum Büreau angetreten. Sofort flatterte das Völkchen zu seinem Taubenschlage im vierten Stock zurück, und kaum war die Thür ins Schloß gefallen, so sammelte man sich an einem offnen Fenster zu einer neuen Gruppe, um dem Papa noch ein wenig nachzuschauen. Der kleine Mann kehrte sich um, Kußhände flogen hinüber und herüber, dann ging das Fenster zu und ruhig war's wieder in dem einsamen neuen Hause; nur die Plakate tanzten wie toll im Zugwinde der lückenhaften Straße, als wären sie fröhlich geworden mit den Fröhlichen. Jetzt kam noch der Photograph aus dem fünften Stock die Treppe herab, um seinen Schaukasten an das Hausthor zu hängen – immer die gleichen Bilder: der alte Herr mit der weißen Halsbinde und um ihn herum die Töchter in den verschiedensten Gruppen – und wenn der wieder oben war in seinem Atelier, hatte sich der ganze kleine Morgenrumor in eine solche Stille aufgelöst, daß die Vermutung nahe lag, der Papa und seine Mädchen seien bis zum Abend als lachende lebende Bilder in den Holzrahmen hineingebannt worden.

Von der Rue St. Ferdinand bis in sein Bureau bei Hemerlingue und Sohn hatte Herr Joyeuse gute dreiviertel Stunden, die er mit steifem Halse und unbeweglichem Kopfe zurücklegte, als fürchtete er, die schöne Schleife, die ihm seine Tochter geknüpft, und der Hut, den sie ihm aufgesetzt, könnten sich um einen halben Zoll verschieben; ja wenn ihm sogar bei einer Treibhaushitze seine Aelteste, besorgt und vorsichtig wie immer, den Rockkragen aufgekrempelt hatte, um ihn vor den verwünschten Windstößen an der Straßenecke drüben zu schützen, schlug ihn Herr Joyeuse auch nicht eher zurück, bis er in sein Büreau trat, gerade wie der Verliebte, der eben seine Angebetete verlassen hat, sich nicht zu rühren wagt, um den berauschenden Duft des Zusammenseins noch möglichst lange an sich zu behalten. Seitdem vor einigen Jahren der brave Mann Witwer geworden, lebte er ausschließlich seinen Kindern, hatte keine andern Gedanken mehr als sie und ging ganz in jenen blonden Köpfen auf, die ihn wie Engelscharen auf einem Himmelfahrtsbilde umflatterten. Um diese »jungen Damen« drehte sich all sein Dichten und Trachten; zu ihnen kehrte er immer wieder zurück, wenn auch oft auf großen Umwegen, denn Herr Joyeuse besaß eine unerschöpfliche, wunderbare Phantasie, wahrscheinlich infolge seines kurzen Halses und seiner kleinen Statur, die dem Umlaufe seines hitzigen Blutes einen ungenügenden Spielraum boten. Aus seinem Gehirn schwirrten die Gedanken so schnell wie Spreu vom Siebe. Solange er bei der Arbeit saß, wurden sie noch durch das Hantieren mit bestimmten Zahlenbegriffen zusammengehalten, aber draußen entschädigte er sich um so reichlicher für jene Konzessionen an die unerbittliche Logik. Wenn er seinen gewohnten Weg ging über die Straßen, mit deren geringfügigsten Einzelheiten er vertraut war, hatte seine Einbildungskraft gewonnenes Spiel, und dann heckte er eine solche Menge von abenteuerlichen Gedanken aus, daß der Stoff für zwanzig Feuilletonromane ausgereicht hätte.

Kam Herr Joyeuse zum Beispiel das Faubourg St. Honoré herauf – natürlich auf dem Trottoir rechts, denn anders that er's nicht – und fuhr ihm eine Waschfrau vom Lande mit ihrem schweren Karren und ihrem Kinde darin im scharfen Trabe entgegen, so rief der gute Mann, wenn der Kleine, der auf den Leinwandbündeln hockte, sich nur um eine Idee seitwärts neigte, voller Schrecken: »Das Kind! Geben Sie doch ja auf das Kind acht!« Aber seine Stimme verlor sich im Rasseln der Räder und seine gute Absicht im Geheimregister der Vorsehung. Der Karren fuhr weiter. Eine Zeitlang schaute er ihm noch nach, dann setzte er seinen Weg fort. Und nun entspann sich von diesem Ausgangspunkte aus eine ganze, reichhaltige dramatische Handlung. Das Kind ist herabgefallen. . . . Schon gerät es unter die Räder. . . . Da stürzt Herr Joyeuse hinzu und entreißt das hilflose Wesen der Todesgefahr. . . . Doch dabei wird er selber von der Deichsel mitten in die Brust getroffen. In Blut gebadet bricht er zusammen. Jetzt sieht er, wie man ihn unter einem großen Volksauflaufe in die nächste Apotheke bringt. Man holt eine Tragbahre und er wird nach Hause geschafft. . . . Plötzlich hört er das herzzerreißende Geschrei seiner Töchter, seiner Lieblinge, die ihn so wiederfinden müssen. Und dieser Verzweiflungsschrei schnitt ihm dermaßen in die Seele, so deutlich, so erschütternd vernahm er ihn: »Papa, lieber Papa!« daß er ihn auf offner Straße zum großen Erstaunen der Vorübergehenden mit heiserer Stimme selber ausstieß und dadurch aus seinem beklemmenden Märchentraum erwachte. Oder um noch einen Beleg für die Schöpferkraft dieser Phantasie zu liefern: Eines Tages fährt Herr Joyeuse mit dem Omnibus nach seinem Bureau, denn es regnet, es friert . . . ein wahres Hundewetter! Das unansehnliche, winzige Männchen sitzt, mit seiner Mappe auf den Knieen, einem kolossalen Kerl mit plumpem Gesicht und beängstigender Muskulatur gegenüber und hat die Beinchen eingezogen, um den zwei wuchtigen Pfeilern, die jenen Riesenbau stützen, aus dem Wege zu gehen. Das Rollen des Wagens und das Plätschern des Regens gegen die Fensterscheiben unterstützen Herrn Joyeuse in seinem dichterischen Brüten und auf einmal bemerkt sein verwundertes Vis-a-vis, der Koloß, der im großen und ganzen recht gutmütig drein schaut, daß der kleine Mann die Farbe wechselt und ihn zähneknirschend mit grimmigen, mörderischen Blicken anstarrt, . . . Jawohl . . . thatsächlich mit mörderischen Blicken, denn eben jetzt träumt Herr Joyeuse einen gräßlichen Traum: Ihm gegenüber, neben dem brutalen Ungetüm, sitzt eine seiner Töchter und der Elende faßt sie unter der Mantille um die Taille, . . . »Die Hand weg, mein Herr!« . . . hat Herr Joyeuse schon zum zweitenmal gerufen, und der Kerl hat bloß höhnisch dazu gelacht. Jetzt will er Elise gar noch küssen, . . . O, der Schurke! . . . Und zu schwach, um seine Tochter anders zu verteidigen, zieht Herr Joyeuse, schäumend vor Wut, sein Messer aus der Tasche, bohrt es dem Verruchten tief in die Brust und begibt sich dann erhobenen Hauptes, in dem stolzen Bewußtsein, sein Vaterrecht gewahrt zu haben, zur nächsten Polizeistation, um sich anzuzeigen. »Eben habe ich in einem Omnibus einen Menschen erstochen, . . .« Bei diesem düsteren Geständnisse, welches er sehr vernehmlich, wenn auch nicht im Polizeibüreau ablegt, bringt der Klang der eignen Stimme den Unglücklichen wieder zur Besinnung; die perplexen Gesichter der Passagiere verraten ihm, daß er laut gesprochen haben müsse, und da der Kondukteur eben hereinruft: »St. Philippe, Panthéon, Bastille – aussteigen!« hat er nichts Eiligeres zu thun, als sich unter allgemeiner Verblüfftheit ganz verdutzt aus dem Staube zu machen.

Infolge dieser chronischen Ueberreiztheit seiner Phantasie hatte Herr Joyeuse etwas Wunderliches, fieberhaft Verstörtes an sich, das mit seiner sonstigen Erscheinung, mit der korrekten Comptoiristenhülle, in grellem Widerspruche stand, er durchlebte ja täglich so und so viele Scheinexistenzen. Und zahlreicher als man glaubt, ist es vertreten, jenes Geschlecht der wachenden Träumer. Wenn unverbrauchte Kräfte, heroische Anlagen in einen zu engen Wirkungskreis zusammengesperrt werden, dann ist der Traum das Ventil, durch welches sich alle die bedrohlich glühenden und rumorenden Elemente in dahinjagenden Bildern Luft machen. Ist die Vision vorüber, so fühlen sich die einen noch ganz glückselig, die andern aber durch den plötzlichen Rückfall in die platte Alltäglichkeit niedergeschmettert und außer Fassung. Zu diesen letzteren gehörte Herr Joyeuse, der sich fortwährend in Höhen verstieg, aus denen man nicht mehr herunterkommen kann, ohne durch die Schnelligkeit der Beförderung etwas unsanft niedergesetzt zu werden. Eines schönen Morgens entspann sich nun in der Phantasie unsers Einbildungsmenschen, als er zu gewohnter Stunde, in gewohnter Weise aus dem Hause gegangen war und eben um die Ecke der Rue St. Ferdinand bog, folgender kleiner Roman: Die kalte Witterung oder vielleicht auch eine hölzerne Bude, die drüben auf dem Zimmerplatze aufgeschlagen wurde, lenkte seine Gedanken auf die Sylvesternacht und Neujahrsgeschenke hin, und sofort pflanzte sich als erster Absteckpfahl einer schwindelnden Aneinanderreihung der Begriff Gratifikation in seinem Geiste auf. Am 31. Dezember bezogen nämlich alle Commis von Hemerlingue und Sohn doppeltes Monatsgehalt, und bekanntlich baut man in bescheidenen Haushaltungen auf derartige glückliche Eventualitäten tausenderlei ehrgeizige und verlockende Pläne. Da will man Geschenke machen oder sich ein neues Stück Mobiliar anschaffen oder einen Notpfennig in der Schublade zurücklegen für ganz unvorhergesehene Ereignisse.

Auch bei Herrn Joyeuse ging es bescheiden genug her. Seine Frau, eine geborene von St. Amand, hatte, vom Hochmutsteufel geplagt, den kleinen Beamtenhaushalt auf einen verhängnisvollen Fuß gebracht, und selbst jetzt, drei Jahre nach ihrem Tode, wo doch Großmütterlein so umsichtig wirtschaftete, hatte nichts erspart werden können, so schwer trug sich's noch an jener Vergangenheit. . . . Sofort stellte sich der gute Mann vor, die diesjährige Gratifikation werde größer ausfallen wegen des Zuwachses an Arbeit, welche die tunesische Anleihe mit sich gebracht, zumal die Prinzipale mit besagter Anleihe ein sehr schönes, ja sogar zu schönes Geschäft gemacht hatten, über das sich Herr Joyeuse einstens dahin zu äußern gewagt, daß dieses Mal der Türke doch etwas gar zu glatt geschoren worden sei. – Jawohl, wir bekommen unzweifelhaft das Doppelte, dachte der Einbildungsmensch im Weitergehen, und schon sah er, wie er am Schluß des Monats mit seinen Kollegen die kleine Treppe hinaufstieg, um Hemerlingue ein glückliches neues Jahr zu wünschen. Dieser verkündete die frohe Nachricht, dann behielt er noch Herrn Joyeuse unter vier Augen bei sich, und siehe da! der Prinzipal, sonst so kalt, so verschlossen, mit seiner gelblichen Fettschicht gewappnet, als stecke er in einem Ballen Rohseide – dieser Prinzipal schlug jetzt einen freundschaftlichen, väterlich teilnehmenden Ton an und wollte wissen, wieviel Töchter Joyeuse denn besitze.

»Ihrer drei, Herr Baron, das heißt eigentlich ihrer vier. Ich bin oft ganz konfus, die älteste ist eben schon so vernünftig.«

Und der Baron fragte weiter nach ihrem Alter.

»Alice, meine Aelteste, ist zwanzig, Herr Baron. Dann haben wir noch die achtzehnjährige Elise, die sich auf das Lehrerinnenexamen vorbereitet, Henriette geht in ihr sechzehntes Jahr, Easa oder Yaja steht erst im vierzehnten.«

Diesen Spitznamen fand Herr Baron über alle Maßen erheiternd und erkundigte sich jetzt auch nach den Existenzmitteln einer so interessanten Familie.

»Einzig und allein mein Gehalt, Herr Baron; früher hatte ich allerdings einiges zurückgelegt, aber das Krankenlager meiner armen Frau, die Erziehung der Kinder . . .«

»Schon gut, lieber Joyeuse; Ihr Einkommen reicht nicht aus und deshalb erhöhe ich es auf monatlich fünfhundert Franken.«

»Zu viel, Herr Baron, zu viel!« sprach Herr Joyeuse ganz laut in einen Stadtsergeanten hinein, der eben vor ihm stand und das herumfuchtelnde Männchen nun mit mißtrauischen Blicken maß, doch der arme Einbildungsmensch ging traumselig weiter; er sah, wie er nach Hause eilte, wie er seinen Töchtern die Neuigkeit mitteilte, wie er sie abends, zur Feier dieses Freudentages, alle ins Theater führte. . . . O, Gott, wie hübsch nahmen sie sich doch aus, die jungen Damen, vorn in der Loge wie ein Strauß von Rosenknospen. Tags darauf halten auch richtig zwei junge Männer um die Hand der zwei Größten an. – Leider brachten es die Freier nicht über die Anonymität hinaus, denn eben kam Herr Joyeuse unter dem Thorbogen des Palais Hemerlingue zu sich, just vor der Thür, über welcher in goldener Inschrift »Kassa« zu lesen war. – Immer und ewig der Alte, kicherte er in sich hinein, indem er, den perlenden Schweiß von seiner Stirn wischend, den Parkettboden der ineinanderlaufenden ebenerdigen Bureaus betrat, hinter deren verschwiegenen Fenstergittern sich die Goldstücke bei der gedämpften Beleuchtung zusammenzählen ließen, ohne durch ihren Glanz das Auge zu ermüden. Wohlgemut begrüßte Herr Joyeuse seine Kollegen, schlüpfte recht gemächlich in seinen Arbeitskittel und setzte sein schwarzes Samtkäppchen auf. Da ertönte plötzlich von oben herab ein Pfiff, der Kassierer legte das Ohr an die Mündung des Sprachrohres; – Hemerlingue, der Alte, der wirkliche Hemerlingue, denn der andre, der Junge, war stets abwesend, verlangte mit seiner fetten, gallertartigen Stimme nach Herrn Joyeuse. – Diesem wurde ganz heiß: – Wär's möglich, sollte der Traum in Erfüllung gehen? –

Ueber die kleine Wendeltreppe, welche er vorhin in Gedanken so flott hinaufgestiegen war, verfügte er sich in das Kabinett seines Prinzipals, ein enges, sehr hohes Zimmer, dessen Einrichtung nur aus grünen Vorhängen und einigen ungeheuren, dem entsetzlichen Umfang des Hausherrn entsprechenden Lederfauteuils bestand. Keuchend vor Feistigkeit und so gelb, daß sein rundes Gesicht mit der gebogenen Nase – der reine fettsüchtige Eulenkopf – im Hintergrunde dieses feierlichen, verdüsterten Gemaches eine Art Schimmer verbreitete, saß an einem Pulte, dem nahezurücken ihn sein Schmerbauch verhinderte, der Chef, jenen dicken maurischen Krämern nicht unähnlich, die in ihren kleinen feuchten Hofräumen hinmodern. Unter den schweren Augenlidern, die er nur mühsam offen hielt, erglänzte sein Blick eine Sekunde lang, als der Gerufene eintrat; er winkte ihn zu sich heran und richtete langsam und gemessen, seiner Atemnot durch Zwischenpausen Rechnung tragend, anstatt der Frage: »Wieviel Töchter besitzen Sie denn, Herr Joyeuse?« folgende Ansprache an ihn: »Joyeuse, Sie haben sich erlaubt, über unsern jüngsten Vertrag mit Tunis in Gegenwart Ihrer Kollegen abfällig zu urteilen. . . . Jeder Versuch, sich verteidigen zu wollen, ist unnütz. Ihre Aeußerungen sind mir Wort für Wort hinterbracht worden, und da ich dergleichen von seiten eines Untergebenen unmöglich dulden kann, eröffne ich Ihnen hiermit, daß Sie vom Letzten dieses Monats ab aus dem Geschäfte entlassen sind.« –

Ein Blutstrom schoß Herrn Joyeuse in die Wangen, dann zum Herzen zurück und wieder in den Kopf hinauf, in welchem er mit jedem Male unter tobendem Ohrensausen eine tumultuarische Bilder- und Gedankenhetze hervorrief. . . . Die Töchter . . . was soll aus ihnen werden? . . . Gerade um diese Zeit sind die offnen Stellen am seltensten. . . . Und zugleich mit dem kommenden Elend sah der Aermste in seiner Phantasie sich selbst, wie er sich vor Hemerlingue auf die Kniee warf, wie er ihn anflehte, wie er ihm drohte, wie er ihm in einem Anfall von verzweifelter Wut an die Kehle sprang. . . . Das alles stürmte über sein Antlitz hin, wie eine Windsbraut, die einen See aufwühlt, er selber aber stand unbeweglich da, bis ihm bedeutet wurde, daß er sich entfernen könne, worauf er hinauswankte, an sein Tagewerk bei der Kasse.

Als er abends heimkam, schwieg er über das Vorgefallene, er brachte es nicht übers Herz, die strahlende Heiterkeit, die Lebenssonne seines Hauswesens zu trüben, und der bloße Gedanke an die großen Thränen in den hübschen, leuchtenden Augen seiner Töchterchen war ihm unerträglich, um so mehr, als er zu den schwachen und furchtsamen Naturen gehörte, die alles auf morgen verschieben. So verschob er denn seine Mitteilung zunächst auf den letzten November, angeblich in der Hoffnung, Hemerlingue möchte sich zu guter Letzt doch noch anders besinnen, als ob er ihn nicht zur Genüge gekannt hätte, den Eigenwillen jener klebrigen, an seinen Goldklumpen festgesogenen Molluske. Dann, als ihm sein Monatsgehalt ausgezahlt worden, und er seinem Nachfolger das Pult überließ, an welchem er so lange Zeit gestanden, hoffte er, in Bälde anderswo unterzukommen und das Unglück wieder gut zu machen, ohne vorher davon sprechen zu müssen. Er stellte sich also jeden Morgen, als ginge er ins Geschäft, und ließ sich gewohntermaßen ausrüsten und geleiten, immer mit der großen Ledermappe unter dem Arm, um auf dem Heimwege die vielen Aufträge der jungen Damen zu besorgen. Dazu fehlte es dem armen Manne leider nicht an Zeit, wenn er auch, in Anbetracht der höchst problematischen Einkünfte dieses Monats dies und jenes geflissentlich vergaß; hatte er doch jetzt tagtäglich einen ganzen, nicht enden wollenden Tag vor sich, den er zu Kreuz- und Querzügen nach einer Anstellung verwendete. Wohl war er mit den besten Empfehlungen an die besten Firmen versehen, aber in diesem schrecklichen, kalten, lichtarmen Monat Dezember, der so viel Arbeit und so viel Ausgaben mit sich bringt, sind Prinzipal und Commis aufs Abwarten angewiesen. Man geduldet sich bis zum Jahresschluß und schiebt alle Aenderungen, Verbesserungen und Umgestaltungen seiner Existenz bis Januar, bis nach dem großen Ruck in den neuen Zeitabschnitt auf.

Ueberall, wo Herr Joyeuse vorsprach, nahmen die Gesichter plötzlich einen kühleren Ausdruck an, sobald er mit dem Zwecke seines Besuches herausrückte.

»So, Sie sind nicht mehr bei Hemerlingue und Sohn? Ei, wie kommt denn das?«

Er berief sich nach besten Kräften auf eine Laune des Prinzipals, Hemerlingues Bosheit war ja stadtbekannt, aber aus der stehenden Antwort: »Sprechen Sie nach den Feiertagen wieder vor,« konnte er schon die Kälte und das Mißtrauen der Leute entnehmen, und bei seiner wachsenden Schüchternheit kam es bald so weit mit ihm, daß er sich nirgends mehr anzufragen getraute und oft zwanzigmal vor der Thür auf und ab ging, ohne sich über die Schwelle zu wagen. Nur der Gedanke an seine Kinder schob ihn dann gleichsam bei den Schultern hinein, das allein gab seinen Beinen Courage und trieb ihn schließlich binnen eines Tages in ganz entgegengesetzte Stadtteile, auf zweifelhafte Angaben von Kollegen hin nach Aubervillers in eine große Knochenmehlfabrik, wo man ihn drei Tage hintereinander für nichts und wieder nichts hinbestellte. Die Irrfahrten bei Sturm und Schnee, die verschlossenen Thüren, die abwesenden oder abgehaltenen Prinzipale, die plötzlich zurückgenommenen Versprechungen, die getäuschten Hoffnungen, das erschlaffende Herumlungern in den Vorzimmern, die tausendfachen Demütigungen, die keinem Arbeitsuchenden erspart bleiben, als ob das Suchen nach Arbeit eine Schande wäre – all diese Bitternisse mußte Herr Joyeuse durchkosten bis zur Erlahmung des guten Willens, zum Zusammenbrechen unter dem beharrlichen Mißgeschick, und dabei ist noch zu bedenken, daß dies Martyrium der Stellenjagd bei ihm noch zehnfach verschärft wurde durch die Vorspiegelungen seiner Phantasie, durch die Trugbilder, die aus dem Pflaster von Paris vor ihm aufstiegen, während er die Kreuz udn Quer darüber hinrannte.

Den ganzen Monat hindurch war er einer jener kläglichen, gestikulierenden, vor sich hinmurmelnden Pflastertreter, denen jeder Anprall gegen Vorübergehende einen nachtwandlerischen Ausruf entreißt: »Versteht sich, das habe ich von jeher gesagt, zweifeln Sie daran ja nicht, bester Herr.« Wenn man an solchen Menschen vorübergeht, möchte man beinahe lachen, fühlte man sich nicht unwillkürlich zum Mitleid umgestimmt durch die Bewußtlosigkeit dieser unglücklichen Opfer einer fixen Idee, dieser Blinden, die von ihrem Traume an einer unsichtbaren Leine hin und her gezogen werden. Das Peinlichste war noch, daß Herr Joyeuse, wenn er nach solchen langen qualvollen Tagereisen, vor lauter Unthätigkeit ermattet, nach Hause kam, die Komödie der Heimkehr von der Arbeit aufführen und so und so viel Neuigkeiten auskramen mußte, Stadt und Comptoirklatsch, mit dem er seine jungen Damen von jeher unterhalten hatte. In allen kleinbürgerlichen Familien gibt es einen Namen, der öfters genannt wird, den man in stürmischen Zeiten anruft, der in alle Wünsche, in alle Zukunftspläne, ja sogar in die Spiele der von seiner Wichtigkeit durchdrungenen Kinder verflochten wird, einen Namen, dem man die übernatürliche Rolle einer zweiten Vorsehung oder noch besser, eines spiritus familiaris nach Art der Laren zuteilt. Es ist dies stets ein Prinzipal, ein Fabrikbesitzer, ein Bauherr, ein Minister, kurzum, der Mann, in dessen mächtiger Hand das Glück und die Existenz des häuslichen Herdes ruhen. Bei der Familie Joyeuse war es Hemerlingue und immer wieder Hemerlingue. Wohl zehn- oder zwanzigmal des Tages kam der Name im Gespräche der jungen Damen vor, die ihn mit jedem Vorhaben, mit den unbedeutendsten Einzelheiten ihrer Mädchenträume in Verbindung brachten: »Ja, wenn Hemerlingue wollte. . . . Das hängt alles von Hemerlingue ab . . .« Und mit welch reizender Vertraulichkeit redeten die jungen Dinger von jenem Geldprotzen, den sie nie zu Gesicht bekommen hatten! Ein ewiges Hin- und Herfragen, ob er mit dem Papa gesprochen, ob er gut oder schlecht aufgelegt gewesen. . . . Ach, so haben wir ja alle, samt und sonders, mag uns das Schicksal in noch so bescheidene und gedrückte Verhältnisse zwängen, selber wieder noch bescheidenere, gedrücktere arme Wesen unter uns, denen wir groß erscheinen, für die wir Götter sind, und denen wir als solche gleichgültig, geringschätzig und grausam begegnen.

Nun stelle man sich vor, welche Marter es für Herrn Joyeuse sein mußte, über den Elenden, der ihm nach zehn Jahren treuer Pflichterfüllung so barbarisch den Abschied gegeben hatte, noch allerlei Geschichten und Anekdoten zu erfinden. Dennoch führte er seine kleine Komödie so durch, daß er jedermann vollkommen damit täuschte. Aufgefallen war nur die Thatsache, daß der Papa jeden Abend sich mit einem wahren Heißhunger an den Tisch setzte. Kein Wunder, denn mittags aß der arme Mann nichts mehr, seitdem er seine Stelle verloren hatte. So verging ein Tag nach dem andern, aber Herr Joyeuse hatte noch immer kein Unterkommen gefunden, das heißt, bei der Territorialkasse hätte er schon eintreten können, allein er schlug das Anerbieten ab, da er die Geschäftsführung sämtlicher Winkelbanken der finanziellen Halbwelt im allgemeinen und die der Territorialkasse insbesonders zu genau kannte, um jemals den Fuß in diese Spelunke zu setzen.

»Wenn ich Ihnen aber versichere,« sagte Passajou zu ihm, denn er hatte, als er wieder einmal mit ihm zusammentraf und ihn ohne Beschäftigung sah, dem guten Manne vorgeschlagen, sich bei Paganetti anstellen zu lassen, »wenn ich Ihnen versichere, daß es jetzt mit rechten Dingen zugeht! Wir sind reich. Es wird bar bezahlt. Ich selber bin ausbezahlt worden. Da sehen Sie nur diese Pracht!«

Der alte Büreaudiener trug in der That eine neue Livree, und unter dem Rocke mit den versilberten Knöpfen war ihm das Wänstlein majestätisch angeschwollen. Gleichviel; Herr Joyeuse widerstand der Versuchung, auch als Passajou, die blauen Glotzaugen aufreißend, ihm behutsam die vielversprechenden Worte zuflüsterte: »Der Nabob ist mit beteiligt.« Selbst dann hatte Herr Joyeuse noch den Mut: »Nein« zu sagen; lieber verhungern, als in ein anrüchiges Geschäft eintreten, dessen Bücher er vielleicht einmal vor Gericht als Sachverständiger zu untersuchen haben würde. – Er trieb sich also nach wie vor herum, war aber dermaßen entmutigt, daß er sich um keine Stelle mehr bewarb, und da er seine Zeit doch einmal außer Hause verbringen mußte, blieb er vor den Auslagen auf den Quais stehen oder lehnte stundenlang an der Brustwehr des Ufers und sah dem Wasser und dem Ausladen der Schiffe zu. So wurde einer jener Müßiggänger aus ihm, die man bei Straßenaufläufen in der vordersten Reihe gaffen sieht, die sich bei einem Platzregen unter die Hausthüren flüchten, die sich an den rauchenden Kesseln wärmen, in denen unter freiem Himmel Asphalt für die Trottoirs bereitet wird, und die schließlich vor lauter Ermattung auf eine Bank der Boulevards niedersinken. Nichts thun! Gibt es ein wirksameres Mittel, sein Leben zu verlängern? Die kurzen Büreaustunden dehnten sich jetzt bei leerem Magen unter Gähnen und nichtigen Phantasieen zu einem endlosen, abspannenden Bummelfrondienst aus! es ist ja so schwer, die Zeit totzuschlagen, die verfluchte Zeit, die nicht selber sterben will! – Wenn indessen Herr Joyeuse zu müde oder die Witterung gar zu grausam war, wartete er ausnahmsweise am Ende der Straße, bis die jungen Mädchen ihr Fenster wieder geschlossen hatten, schlich sich dann die Häuser entlang wieder zurück, eilte die Treppen hinauf, huschte, indem er den Atem anhielt, an der Thür seiner Wohnung vorbei und suchte seine Zuflucht droben bei André Maranne, dem Photographen, dem er sein Leid geklagt hatte und bei dem er jene wehmütige Teilnahme fand, wie ein armer Teufel sie dem andern entgegenbringt. Lange Stunden verplauderte er dann flüsternd mit dem Freunde, denn in dieser Abgeschiedenheit wurden sie gar selten durch einen Kunden gestört, oder er las an seiner Seite oder er hörte dem Regen zu, der an die Scheiben schlug, und dem Winde, der heulend wie auf hoher See, draußen auf den Bauplätzen die alten Thüren und Fensterrahmen der abgebrochenen Häuser gegeneinander stieß. Unter dem Atelier aber vernahm er allerlei wohlbekannte, für ihn bezaubernde Laute, kleine Lieder, die der Befriedigung über eine gelöste Aufgabe entflatterten, die Klavierstunde, die Großmütterchen gab, und das Ticken des Metronoms, kurz ein köstliches Durcheinander, das ihm im innersten Herzen wohlthat. – Er lebte dann unter seinen Lieblingen, ohne daß diese seine Nähe auch nur geahnt hätten.

Eines Tages, da Herr Joyeuse in Marannes Abwesenheit als treuer Wächter des Ateliers und des neuen Apparates dasaß, vernahm er ein zweimaliges Klopfen gegen die Zimmerdecke des vierten Stockes, zwei abgesonderte ganz deutliche Schläge und hernach ein Rascheln wie von laufenden Mäusen. Die freundnachbarlichen Beziehungen zum Photographen rechtfertigten schon solchen Verkehr nach Gefangenenart, aber was hatte diese mutmaßliche Anfrage zu bedeuten und wie war sie zu beantworten? Herr Joyeuse klopfte aufs Geratewohl ebenfalls zweimal, womit die Unterhaltung zu Ende war. Als André Maranne zurückkehrte, klärte sich's auf. Die Sache verhielt sich einfach so: Die jungen Damen, die den Nachbar erst abends zu sehen bekamen, erkundigten sich zuweilen im Laufe des Tages nach seinem Befinden, und ob er mit dem Zuspruch des Publikums zufrieden sei. Das vorhin gegebene Signal hieß: »Machen Sie heute gute Geschäfte?« und Herr Joyeuse hatte, ohne es zu wissen, mit richtigem Instinkt geantwortet: »Nach Umständen leidlich.« Obwohl der junge Mann bei dieser Auseinandersetzung ganz rot geworden war, schenkte ihm Herr Joyeuse nichtsdestoweniger Glauben, nur ward ihm bei diesem häufigen Verkehr der Parteien um die Wahrung seines Geheimnisses bange, und fortan versagte er sich, was er seine Abstecher auf das Gebiet der bildenden Künste zu nennen pflegte. Aber wozu? Schon kam die Zeit, wo seine Notlage nicht mehr verschwiegen werden konnte: der düstere Monatsschluß rückte unter den erschwerenden Umständen einer Jahreswende heran.

Schon erschien Paris im Festgewande der letzten Dezemberwochen. Fast alle volkstümlichen Feste, wie zum Beispiel der Karneval mit seinen Lustbarkeiten, sind nach und nach in Abgang gekommen; aber den Neujahrstag hält Paris noch in Ehren. Von Anfang Dezember an ergießt sich eine wahre Sündflut von Kindertand über die Stadt. Karrenweise werden vergoldete Trommeln, Schaukelpferde und allerlei Dutzendspielwaren feilgeboten. In den gewerbtreibenden Straßen, namentlich in den großen alten Gebäuden des Marais mit ihren hallenartigen, majestätisch mit Flügelthüren ausgestatteten Kaufladen wird durch alle fünf Stockwerke die ganze Nacht hindurch mit Flor, Blumen und Rauschgold hantiert, werden auf glasierte Schachteln Etiketten aufgeklebt, die tausend und abertausend verschiedenen Spielwaren sortiert, gezeichnet und verpackt, mit denen Paris einen so ausgedehnten Handel treibt, nachdem es ihnen den Stempel seines Geschmackes aufgedrückt hat; überall riecht es nach frischem Holz, nach Oelfarben, nach Glanzfirnis, und im Staub der Mansardenzimmer, auf den elenden Treppen, auf denen das Volk allen möglichen Straßenschmutz zurückläßt, über welchen es hinweggeschritten, liegen Späne von Rosenholz herum, Atlas- oder Samtabfälle und Flitterteilchen – lauter Ueberreste des prächtigen Krames, an denen sich geblendete Kinderaugen meiden sollen. Dann putzen sich die Schaufenster der Laden heraus. Hinter den glänzenden Spiegelscheiben flimmert wie ein funkelnder Strom der Goldschnitt der Bücher unterm Gaslicht; die verführerischen Seidenstoffe mit ihren schweren Falten bieten sich in allen Nuancen dar, indessen die schön frisierten Verkäuferinnen, die zum Schmuck ihrer Halskrause ein buntes Bändchen umgelegt haben, die Ware mit zierlich erhobenem kleinen Finger an den Mann zu bringen suchen, oder die Moirétüten mit einem Perlenregen von Bonbons füllen. Aber im Gegensatz zu diesem behäbig eingebürgerten hinter dem Bollwerk seiner prunkvollen Auslagen warmsitzenden Großhandel taucht nun auch der Kleinhandel auf mit seinen improvisierten, allen Winden preisgegebenen Bretterbuden, deren doppelte Reihe die Boulevards in einen Jahrmarkt verwandelt, und gerade darin besteht die Hauptanziehung, die Poesie der Weihnachtszeit. Im Madeleineviertel elegant, auf dem Boulevard St. Denis spießbürgerlich, und gegen den Bastilleplatz zu mehr für das sogenannte niedere Volk eingerichtet, passen sich diese kleinen Holzbuden den Anforderungen ihrer Lage an und bringen ihre Absichten auf Gewinn mit den mehr oder minder gefüllten Portemonnaies ihres Publikums in Einklang, Zwischendrein kommen dann noch die fliegenden Tische mit ihrer Unmasse von Sächelchen, einem wahren Wunder der kleinen und kleinsten Pariser Industrie, zerbrechlich und unansehnlich aus nichts zusammengezaubert und gerade infolge dieser Leichtigkeit in die große Luftströmung der Mode zuweilen mit hineingezogen – und endlich, zur Vervollständigung dieses wandernden Zwischenhandels, die Trottoirs entlang, auf ihren Kreuz- und Querzügen von der vorüberfahrenden Wagenreihe gestreift und beinahe darin verschwindend, die Orangenverkäuferin, welche die sonnengoldigen Früchte unter ihren roten Laternen aufhäufen und ihr »La Valence« mitten unter die tumultartige Ueberstürzung, mit der Paris das alte Jahr beschließt, in den Nebel hineinschreien.

Sonst pflegte Herr Joyeuse sich jener Menge anzuschließen, die mit Paketen im Arm und dem Geld in den Taschen klappernd geschäftig hin und her wogt. In Begleitung Großmütterchens, mit welchem er nach Neujahrsgeschenken für seine jungen Damen auf die Suche ging, machte er eine Station um die andre bei jenen kleinen Handelsleuten, die der geringste Käufer in Aufregung bringt, weil ihnen die Routine des Geschäftes fehlt, und die sich dennoch von dieser kurzen Spanne Zeit einen außerordentlichen Gewinn versprechen. Und dann war's ein Gerede und ein Erwägen, eine endlose Unentschlossenheit in diesem wunderlichen, stets über den gegenwärtigen Augenblick und seine Erfordernisse hinausschießenden Gehirn.

Ach! in diesem Jahre gab's dies alles nicht. Melancholisch irrte Herr Joyeuse inmitten der allgemeinen Lustbarkeit umher, in dieser rührigen Umgebung doppelt müßig, doppelt verdüstert, und ließ sich herumpuffen und beiseite stoßen, wie jedem geschieht, der dem Treiben thätiger Leute im Wege steht. Er hatte fortwährend Herzklopfen vor lauter Seelenangst, denn seit einigen Tagen machte Großmütterchen abends bei Tische bedeutungsvolle, recht durchsichtige Anspielungen auf die Neujahrsgeschenke, weshalb Herr Joyeuse vermied, mit ihr allein zu bleiben, und ihr auch untersagt hatte, ihn nach Schluß des Bureaus abzuholen. Aber trotz aller Bemühungen nahte – das fühlte er nur zu wohl – der Moment, wo die Heimlichkeit aufhören und das quälende Rätsel gelöst werden mußte. – War gewiß eine recht böse, böse Sieben, jenes Großmütterchen, weil Herr Joyeuse es gar so fürchtete? Ach, nicht im geringsten, bloß etwas streng, mit einem lieblichen Lächeln, das den Schuldigen sofort wieder amnestierte; Herr Joyeuse aber war nicht nur von Hause aus ein Hasenfuß, sondern noch obendrein durch seine zwanzigjährige Ehe mit einer pantoffelschwingenden »Geborenen von« auf immer eingeschüchtert und gebrochen, jenen Sträflingen gleich, die nach abgesessener Haft unter polizeilicher Aufsicht bleiben; er konnte sich sein Sklaventum zeitlebens nicht mehr abgewöhnen.

Eines Abends saß die Familie Joyeuse wieder in ihrem kleinen Salon beisammen, dessen Einrichtung aus dem Schiffbruch früherer Größe gerettet worden war: zwei gepolsterte Fauteuils, viel gehäkelte Garnituren, ein Klavier, zwei Lampen mit grünen Cylinderhütchen und ein Glasschrank voll Nippsachen. Bei dem Unbegüterten kommt der Familiensinn am meisten zur Geltung. Aus Sparsamkeitsrücksichten wurde in der ganzen Wohnung nur ein Feuer und eine Lampe angezündet, die allen Beschäftigungen und Zerstreuungen als Sammelplatz diente, eine behäbige, große Tischlampe, deren alter Schirm mit den Nachtszenen und den hineingestochenen schimmernden Pünktchen für jedes der jungen Wesen einst ein Gegenstand kindlicher Bewunderung und Freude gewesen war. Vier Mädchenköpfe, die sich von der Dunkelheit des Zimmers sanft abhoben, blond oder braun, fleißig oder vor sich hinlächelnd, neigten sich dem traulichen, herzerwärmenden Lichtstrahl zu, und dieser, der sie bis über die Augen hinauf beleuchtete, schien den Glanz ihrer Blicke, den Jugendschimmer ihrer klaren Stirne mit seiner Flamme zu nähren, schien sie hegen und bewahren und schützen zu wollen vor der kalten Zugluft der finsteren Straße, vor bösen Geistern und vor bösen Menschen, vor Grauen und Elend, kurz, vor allem Unheimlichen, was in solch einer Winternacht draußen umgeht in einem abgelegenen Stadtteil von Paris.

Wie Vögel auf einem hohen Baumwipfel, nistet die Familie Joyeuse zusammengeschmiegt und warmgeborgen da droben im öden Haus, in ihrem Stübchen, im säuberlichen, behaglichen Daheim, Es wird genäht, gelesen, ein wenig geplaudert. Kein andres Geräusch als ein Aufflackern des Lichtes, ein Knistern des Feuers und hin und wieder ein Ausruf des Papas, der etwas abseits, in der Dunkelheit sein ängstliches Gesicht und die tollen Sprünge seiner Phantasie dem kleinen Kreise zu entrücken sucht. Eben stellt er sich vor, daß er, durch eine Einwirkung von oben, aus der jammervollen Klemme, in die er geraten ist, gerettet wird, gerade jetzt, wo er vor der unabänderlichen Notwendigkeit steht, Großmütterchen noch heut oder spätestens morgen alles zu bekennen. Hemerlingue, dem das Gewissen schlägt, übersendet ihm, wie jedem, der an der tunesischen Anleihe mitgearbeitet hat, eine Neujahrsgratifikation, Sie wird ihm von einem langen Lakaien eingehändigt: »Das schickt Ihnen der Herr Baron.« Diese Worte hat unser Einbildungsmensch ganz laut ausgesprochen, und die hübschen Gesichtchen schauen zu ihm herüber, es setzt ein Gelächter, einen kleinen Tumult ab, über welchen der Unglückliche jählings wieder zu sich selber kommt. O wie reut's ihn jetzt, daß er mit dem Geständnis so lange gezögert und die trügerische Zuversicht um sich her verbreitet hat, die nun mit einem Schlag in Trümmer gehen muß. Hätte er seine Kritik über das Geschäft mit dem Bey nicht für sich behalten können? Jetzt macht er sich sogar einen Vorwurf daraus, daß er eine Anstellung bei der Territorialkasse verschmäht hatte. Mit welchem Recht denn hatte er sie verschmäht? Ein trauriger Familienvater das, welcher nicht einmal die Kraft besitzt, für der Seinen Glück zu sorgen und einzustehen! Und angesichts der vom Schatten des Lampenschirmes umrahmten lieblichen Gruppe, deren friedlicher Anblick einen so schroffen Gegensatz bildet zu dem Aufruhr in seinem Innern, ergreift ihn eine bei seiner schwachen Natur so unwiderstehliche Reue, daß ihm sein Geheimnis schon auf der Zunge liegt und sich eben unter einem Anfall von Schluchzen Bahn brechen will, als plötzlich, und diesmal in Wirklichkeit, ein kräftiges Anläuten die Gesellschaft aufschreckt und ihn nicht zu Wort kommen läßt.

Wer in aller Welt konnte um diese Stunde noch bei ihnen vorsprechen? Seitdem die Mutter gestorben, lebten sie ja ganz für sich und gingen sozusagen mit niemand mehr um. André war's nicht, denn wenn der auf einen Augenblick herunterkam, klopfte er als gern gesehener Hausfreund ohne Umstände an die Wohnungsthür. Endlich, nach einer erwartungsvollen, durch eine lange Unterredung draußen auf dem Vorplatz ausgefüllten Pause, brachte die alte Magd, deren Dienstjahre bei der Familie mit denen der Lampe genau zusammenstimmten, einen völlig unbekannten Mann herein, welcher beim Anblick der um den Tisch gruppierten vier Herzblättchen stehen blieb, wie festgebannt vom Zauber dieses Bildes. Wenn auch infolgedessen sein erstes Auftreten ein verschüchtertes und etwas linkisches war, so setzte er doch den Zweck seines Besuches vortrefflich auseinander. Da er sich in der Buchhaltung unterrichten lassen wollte, sei er durch einen gemeinschaftlichen Bekannten, durch den guten alten Passajou, an Herrn Joyeuse gewiesen worden. Einer seiner Freunde habe sich bei großartigen Spekulationen, bei einer bedeutenden Kommanditgesellschaft beteiligt, und dem möchte er beim Anlegen seiner Kapitalien, überhaupt der ganzen Geschäftsführung behilflich sein, sei aber als Advokat im Finanzwesen und allem, was drum und dran hängt, wenig bewandert. Ob es also Herrn Joyeuse nicht etwa möglich wäre, ihm einige Monate hindurch wöchentlich drei oder vier Stunden zu widmen.

»Gewiß, mein Herr, o gewiß,« stotterte Papa Joyeuse, den der unerhoffte Glücksfall ganz betäubte. »Ich nehme es schon auf mich, Sie binnen einigen Monaten mit den nötigen Spezialkenntnissen auszurüsten. Wo sollen die Lektionen gegeben werden?«

»Wenn es Ihnen recht ist, hier,« sagte der junge Mann, »denn es wäre mir sehr wünschenswert, wenn man von meinen Vorübungen nichts erführe. Nur würde ich unendlich bedauern, sollte mein Erscheinen jedesmal einen allgemeinen Aufbruch veranlassen.«

Gleich bei den ersten Worten des Fremden waren nämlich die vier Lockenköpfchen unter diskretem Wispern davon gerauscht, und es sah recht öde aus in dem Salon, seitdem die Lampe ihren großen, weißschimmernden Lichtkreis auf den nunmehr verlassenen Tisch warf. Herr Joyeuse, der gleich stutzig wurde sobald es sich um seine Töchter handelte, erwiderte hierauf, daß sich die jungen Damen jeden Abend um diese Zeit zurückzögen, und aus dem entschiedenen Tone dieser kleinen Aufklärung ließ sich etwas heraushören, wie: Junger Mann, wenn ich bitten darf, bleiben wir bei unsern Lektionen. Man kam nun über bestimmte Tage und bestimmte freie Abendstunden überein. Was die weiteren Bedingungen anbelangte, möge es der junge Herr ganz nach Belieben halten. Der junge Mann schlug ein Honorar vor, und dem alten Joyeuse schoß das Blut in die Wangen, denn die Summe entsprach genau seinem Gehalte bei Hemerlingue, »Nicht doch, das ist ja zu viel.« Aber der andre hörte schon nicht mehr; er biß sich verlegen auf die Lippen und suchte nach Worten, als hätte er etwas noch recht Schweres vorzubringen; dann sagte er plötzlich kurzgefaßt: »Das hier wäre also für den ersten Monat.«

»Aber bester Herr . . .«

Allein der junge Mann bestand darauf. Es verstehe sich doch von selbst, daß er, der Unbekannte, vorausbezahle. Offenbar hatte ihm Passajou einen Wink gegeben. Herr Joyeuse fühlte das auch heraus.

»Danke, danke,« murmelte er vor sich hin und war so ergriffen, daß er umsonst nach Worten rang. Das Leben, ja das Leben war ihm auf ein paar Monate wieder geschenkt, die gehörige Zeit, sich umzuthun und ein Unterkommen zu finden; seine Herzblättchen mußten keinen Mangel leiden, mußten nicht einmal auf ihre Neujahrsbescherungen verzichten. . . . O, die gütige Vorsehung!

»Nächsten Mittwoch also, Herr Joyeuse.«

»Nächsten Mittwoch, Herr –, Herr –«

»Géry, Paul von Géry.«

Und als sie sich trennten, waren beide geblendet und entzückt, der eine von dem unvermuteten Eingreifen des Retters, der andre von dem bezaubernden Bilde, das er im Fluge erschaut hatte, von den vier Mädchen um den Tisch mit Büchern, Heften und Nähzeug, von einem Bilde sittenreinen, arbeitsamen Familienlebens.

Paul von Géry hatte ein neues, ein herrliches, mutbeseeltes Paris entdeckt, welches von dem andern, das er zuerst kennen gelernt, himmelweit verschieden war – ein Paris, von dem kein Zeitungsreporter und kein Feuilletonist jemals spricht und das ihn an sein Provinzstädtchen erinnerte, nur mit dem reizvollen Zusatze der Steigerung, die der Friede solch einer verschönten Heimstätte durch die lärmende, tobende Umgebung erfährt.

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