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Der Muttersohn - Band II

Johannes Dose: Der Muttersohn - Band II - Kapitel 9
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typefiction
authorJohannes Dose
titleDer Muttersohn ? Band II
publisherM.-G.-Schmitz-Verlag / Nordstrand
editor
year2010
isbn9783938098547
firstpub2010
correctorreuters@abc.de
senderM.-G.-Schmitz-Verlag / Nordstrand
created20100813
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Fünfter [später: Vierter] Abschnitt: Friedlines letztes Lächeln.

Es war die ewig nasse, windig rauhe Zeit der Herbstäquinoktien, wo die Hals-shawls, Pulswärmer und Nastücher in fleißigem Gebrauch kamen und eine Lungenentzündung wohlfeil zu haben war. Eine bösartige, ansteckende Erkältung ging von Haus zu Haus, und von allen Menschen, die in der nördlichen, nordschleswigschen Stadt wohnten, war die Hälfte krank, wenn auch die meisten auf den Beinen blieben und es nur für einen Schnupfen in höchster Potenz hielten und keinen Arzt holten. Welcher Norderhafener wird bei Erkältung einen Doktor konsultieren und bezahlen?

Nachdem aber die Ärzte mit sehr bedenklichen Mienen und Gebärden die Krankheit als kontagiöse [Erg. d. Hg: ansteckende] Grippe bezeichnet hatten, wurde den Leuten angst [später: Angst] um ihr Leben, und die [später ergänzt: Herren] Doktores liefen mit pfiffigem Augurenblick durch die Gassen und in die Häuser. Der Löwenapotheker verschrieb sich einen halben Zentner Antipyrin, von welcher Arznei eine Unmenge vertilgt wurde. Obschon er ein paar Ärzten von jedem Rezept gewisse Prozente abgab, machte er ein gutes Geschäft.

[Später ergänzt: Der Doktor Evers, der Modearzt, machte das beste Geschäft.]

Leider hatte die lästige, schleichende Schnupfenseuche vielfach schlimme Folgen, und nicht wenige von denen, deren Gesundheit schon geschwächt war, Brustleidende, Greisen- und Gebrestkranke, unterlagen ihr.

Außer dem Apotheker [später ergänzt: und Arzt] rieb ein andrer sich die Hände. Der Norderhafener Totengräber verdiente im Novembermonat mehr Grabgeld als im ganzen Sommer. Auch die Pastoren konnten mit den Parentationsgebühren [Erg. d. Hg.: Grabrede] des Monats zufrieden sein.

Heiß war es im Dachstübchen, denn die Frauen litten am Frösteln. Monika sprach mit heiserer Stimme und nieste und hielt das Taschentuch vor, damit der Randersche Handschuh keinen Fleck bekäme. Trotzdem sie sich kalt und krank fühlte und einen benommenen Kopf hatte, stachen ihre Finger eifrig mit der Nadel. Trotz Friedlines Bitten blieb sie bei der Arbeit, um ihren Taglohn von 75 Pfennigen zu verdienen. Heute freilich wurden es nur sechzig. Gegen Abend vom Fieber geschüttelt, mußte sie sich hinlegen und trank drei Tassen Kamillenthee [später: Kamillentee] nach einander, um möglichst schnell gesund zu werden und morgen wieder arbeitsfähig zu sein.

Aber Monika, von der Tochter, [später ergänzt: die von ihrem Brustleiden sich erholt hatte,] treu und sorgsam gepflegt, blieb tagelang bettlägerig und duldete doch nicht, daß der Doktor [später entfallen: , der halbjährlich seine Rechnungen aussandte,] geholt werde. Draußen vor dem schrägen Dachfenster nebelte der November grau und grämlich, jedes Menschengemüt verdüsternd. Die Kranke hielt die Hände gefaltet – jetzt hatte sie ja Zeit genug zum langen Beten – und blieb dennoch traurig, ungetröstet, und ein Seufzer entfuhr ihr. »Ach, überübermorgen! Meinen Amatus sehe ich nicht wieder.« Unter der Nachthaube quollen die weißen Haare hervor, und die Greisin weinte laut wie ein Kind. »Ich werde sein Angesicht nicht wiedersehen.«

»Mutter, ich weiß es gewiß und von Gott, daß du es wirst. Überübermorgen ist der Tag, an dem Amatus abreiste … nun ist er fünf Jahre fort.«

»Ja, fünf Jahre! Zuerst in der Kindheit schleichen die Jahre – törichterweise möchte man ihren Schritt beschleunigen – in der Jugend gehen sie viel rascher, und man freut sich des Ganges der Zeit; in den Dreißigern fangen sie das Traben an und laufen immer schneller – und dann im Greisenalter rennen sie, rennen dem Grabe, ja dem Grabe zu.«

»Nein, mein liebes, liebes Mütterchen, ich muß nach Gottes Vorherbestimmung zuerst sterben.« Die Blinde sprach's, als wenn ihr Kindesglaube Gottes Ratschluß kenne.

Es wurde morgen und übermorgen. Frau Junker hatte die böse Grippe [später ergänzt: ziemlich] überstanden und fieberte nicht mehr. Um die Patientin zu erfreuen, ging die Pflegerin heimlich zur Nachbarin und lieh die Norderhafener Zeitung.

»Hier! Lies die Neuigkeiten, um dich zu zerstreuen!« Friedline, die zu schnell gegangen war, sank in einen Stuhl und unterdrückte ein Stöhnen. Im letzten Jahre war sie sehr abgemagert, was der Mutter, welche sie täglich sah, nicht so auffiel, wie andern Leuten.

»Was fehlt dir, mein Kind? Du hast dich überanstrengt.«

»Es ist nichts … nur der Stich! Jetzt ist es schon vorüber.«

O, das Stechen in der rechten Brustseite machte der Mutter große Bekümmernis.

Friedlinchen lächelte, um zu beruhigen. »Was steht in der Zeitung? In unsrer Einsamkeit haben wir lange nichts von der Außenwelt gehört.«

Monikas Blick fiel auf die letzte Seite des Blattes. »Todesanzeigen, anderthalb ganze Spalten! Der Sensenmann hält reiche Ernte in Norderhafen. Die Frau Sörensen kenne ich, sie ist in meinem Alter … und was steht hier? Frau Zollinspektor Reder, geb. Ehrlich, ist gestorben!«

»Die lange Stine! Nun ist Klarissa Waise … ob sie wohl um ihre Mutter weinen wird?«

»Ja, denn treu hat sie die Stiefmutter gepflegt und Böses mit Gutem vergolten.«

[Später ergänzt: Frau Junker las die Lokalnachrichten der »Grenzwacht« – da war eine sensationelle Neuigkeit, die ihr lebhaftestes Interesse erregte. Nicht wenig echauffiert rief sie Friedline. »Nun höre mal! Hier in Norderhafen ist eine schreckliche Geschichte passiert … man meint, daß ein Sechsmonatskind des Gasfitters Petersen fahrlässig von einem der ersten Ärzte der Stadt vergiftet worden ist.«

»Vergiftet ist das arme, unschuldige Wesen? Der Arzt ist kein andrer als Doktor Evers gewesen!« sagte die Blinde prophetisch, und mit priesterlichem Pathos setzte sie hinzu: »Das Gericht hebt an, Gottes Mühlen fangen an zu mahlen und den Menschen zu zermalmen.«

»Die Zeitung nennt keinen Namen, aber wenn hier steht: »Einer unsrer jüngsten Doktoren, ein überaus befähigter und viel gerühmter Arzt, der durch seine Kuren Aufsehen erregt hat, soll das Kind behandelt haben«, so weiß jeder, wer gemeint ist.«

»Was hat er gemacht?« drängte Friedline.

»Dem kleinen Wurm, das noch die Brust bekam und an Brechdurchfall litt, ist eine viel zu große, wie die Zeitung sich ausdrückt, eine enorme Dosis Opium, die einen Erwachsenen umbringen könnte, versehentlich verabfolgt worden. Von der Staatsanwaltschaft ist eine strenge Untersuchung eingeleitet. Das arme Kind ist nicht mehr aufgewacht … und die unglückliche Mutter! Ja, der schlechte Mensch, der mit Menschenleben gespielt hat, muß schwer bestraft werden.« Monika ereiferte sich nicht wenig. »Die Grenzwacht natürlich, die es stets mit den Großen hält, nimmt Evers in Schutz. Ein bedeutender Arzt, der in kurzer Zeit den Ruf einer Kapazität und eine beispiellos große Praxis sich erworben, habe viele Feinde, Neider und Verleumder. Die Sache mit dem Kinde, von der vielzüngigen Fama aufgebauscht, werde sich hoffentlich harmlos aufklären, denn Brechdurchfall sei bei Säuglingen eine schwere und oft tödliche Erkrankung. So schwatzt die Zeitung.«

Friedline wurde noch einmal zur Prophetin. »Der Mensch wird ernten, was er mit seinen scheußlichen Morphium-Kuren gesäet hat.«

»Ja, wenn die Geschichte nicht vertuscht wird; aber die hohen Herren hacken einander die Augen nicht aus«, meinte Monika, welche die Menschen zu kennen meinte.

Doch die Blinde war noch menschenkundiger: »Nein, der Neid der andern Ärzte wird schon für eine gewissenhafte Untersuchung Sorge tragen.«]

Es war überübermorgen geworden und der Jahrestag der Abreise nach Amerika. Noch lag tiefes Nachtdunkel im Schlafzimmer, als Monika sich regte.

»Wie geht es dir heute?« fragte sogleich ein leises Stimmlein vom Bette drüben.

»Gut, ich bin hungrig und sehne mich nach dem warmen Kaffee.«

Sogleich hüpfte Friedline aus dem Bette, aber [später vor dem Verb] in der Küche blieb sie stehen und hielt die Hand gegen die Brust. Ihr war, als wenn durch die hastige Bewegung dort drinnen eine wunde Stelle aufgerissen wäre.

Frau Junker fühlte sich genesen, stand am Vormittage auf und setzte sich ans Fenster. Die Tochter hob den Finger: »Aber nicht nähen!«

Dennoch konnte sie nicht unterlassen, einen Handschuhdaumen einzunähen.

Besuch unterbrach die Arbeit. Es kam eilig die Treppe hinauf, klopfte an und war vor dem Herein im Zimmer. Silly [später entfallen: , noch im Reisemantel,] warf sich in die Arme der Tante und konnte lange vor Schluchzen kein Wort hervorbringen.

[Später entfallen: Monika ahnte alles. »Du hast deinen Bruder verlassen?«

»Ja, verlassen müssen … meine Kraft konnte nicht mehr. Ich schämte mich vor Gott, vor Menschen, vor mir selber, die Schmach anzusehen.«

Nachdem sie etwas Warmes getrunken, erzählte Silly: »Asmus erkrankte an der Grippe und lag drei Tage lang im Bette. So gut ich konnte, pflegte ich ihn, obgleich er ungebärdig war und oft grob wurde. Am dritten Tage klingelte es, ich öffne selbst, und die – die schamlose Person rauscht durch die Korridortür hinein und drängt sich an mir vorbei. ›Was wollen Sie?‹ – ›Ich wünsche dem Herrn Amtsrichter melden zu lassen, daß ich hier bin, um mich nach seinem Befinden zu erkundigen … dann wird er ohne Frage mich zu sich bitten.‹

»In meiner Erbitterung über diese maßlose Frechheit war ich zuerst sprachlos. Dann aber, die Korridortür weit aufwerfend, rief ich: ›Heraus, heraus!‹ – Ihre schwarzen Simili-Augen schossen giftige Flammen, aber sie ging.

»Im Bette schellte mein Bruder immer heftiger, und ich lief hinüber. ›Wer war da, wen hast du hinausgeworfen?‹ Er hatte offenbar ihre Stimme gehört, denn sein Gesicht war verzerrt vor verhaltener Wut. – ›Der Kleopatra, dem frechen Weibe, habe ich die Tür gezeigt … sie soll sich nicht erdreisten, dieses Haus zu beschmutzen.‹ – Da sprang er aus dem Bette, seine Augen schienen hervorzuquellen, in seiner Raserei bedrohte er mich mit der geballten Faust und befahl mir, das Haus zu verlassen. Es sei sein Haus.«

Silly weinte. »So bin ich aus Breitenföhrde geflohen und habe meinen Bruder seinem Schicksal überlassen müssen … ich kann nicht sagen – der elende, nein, der unglückliche, der unglückliche, von einem Teufel in Weibesgestalt umgarnte Mensch!«

Friedline murmelte vor sich hin. »Asmus ist böse und E-he–brecher.«

Und Monika sagte: »Wie kann ein sonst gescheiter Mann, der sich auf seine Klugheit etwas zu gute tut, so blind, so töricht, so wahnsinnig sein, in das Netz einer Sirene zu gehen, die ihn ausnutzt, rupft und ruiniert und dann wegwirft? Wie ist es möglich?«

Silly nickte traurig. »Groß und schwer ist meines Bruders Sünde und Schuld … sie wird nicht ungerächt bleiben, auch nicht auf Erden. O, das sind die Früchte der sogenannten philosophischen Weltanschauung, die er mir cynisch lächelnd gepredigt, und mit der er mich oft gequält hat. In teuflischer Lust wollte er mir meinen Glauben zerstören, was ihm nicht gelang, weil ich die Früchte seiner Philosophie täglich vor Augen sah. Was ist das für ein Herrenmensch, der über Pflicht und Sitte mit Scheinstärke hinwegschreitet und in dem Garne einer unsauberen Kourtisane zappelt?«

Friedline sagte: »Du bleibst bei uns, Silly.«

»Nein, ihr habt keinen Platz, ich gehe zu Klarissa Reder.«

»Wir haben Platz. Amatus Bett steht immer bereit und mit reinen Bettüchern belegt … darin kannst du schlafen.« Die Blinde machte ein schlaues Gesicht. »Willst du das nicht?«

Silly errötete leicht. »Ja … er weilt hunderte von Meilen im Westen … warum habt ihr immer sein Bett bereit gehalten?«

Die Tante antwortete: »Es macht uns die Vorstellung, daß er einmal plötzlich heimkehre, Freude … darum hatten wir die Kammer immer fertig.«

In Amatus Kammer und Bett hat Silly die Nacht unruhig geschlafen. Vor dem Einschlafen träumte sie von dem fernen Vetter, und in der lichten Morgenfrühe träumte ihr wirklich, daß er unten am Hafen bei der Kastanienallee von Bord springe und sie umarme und küsse. Davon erwachte sie und lachte: Schwerlich wird der Amerikafahrer mit der alten »Marie« in Norderhafen ankommen.

Klarissa Reder wollte die Freundin bei sich behalten, und Silly nahm das vorläufige Unterkommen in dem Rederschen Hause an. – – –]

[Später ergänzt/anders im Anschluß an Sillys Besuch bei Monika: Endlich stammelte sie: »Du bist krank, Tante, und läßt es mich nicht wissen … von fremden Leuten muß ich es erfahren. Warum bist du mir böse und was fehlt dir?«

»Mir fehlt nichts mehr … aber was fehlt dir, mein Kind?«

»Mir?« fragte Silly verlegen.

»Ja, du bist so erregt … sage mir alles! Ist in eurem Hause eine Katastrophe hereingebrochen?«

»Hast du auch die dumme Geschichte gehört? Evers ist ärgerlich über diesen Knüppel, den ihm seine Kollegen zwischen die Beine werfen wollen, aber unverzagt. Der betreffende Apothekergehilfe, der ein Bummelant sein soll und nachts geweckt wurde, um das Rezept anzufertigen, hat sich natürlich in seinem Dusel vergriffen. Um den Doktor mache ich mir keine Sorge.«

Monika sah ihre Nichte durchringend und scharf an. »Darum also nicht! Aber schwere Sorgen machst du dir, Silly! Um was? Ich kenne jeden Zug, jeden Schatten deines lieben, offnen Gesichts, das der Verräter deines Herzens ist. Um was bist du so furchtbar aufgeregt?«

Die arme Silly weinte, lehnte sich an die Schulter der Tante und flüsterte stockend und stoßweise. Friedline sollte offenbar die Beichte nicht hören und fing doch mit ihrem feinen Gehör alles Wesentliche auf. »Mein armer Doktor Evers, der sich Tag und Nacht um seine Kranken müht, wird in diesen Tagen vom Unglück, von seinen Feinden und Verleumdern förmlich verfolgt. Ein widerliches Weibsstück hat ihn verklagt und ist offenbar von seinen Feinden, die vor keiner Gemeinheit zurückschrecken, gedungen worden, ihn zu skandalieren und in Norderhafen unmöglich zu machen.«

»Warum hat sie ihn verklagt?«

»Pfui, ich mag es nicht sagen, es ist so schmutzig«, stotterte Silly. Und sie sagte es doch. »Die Tochter des Gastwirts Hansen von der »Bierquelle«, wo die besseren Herren ihre Bierstunde halten, hat ja geboren und klagt nun gegen den Doktor auf Elemente – was rede ich für Unsinn! – auf Alimente, so heißt es wohl. Ist das nicht entsetzlich?«

»Ja, wenn es wahr ist … und es wird wahr sein. Silly, höre auf den Rat deiner Tante! Du mußt sofort das Haus des Doktors verlassen!«

»Tante, du glaubst, daß er schuldig ist? Nein, ich sollte ihn verlassen, jetzt, wo er verleumdet und verfolgt wird? Nein, das wäre schlecht! Seine Gegner haben diese Intrigen gegen ihn gesponnen, sie wollen ihn bloßstellen und fällen um jeden Preis. Ich aber, ich glaube, ich glaube an Doktor Evers!« Sie schrie unter Tränen die Worte heraus.

Monika aber sagte schwer und wuchtig: »Meine arme Silly, du glaubst an ihn, weil du ihn liebst! Diese Liebe kann nur dein Unfriede, dein Elend, vielleicht dein Tod werden.«

Silly war völlig verwirrt. »Ich ihn … lieben … nein … nein … ich möchte gerne sterben.« In kopfloser Bestürzung rannte sie fort. Die Tante ging in heftiger Gemütsbewegung auf und ab. »Gott helf ihr, Gott helf ihr, das Leid tragen, das ihr bestimmt ist!«

Am Nachmittage sprach Frau Junker mit ein paar Nachbarfrauen über die Sensation. Aus dem Gerede ließ sich als Tatsache nur feststellen, daß Evers schon lange ein Techtelmechtel mit der Wirtstochter gehabt habe, und alle ihn für den Alimentationspflichtigen hielten. Konstatiert war auch, daß der Apotheker sich nicht vergriffen, sondern nur ein unmögliches, unsinniges Rezept gedankenlos angefertigt habe. Das Rezept lag bei den Akten des Staatsanwalts und lautete: Opium 0,02. Zwei Zentigramm! Für einen Säugling eine ungeheure, unfehlbar tödliche Dosis! In der Eile war statt 0,002 – 0,02 geschrieben worden. Eine fehlende Null hatte furchtbare Folgen und den Verlust eines Menschenlebens herbeigeführt. Die Sache stand offenbar sehr schlimm für Evers und konnte nicht nur seine Existenz vernichten, sondern auch eine entehrende Gefängnisstrafe ihm eintragen.]

Spät hellte [später: erhellte] sich der Wintermorgen. Monika löschte sparsam die Lampe aus, legte im Ofen Torf nach und wusch die Hände, um nicht auf die Handschuhe ein Fleckchen zu setzen. Ihre alten Augen, die nicht mehr wie früher wollten, waren durch Brillengläser geschärft.

Friedlinchen kam langsam aus der Küche und sagte zögernd, als wenn sie sich schäme: »Ich glaube, daß ich ein wenig krank bin und mich hinlegen muß … hier tut's so weh.« Die arme Blinde, deren eingefallene Wangen brannten, hatte seit gestern tapfer geschwiegen und legte sich jetzt auf das Krankenlager, das die Mutter eben verlassen.

Wo die böse Grippe einzog, verschonte sie keinen Hausgenossen. Aber Friedlines Anfall war besonders schwer, das Fieber steigerte sich gegen Abend so daß der Arzt – [später entfallen: der, welcher von allen Patienten Honorar nahm] [später ergänzt: aber nicht Doktor Evers] – geholt werden mußte. Er klopfte und horchte und konstatierte eine Brustfellentzündung.

Die Mutter pflegte ihr krankes Kind, trat halbstündlich ans Bett mit der Arznei oder einem Löffel Fleischbrühe, erhob sich in der Nacht mehrmals, um mit einem Trunk die brennenden Lippen zu netzen, und drückte jedes Mal einen Kuß auf die heiße Stirn des Mägdleins, das mit unsagbar stiller Sanftmut lag und [später ergänzt: viele] Schmerzen litt. Wenig Ruhe und Schlaf bekam die treu sorgende Mutter, die jeden freien Augenblick benutzte, um sich ans Fenster zu setzen und an dem Handschuh einige Stiche zu nähen.

»Mutter!« rief es aus der Kammer, »ich höre die Nadel … ach, schlummere ein wenig zu Mittag und ruhe die Augen … sonst muß ich aufstehen und wieder meine Arbeit tun. Wir haben es doch nicht nötig, da Amatus uns Geld geschickt hat.«

Monika gehorchte und nickte ein wenig, die Brille auf die Stirn hinaufgeschoben und in den Stuhl zurückgelehnt, bis das Schlummern zum festen Schlaf wurde. Die Kranke bezwang gewaltsam jedes Hüsteln und bewegte kaum den Finger, um die Schlafende nicht zu stören. Silly und Klarissa aber kamen und weckten die Übermüdete. [Später ergänzt: Sie hatten von Friedlines Erkrankung gehört.]

»Tante, so geht es nicht weiter, wir nehmen die Handschuhe mit und nähen dir sechs Paar täglich.«

»Alles hat seine Wissenschaft, das könnt ihr gar nicht, auch die Kunst des Handschuhnähens will gelernt sein.«

»Gut, Frau Junker!« sprach Fräulein Reder energisch, » wir zwei pflegen abwechselnd Friedline und besorgen den Haushalt [später anders: ich pflege Friedline und besorge den Haushalt], und Sie nähen Ihre Handschuhe, aber nicht mehr als vier Paar.«

Dieser Vertrag wurde geschlossen, und Friedline wurde darüber so glücklich, daß sie sich aufrichtete und bestimmt erklärte, in drei Tagen gesund zu sein. Aber kraftlos fiel sie zurück.

In der Dachwohnung des Pappeltals lösten Silly und Klarissa in der Pflege sich ab und schmuggelten [später anders: übernahm Klarissa die Pflege und schmuggelte] manche kleine Erquickung ins Haus, um die Kranke zu laben. Monika merkte es wohl und sah dankbar die [später anders: das] Mädchen an, die drüben am Bette saßen und laut vorlasen [später Singular]. Auch sie machte sich ja eines ähnlichen frommen Betruges schuldig und brach das Abkommen, insofern sie in den Handschuhen sich mitunter verzählte und ein fünftes Paar nähte.

Nach Tagen war Friedline ohne Fieber und in der Besserung und hatte wieder rechte Eßlust und das alte sonnige Lächeln. Aber sie genas nicht, fühlte sich viel zu schwach, um aufzustehen, und blieb blaß und still und stets zufrieden im Bette liegen, von ihren Freundinnen [später: ihrer Freundin] gepflegt und gehätschelt. So gingen Wochen ohne irgendwelche sichtbare Veränderung.

Nach Neujahr, als die Näherin deutlich zu bemerken meinte, die die Tage länger wurden, kam der Doktor und untersuchte Friedline. Nach langem Klopfen und Horchen zog er die Tür des Krankenzimmers [später ergänzt: fest] hinter sich zu und sagte zur Mutter: »Die akute Entzündung scheint in ein chronisches Leiden überzugehen, besonders der rechte Lungenflügel gefällt mir nicht.«

Die erschreckte Mutter faßte diese Worte als des Arztes schonende Vorbereitung auf eine noch schlimmere Mitteilung auf.

Silly [später anders: Klarissa] versuchte zu trösten, daß Friedline alle Tage größere Eßlust zeige und gerötete Bäckchen habe.

Frau Junker schüttelte das weiße Haupt und schauderte, denn sie ließ sich nicht täuschen, sie kannte die tückisch-trügerische Gesundheitsröte, die kleinen roten Wangenflecken, welche die untrüglichen Vorboten der Schwindsucht sind.

Mit fester Stimme fragte sie den Arzt unter vier Augen auf sein Gewissen, und er verhehlte nicht, daß es die schnelle zehrende Sucht sei, die schon den einen Lungenflügel fast zerstört habe. Friedlinchens Todesurteil war gefällt.

Das liebe, gute, herzige Kind, das der Trost ihrer Einsamkeit gewesen und ihr auch nie den kleinsten Kummer bereitet hatte, war unrettbar dem Tode verfallen. Vom Leide niedergestreckt, schlug Monika hin und lag vor dem Arbeitsstuhle auf den Knieen, gewaltsam das Schluchzen erstickend [später nach dem Nebensatz], das wie ein Schrei aus ihrer Seele brechen wollte, damit die Kranke keinen Schmerzenslaut höre.

So fand Klarissa, unhörbar eintretend, die verzweifelte Mutter. Einen Augenblick stand die Eingetretene wie fassungslos, aber dann gab sie ihrem unmittelbaren Gefühle nach und umschlang die knieende Frau. »Trösten Sie sich! Friedlinchen wird gesund.«

Angstvoll flüsterte Monika ihr ins Ohr. »Nein, vergeblich ringe ich mit Gott … Friedline muß sterben.«

Fräulein Reder küßte die gefurchte Stirn und das weiße Haar der Greisin. »Unten auf der Straße bat mich der Postbote, diesen Brief für Sie mitzunehmen … er ist von Ihrem Sohne in Amerika, und es wird ein Trost darin sein.«

Monika riß die Hülle auf und las mit großen Augen und gespannten Zügen, die immer heller wurden. »Es ist eine herrliche Freudenbotschaft, die Gott uns sendet.« Sie lief erregt ins Schlafzimmer und rief: »Kommen Sie, Fräulein Reder! Sie gehören zu uns und sollen alles hören.«

»Friedlinchen, Amatus hat die Farm verkauft und wird ungefähr 40 000 Mark übrig behalten. Mein Gott! Er ist mit einem Male ein wohlhabender Mann geworden. Und sobald er seine Angelegenheiten geordnet, kehrt er jetzt im Frühling zu uns zurück. Ja, es ist gewißlich wahr, mein Kind, so schreibt er am Schlusse: »Dann fahre ich mit dem schnellsten Zuge und dem flinksten Schiffe und fliege in eure Arme, meine liebste Mutter. Gleichzeitig sende ich auf Postanweisung 160 Mark, darum spare nicht! Spare nur deine Kräfte und sonst in keiner Weise!‹ Friedlinchen! Wie wird … mir …«

Monikas Herz quoll aus. Aber der durch die freudige Erregung hervorgerufene Anfall ging schnell und leicht vorüber.

Die blinden Augen weinten weiche, warme, wohltuende Tränen des Dankes und der Freude, die alles Leid vom Herzen lösen. Und Friedline lag den Tag lang mit einem Lächeln auf dem Antlitz. Die Gedanken gingen ihr durcheinander, so daß sie bald betete und lobte, bald redete und rechnete. »Vierzigtausend Mark machen 13333 1/3 Taler … Mutti, hat der Senator Petersen wohl so viel Geld? O, wie groß ist Gottes Güte! – Aber, Mutti, die Bertie Frenzen, von der er einmal schrieb, die wird ihn doch nicht in Amerika festhalten?«

Recht kunterbunt ging es der Blinden durch das kluge Köpfchen. – – –

Silly machte es sich bequem und schob alle Kissen unter die runde Wölbung ihres Rückens. Das wuchs unmerklich von Jahr zu Jahr, und sie merkte es dennoch. Die beiden Freundinnen, die über die erste Jugend hinaus waren, saßen bei einander auf dem Sofa und fielen in Schweigen, versonnen und gedankenvertieft. [Später ergänzt: Silly hatte ihren herben, heimlichen Kummer, den sie sonderbarerweise der Freundin nicht anvertraute.] Was sollten sie noch reden? Das wunderbare Ereignis, daß Amatus Junker als wohlgestellter Mann zurückkehre, war nach allen Seiten durchgesprochen worden.

Sehr plötzlich wandte Silly sich zur Seite und stieß die Freundin an. »Rissa, woran denkst du?«

»An – an – nichts, wie der Kürbis, der den großen Kopf hat.«

»Freust du dich sehr, daß er zurückkommt?«

»Ja–a–a, ich freue mich … um seinet- und … seiner Mutter willen.«

»Rissa, ich weiß, daß du viel an ihn denkst.« Klarissa senkte den Kopf und sagte keinen Ton. Die andre fuhr fort: »Ich freue mich auch um meinetwillen, denn ich habe meinen Vetter gern … und mir kann er nicht gefährlich werden [später entfallen: , weil ich ungestalt und gar nicht zum Heiraten bin].«

Jetzo sprach Fräulein Reder mit schmalen Lippen kurz und energisch: »Weißt du nicht, daß ich morgen meinen dreißigsten Geburtstag feiere? Ich bin alt und verständig geworden und über derlei Dinge hinausgewachsen.«

»Alt bist du? Haha! Nun muß ich lachen.«

»Ja, man ist so alt, wie man sich fühlt, und ich fühle mich, so zu sagen, fertig und recht altjüngferlich und überverständig, daß kein Mann mir gefährlich werden könnte und ich noch viel weniger einem Manne.«

[Später entfallen: Ob die Freundinnen es einander aufs Wort glaubten?] Ob die zwei Aufrichtigen in diesem Augenblick völlig wahr und offenherzig waren? Das Kindesgelübde in der Kastanienallee wurde nicht erwähnt und schien von den erwachsenen und alternden Mädchen vergessen zu sein.

Treu und täglich gingen sie [später anders: ging Klarissa] nach dem Pappeltal, das keine Pappeln hatte, und pflegten [später anders: pflegte] das brustkranke Friedlinchen. Die braven Mädchen hoben sie behutsam aus dem Bette und schichteten die Pfühle; sie fegten und feudelten, kochten in der Küche und lasen [später anders: jeweils Singular] der Kranken stundenlang vor.

Monika, der die Hausarbeit abgenommen war, fädelte eifrig am Fenster und verstach die Fingerspitzen. Nun war wieder ein Paar fertig, und das ein so angenehmes Gefühl. Freilich rief die Tochter von drinnen ihr oft dazwischen, daß sie sich nicht anstrengen dürfe, und rechnete ihr vor, wie großen Reichtum sie haben würden, wenn Amatus mit seinen Schätzen käme. Aber der Mutter war der kleine, selbst erworbene Verdienst das liebste Geld, und sie konnte die Arbeit nicht lassen.

Die Jahreszeit, die zusehends heller wird, weckte leise Lenz- und Lebenshoffnungen. Friedline hatte keine Schmerzen und sagte in den Februartagen oft: »Sobald Amatus kommt, werde ich gesund.«

Aber sie genas nicht, sondern siechte Woche um Woche langsam hin, immer magerer und matter, immer still und schmerzlos, geduldig und ergeben und bei jedem kleinsten Liebeserweis dankbar lächelnd.

An dem Morgen des ersten März, als die Frühsonne durch das Dachfenster schien, erwachte sie mit einem überaus verklärten Gesichtsausdruck, als wenn sie in der Nacht eine Vision gehabt hätte, und nahm die Hände der Mutter: »Nun weiß ich, daß ich sterben werde, und ich will vor dir gehen, um dir, mein Mütterchen, ein traulich kleines Stübchen im Vaterhause zu bereiten … doch weiß ich auch, daß meine Augen sich nicht schließen, bevor sie meinen Bruder gesehen haben. Bald kommt Amatus, balde.«

Das Balde währte noch Woche um Woche. Die Kranke wurde schwächer und fiel unter dem Vorlesen oft in Schlummer. Draußen tobte der April mit Sturm und naßkalten Regenschauern. Es war ein böses Wetter, wo der Tod billig zu holen war, wo nicht bloß die greisen Leute, sondern auch manches junge Leben geknickt wurde und der Pastor täglich seine Arbeit auf dem rauhen, zugigen Kirchhof hatte.

In der Maiennacht sprang der Wind nach Süden, und das Wetter schlug in milden Frühling um. Beim ersten bleichen Tagschimmer erwachte Friedline und bat mit mühsam flüsternder Stimme: »Trinken, Mutti!« Aus der hingehaltenen Tasse tat sie ihren letzten Trunk. Die blinden Augen, als wenn sie sehen könnten, waren überklar auf die Mutter gerichtet. Das Licht der Ewigkeitswelt leuchtete schon darin, und die Stimme hauchte: »Amatus kommt bald.«

Heller tagte der Maientag. Ein sehr hoch gewachsener Mann im Regenrock stürmte mit riesig langen Schritten vom Norderhafener Bahnhof durch die Straßen und das Pappeltal. Er war spät abends vom Schiff gestiegen und gleich die Nacht von Hamburg durchgefahren. Eine innere Unruhe spornte ihn zu seiner großen Hast.

Die Treppe in Sprüngen nehmend, riß er die Tür auf und die Mutter in seine Arme. Der Augenblick war groß und heilig und wortlos, wie noch keiner im Leben des Mannes.

Von der ungeheuren Überraschung und der inbrünstigen Überschwänglichkeit der Stunde quoll Monikas Herz über. Selig und ohne Sinne sank sie eine Minute an die Brust des Sohnes. Aber die maßlose Mutterfreude tötet nicht.

Friedline hörte den Schritt und die Stimme und war zu schwach, um die Lippen zu bewegen.

Amatus trat ans Bett und beugte sich über das schneeweiße Gesicht. »Mein einzig liebes Friedlinchen!« In dem Laut lag all seine Liebe.

Die Sonne brach hinter dem Nebelschleier hervor. Ihr leuchtender Morgenstrahl fiel durch das schräge Fenster und verklärte das Antlitz der Blinden.

Da ging beim Klang der Stimme ihres Bruders ein wunderbar leuchtendes, engelhaft seliges Lächeln über die Züge der sterbenden Friedline.

Mit diesem letzten Lächeln verschied sie kampflos und seufzte leise.

Als sie friedlich im Tode schlummerte, blieb das wunderbare Lächeln um ihre Lippen liegen.

Amatus drückte schluchzend die Lider der sehlosen Augen zu [später ans Satzende gestellt und ergänzt: mit sanfter Hand], die jetzt aufgetan waren und staunend eine neue Welt erblickten.

Weinend vor Schmerz und weinend vor Freude umhalste Monika ihren Sohn. »Das eine Kind hat Gott mir heute genommen und das andere als Ersatz mir wiedergegeben. Laß dich sehen und küssen! Wie stark und stattlich, wie braun und breitschultrig du bist!«

»Ja, ein andrer war stark in mir [später ans Satzende gestellt], der den Feind meines Lebens gebunden.

»O, selig ist die Tote, und selig bin ich in meinen Tränen … nun will auch ich gern abscheiden, nachdem ich dich gesehen.«

»Nein, meine Mutter, jahre-, jahrzehntelang sollst du bei mir bleiben und in Frieden altern und Ruhe und gute Tage haben. – – –

Mit sehr starkem Kaffee wurde die Leichenfrau bewirtet und bekam ihre Gebühr, obgleich sie eigentlich gar nichts getan hatte. Silly und Klarissa ließen es sich nicht nehmen, mit eignen Händen die liebe Tote für ihr letztes Bettlein schmuck und schlicht einzukleiden. Die Leute des Pappeltals kamen, die Leiche zu sehen, und sagten, daß Friedline im Tode schön, überirdisch schön sei.

Während die Fräuleins [später: Fräulein] Berg und Reder Kaffee tranken, saß der Amerikaner ihnen gegenüber und erzählte.

[Später ergänzt: Silly war sehr blaß und sehr still.]

Auf dem Heimwege hob Silly an: »Was sagst du von ihm?«

»Er hat im Gesicht etwas Ernstes und Festes, das er früher nicht hatte.« [Später ergänzt: Das sagte die Reder.]

»Ja, Rissa … ich glaube, er hat in Amerika viel an dich gedacht, denn er hat dich heute immer angesehen.«

»Wie du schwätzest, Silly! An dich hat er sich am meisten gewandt … aber das ist doch natürlich, weil du ihm als Kousine nahe stehst.«

»Nein, ein paar Mal hat er dich angeschaut … wie … wie …«

»Wie denn?« Etwas schnippisch kam die Frage.

»Wie wenn er in deine Seele hineinsehen wollte.«

Fräulein Reder errötete und machte schmale Lippen. »Beste Silly! Es ist lächerlich … wir wollen nicht darüber streiten, wen er am meisten angesehen hat.«

Nein, die zwei alten und aufrichtigen Freundinnen wollten nie und nimmer streiten, am wenigsten um so lächerliche Dinge. Herr Amatus Junker mochte hinsehen, wohin es seinen Augen gefiel. –

Auf dem Friedhofe neben ihrem Vater ruhte Friedline. Die welken Blumen der Kränze verstreute der Wind, aber mit einem frischen Efeukreuze war das Grab geschmückt worden. Der Bruder, der täglich die Ruhestätte der geliebten Schwester besuchte, hatte es gewunden.

Vom Kirchhof zurückkehrend, fand er die Mutter auf dem Arbeitsstuhl am Fenster und am Handschuh nähend. »Die Biene kann das Sammeln und die Mutter das Nähen nicht lassen, obgleich ihr Sohn ein wohlhabender Mann ist.«

»Darf ich nicht ein paar Groschen mühelos nebenher verdienen … für Kleidung und Taschengeld?«

»Nein, von nun an sollst du ruhen und nichts tun als meinem Haushalt vorstehen. Du hast ein langes Leben, mehr als sechzig Jahre treu gearbeitet, du hast mit mir gekämpft und den Sieg gewonnen, meine treue und tapfre, meine gute und in Wahrheit große Mutter! Nun wollen wir den Schluß deiner mühsamen Arbeit und das fröhliche Richtfest machen!« Lächelnd glättete er das letzte Paar Handschuhe und preßte es mit dem beschwerenden Stein. Das Richtfest war gut gelungen.

Stolz betrachtete Monika den von Kraftfülle und Gesundheit Strotzenden. »Was sind deine Zukunftspläne, mein Sohn?«

»Ich werde mir hier in der Norderhafener Heimat einen Bauernhof kaufen, einen guten und nicht zu großen, für dessen Ankauf ohne Überschuldung meine Mittel ausreichen. Und du wirst immer bei mir wohnen …«

»Im Altenstübchen!«

»Nein, als des Hofes Herrin! Jetzt sind meine kühnsten Träume am frohen Sicherfüllen. Ein freier Bauer auf eigner Scholle werde ich sein – das ist der Traum, der durch mein ganzes Leben sich zieht. Dazu noch darf ich in der Heimat, der engen und doch einzig lieben, bleiben … sein und bleiben bei dir und du bei mir.«

»Ja, solange bis du eine liebe und junge Gefährtin gefunden … dann ziehe ich mit Freuden ins Altenteil.«

»Wer das wohl sein oder werden sollte?« lachte er laut, fast zu laut.

Die Mutter sah ihn zweimal nickend an und nannte keinen Namen.

Aber der Lächelnde nahm ein Buch und fiel, die Buchstaben anstarrend, in Sinnen. Aus dem Zimmer, darin Friedline gestorben, kam's, wie die hoch und gerade gewachsene Gestalt eines Mädchens, und schwebte an ihm vorüber. Und es war nur ein Traumgesicht und niemand außer den beiden in der Dachwohnung. Amatus' Blick ruhte lange auf den Buchstaben, ehe er im Buche wirklich las.

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