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Der Muttersohn - Band II

Johannes Dose: Der Muttersohn - Band II - Kapitel 8
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typefiction
authorJohannes Dose
titleDer Muttersohn ? Band II
publisherM.-G.-Schmitz-Verlag / Nordstrand
editor
year2010
isbn9783938098547
firstpub2010
correctorreuters@abc.de
senderM.-G.-Schmitz-Verlag / Nordstrand
created20100813
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Vierter Abschnitt: Weihnachten auf der Prärie

[= neues Kapitel in der Erstfassung; später entfielen Untergliederung und Kapitelüberschrift]

Der deutsche Kandidat hatte vier Jahre lang »gefarmt« und war kein Neuling mehr in seinem Beruf und kein Grüner im Lande, sondern ein gebräunter, gewiegter und gesetzter Kansasbauer, überall sicher und sattelfest, mit festen Entschlüssen und harten Händen zugreifend und unter allen Umständen eine starke Seelenruhe bewahrend.

Lustig leuchtete die Sonne von sieben bis sechs, trotzdem es seit einer Woche Wintermonat war. Jack Frost, wie die Amerikaner den unwillkommenen Kanada-Gast nannten, wagte sich nur heimlich des Nachts nach Kansas herunter und blies über das Wasser der Tränke, daß man am Morgen eisen mußte. Die Pferde und Rinder hatten in geschützten Vertiefungen gut geschlafen und fanden ihr [später ergänzt: kärgliches] Futter auf der grauen Prärie. Der weise Schöpfer und Schirmer jedweder Kreatur hatte ihnen zwei Zoll lange Haare als Winterpelz gegeben [später ans Satzende gestellt], die über Nacht gewachsen schienen.

Der Bauer hatte [später ergänzt: jetzt] seine bequemsten Tage. Oheim und Neffe lungerten nach dem Mittagessen auf der Veranda und ließen sich behaglich von den warmen Sonnenstrahlen belecken. [Später ohne Absatz weiter:]

Das stille Behagen der Daseinsfreude wurde dem Alten gestört, denn Amatus sagte unvermutet und schroff: »Onkel, ich muß meinen rückständigen Lohn haben.«

Tycho hüpfte aus der liegenden Stellung empor. »Was?« Bist du etwa mein Knecht? Oder mein leiblicher Neffe? Alles, was ich habe und besitze, bekommst du einmal, wenn ich tot bin … freilich hoffe ich, noch sehr lange zu leben.«

»Ich hoffe es noch mehr.«

»So? Wirklich?«

»Ja, aber Geld muß ich haben und meiner Mutter etwas schicken … bis Weihnachten sind nur achtzehn Tage.«

»Hm, du hast deine Mutter sehr lieb … ich habe Monika auch einmal gern gemocht … hihi … nun wirst du neugierig.« Um den Neffen von der unbequemen Lohnforderung abzulenken, erzählte Jönker alte Geschichten. »In Hellebäck verliebte ich mich in die hübsche Mona Berg, und mein Bruder Hans tat es auch und war der Glückliche, der die Braut heimführte. Dir will ich es jetzt verraten. Auch aus Ärger darüber desertierte ich von den Dänen und ging [später: bin ich … desertiert/gegangen] nach Amerika und ließ von hier aus absichtlich nichts von mir hören … es machte mir Freude, meinen Bruder und meine Schwägerin wähnen zu lassen, daß ich tot sei. Ob sie um mich geweint hat? [Später ergänzt: Wohl kaum!] Aber dich hab['] ich gern, Amatus, wie meinen leiblichen Sohn, der mich beerben soll … jaja.«

Wer hätte dem alten, vertrockneten und vergeizten Manne ein so starkes und anhaltendes Gefühl zugetraut? In Amatus erwachte eine andre, jahrelang schlummernde Frage [später entfallen: › nicht der unzarten Neugier, sondern der seelischen und Sohnesnot, die der verleumderische Vetter ihm einst bereitet].

»Warum hat sie meinen Vater genommen, der ihr doch nicht ebenbürtig war?«

»Nun, sie liebte ihn eben, denn Hans war ein schmucker Kerl … und … und sie wollte und mußte wohl das Haus ihrer Eltern verlassen …«

»Sie – mußte – heiraten?« Ohne daß Amatus wollte, entfuhr ihm das [später ergänzt: erschrockene] Wort [später entfallen: , das der Vetter gesprochen].

»Gott bewahre, Mona war ein blitzsauberes Mädchen, blank und rein … aber deine Großmutter war nichts wert.« Jönker kraute sich mit der Pfeifenspitze und paffte und prustete die Worte heraus: »Kurz und gut, nein schlecht! Der Nachbar im Dorfe hieß Johnsen, ein süßer Schleicher, der sich im Hause bei dem alten Berg und noch mehr bei deiner Großmutter einschmeichelte. Er war Hahn im Korbe, und in Hellebäck nannte man ihn allgemein den Hausfreund. Gesehen habe ich nichts. Aber das konnte deine Mutter nicht mit ansehen, das trieb sie aus dem Elternhause, so daß sie Knall und Fall den armen Hans Junker heiratete.«

In heftiger Bewegung erhob sich Amatus und atmete tief und immer tiefer aus voller Brust auf, als sei eine jahrelang unbewußte [später entfallen: , unheimlich drückende] Last von seinem Sohnesherzen hinweggenommen. Hoch und hell und hehr stand jetzt das Bild der teuren Mutter, des Liebsten, was er auf Erden hatte, vor seinen Augen. [Später entfallen: Hatte nicht je und dann ein angstvolles Mißtrauen ihn umflattert? Darum tat seine Seele Buße und bitter brünstige Abbitte ihr, der besten und reinsten und edelsten von allen Menschen. Fluch dem Vetter, dem verlogenen Verleumder!]

Die Geschichte des Onkels hatte seine Gedanken nicht abgelenkt, sondern sein Vorhaben bestärkt, und mit noch größerer Eindringlichkeit bestand er auf der Lohnzahlung.

Tycho krümmte sich und grunzte schwerhörig. Als das nichts fruchtete, griff er zu seinem letzten Trumpf und Beschwichtigungsmittel. »Von Lohn darf zwischen dir und mir nicht die Rede sein … alles, was mein ist, wird dein.« Unter seinem Bett hob er eine Dielenplanke auf, nachdem er sich vergewissert hatte, daß der Neger nicht in der Nähe sei, und aus dem Loch brachte er ein Eisenkästchen zu Tage, dem er ein Schriftstück entnahm und dem Neffen überreichte. »Lies das! Es ist eine Abschrift des Testaments, das ich vorsichtshalber bei dem Rechtsanwalt der deutschen Gesellschaft in Kansas City deponiert habe.«

Amatus war zum Universalerben eingesetzt und wurde von echter Rührung ergriffen. Und nun geschah es hinwiederum und wirklich, daß er das verknöcherte Herz des alten Mannes rührte.

»Meine arme Mutter hat meine blinde Schwester zu ernähren und muß die müden Augen abquälen und durch angestrengtes Handschuhnähen ihr Brot sauer verdienen. Du hast sie einmal auch geliebt … o, ich wäre ein schlechter, schlechter Sohn, wenn ich ihr zu Weihnachten nichts schicken würde.«

Der Alte kaute kleinlaut und kramte noch einmal den Kasten hervor. Unter der Testamentsabschrift lagen die Banknoten. Zögernd, zitternd zählte er dreißig Dollars auf den Tisch, schob mit der Hand die sechs fast neuen Fünfer hinüber und riß sich mit tapferem Entschlusse, aber auch mit einem Seufzer davon los.

Von dem empfangenen Geld sandte Amatus zwei Drittel nach Norderhafen, ein Drittel behielt er für sich, um deutsche Bücher dafür zu kaufen. Meistens hatte er sich an den trocknen Trebern der Zeitungslektüre sättigen müssen, und die Feuilletons- und Frauenromane unter dem Strich [Erg. d. Hg.: Viele Zeitungen veröffentlichten früher im redaktionellen Teil als »Lesestoff« in zahlreichen Fortsetzungen Romane; die einzelnen Folgen nahmen meist etwa ein Drittel einer Zeitungsseite ein; gedruckt wurden sie meist über die gesamte Zeitungsbreite am Fuß der Seite und unter einem Strich, der den Roman von den anderen redaktionellen Texten abgrenzte] sein Lesefutter gewesen. Darum quälte ihn ein förmlicher Heißhunger nach guter Geistesnahrung, der jetzt gestillt wurde.

Auf dem Posthause in Bellavista erbrach er das angekommene Paket, hastig und hochrot vor Erwartung. Da war Storm, sein Landsmann, und Macauly, der große Historiker des größten Preußenkönigs; Scheffel und Freytag [später: Freitag] fehlten nicht, und Heinrich Heine, der lieblich-lockere Sänger, schloß den Reigen. Ach, weiter hatten die dreißig Mark nicht gereicht.

»Bücher?« brummte der Oheim, »was soll der Unsinn für einen Bauer?«

Sorgfältig, mit liebkosenden Fingern legte Amatus die Werke seiner Lieblingsschriftsteller ins Paket. »Diese Bücher sind das Weihnachtsgeschenk, das ich mir selber mache … oder willst du sie mir verehren?«

»Nein, ich werfe, Gott sei Dank, mein Geld nicht weg.«

Dem deutschen Kandidaten, der argen Geisteshunger hatte, sollten die teuer erworbenen schätze das Weihnachtsfest verschönern. Wie ein Kind freute er sich darauf. Und nach der Weise der Kinder, die nach versteckten Weihnachtsgaben stöbern, konnte er nicht lassen, sein Geschenk hervorzuholen und in den Büchern zu blättern, aus denen der frische Duft der Poesie dem Verschmachtenden entgegenwehte, der ein Feinschmecker war und, um voll und langsam zu genießen, jeden Satz mit Entzücken zweimal las. –

An den steilen Rändern der Höllenschlucht wuchsen verkrüppelte Nadelhölzer. Behutsam kletterte Amatus herunter [später: hinunter] und holte sich von dort für den heiligen Abend eine kleine, kümmerliche Tanne.

In den Zweigen befestigte er sechs brennende Lichtstümpfchen und begann die traulichen Lieder der Kinderzeit zu singen [später: er stimmte die traulichen Lieder der Kinderzeit an]. Nun war in dem düstern Blockhaus ein Stück weihnachtliche und deutsche Heimat. Onkel Tycho wischte sich den grauen Bart und wurde von sehr weicher Stimmung angewandelt, so daß er in die Tasche griff und dem Neger zwei Dollars schenkte – den dritten, den er schon in den Fingern hielt, ließ er wieder zurückgleiten.

Tom gaffte zuerst, baß erstaunt über diese Großmut, und grinste dann von einem Ohr zum andern. »Sie leben nicht mehr lange, Mister Jönker … aber ich will für Sie beten, daß Gott Sie noch zwanzig Jahre segne und erhalte.«

»Wer weiß, wer weiß, wie nahe mir mein Ende ist.« Die im Scherz gesprochenen Worte des Negers hatten eine sonderbare Wirkung – tiefster Ernst lagerte sich auf dem gefurchten Antlitz des alten Mannes, und plötzliche Todesgedanken flogen ihn an. »Hm, manchmal kommt der Sensenmann geschwind und hinterrücks … wenn ich sterbe, wird niemand um mich weinen. Du, Amatus? Nein, lüge dir nichts vor, denn du bist kein Heuchler! Mein Tod wird dir Vorteil bringen … keinen Menschen habe ich im Leben geliebt und keinem genützt.«

Unruhig erhob sich Tycho und horchte zum Fenster hinaus. Der gleichmäßig rauschende Wind hatte sich gänzlich gelegt. Unheimlich war die plötzlich eingetretene Stille, die Stille vor dem wilden, wütenden Wahnsinnsausbruch der Elemente.

»Dort draußen braut sich etwas Böses zusammen!« Mit diesen Worten stampfte er auf die Veranda hinaus. Finster war die Nacht und der Himmel mit dunklen Wolkentüchern tief verhangen. Nichts sah das Auge, nichts hörte das Ohr – kein dürrer Grashalm regte sich raschelnd – dumpfe, bängliche Totenstille brütete auf der weiten Prärie. Aber eisig und beißend war die bewegungslose Luft, wie auf dem Meere, wenn in ein paar Kabellängen ein Eisberg vorübertaumelt. Kein Laut, kein Laut! Nur ein bänglich ahnendes, beklommenes Angstgefühl schien geräuschlos gespenstisch, ungreifbar[-]ungeheuerlich über die Erde [später ergänzt: hin] zu schweben. Tycho erkannte die Anzeichen der Natur und stürzte schreiend ins Haus. »O Gott, o Gott! Wir bekommen einen Schneesturm … einen Blizzard, sobald der Wind vom Norden losbricht.«

Der Schwarze sprang [später ergänzt: wie] elektrisiert empor, während Amatus in seiner grünen Unwissenheit ruhig sitzen blieb. »Einen Blizzard? God gracious! Gnädiger Gott behüte uns!« Wie zum Beten schlug Tom die Finger in einander.

»Jungens, auf, auf und die Pferde gesattelt, damit wir die Herde vorher im Korral zusammenbringen!« rief der Farmer und brüllte den betenden Neger an: »Zum Donnerwetter! Jetzt heißt es nicht die Hände gefaltet, sondern flink gerührt! Auf, auf!«

Tom schob den Kautabak hinter den andern Kinnbacken und kaute gelassen. »Das Vieh ist klug genug, um das Unwetter zu wittern, und wird rechtzeitig einen geschützten Ort suchen.«

»Du fauler Kerl [Hinw. d. Hg.: im Original: faules Schwarzgesicht] willst nicht vom warmen Ofen fort.«

»Massa, ich sage Ihnen, Sie riskieren im Blizzard Ihr und unser Leben …«

»Goddam! Was ist dein Leben [Hinw. d. Hg.: im Original: dein Niggerleben] wert? Warum zahle ich dir sechzehn Dollar im Monat und zwei zu Weihnachten? Heraus und die Pferde gesattelt!«

Alle drei stülpten die Mützen auf und zogen die Fausthandschuhe an und rannten über den Hof. Tom murmelte, wie ein leises Stoßgebet, etwas in den Bart. Es waren die Worte: »So Gott will, werden Sie den Hals brechen … aber Tom Lincoln nicht! Saviour, save him! O Heiland, helf ihm!«

Die ganze Natur hatte noch immer etwas unheimlich Lauerndes, wie ein still hingekauertes, mordsüchtiges Raubtier.

Die Pferde waren gesattelt. Der Farmer sah sich um im Stalle und schrie; »Wo ist der Schwarze? Der feige, verfluchte Hund hat sich irgendwo versteckt.«

Ja, Tom hatte sich selber geholfen und war spurlos verschwunden. Sie mußten zu zweien reiten und sprengten durch die Finsternis, um den kleineren Teil der Herde, der in der Nähe der Farm weidete, in die Hürde zu treiben.

Da brach das Unwetter los mit der Plötzlichkeit des Blitzes. Gleich einer heulenden Windhose fuhr vom Norden ein furchtbarer Sturmstoß daher. Das war wie ein Kommandoruf. Die schwarzen, lauernden Wolken stürmten wie wilde Geschwader daher und schleuderten nicht Schnee-, sondern harte, scharfe Eisflocken herunter und den Menschen wie Geschosse ins Gesicht. Der furchtbare Kampf der Natur, der Blizzard hatte begonnen.

Das gezähmte Tier sucht unwillkürlich Schutz bei dem starken Menschen. Brüllend stauten sich die Kühe und Kälber in der Nähe der Tränke, und als wären sie verständig der großen Gefahr sich bewußt, ließen sie sich willig in den Hof und hinter den Stall treiben, wo die Mauerwand ihnen etwas Schutz bot. Die Köpfe zusammen, dicht gedrängt standen sie in einem Haufen, um sich warm zu halten.

Amatus glitt aus dem Sattel und schlug die totsteifen Hände und Arme, in denen das Blut erstarrt war. Aber sein Gesicht, von den Eisschloßen getroffen, brannte wie Feuer. »Ich kann nicht mehr … und sehe nichts.«

»Ich kann auch nicht«, keuchte der Alte.

Beide taumelten geblendet und tasteten sich ins Haus, während die Pferde von selbst in den Stall liefen. Von dem kurzen Ritt in dem unbeschreiblichen Unwetter waren die abgehärteten Männer schon völlig erschöpft und tauten sich am warmen Ofen auf.

Bald kam Tycho zu sich selber und lamentierte mit kläglich schniefender Stimme: »Ach, all mein schönes Vieh drüben bei der Höllenschlucht, 600 Stück, und davon 240 Ochsen, geht elend zu Grunde. Um Gottes willen, Amatus, wir müssen es retten … es ist auch dein Vieh, mein Sohn. Helf mir!«

»Onkel, wenn ich nur könnte! Aber einen so grausigen Schneesturm habe ich nicht erlebt!«

»Wir wollen uns mit einem Schluck stärken und innerlich aufwärmen … dann muß es gehen.« Pfiffig den Mund spitzend, hob er die Dielenplanke auf und holte eine Flasche hervor, die neben den Schätzen des Eisenkastens ihren [später: ihr] Versteck hatte. »Für den Notfall habe ich ein wenig Whisky, und jetzt ist Not am Mann.« Schmunzelnd nahm er einen tüchtigen Schluck und noch einen und bot dem Neffen die Flasche. »Ah, das belebt!«

Der aber wehrte ab. »Du weißt, ich trinke keinen Whisky.«

»Unsinn! Nimm es als Arznei, als Belebungsmedizin … sonst hältst du den Ritt nicht aus. Not bricht jedes Gebot und Gelübde. Soll ich darum meine ganze Herde verlieren? Trink, trink! Du bist es mir schuldig.«

Amatus, von einem starren Frostschauer geschüttelt, griff zögernd nach der Flasche und trank. Der kräftige Schluck tat Wunder und belebte das Blut und den Mut. Aus Not hatte er sein Gelübde gebrochen und die Alkohol-Arznei genommen. Zum Nachdenken, zur Reue war keine Zeit. Schnell in den Sattel!

Sie sprengten gegen den Sturm und konnten sich nicht sehen, aber [später nach dem Verb] hielten durch Zuruf sich bei einander. Susy senkte den Kopf und tat ohne Sporn ihre Schuldigkeit. Noch wilder und wahnsinniger tobte der Blizzard, und sein prasselnder Regen von schneidenden Eisstücken machte Menschen und Tiere blind.

Die Reiter hatten die große, unabsehbare Weide erreicht und horchten durch den heulenden Sturm. Wo war die Herde? Noch zerstreut? Nein, in der Angst hatten die Tiere sich zusammengefunden. Ein Bulle brüllte auf und brach voran. Eine kompakte, lebende Masse von Viehleibern wälzte sich ihm nach. Der Wahnsinn der Elemente hatte die Tiere angesteckt. Sinnlos, betäubt, geblendet, trieben sie vor dem Sturme, über die Prärie stampfend. Weithin donnerte der Erdboden.

»Da sind sie!« gellte des Farmers sich überschreiende Stimme. »Bei Gott! Die Stampede hat schon begonnen … nun geht's auf Tod und Leben. Ich glaube, gerade im Westen muß der Korral sein … immer drauf mit der Peitsche! Du links und ich rechts! So! Halte die Richtung und hüte dich vor der Höllenschlucht! In Gottes Namen!«

Verzweifeltes Gebrüll ertönte. Ein schwärzliches Gewoge stürzte vorüber. Amatus hielt sich links und spornte Susy. Aber wie die westliche Richtung halten in dem beißenden, blind machenden Schnee- und Eisregen? Undeutlich sah er hüpfende Rinder vor sich und folgte ihnen, nicht treibend, sondern getrieben.

Sogar die Tiere verließ der Instinkt in dem höllisch tobenden Unwetter, das vom Himmel niedersauste. Instinktlos und blindlings ließen sie sich vom Sturm über die Prärie fegen.

Der Reiter umklammerte mit den Schenkeln krampfhaft den Sattel und lag weit vornüber gebeugt, um das Gesicht zu schützen. Seine vor Schmerz geschlossenen, geblendeten Augen sahen nichts mehr. Durch das Brausen des Orkans vernahm sein halb betäubtes Ohr ein Donnern und Krachen.

Da – mit einem Male bockte Susy und stemmte stutzig und trotzig die Vorderbeine in den Grund, so urplötzlich, daß der Reiter über den Hals hinweg und durch die Luft flog.

Er fiel unsanft auf die harte Erde, griff unwillkürlich um sich und faßte [später: erfaßte] einen Gegenstand, an dem seine völlig verkrampften Fäuste mit ihrer letzten Kraft sich festhielten. Es war ein schmächtiges, schwankes Bäumchen, an dem er hing. Er fühlte mit der Wange noch einmal – beim Aufschlagen schien ihm, als wenn [später: war] sein Gesicht auf spitze Fichtennadeln gestoßen [später entfallen: sei].

Weit und breit wuchsen ein paar Zwergtannen nur dort, wo er sein Weihnachtsbäumchen sich geholt – am steilen Rande der Höllenschlucht!

Nun wußte Amatus, wo er war. Über dem schauerlich tiefen Abgrunde hing er wie an einem dünnen Faden – wenn der Zweig brach, war ihm sein letztes Stündlein gewiß.

O, von unten aus der Tiefe heraus klang dumpfes Gebrüll und Sterbegestöhn der abgestürzten Tiere. Wenn er fiel, würde er zerquetscht von den sich wälzenden Leibern. Das Haar sträubte sich ihm, das helle Grausen lief ihm über Rücken und Nacken.

Dem kraftlos keuchenden Mann gelang es endlich, das rechte Bein über den Stamm zu schlagen. Aber wie lange vermochte er mit seinen erstarrten Gliedmaßen sich hier zu halten?

Frosteisig war ihm; nur seine Seele brannte in ihm in bitterer Reue. Wehe! Warum hatte er sein sich selbst gegebenes Wort gebrochen und den elenden Whisky getrunken? Vom Leben, von seiner lieben Mutter nahm er unter Tränen Abschied und flehte brünstig: »Mein Gott, verschone meiner und gib mir aus Gnaden die ewige Seligkeit! Wenn es aber dein Wille ist, errette mich vom Tode! Es soll kein Tropfen von dem bösen Gift mehr, solange ich lebe, über meine Lippen kommen. Ich will treu sein, mein Herr und Gott!«

Unter dem Abhange etwas gegen die Eisgeschosse des Blizzards [später: Blizzard] geschützt, holte der Erschöpfte tief Atem und neue Kraft. Warm und mutig durchrieselte ihn ein starker Wille zum Leben. Unter ihm, zwischen den im Todeskampfe sich wälzenden, zerschmetterten Rindern drohte der Tod sicher und schauderhaft. In Gottes Namen wollte er das Wagnis versuchen [später ans Satzende gestellt], nach oben zu klettern. Unter einem Stoßgebet klomm er empor, die Hände wie Krallen in den Grund schlagend.

Es gelang in Gottes Namen. Halb bewußtlos lag er langausgestreckt [,] mit den Füßen über dem Abgrunde. Ein warmer, schnaufender Atem weckte und wärmte ihn. Die treue Susy, noch immer die Vorderfüße trotzig in den Grund gestemmt und den Kopf über die Schlucht gestreckt, als wenn sie nach ihrem abgestürzten Herrn ausspähe, wieherte leise.

Ihr rechzeitiges Bocken hatte ihn vor dem [später ergänzt: grausigen] Ende bewahrt.

Noch jetzt wäre er ohne das Pferd verloren gewesen; denn er hätte im blendenden Schneesturm die Farm nicht gefunden.

Amatus kroch steif und mühsam in den Sattel und schrie dreimal in kurzen Zwischenräumen: »Onkel Tycho!« – Kein Laut, nur das Prasseln und Sausen des Blizzards! In dem Umkreis von wenig Schritten, den er übersehen konnte, kein Horn, kein Rind noch Roß noch lebendes Wesen! »Onkel Tycho!« Der Sturm verschlang die Stimme.

Der Reiter lag vornüber auf dem Sattel und überließ sich der Stute, deren kluger Instinkt [später ergänzt: den] Weg wußte, und die im sausenden Galopp der Farm und dem warmen Stalle zustrebte.

Halb bewußtlos taumelte er über den Hof nach dem Blockhaus, dessen Licht ihn leitete. Hier sank er vor dem heißen Ofen nieder und erholte sich bald. Qualmiger, harziger Rauch erfüllte das Zimmer – sein Weihnachtsbäumchen, von den niedergebrannten Lichtern schwelende Glut geworden, rauchte noch.

Das war die stille, heilige Nacht auf Erden! Hier auf der Prärie des Wetters wilder Wahnsinn entfesselt und alle furchtbaren Furienmächte der Wolken und Winde losgelassen in der heiligen, geweihten Gottesnacht. O, welch ein Weihnachten!

Als wieder das Blut durch die steifen, erstarrten Arme und Beine kreiste, raffte Amatus sich auf und rief durch das Haus und über den Hof den Namen des Oheims, den Namen des Negers. Keine Menschenstimme gab Antwort. War er im Untergange allein übriggeblieben? Entweder lag der Onkel mit zerschmetterten Gliedmaßen in der Höllenschlucht oder erfroren auf der Prärie. Er mußte dem Verunglückten Hilfe bringen – aber wie? In der finstern Nacht, in dem furchtbaren Eissturm vermochte er allein nichts auszurichten. Bei andern Menschen, bei dem Nachbar Frenzen wollte er Beistand suchen.

Die müde Susy bockte nicht, sondern ließ sich willig den Zaum anlegen. Er saß im Sattel und hoffte, die nordöstliche Richtung inne halten und Frenzens Farm finden zu können.

Was war das für ein Schein, der durch die dunkle Nacht und den dichten Schneeschleier des Blizzards deutlich schimmerte? Genau in der von ihm einzuschlagenden Himmelsrichtung war das Leuchten, das immer heller lohte. Wer hatte in der Schreckensnacht ein Feuer angezündet auf der Prärie? Und warum? Sollte es ein Warnungszeichen oder ein Sammlungssignal sei? Ihm diente das gelbliche Geleucht als Wegweiser in dem wilden, weglosen Eissturm.

Susy galoppierte, den Hals lang nach unten gestreckt und vorsichtig spähend und schnobernd. Jetzt hörte der Reiter das Knistern des großen und grellen Feuers. Frenzens Farm stand in Flammen!

Er band den Mustang ans Hecktor des Hofes. Ringsum [später: Rings um] das brennende Gebäude laufend, schrie er mit lauter, gellender Stimme durch den Sturm, der ein wenig nachzulassen schien. Aber ausgestorben war die Brandstätte und keine lebende Seele außerhalb des Hauses!

Doch wenn ein Mensch noch drinnen in der Feuersbrunst wäre? Wo war die Familie Frenzen? Und der kleine vierjährige Sohn? Der konnte doch nicht auf dem Felde beim Retten der Herde helfen. Amatus hatte eine angstvolle Ahnung und folgte ihrem unmittelbaren Antriebe.

Die gierige Lohe griff bereits über das ganze Holzdach. Der Raum rechts, dessen Fenster der Sturm eingestoßen hatte, war ein Feuermeer. Trotzdem riß er die Tür auf und drang durch den qualmenden Rauch in das links liegende Zimmer. Und hier wimmerte ein schluchzendes Stimmlein: »Bertie, Bertie!«

Amatus riß den Knaben mitsamt seiner Bettdecke an sich und fand hinter dem brennenden Hause etwas Schutz gegen das Unwetter und Wärme genug. Da barsten krachend die Dachbalken.

Pferde wieherten, und Susy erwiderte den Gruß.

Frenzen samt Frau und Tochter, die ihr Vieh im Korral zusammengetrieben und den Feuerschein gesehen hatten, standen fassungslos vor der Brandstätte, und Bertie schrie verzweifelt: »Samuel, Samuel! Wo ist mein Sam?« Sie war wie sinnlos und wollte in die Glut hineinstürzen und den kleinen Bruder suchen, als Amatus hervortrat und ihr den Knaben reichte.

Lange herzte sie den Liebling, bis die Mutter ihr ihn wegnahm und fest in eine Decke hüllte.

Weinend vor Freude, sah Bertie sich um und legte in einem unmittelbaren und unbezwingbaren Gefühlsausbruch die Hände auf die Schultern des langen Deutschen und drückte einen heißen, heftigen Kuß auf seine Lippen. »Ich danke, ich danke Ihnen.«

Dem Deutschen wurde bei diesem fühlbaren Dank etwas wunderlich, ein wenig konsterniert und kopfscheu und herzbefangen zu Mute.

Aber bald erlangte er seine männliche Fassung wieder und drang darauf, daß man ihm helfe, den verunglückten Oheim zu suchen.

Bertie erklärte sich bereit. Aber Frenzen [später: Frenzen jedoch] fragte, ob man den Verstand verloren habe, und erklärte unter kläglichem Gejammer, daß es platt unmöglich sei, vor Tagesanbruch irgend etwas zu tun. Das wolle er mit heiligen Eiden beschwören. Man verliere nur sein Leben und rette doch nichts. Er kenne die Örtlichkeit genau und die verdammte Höllenschlucht, in die man nur mit Hilfe eines Seiles bei Tage heruntergelangen könne. Bei Nacht und bei diesem Blizzard, welcher der böseste sei, den er in Kansas erlebt habe, sei es völlig unmöglich.

Der Unmöglichkeit gegenüber ist des Menschen Wille machtlos. Allein konnte Amatus nichts ausrichten und nur nutzlos sein Leben opfern. Leise flüsternd bot Bertie ihm an, mitzureiten. Aber das Opfer durfte er nicht annehmen. Aller Wahrscheinlichkeit nach weilte auch der Oheim [später ergänzt: längst] nicht mehr unter den Lebenden.

Die Familie Frenzen stieg zu Pferde und ritt mit nach der Jönkerschen Farm, um dort ein vorläufiges Obdach zu haben.

»Siehe da!« Amatus mußte lächeln. Da stand Tom Lincoln, wie vom Himmel gefallen, im Blockhaus, hatte frisches Holz in den Ofen gelegt und wärmte sich den zitternden Körper. »Wo bist du gewesen?«

»Ich bin nicht gedungen, für sechzehn Dollars [später: Dollar] monatlich mein Leben zu verlieren, und habe mich im Heu verkrochen. Aber jetzt will ich flink den Topf auf den Herd setzen und Kaffee kochen.« Der Neger zeigte die Zähne und wisperte: »I bet, the old man is done! Ich wette, [später ergänzt: so Gott will,] mit dem alten Manne ist es aus … so Gott will, sind Sie jetzt Herr auf der Farm …«

»Tom, halte deinen unchristlichen und gottlosen Mund!«

Frenzen sagte in sehr bedauerlichem Ton und die Augen traurig verdrehend: »Das meiste von Ihrem Vieh ist wohl draufgegangen.«

»Wahrscheinlich hat mein Onkel wenig gerettet.«

»O, der Verlust in einer Nacht, der furchtbare Verlust auch für mich! Mein Haus und mein Habe ist verbrannt. Freilich habe ich ziemlich gut versichert, und die Polize liegt sicher aufbewahrt in der Bank in Bellavista. Verloren hab [später: hab'] ich [später ergänzt: trotzdem] viel … aber von meinem Vieh wird sich kaum mehr als ein Dutzend verstreut haben … das danke ich der Bertie … die Dirne reitet wie der Teufel.« Über das unglückliche Gesicht des Farmers glitt ein heller uns schlauer Trostschimmer.

Der heiße Kaffee erfrischte die Ermüdeten, die des Morgens harrten und an Schlaf nicht dachten. Oft und unruhig trat Amatus aus der Tür. Der Neger schnarchte am Ofen, und Samuel schlummerte in dem großen Bett.

Bertie, die den Stößen des Windes lauschte, lief hinaus und lugte zum Himmel empor. Ein gräulicher Morgenschein lichtete die Stockfinsternis. Statt der Eisstücke flogen feine, frostige Schneeflocken. Der brausende und erstarrende Blizzard legte sich zum gewöhnlichen, wehenden Schneesturm.

Das junge Mädchen rief die Männer ans Werk: »Hallo! Schon hellt es sich … wir müssen reiten und Jönker suchen.«

Amatus sagte, daß das Männersache sei und sie im Hause bleiben müsse.

Bertie stand vor ihm und blickte in seine Augen hinein. »Dennoch gehe ich mit Ihnen. So besorgt Sie um mich sind, so viel Sorge trage ich um Sie.«

Sie nahmen eine Leiter, Seile und Geräte mit und zogen zu vieren nach der Schlucht. Tom verschwor sich: »I will do my duty as a man.« Wie ein Mann werde er seine Pflicht tun.

Neben dem Deutschen ritt Bertie durch den Schnee. In ihrem Herzen klang tief und selig das Lenzlied: He loves me, er liebt mich.

Der Tag war angebrochen. Vier Gesichter beugten sich über die Höllenschlucht. Der Blick erstarrte, und das Blut stockte bei dem schauerlichen Anblick, der sich ihnen dort unten darbot. Mehrere hundert Stück Vieh, stöhnend, geifernd, mit zerbrochenen Beinen, mit den Hörnern um sich schlagend oder halbtot zuckend lagen über und durch einander in einem Grausen und Ekel erregenden Knäuel. Aber kein menschlicher Körper war zu erblicken. Lag Tycho unter den Tierbeinen begraben?

Frenzen und der Neger hielten das um ein Eichengestrüpp geschlungene Seil. Amatus kletterte hinunter und spähte um sich. Den Revolver ziehend, schoß er die nächsten, noch lebenden Rinder durch den Kopf und blickte nach oben.

Behende rutsche Bertie an dem Seile herab. Mit dem Revolver ihres Vaters in der sicheren Hand half sie ihm mitleidig, die Qual der verreckenden Tiere schnell zu enden. Über die noch zuckenden Leiber schreitend, traf sie geschickt mit der gut gezielten Kugel das wild rollende Auge, so daß in derselben Sekunde kein Glied mehr sich regte.

Weiter kletterte sie, und er ihr nach, schießend und durch den Pulverrauch suchend. Bewundern mußte er das männlich mutige Mädchen, das, ohne mit der Wimper zu zucken, bei dem mörderischen Mitleidswerk ihm half. Aber er erschrak auch vor dem Starken und Unweiblichen in ihrem Wesen und fühlte in diesem Augenblick einen innerlichen Stoß, der ihn von ihr zurückstieß.

Bertie sah einen Stiefel hervorragen und rief: »Hier liegt er!« Ein verendeter Stier, dem die Zunge aus dem geifernden Maule hing, lag auf dem Zerquetschten. Tom mußte herunter und Hilfe leisten, ehe es gelang, den mächtigen Tierleib fortzuwälzen und den zerschmetterten Körper zu befreien. Tycho war sogleich getötet worden und hatte nicht viel gelitten.

Dumpfe Schüsse endeten die Qual der seufzenden und elend umgekommenen Kreatur. In der Höllenschlucht regte sich nichts Lebendes mehr. Die Reiter ritten heim, und der Tote lag auf der Leiter, die zwischen zwei Sattelknöpfen festgebunden war.

Nach Wochen stieg von der Höllenschlucht ein pestilenzialischer Geruch auf, so daß kein Mensch auf Schußweite sich nähern konnte. Nun liegen dort bleichende Gebeine, und die Schlucht ist als Spukort verschrieen im Country. – –

Tycho Junker war auf dem kahlen Prärie-Friedhof hinter Bellavista beigesetzt worden, und der Presbyterianer-Prediger, der für die Leichenrede fünf Dollars [später: Dollar] bekam – für welche er seinen Kindern die neuen, höchst nötigen Schuhe kaufte –, hatte den Toten über seinem Grabe als einen guten Bürger, Menschen und Christen gerühmt. Der Beweis des Christentums war seine große Nächstenliebe für den Neffen.

Ja, er hatte seine Liebe durch die Tat und das Testament bewiesen.

Amatus war Erbe und Besitzer der Farm. Vierhundert Haupt Rindvieh waren ihm immerhin noch geblieben. Und die riesige Landfläche! Oft ritt er, ohne bestimmtes Ziel, nur zur fröhlichen Besichtigung, mit dem stolzen Blick und dem ganzen Behagen des Bauers über seinen eignen, weit ausgedehnten Grund und Boden. In der Bellavistaer Gegend galt er für einen wohlhabenden Mann, und die Krämer und Banken boten ihm unbeschränkten Kredit an.

Die wunderbare Wendung, die sein Schicksal genommen, war gleichzeitig mit einer Geldsendung nach Norderhafen gemeldet worden.

Seine liebe, alte Mutter schrieb einen Brief, der voll Lob und Freude, aber auch in und zwischen den Zeilen voll schmerzhafter Sehnsucht war. Jetzt sei er schon mehr als vier Jahre fort von ihrem Herzen, das nach ihm kranke; auch habe er beim Scheiden ihr versprochen, bald einmal die Heimat zu besuchen, und nun besäße er doch die Mittel, um sein Versprechen einzulösen. »Mein Amatus, ich muß dich sehen vor dem Sterben, um meine Augen in Frieden schließen zu können.« Das war der Schluß ihres Briefes, [später entfallen: und] aus den stummen Schriftzügen der Mutter klang wie ein Schrei der Sehnsucht ihm entgegen.

Für eine mehrmonatliche Reise konnte er seine Farm nicht verlassen und fremder Obhut anvertrauen. Darum müsse er wohl trachten, sie gut zu verkaufen, obwohl er an der weiten Landfläche seine Lust hatte. So schwankte sein Sinn und konnte sich nicht entschließen. Aber als gesetzter und gereifter Mann wollte er nichts übereilen und auf jeden Fall mit Vorsicht und nach reiflicher Überlegung handeln.

Bis das Haus wieder aufgebaut war, blieb die Familie Frenzen auf seiner Farm. Aber der Winter und der Bau hatten gute Weile; der letztere, aus Feldsteinen dauerhaft ausgeführt, wurde vielleicht geflissentlich in die Länge gezogen, denn alle Frenzens fühlten sich ungemein wohl und heimisch in ihrem vorläufigen Heim, obgleich die sechs Personen wie die Passagiere eines überfüllten Zwischendecks verstaut waren.

Der Neger redete nicht mehr von seinem Übertritt zum Judentum und hatte sein Amt als Koch weißeren, zarteren und geschickteren Händen übergeben. Bertie wirtschaftete wie eine tüchtige Hausfrau, hielt das Haus sauber und kochte schmackhaft. Statt des ewig Schweinernen gab es jetzt vielerlei amerikanische Gerichte mit Gelees und Süßigkeiten. Das bekam dem langen und eßfrohen Leibe des Deutschen sehr gut und erfüllte seine Seele mit dem satten Behagen einer angenehmen Häuslichkeit.

Doch kein Erdenglück ist ungetrübt. Andres weckte sein Mißbehagen in recht hohem Maße. Daß sie, ohne ihn zu fragen, nach Gutdünken in seinem Hause schaltete, daß sie ihm befahl, sich die Füße zu reinigen, und die kleine Nase rümpfte, wenn er in seinem Zimmer dicke Rauchwolken von sich blies – das duldete er als ein amerikanischen Frauenvorrecht. Aber als Bertie ohne sein Wissen in Bellavista für sein Haus einen Teppich, einen teuren Schaukelstuhl und andren Komfort kaufte und dreist lächelnd ihm die unbezahlte Rechnung präsentierte, war seine Geduld am Ausgehen, und er biß sich die Lippen, um ein grobes Wort zu unterdrücken.

Der Neger blies lustig die Backen auf und sagte leise zu seinem nunmehrigen Herrn: »I guess, ich denke!«

»Was denkst du?«

»Ich denke, Mister Jönker, daß Sie, so Gott will, sehr bald auf der Jönkerschen Farm nichts mehr zu sagen haben.«

Die Gedanken des Schwarzen mehrten seine ärgerliche Ungeduld. Fräulein Bertie geberdete [später: gebärdete] sich auf seiner rechtlich und redlich ererbten Farm als Herrin fast – so Gott will, sollte es nicht dahin kommen und wollte er der Herr bleiben. Das gelobte er sich in seinem Mißmut über ihre eigenmächtigen Einkäufe. Nichtsdestoweniger bezahlte er ohne Murren die unbezahlten Rechnungen.

Ein leckeres Lieblingsgericht versöhnte ihn ganz. Einmal im Zwielicht ruhte sein Auge mit großem Wohlbehagen auf der flinken Hausmutter, die mit feinen und doch festen Händen rasch und rastlos zufaßte. Ihre frische, voll gereifte Gestalt schwebte an ihm vorüber und streifte ihn mit dem Gewande. Eine Augen- und Sinnenlust wandelte ihn an, sie in seine Arme zu nehmen, und er dachte an den Kuß, den sie in jener Schreckensnacht auf seine Lippen gedrückt.

Zum Glück war der Knabe gegenwärtig und kletterte in diesem verhängnisvollen Moment auf Amatus' Knie, um zu reiten. Samuel plapperte, natürlich englisch, wie immer: »You! Are you going to be my brother – in – law?« – Willst du mein Schwager werden?

»Wer – sagt – das – ?«

»Pa – .« Bertie riß das vorlaute enfant terrible an sich und hielt ihm den Mund zu. Aber ihr Auge senkte sich nicht in Scham, sondern richtete sich furchtlos und wie fragend auf den großen brother-in-law des kleinen Bruders.

Der kecke, kokette Blick gefiel dem Deutschen gar nicht [später: durchaus nicht; an das Satzende gestellt], der in blöder Benautheit schwieg und dicke Rauchwolken qualmte. –

Der heurige Winter hielt ungewöhnlich lange an mit rauhen Winden und harten Nachtfrösten. Sonst war um diese Zeit die Prärie hellgrün, und der Farmer pflegte anfangs März seinen Hafer zu säen. Infolgedessen gingen die Heuvorräte auf die Neige, [später entfallen: und] das arme Vieh mußte die trocknen Grasbüschel nagen und grimmigen Hunger leiden. Amatus Junker fuhr sein letztes Fuder hinaus und füllte die langen Raufen der Hürde.

Die erste, schwere Bauernsorge lastete auf seinem Gemüt. Woher Futter nehmen, um 420 gierige Mäuler zu füllen? Es würde noch Wochen währen, ehe frisches Gras da wäre. In seiner Not fragte er Frenzen, der in gleicher Lage war und die Achseln zuckte: »Wir müssen sterben lassen, was nicht leben will … die alten, schwachen Kühe gehen drauf und krepieren, aber sie sind auch zum Glück nicht viel wert.«

So machten es die Farmer alle mit einem gewissen phlegmatischen Gleichmut und ließen verhungern, was gegen Winternot und Nahrungsmangel nicht Widerstandskraft besaß.

Amatus ritt einmal übers Feld und sah empört ein grausig-grausames, ins Herz ihm schneidendes Bild. Mehr als ein Dutzend alte, ausgemergelte Kühe eines Nachbars lagen in einer Schlucht, kraftlos und unfähig sich aufzurichten. Tief ausgehöhlte, gequälte, flehende Augen der vor Hunger verreckenden Kreatur sahen ihn an. Drei eben geborene Kälber standen neben den sterbenden Müttern und blökten kläglich.

Weh tat ihm das entsetzliche Seufzen der hilflosen Kreatur, und sein Herz krampfte sich vor Mitleid. Welche Schmach, welche Sünde des Menschen!

Der edle Tierschutzverein in Kansas City kam nicht hier heraus auf die Prärie, um diese scheußliche, langsam marternde Tierquälerei zu sehen und zur Anzeige zu bringen. Was es auch koste, er wollte der Unmenschlichkeit sich nicht schuldig machen, sondern sein Vieh vor dem Hungertode schützen.

Aber wo Futter kaufen, da meilenweit und -breit der letzte Halm verfüttert war? Jeden Frühmorgen spähte er angstvoll nach dem Tümpel, sah die in der Nacht gefrorene Eiskruste und bat: »Barmherziger Herrgott, laß um der elenden, geplagten Geschöpfe willen Frühling werden im Lande!«

Seine große, halbwilde Herde wurde zahm und wich nicht vom Hofe.

Er durfte es keinen Tag länger ansehen und erklärte Frenzen, daß er in Kansas City Heu und Stroh einkaufen wolle.

Der beschwor ihn, zuerst unter Fluchen, dann unter Anrufung des Namens Gottes: »Heiliger Gott! Sind Sie bei Trost? Was schadet's, wenn einige alte, abgelebte Tiere eingehen … und wenn es hundert wären, würde es höchstens tausend Dollars [später: Dollar] machen. Never mind!«

Amatus schüttelte den Kopf. »Ich reise noch heute.«

Frenzen beschwor ihn unter Schluchzen. »Mein teurer, junger Freund! Die Ochsen und Färsen werden sich durchbeißen und das Leben fristen. Für Futtervorräte werden jetzt in Kansas City undenkbare Preise gefordert. Sie dürfen sich nicht ruinieren, ich darf es nicht dulden, daß mein Freund aus Dummheit und Humanitätsdusel finanziellen Selbstmord begeht.«

Junker ließ sich in seinem Entschluß nicht erschüttern und reiste an demselben Tage nach Kansas City ab. Geschwind hatten die Händler mit Heu und Stroh, um die Notlage der Bauern auszunutzen, einen Ring geschlossen, den sie, gleichwie eine Erdrosselungsschlinge, dem sich krümmenden Farmer um den Hals warfen. Entweder – oder!

Auch unserm Amatus ging der Atem aus, als er den geforderten, wahnsinnig klingenden Preis hörte. Stroh dreißig Dollars pro Ton [so in beiden Versionen; d. Hg.] und Heu vierzig! Der Deutsche rechnete in deutschem Gelde: Hundertzwanzig Mark für zweitausend Pfund Stroh! Und entsetzte sich noch mehr. Aber die Händler mochten und konnten es tun.

Junker kaufte, damit sein Vieh nicht Hungers sterbe, für diesen unerhörten Preis Heu und Stroh in gepreßten Ballen. Um die sehr große Summe – auch für Fracht, denn die Eisenbahngesellschaft hatte schleunigst, um ihr Schäfchen zu scheren, die Frachtsätze für Futtervorräte verdoppelt – um die Summe zu bezahlen, mußte er einen Schuldbrief auf seine Farm aufnehmen, nach einer Woche einen zweiten und dann noch einen dritten und letzten.

Im Handumdrehen hatte der glückliche Besitzer der großen Farm 16 000 Mark Hypotheken. Doch kein Kälbchen und keine Kuh seiner Herde war vor Hunger gestorben.

Gegen Ende März wurde der Winter vertrieben – aber nicht, wie man meinen könnte, vom milden und linden Lenz – nein, mit einem Male und ohne Übergang wurde warmer, heißer Sommer. Wie die Leute des Landes nur aufs Sparen bedacht waren, so sparte sich die Natur des Landes eine volle Jahreszeit. In zwei [später anders: vier] Tagen war die Prärie saftig grün und alle Not der noch lebenden Kreatur zu Ende.

Die Farmer suchten durch Aufzucht den Verlust wett zu machen und fügten sich in das Unabänderliche. Aber der böse Blizzard und die Heueinkäufe und die Hypothekenschulden hatten dem Agrarier Amatus die Lust am amerikanischen Bauerntum verleidet. Er schwankte nicht mehr, sondern wollte verkaufen.

Der Frenzensche Neubau war vollendet. Stichhaltige Gründe ließen sich nicht finden, um den Umzug länger hinauszuschieben. Also mußte geschieden sein.

Am letzten Abend blieben die Eltern drüben in ihrem Hause mit Einräumen beschäftigt und behielten den allzu redseligen Knaben Samuel bei sich [später ans Satzende gestellt], der allerdings nichts mehr sagte, sondern im Schaukelstuhl schläferte.

Amatus und Bertie, die ihr Supper verzehrt hatten, waren allein. Auf der Küchenbank schnarchte der Neger. Es schlug acht Uhr und war völlig dunkel. Er rieb ein Streichholz, und sie hauchte: »Wie schön und traulich ist das schummernde Zwielicht!« Aber er zündete dennoch die Lampe an, und sie waren allein.

Nach einer langen, verlegenen Weile nahm er [später: Amatus] eins seiner Bücher vom Schranke herunter. Mit feucht schimmernden, schmachtenden Augen sah sie zu ihm auf. »Sie … Sie wollen lesen und nicht mit mir reden.«

»Ja, was soll ich reden?«

»Ge–gefalle ich Ihnen so wenig?«

»O, o ja–a–a …« Der Deutsche, der rot wie ein Backfisch wurde, war zu blöde.

Darum steckte sie wie ein Kind den Finger in den Mund, schlug die dunklen, schmachtenden Augen voll zu ihm empor und lispelte: »Mister Amatus, Sie ge–gefallen mir …«

Das dreiste, unkindliche Wort warf ihn aus allen seinen Einbildungen und Träumen. Das amerikanische, undeutsche, unweibliche Wesen des Mädchens versetzte ihm einen Stoß, so daß zwischen ihr und ihm ein breiter, unüberschreitbarer Raum wurde.

Ohne zu antworten, stand er hastig und unhöflich auf und nahm sein Schreibzeug, um seiner Mutter zu schreiben. Unwillkürlich mußte er denken: Würde Silly, würde Klarissa so gehandelt und so gesprochen haben? Nein, nie und nimmer! Und seine Gedanken blieben bei Klarissa hängen, so daß er im Briefe nach Fräulein Reders Ergehen sich erkundigte. Der Mutter teilte er seinen endgültigen Entschluß mit, die Farm zu verkaufen und nach der Heimat zu gehen, um bei ihr und Friedline zu bleiben.

Bertie Frenzen argwöhnte, daß er drüben in Deutschland eine betagte Braut zurückgelassen habe. Über den Tisch lugend, suchte sie die Überschrift des Briefes zu entziffern. Aber es gelang ihr nicht, denn die Amerikanerin hatte nicht genug gelernt, um über Kopf deutsche Schrift lesen zu können. – – –

In Ermangelung der Glocken rief das unmelodische Gebelle eines Gong [so in beiden Versionen; d. Hg.] die deutsche Gemeinde zusammen. Die Kirche, die vier Jahre verschlossen gewesen, stand weit offen.

Ein armes deutsches Kandidatlein, das ein unvorteilhaftes Äußere [so in beiden Versionen; d. Hg.] besaß und sonst nicht verbrochen hatte, war nach Amerika verschlagen worden und hatte sich nach Bellavista verirrt. Der schüchterne Mann, dessen Kopf die Kanzel eben überragte, hielt seine Probepredigt, eine sehr leise und demütige Predigt. Trotzdem war die verwaiste Gemeinde gewillt, ihn zu wählen und ihm ein Gehalt von zweihundert Dollars zu gewähren. Der Kandidat, der keine Subsistenzmittel mehr besaß, hätte für jeden Lohn sich dingen lassen und dem Herrn gedient.

Aber Junker, der jetzt im Kirchenvorstand Wort und Stimme hatte, gedachte seiner eigenen Kandidatenschaft und trat für den Kollegen in die Schranken. Schließlich, nachdem die Ältesten im Grandhotel zwei volle Stunden um den großen Spucknapf herum getagt hatten, setzte er es, nicht ohne ein persönliches und beträchtliches Opfer, durch, daß ein Gehalt von dreihundert Dollars bewilligt wurde.

Amatus hauste allein mit dem Neger in seinem Blockhause, das so kahl und ungemütlich ihm dünkte. Dagegen war das Dachstübchen des Pappeltals wie ein trauliches Paradies, und nur wo Frauenhände walteten, war wirkliches Behagen. In den stillen Abendstunden sah er die Stube mit den duftenden Blumen im Fenster und hell durchsonnt von den leuchtenden Strahlen. Ob die Mutter noch immer nähte trotz seiner Verbote? Er sah die Weißhaarige am Fenster, wie sie leibte und lebte, und drüben die blanke Föhrde. Lebendig vor seinem Geiste stand das liebliche Städtchen, rund um die turmlose Marienkirche gelagert, als wenn er auf der Höhe hinter Norderhafen Auslug halte. Obgleich seine Lippen traumhaft lächelten, strich ein leise ziehender, schneidender Schmerz über die Saiten seiner Seele, als ob er weinen möchte, weinen müßte. Es war das Heimatweh und die brennende Sehnsucht nach der Mutter und nach Friedline.

Deshalb suchte er den Verkauf zu beschleunigen und nahm einen Makler als Vermittler. Das wurde in Bellavista ruchbar, und in der Kansasthee-Schenke [später: Kansastee-Schenke] besprach man, daß Jönker verkaufen wolle.

Frenzen eilte nach Hause und meldete erschrocken, was er gehört. Der sonst zungenschnellen Frau [später ergänzt: Frenzen] wurde die Rede völlig verschlagen. Samuel, der kleine brother-in-law, begriff nur, daß es etwas Trauriges sei, welches die ganze Familie betreffe, und begann zu heulen.

»Der brüllt … und die Dirn wird ganz wunderlich«, brummte der Vater. Ja, Bertie lag auf der Tischplatte, um den Weinkrampf zu verbergen, den sie bekommen.

So ging das nicht. Nach einer kurzen Unterredung mit der Mutter steckte Frenzen sich die Pfeife an und schlenderte zum Nachbar hinüber. Auf dem Wege ließ er die Nase hängen, wie er beim schlauen Sinnieren tat.

Junker hatte die Kälber getränkt und setzte die Eimer hin. Vom Wetter, vom Graswuchs, von den Viehpreisen schwatzte der Besucher ein Langes und Breites; der andre warf ein Kurzes und Schmales dazwischen.

»He, Sie interessieren sich wohl nicht mehr dafür … wollen uns verlassen, wie man hört. Der Blizzard soll Sie nicht bange machen … und hat Ihnen – hum – doch dies alles eingebracht. Aber, ich bitte Sie bei allem, was Ihnen lieb und heilig ist, Sie dürfen die schöne Farm nicht verschleudern, nicht unter 25 000 Dollars verkaufen … geben Sie mir die Hand darauf, mein Freund!«

»Ich tue es viel billiger.« Amatus ließ die Hände schlaff hängen.

Frenzen paffte und plierte verschmitzt mit den Augen. »Sie müßten nur heiraten und ein Heim haben.«

»Zum Heiraten gehören zwei …«

Frenzen paffte ein paarmal und wurde verständlicher.

»Eine zweite ließe sich finden, [später ergänzt: eine,] die ihre 640 Äcker mitbrächte … hum, was denken Sie?«

»Ich denke gar nichts.« Amatus nahm die Eimer in die Hände.

Berties Vater paffte dreimal und wurde unverblümt. »Meine Tochter ist ein braves Kind … sie und uns alle wird es sehr kränken, wenn Sie uns verlassen.«

Junker dachte jetzo [später: jetzt] viel und sagte nichts und storchte mit seinen Eimern über den Hof. Der Freiwerber folgte ihm nicht, sondern paffte und paffte groß- und glotzäugig. Endlich schob er sich langsam von hinnen mit einem langen, englischen Fluch. »Goddam greenhorn!« Verfluchtes Grünhorn!

Und wer war der Grüne?

Bertie weinte nicht mehr, sondern jagte auf ihrem Rappen wie toll über Stock und Stein, über Holzzäune und Stacheldrahtfenzen, um das verliebte Blut auszutoben und sich Herzensruhe zu erreiten. –

Die gütige Vorsehung führte einen guten und zahlungsfähigen Käufer nach Bellavista. Obgleich die Hälfte der Herde in der Höllenschlucht lag, erzielte Amatus beim Verkaufe nach Abzug der Schulden und Unkosten einen Überschuß von 40 000 Mark. Mit einem solchen Vermögen konnte er auch in der deutschen Heimat auf eigner Scholle sein Korn und seinen Kohl bauen und ein freier Bauer sein.

Im Handel war alles tote und lebende Inventar mit eingeschlossen; nur das Pferd Susy behielt sich der Verkäufer vor.

Tom der Neger erklärte feierlich, daß er nicht zum lebenden Inventar gehöre, und bat seinen Herrn, für ihn die Fahrt bis nach Hamburg zu bezahlen, damit er in seinen alten Tagen ein bequemes Leben haben könne; er gedenke nämlich, so Gott will, als wilder Mann auf den Jahrmärkten Deutschlands sich sehen zu lassen. Statt diese Bitte zu gewähren, gab Junker ihm einen Dreimonatslohn. Für das Geld nahm Tom ein billiges Logis bei einem schwarzen Heilsarmee-Bruder, tat zehn Wochen lang nichts, sondern lag faulenzend in der Sonne, kaute Tabak und sang geistliche Lieder. Als er sein Vermögen verzehrt, warf sein Heilsarmee-Bruder ihn auf die Straße und Tom, der die Rolle des reichen Mannes ausgespielt hatte, ging gelassen hin und verdang sich dem neuen Besitzer der Jönkerschen Farm.

Amatus mußte seinen ursprünglichen Gedanken, Susy mit nach Deutschland zu nehmen, als unausführbar aufgeben. Schweren Herzens trennte er sich von dem Pferd und sann [später ergänzt: hin und her], wie er es in gute und tierliebe Hände gäbe.

Zum letzten Male ritt Amatus nach Bellavista und schenkte die treue Stute dem neuen Pastor, bei dem sie bis in ihr Alter die beste Pflege haben werde.

Bis heute trägt Susy den menschenfreundlichen Mann zu den Kranken und Trostbedürftigen der weit verstreuten Gemeinde.

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