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Der Nabob. Band 1

Alphonse Daudet: Der Nabob. Band 1 - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleDer Nabob. Band 1
publisherVerlag J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 20
year1888
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060924
modified20140408
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Drittes Kapitel.

Aus den Memoiren eines Bureaudieners. Ein einfacher Streifblick auf die Territorialkasse.

Ich war eben mit meinem bescheidenen Morgenimbiß fertig. Was von meinen kleinen Vorräten übrig geblieben, hatte ich wie gewöhnlich in den Geldschrank des Sitzungssaales eingeschlossen – ein diebfestes Meisterstück der Schlosserei, das ich nun bald vier Jahre lang, seitdem ich bei der Territorialen angestellt bin, als Speisekammer benutzte – da stürzt plötzlich der Gouverneur herein mit rotem Kopf und funkelnden Augen – er hatte wohl stark getafelt – und redet mich, nachdem er einige geräuschvolle Atemzüge gethan, in seinem Italienerkauderwelsch gröblich an. »Aber da stinkt's ja zum Umfallen, Herr Passajou!« So schlimm war's nun nicht, nur muß ich gestehen, daß ich allerdings ein paar Zwiebeln gedünstet hatte, um ein Stück Kalbfleisch damit zu garnieren, das mir Fräulein Seraphine, die Köchin vom zweiten Stock, der ich jeden Abend die Abrechnung ins Reine schreibe, mit heruntergebracht hatte. Ich will dem Gouverneur die Sache erklären, er aber wird fuchswild: Es habe keinen Sinn und Verstand, sagte er, Geschäftsräume so schändlich zu verpesten, und es sei doch mehr als Luxus, für volle zwölftausend Franken am Boulevard Malesherbes Lokalitäten mit acht Fenstern vorn heraus zu mieten, bloß um Zwiebeln drin zu rösten. . . . Kurz ich weiß gar nicht mehr, was er mir in seinem Jähzorn eigentlich nicht alles gesagt hat. Mich hat es natürlicherweise verdrossen, so flegelhaft angefahren zu werden. Gegen Leute, die man nicht bezahlt, sollte man, weiß der Teufel, zum mindesten höflich sein, und so hab' ich ihm denn zur Antwort gegeben, es sei das allerdings recht mißlich, doch wenn die Territorialkasse berichtigen würde, was sie mir noch schuldig ist, nämlich den rückständigen Lohn für vier Jahre nebst den siebentausend Franken, die ich für den Gouverneur persönlich ausgelegt, und zwar für Wagen, Zeitungen, Cigarren und amerikanischen Grog – dann könnte ich wie andre honette Menschen in der nächstgelegenen Garküche frühstücken und wäre nicht darauf angewiesen, in unserm Versammlungslokal mir die paar armseligen Brocken mundgerecht zu machen, die ich der Mildthätigkeit benachbarter Köchinnen verdanke. Verstanden?

Zu dieser Antwort hatte ich mich durch eine Anwandlung von Entrüstung fortreißen lassen, die jedem, der meine Stellung hier irgendwie kennt, recht entschuldbar vorkommen wird. Ueberdies hatte ich ja nichts Unanständiges gesagt und war in der Wahl meines Ausdrucks aus den meinem Alter und meiner Bildung entsprechenden Schranken keineswegs herausgetreten, Notabene: Andern Ortes muß in diesen Aufzeichnungen bereits erwähnt worden sein, daß ich von meinen vollendeten fünfundsechzig Lebensjahren über dreißig bei der philosophischen Fakultät von Dijon als Pedell zugebracht habe. Daher auch meine Liebhaberei für Aufzeichnungen und Denkschriften, sowie meine Errungenschaften auf dem Gebiete des akademischen Stiles, Errungenschaften, deren Spuren sich im Verlauf dieser Arbeit noch vielfach bemerkbar machen werden. – Ich hatte mir also dem Gouverneur gegenüber die größte Zurückhaltung auferlegt und mich auch nicht einer einzigen jener Schimpfreden bedient, die er selber hier, wie im Tagelohn, von jedermann schlucken muß, von den beiden Censoren, Herrn von Monpavon, der ihn, so oft er herkommt, scherzweise »Blume von Mazas« nennt und Herrn von Bois-Landry, vom Cercle des trompettes, der, grob wie ein Stallknecht, ihm beim Weggehen regelmäßig zurief: »Zurück jetzt in deine Bettlade, du Wanze!« – bis herunter zu unserm Kassierer, der, in meinem Beisein, ihm mit einem Faustschlag aufs Hauptbuch wohl schon hundertmal erklärt hat, mit dem Zeug da drin könne er ihn ins Zuchthaus stecken lassen, wenn es ihm beliebe. Aber gleichviel, die Wirkung meiner schlichten Entgegnung auf den Direktor war eine überraschende. Er ist ganz gelb in den Augen geworden und hat, zitternd vor Wut – so eine böse italienische Wut – die Worte ausgestoßen: »Passajou, Sie elender Kerl, wenn Sie nur noch ein Wort sagen, jage ich Sie auf und davon.«

Ich war wie festgenagelt vor Verwunderung. Mich auf und davon jagen, mich! Und mein seit vier Jahren rückständiger Lohn und meine siebentausend Franken Auslagen? . . . Aber, als könnte er mir die Gedanken vom Gesichte ablesen, erwiderte der Gouverneur, es würden nunmehr alle Rechnungen, auch die meinige, beglichen.

»Sagen Sie den Herren,« setzte er hinzu, »daß ich sie in meinem Kabinett erwarte, um ihnen eine große Neuigkeit mitzuteilen.«

Sprach's und ging, die Thür hinter sich zuschlagend, von dannen.

Ein verteufelter Mensch! Man mag ihn noch so genau kennen, ihn und seine Lügen und sein Komödienspiel – immer weiß er's wieder so einzurichten, daß man paff ist von seinem blauen Dunst. Ausgezahlt, mir, mein Geld! . . . Ich war so ergriffen, daß mir die Kniee wankten, als ich mich entfernte, um das Personal zusammenzurufen. Vorschriftsmäßig beläuft sich dieses Personal der Territorialkasse, den Gouverneur und den schönen Moëssard als Chefredakteur der »Vérité financière« mit inbegriffen, auf unser zwölf, von welchen indessen über die Hälfte fehlt. Vor allem Herr Moëssard; seitdem die Vérité eingegangen ist, also seit zwei Jahren, hat er den Fuß nicht mehr über unsre Schwelle gesetzt. Er soll zu Ehren und zu Reichtümern gekommen sein, und eine Liebschaft mit einer Königin haben, mit einer wirklichen Königin, die ihm Geld gibt, soviel er nur will. . . . O, dieses Paris, ist das ein Sodom! Die andern fragen von Zeit zu Zeit an, ob es nicht zufällig etwas Neues bei uns gibt, und da es das nie gibt, so vergehen oft Wochen, ohne daß sie wieder vorsprechen. Nur vier oder fünf Getreue, lauter arme Knaben wie ich, lassen sich's nicht nehmen, jeden Morgen um dieselbe Stunde regelmäßig herzukommen, aus Gewohnheit, aus Langeweile, aus Ratlosigkeit. Aber unsre Beschäftigungen sind ganz unbüreaumäßig . . . erstens muß man doch, mit Vernunft, sein Dasein fristen, und dann ist es auch nicht jedermanns Sache, sich von Sessel zu Sessel, von Fenster zu Fenster zu wälzen und auf das Boulevard hinauszuschauen (acht Fenster vorn heraus); so sucht man denn seine Zeit zu verwerten, so gut es eben geht. Ich, wie Sie wissen, führe die Wirtschaftsbücher Fräulein Seraphines und noch einer Köchin aus dem Hause und schreibe nebenbei an meinen Denkwürdigkeiten, die mich ebenfalls nicht unerheblich in Anspruch nehmen. Unser Ausläufer, der draußen die Gelder einzukassieren hätte . . . Gott, hat der bei uns ruhige Tage! – strickt Filet für eine Jagd- und Fischereirequisitenhandlung. Von unsern zwei Kopisten schreibt der eine, der kalligraphisch Begabtere, für eine Theateragentur Stücke ab, der andre erfindet kleine Kinderspielsachen, die zu Neujahr für einen Sou von Hausierern an den Straßenecken feilgeboten werden, und bringt es damit wahrhaftig so weit, daß er jedesmal das Verhungern auf zwölf Monate hinausschiebt. Der einzige, welcher sich nichts verdient, ist unser Kassierer, denn er würde sich dadurch für entehrt glauben. Er ist sehr stolz, läßt sich nie zu einer Klage herab und hat nur die eine Furcht, daß man meinen könne, es fehle ihm an frischer Leibwäsche; deshalb beschäftigt er sich von früh bis Abend in seinem Bureau bei verschlossenen Thüren mit der Herstellung papierner Vorhemden, Kragen und Manschetten. Er hat es darin zu einem hohen Grade von Vollkommenheit gebracht, so daß seine stets blendende Wäsche wirklich täuschen könnte, wenn man es nur nicht bei der geringsten seiner Bewegungen, ob er nun gehe oder sich setze, knacken hörte, als hätte er eine pappdeckelne Schachtel verschluckt. Leider springt aus all dem Papier für seinen Magen nichts heraus, und er ist Ihnen so mager, aber so mager, daß man sich fragt, was ihn eigentlich am Leben erhält. Unter uns gesagt, hab' ich ihn im Verdacht, daß er zuweilen meiner Speisekammer einen Besuch abstattet. Es ist ihm dies ein Leichtes, da er, als Kassierer, die Kombination weiß, vermittelst welcher sich der Geldschrank öffnen läßt, und so glaub' ich schon, daß er, wenn ich den Rücken kehre, in meinen Mundvorräten ein klein wenig fouragiert, aber ich lasse darüber keine Bemerkung fallen. Dazu dauert er mich zu sehr. Eigentlich sind dies für ein großes Bankgeschäft ganz unglaubliche Zustände; dennoch habe ich mich in meiner Schilderung streng an die Wahrheit gehalten, und in Paris wimmelt es von dergleichen Gründungen. O, wenn meine Denkwürdigkeiten jemals im Druck erscheinen sollten! . . . Aber genug davon, ich nehme den unterbrochenen Faden meiner Erzählung wieder auf. Als er uns in seinem Kabinette vollzählig versammelt sah, sprach der Gouverneur mit feierlicher Stimme: »Meine Herren und werten Freunde, die Zeit der Prüfungen ist überstanden. Die Territorialkasse tritt in eine neue Phase der Wohlfahrt und des Glanzes.« Hierauf unterhielt er uns von einer prachtvollen »Combinazione«, es ist dies sein Lieblingsausdruck, und wie einschmeichelnd weiß er einem das Wort aufzutischen, einer »Combinazione« unter Mitwirkung des stadtbekannten, in allen Blättern besprochenen Nabobs. Die Territorialkasse sei demnach in der Lage, ihre Getreuen schadlos zu halten, die Selbstverleugnung zu belohnen und sich der überflüssigen Elemente zu entledigen (das von den überflüssigen Elementen war wohl auf mich gemünzt). Zum Schluß hieß es: »Setzen Sie Ihre Quittungen auf, morgen werden sämtliche Rückstände berichtigt.« Weil er uns aber leider nur zu oft mit ähnlichen Vorspiegelungen eingelullt, ging die Wirkung dieser Rede verloren. Ja, früher zog so was immer; da hüpfte man bei der Ankündigung einer neuen »Combinazione« unter Freudenthränen in den Bureaus herum, fiel sich, wie Schiffbrüchige beim Anblick eines Segels, in die Arme und brachte dann pflichteifrigst für den andern Tag sein Conto zu Papier. Am andern Tage aber war von einem Gouverneur nichts zu sehen, am darauffolgenden Tage wieder nicht: er hatte eine kleine Reise unternehmen müssen. Endlich, während noch alles ganz außer Rand und Band, mit lechzender Zunge dastand, voller Wut, daß einem der Mund wieder einmal umsonst wässerig gemacht worden, stürzte er gewöhnlich herein, brach auf einem Fauteuil zusammen, indem er das Gesicht in die Hände vergrub, und rief, ehe man noch Zeit gefunden, ihn anzureden: »Bringt mich um, ihr jämmerlich Betrogenen, bringt mich nur um! Fehlgeschlagen ist sie, die Combinazione, fehlgeschlagen!« Und dann schrie er und schluchzte und fiel auf die Kniee und raufte sich das Haar und wälzte sich auf dem Teppich herum, jeden von uns beim Vornamen rufend, er möge doch aus Erbarmen ihm das Leben nehmen, um seiner Frau und seiner Kinder willen, die er zu Grunde gerichtet. Einer solchen Verzweiflung gegenüber fühlte man sich entwaffnet, ja noch mehr: man wurde zu guter Letzt selber ganz weich, denn solange ein Theater besteht, hat es gewiß keinen Komödianten gegeben, der sich mit ihm messen könnte. Damit hat es nun freilich seine guten Wege. Das Vertrauen ist hin, und wie er diesmal ging, sah ihm alles mit einem Achselzucken nach. Aber trotzdem war ich, daß ich's nur gestehe, eine Zeitlang schwankend geworden: mir so zuversichtlich mit meiner Entlassung zu kommen, und dann jener Hinweis auf den steinreichen Mann, den Nabob.

»Von dem allen glauben Sie ein Wort?« hat der Kassierer zu mir gesagt. »Armer Passajou, Sie bleiben nun einmal zeitlebens ein Kind. Aber denken Sie an mich: mit dem Nabob wird es genau so gehen, wie mit Moëssard seiner Königin.«

Damit begab er sich zu seinen Papierkragen zurück. – Um die Anspielung auf Moëssard zu würdigen, muß man wissen, daß dieser zur Zeit, wo er seiner Königin den Hof machte, dem Gouverneur versprochen hatte, falls aus dem Courschneiden etwas würde, Ihre Majestät zu einer Kapitalanlage bei der Territorialen zu bewegen. Von dieser neuen »Combinazione« waren wir alle in Kenntnis gesetzt worden und hatten natürlich das größte Interesse, sie möglichst bald gelingen zu sehen, da wir ja dann zu unserm Gelde kamen. Zwei Monate hindurch erhielt uns die Geschichte in atemloser Spannung. Man zerbrach sich die Köpfe; man suchte die Entscheidung aus Moëssards Gesichtern herauszulesen; alles fand, daß die Dame doch gar zu viel Umstände mache, und unser Kassierer mit seinem klugen und gesetzten Wesen antwortete, wenn wir uns bei ihm erkundigten, sehr ernsthaft hinter seinem Drahtgitter: »Nichts Neues« oder »Die Sache nimmt ihren sichern Verlauf,« damit gab sich jedermann zufrieden. »Es wird schon gehen,« »es geht ja vorwärts, halten wir unsre Abrechnung in Bereitschaft,« sagte der eine zum andern, wie wenn sich's um ein ganz natürliches Geschäft gehandelt hätte. . . . Nein, so was kann man wahrhaftig nur in Paris erleben. . . . Es macht einen oft ganz wirbelig im Kopfe, auf Ehre! . . . Das Ende war, daß Moëssard eines schönen Morgens nicht mehr zu uns ins Bureau kam. Seine Zwecke hatte er zwar, aller Wahrscheinlichkeit nach, erreicht, nur war er nicht mehr der Meinung, daß seine gute Freundin ihre Kapitalien der Territorialkasse anvertrauen solle. Jetzt sagen Sie selbst: ist das rechtschaffen gehandelt?

Wie rasch sich übrigens der Sinn für Rechtschaffenheit abnutzt, das ist wirklich kaum zu glauben. Wenn ich bedenke, daß ich, Passajou, mit meinem weißen Haar, Ehrfurcht gebietendem Aeußern, meiner makellosen Vergangenheit – dreißig Jahre im akademischen Dienst – mich daran gewöhnen konnte, unter all den Nichtswürdigkeiten, all den Schwindeleien so hinzuleben wie der Fisch im Wasser! . . . Da drängt sich einem denn doch die Frage auf, was ich eigentlich hier zu schaffen habe, weshalb ich bleibe, weshalb ich überhaupt hergekommen bin. Wie ich kam? Mein Gott, ganz einfach so: Vor vier Jahren, also zu einer Zeit, wo meine Frau schon tot und meine Kinder verheiratet waren, hatte ich gerade meine Pedellfunktionen mit dem Ruhestande vertauscht, als mir beim Zeitunglesen rein durch Zufall folgendes Inserat in die Augen stach: »Büreaudiener gesetzten Alters gesucht. Das Nähere bei der Territorialkasse, Boulevard Malesherbes 56. Gute Zeugnisse Hauptbedingung.« Vor allem muß ich bekennen, daß das moderne Babel von jeher etwas Verlockendes für mich gehabt hat. Zudem fühlte ich mich körperlich so rüstig, daß ich wohl darauf rechnen durfte, mir noch zehn Jahre hindurch eine Kleinigkeit zu verdienen, vielleicht sogar ein recht schönes Stück Geld, wenn ich mein Erspartes in dem betreffenden Bankgeschäft unterbrächte. Ich schrieb also hin und legte, außer den besten Referenzen, den schmeichelhaftesten Attesten des ganzen Professorenkollegiums, meine Photographie bei, und zwar die von Crespon am Marktplatz, auf der ich in Amtstracht abgebildet bin, frisch rasiert, unter meinen buschigen weißen Brauen lebhaft blickend, mit meiner Stahlkette um den Hals und mit meiner Verdienstmedaille: »Gleich einem römischen Senator auf dem kurulischen Stuhle« hatte damals unser Dekan, Herr Chaluette, gesagt. (Notabene: Derselbe behauptete gleichfalls, ich hatte eine große Ähnlichkeit mit dem verstorbenen König Ludwig XVIII., nur sei ich weniger stark.) Mit umgehender Post wurde mir geantwortet, daß mein Aeußeres dem Gouverneur zusage. . . . Hätte auch mit dem Teufel zugehen müssen, wenn es ihm nicht zugesagt hätte: eine imposante Erscheinung wie ich schon gleich im Vorzimmer, das ist eine prächtige Lockspeise für die Aktionäre! . . . Kurzum, ich könne jeden Tag meine Stellung antreten. Warum zog ich meinerseits nicht auch Erkundigungen ein? Ja, das ist leicht gesagt! Freilich hätt' ich es thun sollen, aber vor lauter Zeugnissen, die ich aufzuweisen hatte, kam ich gar nicht auf den Gedanken, selbst nach einer Garantie zu fragen. Wo wäre übrigens mein Mißtrauen geblieben beim Anblick dieser prachtvollen Einrichtung, der ragenden Zimmerdecken, der überwältigenden Geldschränke, der mannshohen Spiegel? Und nun gar noch die volltönenden Prospektphrasen, diese Millionen, die ich in der Luft herumschwirren hörte, diese kolossalen Unternehmungen und märchenhaften Gewinste. . . . Ich war geblendet, fasciniert! Nebenbei bemerkt, hatte das Haus damals auch einen ganz andern Anstrich als jetzt. Die Geschäfte gingen allerdings schon schlecht genug – schlecht waren sie von jeher gegangen – und die Zeitung erschien nur noch in unregelmäßigen Zwischenräumen, aber der Gouverneur hatte just eine kleine »Combinazione« ausgeheckt, die es ihm möglich machte, den Schein zu wahren. Er hatte nämlich – man höre und staune – eine patriotische Sammlung veranstaltet, um aus deren Ertrag dem General Paolo Paoli, oder wie jener große Mann aus seiner Heimat sonst heißen mag, ein Denkmal zu errichten. Nun sind die Korsen freilich nicht reich, dafür aber aufgeblasen wie die Truthähne, und so flossen denn der Territorialen die Gelder reichlich zu. Leider war das Glück von kurzer Dauer: in einem Zeitraum von zwei Monaten war die Statue aufgezehrt, bevor sie noch das Licht der Welt erblickte, und der alte Tanz mit den Protesten und Vorladungen ging wieder los. Jetzt bin ich das gewohnt, doch anfangs war mein Provinzlergemüt von den bedrohlichen Stempelbogen und den handelspolizeilichen Gestalten, die sich vor unsrer Thür herumtrieben, peinlich genug berührt. Im Hause selbst beachtete man dergleichen nicht mehr. Man wußte, daß im letzten Augenblick immer noch ein Monpavon oder ein Bois-Landry erscheinen würde, um die Gerichtsvollzieher zu besänftigen, denn alle jene Herren müssen, da sie sich bedeutend mit uns eingelassen haben, darauf bedacht sein, dem Bankrott vorzubeugen, und so hält er sich über Wasser, unser Schelm von Gouverneur. Die andern wollen eben, wie die unglücklichen Spieler, ihr Geld wiedergewinnen, und wären nicht im mindesten erbaut, wenn die sieben Aktien, die sie von uns in Händen haben, auf den bloßen Makulaturwert herabgedrückt würden. Uns allen hier im Hause, groß wie klein, geht es auch nicht besser, vom Hausbesitzer an, dem wir noch von zwei Jahren die Miete schuldig sind und der uns unterdessen gratis beherbergt, weil er sonst gar nichts hätte, als das Nachsehen, bis auf uns arme Bedienstete herunter, und insbesondre auf mich, der mit siebentausend Franken Erspartem und einem rückständigen vierfachen Jahreslohn drinsteckt. Auch wir wollen unser Geld wiedergewinnen, und deshalb bin ich von hier nicht fortzubringen, obwohl mir, trotz dem vorgerückten Alter, mein vorteilhaftes Aeußeres, meine Bildung und die Sorgfalt, die ich von jeher auf meine Kleidung verwendet, schon zu einer neuen Stellung verholfen hätten. Da kenne ich zum Beispiel eine höchst ehrenwerte Persönlichkeit, einen Herrn Joyeuse, Buchhalter bei Hemerlingue und Sohn, dem großen Bankhaus in der Rue St. Honoré, der sagt, so oft wir einander begegnen, regelmäßig: »Aber Passajou, armer Freund, wie kannst du nur in der Räuberhöhle bleiben? Deine Beharrlichkeit ist vom Uebel, denn schließlich wirst du doch keinen Heller mehr herausbringen. Zu uns solltest du kommen, ich würde dir für ein stilles Plätzchen sorgen. Dein Gehalt wäre freilich kleiner als jetzt, deine Einnahmen hingegen viel größer.« Ich fühle wohl, daß er recht hat, der brave Mann! Aber wie sehr ich auch mit mir selber ringe, ich kann's nun einmal nicht über mich gewinnen, zu gehen, obgleich es wahrhaftig nicht heiter ist, das Leben, das ich hier führe in diesen großen, alten Sälen, wo sich kein Besuch mehr blicken läßt, und jeder von uns sich stumm in seinen Winkel drückt – natürlich: man kennt sich ja längst so durch und durch, daß keiner etwas Neues vorzubringen weiß. Bis vor einem Jahre hatten mir wenigstens noch Sitzungen des Verwaltungsrates und Generalversammlungen der Aktionäre mit stürmischen, lärmenden Debatten – wahre Indianerschlachten, die bis zur Madeleinekirche widerhallten. Auch kamen allwöchentlich einige Menschen, um voller Entrüstung zu fragen, was denn eigentlich aus ihrem Gelde geworden sei. Bei solchen Gelegenheiten zeigte sich unser Gouverneur in seiner ganzen Größe. Leute, sage ich Ihnen, die sich anfangs so rasend gebärdeten wie mordgierige Wölfe, hab' ich nach einer Viertelstunde zu Lämmern umgewandelt aus seinem Kabinett zurückkehren sehen, zufrieden, voll Vertrauen und um einige Banknoten leichter, denn der Hauptwitz bestand eben darin, solche Unglückliche, anstatt bezahlt, erst recht angepumpt zu entlassen. – Jetzt rührt sich's nicht mehr unter den Aktionären der Territorialkasse. Ich denke mir, daß sie tot sind oder sich in ihr Schicksal ergeben haben. Der Verwaltungsrat tritt nie mehr zusammen, außer auf dem Papier: für ein Scheinprotokoll solcher fingierten Sitzungen habe ich zu sorgen; es lautet immer gleich, und ich brauche es am Ende jeden Vierteljahres nur von neuem abzuschreiben. Wir würden das reinste Einsiedlerleben führen, käme nicht ab und zu ein Subskribent aus den Wäldern von Korsika hereingeschneit, um sich nach den Fortschritten des Paoli-Denkmales zu erkundigen, oder wohl auch ein biedrer Leser der schon vor mehr als zwei Jahren entschlafenen »Vérité financière«, um sein Abonnement zu erneuern und mit schüchterner Stimme anzufragen, ob es denn nicht möglich wäre, ihm das Blatt etwas regelmäßiger zuzusenden. Es gibt einmal Leute, deren Zutrauen geradezu unverwüstlich ist. Gerät nun ein solch argloses Wesen unter uns ausgehungerte Meute, dann wehe dem Aermsten! Er wird umringt, umklammert, man streitet sich förmlich um seine Unterschrift, und wenn er Widerstand leistet, wenn er weder zum Paoli-Denkmal noch zu den korsischen Bahnen beisteuern will, greifen unsre Herren zu dem, was sie – o meine Feder errötet vor dem Bekenntnis – sie greifen zu dem, was sie »das Abladerstückchen« heißen. Es wird dabei folgendermaßen verfahren: Ein zu diesem Zweck in den Bureaus eigens bereitgehaltenes Kollo, eine wohlverwahrte Kiste, kommt in Gegenwart des Fremden, angeblich als Fahrpostsendung an. »Zwanzig Franken Porto« sagt derjenige von uns, der das Ding hereinbringt (zwanzig Franken oder auch dreißig, je nach dem Aussehen des Opfers). Sofort wühlt jeder in seinen Taschen: »Zwanzig Franken Porto hab' ich nicht.« – »Ich auch nicht.« – »Ich auch nicht.« – Verwünschter Zufall! Man läuft an die Kasse – verschlossen! Man sucht nach dem Kassierer – ausgegangen, »Rasch, rasch, ich hab's eilig,« dröhnt die Stimme des Abladers dazwischen, der draußen im Vorzimmer schon ungeduldig wird. (Notabene: Die Stimme des Abladers ist mir zugeteilt worden wegen meines ausgiebigen Organs.) Was thun? Die Kiste wieder forttragen lassen? Na, das wird den Gouverneur schön verdrießen! . . . »Ich bitte, meine Herren, wollen Sie mir vielleicht erlauben?« fragt dann das arglose Opfer ganz verschämt, indem es sein Portemonnaie herauszieht. »O, mein Herr, zu gütig, wirklich. . . .« Nun gibt der Fremdling seine zwanzig Franken her, wird zur Thür hinauskomplimentiert, und er ist noch kaum draußen, so wird schon unter einem wahren Banditengelächter die Frucht des Verbrechens geteilt! . . . Pfui, Herr Passajou, pfui! So tief zu sinken und in Ihren Jahren! . . . Mein Gott, als ob ich's nicht selber empfände, nicht recht wohl fühlte, daß es meiner Ehre weit zuträglicher wäre, diesen Sündenpfuhl zu verlassen, mich loszureißen von diesem Pestherd. Aber ach, darf ich denn alles preisgeben, was ich hier zugesetzt habe? Nein, das wäre Wahnsinn. Es ist im Gegenteil dringend notwendig, daß ich dableibe und aufpasse und nicht von der Stelle weiche, um mir wenigstens einen eventuellen Glücksfall zu nutze zu machen. Dann aber . . . o dann . . . auf meine Ehrenmedaille, auf meine dreißig akademischen Dienstjahre sei's geschworen: »Wenn eine ›Combinazione‹, wie jetzt die mit dem Nabob; es mir jemals ermöglichen sollte, meine rückständigen Gelder einzutreiben, dann mache ich mich, ohne mich auch nur eine Minute zu bedenken, schleunigst nach meinem hübschen kleinen Weinberg drüben bei Monbars auf, von meinen Spekulationsschwächen für ewige Zeiten geheilt.« Doch diese Hoffnung ist leider Gottes kaum mehr als eine Ausgeburt der Phantasie, so sind wir an hiesigem Platze verbraucht, abgehaust und verschrieen mit unsern außer Kurs gesetzten Aktien, unsern Papierkorb-Obligationen und all der Lügen- und Schuldenlast, die uns immer tiefer und tiefer in den Abgrund zieht. (Notabene: Unsre Passiven belaufen sich gegenwärtig auf drei Millionen und fünfmalhunderttausend Franken, was uns, nebenbei bemerkt, keine großen Sorgen macht; diese drei Millionen Schulden erhalten uns sogar am Leben, aber ein kleiner Posten von hundertfünfundzwanzig Franken, den wir beim Hausmeister für Briefmarken, Gas und dergleichen ausstehen haben, der jagt uns einen ganz andern Schrecken ein.) Und unter diesen Umständen will man uns glauben machen, eine Finanzgröße, ein Mann wie jener Nabob, und käme er auch geradewegs aus Hinterindien, oder meinetwegen aus dem Monde, sollte hirnverbrannt genug sein, sein Geld in eine solche Lumpenwirtschaft hineinzustecken? Warum nicht gar! Da hört doch alles auf, und den Bären mögen Sie einem andern aufbinden, als mir, verehrtester Herr Gouverneur!

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