Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alphonse Daudet >

Der Nabob. Band 1

Alphonse Daudet: Der Nabob. Band 1 - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleDer Nabob. Band 1
publisherVerlag J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 20
year1888
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060924
modified20140408
projectid5fb5f20a
Schließen

Navigation:

Erstes Kapitel.

Die Patienten des Dr. Jenkins.

Frisch rasiert, mit lebhaftem Blick, mit lachendem Wohlbehagen auf den geöffneten Lippen, das lange, grau angehauchte Haar auf den breiten Rockkragen zurückgekämmt, stand eine vierschrötige, baumstarke und kerngesunde Gestalt an einem Novembermorgen in der Rue de Lisbonne auf der Vortreppe seines kleinen Prachthauses. Es war der berühmte Arzt Dr. Robert Jenkins aus Irland, Inhaber des Medjidje-Sterns, Ritter des hochgeachteten spanischen Ordens Karl III., Mitglied mehrerer gelehrter oder wohlthätiger Körperschaften, Vorstand und Begründer der bethlehemitischen Stiftung, kurz, Jenkins, der Erfinder der arsenikhaltigen Jenkins-Perlen, das heißt der Modearzt des Jahres 1864, der gesuchteste Mann in Paris. Er stand eben im Begriff auszufahren, da that sich im ersten Stock ein Fenster auf und schüchtern rief eine weibliche Stimme in den Hof herunter: »Robert, soll ich mit dem Frühstück auf dich warten?«

O wie gütig und treuherzig war das Lächeln, welches nun plötzlich den schönen Apostelkopf des Gelehrten verklärte, und wie so sicher ließ sich an dem zärtlichen Morgengruß, den sein Auge hinaufsandte zu der trauten, weißen Erscheinung hinter den aufgeschlagenen Gardinen, jene friedlich bewußte, tiefe Gattenliebe erkennen, die durch die schmiegsamen und starken Bande der Gewohnheit einen sichern Halt gewonnen hatte.

»Nein, liebe ›Frau‹« (vor der Welt betonte er nämlich gern das Gesetzliche seiner Beziehungen zu ihr und schien dabei eine innere Befriedigung zu empfinden, eine Art Rechtfertigung dem Weibe gegenüber, das ihm ein so freudiges Dasein bereitete). »Nein, heute speise ich auswärts, am Vendômeplatz.«

»Ah so! Beim Nabob . . .« sagte die schöne Frau Jenkins, und man hörte ihr dabei deutlich den Respekt an vor jener Figur aus »Tausend und eine Nacht«, die bereits einen vollen Monat von ganz Paris im Munde geführt wurde. Dann flüsterte sie nach einigem Zögern, so recht zärtlich, zwischen den schweren Gardinen hervor, als dürfe bloß der Doktor allein es hören: »Aber vergiß nur ja nicht, was du mir versprochen hast.«

Es mußte wohl etwas gar schwer zu Haltendes gewesen sein, was ihr der Doktor versprochen, denn sofort zog sich seine Apostelstirne in Falten, das Lächeln erstarrte, und das ganze Gesicht überflog ein Ausdruck unglaublicher Härte, aber es flog nur so darüber hin. Das Krankenbett des Reichen ist für die Physiognomie eines Modedoktors eine zu gute Schule der Lüge. Mit seinem wohlwollendsten, offenherzigsten Lächeln erwiderte er, indem eine Reihe blendender Zähne dabei zum Vorschein kam: »Liebe Frau, was ich versprochen habe, wird geschehen. Aber jetzt hübsch zurück ins Zimmer und das Fenster geschlossen, damit dir der kalte Morgennebel nicht schade.«

Kalt war er allerdings, der Morgennebel, dafür aber auch duftig, wie dunstgewordener Schnee, und an die Wagenscheiben geschmiegt, ließ er seinen hellen Widerschein auf das entfaltete Zeitungsblatt in den Händen des Doktors fallen. Drüben in den volkreichen, zusammengezwängten, rußigen Stadtteilen, im handel- und gewerbetreibenden Paris, gibt es diesen Frühnebel nicht, der sich in den breiten Straßenzügen festsetzt; die Hast des Erwachens und das Kreuz- und Querfahren der Bauernwagen, der Omnibusse, der schwer hinrasselnden Lastwagen haben ihn zu schnell zerteilt, zerzaust und zerstreut. Jeder Vorübergehende trägt ihn im abgeschabten Ueberzieher, im fadenscheinigen Halstuch mit fort, oder zerteilt ihn mit den plumpen Handschuhen. Er sickert in die schauernden Blusen, in die Regenmäntel der arbeitenden Armut, er vergeht unter dem heißen Atem der vielen, die eine schlaflose oder durchzechte Nacht hinter sich haben, wird eingesogen von den Hungernden, dringt in die frischgeöffneten Kaufläden, in die düstern Hinterhöfe und qualmt die Treppen empor, an Geländern und Wänden hinrieselnd, bis hinauf in die ungeheizten Dachstuben. Deshalb bleibt denn auch draußen so wenig davon zurück. In dem raumverschwenderischen Prachtviertel von Paris aber, wo Dr. Jenkins' Patienten wohnten, auf den breiten, mit Bäumen bepflanzten Boulevards und den menschenleeren Quais, lagerte der Nebel noch unversehrt Schicht auf Schicht, wie ein Gewoge von durchsichtigen Wollflocken, in dem man sich so abgeschieden, so geborgen, ja fast in Luxus gebettet fühlte, denn die träg aufgehende Sonne am fernen Horizont ergoß schon einen milden Purpurschimmer, und in dieser Beleuchtung glänzte der haushohe Nebel wie ein Musselinstoff auf Scharlach ausgebreitet. Man hätte das Ganze für einen riesigen Vorhang halten können, hinter welchem der Reichtum seinen leichten, verspäteten Schlummer genoß, für einen dichten, schützenden Vorhang, der kein andres Geräusch durchließ, als das behutsame Zudrücken eines Hausthors, das Klappern der Milchverkäufer mit ihren Blechgefäßen, das Geklingel einer scharf vorübertrabenden Herde Eselinnen und hinterdrein das kurzatmige Keuchen des Treibers, oder jetzt das dumpfe Rollen des Wagens, in dem der Doktor seine tägliche Rundfahrt machte.

Der erste Besuch galt dem Palais Mora, am Quai d'Orsay, unmittelbar neben dem spanischen Botschaftshotel, dessen lange Terrassen an diejenigen dieses Prachtbaues stießen, welcher seinen Haupteingang zwar in der Rue de Lille, aber ein Seitenthor nach dem Wasser zu hatte. Zwischen zwei hohen, von Epheu überwucherten Mauern, die durch einen großartigen gewölbten Bogen miteinander verbunden waren, flog der Wagen pfeilgeschwind dahin, durch zwei dröhnende Glockenschläge angemeldet, bei welchen Jenkins aus dem Nachdenken auffuhr, in das ihn die Lektüre seiner Zeitung versetzt zu haben schien. Gleich darauf erstarb das Rollen der Räder auf der Sandfläche eines geräumigen Hofes, und der Wagen blieb, nachdem er zuvor noch einen graziösen Halbkreis beschrieben hatte, unter einer breiten, abgerundeten Marquise, an der Vortreppe stehen. Durch den Nebelflor hindurch erblickte man eine Reihe von etwa zehn Kutschen, und weiter, in einer Allee von bereits winterstarren, entlaubten Akazien wie Figuren eines Schattenspieles, einige englische Stallknechte, welche die Reitpferde des Herzogs beim Zügel hin und her führten. Alles zeugte von wohlgeordneter, festbegründeter, stilvoller, vornehmer Pracht.

»Ich mag noch so früh da sein, es kommen mir doch immer andere zuvor,« dachte Jenkins, als er die Reihe der Wagen gewahrte, welcher sich der seinige nun anschloß; aber mit der Gewißheit, den Vortritt zu haben, stieg er hohen Hauptes und ruhig überlegenen Blickes jene verhängnisvollen Stufen empor, über welche tagtäglich so viele ehrgeizige Pläne, so viele Sorgen hinwanderten. Schon im hohen Vorzimmer, wo es widerhallte wie in einer Kirche, und wo, abgesehen von der permanenten Luftheizung, zwei große Kaminfeuer Licht und Leben verbreiteten, wehte einem, lau und betäubend, der Luxus dieses Prachtasyls entgegen, die Atmosphäre eines Wintergartens mit der eines türkischen Bades verschmolzen: strömende Wärme voller Glanz, allenthalben weißes Getäfel, weißer Marmor, ungeheure Fenster, nichts Bedrückendes, nichts Beengendes, und dennoch eine gleichmäßige Temperatur, wie geschaffen, um ein kostbares, nervös verfeinertes Dasein zu umgeben. – Unter diesem künstlichen Sonnenschein des Reichtums taute Jenkins förmlich auf. Mit einem »Guten Morgen, Kinder!« begrüßte er den Portier mit der gepuderten Perücke und dem breiten goldgestickten Bandelier, begrüßte er die Lakaien in Kniehosen und blaugoldener Livree, die sich respektvoll vor ihm aufgestellt hatten, strich im Vorübergehen mit der Hand über das Gitter des großen Käfigs, in dem sich unter schrillem Geschrei einige Miniaturäffchen tummelten, und schwang sich dann trällernd auf die lichte Marmortreppe, welche von moosweichen Teppichen überspannt war, und die zu den Gemächern des Herzogs führte. Seit einem halben Jahr schon ging der gute Doktor in diesem Palaste aus und ein, und noch heute hatte sich in ihm die rein physische Empfindung von freier Heiterkeit, die ihn hier überkam, nicht abgestumpft. Wenn auch der Herr des Hauses der oberste Würdenträger des Kaiserreiches war, so lag gleichwohl nicht die Spur von büreaukratischem Aktenstaub und Pappdeckelmoder in der Luft. Der Herzog hatte die hohen Aemter eines Staatsministers und Konseilpräsidenten nur mit Vorbehalt seines Verbleibens im eignen Palais übernehmen zu können erklärt; im Ministerium verbrachte er täglich nur eine bis zwei Stunden, nicht länger, als die Ausfertigung der unentbehrlichen Unterschriften es erheischte, Audienzen erteilte er in seinem Schlafzimmer. Trotzdem es noch früh am Morgen war, warteten bereits viele Besucher auf Zutritt, ernsthafte und gespannte Gesichter. Präfekten mit wohlgepflegtem Teint und offiziellem Backenbart, hier im Vorzimmer nicht mehr ganz so hochfahrend wie draußen in ihrem Departement, zurückhaltende Richter mit sittenstrengen Amtsmienen, wichtig thuende Finanzgrößen und Mitglieder der Kammer, zumeist kleinstädtische protzige Repräsentanten der Eisenindustrie, neben welchen hin und wieder die schmächtige, hochhinauswollende Gestalt eines Staatsanwaltvertreters oder Präfekturrats im schwarzen Frack und in der weißen Halsbinde des Bittstellers abstach. Sitzend oder stehend, einzeln oder in Gruppen starrten sie alle mit stummen Einbrechergelüsten jene hohe Thür an, hinter welcher das Schicksal thronte, und über deren Schwelle sie demnächst triumphierend oder enttäuscht zurückkehren sollten, Jenkins schritt rasch, unter neidisch folgenden Blicken durch die Menge auf den Thürsteher zu, der mit eisiger Accuratesse, im Schmuck seiner Halskette neben der Thüre an einem Tische saß und den Doktor mit einem halb ehrerbietigen, halb vertraulichen Lächeln willkommen hieß.

»Wer ist drin?« fragte Jenkins, indem er nach dem Zimmer des Herzogs deutete. Ganz leise und nicht ohne einen Anflug von Ironie flüsterte der Hausbeamte mit leichtem Augenzwinkern einen Namen, der, laut ausgesprochen, die hohe Versammlung mit Entrüstung erfüllt hätte, denn die Herren warteten bereits seit einer Stunde darauf, daß ihnen der Kostümier der großen Oper das Feld räume.

Ein Geräusch von Stimmen, ein Lichtstrahl durch die Thür, und Jenkins war hinüber: für ihn lautete die Ordre nicht auf Warten.

Rücklings vor dem Kamin stehend, in einem anliegenden, mit Pelz gefütterten blauen Spenzer, durch dessen Farbenschmelz die scharfen, gebieterischen Gesichtszüge noch an Feinheit gewannen, ließ der Ministerpräsident unter eigner Aufsicht ein Pierrettekostüm zeichnen, in welchem die Herzogin auf ihrem nächsten Balle erscheinen sollte, und ordnete alles mit eben demselben Ernst an, wie er einen Gesetzentwurf diktiert hätte.

»Die Halskrause mit ganz kleinen Rüschen und die Manschetten nicht gefältelt. . . . Guten Morgen, lieber Jenkins. Im Augenblick bin ich fertig.«

Der Doktor verbeugte sich und trat ein paar Schritte durch das ungeheure Gemach, dessen Fenster auf den an den Quai stoßenden Garten hinausgingen und eine der schönsten Ansichten von Paris umrahmten: die Seinebrücken, die Tuilerieen, das Louvre und die schwarzen Baumgruppen, die sich, wie mit Tusche gemalt, vom neblig verschwimmenden Hintergrund abhoben. Die Einrichtung dieses vielbesprochenen Zimmers, wo neben den wichtigsten Fragen auch die geringfügigsten mit gleicher Gemessenheit verhandelt wurden, bestand aus einem breiten, ganz niedrigen Bett, zu dem einige Stufen führten, aus zwei oder drei kleinen Windschirmen von wunderlich mit Gold verzierter Lackarbeit, welche nebst den Doppelthüren und den dichten Wollteppichen auf eine übertriebene Furcht vor Erkältung hindeuteten, ferner aus verschiedenartigen, etwas unregelmäßig verteilten Sesseln und Sofas, sämtlich von niederer, abgerundeter Form, bequem und weichlich. An der Wand prangte ein schönes Porträt der Herzogin und auf dem Kamin die Büste des Herzogs, ein Werk von Felicia Ruys, welches der Künstlerin bei der letzten Ausstellung die Ehre einer Medaille erster Klasse eingetragen hatte.

»Na, wie geht's heute morgen, bester Jenkins?« sagte die Excellenz und trat auf ihn zu, während der Kostümier seine zerstreuten Modebilder von allen Fauteuils auflas.

»Wie steht's bei Ihnen, lieber Herzog? . . . Sie kamen mir etwas bleich vor, gestern, in den Varietés.«

»Was Sie nicht sagen! War mir wohler denn je . . . Ihre Perlen wirken ja wie der Teufel. . . . Ich fühle wieder eine Kraft, eine Lebensfrische in mir . . . unglaublich, wenn man bedenkt, wie gebrechlich ich war, noch vor einem halben Jahre. . . .«

Unterdessen hatte Jenkins, ohne ein Wort zu sagen, seinen großen Kopf an die Brust der Excellenz gedrückt, da wo bei gewöhnlichen Sterblichen gemeiniglich das Herz schlägt, und lauschte einen Augenblick hin, während der Minister, in jener lässigen, abgespannten Redeweise, die für sein Genre von Vornehmheit charakteristisch war, fortfuhr: »Wer war denn gestern in Ihrer Prosceniumsloge der große Mensch mit dem gebräunten Tatarengesicht, der so geräuschvoll lachte?«

»Das, Herr Herzog, war der Nabob, der berühmte Jansoulet, von dem heute alle Welt spricht.«

»Daß mir das nicht gleich einfiel: richteten sich doch alle Operngucker auf ihn, und auf der Bühne die Schauspielerinnen kokettierten nur noch zu ihm hinüber. Sind Sie mit ihm bekannt, Doktor? Was steckt eigentlich hinter dem Menschen?«

»Wir sind allerdings miteinander bekannt . . . als Arzt und Patient. . . . Schönen Dank, lieber Herzog, ich bin im klaren: der Herzschlag ist ganz normal. . . . Das ungewohnte Klima hatte ihm ein wenig zugesetzt, als er vor einem Monat hergereist kam . . . da ließ er mich rufen, und seither hat er eine große Zuneigung zu mir gefaßt. . . . Ich weiß von ihm nur so viel, daß er im Dienste des Bey von Tunis kolossal reich geworden ist. Der Bey ist eine offne, großmütige Natur, die sich in philanthropischen . . .«

»Beim Bey von Tunis?« unterbrach der Herzog, welcher für philanthropische Sentimentalitäten sehr wenig Sinn hatte. »Aber wie kommt's dann, daß man ihn den Nabob heißt?«

»Mein Gott! Dergleichen nehmen die Pariser nicht so genau . . . ihnen gilt nun einmal jeder steinreiche Fremde für einen Nabob, mag er herkommen, wo er will. Der unsrige ist übrigens für diese Rolle wie geschaffen: bronzefarbene Haut, Augen wie glühende Kohlen und dazu das unermeßliche Vermögen, von dem er – kühn darf ich's behaupten – den edelsten und einsichtsvollsten Gebrauch macht. Ihm« (und dabei schlug der Doktor den Ton der Bescheidenheit an), »ihm hab' ich's zu danken, daß ich endlich die bethlehemitische Stiftung ins Leben rufen konnte, eine Wohlthätigkeitsanstalt für Säuglinge, die von einem Morgenblatt, das ich mir eben ansah, ich glaube vom ›Messager‹, für die größte philanthropische Errungenschaft des Jahrhunderts erklärt wird.«

Der Herzog warf einen zerstreuten Blick auf die hingehaltene Zeitung, Er war der Mann nicht, sich mit Reklamephrasen fangen zu lassen, und antwortete recht kühl: »Sehr reich scheint er allerdings zu sein, dieser Herr Jansoulet. Er hat das Betriebskapital zu Cardailhacs Theater vorgeschossen; Monpavon läßt sich seine Schulden von ihm zahlen, Bois-Landry richtet ihm Stallungen, der alte Schmalbach eine Bildergalerie ein; das alles kostet Geld,«

Lachend versetzte Jenkins: »Uebrigens ist er sehr von Ihnen eingenommen, mein lieber Herzog. . . . Mein armer Nabob, der mit der festen Absicht hergereist kam, einen Pariser Weltmann aus sich zu machen, hat nun einmal in Ihnen das vollständige Vorbild gefunden, und ich leugne auch nicht, daß es ihm sehr lieb wäre, diesem seinem Vorbild näher zu treten.«

»Weiß schon, weiß schon, Monpavon hat mir ihn bereits bringen wollen. . . . Aber ich will abwarten, will zusehen; bei Millionen, die so weit draußen verdient worden sind, heißt es auf der Hut bleiben. . . . Uebrigens verschwör' ich's ja nicht, falls er mir an einem dritten Orte begegnen sollte, im Theater oder in der Gesellschaft . . .«

»Zufällig hat meine Frau vor, nächsten Monat ein kleines Fest zu veranstalten, und wenn Sie uns die Ehre schenken wollen . . .«

»Sehr gern, lieber Doktor, und käme Ihr Nabob auch, so hätte ich schließlich nichts dagegen, wenn er mir vorgestellt würde.«

Bei diesen Worten trat der dienstthuende Thürsteher in die halbgeöffnete Thür: »Der Herr Minister des Innern ist im blauen Salon, er hat nur ein Wort mit Excellenz zu sprechen. . . . Unten in der Galerie wartet noch immer der Polizeipräfekt. . . .«

»Schon gut,« sagte der Herzog, »ich komme . . . nur will ich diese Kostümfrage zuvor noch abthun; Sie, bester, alter Dingsda, was wird nun zu guter Letzt mit unsern Rüschen? . . . Auf Wiedersehen, Doktor. . . . Mit den Perlen fortfahren, nicht wahr, und weiter nichts?«

»Weiter nichts,« sagte Jenkins, sich verabschiedend, und er ging, ganz strahlend vor Befriedigung, denn er hatte mit demselben glücklichen Wurf zweierlei davongetragen, die Ehre, den Herzog bei sich zu empfangen, und das Vergnügen, seinem Freund, dem Nabob, einen Gefallen zu thun.

Im Vorzimmer durchschritt er eine größere Menge von Wartenden als beim Eintritt; die Dulder der ersten Stunde waren durch neue Ankömmlinge verstärkt worden; noch andre, die bleich und befangen aussahen, begegneten ihm auf der Treppe, und im Hof dauerte das Vorfahren und Anreihen der Wagen in ernsthaftem, feierlichem Tempo fort, wahrend droben, kaum minder feierlich, die Rüschen- und Manschettenfrage verhandelt wurde.

»Zum Cercle!« rief Jenkins seinem Kutscher zu.

Der Wagen rollte nun die Quais entlang, über die Brücken zurück, nach dem Konkordienplatz, der bereits einen andern Anblick darbot, als vorhin.

Der Nebel entwich gegen das Garde-Meuble und den griechischen Giebel der Madeleine zu und ließ schon hin und wieder den schäumenden Wasserstrahl eines Springbrunnens durchschimmern, oder den Thorbogen eines Palastes, den Oberteil einer Statue und die sich wie fröstelnd an die Gitter schmiegenden Gebüsche des Tuilerieengartens. Der zwar noch nicht gelüftete Schleier war doch stellenweis zerteilt, und gab dem Blick vereinzelte Streifen des Horizonts frei, so zum Beispiel die breite Allee, die zum Triumphbogen führt, und darin in scharfem Trab hinsausende Breaks mit Herrschaftskutschern und Pferdehändlern darauf, dann wieder in langen Reihen, je zwei und zwei, auf frischen, schnaubenden Rossen, unter Hufschlag und Geklirr der Gebisse, Dragoner der Kaiserin und goldstrotzende, pelzverbrämte Guiden – das Ganze von einer noch unsichtbaren Sonne beleuchtet, in der dunstigen Luft gleich einem flüchtigen Zauberbild des morgendlichen Luxus dieses Stadtteils bald auftauchend, bald wieder gänzlich verschwindend.

Jenkins stieg an der Ecke der Rue royale ab. Treppauf treppab in dem großen Klubhaus war das Dienstpersonal in Thätigkeit: hier wurden Teppiche ausgeklopft, dort die Säle gelüftet, wo der Tabaksgeruch noch in der Luft schwebte und wo in den Kaminen die kleinen Hügel von feiner, glimmender Asche in sich selbst zusammenbrachen, während auf den grünen Spieltischen, in welchen die Leidenschaften der verflossenen Nacht noch nachzitterten, die Kerzenflammen der silbernen Armleuchter mit der weißen Tageshelle rangen. Dies geräuschvolle Treiben erstreckte sich indessen nicht über das zweite Stockwerk hinaus, denn im dritten wohnten einige Cerclemitglieder zur Miete, unter andern auch der Marquis von Monpavon, bei welchem Jenkins eben vorsprach.

»Was, Sie sind's, Doktor? . . . Ja, zum Henker! wie spät ist's denn schon? . . . Kann wirklich noch niemand empfangen,«

»Nicht einmal den Arzt?«

»Nein, gar niemand, grundsätzlich nicht . . . aber gleichviel, treten Sie nur einen Augenblick näher, um sich die Füße zu wärmen. Ich bin in meinem Toilettenzimmer und werde frisiert. Es läßt sich ja auch so plaudern, aus der Entfernung, bis Francis fertig ist.«

Jenkins kannte seinen ehrenwerten Freund, den Marquis von Monpavon, zu genau, um einen weitern Ueberredungsversuch zu machen, er trat also ins Schlafzimmer – es trug das stereotype Gepräge aller möblierten Wohnungen – und zum Kamin, wo die verschiedenartigsten Brenneisen am Feuer standen, während im Laboratorium nebenan, dessen Eingang mit einem algerischen Teppich verhängt war, Monpavon sich von seinem Kammerdiener bearbeiten ließ. Aus diesem Kabinett drang ein gemischter Geruch von Patschuli, von Coldcream und verbranntem Horn und Haar; von Zeit zu Zeit, wenn Francis ein andres Eisen holte, sah man drinnen einen ungeheuren Putztisch mit tausend und aber tausend kleinen Geräten aus Elfenbein, Perlmutter und Stahl, Feilen, Scheren, Puderquasten, Bürsten, Fläschchen, Schminknäpfe, Pomaden, alles etikettiert, geordnet, zurechtgelegt, und inmitten dieses ganzen Krams, zwischen den kleinen Metallinstrumenten und Puppenküchengeschirrchen, unschlüssig hin und her tastend, eine unbeholfene, bereits zitternde Greisengestalt, lang und hager, mit wohlgepflegten Nägeln, wie die eines japanesischen Malers. Indessen Monpavon einer der langwierigsten und vielseitigsten Morgenbeschäftigungen oblag, nämlich sein Gesicht instandzusetzen, unterhielt er sich mit dem Doktor über dies und jenes, über seine Gebresten, über die Wirkung der Perlen, die er als verjüngend rühmte. Und wie er so ungesehen aus der Ferne herüberplauderte, hätte man den Herzog von Mora zu hören geglaubt, so vollständig hatte er sich dessen Redeweise angeeignet; es waren ganz dieselben abgebrochenen Sätze, die in ein paar kaum artikulierten Zischlauten erstarben, ps, ps, dieselben eingeworfenen Vergeßlichkeitsausdrücke, wie Dingsda oder Geschichte, kurz ein aristokratisch müdes, nachlässiges Gestammel und Gelispel, welchem man die tiefste Verachtung für die plebejische Kunst des Sprechens anmerkte. Jedermann in der Umgebung des Herzogs war bestrebt, diese Manier, den geringschätzigen Ton mit einem falschen Anstrich von Einfachheit zu kopieren.

Jenkins, dem die Sitzung etwas zu lange wurde, hatte sich zum Gehen angeschickt.

»Adieu, ich muß fort, man wird Sie doch sehen bei dem Nabob?«

»Ja, beim Dejeuner, ich habe versprochen, den Dingsda mitzubringen, na, den – wie heißt er doch gleich? Sie wissen ja schon, wegen jener berühmten Geschichte – sonst würde ich mir es gewiß ersparen. – Die reine Menagerie, dies Haus am Vendômeplatz!«

Selbst der menschenfreundliche Irländer mußte zugeben, daß dort allerdings eine etwas gemischte Gesellschaft aus und ein ging. »Aber, mein Gott, man kann ja schon ein Auge zudrücken – kennt sich eben noch nicht recht aus, der arme Nabob,«

»Kennt sich nicht aus und will's auch nicht lernen,« versetzte Monpavon ärgerlich; »anstatt erfahrene Leute zu Rate zu ziehen, hält er sich an den ersten besten Schmarotzer. Haben Sie die zwei Kutschenpferde schon gesehen, die ihm Bois-Landry kürzlich angehängt hat? – Ein wahrer Schund. – Und zwölftausend Franken hat er dafür bezahlt! Ich gehe jede Wette ein, daß sie Bois-Landry auf die Hälfte zu stehen kamen.«

»O, pfui, einen Kavalier so zu verdächtigen!« sagte Jenkins mit der Entrüstung einer schönen Seele, die an das Böse nicht glauben will.

»Und warum?« fuhr Monpavon fort, als hätte er die Einwendung überhört, »bloß weil es Pferde aus den Stallungen Moras waren.«

»Ja, ja, der Herzog liegt ihm am Herzen, unserm lieben Nabob. Darum werde ich ihn auch überglücklich machen mit der Mitteilung . . .«

Plötzlich hielt der Doktor verlegen inne. . . .

»Durch welche Mitteilung denn?«

Nun mußte Jenkins etwas verdutzt bekennen, daß er von der Excellenz die Erlaubnis erhalten habe, ihr seinen Freund Jansoulet vorzustellen. Noch ehe er mit dem Satze zu Ende war, kam aus dem Kabinett ein langes Gespenst hervorgeschossen mit schlaffen Zügen und buntschillerndem Haar und Backenbart, das mit gekreuzten Fäusten seinen abgezehrten aber kerzengeraden Hals in einen hellseidenen Pudermantel mit violetten Tüpfelchen eingeschnürt hielt, in welchem es sich wie ein Knallbonbon in seiner Papierhülse verbarg. Das Auffallendste an dieser tragikomischen Erscheinung war die große, von Coldcream glänzende Stumpfnase und der lebhafte, stechende Blick, der sich, im Vergleich zu den schweren Augenlidern voller Fältchen, unverhältnismäßig hell und jugendlich ausnahm, ein Blick übrigens, der sämtlichen Patienten Jenkins' eigen war. Jedenfalls mußte Monpavon ungemein aufgeregt sein, um sich in einem so wenig einnehmendem Aufzuge sehen zu lassen. Seine Sprechweise war auch eine ganz andre, nicht mehr säuselnd, nicht mehr schleppend, als er jetzt den Doktor mit blutleeren Lippen anfuhr: »Halt, lieber Freund! Lassen wir die schlechten Witze beiseite – nicht! Wir stehen allerdings beide vor derselben Schüssel, aber wenn ich Ihnen Ihre Portion nicht schmälere, so verlange ich dafür ein Gleiches von Ihnen. Das mögen Sie sich ein für allemal gesagt sein lassen,« fügte er, ohne sich an Jenkins' Verblüfftheit zu kehren, hinzu. »Dem Nabob habe ich versprochen, ihn dem Herzog vorzustellen, wie ich auch Sie dereinst vorgestellt; also mischen Sie sich nicht in Dinge, die mich allein angehen!«

Jenkins legte die Hand aufs Herz und beteuerte, daß er unschuldig sei: nie habe er eine schlimme Absicht gehabt. . . . Monpavon stehe ja mit dem Herzog auf viel zu freundschaftlichem Fuß, als daß ein Dritter . . . und überhaupt, wie könne man meinen . . .

»Ich meine gar nichts,« sagte der alte Kavalier etwas beruhigt, aber sehr kühl, »ich wollte mich über den Punkt nur ganz unumwunden mit Ihnen aussprechen.«

»Lieber Marquis,« und dabei streckte ihm der Irländer die weitgeöffnete Hand hin, »unumwunden spricht man sich ja stets aus unter Männern von Ehre.«

»Von Ehre, bester Jenkins, ist ein großes Wort. . . . Es genügt schon, wenn wir sagen: ›unter Leuten, die auf Form sehen‹«

Und da jene Form, die er als einzige Grenzhüterin des Handelns anrief, ihm plötzlich die Komik der Situation zum Bewußtsein brachte, gab der Marquis dem demonstrativen Händedruck seines Freundes einen einzelnen Finger preis und verfügte sich würdevoll hinter seinen Vorhang zurück. Der Doktor, welcher es jetzt eilig hatte, setzte seine Rundfahrt fort.

Einer vornehmeren Praxis hätte sich wohl keiner rühmen können: lauter fürstliche Palais mit geheizten Treppenhäusern voll Blattpflanzen und Blumen, mit ausgepolsterten, atlasstrotzenden Alkoven, in denen die Krankheit sich beinahe entschuldigte, kommen zu müssen, und die Brutalität verleugnete, womit sie den Armen aufs Siechbett niederreißt, der nur dann von der Arbeit läßt, wenn's ans Sterben geht. Krank waren sie, im Grunde genommen, nicht, diese Patienten des Doktors. In ein Spital wären sie nicht aufgenommen worden. Ihr Organismus war dermaßen erschlafft, daß ein bestimmter Sitz ihres Nebels nicht vorhanden schien und daß der zur Hilfe gerufene Arzt vergebens nach den Symptomen eines organischen Leidens geforscht hätte in diesen Körpern, wo bereits die Ruhe und Apathie des Todes ihren Einzug gehalten. Es waren erschöpfte, blutleere Menschen, deren Kraft ausgebrannt war durch ein unsinniges Leben, welches ihnen aber trotzdem noch so schätzenswert vorkam, daß sie es hartnäckig zu verlängern strebten, und eben deshalb wurden die Jenkins-Perlen so berühmt, weil sie solche abgehetzte Naturen wie durch einen Peitschenhieb aufrüttelten. »Heute abend muß ich auf einen Ball – ich beschwöre Sie, lieber Doktor,« sagte zum Beispiel eine junge, Frau, die sich auf ihrem Ruhebett kaum aufrichten konnte, mit einer Stimme, die nur noch ein Hauch war. »Soll auch geschehen, mein Kind.« Und in der That, sie ging hin und wurde schöner befunden als je. Oder es hieß: »Morgen früh, lieber Doktor, muß ich in den Ministerrat, koste es, was es wolle, selbst das Leben.« Und es ward möglich gemacht; der Betreffende feierte sogar einen Triumph diplomatischer Beredsamkeit und Ehrsucht. Nachher, ja, du lieber Gott! Nachher! . . . Aber gleichviel: bis zu ihrem Sterbetag konnten Jenkins' Patienten ausgehen, repräsentieren und dem nimmersatten Egoismus der Menge Sand in die Augen streuen. Sie starben in den Kleidern, ohne vorher aus der Gesellschaft verschwinden zu müssen.

Nach einer langen Kreuz- und Querfahrt durch die Chaussée d'Antin, die Champs-Elysées, die Vorstadt St. Honoré, wo der Mode gewordene Doktor bei allem vorsprach, was nach Millionen oder nach Ahnen rechnete, stieg er an der Ecke des Cours la Reine und der Rue François I. vor einem Gebäude ab, dessen Vorderfront dem Quai zugekehrt war, und betrat im Parterre eine Behausung, grundverschieden von sämtlichen andern. Schon beim ersten Schritte ließen die Teppiche an den Wänden, die alten Glasfenster, zwischen deren bleierner Einfassung das Tageslicht gebrochen und gedämpft hereindrang, ließen der kolossale in Holz geschnitzte Heilige und gegenüber das japanische Ungeheuer mit den Glotzaugen und dem zierlich geschuppten Rücken auf den erfinderischen, eigenartigen Geschmack eines Künstlers schließen. Der kleine Bediente, welcher dem Doktor aufschloß, war weniger groß, als der arabische Windhund, den er an der Leine mitführte.

»Frau Konstanze,« sagte er, »ist in der Kirche, und das Fräulein ganz allein im Atelier. Wir arbeiten seit sechs Uhr in der Frühe.«

Und dabei gähnte der Knabe so jämmerlich, daß der Hund, um hinter dieser Leistung nicht zurückzubleiben, seinen hellroten, mit spitzigen Zähnen besetzten Rachen weit aufriß.

Jenkins, welchen wir beim Minister so gelassen eintreten sahen, schob mit etwas unsicherer Hand den Vorhang beiseite, der die offen gebliebene Thür eines herrlichen Bildhauerateliers verdeckte. Die Rückwand desselben, durch, die abgerundete Front des Hauses gebildet, war fast ganz von einem Fenster eingenommen, und auf beiden Seiten mit Pilastern geschmückt, zwischen welchen die breite Lichtfläche rötlich durch den Nebel hindurchschillerte. Ueberhaupt war dieses Gemach eleganter eingerichtet, als die meisten derartigen Künstlerwerkstätten, in denen man sich gewöhnlich vor lauter Gipsflecken, Bossierhölzern, Lehmhaufen und Wasserpfützen unter die Maurer versetzt glauben könnte. Hier war mit der Zweckmäßigkeit eine gewisse Anmut verbunden. Zierpflanzen in allen Winkeln, an den nackten Wänden mehrere gute Gemälde und dazwischen, auf eichenen Postamenten zwei oder drei Arbeiten von Sebastian Ruys, worunter, in schwarzer Florhülle, seine letzte, die erst nach seinem Tode zur Ausstellung gelangt war.

Die Herrin des Hauses, Felicia Ruys, des berühmten Bildhauers Tochter, selber schon durch zwei Meisterwerke bekannt, durch die Büsten ihres Vaters und des Herzogs von Mora, stand in der Mitte des Ateliers und modellierte an einer Figur. In anschließendem, faltenreichem Amazonenkleid aus blauem Tuch, ein Fichu von Crêpe de Chine nach Knabenart um den Hals gerollt und das weiche, schwarze Haar auf dem kleinen, an die Antike erinnernden Kopf einfach gescheitelt, arbeitete sie mit einem Eifer, der ihre Schönheit durch die ausdrucksvolle Beigabe von selbstzufriedener Aufmerksamkeit und straffer Spannung noch erhöhte. Aber damit war's mit einemmale vorbei, sowie Jenkins eintrat. »Ah, Sie sind's,« sagte sie hastig, wie aus einem Traume auffahrend. »So ist denn angeläutet worden? Ich habe nichts gehört. . . .«

Und der Ueberdruß, die Ermattung, welche sich jetzt auf ihren Zügen malten, ließen von allem, was eben noch diesem bezaubernden Gesicht einen so strahlenden Ausdruck verliehen hatte, nichts mehr übrig, als den Blick, einen Blick, in welchem der künstliche Glanz der Jenkins-Perlen noch durch angeborenes Feuer gehoben wurde.

Wie bescheiden und sanft klang die Stimme des Doktors, als er ihr entgegnete: »So tief stecken wir also in der Arbeit, liebe Felicia? . . . Das ist neu, was Sie da machen. Es scheint sehr hübsch zu sein.«

Dann trat er näher zu der noch ziemlich formlosen Gruppe, in welcher sich zwei flüchtig skizzierte Tiere erkennen ließen, worunter ein Windhund, welcher mit wirklich überraschendem Schwung davonjagte.

»Mitten in der Nacht ist mir's eingefallen. . . . Ich habe schon vor Tagesanbruch angefangen. . . . Am wenigsten ist wohl mein armer Cadour davon erbaut,« sagte das Mädchen und schaute mit schmeichelndem Wohlwollen das Tier an, welches sie als Modell benutzte und dem der kleine Diener zu diesem Zwecke die Pfoten wieder zurechtzustellen suchte.

Jenkins bemerkte nun in väterlichem Tone, daß sie unrecht habe, sich so zu ermüden. »Erlauben Sie,« fügte er hinzu, indem er ihr mit der Diskretion eines Geistlichen den Puls fühlte, »Sie haben gewiß wieder Fieber.«

Bei dieser Berührung überkam Felicia ein Gefühl des Ekels.

»Lassen Sie, lassen Sie nur. . . . Ihre Perlen ändern doch nichts daran. Wenn ich nicht arbeite, habe ich Langeweile, Langeweile zum Sterben oder zum Töten, meine Gedanken sind so trübe, wie der graue träge Strom da draußen. . . . Ekel empfinden vor einem Dasein, das man kaum begonnen, das ist hart . . . so übel bin ich schon dran, daß ich meine arme Konstanze beneiden muß, die tagelang dasitzt und kein Wort spricht, aber in sich hineinlächelt, wenn sie an ihre Vergangenheit zurückdenkt. Ich, ich habe nicht einmal ein paar freundliche Erinnerungen, um davon zu zehren . . . ich habe nichts, als meine Arbeit . . . meine Arbeit!«

Während dessen modellierte sie mit rasender Hast darauf los, bald mit dem Bossierholz, bald mit den Fingern, die sie von Zeit zu Zeit an einem kleinen Schwamm abwischte, der auf dem hölzernen Gestell der Gruppe lag. Fast war's, als spräche sie nur Worte, die ihr der Zufall eingab und die an keinen Zuhörer gerichtet waren, so unerklärlich klang dieser Ausbruch des Jammers aus einem Munde von zwanzig Jahren, welcher im Zustande der Ruhe an ein olympisch hehres Götterlächeln erinnerte. Jenkins schien sich dadurch beunruhigt und beengt zu fühlen, wiewohl seine Aufmerksamkeit anscheinend auf das Werk der Bildhauerin gerichtet war, oder vielmehr auf diese selbst, auf die unwiderstehliche Anmut dieses Mädchens, welches durch eigne Schönheit zur bildenden Künstlerin wie geschaffen schien.

»Apropos!« begann Felicia wieder, um jenen Blick der Bewunderung abzulenken, den sie auf sich lasten fühlte, »wissen Sie schon, daß ich ihn gesehen habe, Ihren Nabob? Letzten Freitag wurde er mir gezeigt in der großen Oper.«

»Sie waren in der Oper am letzten Freitag?«

»Ja, der Herzog hatte mir seine Loge zur Verfügung gestellt.«

Jenkins wechselte die Farbe.

»Da habe ich denn Konstanze bestimmt, mitzukommen, zum erstenmal nach fünfundzwanzig Jahren, denn seit ihrer Abschiedsvorstellung hatte sie das Haus nicht mehr betreten. Sie hätten sehen sollen, welchen Eindruck es auf sie machte, namentlich das Ballett. Sie zitterte, sie strahlte; ihre früheren Triumphe flackerten ihr aus den Augen. Welches Glück, solcher Empfindungen fähig zu sein! . . . Wirklich eine typische Erscheinung, dieser Nabob. Sie müssen ihn einmal herbringen. Einen solchen Kopf zu modellieren, könnte mir Spaß machen.«

»Was, er ist ja ganz abscheulich! Sie haben ihn offenbar nicht recht angesehen.«

»Im Gegenteil, sehr genau. Er saß uns gerade gegenüber. Sein weißes Negergesicht würde sich prachtvoll ausnehmen in Marmor. Erhebt sich wenigstens über das Alltägliche, der Kopf! Uebrigens können Sie ja, da er gar so häßlich ist, nicht unglücklich drüber werden, wie im vorigen Jahre, als mir Mora Modell saß. . . . O, wie garstig schauten Sie damals drein!«

»Nicht um zehn Lebensjahre,« murmelte Jenkins dumpf vor sich hin, »möchte ich das noch einmal durchmachen. Ihnen freilich ist es eine Zerstreuung, andre leiden zu sehen.«

»Sie wissen recht wohl, daß mich gar nichts zerstreut,« versetzte sie mit dem verächtlichsten Achselzucken und vertiefte sich ohne einen weiteren Blick, ohne ein weiteres Wort in jenes stumme Schaffen, in welches sich der echte Künstler vor sich selber wie vor der Außenwelt hinüberflüchtet.

Jenkins ging im Atelier auf und nieder, ganz erregt, den Mund voll Bekenntnisse, die sich nicht hinausgetrauten. Endlich, nachdem er auf zwei oder drei Aeußerungen keine Antwort erhalten, woraus er schloß, daß er entlassen sei, nahm er seinen Hut und trat zur Thür.

»Also, es bleibt dabei, ich soll ihn herbringen?«

»Wen denn?«

»Je nun, den Nabob. Eben sagten Sie doch –«

»Ja so,« unterbrach ihn das wunderliche Mädchen, dessen Launen nie von langer Dauer waren, »meinetwegen mögen Sie ihn bringen, es liegt mir übrigens nichts daran.«

Und ihre schöne, traurige Stimme, die wie gebrochen klang, sowie die vollständige Apathie ihres ganzen Wesens bewiesen klar und deutlich, daß sie die Wahrheit sprach, daß ihr an nichts auf der Welt etwas gelegen war.

Sehr betroffen und mit finsterer Stirn verließ Jenkins das Atelier. Aber schon vor dem Hausthor hatte er seine lächelnde, treuherzige Miene wieder angenommen, da er zu denen gehörte, die auf der Straße stets eine Maske aufsetzen. Es war inzwischen ziemlich spät geworden. Nur längs der Seine, und auch da bereits ganz zerfetzt, schwebten noch Nebelreste auf und ab und umwoben mit leichten Schleiern die Häuser des Ufers, das auftauchende Verdeck der Dampfschiffe und in der Ferne die Invalidenkuppel, die sich gleich einem vergoldeten Luftballon mit strahlensprühendem Netz am Horizont erhob. Sowohl die zunehmende Wärme wie das rege Treiben auf den Straßen wies darauf hin, daß der Morgen zur Neige ging, und daß es demnächst von allen Türmen herab zwölf schlagen werde.

Jenkins hatte jedoch, bevor er sich zum Nabob begab, noch einen andren Besuch zu machen, einen Besuch, welcher ihm sehr sauer zu werden schien. Aber da er's nun einmal versprochen hatte . . .

»Rue St. Ferdinand 68, in der Vorstadt Ternes!« rief er, indem er in seinen Wagen sprang.

Joe, der Kutscher, nahm an dieser Weisung dermaßen Anstoß, daß er sie sich zweimal wiederholen ließ, und selbst das Pferd, das kostbare Tier mit dem funkelnden Geschirr, schien etwas zu zaudern bei der Zumutung eines Abstechers in ein so entferntes, dem kleinen aber glänzenden Schauplatz von Jenkins' Thätigkeit so vollkommen unebenbürtiges Revier. Gleichwohl erreichte der Wagen ohne weiteres Hindernis, am Ende einer kleinstädtisch aussehenden, unvollendeten Straße, das äußerste Haus, ein fünfstöckiges Gebäude, das zur Rekognoszierung des Terrains ausgeschickt zu sein schien, so vereinzelt stand es da zwischen leeren Bauplätzen, die demnächst in Angriff genommen werden sollten, und solchen, auf denen eine Menge Abbruchmaterial herumlag, wie hingestreute Quadersteine, halb in der Luft schwebende Fensterladen und angefaulte Bretter mit gelockerten Beschlägen, kurz das Totengebein eines ganzen niedergerissenen Stadtteils. Ueber dem Eingang schaukelten unzählige Plakate hin und her, und an dem Hausthor selber prangte ein großer, über und über bestaubter Photographieschaukasten, vor dem Jenkins eine Zeitlang stehen blieb. Ob der berühmte Arzt etwa so weit herausgefahren war, um sich ein Dutzend Porträts machen zu lassen? Fast hätte man auf die Vermutung kommen können, bei der Aufmerksamkeit, die er den fünfzehn oder zwanzig Bildern widmete, welche eine und dieselbe Familie in verschiedenen Stellungen, Gruppierungen und Situationen darstellten, einen alten Herrn, der eine Ledermappe unter dem Arm trug und bis ans Kinn in einer hohen weißen Halsbinde steckte, und um ihn herum eine Schwalbenbrut von jungen Mädchen in bescheidenem Putz und geflochtenem oder gelocktem Haar. Das eine und andre Mal hatte der alte Herr auch nur mit zweien seiner Töchterchen Modell gestanden, oder es war auch eine von den jungen hübschen Gestalten einzeln aufgenommen, auf eine abgebrochene Säule gestützt und über ein Buch hingeneigt, in ungezwungenem, selbstverlorenem Sinnen. Aber alles in allem waren es bloß Variationen über ein feststehendes Thema und in der ganzen Sammlung kam kein andrer Herr vor, als der Alte mit der weißen Halsbinde, und kein andres weibliches Wesen, als dieses Herrn zahlreiche Töchter.

»Atelier im fünften Stock,« besagte eine Aufschrift über dem Rahmen.

Mit einem Seufzer aufschauend, berechnete Jenkins die Entfernung, die ihn von dem kleinen Balkon dicht bei den Wolken droben trennte; dann trat er in den Thorweg, wo er mit einer weißen Halsbinde und einer majestätischen Ledermappe zusammentraf – also offenbar mit dem alten Herrn aus dem Schaukasten. Dieser antwortete auf eine Anfrage des Doktors, daß Herr Maranne allerdings über fünf Treppen wohne, »aber,« fügte er mit einladendem Lächeln hinzu, »es sind keine hohen Stockwerke.« Auf diese Aufmunterung hin klomm der Irländer die engen, nagelneuen Stiegen empor, deren Absätze kaum geräumiger waren als die einzelnen Stufen; jedes Stockwerk hatte nur einen Eingang, und durch die durchschnittenen Fenster sah man auf das Pflaster eines düsteren Hofes hinab und in das unfertige Treppenhaus eines Nachbargebäudes hinüber. Kurz, es war eine jener abscheulichen modernen Wohnstätten, wie sie von Bettelspekulanten dutzendweise hergestellt werden, und deren Hauptübelstand darin besteht, daß infolge der dünnen Wände die verschiedenen Parteien ein kommunistisches Zusammenleben über sich ergehen lassen müssen. Vorläufig brachte dies indessen keine großen Unbequemlichkeiten mit sich, da bloß das vierte und fünfte Stockwerk bewohnt waren, gerade als ob der Zuzug der Insassen vom Himmel aus stattgefunden hätte.

Ueber vier Treppen, bei einer Thür, auf deren Messingschild Herr Joyeuse ein »Bureau für schriftliche Arbeiten« ankündigte, vernahm der Doktor ein Geräusch von lachenden oder plaudernden Silberstimmen und hüpfenden Mädchenschritten, welches ihn bis zum photographischen Atelier hinauf begleitete.

Jene kleinen Winkelgewerbe, die zu der Außenwelt in keiner Beziehung zu stehen scheinen, gehören mit zu dem Ueberraschendsten in Paris; man fragt sich unwillkürlich, wie sich's von dergleichen leben läßt, und was für eine sorgsame Vorsehung zum Beispiel hier, mitten unter den Bauplätzen einer Rue St. Ferdinand, einem fünf Treppen hoch nistenden Photographen zu Kunden und dem unter ihm hausenden Buchhalter zu Aufträgen verhelfen mag. Bei Jenkins rief diese Betrachtung ein mitleidiges Lächeln hervor, als er, wie ein angeklebter Zettel vorschrieb, »ohne anzuklopfen« oben eintrat – eine Erlaubnis, von der wohl kein übertriebener Gebrauch gemacht wurde. Ein großer junger Mann mit Augengläsern, welcher, die Füße in eine Reisedecke eingewickelt, an einem kleinen Tische saß und schrieb, sprang hastig auf, den Besuch zu empfangen, den er, da er kurzsichtig war, nicht gleich erkannte.

»Guten Morgen, André,« sagte der Doktor und streckte ihm seine biedere Hand entgegen.

»Herr Jenkins! . . .«

»Du siehst, ich bin der gute Kerl, wie immer. Dein Betragen gegen uns, dein hartnäckiges Fernbleiben vom Elternhause machen mir zwar eigentlich die größte Zurückhaltung zum Gesetz, aber deine Mutter hat darüber geweint – und da bin ich.«

Während er so sprach, ließ er den Blick in dem armseligen kleinen Atelier umherschweifen, dessen Oberlicht die nackten Wände, die wenigen Möbel, einen ganz neuen photographischen Apparat und einen gleichfalls neuen kleinen Ofen aus Eisenblech, der noch nie im Feuer gestanden, verzweifelt kritisch beleuchtete. Die eingefallenen Wangen, der spärliche Bart des jungen Mannes, dem das helle Auge, die hohe schmale Stirn und das lange, zurückgeworfene Haar ein verklärtes Aussehen gaben, das alles trat bei dem grellen Lichte auffallend hervor, so auch die herbe Willenskraft in jenem lauernden Blick, der, kalt und fest auf Jenkins gerichtet, von vornherein allen Gründen und Beteuerungen des Doktors einen unüberwindlichen Widerstand entgegensetzte.

Aber der gute Jenkins that, als ob er nichts davon bemerke.

»Du weißt es ja, lieber André, von dem Tage an, wo deine Mutter meine Frau geworden, habe ich dich als meinen eignen Sohn angesehen. Meine Stellung, meine Praxis wollte ich dir einstmals überlassen, wollte deinem Fuß in einen goldnen Steigbügel helfen und hatte mich glücklich geschätzt, dich auf einer Laufbahn voranschreiten zu sehen, die der Menschheit Segen bringt. . . . Da plötzlich, ohne nur zu sagen weshalb, ohne dich um den Eindruck eines solchen Bruches auf die Außenwelt zu kümmern, hast du dich von uns abgewendet, deine Studien im Stich gelassen, eine ganze Zukunft aufgegeben, um dich in, was weiß ich, welche verrannte Existenz hineinzustürzen und ein lächerliches Gewerbe zu ergreifen, die gewöhnliche Zuflucht und Ausflucht aller Herangekommenen.«

»Ich habe es ergriffen, um mein Leben zu fristen. So kann ich wenigstens in Ruhe abwarten.«

»Abwarten? Was denn? Deine literarische Berühmtheit?« entgegnete Jenkins mit einem geringschätzigen Seitenblick nach den beschriebenen Papierschnitzeln auf dem Tische. . . . »Aber das führt denn doch zu gar nichts und deshalb mache ich dir folgenden Vorschlag: Die Gelegenheit ist dir günstig und reißt die Thür des Glückes förmlich vor dir auf. Die bethlehemitische Stiftung ist ins Leben getreten; mein schönster philanthropischer Traum hat eine greifbare Gestalt gewonnen. Soeben haben wir, behufs unsrer ersten Niederlassung, eine prachtvolle Villa in Nanterre angekauft. Die Verwaltung dieses Hauses, die Stelle eines Direktors habe ich, als meinem andern Ich, dir zugedacht, ein fürstliches Dasein, ein Gehalt, das dem eines ersten Ministerialbeamten gleichkommt, und dazu noch das wohlthuende Bewußtsein, dich der großen menschlichen Familie nützlich zu erweisen. Nur ein Wort von dir, und ich nehme dich mit zum Nabob, zu dem großmütigen Manne, welcher die Kosten unsres Unternehmens deckt. Willst du?«

»Nein,« erwiderte der andre mit einer Schärfe, die Jenkins verblüffte.

»Da haben wir's. . . . dachte ich mir doch schon unterwegs, daß du es ausschlagen würdest. Aber mich konnte das nicht abhalten, denn meine Parole heißt: ›Thue Recht, auch ohne Hoffnung auf Erfolg.‹ Und ich bleibe meinem Wahlspruche treu. Also gut: dem ehrenvollen, würdigen, ersprießlichen Dasein, das ich dir in Aussicht stelle, ziehst du ein abenteuerliches Leben ohne Ziel und ohne Würde vor. . . .«

André schwieg, aber sein Schweigen sprach deutlich genug.

»Nimm dich in acht . . . du kennst die Tragweite deines Entschlusses; er wird uns auf immer voneinander trennen; doch das war ja von jeher dein Wunsch. – Ich brauche dir wohl nicht erst zu sagen,« fügte Jenkins hinzu, »daß ein Bruch mit mir auch den Bruch mit deiner Mutter nach sich zieht. Wir sind eins, sie und ich.«

Der junge Mann erbleichte, und eine Sekunde lang schien er zu schwanken, dann preßte er die Worte hervor: »Wenn es meiner Mutter beliebt, mich hier aufzusuchen, so wird mir das eine große Freude sein, aber meinen Entschluß, Ihr Haus zu meiden und mit Ihnen nichts gemein zu haben, steht unabänderlich fest.«

»Und wirst du mir wenigstens erklären, warum?«

Eine ablehnende Gebärde versicherte den Fragenden des Gegenteils. Diesmal überkam den Irländer eine unverkennbare Wallung des Zornes. Seine Gesichtszüge nahmen einen heimtückischen, grimmigen Ausdruck an, der auf jeden, welcher bloß den guten, treuherzigen Jenkins kannte, überraschend gewirkt hätte; nichtsdestoweniger hütete er sich wohl, in einer Auseinandersetzung weiterzugehen, die er vielleicht ebensosehr befürchtete, wie er sie herbeiwünschte.

»Adieu,« warf er vor sich hin, indem er auf der Thürschwelle noch flüchtig über die Schulter zurückblickte, »und lassen Sie sich's nie beifallen, ferner noch auf uns zu rechnen.«

»Niemals,« lautete die feste Antwort des Stiefsohnes.

Und jetzt, als der Doktor dem Kutscher zurief: »Nach dem Vendômeplatz,« schüttelte das Pferd mit stolzer Gebärde seine funkelnde Kinnkette, wie wenn es verstanden hätte, daß sein Herr zum Nabob fahre, und flog von dannen, daß die Räder des Wagens wie ebenso viele Feuerräder schwirrten.

»Der weite Weg und solch ein Empfang! . . . Dem epochemachenden Manne diese Behandlung von seiten eines herumzigeunernden Skribenten! . . . Das hat man davon, wenn man Gutes stiften will. . . .« So ungefähr lautete das Thema des langen Monologes, in welchem Jenkins seinen Zorn ausließ; dann plötzlich rüttelte er sich auf: Pah, wozu? Und auf dem Trottoir des Vendômeplatzes glättete sich rasch das letzte Sorgenfältchen auf seiner Stirn. Allenthalben, bei allgemeinem Sonnenschein, schlug es Mittag. Dem Nebelschleier entstiegen, wach und munter, begann das Paris des Reichen sein vorwärtshastendes Tagewerk. Die Schaufenster in der Rue de la Paix erglänzten, die Herrschaftshäuser auf dem Platze schienen sich stolz in Positur zu setzen zum Empfang der Nachmittagsbesuche, und am äußersten Ende der weißen Arkaden der Rue de Castiglione, im klaren Glänze der winterlichen Sonne ragten die Statuen im Tuilerieengarten schauernd und wie vom Frost gerötet zwischen den jämmerlich entblößten Baumgruppen empor.

»Schnell, Herr Doktor, sie sitzen schon alle bei Tische,« sagte der lange frechblickende Bursche in nagelneuer Livree, welcher den epochemachenden Mann am Hausthor empfing.

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.