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Der Muttersohn - Band II

Johannes Dose: Der Muttersohn - Band II - Kapitel 5
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typefiction
authorJohannes Dose
titleDer Muttersohn ? Band II
publisherM.-G.-Schmitz-Verlag / Nordstrand
editor
year2010
isbn9783938098547
firstpub2010
correctorreuters@abc.de
senderM.-G.-Schmitz-Verlag / Nordstrand
created20100813
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Dritter Teil. Heimfahrt.

Erster Abschnitt: Der arme Goldonkel.

Die Hähne plusterten schläfrig die Federn und blinzelten mit den Augen, als wenn sie sich besännen, ob es nicht noch zu früh zum Krähen sei.

Aber der Farmer Jönker schnellte im Bette empor und krähte von unten nach dem Boden hinauf: »Get up, get up! Heraus, heraus!« In beiden Sprachen ließ er seinen Weckruf erschallen, damit er auf jeden Fall verstanden werde.

Das Lager von trockenen [später: trocknen] Maisblättern raschelte. Amatus, der neue Farmgehilfe, erhob sich und zündete ein Talglicht an, weil noch kein Tagschimmer durch das Moskitogitter des winzigen Bodenfensters sich zwängte. Mit dem Lichte in der Linken kletterte er die Stiege hinunter und [später: die Stiege hinunter kletternd,] erblickte [später ergänzt: er] eine hagere Gestalt, die im Halbdunkel mit Eulenaugen ihn anstarrte und dann [später ergänzt: zornig] krächzte: »Blasen Sie aus! Das ist Verschwendung, Herr! Blasen Sie aus und wecken Sie Tom, der in der Küche schläft! Wenn er nicht wach werden will, spritzen Sie ihm kaltes Wasser ins Gesicht, aber einen tüchtigen Guß! So ist er auch gleich gewaschen, was er aus Faulheit manchen Morgen unterläßt.«

Grau weißlich wallte der Himmel im Osten. Über die stille Prärie zog ein lispelnder Luftzug, wie das erste Aufatmen der schlafenden Erde. Sobald der Menschenschritt erklang, krähte der Hahn, und hinter dem Stachelzaun [später: Stacheldrahtzaun] der Weide wieherte ein Pferd. Weit drüben verlor sich das heisere Bellen eines Präriehundes.

Amatus, der Frühaufsteher, begrüßte fröhlich den anbrechenden Morgen, der fast ohne Zwielicht zum hellen Tage wurde. Das weiße Gewölk rötete sich – und da war schon die strahlende Sonne, die in diesem Lande – gleich den Menschen – hastig aus dem Bette stieg.

Tom Lincoln, der Farbige [Erg. d. Hg.: im Original: Neger; im Interesse der Werktreue künftig so übernommen], reckte und rollte sich gähnend von der Küchenbank, die ihm als Bett diente, und auf die unförmlich großen und platten Füße. Es war Verleumdung, daß er sich nicht wasche. Er wischte sich mit einer Hand voll Wasser und dann mit einem schmutzigen Handtuch über das schwarze Gesicht, während der Deutsche fragte: »Wie lange sind Sie hier im Dienst?«

Nach Beendigung der Katzenwäsche zog Tom den gähnenden Mund unglaublich in die Breite und zeigte die weißen Zähne. »Sehr lang … volle vierzehn Tage.«

»Ist das lang?«

»Ja, fünf Tage länger als ein Vorgänger.«

Amatus rieb sich die Nase und sagte: »Und was sind Sie auf der Farm?«

»Everything! Mann und Mädchen für alles! Ich melke die Kühe, koche die Mahlzeiten, kehre das Haus und tue in der Zwischenzeit eines vollen Mannes Farmarbeit.«

»Damn–«, murmelte der Deutsche. Das Fluchen erlernt sich in allen fremden Sprachen am leichtesten. »Sie müssen ein ganzer Kerl sein … was gibt's zum Frühstück heute?«

Der Neger lachte: »Pork, pork von Anfang bis in Ewigkeit! Zum Frühstück, zum Mittag- und zum Abendessen Schweinefleisch, Schweinefleisch, Schweinefleisch, gekocht, gebraten, geräuchert, und möglichst fetter, zehnfingerdicker Speck, von dem man am wenigsten essen kann. Sir! Darum gehe ich mit der ernstlichen Absicht um, mich zur jüdischen Religion, die bekanntlich alles Schweinefleisch verbietet, bekehren zu lassen.«

»Zu welcher Religion bekennen Sie sich jetzt?«

»Well, ich bin Presbyterianer, Baptist und Methodist gewesen und halte es jetzt strikt und streng mit der Heilsarmee.« Tom begann [später ergänzt: sofort] im Leierkastenton zu singen: Am Kreuz, am Kreuz, wo ich das Heil gefunden.

Der Farmer kam schleichenden Schrittes und fragte: »Bist du bald fertig mit deinem Morgengebet [später anders: Morgengeheul]? Mach schnell!« und winkte seinem weißen Gehilfen, der erstaunt den Herrn im täglichen Arbeitsanzuge von hinten betrachtete. In dem ausgefranzten, scheinbar an [später entfallen: irgend] einem Weggraben gefundenen Hute, in der überall geflickten Kleidung, die nicht einmal überall geflickt war, glich Jönker mehr einem Landstreicher als einem Landbesitzer, der 2000 Äcker, 700 Haupt Rindvieh und 24 [später anders: 43] Pferde sein eigen nannte. Nur die groben Schuhe waren noch heil, aber mit Hanfbändern, wie sie zum Binden des Getreides gebraucht werden, geschnürt.

Amatus verstand das Striegeln von damals her, da er den Fuhrknechten als Knabe [später umgekehrte Begriffsreihenfolge] zur Hand ging, und bürstete geschickt und wacker [später ergänzt: darauf los]; aber er wurde trotzdem nicht gelobt, sondern getadelt, weil er es zu gut und sauber und zeitraubend mache; und eine Stimme von draußen fragte und sagte: »Putzen Sie die Vollblutrenner eines Grafen? Fixer, fixer!«

Der Farmer hatte mit der Forke den Dung aus der Stalltür geworfen [später ans Satzende gestellt], vor welcher sich im Laufe der Zeit ein förmlicher Düngerberg getürmt hatte. Seine Miene spielte ins Betrübte. »Hä–äm, heute haben wir leider nur leichte Arbeit, die sich ganz und gar nicht bezahlt … aber wir müssen hier etwas wegfahren, sonst können die Pferde nicht mehr aus dem Stall heraus.«

Das war des deutschen Exkandidaten erste Bauernarbeit: Auf einem tiefen, großen Kastenwagen, der unausfüllbar [ ,] wie das Faß der Danaiden [ ,] schien, den lieben, langen Tag Dung zu laden, den der Farmer auf den nächsten Acker fuhr und ausstreute. [Später mit Absatz] Auf den Fingern schwollen acht blühende Blasen und sprangen auf. Amatus verbiß tapfer das Schmerzgefühl – die [später ergänzt: paar] Wasserblasen sollten ihm die Bauernlust nicht verleiden.

Aber die Hitze – uha – die ungewohnte Höllenhitze, über 100 Grad Fahrenheit [Erg. d. Hg.: etwa 38 Grad Celsius] im Schatten!

Er zog allmählich alles bis auf Hut, Hosen, Hemd und Schuhe aus, trotzdem ein Meer von Schweiß vergießend und einen Teich von Wasser trinkend. Aber er tat seine Pflicht und hatte, obgleich der Bauer die Pferde antrieb, immer rechtzeitig das Danaidenfaß des Düngerwagens gefüllt.

Am Abend freilich waren seine meisten Glieder ihm wie erstorben. Und als die Sonne, die ihn gestochen und gequält, endlich unterging, fühlte er erst den schlimmsten Schmerz. Wie weh das tat, wohin sein Finger tastete! Sein ganzer Nacken stand in dick geschwollenen Beulen [später ergänzt: und Blasen].

»Was fehlt mir?« fragte er ängstlich.

Jönker lachte ihn aus. »Als Grüner kennen Sie nicht den Brand der amerikanischen Sonne … aber weinen Sie nicht! In drei Tagen wird ihre Beulenkrankheit kurieren [später: kuriert sein].«

Tom [im Original: Tom Nigger] war mitleidiger und legte eine kühlende Talgsalbe auf den brennenden Nacken.

Amatus setzte sich hin und schrieb eine neue Seite des Briefes an die Mutter, der allmählich entstand und die neue Heimat beschrieb.

»Am wohnlichsten haben es die Pferde, einen von Feldsteinen aufgemauerten Stall. Überall im Hofe, wo nicht die schwärzlichen Schweine den Grund aufwühlen, wuchert mannshohes Unkraut, das hier üppiger gedeiht, als irgendwo in der Welt. Die Farm [später ergänzt: des Onkels] umfaßt rund und reichlich 800 Hektar und hat mithin die Größe eines sehr großen Ritterguts. Aber das Herrenhaus! Besteht aus zwei Gebäuden, die zusammen nicht so geräumig sind, wie unsere Dachwohnung im Pappeltale. Eine viereckige Bretterbude mit einem einzigen Fenster gleich Noahs Arche – ist die Küche. Und das Wohnhaus ist ein Blockhaus aus rohen Stämmen mit einer Tür und drei Fensterlein, die Innenwände allerdings mit Zementbewurf gedichtet, aber höckeriger als die Aruper Kirchhofsmauer. Unten nur ein Raum, in der Decke ein Loch, zu dem eine Hühnerstiege emporführt. Die klettere ich hinauf, krieche gebückt durch das Halbdunkel des dachschrägen Bodens, bis ich mein Bett finde, welches ein Lager von ewig raschelndem Maisstroh ist, als wären zwei Dutzend Mäuse an der Arbeit. Doch nicht die Mäuse, sondern die Moskitos sind meine Quälgeister. Bei der Backofenhitze gebrauche ich ein Laken als Bettdecke.«

»Wir täten besser daran, uns zur Ruhe zu begeben, damit wir morgen rüstig sind«, meinte der Farmer.

Amatus warf sich todmüde auf sein Lager. Also das war die leichte Farmarbeit, wie sein Brotherr gesagt hatte. Wie würde die schwere sein? Und würde er den Anstrengungen gewachsen sein? Alle seine Glieder surrten, und sein Nacken brannte. Aber er wollte nicht feige die Flinte d.h. die Forke wegwerfen, und die Blasen an Hals und Händen sollten seiner Bauernlust kein schnelles und lächerliches Ende bereiten. Mutig den Schmerz verbeißend, sprach er sein Gebet, sein Gelübde: »Ja, ich will ausharren und meinen Körper härten zum Kampf wider den Feind meines Lebens. In einem gesunden und starken Körper muß auch die Seele genesen.«

Als die Gäule aus dem Stall heraus konnten, ohne erst einen Dungberg zu überklettern, war Amatus' Nacken rostbraun wie einer Rothaut geworden.

Obgleich der Brotherr die Schweigsamkeit liebte und jedes Schwatzen als zeitraubend streng vermied, nahm er sich doch zehnmal täglich die Zeit, seinem neuen Gehilfen zu sagen, daß er bei der Bibel hätte bleiben müssen und billigerweise nicht mehr als die Kost verdiene.

Jönker benutzte die Augenblicke, wo er selbst sich verschnaufen wollte, zu derartigen Bemerkungen, die dem Gehilfen ein Sporn sein sollten. Aber sie hörten mit einem Male auf – als nämlich Amatus sofort stille hielt und ehrerbietig den Worten des Herrn lauschte.

»Was … was gucken Sie mich an?«

»Ich muß doch genau hören, was Sie mir zu sagen haben.«

Jönker kniff das linke Auge zu und richtete das rechte groß und verwundert auf seinen grünen Gehilfen.

Fortan unterblieben die Invektiven [Erg. d. Hg.: Beleidigungen], seitdem sie nicht mehr als Sporn dienten, sondern wie ein Stillgestanden aufgefaßt wurden.

Nach der leichten Arbeit kam die schwere – die Heuernte, die schon manchem frisch Eingewanderten auf einer Viehfarm des südlichen Kansas den Sonnenstich und den Tod gebracht hat.

Amatus rechte, auf der Pferdeharke sitzend, das Gras zusammen, das in zwei Stunden gedörrt war. Aber er stieg oft herunter, um aus dem Wasserkruge zu trinken und seinen Durst zu löschen.

Der Farmer, der von der Mähmaschine aus den fleißigen Wassertrinker beobachtete, ermahnte väterlich: »Junger Mann, trinken Sie nicht so viel Wasser! Das ist sehr ungesund.«

»Ja, wir müssen kalten Kaffee, der den Durst am besten löscht, mit aufs Feld nehmen«, erwiderte der junge Mann.

Worauf Jönker rief: »Mißverstehen Sie mich nicht! O, ich liebe das Wasser und gehöre zu den wenigen Leuten hierzulande, die das Temperenzgesetz halten. Kaffee ist ein [später ergänzt: höchst] schädliches Reizmittel, aber klares Wasser ist gut und gesund, wenn es mit Maß, mit Maß genossen wird.«

»Jawohl, Herr!« bestätigte der Neger und stapfte bedächtigen Schritts zum Wasserkruge.

»He, du gehst, als wenn du einer Leiche zu Grabe folgst«, schrie der Herr ihm nach.

»Ja, mit mir und diesem jungen Manne wird es bald aus sein … puh, eine Hitze zum Stürzen!«

»Tom, wenn du den Sonnenstich kriegst, zahle ich dir tausend Dollars in bar nach deinem Tode.«

Tom sagte gemessen: »Es könnte sein, daß ich Sie bitten müßte, mir heute, als am Sonnabend, meinen Wochenlohn auszubezahlen [später: auszuzahlen].«

Des Farmers Züge zuckten schreck- und schmerzbewegt. »Du willst mich doch nicht in der Heuernte verlassen? Nein, wenn du ein Christenmensch bist …«

» Frenzen [später: Franzen] und die andern Farmer geben Sonnabends um fünf Uhr ihren Leuten frei [später: Feierabend], damit sie nach Bellavista reiten und einen guten Abend sich machen können.«

»Sagen wir um sechs!« seufzte Jönker.

»Nein, um fünf!« Tom hob die gespreizten Finger der Hand hervor, als wenn er einem Schwerhörigen sich verständlich machen müsse.

Die Verdeutlichung und die halbe Drohung half, so daß früh Feierabend gemacht wurde.

Amatus saß auf dem Rücken eines Mustangpferdes und sprengte nach Bellavista. Sein erster Gang war nach dem Posthause, wo er einen Brief seiner Mutter und [später ergänzt: auch] einen schwarzgeränderten vorfand. In dem letzteren teilte Silly ihm mit, daß ihr Vater eines plötzlichen, aber stillen Todes gestorben sei und zuletzt, von seiner Schwester Monika getröstet, einen festen Glauben an Gott gewonnen habe.

Um ungesehen eine Träne zu vergießen, ging Amatus in die Hintergasse, wo der Kehricht und die alten Konservenbüchsen lagen; aber er weinte vielleicht weniger um den Oheim als um die arme Kousine, die den Vater verloren hatte.

Als er heimgekehrt in seinem Bette lag, hatte er, um den Brief seiner Mutter zu holen, nach der sauren Tagesarbeit einen Ritt von 28 englischen Meilen gemacht. Kein Wunder, daß nicht nur die Arme und Beine schmerzten, sondern auch ein andrer Teil des Körpers ihm sehr wund und wehleidig war.

Am Sonntagmorgen versuchte das hagere Gesicht des Farmers leutselig zu lächeln, und er [später: der Herr] stellte seinem Gehilfen eine kleine, angenehme Sonntagserholung in Aussicht. »Sie sollen mal meine ganze Viehherde sehen [später ans Satzende gestellt], die wir im Korral zusammentreiben wollen … das wird Ihnen Spaß und Freude machen. Satteln Sie mir die Stute Susy, obgleich sie ein bockiger Racker ist!«

Amatus nahm eilig und freudig seinen Hut. Aber [später: Und] der Schwarze wisperte ihm zu: »Wollen Sie Sonntagsarbeit tun? Ich sage Ihnen, es ist ein höllisches Stück Arbeit, 700 Kopf halbwildes Kansasvieh zusammenzujagen.«

Der Deutsche aber hatte eine leidenschaftliche Lust, so viele Rinder auf einem Haufen zu sehen und sattelte Susy. Als er den Gurt straff spannte, legte das Pferd die Ohren zurück und machte ein bissiges Gewieher.

Jönker setzte steifbeinig den Fuß in den Bügel – da stob Susy zur Seite und riß ihn zu Boden. Zornig sprang er empor und schlug mit der ledernen Kuhpeitsche, wohin er traf.

Das Pferd bäumte sich steil. Er zerrte an der scharfen Doppelkandare, daß aus dem Maule blutiger Geifer troff, und schlug und fluchte.

Nun stieß die gequälte Stute einen kreischenden Laut aus, zeigte die Zähne und wollte nach ihrem Herren beißen.

Darüber geriet Jönker in rasende Wut und brüllte: »Tom! Meinen Revolver! Ich will das Biest, das den Hafer nicht wert ist, erschießen.«

Amatus legte sich ins Mittel und bat für die unvernünftige und unverständig behandelte Kreatur: »Lassen Sie, lassen Sie mir das Tier!«

Weil Jönker ganz außer Atem war, ließ er ihm [später: dem Gehilfen] den Zügel und schnaufte nach Luft. »Goddam! Ich will den Racker für seine Haut, für fünf Dollars verkaufen … wollen Sie ihn?«

Rasch, um den Handels rechtskräftig zu machen, rief Amatus: »Ziehen Sie es mir vom Lohne ab! Ich nehme Susy für fünf Dollars.«

»All right!« Jönker schmunzelte in den Bart; aber auch der andere tat es, und alle beide meinten einen guten Handel gemacht zu haben.

Der Käufer führte das keuchende Pferd abseits und redete ihm sanft und verständig zu, es streichelnd und klopfend. Die Sprache des Mitleids schien Susy sofort zu verstehen, denn sie spitzte die Ohren und wurde bald so vernünftig und beruhigt, daß sie sich von Amatus besteigen ließ.

Während des Ritts betrachtete er mit freudvollen Augen den bockigen Racker, der ein tüchtiger Renner war. Jetzt war er glücklicher Pferdebesitzer geworden und damit der erste und kleine Anfang des selbständigen Bauerntums gemacht. Er hätte jubeln mögen: A horse, a horse! A kingdom is a horse. Ein Königreich ist ein Pferd, wenn es auch keinen Hafer und kaum die Haut wert geachtet worden.

Auf einer unübersehbaren, welligen, grüngelben Grasfläche, die mit hoher Stacheldrahtfenz umzäunt war, weidete die bunte und langgehörnte Herde. Beim Anblick der Reiter pflanzte sich ein kurzes, dumpfes Gebrüll von Maul zu Maul, ähnlich einem unwirsch warnenden Zuruf, als wenn die ferner stehenden Tiere in der Rindersprache von der bevorstehenden Störung verständigt würden.

Die alten, schon angelernten Kühe waren klug genug, sich in eiligen Schritt zu setzen und dem Korral zuzustreben. Den Müttern sprangen die großen, blanken Saugkälber nach. Aber dumme Ochsen wollten aus purer Widerspenstigkeit durchaus die entgegengesetzte Richtung einschlagen, und übermütige Färsen hoben steil den Schweif und brachen seitwärts.

»Mehr nach links treiben!« schrie Jönker, »dort, wo Sie niedriges Gebüsch sehen, ist die Höllenschlucht … die infame Kuhfalle, die mir manches schöne Stück Vieh gekostet hat.«

In dem sanft welligen Gelände war die von Buschwerk verdeckte Schlucht, die mit [später ergänzt: ihren] steil abstürzenden Rändern wie ein tiefer Krater sich auftat, eine merkwürdige Naturerscheinung.

Amatus, der dicht an dem Abgrund vorbeiritt und einen Blick in die unheimlich gähnende Tiefe hinunterwarf, riß unwillkürlich Susy zur Seite. Ein Schwindelgefühl umfing ihn, ein ihn plötzlich durchzuckendes, ahnendes Angstgefühl, als wenn dieser Abgrund ihn bedrohe und er vor der Höllenschlucht sich hüten müsse.

Die Herde wurde zu einer dicken, sich vorwärts wälzenden Staubwolke, aus der Gestampf und Geschrei, Gebrüll und Peitschengeklatsch über die Prärie klang. Jeder Ausbrecher mußte umritten und zurückgetrieben werden.

Susy und ihr Reiter dampften von Schweiß. Amatus hatte die Kehle voll Staub und sagte heiser, daß es ein hartes und heißes Sonntagsvergnügen sei [später: das sei].

Jönker lachte lustig. »Wie viele Menschen tanzen sich zum Amüsement noch teufelsmäßiger in Schweiß und Asthma [später ergänzt: und außer Atem].«

Als der letzte Kuhschwanz im Korral verschwand, kam nach der Arbeit das Vergnügen, für den Besitzer, der seine Herde zählte und in Gedanken den Geldwert schätzte, und vielleicht noch mehr für den Gehilfen, der zum erstenmal so viel Vieh in einem Haufen sah und mit den hell leuchtenden Augen der Bauernlust an dem [später ergänzt: grotesken] Anblick sich weidete.

Freilich, die geweihlangen Hörner gefielen ihm nicht.

»Psja«, brummte Jönker, »das ist die Texasrasse, die sich nicht herauszüchten läßt. Ich habe mir die teuersten Bullen verschrieben … die direkten Nachkommen waren ja besser gebaut, aber schon im dritten Gliede ist das akkurat so langgehörnt und hochbeinig wie zuvor.«

Amatus betrachtete unverwandt das bunte Gewoge. »Siebenhundert Stück.«

»Hm, einmal hat ein guter Nachbar uns das Texasfieber ins Country hereingeschleppt … reichlich vierhundert fielen wie die Fliegen hin und krepierten mir in einer Woche … das war ein Jammer … überall die stinkenden Kadaver.«

Trotz der lieben Not, die ein Viehfarmer des Westens hat, kam der Deutsche nicht aus dem Staunen und sagte ergriffen: »Welche Herde, welche Herde!«

»Ja, wenn man sie in Deutschland hätte, wäre man ein reicher Mann. Sehen Sie diesen tüchtigen Ochsen hier, der seine 1100 Pfund wiegt! Und was meinen Sie, daß er wert ist? In Kansas City bringt er nicht mehr als 25 Dollars.«

»Die Masse macht's … und die schweren Kühe!«

»Kühe sind kaum los zu werden und Pferde gar nicht, gar nicht zu verkaufen.«

Amatus runzelte die Stirn. »So! Sie sind doch heute ein Pferd los geworden und haben wir Susy verkauft.«

»Das war ein Gelegenheitshandel, mein Lieber.« Jönker kaute behaglich, als wenn auch er sein kleines Sonntagspläsier habe.

Während der Abwesenheit der beiden hatte Tom das Schweinerne geschmort und als Sonntagsgericht zwei Apfelpasteten gebacken, von denen die eine, die er unter kühlendem Geblase verschlang, längst in seinem Magen ruhte.

Der Farmer schielte über den Tisch und knurrte: »Das süße [später ergänzt: Apfel-]Zeug ist nicht gut für die Zähne.«

»Wenn Sie nicht mögen, Herr, werden wir zwei, so Gott will, allein damit fertig«, sagte der Neger salbungsvoll.

Statt einer Antwort schnitt Jönker hastig die Pastete in drei Teile und gabelte den größten auf seinen Teller.

Nach dem Essen legte alles sich nieder. Der Sonntag ist in Amerika ein streng gehaltener Sabbat und für die meisten Menschen ein Tag des Schlafes.

Amatus, die kurze Pfeife zwischen den Zähnen, streckte sich zur Siesta in den Schatten des Ahorns. Durch die glühend schwere Luft klang Menschengeschnarche, ein surrendes Summen der Mücken und Insekten-Myriaden, mit denen dieses Land vom Zorn des Schöpfers [später ergänzt: überreich] gesegnet ist. Aber der beißende Rauch stand wie eine Schutzmauer rings um den Ruhenden, der des Nichtstuns Süße auskostete und von wogenden Rinderrücken, die ihm gehörten, träumte.

Wohl war das Tagwerk hart und alle Glieder des Morgens ihm wie eingerostet, bis er durch neue Arbeit sie geschmeidig gemacht. Aber der kühne Stegreifsprung von der Kanzel auf den Düngerhaufen und hinter den Pflug gereute ihn nicht, weil er fühlte, wie unter der körperlichen Arbeit und in der frischen Luft [später ergänzt: alle] Kräfte in ihm wuchsen und der Geist zu einer gesetzten Ruhe kam. Waren das die Nerven, welche genasen und wie neu wurden?

Ein Falter flog träge, setzte sich auf die Sonnenblume und schien einzuschlummern. In allem Unkraut zirpten die kleinsten und unnützesten Lebewesen. Hinter dem Steinwalle standen die Pferde, die hängenden Köpfe zusammengesteckt, und wehrten sich gegen die Feinde – die Fliegen. O, die kitzelnden Kansasfliegen bei Tage und die beißenden Kansasmücken in der Nacht! So große, feiste und unverschämte Fliegen hatte der Deutsche noch nicht gesehen. In Ägypten zur Zeit der Plagen konnte das kaum ärger gewesen sein.

Amatus sah immer verschwommener bunte Rinderrücken und schlummerte, je und dann gestochen und gestört. Er erwachte von Toms Singsang, der eine schwermütige Melodie [im Original: Niggerweise] jöhlte. »Down, down in Arkansas in the deep deep grave – Dort unten in Arkansas im tief tiefen Grab.«

Gegen Abend, als die Hitze sich mäßigte, schlenderte der Deutsche an dem Flusse entlang, dessen Ufer ein gelichteter und zur Weide mißbrauchter Wald umkränzte. Bob, der Schäferhund, durfte ihn begleiten und erhob ein Freudengebell.

Lauschend dem Gemurmel des Wassers, das über die Steine seicht und schläfrig rollte, mit dem qualmenden Rauch in die Mückenschwärme blasend, folgte Amatus einem Pfad, den die grasenden Pferde getreten.

Schneller Hufschlag näherte sich – er trat von dem schmalen Steige hinter eine Eiche und sah durch das Gebüsch einen rötlichen Schimmer. Es war das feuerrote Kleid einer Reiterin, deren Gesicht der riesige Strohhut völlig verdeckte. Bob fuhr bellend hinter dem Baume hervor.

Das im kurzen Cowboy-Galopp gehende Pferd machte einen plötzlichen Hoch- und Seitensprung. Doch die Reiterin rückte kaum im Sattel. Aber ein Zweig riß ihr den Sonnenhut vom Kopfe und hielt ihn fest, ihre Haarflechte löste sich und flatterte lang und schwer herab.

Es war ein Mädchen von nicht mehr als fünfzehn Jahren, das mit blitzenden Augen ihn [später: Amatus] ansah und das Roß parierte. Trotz der gerunzelten Stirn, trotz der Röte vom raschen Ritt, trotz der auffallenden Sonnenbräune hatte ihr Gesicht etwas sehr Lichtes – nämlich jene Helle der unberührten Kindesunschuld.

Amatus rief ihr höflich und hilfsbereit zu, daß er in den Baum klettern und den Hut herunterholen werde.

Halb zornig und halb lächelnd blickte sie in der Waldeinsamkeit den fremden Mann an. »Nein, lassen Sie! Help yourself!«

Und sie half sich selber und zwängte das Pferd unter den Zweig. Husch-husch knisterte das Kleid, husch-husch hüpfte sie aus dem Bügel auf den Sattel hinauf, auf dem sie kerzengerade wie eine Kunstreiterin stand und ihren Hut sich holte. Mit einem graziösen Hops saß sie wieder unten und hielt eine lange Hopfenranke [später: , eine lange Hopfenranke haltend], die sie vom Zweige losgerissen hatte.

Dem Deutschen blieben die Augen sperrweit offen stehen.

»Was stehen Sie hier auf der Lauer? Wenn ich wie Absalom mit meinen Haaren in der Eiche hängen geblieben wäre?« sagte sie keck und bibelkundig.

Ihm war die Rede noch wie verschlagen, und er zog ungeschickt den Hut, mühsam ein Excuse me aus dem Halse herausholend.

Übermütig warf sie dem Verdutzten die Hopfenranke wie einen Lasso über den Kopf, wandte sich im Sattel und kicherte im Weiterreiten: »Gefangen, gefangen! Mein Herr, bleiben Sie hier still und wie in Stärke gefallen stehen, bis ich mit unsrer Brandmarke komme und Sie als unser Eigentum brenne.«

Jeder Farmer hat für seine Herde eine eigene, amtlich geschützte Brandmarke.

Das Mägdlein hatte wohl [später: wahrscheinlich] von dem grünen und an Körperlänge großen Deutschen [später ergänzt: schon] gehört. Amatus aber ahnte nichts von dem Dasein dieses jungen und schönen Weibes und wähnte, daß er auf der Prärie einer Zirkusdame begegnet sei; und seine Eitelkeit seufzte, daß er sich dumm wie ein gebranntes Öchslein benommen habe. Lange noch, nachdem jeder Hufschlag verklungen war, sah er das rote Kleid und das sonnenbraune Gesicht, und wie die zierliche Gestalt hoch oben auf dem Sattel in der Schwebe stand. Es war ein eben so lebendes wie liebliches Bild gewesen.

Zu Hause befragte er Tom Lincoln, welcher sofort erklärte, daß die rote Reiterin niemand anders als Bertie Frenzen, des Nachbarfarmers Tochter, gewesen sein könne. »Ist ein Wildfang, aber auch ein verdammt kouragiertes Frauenzimmer, das über jede Fenz hinwegsetzt und beim Zusammentreiben einer Herde besser als ein Cowboy zu gebrauchen ist. Sie wird, so Gott will, dabei einmal den Hals brechen.«

Als Anhänger der Heilsarmee führte Tom das fromme »So Gott will« viel im Munde, es an gelegener und ungelegener Stelle seiner Rede einflickend.

Der alte Farmer plierte mit dem rechten, dem pfiffigen Auge. »Häm, mögen Sie die Dirn leiden? So gehen Sie doch heute abend hinüber und besuchen Sie [später ergänzt: einmal] Frenzen!«

»Was würde der für Augen machen, wenn der Farm– Farmknecht seines Nachbars ihm einen Besuch machen wollte?«

»Junger Mann, [später ergänzt: , do not forget,] Sie sind in Amerika, wo es keine Standesunterschiede gibt«, sprach Jönker mit Pathos.

»Was die farbigen Bürger?« fragte der Neger streitsüchtig.

Sein Herr zitierte ein Spott-Sprichwort der Südstaaten [Erg. d. Hg.: im Interesse der Werktreue hier wiedergegeben]: »Der Knüppel regiert den Hund und der Strick die farbigen Herren. Amatus, es ist besser, Sie bleiben hier! Wer die Nacht vertändelt, taugt am Tage nichts. Weibergunst war nie umsonst. Prinzipiell dulde ich keine Frauenzimmer auf meiner Farm, seitdem ich vor Jahren eine Haushälterin hatte, die vor Gericht ging … jaja …«

»Und wegen gebrochenen Eheversprechens Sie verklagte.« Der grinsende Neger gab's dem Herrn zurück und war gut unterrichtet.

Worauf Jönker einen langen und gotteslästerlichen Fluch sprach. »Seitdem dulde ich nichts Weibliches in meiner Nähe und esse noch lieber das Brot, das ein männlicher Koch mit seinen schwarzen Fingern knetet.«

»Herr!« sagte Tom gekränkt, »der schwarze Koch mit den schmutzigen Händen möchte, so Gott will, zum Sonnabend kündigen!«

Nun lamentierte Jönker: »Mach mich nicht unglücklich in der Heuernte! Ich sage nichts von deinen Händen und nehme vor allen farbigen Herren den Hut ab.« – – –

Das Heueinfahren war, wie der Neger sich ausdrückte, eine unmenschliche und mörderische Mauleselarbeit. Bauernlust und -mut waren bei dem deutschen Kandidaten zuweilen am Ausgehen. Einmal hatte er die Flinte ins Korn d.h. dem Herrn die Forke vor die Füße geworfen, als dieser ihn anschrie: »Goddam! Sie tragen [später ergänzt: ja] wie eine Krähe zu Nest!«

Das Ausforken auf dem Felde, wo mitunter ein kleiner Luftzug fächelte, war noch erträglich. Aber das Abladen in dem dunstig schwülen Schuppen, das Auseinanderreißen der geschichteten, gestampften und verfilzten Masse – das war oft unmenschlich [später ergänzt: schwer] und zum Umfallen.

Jedoch nach zwei Wochen war auch diese schwerste Arbeit des amerikanischen Bauers gelernt, so daß der Farmer, der selbst lud und die hinaufgeworfenen Heuberge kaum bewältigen konnte, wohlwollend schmunzelte: »Mein Sohn, nun sind Sie gesalzen.«

Nach Feierabend reckte Amatus die sehnigen Glieder, die nirgendswo schmerzten. Alle seine Muskeln waren gestählt, und das Bewußtsein der strotzenden Körperkraft und des völligen Gesundseins war ein unendlich angenehmes und auch stolzes Gefühl.

Jönker rauchte bedächtig seinen billigen Tabak und sagte wenig. Aber, wie schon früher, warf er kurze Fragen hin und hörte gern seinem Gehilfen zu, wenn dieser von dem alten Vaterlande und seiner schleswigschen Heimat erzählte. Mit den Verhältnissen und Örtlichkeiten des meerumschlungenen Ländchens schien er recht vertraut und zeigte für alles, was diese neue Provinz Preußens betraf, am meisten Interesse.

»Drei Jahre die Pickelhaube tragen müssen, ist zum Davonlaufen … die dänischen Nordschleswiger desertieren natürlich viel?« [später ergänzt: , warf Jönker hin.]

»Nein, es kommt äußerst selten vor«, antwortete Amatus, »meine Landsleute haben zu viel Ehrgefühl, um zur erbärmlichen Fahnenflucht zu greifen.«

Jönker biß in die Pfeifenspitze und brummte: »Was wissen Sie von Ehrgefühl und erbärmlicher Fahnenflucht!«

»Will ein Nordschleswiger nicht dienen, so entzieht er sich vorher durch Auswandern der Militärpflicht …«

»Und geht in Nacht und Nebel bei Foldingbro über die Grenze, nicht wahr?«

Amatus [später entfallen: blickte in das spöttisch verzogene Gesicht des alten Mannes – hatte es nicht in diesem Augenblick etwas Spitzbübisches? Ein Befremden kam ihm, und er] stellte plötzlich die Frage: »Was wissen Sie von Foldingbro? Sind Sie Schleswigholsteiner?«

»Häm, so halb und halb«, lautete die herausgepaffte und halbe Antwort.

[Später entfallen: Jönker zog an der schmutzig singenden Pfeife und schwieg.

Der Deutsche betrachtete ihn von der Seite mit einem ungewissen Argwohn. Hatte dieser Mann in seiner Vergangenheit irgend etwas zu verbergen, da er über seine deutsche Herkunft und Heimat nur ausweichende Antworten gab? –]

[Später ergänzt: Da hüpfte der junge Mann von seinem Sitze empor, um die Maske fallen zu lassen und dem Versteck- und Komödienspiel ein Ende zu machen. Wenn auch der alte Jönker ein kaltherziger, unsympathischer Mensch war, der für seine nächsten Blutsverwandten 38 Jahre lang kein Herz und keinen Gedanken gehabt hatte, so war er doch der Bruder seines Vaters und ein alter, ergrauter Mann, mit dem man keine Possen treiben darf. Schon schwebte ihm das Wort: »Ich bin der Sohn deines Bruders« auf der Zunge, als der Neger aus der Küche trat. Es widerstrebte ihm, in Gegenwart des schwarzen Gentlemans eine rührende Erkennungs- und Rührszene aufzuführen. Es könne nicht schaden, wenn der große, gefühlvolle Augenblick noch um einen Tag verschoben werde. –]

Oberhalb der breiten Waldschlucht des Flusses lag die grüngraue Prärie, so weit sie zum Grasschnitt benutzt wurde, zaunlos und ohne Grenzscheide. Über der Bellavistaer Gegend ballten sich dunkle Wolken. Jönker, der geflissentlich an Gehörschwäche, aber auch, wenn es angebracht war, an Gehörtäuschungen litt, behauptete bei Gott, ein [später ergänzt: fernes] Grollen zu hören, und trieb zur Eile an. Er lud wie toll, während der Deutsche und der Neger von beiden Seiten auf den Wagen forkten.

Mit einem Male [später ergänzt: erhob Tom ein Gebrüll: »Look out! The big bull got crazy, der große Bulle ist wild geworden. Dann wurde alles still, und der Schwarze war versunken, wie im Erdboden verschwunden.

Über das Gefilde] stob ein mächtiger Stier, und hinter ihm sprengte, die Lederpeitsche schwingend, jene junge Sonntagsreiterin, aber nicht im feuerroten, sondern im grauen, allzu kurzen Werkeltagskleide.

Mit der Forke bewaffnet, sprang Amatus mutig dem Stiere entgegen [später ans Satzende gestellt], welcher bös und brummend die Hörner senkte, aber seitwärts schwenkte.

Bertie Frenzen wiegte sich im kurzen Galopp und rief: »Wenn Sie mir helfen würden, ihn in Ihre Hürde hinein zu treiben!«

Der hilfsbereite Deutsche rannte mit der hoch geschwungenen Forke übers Feld, wie ein Indianer auf dem Kriegspfade anzusehen. Einsam, groß und glotzend stand Jönker auf dem Wagen und fluchte feierlich und sprach ein immer längeres und lauteres Goddam nach dem andern. Tom, der zwischen die Hinterräder gekrochen war und wie ein Gorilla grinste, unterdrückte das Gelächter dadurch, daß er sich den Mund mit Kautabak füllte.

Als der Bulle glücklich in der Hürde war, zupfte die Reiterin ihr kurzes Kleid um zwei Zoll länger und lachte Amatus mit den dunklen Augen und den weißen Zähnen an. »Warum haben Sie sich noch nie bei uns sehen lassen? Fürchten Sie sich vor mir?«

Lächelnd gab er zurück: »Ja, wo solche Augen unter dem Sonnenhut hervorsehen, schaut die Gefahr um die Ecke.«

Da brüllte der Farmer durch die vorgehaltenen Hände. »He! Wer bezahlt mir mein Heu, wenn es verdirbt? Das Mädchen ist Manns genug, um selbst ihren Bullen zu bändigen. Tom, Tom!«

Unter den Hinterrädern kam der Neger hervor und sagte salbungsvoll: »Über ein Kleines werdet ihr mich sehen … Herr, fluchet und sündiget nicht so schrecklich!«

Nach Verlauf von zehn Minuten ritt Bertie über die Prärie und führte den Stier, wie eine Milchkuh, am Lassoseile mit sich. –

Das letzte Fuder Heu war eingefahren. Als Tom verlauten ließ, ob nicht die Beendigung der Ernte durch eine kleine Festlichkeit zu feiern sei, litt der Farmer an großer Gehörschwäche.

In der Frühe des Sonntags bestieg Amatus seine Stute, die durch verständige und milde Behandlung ein brauchbares Tier geworden war, um nach Bellavista zu reiten. Wo der Weg durch den Fluß über eine von hineingeworfenen Steinen gebildete Furt führte, erwachte in Susy die alte, bockige Natur, und sie wollte durchaus den festen Grund und Boden nicht verlassen. Darum stieg der Reiter ab und streichelte das Pferd, bis es sich [später ergänzt: durch Güte] bewegen ließ, seine Schuldigkeit zu tun.

Noch hatte die deutsche Kirche in Bellavista keinen Prediger gefunden, der geneigt gewesen wäre, für ein Gehalt von zweihundert Dollars das Wort zu verkünden und die Sakramente zu verwalten. Deshalb band der Deutsche sein Pferd vor dem Gotteshause der Presbyterianer an.

Ohne daß der er ihr Kommen bemerkt, stand Bertie Frenzen in dem feuerroten Kleide vor ihm. »Guten Morgen, Herr Schüchtern! Mein Vater ist auch ein Deutscher, und wir sind Landsleute, wenn ich auch hier geboren bin und lieber amerikanisch spreche.«

»Sprechen Sie nur amerikanisch!« lächelte Amatus.

»Well, weil Sie von selbst nicht kommen … [später ergänzt: bitte,] holen Sie mich heute Nachmittag zu einer kleinen Wagenfahrt ab! Das ist amerikanisch, nicht wahr?«

Ja, das war von einem fünfzehnjährigen Mägdlein sehr amerikanisch gesprochen; und er zupfte nachdenklich am Schnurrbart, doch nicht darum, weil er an ihrer Aufforderung moralischen Anstoß nahm, sondern aus einem andern Grunde.

»Gern und mit großer Freude täte ich es, Fräulein Frenzen, wenn – wenn ich nur eine Chaise hätte.«

Sie wußte sofort Rat. »Reiten Sie doch zu uns hinüber, dann nehmen wir unsern Wagen.«

Während der Predigt war der Kandidat ein recht unaufmerksamer Zuhörer, denn auf der Bank vor ihm saß das feuerrote Kleid, und das störte seine Andacht, obgleich er sich christlich bemühte, das kaum der Schulbank entwachsene Mädchen für frühreif zu halten. Nach dem Amen aber entschuldigte er Bertie mit ihrer kindlichen Naivität und den freieren Sitten des Landes. –

Mit stolzem, hohem Gang trabte Susy, vor die Frenzensche Chaise gespannt, und das Pärchen fuhr von dannen, zwar ohne Segenswunsch, aber doch mit Wissen der Eltern, die ihren Mittagsschlaf hielten.

Viele törichte Fragen stellte Bertie. Ob es wahr sei, daß jeder zweite Mensch in Deutschland eine Pickelhaube trage? Ob die preußischen Prinzen, die mit zehn Jahren Leutnant [später: Leutenant] würden, schon in der Wiege Uniform an hätten [später: anhätten]? Warum man bei den vielen Denkmälern, den Stand-, Steh- und Sitzbildern, die in Deutschland errichtet würden, nicht auf den schlauen Gedanken gekommen sei, eine Denkmalsfabrik in Berlin oder Blasewitz zu errichten? Natürlich alle Größen der Nation in verschiedenen Größen und zu festen Preisen!

Er [später: Der Deutsche] lachte laut. »Jawohl, die großen Generalfeldmarschälle vier Meter hoch in Bronze, die kleinen Generalsuperintendenten in Sandstein bedeutend billiger.«

»Generalsuper–?« Bertie war baß verwundert, was das für ein Geschöpf [später: für ein Geschöpf ein Generalsuper] sei? Und ob das auch Uniform trage? Eine Viertelstunde lang hatte sie ihren Spaß daran, das komisch lange Wort zu radebrechen, bis sie es ohne Stottern aussprechen konnte: »Ge–ne–ral–su–per–in–ten–dent.« Die kleine Amerikanerin hatte einen tollen Wissensdurst, den der akademisch gebildete Deutsche nicht immer zu befriedigen vermochte.

In Bellavista angekommen, bat sie äußerst schnell und plötzlich ihren Begleiter, Halt zu machen und das Pferd am Pfosten anzubinden. Etwas baff und fragend sah er sie an.

Bertie nickte [später ergänzt: höchst] ungeniert: »Ich will auf einen kleinen Augenblick aussteigen.«

Er nickte ein langgedehntes »All right« und blieb in eignen Gedanken ruhig sitzen, ohne ihr mit den [später ergänzt: dezenten] Augen zu folgen.

Fräulein Frenzen stand auf dem Holztrottoir und brach in ein helles Gelächter aus. »Ja, hier ist eine Konditorei … weil Sie so freundlich gegen mich gewesen sind, will ich Schokolade und Kuchen für Sie ausgeben.«

Amatus, der so an seine Gentlemanspflicht sich erinnern lassen mußte, wurde feuerröter als ihr Kleid und machte einen Luftsprung aus dem Wagen auf den Bürgersteig hinüber.

Alles, was des Mägdleins Herz begehrte, hat er bestellt und bezahlt. Und Fräulein Frenzen brachte es fertig, für einen Dollar Schokolade, Kuchen und Konfekt zu verzehren.

Sittsam wie die Ausfahrt war die Rückkehr, obgleich der flüsternde Abend, der verschwiegene Versucher aller jungen Herzen, niedersank. Der junge Mann strich, vielleicht nicht zufällig, über etwas Handschuhloses und Hellbraunes [später ergänzt: zart und leise hin] – und erhielt in demselben Augenblick einen festen Schlag auf die Finger.

Da hielt der Wagen, und Susy stand, die Füße in den Grund gestemmt, in ihrer bockigen Stellung. Es war genau der Fleck, wo die Wege nach der Frenzenschen und der Jönkerschen Farm sich trennten. Susy wollte um keinen Preis nach links.

Darum sprang Bertie von ihrem Sitz und lief rücklings, geschickt und graziös, immer grüßend und lachend, ihrer Farm zu.

Amatus kam mit seiner eignen Stute und einem fremden Wagen heim. Obgleich Susy ihn schwer geärgert hatte, züchtigte er sie nicht. [später ergänzt: –]

Der Montag [später: Montagmorgen] hellte sich. Tom Lincoln schnarchte auf der Küchenbank und reagierte weder auf Rütteln noch Nasengekitzle. So nahm der Deutsche zu einem Wassergusse seine letzte und erfolgreiche Zuflucht.

Der Neger reckte sich und flüsterte: »Haben Sie vielleicht einen Tropfen Whisky in ihrem Koffer? So Gott will, haben Sie es … ich habe mir gestern einen guten Tag gemacht.«

»Bei der Heilsarmee?«

»Mensch, was meinen Sie!«

»Mensch!« gab Amatus erschrocken zurück, »wissen Sie nicht mehr, wo Sie sind? Woher in Kansas Whisky nehmen?«

Tom seufzte kopfschwer: »Die es bezahlen wollen und können, kriegen auch im Temperenzlande alles [später ergänzt: , was sie wünschen,] für schweres Geld.«

Das war dem Deutschen etwas Neues, worauf seine Gedanken oft und unwillkürlich zurückkamen. Doch fragte er den Neger nicht näher aus. Und als er sein Abendgebet sprach, fluchte er, ja, er fluchte, von einem heiligen Zorn ergriffen: »Der Teufel soll es [später: Satanszeug] holen! Hier glaubte ich mich sicher vor der verruchten Alkoholseuche der Menschheit.« Er zwang seine Gedanken, nicht daran zu denken, daß es Whisky in Kansas gäbe, und erneuerte den Entschluß, das Temperenzgesetz des Landes nicht zu übertreten.

Unter diesem Abendgebet faßte ihn auch eine Reue, daß er gestern für Bertie Frenzens Schleckereien einen ganzen Dollar vergeudet. Vier Mark! Wenn er die seiner Mutter nach Norderhafen gesandt hätte, wie würde die sich gefreut und das Geld nützlich angewandt haben! Teure Wagenfahrten und dergleichen törichte Dinge wollte er in Zukunft meiden. Das war sein zweiter Entschluß. –

Das Barometer sank. In möglichster Eile sollte der gemähte Weizen in Diemen gefahren werden. Amatus hatte sich am Brote satt gegessen, schluckte hastig den letzten Bissen und ließ das Schweinerne unberührt stehen. Auch er hegte jetzt den Wunsch, die jüdischen Speisegesetze in die christliche Religion aufzunehmen.

Über die Ackerfläche des tiefschwarzen und furchtbaren Flußbodens fuhr der Wagen die Hockenreihen auf und ab. Hochoben stand Tom und legte die Garben, und der Neger hielt [später ergänzt: plötzlich] inne und die Hand über die Augen.

»Zum Donnerwetter, was guckst du? Mach zu!«

»Herr, ich sehe einen Mann, der sich drüben beim Hause zu schaffen macht.«

»Hast du alle Türen verschlossen?«

»Yes, Sir … nun hat er uns gesehen und kommt übers Feld.«

»Laß ihn in Gottes Namen kommen und mach' in des Teufels Namen nur zu, nur zu!«

Der Mensch, der näher schlenderte und [später ergänzt: lässig] zum Hute griff, ohne ihn abzunehmen, war [später entfallen: sehr] zerlumpt.

Jönker brummte leise: »Ein Tramp! Ich gebe Landstreichern keinen Cent!« Und laut und barsch fuhr er den Fremdling an: »He! Was wollen Sie? Arbeit? He?«

Der Zerlumpte, der das Englische gebrochen sprach, zeigte auf sein umbundenes Handgelenk, das er sich beim Heumachen verstaucht haben wollte, und hat um eine Kleinigkeit.

Es ist nicht schwer, aus der Eigentümlichkeit der [später: seiner] Aussprache die Herkunft eines Eingewanderten herauszuhören. Jönker stutzte und fragte: »Sind Sie ein Däne?«

»Nein, Nordschleswiger.«

Nun hörte auch Amatus auf zu arbeiten und horchte.

»Woher denn da?«

»Aus Apenrade.«

»Soso! Und warum sind Sie aus Nordschleswig fortgegangen?«

»Ich wollte nicht bei den Preußen drei Jahre dienen.«

Jönker sah ihn an und summte und griff großmütig in die Tasche und gab, nachdem er ein paar Mal das Geldstück gedreht, ehe er sich davon trennen konnte, dem Landstreicher die Münze.

Amatus gewahrte, daß es ein Vierteldollar war, und war starr vor Staunen.

Eilig machte sich der Tramp von dannen, als ob er fürchte [später: fürchtete], [später entfallen: daß] der Geber [später ergänzt: könne] sich versehen und vergriffen haben [später hier entfallen: könne].

Dieser Vorgang und die unerklärliche Großmut des Geizhalses ging dem deutschen Nordschleswiger während des ganzen Vormittages durch den Kopf.

[Später entfallen: Nach beendetem Mittagsmahle sagte der Farmgehilfe plötzlich und unvermittelt:] [Später ergänzt/anders: In dem verschrumpften Herzen des alten, verknöcherten Mannes zuckte noch klein und schwach eine bessere Regung, selbst in der Brust war ein Heimatgefühl nicht ganz erloschen. Amatus bereute seine zu weit getriebene Verstellungskunst und gab sich seinem Oheim zu erkennen:] »Herr Jönker, Sie sind Nordschleswiger.«

Unter den grauen Brauen schoß ein schräger, mißtrauischer Blick zu ihm hinüber [später: hervor]. »[Später ergänzt: Hm,] D/darf ich das nicht sein?«

» O, dann sind wir ja [später: Wir sind sehr nahe] Landsleute … ich stamme von Arup oben an der Grenze.«

Das hagere Gesicht zog sich in die Länge und blieb so mit halb offnem Munde stehen. »Von Arup? [Später entfallen: Kennen Sie auch das Dorf Hellebäck?«

»Gewiß, dort hatte mein Großvater Berg einen Bauernhof.«

Der Farmer schnellte empor. »Ihr Groß–va–ter? Good heavens! Himmel! Himmel! Wie wunderbar! Kommen Sie mit ins Haus hinüber!«

Eilig voraus rennend, bis er außer Hörweite des Negers war, blieb er auf der Veranda stehen und sah Amatus ins Angesicht und legte beide Hände auf seine Arme. »Ist das möglich? Ich habe Sie immer bei Ihrem Vornamen Amatus genannt, aber weiß doch von der Predigerwahl her, daß Sie Junker heißen, nicht wahr? Und Ihres Vaters Vorname?«

»Mein Vater heißt Hans Junker und war Totengräber in Arup.«

Der Farmer ließ die Arme schlaff herabfallen und schnappte nach Worten. »Du … du bist mein Brudersohn … und ich bin Tycho Junker … hast du von dem gehört?«

Amatus zitterte so, daß er sich an die Verandasäule lehnen mußte, und war dermaßen kopflos, daß er die sinnlose Frage stellte: »Der Onkel Tycho … der … in der Schlacht bei Schleswig fiel?«

»Nein, wenn ich erschossen wäre, stünde ich nicht lebendig hier … ich bin damals von den Dänen, für die ich nicht mein Leben riskieren wolle, desertiert.«

»A–ber«, stotterte Amatus, noch immer fassungslos, »Sie – Sie heißen doch Jönker …«

»Das ist ja nur die amerikanisierte Aussprache des deutschen Junker.« Tycho strich sich das Kinn, versuchte zu lächeln und wiegte den Kopf. »Eine ganz unglaubliche Geschichte, wenn sie nicht wahr wäre! Mein leiblicher Brudersohn will hier Pastor werden und wird farmhand bei mir. Und meinem Bruder geht es gut? Und Monika?«

»Ja, mein Vater ist Gerichtsdiener in Norderhafen.«

»Geschwister hast du?«

»Zwei Schwestern.« Amatus wurde immer gerührter. »Onkel, wie werden sie erstaunen, wenn ich das nach Hause schreibe.«]

[Später ergänzt im Anschluß an die Frage »Von Arup?«: Wie heißt du denn?« Er hatte seinen Gehilfen stets nur Amatus genannt, wie das auf der Farm üblich ist, und auf den Zunamen nicht geachtet.

Jetzt kam der Effekt: »Wir sind sogar sehr nahe Verwandte … mein Vater heißt Hans Junker und war Totengräber in Arup und ist Ihr Bruder.«

Der Alte streckte nicht die offenen Arme aus, sondern prallte zurück mit einem unsagbar argwöhnischen Blick und pfiff durch die Zähne. »Sieh, das Grünhorn scheint ein ganz smarter Kerl zu sein … du hast doch wohl in meine Farm verliebt, mein Sohn? Da kann jeder kommen und sagen: Mister Jönker, ich bin Ihr Neffe aus Nordschleswig und verspüre große verwandtschaftliche Zuneigung d.h. Neigung, die Farm und das Vieh einmal zu erben. Mein Brudersohn willst du sein? Junker heißen viele. Hast du darüber Ausweispapiere?«

»Ja, Gott sei Dank, ich habe Ausweispapiere, von Ihrer eignen Hand geschrieben.« Amatus holte den Brief, den Tycho an seinen Bruder gesandt hatte, aus der Tasche. Das war eine zweifellose Legitimation des neuen Neffen, aber der Farmer öffnete noch nicht seine Arme, sondern brummte: »All right, er ist mein Brudersohn … aber warum hat der Schlingel einige Wochen lang herumspioniert und Komödie mit mir gespielt?«

»Lieber Onkel, warum hast du 38 Jahre lang den Toten gespielt und dem leiblichen Bruder keine Zeile geschrieben?«

»Es hatte seine Gründe!« Jönker zupfte den Neffen am Ohrläppchen. Das wollte eine Liebkosung sein und war das einzig Gefühlvolle an dieser Erkennungsszene. »Well, ich habe gesehen, daß du kein Faulpelz bist, sondern die Fäuste gebrauchen kannst. Du wirst natürlich bei mir bleiben und wie mein Sohn gehalten werden, aber arbeiten mußt du wie bisher.«

»Jawohl, und bezahlt wird meine Arbeit auch wie bisher.«

»Was? Du bist doch nicht mehr mein Farmknecht, sondern mein Sohn und Erbe … wir stehen nicht in einem Dienst- und Lohnverhältnis, sondern ich bestreite alle deine Bedürfnisse!«

Der Oheim suchte aus dem neuen Verwandtschaftsverhältnis seinen Vorteil zu ziehen und fing schnell ein anderes Thema an. »Was hast du denn von deinem Onkel Tycho zu Hause gehört? Wohl nicht viel Gutes?«

»Ich hörte, daß Onkel Tycho in der Schlacht bei Schleswig gefallen sei.«

»Nein, Gott sei Dank nicht … wenn ich erschossen wäre, stünde ich nicht lebendig hier … sie glaubten alle, daß ich gefallen wäre, und sie sollten es glauben … ich bin damals von den Dänen, für die ich nicht mein Leben riskieren wollte, desertiert.«

Tycho [später entfallen: aber] hatte die Erregung und Überraschung verwunden und die Ruhe des Gemüts wiedergewonnen. »Ja, bis die Gäule gefressen haben, kannst du mir [später ergänzt: von zu Hause] erzählen, aber ein bißchen schnell!« Nach alten Bekannten erkundigte er sich [später ans Satzende gestellt], von denen die meisten schon tot waren.

Zuletzt stellte der Neffe die Frage: »Du wurdest von allen tot geglaubt … wie ist das zugegangen in der Osterschlacht, daß man dich für gefallen hielt?«

»Ja, das ist eine eigene und kuriose Sache.« Tycho schmunzelte und sah nach der Uhr. »Aber jetzt haben wir dazu [später: zum Schwatzen] keine Zeit. Heute abend nach Feierabend will ich es dir umständlich erzählen, jaja, hihi … wie ich in der Schleswiger Schlacht fiel und nicht tot, nicht einmal verwundet war und den Dänen entwischte.«

Des Neffen Geduld wurde bis zum Abend auf eine lange Probe gestellt.

Endlich dunkelte die Julinacht, die Leuchtkäfer zogen wie Glühfäden durch die Luft, und die Mücken surrten. Tycho zündete sich die Pfeife an, paffte bedächtig und erzählte zwischen den langsamen Zügen in abgerissenen Sätzen.

»Ich war [später entfallen: ja] in die Uniform gesteckt worden und mußte mit … aber wollte doch nicht für die Dänen, die ich haßte, mein Leben zusetzen … der Mensch hat ja nur eins zu verlieren. Zu gefährlich [später ergänzt: , zu lebensgefährlich] geht's im Kriege her … lange hatte ich darüber spintisiert und spekuliert … als die Kanonen krachten und die Kugeln pfiffen, faßte ich mir ein tapferes Herz und den festen Entschluß, es zu versuchen. Bei dem Dorfe Busdorf flohen wir vor den Preußen … ich war der erste …«

»Auf der Retirade?« flickte Amatus ein, während der Erzähler paffte.

»Ja, natürlich auf der Flucht … ich sprang tief gebückt, um den Kugeln möglichst wenig Zielscheibe zu bieten, über das Feld … beim Überklettern eines hohen Knicks kam ich von ungefähr und mit Absicht zu Fall und schlug längelang hinter demselben hin, so geschickt und glücklich, daß ich im Graben zu liegen kam, der mich gegen Kugeln schützte … ein, zehn, zwölf Dänen oder Preußen traten und trampelten auf mich … ich gab keinen Auwehlaut und kaum einen Atemzug von mir, sondern lag mäuschenstill und wie mausetot … das Getümmel und Geknalle verzog sich in der Ferne nach Schleswig hinüber … und ich blieb immer, ohne mich zu rühren, liegen …«

Der Neffe bezwang das Lachen nicht, »Haha, und du warst nicht einmal verwundet.«

»Nein, Gott sei Dank nicht! Meinst wohl, ich sei ein schlechter Held gewesen … für die verdammten Dänen wollte ich nicht Kanonenfutter sein … und acht Stunden lang in einem nassen Grabe auf dem Bauche liegen, ist auch ein Heldenstück, das ich tapfer ausgehalten habe.« Der Onkel schmunzelte verschmitzt und schmauchte.

»Wurden denn die Verwundeten nicht in die Lazarette geschafft?« fragte Amatus.

»Ja, ein paar preußische Ambulanzen gingen an mir vorüber und sagten: ›Der da ist schon fertig‹ , und gaben dem toten Hannemann, der keinen Ton von sich gab, einen Stoß mit dem Fuße. Als es ganz dunkel und still geworden, steckte ich mein bißchen Geld, das ich zum Glück in meinem Tornister trug, zu mir …«

»Haha! Und wir schüttelten uns vor Grauen bei dem Gedanken, daß Hyänen des Schlachtfeldes den schwer verwundeten Onkel Tycho ausgeplündert hätten.«

»Es war nicht zum Lachen, mir klapperten die Zähne [später ergänzt: im Munde] … Gewehr und alles ließ ich liegen und kroch auf Händen und Füßen zwischen Toten und Halbtoten hindurch, bis ich das grausige Schlachtfeld hinter mir hatte. Denn lief ich, so rasch ich laufen konnte, an drei Meilen, bis ich beim Taggrauen [später: Tagesgrauen] einen Heidehof traf. Der Bauer gab mir für gutes Geld einen Lodenrock und ein Paar Linnenhosen … ohne angehalten zu werden, entkam ich nach Hamburg und von da nach Amerika.«

»Aber, Onkel, warum hast du niemals deinen Geschwistern geschrieben?«

»Ja, es unterblieb …« Der alte Mann stopfte verlegen die Pfeifenasche. »Das … das erzähle ich dir vielleicht ein andres Mal … du bist übrigens deiner Mutter Sohn dem Gesicht nach … wie sieht [später ergänzt: die schöne] Monika jetzt aus? Ist wohl eine alte Frau?«

»O, meine Mutter sieht [später: macht sich] noch immer sehr gut [später entfallen: aus] für ihre Jahre.«

»Hm, hm, sie war als junges Mädchen sehr schmuck.« Jönker schien in Jugenderinnerungen zu versinken und schwieg.

Amatus weckte ihn. »Wie erging es dir in Amerika?«

»Hier war noch die volle Wildnis, die Wichita-Indianer hausten ringsum und hatten das Land [später ergänzt: in Besitz] … ich war in dieser Gegend bis Bellavista, wo eine Haltestelle der Arizona-Post sich befand, der dritte weiße Ansiedler. Mein bißchen Geld genügte, um ein paar tausend Äcker Land zu kaufen … ja, Grund und Boden war damals billig. Das beste Land an der Creek habe ich von einem Indianer-Häuptling für zwei Flaschen Whisky erstanden … zum Glück konnte der Kerl noch eben auf den Beinen stehen, als der Kauf im Landamt eingetragen und gültig gemacht wurde. Der Beamte allerdings war vorher mit einem Zwanziger geschmiert worden. Die 640 Äcker drüben bei der Höllenschlucht bekam ich auch für einen Spottpreis, nämlich für eine silberbeschlagene Pfeife, von einer andern Rothaut. Ja, das waren noch gesegnete Zeiten für den Einwanderer … jetzt wird für das Land 5 – 10 Dollar pro Acker bezahlt.«

Amatus hatte das pfiffig fröhliche [später: pfiffig-fröhliche] Gesicht seines Vaters. »Lieber Onkel, dann bist du ja ein wohlhabender Mann und ein Goldonkel im wahren Sinne des Worts.«

Aber da traf er [später: Da traf er aber] eine empfindliche Stelle des alten Mannes, der den Rauch von sich blies und unbehaglich brummte: »Bilde dir nichts ein! Meine Kleidung und meine Blockhütte zeigen, wie vermögend ich bin … zu viel Vieh ist mir krepiert, und die Ausgaben sind so ungeheuerlich, daß man auf keinen grünen Zweig kommt.«

Der Neffe unterdrückte ein stilles Lächeln und kam nicht mehr auf den Punkt zurück, der bei Leuten, die als geldlieb und geizig verschrieen sind, ein Rührmichnichtan ist. – – –

Der Weizen war gedroschen und nach Bellavista gefahren. Amatus sah, wie der Onkel eine Handvoll Banknoten in die Tasche steckte, und benutzte die günstige Gelegenheit, seinen bisher verdienten Lohn zu erbitten.

Völlig verwundert sah Tycho ihn an und sagte: »Lohn? Davon kann doch zwischen dir und mir, zwischen Onkel und Neffe nicht die Rede sein.«

Der junge Mann wurde eindringlicher: »Ich muß aber Geld haben und habe noch keinen Pfennig bekommen.«

Der Alte wurde liebevoll und offenherzig: »Siehst du, das bißchen, was ich habe, wird dir einmal als Erbe zufallen … jaja, das ist ein Wort … meine Hand darauf!«

»So Gott will, wie Tom sagt, sind das noch sehr, sehr lange Aussichten, davon ich nicht leben d.h. mich kleiden kann. Ich brauche notwendig Geld.«

Der Onkel griff in die Tasche. »Einen Fünfer?«

»Nein, was wir abgemacht haben.«

»Sagen wir einen Zehner?«

Noch energischer klang das Nein.

»Na, dann fünfzehn Dollars … das andre ersparst du dir mit vier Prozent Zinsen, die ich zahle.«

Der niedrigste Zinsfuß in Bellavista war fünf vom Hundert.

»Nein, fünfundzwanzig muß ich mindestens haben.«

Tycho machte einen Hopser und wand den Oberkörper – in dieser Geste war [später: fiel] eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ihm und seinem Bruder Hans Gerichtsdiener in die Augen [später entfallen: fallend].

Amatus erhielt nach langem Dingen und Dringen endlich die gewünschte Summe, die der Onkel ihm mit den spöttischen Worten reichte: »Hier ist das viele Geld … nun kannst du dich wie ein Gentleman kleiden und Bertie Frenzen ein [später ergänzt: nobles] Geschenk machen.«

Tycho Junkers Neffe eilte nach dem Posthause, wo er einen Brief abgab und gleichzeitig sechzig Mark nach Norderhafen sandte. Ein Geschenk für Bertie wurde nicht gekauft, sondern nur einige notwendige Kleidungsstücke.

Im Laden traf er Berties Vater, der außergewöhnlich freundlich ihn begrüßte und bald mit jovialer Herzlichkeit seinen Arm unter den des jungen Mannes schob.

Bei den Bauern der neuen sowie der alten Welt werden erst die Wetteraussichten, die Korn- und Schweinepreise besprochen.

Als das erledigt war, kitzelte Frenzen den Farmgehilfen seines Nachbars mit dem Zeigefinger und kicherte. »Hihi! Sie Glückspilz! Ich gratuliere von Herzen … wie man hört, haben Sie Ihren Onkel hier ganz unvermutet gefunden … das ist besser als ein Goldfund in Kalifornien … der olle Knick–, excuse me, der alte Herr ist unter Brüdern seine 15 000 wert … ja, ein Goldfund, Sie Glückspilz!«

Als Amatus darauf nichts antwortete, wurde die dicke Stimme gedämpft und vertraulich. »Hat er es noch nicht schriftlich fest gemacht [später: festgemacht], daß Sie ihn beerben sollen?«

Der Deutsche gab mit Gleichmut die amerikanische Erwiderung: »I guess not, ich denke, nicht [später: denke nicht].«

»Nein? Wie alt mag der alte Knicker–bocker sein? Hoch in den sechzigern [später: Sechzigern] gewiß … er könnte sterben, ohne daß Sie etwas schwarz auf weiß in der Hand haben. Das geht nicht, mein Freund. Ich will's schon schlau anfangen und es ihm fein und von hinten herum beibringen, daß er ein Testament machen muß.«

»Ich bitte Sie um alles in der Welt, [später ergänzt: nur] das nicht zu tun.«

Frenzen schlug sich auf den Schenkel und grunzte: »Well, well, wie Sie wollen.« Nach einer Weile sagte er: »Ich habe Durst, junger Freund … wollen wir gehen und eins trinken?«

Amatus war zu höflich, um die Einladung abzuschlagen, aber auch entschlossen, Berties Vater in dem Kaffeehause seinerseits nicht zu traktieren.

Der jedoch führte ihn an der Konditorei vorbei.

»Ja, was wollen wir denn trinken, Wasser am Brunnen?«

Der Farmer lächelte schlau und schmatzte: »Nein, etwas Besseres [später: besseres] und mehr Belebendes [später: belebendes] … ein Täßchen Kansasthee [später: Kansastee]!«

» Kansasthee [später: Kansastee]? Was ist das?«

»Sie werden sehen, ob er Ihnen schmeckt.« Frenzen zog das Taschentuch – die wenigsten Kansasfarmer haben eins – steckte das ganze Gesicht hinein und putzte geräuschvoll die Nase.

Er führte den grünen Neuling über einen schmutzigen Hof und in ein abgelegenes Hinterhaus, das keinerlei Firmenschild noch Inschrift trug und sehr wenig appetitlich aussah.

Drinnen im kahlen, mit Sägespänen bestreuten Zimmer war eine Tonbank mit Selters- und Limonadenflaschen darauf, hinter denen ein dicker, rotgesichtiger Mann in schmutzig-weißer Schürze stand und stumpfsinnig glotzte.

»Hallo, Pit, ich führe diesen jungen Mann, Mister Jönker, bei Ihnen ein.«

Ein heiseres Grunzen. »Sehr willkommen! Womit kann ich dienen?«

»Zwei Kansasthees [später: Kansastees]!«

Der Theewirt [später: Teewirt] holte aus einem verschlossenen Verschlage einen Theetopf [später: Teetopf] hervor und goß zwei weiße Täßchen voll von einer braunen Flüssigkeit.

Amatus wunderte sich, daß Frenzen mit ihm anstieß, hielt es aber für einen Scherz, der unter den deutschen Temperenzgegnern üblich sei. Dann nahm er einen Schluck – pfui Teufel! Seine Lippen sprudelten und spieen das Getränk weit von sich, und seine Zunge sprützte, um keinen Tropfen zu verschlucken.

Der Kansasthee [später: Kansastee] war brauner, beißender, schlechter, scheußlicher Whisky, und das Haus eine heimliche Alkoholspelunke.

Frenzen setzte erschrocken das klirrende Täßchen hin und erging sich in Entschuldigungen. »Was habe ich gemacht! Ich wußte nicht, daß Sie strenger Wassermann sind. Ist auch ein fürchterlicher Fusel!« Um seinen Zorn zu zeigen, goß er seinen Whiskyrest auf die Sägespäne und fluchte.

Amatus eilte aus der Schenke, und der Wirt lief ihm watschelnd nach.

»Herr, lieber, bester, edelmütiger Herr, Sie werden mich nicht ewig unglücklich machen und mich anzeigen … ich bin Familienversorger und Vater von sieben Kindern.«

»Pit, du lügst, es sind nur fünf, die zwei sind nicht dein, sondern uneheliche Kostkinder.« Frenzen machte seinem Ärger Luft und ließ ihn an dem Wirte aus.

Amatus Junker hatte sein Enthaltsamkeitsgelübde gehalten und fuhr mit seinem Oheim nach Hause. Auf dem Wagen saß er frohgemut und pfiff eine lustige Weise.

Tycho kniff das schlaue Auge zu. »Du bist wohl in Bellavista Bertie begegnet?«

Nein, darum jubelte nicht das Herz des jungen Mannes, sondern das starke Trutzlied des Seelenkampfes und -sieges sang und klang in ihm.

Als er aber auf sein Maislager sich [später nach er] hinstreckte, legten sich die hohen und stolzen Töne zu einer fein demütigen Stille, und die Hände faltend, dankte er innig und inbrünstig seinem Gott, der allein ihm eine neue und große Kraft zum Überwinden gegeben.

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