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Der Muttersohn - Band II

Johannes Dose: Der Muttersohn - Band II - Kapitel 7
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typefiction
authorJohannes Dose
titleDer Muttersohn ? Band II
publisherM.-G.-Schmitz-Verlag / Nordstrand
editor
year2010
isbn9783938098547
firstpub2010
correctorreuters@abc.de
senderM.-G.-Schmitz-Verlag / Nordstrand
created20100813
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Dritter Abschnitt: Kleopatra

[später: Weihnachten auf der Prärie].

Dick und träge zogen die Novembernebel und blieben wie festgeballter Rauch auf den Wiesen stehen und auf dem Wasser der Föhrde. Draußen war kalte, klamme Nebelnässe, und drinnen in der Stube knisterte behaglich der Ofen.

»Bis heute nachmittag dürfen wir nicht mehr einlegen, Friedlinchen … wir müssen's so einteilen, daß die eingekaufte Feuerung ausreicht.« Frau Monika schien von ihrem Seligen den Sparsinn als einzige Hinterlassenschaft geerbt zu haben.

Auf der Straße klangen kräftige Beilhiebe, und dann zwei Sekunden lang ein dumpfschwerer Fall, von einem krachenden Bersten begleitet, worauf es wieder stille wurde. Frau Junker ließ den weißgelben Randerschen Handschuh [Erg. d. Hg.: dänische Handschuhe, wie sie vor allem im Raum Randers hergestellt wurden] in den Schoß sinken und sah hinaus. Die große Pappel lag quer über dem Fahrdamm. Alle, alle Pappeln, weil sie altersschwach und morsch geworden, sollten ihr Leben lassen – so hatten die hochweisen Stadtväter beschlossen, und das Pappeltal würde fortan seinen Namen mit Unrecht führen. Obwohl die etwas langweiligen Pappeln sonst nicht ihre Lieblingsbäume waren, sondern vielmehr die lustigen Linden, schnitt ihr der Anblick der toten Baumriesen doch in die Seele. Die ruhlosen Pappelblätter dort draußen hatten in vielen guten und bösen Tagen ihr einförmiges Lied gesäuselt.

Monika seufzte. »Ach, nun hauen sie uns alle Bäume fort. So fallen wir Menschen auch, wenn der Tod seine Sichel an uns legt … o, wie wird mir plötzlich!«

Die Blutwelle schoß ihr durch die Brust und bis in die Schläfen. Während der Herzaffektion schloß sie die Augen und atmete tief.

Friedlinchen hatte die Mutter umschlungen und den Kopf auf die weißen Haare gelegt. »Mutti, du arbeitest viel zu viel und mußt abends früher aufhören.«

»Mein Kind … es ist nicht die Arbeit … damals in Hamburg begann mein Sterben … und das schreitet nun langsam fort, wie die schneidende Säge, bis ich plötzlich falle.«

Die Blinde drückte einen Kuß auf die Haare. »Mütterchen, du darfst nicht sterben, nicht vor mir sterben. Wie könnte ich hier im Hause, hier auf der Erde allein und ohne dich sein?«

»Das ist meine Angst, daß du allein zurückbleibst …«

»Mutter, ich bleibe nicht zurück, ich weiß, daß ich vorangehe und ein warmes, stilles Stübchen dir bereite, wo du nicht mehr Handschuhe zu nähen und dir die Augen aus dem Kopf zu sehen brauchst, wo du immer ruhen kannst und von Amatus reden … ich bleibe nicht zurück, ich gehe voran.«

»Woher … weißt du das?«

»Oft fühle ich mich [später ergänzt: so] schwach, wenn ich die Diele aufwische und mich bücke … meiner Brust fehlt etwas, hier oben links sticht es bisweilen … Mutter, ich sterbe vor dir.« Mit einem froh leuchtenden Antlitz sprach die Blinde diese Worte.

Friedlinchens Brustschwäche machte Monika [später ergänzt: viel] Sorge.

»Weißt du, was heute für ein Tag ist, Friedlinchen?«

»Ja, der Tag, an dem Amatus vor drei Jahren nach Amerika ging … ich habe jedes Datum behalten … als er das Amtsexamen machte, das war der zweite Oktober, der große Freudentag … am achtzehnten predigte er in St. Marien … und als er aus Alstrup kam, schrieben wir den dreizehnten September, den bösen dreizehnten …«

»Drei Jahre, drei volle Jahre! Ob ich ihn wiedersehen werde, ehe …?«

Friedline richtete die klaren, sehlosen Augen empor und sagte mit einer eindringlichen Stimme, die prophetisch war und erschütternd wirkte: »Mutter, ich [später entfallen: habe gebetet und] weiß von Gott, daß du und ich ihn wiedersehen werden … ich weiß es von Gott.«

Von diesem gewissen Kindesglauben ging eine Kraft auf Monika über, [später ergänzt: so] daß ihre Hoffnung erstarkte.

Der Postbote brachte zwei Briefe auf einmal [später anders: einen Brief]. Ernas Mann, Karl Quistrup, der nach Kiel versetzt und noch immer Aktuar war, schieb, daß der sechste Sprößling glatt und glücklich angelangt sei. Wie er heißen solle? Man sei etwas verlegen, weil man alle männlichen Namen der näheren Verwandtschaft schon verwendet habe. Ob Monikus beanstandet werden würde?

Quistrups Eheglück war nicht ohne Galgenhumor.

[Später entfallen: Das andere elegante Brieflein hatte Silly geschrieben, welche Tante und Kousine einlud, das Weihnachtsfest in Breitenföhrde zu feiern. Und die Herzensgute hatte in den Brief einen Zwanzigmarkschein hineingefaltet, ohne in ihrem Taktgefühl ein Wort davon zu erwähnen.

Das war für die Reisekosten, und die Einladung wurde mit Dank angenommen. –

Friedline tat einen Monat lang mit still jubelndem Herzen ihr Hauswerk. Wenn das Husten sie anwandelte, unterdrückte sie es tapfer, damit der kalten Fahrt wegen keine Besorgnisse entstünden. Wenig Freuden bot ihr das Leben, aber die winzigsten wurden ihr zu großen.

Nicht die Größe der Freude – trete sie nun in Gestalt eines Geschenks oder Glücksfalls, einer Erholung oder eines Erfolges an den Menschen heran – sondern das Wie des Genießens ist allein entscheidend und erzeugt die rechte Herzfreude. Wie keiner verstand sich Friedline auf den Genuß und Vorgenuß. Das ist die Klugheit des kindlichen Gemüts, daß es die Kunst zu leben, d.h. der kleinen Freuden sich zu freuen, versteht. –

Der Bummelzug, der billig war, klapperte stundenlang über die Heide. Obgleich Friedline nichts sah und nur die Sonne fühlte, war ihr Antlitz mit einem stillen, steten Lächeln auf das Fenster gerichtet. Sie fragte: »Wie ist das Land, an dem wir vorbei sausen?«

»Flach, flach! Nur Schnee, Schnee, blendend weiß und blitzend, und die Sonne wirft ihren hellgelblichen Schein darüber. Eia, ein rechtes Weihnachtswetter!«

In Breitenföhrde bewohnte der Amtsrichter Berg eine große, vornehm ausgestattete Etage. Silly hatte dem Bruder ihr kleines mütterliches Erbteil von 6000 Mark geliehen, um die Einrichtung zu bestreiten.

Berg war auffallend dick und aufgedunsen und zündete sich eine frische Zigarre an, ein feines Kraut, von dem er seine zwanzig Stück täglich rauchte. Ohne Zigarre sah man den Amtsrichter nicht, der in der Stadt beliebt und eine Vertrauensperson war und mehreren wohlhabenden Damen das Vermögen verwaltete. Insonderheit die Witwen suchten gern Rat bei ihm. Berg war ja unvermählt und unverlobt, und die Breitenföhrdener Altjungfern und Jungwitwen waren nicht prüde genug, um an einem kleinen Klatschgerücht, das in der kleinen Klatschstadt ging, moralischen Anstoß zu nehmen..

Hm, es hieß, er solle eine Liaison und Liebschaft haben – mit einer nicht ganz einwandfreien Frau. Aber das werde natürlich aufhören, wenn er nur erst mannhaft sich entschlösse, eine wirkliche Liebesehe einzugehen.

Asmus setzte den Hut auf und sagte zu seiner Schwester: »Es ist Zeit, der Zug kommt bald. Ich will auch mitgehen und Tante am Bahnhof abholen,« Er paffte ein paar Mal. »Puh … wenn sie sich nur nicht verplappert …«

»Wer?«

»… Die Tante … und damit herausplumpst, daß ihr Mann Gerichtsdiener war … dann wären wir schön blamiert … kannst du es ihr nicht sub rosa beibringen, daß sie von ihrem Manne usw. nicht in Breitenföhrde spricht?«

»Betraue dich selber mit der diplomatischen Mission!« antwortete Silly und lachte auf. Er hatte nämlich den Überrock angezogen und mit großer Mühe zugeknöpft. »Haha, in dem Rocke siehst du aus wie …«

»Wie denn?«

»Wie eine ausgestopfte Wurst.«

Beleidigt kehrte er sich ab und beschloß, einen neuen Überzieher zu kaufen.

Auf dem Wege zum Bahnhofe bemerkte Asmus: »Ja, ich werde es ihr zu verstehen geben, daß sie von dem seligen Hans Junker den Mund hält. Tante Mona, vorausgesetzt, daß sie sich ein bißchen nett gekleidet hat, ist eine präsentable Frau, die man vorstellen kann … sie ist eben eine Berg.«

Er fixierte die Schwester mit einem boshaft malitiösen Seitenblick. »Dem Amatus soll es in Amerika ja gut gehen, pah, wer's glaubt! Den Suff hat er ja von seinem Vater; aber nach wem der Schlingel in allen andern Dingen degeneriert und entartet ist? Seine Mutter hat einen tadellosen und energischen Charakter.«

Silly schluckte eine Weile an dem Ärger, bis sie die zusammengebissenen Lippen öffnete. »Amatus trinkt nicht mehr und ist ein tüchtiger Mensch geworden … das ist so, sonst würde er es nicht schreiben, denn er lügt nicht, lügt nie.« Sie betonte stark und sah den Bruder bedeutungsvoll an. »In Amatus steckt guter Grund … ein aufrichtiges Gemüt und Herz, Herz, hat er.«

»Herz? Herz! Haha!« Asmus lachte und höhnte. »Mein liebes Herz! Alte Liebe rostet nicht.«

Sie wurde rot und blieb bis zum Bahnhof schweigsam und wie auf den Mund geschlagen.

Der Bummelzug fuhr in die Halle. Silly küßte herzlich die Verwandten und führte die blinde Base. Asmus, der Hut und Mantel der Tante mit einem kurzen Blick gemustert hatte, bot ihr kavaliermäßig den Arm.

Nachdem er eine höfliche Frage nach ihrem Befinden – aber nicht nach ihrem Auskommen – gestellt und eine freundliche Phrase, wie gut sie noch aussehe, gemacht hatte, räusperte er sich heftig, als wenn ihm etwas im Halse fest säße.

Monika äußerte, daß sie die Weihnachtserholung in Breitenföhrde recht genießen werde. »Acht volle Tage ruhen und gar nichts tun! Das Handschuhnähen, das peinlich saubere Prickeln, morgens bei Licht und abends bei Licht, greift die Nerven doch sehr an …«

Was in seinem Halse drückte, fuhr jetzt heraus. »Tante, ich bitte dich … wir haben in Breitenföhrde viele vornehme Bekannte … laß nichts davon verlauten, daß du Handschuhe nähst! Es … es gibt Leute, die sich daran stoßen … darum sagen wir auf Befragen gewöhnlich, mein verstorbener Onkel sei Gerichtsbeamter in Norderhafen gewesen, und die Neugier ist befriedigt.«

Frau Junker erwiderte nichts, aber Silly kehrte den Kopf nach hinten und sagte mit spöttisch gespitzten Lippen: »Du kennst deine Breitenföhrdener schlecht, die alles, alles wissen, wo der Amtsrichter den gestrigen Abend verbracht hat, wie viel er vorgestern im vingt et un verlor, daß sein Onkel Hans nur Gerichtsdiener gewesen … einem rechten Breitenföhrdener bleibt kein Punkt in der Gegenwart und Vergangenheit seines lieben Mitmenschen verborgen.«

Der Hieb saß. Asmus schleuderte ihr einen bösen und bissigen Blick zu.

Aber in demselben Moment wechselte sein Gesicht den Ausdruck und wurde lieblich-lächelnd. Gravitätischen, ja majestätischen Ganges bewegte sich eine auffallend gekleidete Dame die Straße herunter. Sehr stark und stattlích und sehr geschnürt war die Figur. Unter der eng anliegenden Jacke schien die fleischig üppige Körperfülle zu wogen, als wenn sie ihre Fischbeinfesseln sprengen wolle. Auch das Gesicht mit den dunklen, dreisten Augen, die unter dem Straußfederhut wie schwarze Similisteine blitzten, war zu voll und fast schwammig.

Tief zog der Amtsrichter den Hut vor ihr. Leicht den Kopf zum Gruße neigend, warf sie ihn in den Nacken zurück, ein süß kokettes und künstliches Lächeln auf den Lippen und mit den Simili-Augen zwei feurig funkelnde Pfeile schießend. Jede ihrer Bewegungen schien berechnet, und sie schritt majestätisch weiter.

Zwei junge Mädchen, die ihr begegneten, stießen sich mit den Ellbogen an, sahen nach dem Amtsrichter und kicherten laut.

Monika fragte verwundert: »Ist das eine Standesperson der Stadt? Sie hatte, wenn ich so sagen darf, so eine … eine Kleopatra-Haltung und -Attitüde.«

Silly kehrte sich und brach in ein ihr wohltuendes Gelächter aus. »Kleopatra-Haltung! Seht gut, Tante! Die Person heißt nämlich in ganz Breitenföhrde Kleopatra.«

Der Bruder machte noch bissigere Augen und brummte: »Ich verbitte es mir, daß du Damen der Stadt Spottnamen anhängst … ja, als richterlicher Beamter darf ich es nicht dulden, daß meine Schwester vor meinen Ohren Verbalinjurien begeht. Ich verbiete es dir. Weißt du nicht, was der einfache Anstand fordert? Silly, warum hast du Frau Butenblanks höflichen Gruß nicht erwidert?«

Scharf und schnippisch lautete die Antwort: »Eine solche Person kenne und grüße ich nicht.«

Asmus schwieg, aber sein grollender Blick, der gehässig über die Schwester hinglitt, sagte: Das werde ich dir gedenken. – – –

Die Handschuhnäherin und ihre Tochter wähnten ein wahres Schlaraffenleben zu führen und fragten sich manchmal, ob sie das alles nur träumten. Nein, morgens lagen sie, so lange sie mochten, im wohlig warmen Bette. Und dann das Schlemmen! Schon zum Frühstück wurde warm gegessen.

Sehr modern und dennoch antik und altdeutsch war die Wohnung. Silly hatte ihr eignes kleines Boudoir. Aber es war nicht ein mit Nippes und Nichtigkeiten überladenes Damenzimmer, sondern der einfachste Raum im ganzen Hause, in dem sie die alten Möbel vom Vater her, die aus dem Verkauf gerettet waren, die Mahagoni-Kommode, den Ohrsessel, das kattunbezogene Sofa, aufgestellt hatte.

In dem altmodischen Boudoir hielt Silly sich am liebsten auf. Die Tante saß bei ihr auf dem Kattunbezogenen.

»Hier ist doch am traulichsten, Silly, trotz des Luxus in den andern Zimmern. Was für ein Haus ihr macht! Ihr müßt ja reich sein, oder dein Bruder muß ein riesiges Gehalt haben.«

»Er hat nur reichlich 3000 Mark und von der Universität her noch Schulden.«

»Aber, wie könnt Ihr dann so leben?«

Silly ließ den Kopf auf die Brust sinken und sagte: »Eben das fasse ich auch nicht. O, Tante, nicht alles, was glänzt, ist reines und rechtes Glück.« Ihr Auge schimmerte feucht, und ihre Stimme seufzte: »Woher kommen die Mittel?« Er sagt, daß er im Klub kürzlich eine große Summe gewonnen hat … aber auch das ist schrecklich.«

»Allerdings kein ehrenvoller Erwerb, aber es wird sich so verhalten, wie Asmus behauptet.«

»Tante Mona, ich weiß es nicht, was es ist … aber ich gehe alle Tage wie unter einem geheimen Herzdruck … hier, hier, besonders des Morgens.«

»Ach, bei mir sind das die Ahnungen … aber sei ruhig, Kind, es können auch die überreizten Nerven schwarze Stimmungen erzeugen. Sei still und hoffe auf Gott!«

»Mein Bruder hat keinen Gott.«

»Er hat doch den Abgott der Ehre. Der strengen Ehrenhaftigkeit, der ihn vor allem, was ehrlos und vor Menschen makelhaft ist, bewahren wird.«

Ja, das war Sillys Hoffnung und Halt in ihren Ahnungen und Ängsten.

Schon um vier Uhr begann der graue Mittwintertag zu dämmern. Die Nichte forderte den Besuch zu einem Gange durch die Straßen auf, um die beleuchteten Weihnachtsschaufenster zu besichtigen. Ihre zweite und eigentliche Absicht verschwieg sie zunächst.

In der Marktquergasse begegneten sie einem hochgewachsenen, hageren Fräulein in höheren Semestern, welches ein unförmlich fettes, mit Schabracke und Schellenhalsband behangenes und jeden Baum beriechendes Möpslein an der Leine führte und mit einem minutenlangen, gezierten Lächeln grüßte.

Silly lächelte zurück und sagte in angemessener Entfernung: »Fräulein Weinhold, eine sehr reiche Dame und eine sehr unverhohlene Anbeterin des Amtsrichters. Die alte Jungfer würde ihn zu gerne heiraten und hat einmal in ihrer wunderlich-weinerlichen Weise zu mir gesagt: ›Fräulein Berg, Sie lieben doch Ihren Bruder … ach, wenn er nur eine gute Frau bekäme, würde er ein guter Mensch.‹ «

»Das war allerdings deutlich … und was sagtest du dazu?«

»Ich wußte nichts zu sagen … und gleich hinterdrein erzählte sie mir unter Schluchzen die greulichsten Klatschgeschichten über ihn. Fräulein Weinhold hat ihm förmlich die Verwaltung ihres Vermögens aufgedrängt. Er kauft und bewahrt die Wertpapiere für sie.«

»So? Alleinstehende Frauen haben ihm ihr Vermögen anvertraut?« fragte Monika gedehnt.

»Ja–a, e–ben.« Das klang noch viel gedehnter, wie ein unangenehmer, insgeheim lang und breit ausgesponnener Gedanke.

Die Lichter in den Schaufenstern flammten auf. Welche Pracht, die wohl Augenlust machen konnte! Friedline schaute nichts von der Herrlichkeit, aber sie sog auf dem Markte den Duft der Tannen ein und hörte das Schellengeläut der Schlitten, sie blieb lauschend und lächelnd vor einem Hause, in dem Kindlein mit feinen Stimmen das »Stille Nacht« übten, stehen.

Monikas Auge glitt ziemlich gleichgültig über die Schmuck- und Goldsachen des Juweliers, aber vor dem Fenster eines Hausstandsgeschäftes war sie wie festgewurzelt. »Ei, das ist ein schöner Petroleumkocher zu acht Mark … mein alter, den ich kaufte, als ich mit Amatus nach der Universitätsstadt zog, hat bald ausgedient … wie ich.«

Silly tat, als wenn sie nichts höre, aber merkte sich den Wunsch der Tante und ließ am nächsten Morgen den Petroleumkocher kaufen. Der eine Zweck des Weihnachtsganges war erreicht, der andre machte wenig Schwierigkeiten.

Friedline, die nicht sehen konnte, wo sie sich befand, wurde vor einem Pelzgeschäft gebeten, fünf Minuten auf der Straße zu warten.

Auf dem Flure wisperte Silly: »Pstt, ich will ihr einen Muff zu Weihnachten schenken … der alte, den sie hat, ist schon so abgetragen. Ob es ihr recht ist?«

»Unendlich wird es sie erfreuen, denn sie genießt jede Freude mehr als andre Menschen, doppelt und dreifach.«

Ein guter Muff war bald gekauft.

In Läden erwacht die liebe Augenlust der Frauen. Silly, die sich einfach, aber sorgfältig kleidete, wünschte eine nicht zu teure, für ihre Person passende Pelzgarnitur zu besehen. Der Kürschner, der ein gewisses Lächeln verkniff, legte Skunks-, Bisam- und Nerz-Kolliers vor.

Sie sah eine Steinmarder-Pelzgarnitur abseits liegen, die ihr sofort gefiel. »Wie teuer, Herr Meyer?«

»Hundertachtzig Mark!«

»O, o! Das kann ich mir nicht leisten … über achtzig Mark darf ich nicht ausgeben … ich muß wohl beim billigen Skunks bleiben.«

Der Verkäufer vermochte nicht länger das verkniffen Lächeln zu unterdrücken.

»Was lachen Sie, Herr Meier [Erg. d. Hg.: zuvor: Meyer]

»Mögen Sie die Steinmarder-Garnitur leiden?«

»Ja, sie ist ganz prächtig … aber was haben Sie doch [Erg. d. Hg.: vermutlich Druckfehler: noch ]?

»Hm, gnädiges Fräulein, verzeihen Sie, wenn ich vielleicht indiskret werde … aber, obwohl ich Geschäftsmann bin und gern verdiene, möchte ich Ihnen raten, keine Pelzgarnitur zu kaufen …«

»Warum nicht? Sind Motten darin?«

»Nein, um Gottes willen, streng reelle Ware! Aber, sehen Sie … häm, hüm … der Herr Amtsrichter hat schon die Steinmardergeschichte für Sie … entschuldigen Sie gütigst! Ich habe natürlich nichts gesagt …«

Silly verließ mit einem glücklichen Lächeln den Laden. Die rechtlich Denkende bereute, daß sie einen Schatten auf den Bruder geworfen. »Tante, Asmus ist dennoch gutmütig … wie feinsinnig er daran gedacht, daß ich Muff und Kragen notwendig gebrauche … aber so rasend teuer! Hundertachtzig Mark!«

Da rauschte Frau Butenblank vorüber, ohne zu grüßen. Doch die schwarzen Simili-Augen sahen Silly frech an und loderten förmlich.

»Wie die Person mich impertinent ansieht!«

»Warum verachtest du sie? Und was ist sie?«

»Frau Kleontine Butenblank ist Wirtin im »Goldenen Löwen«. Viele Honoratioren-Herren der Stadt nennen es ein feines Restaurant, aber die Frauen sind wohl entgegengesetzter Ansicht. Trotzdem halten die Männer ihren Klub dort ab. Frau Kleo, die im Volksmunde Kleopatra heißt, weiß sie durch ihre Koketterie zu bestricken.«

»Ihr Ruf ist kein guter? Und ihr Mann?«

»Ihr Mann, der in seiner unglücklichen Ehe sich schnell ausgelebt hat, leidet an Rückenmarkschwindsucht. Den hat sie zu seinem Bruder aufs Land gebracht und so aus dem Wege geschafft.«

»Pfui, ihren kranken Mann … die abscheuliche Person!« Monika war in heller Entrüstung.

»Ja, sie ist ein Polyp, der mit seinen Armen alles an sich zieht und dann erdrückt, ein Vampyr, der durch teuflische Sirenenkünste den Männern alle guten Regungen aus Herz und Gewissen saugt.«

»Und Asmus verkehrt in dem Wirtshaus?«

»Ja, leider, leider, täglich kommt er dort in der Klubstunde … und auch sonst.« Silly schwieg und wollte ihren guten und freigebigen Bruder nicht mit Schmutz bewerfen. –

Alles war standesgemäß und nobel. Der Tannenbaum mit seinen hundert Lichtern reichte bis zur Decke. Hinter den Zweigen stand Silly versteckt und machte sich zu schaffen und schluckte schwer an irgend etwas.

Friedlinchen tänzelte auf dem Teppiche vor Freude und streichelte das weiche Muffell, daß es knisterte. Monika stand sinnig und bedächtig und schraubte an dem Petroleumkocher, sorgfältig prüfend, ob alles in Ordnung sei. Trotz der Zimmerwärme hatte sie dabei noch immer den Mantel um, den der Neffe ihr großmütig geschenkt, damit seine Tante in Breitenföhrde sich sehen lassen könne.

Silly blieb mit länglichem Gesicht und die Lippen beißend hinter dem Baum stehen, um die erste Benautheit ihrer schweren Enttäuschung vorüber gehen zu lassen. Mit einer recht billigen Broche [Erg. d. Hg.: vermutlich Druckfehler: Brosche] war sie beschenkt worden. Mechanisch, mißmutig schlug sie das Buch auf, das als zweite Gabe daneben gelegen. »Es war einmal« von Sudermann! Sie schluckte an dem aufsteigenden, erstickenden Ärger. Sollte das für sie eine Weihnachtsfreude sein? Ihr Bruder wußte sehr gut, daß sie Sudermann nicht mochte und an dem »Katzensteg« sich geekelt hatte. Und dennoch schenkte er ihr das Buch.

Asmus trat heran und tupfte ihre Schulter, sarkastisch blinzelnd. »Ja, ich sehe, du bist nicht zufrieden. Aber es ist nun einmal so, daß du die modernen Autoren kennen lernen mußt, um in Gesellschaften mitsprechen zu können.«

»Gibt es nicht genug gute Bücher, die du mir hättest schenken können, z. B. Storms Schimmelreiter?« antwortete sie kurz angebunden.

Wegen des Steinmarderkragens zerbrach sie sich den Kopf. Rätselhaft!

Monikas neuer Petroleumkocher wurde eingeweiht und ein Weihnachtspunsch darauf gebraut. Der Glühwein schäumte und schmeckte.

Da sagte Friedline plötzlich als das mahnende Gewissen: »Aber wir haben am heiligen Abend gar nichts aus Gottes Wort gelesen und gar nicht gesungen.«

Die weißhaarige Tante las den Abschnitt der Schrift, und man sang die lieben, alten, ewig jungen, wunderbaren Lieder.

Der Amtsrichter rauchte, mächtig qualmend, mit einem überlegenen Blasen der Lippen, und tat nicht mit. Zuletzt sagte er spöttisch leise zu Silly, die am Klavier begleitete: »Genug des grausen Spiels!«

Vor freudiger Erregung konnte Friedline in der heiligen Nacht nicht einschlafen. Am liebsten hätte sie ihren Muff mit ins Bett genommen. Sie lag in Weihnachtsträumen und hörte die leise blasenden Atemzüge der Mutter.

Dann hob sie ihren Kopf aus dem Kissen und lauschte mit dem scharfen Gehör. Vorsichtig und fast unhörbar ging eine Tür auf – drüben die Schlafkammertür des Vetters war es gewesen – die Diele knarrte – einmal stolperte ein Fuß auf der Treppe. Ihr Ohr fing ein von unten kommendes, gedämpftes Knirschen auf – die Haustür wurde auf- und zugeschlossen.

Wer entfernte sich heimlich aus dem Hause? Ihr Vetter Asmus! Und warum? Das ging ihr durch den neugierig grübelnden Kopf. Wohin begab er sich so spät nach Mitternacht? Pfui, wie häßlich, wenn er noch im Wirtshause eine Nachweihnachtsfeier halten wollte.

Der Schlaf der Blinden war noch leiser als sonst. Als sie erwachte, war es stockfinster, und sie wußte nicht, wie lange sie geschlummert hatte. Ein Türschloß kreischte durch die tiefe Stille. Über den Flur ging ein Schritt, der schwer auftrat. Asmus kehrte zurück. In dem Augenblick schlug drüben im Eßzimmer die Stutzuhr fünf laute Schläge. Friedline hatte genau und richtig gezählt und zerbrach sich den Kopf. Wo war der Vetter in der allerheiligsten Nacht von Mitternacht bis fünf Uhr morgens gewesen? Weshalb schlich er sich aus seinem Hause, wie einer, der auf bösen Wegen geht?

Friedline fand keinen Schlaf mehr und teilte in der Frühe, im Bette liegend, der Mutter ihre Wahrnehmung mit. »Wie abscheulich, wenn er die Weihnachtsnacht in der Schenke, der Kirche des Teufels, gefeiert hat.«

Monika wurde bedenklich und sehr betrübt. Einen noch abscheulicheren Verdacht konnte sie nicht los werden und sagte mit einem Seufzer: »Mein Kind, wir können nichts tun und wollen nichts davon zu Silly sagen, um sie nicht noch mehr zu beunruhigen.«

Friedlinchen faltete die Hände. »Ja, wir können für Asmus nichts tun als beten, daß Gott ihn vor dem Bösen bewahre.«

Die beiden sprachen ihr Morgengebet und schlossen Silly mit herzlicher Fürbitte darin ein. –

An dem zweiten Festtage, der frostklar und sonnig war, fuhr der Amtsrichter über Land zu einer Herrengesellschaft.

Silly Berg ging mit ihren Verwandten an dem schönen Wintertage spazieren und führte Friedline. Wenn die Frauen unter sich waren, war stundenlang von dem in Amerika weilenden Amatus gesprochen worden. Die Kousine brachte wieder das Gespräch auf ihn und lauschte mit derselben Aufmerksamkeit den zum viertenmal wiederholten Berichten.

Die Menschen strömten zur Stadt hinaus, dort, wo weithin eine blanke Eisfläche in der Sonne blitzte. Auf den Salzwiesen der Föhrde, wo das Schlittschuhlaufen absolut sicher war und man beim Einbrechen schlimmstenfalls nasse Füße sich holen konnte, tummelte sich ein Gewühl von Männlein und Weiblein, die bei acht Grad Kälte heiße Herzen hatten, von lustig kläffenden Hunden und täppisch purzelnden Kindern, von graziös gleitenden Damen und elegant hinsausenden, im Kreise herumschnurrenden Herren, die ihren Namenszug aufs Eis hinschrieben.

»Kleopatra!« wisperte Silly und schoß einen giftigen Blick der Erbosung nach der üppigen, gravitätischen Frauengestalt, an deren Seite ein ältlicher Herr, kurmachend und kavaliermäßig ihr die Schlittschuhe tragend, mit einem verliebten Grinsen ging. »Unser Herr Apotheker! Der dumme, alte glatzköpfige Geck« raunte Silly spitz.

Frau Butenblank wurde Fräulein Berg gewahr und schwenkte plötzlich und geflissentlich nach links, um ihr zu begegnen. Sie wollte über die verhaßte Gegnerin, die aus ihrer Geringschätzung kein Hehl machte, einen Triumph feiern.

Sillys Augen, die dem frechen Blick der Goldenen Löwenwirtin durch Verachtung Trotz bieten wollte, schlugen jählings nieder, sanken auf den schmutzig weißen Grund. O, o! Als wenn ihr taumelig werde, tastete Silly um sich und faßte mit beiden Händen den Arm der Tante. Aschgrau war ihr Gesicht geworden, und ihre Zähne bissen sich zusammen.

Höher sich emporreckend, langsam, langsam, den Kopf in den Nacken zurückwerfend, schritt Kleopatra vorüber und betrachtete von oben, von ihrer Höhe herab Fräulein Berg mit den teuflisch schwarzen, höhnisch triumphierenden Simili-Augen, und ihre Finger hoben spielend den langen Pelzkragen von Steinmarder. Sie, sie trug die Garnitur, die der Amtsrichter bei dem Kürschner Meier gekauft hatte, aber nicht für seine Schwester, sondern für dieses Weib.

O, o! Außer Hörweite stöhnte Silly laut und war vor Scham und Zorn keines Wortes und kaum ihrer Füße mächtig. Monika und Friedline mußten sie nach Hause geleiten.

Hier schüttete sie ihr bekümmertes Herz aus und machte kein Hehl aus ihrem Argwohn, der jetzt zur Gewißheit geworden. »Man sagt, daß jedes Haus sein Gespenst habe … diese Demimonde … diese Dirne ist der böse Geist meines Bruders, unsres Hauses. Zuerst haben mir die Dienstmädchen es grinsend hinterbracht, daß er dort nachts gewesen. Fräulein Weinhold hat weinerlich mir das Stadtklatsch von dem sonst so lieben und guten und prächtigen Herrn Amtsrichter vorgewimmert. Fräulein Petersen, die alte Pastortochter, die durchaus keine Klatschliese ist, hat mich in wohlmeinender Absicht auf das Gerede aufmerksam gemacht, damit ich meinen Bruder warne.«

»Was ist die freche Person ihm?«

»Sie ist seine … Geliebte … er vergeudet Unsummen an dem widerlichen Weibsbild. Woher schafft er das Geld? Woher, Tante? Ich verzage, ich verzweifle.«

Monika schüttelte den Kopf. »Wie kann ein Mann diesen unförmlichen dicken, unschönen Fleischwanst gern mögen?«

»Es ist unbegreiflich, aber sie lockt nicht bloß ihn, sondern manchen andern Simpel in ihr Garn … die schlechten, die scheußlichen Frauen haben eine Gewalt …«

»Ja, eine Gewalt vom Bösen«, nickte die Tante und forderte Friedline auf, hinauszugehen und vom Tannenbaum zu naschen. Aber die Blinde horchte im Eßzimmer mit ihrem feinen Gehör. Das, was sie bis jetzt vernommen, war zu traurig, aber auch zu interessant.

Tante und Nichte sprachen miteinander im Flüsterton. Nur einzelne Worte wurden im Eifer lauter gesprochen.

»Hundertachtzig Mark … den dritten Teil unserer ganzen Einnahme!«

»Noch viel größere Geschenke … Tante, woher nimmt er das Geld? Er müßte das doppelte, das dreifache Gehalt haben, um so verschwenderisch leben zu können. Tante Mona, Angst, furchtbare Angst quält mich … und Träume des Nachts, schauderhafte Träume.«

»Meine Silly, was können wir tun, als für ihn beten … wie ich für meinen Sohn getan …«

»Ach, Amatus war immer gut …« Dicke Tränen tropften aus den Augen der Nichte. »Mich fertigt mein Bruder durch Spott, und wenn das nicht wirkt, durch Grobheit kurz ab. Aber du bist die Schwester seines toten Vaters und noch die einzige Autorität. Auch bist du klug und wortgewandt. Sprich du mit ihm! Stelle ihm eindringlich das Ende und den Untergang vor, wie schmählich und ehrlos er handelt! Halte ihm die Schande vor und faß ihn an der Ehre! Wenn er auch Gott und das Gewissen nicht fürchtet, vor der Schande graut ihm am meisten.«

Frau Junker überlegte lange, ehe sie zusagte. Aber nachdem sie sich entschlossen, schwankte sie nicht in dem, was sie als ihre Pflicht erkannt.

Der Amtsrichter kam sehr spät vom Termin. Er hatte nach der Amtsanstrengung im »Goldenen Löwen« gut gefrühschoppt.

Bei Tisch trank er eine halbe Flasche Rotwein, wurde wohlgelaunt und erzählte ein scherzhaftes Erlebnis aus seiner amtsrichterlichen Praxis. »Gottlieb Hansen, der Kramwarenhändler, der originelle Kerl, der mit der Kiste auf dem Rücken das Land durchzieht, tritt herein und sagt: ›Guten Tag, hochwohlgeborener Herr Amtsrichter, ich wollte mich von meiner Frau Trine gern scheiden lassen.‹ – ›Auf welche gesetzlichen Gründe hin!‹ frage ich. ›Wegen Untreue?‹ – ›Jawohl, ich bin ihr mehrfach auf meinen Reisen nicht treu geblieben … das kann ich beweisen und beschwören.‹ – Ich sage: ›Der schuldige Teil kann nicht auf Scheidung klagen.‹ – ›Hm, es gibt doch im Gesetz genug andre Scheidungsgründe.‹ – ›Ja, z. B. böswilliges Verlassen.‹ – Er kraut sich im ergrauten Haar. ›Häm, das ist gewiß wie das Amen in der Kirche, daß meine Alte mich nicht verläßt … aber ich könnte sie böswillig verlassen … geht das, Herr Amtsrichter?‹ – Ja, nun ging es, insofern ich den Kerl herausschmiß.«

Die Zuhörerinnen saßen gezwungen und lächelten kaum.

Nach dem Mahle bat Monika den Neffen um eine Unterredung. Es überraschte ihn sichtlich, weil er sie kannte und wußte, daß ihr Anliegen nicht auf eine kleine Anleihe hinauslaufen werde; doch öffnete er höflich die Tür seines Zimmers.

Frau Junker ging stets die geradesten Wege und sagte ohne Einleitung. »Könnte der Mann der Goldenen Löwenwirtin, ja der Goldenen, sich nicht wegen Untreue scheiden lassen?« Der Neffe erbleichte, und sie blickte ihm fest in die kleinen, wie auf der Lauer liegenden Augen. »Asmus, wo bist du in der heiligen Weihnachtsnacht gewesen?«

Er fuhr so heftig im Stuhle zurück, daß er die hell brennende Zigarre gegen die Lehne stieß und Feuerstücke auf den Teppich flogen. Jeden Funken mit dem Fuße zertretend, gewann er Zeit zur Überlegung und erwiderte: »Der Junggesellenklub hielt im »Goldenen Löwen« eine Herrengesellschaft ab, an der ich teilnahm.«

»Und die Frau Kleo – ?«

»Frau Kleontine Butenblank … was soll die?«

»War bei der Herrengesellschaft zugegen?«

»Natürlich war sie als Wirtin mitsamt dem Kellner da … was soll das Verhör?«

Monika erhob sich. »Asmus! Sohn meines verstorbenen Bruders, der ein Ehrenmann war, warum machst du der Frau kostbare Geschenke, eine Pelzgarnitur zum Preise von hundertachtzig Mark?«

Der Amtsrichter wechselte die Farbe. Er ergilbte und stotterte in verhaltenem Grimm: »Silly hat ausspioniert …«

Monika erzählte den Vorfall beim Kürschner und sagte scharf: »Was ist diese Kleopatra, das eheliche Weib eines andern Mannes, dir? Ich frage dich an deines Vaters Statt.«

»Die Honoratioren Breitenföhrdes verkehren da … warum nicht ich?«

»Aber sie machen ihr keine Geschenke … oder doch? Hat die Person mehr solcher freigebigen Freunde? Höchstwahrscheinlich, ja gewiß …«

Asmus geriet in Wut und schnob: »Ich verbitte mir das, Tante, ich verbiete dir und jedem, sich in meine Angelegenheiten zu mischen.« Vor ihr warf er die Tür auf.

»Du … du zeigst mir die Tür?«

»Verletze nicht mein Ehrgefühl!«

Hoch aufgerichtet stand Monika an der Tür und rief: »Du bist jedes Ehrgefühls bar, sonst würdest du dich nicht von eines andern Weib umgarnen lassen. Ich rufe den Geist deines ehrenhaften Vaters … er, nicht ich, schreit dir zu: Kehre um von deiner Schande, vor deinem Untergange!«

Asmus biß die Lippen, auf die eine kleine Schaumblase trat, und knirschte: »Jetzt muß ich dich bitten, mein Haus zu verlassen.«

Stolz schritt Monika hinaus. Aber mit gebeugtem Nacken packte sie in ihrem Zimmer den Schloßkorb. Silly saß schlaff auf einem Stuhle und weinte strömende Tränen.

»Er ist fortgerannt und wird außer dem Hause … bei ihr bleiben, bis du dort bist. Die Menschen sagen, wir sind glücklich, und beneiden uns. Wenn sie die Wahrheit wüßten! O grausiges Glück! O glänzendes Elend!«

Wind und Wetter waren umgeschlagen. Graue Wolkenschwaden wälzten sich von der Westsee über das feuchtwarme Land. Himmel und Erde weinten leise Staubtropfen, die Dachtraufen und Gossen schluchzten. Überall war Tau und triefende Nässe, von oben kein Sonnenstrahl und unten schmutzig schmelzender Schnee.

Im Zuge saßen Mutter und Tochter mit feuchten Füßen und fröstelten. Das war die traurige Heimfahrt der fröhlich begonnenen Weihnachtsreise.

Friedline richtete die blauen Augen auf die Mutter, als wenn sie sehen könne, und sagte flüsternd: »Ich weiß alles … Asmus … E–he–bre–cher!«

»Still, still!« dämpfte Monika.

Worauf die Blinde wie eine Hellseherin langsam sagte: »Asmus ist böse und wird böse enden.«

[Später ergänzt/anders im Abschluß an den Brief von Quistrup: Unter dem Briefe, den der Schwiegersohn im Bureau geschrieben und in ein gelbes, grobes Gerichtskouvert gesteckt hatte, lag ein elegantes, parfümiertes Brieflein, welches Monika jetzt erst bemerkte.

»Es ist von Silly! Ach, wie selbst die besten Menschen unwillkürlich von ihrer Umgebung beeinflußt werden! Das einfache Mädchen, das früher so schlicht und solide sich gab, schreibt jetzt auf dem allerfeinsten Luxuspapier. Ich bin vielleicht kleinlich … das ist nur eine Kleinigkeit, aber ein Symptom. Silly macht uns Vorwürfe, weil wir sie nicht besuchen. Ich mag das Haus des Doktors nicht betreten, all der Prunk, der auf Kosten des törichten Mädchens angeschafft ist, beleidigt mein Auge; ich mag den Menschen nicht leiden, denn ich werde das vielleicht lieblose Gefühl, daß ich es mit einem Charlatan und Hochstapler zu tun habe, nicht los. Auch muß der Evers unsrem Amatus, der sehr abfällig ihn beurteilt, irgend eine schwere Kränkung zugefügt haben, Friedlinchen. Ich kann nun einmal nicht den Menschen, die mir zuwider sind, ein höfliches, freundliches Gesicht machen.«

Kein Fünkchen Falsch war in der Frau, die keine einzige Miene verstellen konnte. Sie wußte nur, was Friedline nicht wissen sollte, daß dieser Evers einmal ihrem Sohne schweres Weh bereitet und seine Sylvia ihm genommen hatte. Die Tatsache freilich bedauerte sie nicht, aber ihre Antipathie bewahrte sie, und das Haus betrat sie nicht.

Weil die Tante Junker ihre Nichte nicht besuchte, kam die Nichte zur Tante, freundlich und ohne Vorwürfe, und ihre erste Frage war, ob und was der Amerikaner Amatus geschrieben habe.

Monika streifte mit verstohlenen, bedenklichen Blicken von vorne und noch mehr von hinten ihre Nichte, die gegen ihre schlichte Gewohnheit ein elegantes, mit Besatz beinahe überladenes Kleid, welches hinten von der Schneiderin geschickt ausgepolstert war und die hohe Wölbung der Schulter verdecken sollte, trug.

Monika antwortete nur mit einem kurzen und schmalen Häm-häm, während Silly lebhafter als je, ein langes und breites von dem Doktor, der von Patienten überlaufen und von den ersten Damen der Stadt konsultiert werde, redete und rühmte. Er hat wunderbare Erfolge, alle seine Kuren reüssieren. Jeder Kranke, zu dem er gerufen wird, spürt sofort eine Besserung, die Schmerzen versteht er wegzuzaubern.«

»Häm«, machte Monika, »es gibt ja heutzutage in Hülle und Fülle schmerzstillende Opiate, welche sofort die Schmerzen wegtäuschen.«

»Mit seiner guten Laune, seiner unendlichen Liebenswürdigkeit erheitert und heilt er die Kranken.«

»Häm, er läßt sich seine Liebenswürdigkeit auch gut bezahlen, denn er soll gehörige Rechnungen ausschreiben.« Monika wurde sarkastisch.

Silly blieb sanft, »Evers ist ein guter Mensch. Wie aufmerksam ist er bemüht, andern eine kleine Freude zu machen. Fast alle Tage bringt er mir ein kleines, sinniges Geschenk, ein Paket reinsten Briefpapiers, ein Paar Handschuhe, einen Strauß Blumen mit.«

»Häm, er weiß, daß er dein Schuldner ist, und will seinen Gläubiger bei guter Laune halten … sei doch ein bißchen weltklüger, du gutes Kind! Häm, zahlt er dir auch pünktlich die Zinsen deines Kapitals?«

»Er ist ja noch ein Anfänger und hat auch einige Schulden von der Universität her.« – Silly konnte nicht lügen, wurde rot und schweigsam.

Frau Junker wußte genug und schüttelte den Kopf. »Kind, Kind, laß dir für dein Kapital Sicherheit und Bürgschaft geben! Du bist zu gut, zu leichtgläubig.«

Silly ging der unerquicklichen Auseinandersetzung aus dem Wege und in das Schlafzimmer hinein. Friedline nämlich war bettlägerig und hatte arge Stiche in der kranken Brust.

»Tante! Sie hat ja hohes Fieber! Und du hast keinen Arzt gerufen!«

»Sie weigert sich mit Händen und Füßen, einen Arzt zu nehmen … das arme Kind befürchtet wohl die hohen Kosten und sorgt sich nur um mich.«

»Es wäre unverantwortlich, nur eine Stunde zu warten. Ich gehe nach Hause und sende sofort Dr. Evers.«

»Nein, den nicht …« Monika sträubte sich. »Der Modearzt ist zu teuer für unsre Verhältnisse.«

»Ich bürge dafür, daß er keinen Heller nehmen wird … unbemittelte Leute behandelt er umsonst.«

Monika murmelte noch einige schwache Einwendungen, aber Silly wollte nichts hören und hegte wohl die stille Hoffnung, daß Evers, wenn er nur erst Eingang fände, auch diese beiden Frauen gewinnen und bezaubern werde.

Sehr bald erschien der Arzt, der so rücksichtsvoll, so fein und höflich sich benahm und so gewissenhaft die Kranke mit dem Hörrohr untersuchte, der so wahrhaft menschliche Teilnahme für das blinde Kind äußerte, daß Frau Junker an ihrer vorgefaßten Meinung irre werden wollte und mit sich selber zu moralisieren anfing. Wen das Leben hart angefaßt, der wird leicht hart in seinem Urteil … die glückliche Silly, die stets an jedem Menschen nur das Gute sieht und sucht … als Christin müßte ich wissen, daß selbst der böse Mensch sich bekehren und der unmoralische sich bessern kann und soll.

Doktor Evers machte ein bedenkliches Gesicht, wenn er nach der Mutter hinübersah, ein freundliches, so oft er die Hand Friedlines, die einsilbige Antwort gab, ergriff. »Zunächst müssen wir die Schmerzen, die den Heilungsprozeß hindern, vertreiben«, sagte er, leise den Ärmel des Nachtkleides hinaufstreifend.

Die Blinde, die das mißverstand, wurde von keuscher Glut übergossen und riß einfach den Ärmel zurück.

Aber die Mutter befahl: »Du mußt stille halten, wenn der Herr Doktor dich untersucht.«

Evers hatte in den paar Sekunden mit einer behenden Fingerfertigkeit, der man die Routine ansah, ein Fläschchen, das eine wasserklare, unschuldig aussehende Flüssigkeit enthielt, hervorgeholt und eine Glasspritze vollgesogen. Im Nu war die Nadel befestigt, die Spritze blitzte im Sonnenlicht und schoß blitzschnell in den entblößten Arm nieder. Da stieß Friedline einen kleinen Schrei aus und zuckte mit dem Arme. Ehe Monika recht gewahr wurde, was dort vor sich ging, hatte der gewandte Doktor seine Injektion gemacht. Die unschuldige, wässerige Flüssigkeit war ein starkes Gift, war zweiprozentige Morphiumlösung.

Bei dem Aufschrei der Kranken lachte Evers breit, behaglich und belustigt. »Haha! So sind alle Patienten! Vor der ersten Einspritzung haben sie einen wahren Horror, mit beiden Händen sträuben sie sich gegen die liebe Spritze … aber bei der zweiten schon reißen sie das Kleid zurück, strecken sie womöglich beide Arme nach der lieben Spritze aus.«

Friedline horchte hoch auf. Frau Junker hörte das mokante Lachen, das ihren Ohren roh und häßlich klang; sie wurde wieder irre und hatte den Eindruck, daß Evers aus seiner Rolle gefallen sei.

Als der Arzt gegangen war, gab Friedline ihr Urteil ab: »Ich mag den Doktor nicht leiden, nein, nein! – Die Blinde hatte eine instinktive Antipathie.

Sobald die Wirkung des Morphiums eintrat, verfiel sie in einen halbwachen, traumhaften Zustand, wo kein Schmerz mehr stach, keine Sorge und keine Sehnsucht nach dem Bruder mehr sie quälte. Eine selige Ruhe umfing ihr Gemüt, nur die Phantasie arbeitete rege und wob sonnige Träume von der Wiederkehr ihres Amatus und von einem wunderherrlichen Wiedersehen.

Gegen Abend des nächsten Tages erschien der gewissenhafte Arzt. Da der quälende Husten und die Bruststiche sich wieder eingestellt hatten, hatte er im Nu die Spritze bei der Hand.

Die Blinde sah keinen Schimmer von dem Instrument, aber sie fühlte instinktiv die Nähe; und sie streifte nicht den Ärmel hoch, noch streckte sie begierig den Arm nach der Injektion aus, wie Evers lachend prophezeiht hatte. Nein, das kranke Kind weigerte sich energisch und sprach erstaunliche Worte, die er noch nie aus dem Munde eines Patienten vernommen hatte. »Nein, Herr Doktor, nein! Ich will bei klaren Sinnen bleiben und leiden, was ich leiden muß. Ich will mich nicht mit dem scheußlichen Zeug betäuben und berauschen.« – Friedline steckte beide Arme unter die Bettdecke.

Der Doktor Evers zuckte die Achseln, blickte verlegen in die Luft und ging bald, wie einer, der abgeblitzt und abgetrumpft ist, und seine Routine und Redekunst hatte einen Augenblick ihn verlassen.

»Das dumme Ding!« brummte der Modearzt. Bald aber wurde er den häßlichen Eindruck wieder los. Ein älteres Fräulein, das an den Nerven litt, begrüßte ihn begeistert: »Sie kommen als mein Erlöser!« – Und sie zog den Spitzenärmel so rasch zurück, daß die Spitze zerriß.

Immer trug Evers die Flasche mit der wasserhellen, harmlosen Flüssigkeit in der Tasche, immer hatte er zwei Spritzen bei sich. Immer war er bereit, eine kleine Injektion zu machen, und die Damen Norderhafens priesen ihn als ihren Befreier von allen Schmerzen. Auch die andern, die einfältigen Patienten, die vom Morphium nichts wußten, rühmten, daß der Doktor alle Pein weghexe und ein Wunderdoktor sei. –

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