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Der Muttersohn - Band II

Johannes Dose: Der Muttersohn - Band II - Kapitel 4
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typefiction
authorJohannes Dose
titleDer Muttersohn ? Band II
publisherM.-G.-Schmitz-Verlag / Nordstrand
editor
year2010
isbn9783938098547
firstpub2010
correctorreuters@abc.de
senderM.-G.-Schmitz-Verlag / Nordstrand
created20100813
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Sechster Abschnitt: Des Arztes Todesurteil.

In der Dachwohnung des Pappeltals war seit Tagen so tiefe Stille, als sein ein Gestorbenes im Hause. Aber das Tote lag im starren Herzen, und die große, gestorbene Hoffnung wurde in trostlosem Schmerz immer wieder von neuem begraben. Kein Weinen ward laut, weil die allertiefste Not keine Tränen hat.

Plötzliche Düsternis warf der Abend in die Stube, ein Regenschauer rasselte am Fenster, die Hände lagen reglos, und Monika schaute in die steigende Nacht hinaus. In ihrem sonnenarmen Leben nächtete es jetzt am schlimmsten und schwärzesten, und es konnte nicht mehr licht werden, und der weiße, frostharte und freudlose Winter des Alters kam.

Durch die Stille klang ein leises, unterdrücktes Schluchzen. Aus den Augen der Blinden fielen endlich die ersten Tropfen.

Nicht ohne Neid hörte Monika hinüber und sagte: »O Friedlinchen, du kannst weinen.«

»Mein Bruder ist dennoch gut … wir müssen ihn noch heißer lieben als bisher.«

»Ja … aber wo bleibt er? Seit Mittag treibt er sich draußen herum … wenn er aus Verzweiflung der Versuchung unterläge …«

»Nein, Mutter, Gott wird ihn nicht verlassen.«

Friedline und die Mutter warteten. Als der Regenguß aufhörte, blickte durch zerfetzte Wolkenreste die Mondsichel zu ihnen herein.

Hans Gerichtsdiener kam die Treppe hinauf, in den großen, geschmierten Stiefeln schwerfällig müde [später: schwerfällig-müde] tretend. Aber in der Stube strammte er sich auf und erzählte: »Die höhnischen Schreiber fragten mich, ob der Kandidat jetzt große Ferien habe, aber [später nach dem Verb] sie kamen an den Rechten, und ich antwortete keck: Mein Sohn wird Hauslehrer und hat beschlossen, den höheren Lehrerberuf zu ergreifen.«

»O, wenn er [später ergänzt: nur] eine Hauslehrerstelle hätte … aber wer wird seine Kinder einem entlassenen Kandidaten anvertrauen?«

Zu dreien saßen sie im fahlen, kalten Licht des Mondes und spürten keinen Hunger und keinen Trieb zu irgendwelcher Tätigkeit. Ein Totes war ja im Hause.

Seit Mittag lief Amatus, von der Unruhe aus dem Hause getrieben und planlos weiter gespornt, ein paar Meilen übers Land auf wenig begangenen Wegen. Hier konnte er unbesehen und unbeschrieen gehen, während er in den Straßen der Stadt überall schadenfröhliche Blicke zu sehen meinte.

Als er um acht Uhr heimkam, trat die Mutter mit den weit offnen Augen der Besorgnis dicht an ihn heran, aber [später: jedoch] sie merkte nichts und atmete tief auf: »Gott sei Dank! Ich fürchtete schon, weil du so lange ausbliebst.«

»Nein, liebe Mutter, du brauchst nichts zu fürchten, jetzt ist keine Neigung zum Trinken … und nicht die Zeit.«

»Nicht die Zeit! Amatus, daß du Monate lang stark und treu und du selber bist, und dann ein andrer, fremder Mensch … ich faß es nicht, mein Sohn.«

Er schrie auf: »Ängstige mich nicht! Ich stehe entsetzt vor der dunklen Sphinx meiner Seele und sehe den unlösbaren Widerspruch meines Selbst, als wären zwei Wesen in mir.«

Ermüdet vom Lauf, hatte er sich ins Bett gelegt, und die Mutter saß bei ihm und hielt seine Hand, während er ihr unter Tränen seine Not und seine Sünde klagte. »Wer wird mich erlösen von dem Pfahl in meinem Fleische und dem Stachel in meiner Seele?«

»Mein Amatus, ist dieses Elend, das dich zuweilen überfällt und niederwirft, nicht ein Stachel, mit dem Gott um einer andren Sünde willen dich straft und schlägt? Hast du nicht in Hoffahrt dein Haupt erhoben?«

»Ja, der Zulauf der Leute wird mir geschmeichelt haben … aber ich weiß, wenn ich hochfahren will, was mich hinterrücks [später entfallen: stäupt und] niederstößt in den Staub … o, ich elender Mensch schleppe die eine, eiserne Kette der Unfreiheit.«

Die arme Mutter erhob Klagen und Anklagen. »Was nun? Was nun? Wir haben auf der Schule und der Universität umsonst gearbeitet.«

»Ja, mein Leben war eine lange, mühevolle Saat, die ein Hagelwetter erschlug, als sie zur Ernte reifte.«

»Woher kommt das, das Messen mit ungleichem Maße?« fragte sie bitter. »Hier in Norderhafen sind Mediziner und auch Theologen [später ergänzt: genug] gewesen, die viel schlimmere Ausschreitungen begangen haben und vor Gott schmutziger sind als du; aber sie sind dennoch zu Amt und Brot gekommen.«

Er zuckte die Achseln. »Ja, einige können Ungehöriges machen, und kein Hahn kräht danach, während bei mir sofort alle Eulen krächzen.«

»Du bist eben armer und einflußloser Leute Kind«, sprach Monika hart.

Aber der Sohn antwortete maßvoll: »Es mag ja richtig sein [später anders: steht ja fest], daß über einen Gerichtsdienersohn ohne weitgehende Barmherzigkeit und mit größerer Leichtigkeit ein Strich gemacht wird [später ergänzt: , als wenn es sich um einen Propstensohn handelt] … doch das Messen mit zweierlei Maß wird sein, so lange Menschen menschlich sind. Liebe Mutter, weil andre nicht ganz gerecht gewesen, dürfen wir nicht unbillig werden … ich suche in mir die Ursache meines Falls. Habe ich mich nicht gegen das Amt, von dem die Behörde eine tadellose, wenn auch rein äußerliche Ehrbarkeit fordert, offenkundig vergangen? Ja, ich leide nicht unschuldig. Heute habe ich alle Tiefen meiner Seele durchforscht und meine Schuld gefunden. Ursprünglich wollte ich nicht Theologe werden und hätte es nicht werden dürfen … ohne zwingende, hinreißende Überzeugung habe ich nach dem geistlichen Beruf die Hände ausgestreckt … das ist meine Schuld.«

»Barmherziger Heiland! Du glaubst nicht, was du gepredigt hast?«

»Ja, ich glaube an Gott, welcher Gnade ist, und an Christum, der diesen Gott rein und lauter verkündet und gelebt hat … ich nehme in kindlichem Glauben die tröstliche Wahrheit, weil ich in der undenkbaren Ungewißheit der Welt keinen andern Weg noch Ruheort weiß. Auf dieser Wahrheit will ich leben und stehen und sterben. Aber die Kirche, die das rein Vernunftmäßige verwirft und trotzdem mit oft törichter Weisheiterei das Wie Gottes und seiner Wege bis ins einzelne hat ergründen, erklären und in feste Dogmen pressen wollen – die Dogmatik läßt mich sehr kalt. Ihre Beweise konnten mich nie überzeugen, weil das Ewige nun und nimmer verstanden, geschweige denn bewiesen wird … und dennoch wollte ich ein Diener dieser Kirche und ihrer Dogmatik werden … das ist meine Schuld und meines Scheiterns Ursach.«

Die Mutter küßte ihn innig. »Was wollen wir nun, mein armer Amatus?«

»Wenn ich nur ein wenig Vermögen hätte, würde ich Bauer … eine unmögliche Utopie! Darum will ich ruhig und verständig überlegen, welchen Beruf ich ergreifen, und wie viel ich aus dem Schiffbruch retten kann.«

In der Nacht konnte Frau Junker nicht einschlafen, und [später: auch] ihr Mann schlug nach kurzem Schlummer die Augen auf und lag wach neben ihr.

Plötzlich klang ein Schniefen und Schluchzen. »Mutter, das hat er von mir … die Sünden der Väter werden heimgesucht an den Kindern … Gott sei mir armen, alten Manne gnädig!«

Sie beugte sich weit hinüber und streichelte die grauen, dünn gelichteten Haare. »Ist Gott nicht in deiner Schwachheit sehr stark geworden und dir ein gnädiger Gott gewesen?«

»Ja, ja!« Hans richtete sich jählings auf und redete mutig: »Mutter, er wird es einmal gleich wie ich überwinden … in diesem Augenblick hat Gott es mir gesagt!« – –

Amatus kannte den Schritt auf der Treppe und schlüpfte eilig in die schräge Kammer hinein, weil er sich vor Silly schämte. Aber die Kousine öffnete die Tür und zog ihn an der Hand in die Stube.

Obgleich ihr Antlitz tief bekümmert war, schaute sie ihm mild und freundlich in die Augen. »Du brauchst dich nicht zu verbergen und hast keinen schlechten Streich begangen, der auf dem Charakter des Menschen ein unauslöschliches Mal hinterläßt. Was du getan, ist wie ein Schatten, der augenblicklich dein Gemüt verdunkelt, aber bald verschwinden und von Menschen vergessen wird.«

»Wie geht es deinem Vater?« fragte er.

»Sehr schlecht! Ich bin hierher gelaufen, weil ich mit meiner Angst allein zu sein nicht länger ertrug. O, Tante Mona, komm [später ergänzt: noch] heute zu uns! Mein Vater ist viel kränker, als der Arzt mir sagen will.«

Frau Junker war sofort bereit, zu ihrem Bruder zu gehen, und nahm Amatus mit.

Der Hardesvogt saß, von Kissen gestützt, fast aufrecht im Bette, um der Atemnot willen, die ihn peinigte. Das grau-fahle, gerunzelte Gesicht, der gemarterte Blick und das blasende Luftholen machte den Eindruck eines gebrochenen Menschen und wirkte erschütternd auf die Schwester, die seine Hände faßte. Wie eisig sich die Finger anfühlten!

»Mein Bruder!«

»Ja, nun ist das Lied und Leid bald zu Ende.« Er preßte die Hand auf die Brust. »Hier sitzt mein Tod … plötzlich wird mir, als wenn das Herz ausquelle und alles Blut ins Gehirn mir schieße … der Atem steht still, eine grausige Angst packt mich, daß ich ersticken und nicht mehr erwachen werde, bis dann die Bewußtlosigkeit mich umfängt … ach, Monika, ich erwache wieder und sterbe täglich, mehr als einmal täglich.«

»Was mußt du [später ergänzt: Ärmster] leiden! Wenn ich doch einen Teil der Schmerzen dir abnehmen könnte!«

Er starrte sie ungläubig an. »Das … tätest du für mich? Einen Teil meiner Qual wolltest du tragen?«

»Ja, denn ich trüg' es mit Gott, der seine starken Hände meiner Last unterlegen würde.«

»Mit Gott?« murmelte der Kranke, »für mich zu spät. Es ist unehrenhaft und feige, in Krankheit oder Todesnot zu Gottes Füßen winselnd hinzukriechen, wenn einer in gesunden Tagen nicht zu ihm gegangen ist.«

»Du Allerallerärmster! Laß die falschen Ehrbegriffe fahren, die deines Lebens Verhängnis waren und jetzt zum Fluch dir werden! Bei Gott ist kein Unmöglich und kein Zuspät.«

Berg rückte unruhig in den Kissen und unterbrach sie. »Mona, du hast mir manches, du hast mir sehr viel zu vergeben … ich bin dir kein guter Bruder gewesen.«

Die Schwester hielt seine Hände, die nervös an der Decke zupften, fest und still. »Wenn ich dir sage, daß ich jedes unbrüderliche und lieblose Wort vergessen habe …«

»Nicht, was ich tat oder sagte, sondern was ich im Leben unterließ, ist meine schlimmste Schuld«, sprach er dumpf.

»Ja, die unterlassene Liebe! Die müßte auch mich und jeden Menschen verdammen, wenn Gott nicht die Liebe und Vergebung wäre. Karl, glaubst du meiner Versicherung, daß ich dich jetzt in deiner Not mehr liebe als je?«

»Ja, in dir war immer guter Grund.«

»Mir, einem schwachen und selbst verzagten Menschenkinde, glaubst du aufs Wort … wie viel mehr mußt du dem ewigen Gott vertrauen, der eitel Geduld und Güte ist! [Später entfallen: Siehe!] So viel höher der Himmel ist über der Erde, so unendlich viel größer ist Gottesgnade als Menschenverzeihung.«

Der Bruder sah sie mit dem [später: einem] gemarterten, bang bittenden Blicke an. »Laß das Unendliche und Undenkbare, vor dem mir schwindelt!«

[Später entfallen: Amatus trat hastig ins Zimmer und legte eine Depesche, die der Postbote eben gebracht hatte, auf die Bettdecke. Kaum hatte der Hardesvogt die Blauschrift erblickt, als er heftig zusammenschrak und beide Hände zum Herzen emporhob. Die betäubende Blutwelle schoß in die Schläfen, und sein Atem ging röchelnd. Aber der Anfall, durch die Aufregung verursacht, verlief leichter als sonst und ohne Ohnmacht.

Er erbrach das Telegramm, welche keine Unglücksbotschaft war, sondern meldete, daß Asmus Berg die juristische Prüfung bestanden habe.

Monika lächelte. »Das ist eine große Freude, die dich aufrichten und wieder gesund machen wird.«

Sein grübelnder Blick starrte über die Blauschrift hinweg. »Nein, ich werde nicht mehr gesund … auch kann ich mich der Freude nicht recht freuen. Amatus, willst du auf einen Augenblick hinausgehen? Ich möchte mit deiner Mutter etwas besprechen.«

Amatus brachte der Kousine, die in der Küche beschäftigt war, die Depesche, und der Hardesvogt sprach unter vier Augen mit seiner Schwester.

»Mona, ich muß es mir von der Seele herunterschreien, was mich betrübt und mich nicht ruhig sterben läßt. Asmus ist kein guter Sohn, kein guter Mensch. Vor Jahren, als sich das Manko in meiner Kasse fand, habe ich nichts untersuchen wollen, weil mir – vor dem Ergebnis graute. Er lebt auf großem Fuß, um seinetwillen hab' ich mich in Schulden stürzen müssen … wie soll das enden, wenn ich meine Augen schließe? Darum kann ich nicht sterben.«

»Ja, das Elternleid! Auch ich trage das schwere Kreuz … was soll aus meinem armen Amatus werden?« Die Tränen brachen ihr hervor.]

Des Bruders Stimme klang [später: wurde] weich. »Ich habe im Leben viele gute Zeiten gesehen und bis jetzt keine Nahrungssorgen gekannt. Ist das ein billiges Geschick? Du, die bessere von uns beiden, hattest alle Tag nur Mühe und Plage.«

»Nein, nicht alle, bei weitem nicht alle … als Amatus die Schule besuchte und jeden Ostern versetzt wurde, als mein Mann völlig enthaltsam wurde, bin ich sehr glücklich gewesen.«

Das Gespräch unterbrach der Arzt, der ins Zimmer trat und sich sogleich über den Kranken beugte, um mit dem Stethoskop die Herztätigkeit zu untersuchen. Doktor Haltermann war ein weißhaariger und warmherziger Mann, der möglichst wenig mit Mixturen seinen Patienten den Magen verdarb, insonderheit Stimulantien und Opiate verabscheute und statt derselben mit Humor und guter Hoffnung die Verzagten belebte. Wasser und warme Breiumschläge, frische Luft und streng geregelte Lebensweise waren seine vier großen Heilmittel; und seine viel gerühmte Kunst bestand im letzten Grunde in seiner großen Menschenkenntnis, die ihn befähigte, jeden Charakter in seiner Eigenart zu erkennen und demgemäß zu behandeln. Der alte Herr, welcher geduldig Klagen anhörte und dabei lieb und liebenswürdig blieb, konnte auch böse, bitterböse, ja jähzornig werden, nämlich wenn seine Vorschriften nicht befolgt wurden. Dann – so erzählte man sich in Norderhafen – schrak er vor drastischen Kuren nicht zurück. Ungehorsamen und unmäßigen Patienten malte er mit erschrockenen Mienen den Tod an die Wand und verordnete ihnen zur Strafe eine dreitägige Hungerdiät. Ein nicht mehr junges Fräulein, das an Hysterie litt, sollte der Verabfolgung einer kräftigen Ohrfeige von einem besonders heftigen Anfalle geschwind und gründlich geheilt haben.

Lange horchte der Arzt auf den schwachen und unregelmäßigen Herzstoß und steckte endlich das Hörrohr in die Tasche. Nach einer leisen Frage des Kranken räusperte er sich, und Monika meinte zu bemerken, daß sein Blick unsicher über die Wände des Zimmers ging, als ob er nach einer geeigneten Antwort sich [später vor dem Subjekt] umsehe.

Noch leiser wurde gefragt: »Wie steht es, Herr Doktor?«

»Durchaus nicht schlechter als gestern.«

»Wie lange kann ich noch leben?«

»Wenn Sie das wissen wollen, müssen Sie nicht den alten Doktor Haltermann aus Norderhafen, sondern den allwissenden Herrgott im Himmel konsultieren … vorausgesetzt, daß Ihnen bekannt ist, wann er Sprechstunde hat.«

Frau Junker konnte nicht unterlassen, das Wort dazwischen zu werfen: »Die Sprechstunde Gottes ist das Gebet.«

Der alte Praktikus hatte sich den Weg geebnet, um sein Heilmittel Humor hervorzuholen und eine lustige Schnurre zu erzählen, die der Kranke aus purer Höflichkeit mit müden, schmalen Lippen belächelte.

Draußen in der Küche bereitete Silly das Abendessen, während der Vetter neben ihr am Herde stand, und alle beide schienen von dem Leide, das auf ihnen lastete, aufzuleben, denn sie schwatzten viel.

Das schnelle Leidvergessen und das helle Lachenkönnen ist das große und glückliche Vorrecht der Jugend.

»Was gibt's zum Abend, Silly?«

Ein gut nordschleswigsches Gericht: Buchweizengrütze, Speck und Brot. [Später entfallen: Wenn mein Bruder jetzt Referendar wird, werden wir dafür büßen und es uns am Munde abkargen müssen.« Bei den letzten Worten verlor sich ihr Lächeln.] [Später stattdessen anders/ergänzt: Wir müssen sparen, sagt mein Vater.«]

»Ihr habt euch bereits eingeschränkt und das eine Mädchen abgeschafft?«

»Ja, eben darum könntest du dich nützlich machen und den Tisch für mich decken.«

»Das kann ich«, sagte er und machte sich sogleich ans Werk.

Als er das Tischtuch glatt ausgebreitet hatte, warf er in Selbstsatire eine Serviette über den Arm und lachte bitter: Wie mancher entgleiste Kandidat vor mir ist über das große Wasser gegangen und Kellner geworden. [Später ergänzt: O weh!]

Sein Geist versank in Grübeln. Durch eine naheliegende Ideenverbindung war Amerika, die letzte Zufluchtsstätte des gescheiterten Europäers, mit einem und zum ersten Male in seinen Gedankenkreis hineingetreten.

Amatus holte die Teller und legte die Messerbänkchen [später ergänzt: hin] – der Amerika-Gedanke war nicht los zu werden.

Doktor Haltermann, der sich vom Patienten verabschiedet hatte, betrat die große Stube, und Frau Junker, die ihm das Geleit gab, machte die Tür des Krankenzimmers fest hinter sich zu. Aber die ins Eßzimmer führende Flügeltür war nur angelehnt und durch Vorhänge verdeckt.

Amatus behielt den Löffel [später ergänzt: , den er just hinlegen wollte,] in der Hand und blieb reglos auf dem Flecke stehen, wo er stand. Ungewollt wurde er zum Ohrenzeugen des folgenden Gesprächs.

Monika fragte traurig: »Wird mein Bruder die Krankheit durchmachen? Vorenthalten Sie mir die Wahrheit nicht … was nach menschlicher Voraussicht geschehen wird! Ich darf meinen Bruder nicht unvorbereitet in die Ewigkeit hineingehen lassen.«

Der gute, alte Doktor, der die Armen umsonst behandelte und Junkers noch nie eine Rechnung geschickt hatte, wiegte den weißhaarigen Kopf. »Es ist die Herzfunktion so schwach, daß wir wenig Hoffnung haben … doch kann und darf ich kein Todesurteil fällen.«

Monika seufzte tief: »Das ist das Todesurteil meines armen Bruders.«

An der Tür hielt sie krampfhaft die Hand des Arztes fest. »Herr Doktor, darf eine tief betrübte [später: tiefbetrübte] Mutter ihres Sohnes wegen Sie um Rat fragen?«

»Ja, wir wollen uns setzen, meine liebe Frau Junker. Ihr Sohn verlor infolge einer Ausscheitung seine Stellung.«

»Alles hat er verloren, und ich, die Mutter, muß sehen, wie er trotz guter Anlagen, trotz der besten Vorsätze, trotz monatelangen, erfolgreichen Kampfes immer wieder in das alte Elend fällt und langsam zu Grunde geht.«

Der alte Doktor legte die Hand auf ihren Arm. »Frau Junker, wo ist nun Ihr Gott und Ihr Gottvertrauen? Ein Sohn, für den die Mutter so viel gebetet und gearbeitet hat, kann nicht zu Grunde gehen.«

»Ach, ich bin müde geworden und fast am Verzweifeln … jahrzehntelang mußte ich mit meinem Manne ringen, bis er plötzlich und wie durch ein Wunder völlig enthaltsam wurde … und als ich anfing aufzuatmen, stand der grause Erbfeind meines Hauses von neuem wider mich auf. Ist Amatus ein sündiger, leichtsinniger und lasterhafter Mensch? Nein, nein, denn ich kenne jede Regung seiner Seele.«

»Nein, Frau Junker, er ist ein zeitweilig kranker Mensch, der krankhaft handelt. Sie brauchen mit Recht das Wort Erbfeind, denn es ist ein zum Teil ererbtes Leiden, dem wir Ärzte den Namen Neurasthenie geben. Ich habe ihn aus der Ferne beobachtet und glaube über seinen Zustand im Klaren zu sein. Periodisch, in langen Zwischenräumen tritt plötzlich eine geistige Abspannung, ein Mangel an Appetit, weil die Magenschleimhäute angegriffen sind, eine nervöse Ermüdung und allgemeine körperliche Verstimmung bei ihm ein. Gegen diese Depression gebraucht er den Alkohol im Übermaße, und nachdem die natürliche Folge, der Katzenjammer, überwunden ist, fühlt er sich frisch und frei und neu belebt.«

»Genau so verläuft es, wie ein entsetzlich unbegreifliches Verhängnis.«

»Sagen wir richtiger, wie eine böse, böse Krankheit, denn das ist es. O, meine liebe Frau, Sie tun mir in Ihrem Kummer unendlich leid, und Ihr Sohn nicht minder. Sonst ist er durchaus kein Schwächling?«

»Nein, im Gegenteil, was er will, das will er. Schnell entschlossen setzt er sich ein Ziel und erreicht es durch zäh beharrliche Ausdauer. Wie oft habe ich ihm gesagt: Amatus, du mußt wollen, du mußt den energischen, eisernen Willen haben, gar nichts zu trinken und das erste Glas nicht zu nehmen … aber in dem einzigen Stücke versagt seine Kraft, und seine Vorsätze fallen wie ohnmächtig hin.«

Doktor Haltermann schüttelte den Kopf. »Mit dem Muß der Moral kommt man hier nicht weit, und ich achte wenig den kategorischen Imperativ: Du mußt wollen! solange mir der Imperativ nicht das Interrogativ beantwortet: Woher nehme ich eben diesen unbeugsamen Willen? Schlimm genug ist der Fall Ihres Sohnes, aber er gehört nicht als Trunksucht in die Sündenkategorie des moralisch-ethischen Gebiets, sondern ist als krankhafte Erscheinung medizinisch-pathologisch zu verstehen.«

Angstvoll hing die Mutter an den Lippen des [später ergänzt: wackren] Arztes. »Wenn es Krankheit [später ergänzt: ist], Herr Doktor … wo ist die Hilfe und Heilung für meinen unglücklichen Sohn?«

Der greise Herr bewegte den weißen Kopf hin und her. »Die Neurasthenie kann medizinisch nicht behandelt werden … ein Arzneimittel haben wir nicht dafür.«

»So ist mein Sohn unheilbar, unheilbar [später ergänzt: … unrettbar verloren!]« Monikas gequälte Seele schrie die Worte.

Im Nebenzimmer war Totenstille.

Doktor Haltermanns Blick ruhte voll tiefster Teilnahme auf dem betrübten Antlitz, aber seine Stimme wurde polternd: »Unheilbar? Unsinn! Alle chronischen Leiden sind langwierig, aber durch vernünftige Lebensweise wohl zu kurieren. Ich kann Ihrem Sohne kein Gegengift verschreiben, das Sie ihm einfüllen, wenn die Anfälle kommen; doch ich will Ihnen einen Weg zeigen, der freilich nicht kurz ist, aber zur Heilung führen kann. Die niederträchtigen Nerven müssen gekräftigt werden, dann wird auch der Wille stark, denn alle Willensschwachheit ist im letzten Grunde Nervenschwäche. Zwei Mixturen wären anzuwenden: Viel Wasser und noch mehr frische Luft! Bei Ihrem Sohne müßte ein Luftwechsel, so daß er mindestens fünfzig Meilen zwischen sich und Norderhafen ließe, und eine völlige Änderung seiner bisherigen Lebensweise eintreten … statt geistiger Anstrengung harte, körperliche Arbeit, am liebsten auf dem einsamen Lande und weit von allen Städten und ihren schlechten Alkohol-Ausdünstungen. Dieser Weg, mit Selbstüberwindung eingeschlagen und mit Ausdauer innegehalten, kann zum Ziele und zur Heilung führen. Gott sei mit Ihnen und mit Ihrem Sohne, meine liebe Frau Junker!«

Ehe Monika zu dem Kranken zurückging, hob sie die gefalteten Hände und rang sie über ihrem Haupte. Es war ein stummer Aufschrei, wohl das kürzeste, aber auch das tiefste und gewaltigste Gebet ihres Lebens.

Hinter der Eßzimmertür stand Amatus noch auf demselben Fleck, starren Blicks, mit weißen Lippen, vom Scheitel bis zur Sohle erstarrt und wie gefühllos. Mechanisch legte er den Löffel hin, den er noch in der Hand hielt, und ging ohne Kopfbedeckung in den Hof und den Garten hinaus. Der kalte Wind umfächelte ihm die Stirn, und sein Gehirn, das gleichsam stille gestanden hatte, vermochte wieder zu denken.

Das war mein Todesurteil, das Todesurteil meines Ich, das tun muß, davor ihm graut, das Todesurteil meiner Zukunft. Ich bin unheilbar krank und elend und ärmer als der Armesünder, der, um die Schuld vor Menschen zu sühnen, sein Haupt hinlegt und einmal stirbt. Der Pfahl in meinem Fleische wird mich stoßen und der Satansengel mich stäupen, daß ich jahre-, vielleicht jahrzehntelang zu Grunde gehe und langsam viele Tode sterbe. O Jammer, Jammer, Jammer! Wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes? Und wohin soll ich fliehen vor dem [später ergänzt: hämischen] Angesicht und bösen Blick der Menschen und meine Schmach verbergen?

Silly rief durch den Garten: »Amatus, Amatus!« Sie fand ihn, bleich das Antlitz und wirr das Haar, und schob die Hand unter seinen Arm. »Du bist betrübt um meines Vaters willen … ja, dein Herz ist gut … wenn viele an dir irre werden und einen Stein auf dich werfen, ich werde nie, nie meinen Glauben an dich lassen.«

Spät abends auf dem Heimwege sagte der Sohn, den sein Genius der schnell gefaßten Geistesgegenwart [später ergänzt: und Fassung] beruhigt und gefestigt hatte, zu der Mutter: »Hier ist meine Lebensarbeit geschlossen und mir abgeschnitten … darum will ich auswandern und über das Meer in jenes neue Land gehen, wo auch der Gebildete mit den Händen arbeiten darf, ohne daß körperliche Arbeit ihn schändet und entehrt.«

»Den Schritt wirst du dir noch zehnmal überlegen«, erwiderte Monika.

Aber er redete mit unbeugsamer Ruhe: »Du weißt, in dem Einen bin ich willenlos, sonst aber will ich, was ich will, und werde es mit Beharrlichkeit durchsetzen.«

Sie hob den Kopf und horchte. Das waren ihre eigenen Worte, die sie dem Arzte gegenüber gebraucht: »Hast du [später ergänzt: gehorcht und] etwas gehört?«

»Ich habe alles gehört, und ich muß anderswo die Heilung suchen, die ich hier in Norderhafen und Nordschleswig nicht finden kann.«

[Später entfallen: Amatus hat sich durch nichts von seinem Entschlusse abbringen lassen, weder durch Bedenken und Bitten der Mutter, noch durch die bittren Tränen der Blinden.]

[Später ergänzt: Wie die Mutter durch Bitten und der Vater durch vernünftige Bedenken, so versuchte die blinde Schwester mit bittren Tränen, Amatus von seinem plötzlichen Entschluß abzubringen.

Doch er ließ sich nicht beirren, sondern, je mehr man in ihn drang, desto starrköpfiger blieb er dabei: Ich gehe nach Amerika!

Monikas Mutterliebe kämpfte einen furchtbaren Kampf, den sie auf ihren Knieen nächtelang durchfocht. Durfte sie ihren einzigen und noch dazu krankhaften Sohn hinüber ziehen lassen in jenes ferne, fremde Land des rücksichtslosesten Daseinskampfes, durfte sie ihn, sozusagen, hinausstoßen in den reißenden Strom des Lebens, um mit eigener Kraft zu schwimmen und eine feste Klippe zu erreichen, oder aber um zu ertrinken und zu zerschellen? Wie viele Muttersöhne waren dort drüben untergegangen, verschollen, gestorben und verdorben! Das arme Mutterherz, von dem zweischneidigen Schwerte des Zweifels zerfleischt, blutete und wollte brechen. Die gequälte Frau rang mit den unsichtbaren Mächten des Himmels: Gib mir einen Wink, eine Antwort, eine Gewißheit, ob ich mein Kind von meinem Herzen reißen und über das weite Meer fahren lassen darf!

Einige Tage später geschah etwas ganz Wunderbares, das man für ein Mirakel oder für eine Mär halten würde, wenn es nicht reale Wirklichkeit und schwarz auf weiß beglaubigte Tatsache wäre.

Aus Kansas in Nordamerika war ein Brief angekommen, ein unscheinbarer, unsauberer, halb unleserlicher Brief, der die ganze Familie in wilde Aufregung brachte und dem alten Hans Junker beinahe den Kopf verdrehte.

Der Gerichtsdiener hüpfte im Zimmer herum und heulte förmlich vor Echauffement. »Mein Bruder Tycho lebt und ist nicht bei Schleswig erschossen worden! Tycho ist heimlich desertiert, nach Amerika gegangen und hat seit 38 Jahren kein Lebenszeichen uns gegeben … der schlechte Mensch! Er hat es recht gut und wohnt in Kansas … wo liegt die Stadt, Amatus?«

»Vater, schnapp' nicht über!« bat Monika, »das ist dein herzloser Bruder, der nichts von sich hören ließ, weiß Gott nicht wert.«

Doch Hans hörte nicht auf zu hüpfen und zu heulen.

Amatus versuchte den Brief, der unorthographisch, mit fürchterlichen Krähenfüßen und noch dazu in einem amerikanisch deutschen Kauderwelsch geschrieben war, zu entziffern. Wenn auch manches hieroglyphenhaft blieb, gelang es ihm doch, den wesentlichen Inhalt sich und den Seinen zu deuten.

»Onkel Tycho hat under homestead-law d.h. wohl unter dem Heimstättengesetz Land in Kansas genommen … er hat dazu gekauft und besitzt vier Sektionen Land – was ist eine Sektion? Hm, weiter – er hat viel Vieh, viele Schweine und 43 Pferde, ja 43 … Donnerwetter!«

Hans Junker machte einen Sprung: »43 Pferde hat er! Mein Bruder muß ein reicher Mann sein!«

»Nein, er fügt sofort hinzu, daß man money, daß man Geld nicht bei ihm suchen solle, denn er sei ein poor farmer, ein armer Bauer.«

»So!« meinte Hans, »das kann auch unwahr sein, denn ein großer Geizkragen ist er immer gewesen … und wo wohnt er? In einer Stadt Kansas als Bauer?«

»Nein, Kansas ist ein Staat, und der Ort, wo er wohnt … ja, das verfluchte Geschreibsel … just der Name ist nicht zu lesen … der erste Buchstabe kann ein A oder O oder X sein. Verflucht und zugenäht! Den Namen kann ich nicht entziffern! Ist es Olga oder Balta oder Xicha? Zu dumm, daß er seine Adresse nicht leserlich geschrieben hat.«

Hans Gerichtsdiener machte ein pfiffiges Gesicht. »Der Brief kam im rechten Moment, just wo du nach Amerika gehen wolltest, Amatus. Jetzt reist du natürlich zu meinem Bruder Tycho … geh' ihm nur klug um den Bart! Der alte Knicker wird Geld haben. In Kansas mußt du nach einem Farmer Junker fragen, bis du ihn findest!«

Amatus klärte seinen Vater nicht darüber auf, wie schwierig es ist, eine Stecknadel auf dem Tempelhofer Felde und einen verschollenen Onkel in einem Staate von der Größe Süddeutschlands zu suchen und zu finden.

Monika aber erblickte in dem Briefe aus Amerika einen Wink und eine Weisung der Vorsehung, der sie nicht zu widersprechen wagte; mit heißen Tränen gab sie ihrem Sohne, der aus seiner Heimat, seinem Vaterlande und seiner Freundschaft ziehen wollte, ihren Muttersegen.]

Die in Alstrup gemachten Ersparnisse waren zu gering, um die [später ergänzt: beträchtlichen] Reisekosten ganz zu bestreiten. Es fehlten noch hundert Mark, und das war des armen Exkandidaten Sorge bei Tag und Nacht, der auf keinen Fall wollte, daß seine Eltern sich um seinetwillen in Schulden stürzten.

Da ereignete sich etwas Wunderbares, das [später: noch ein zweites Mirakel, welches aber mit natürlichen Dingen zuging und] aller Verlegenheit ein Ende bereitete. In einem an Amatus adressierten gewöhnlichen Schreibebriefe lag ein weißer, unbeschriebener Bogen und in demselben ein zusammengefalteter Hundertmarkschein. Silly, der er es auf den Kopf sagte, daß sie die Senderin sei, bestritt es mit so verblüfften Mienen und so bestimmten Worten, daß er ihr glauben mußte. Wer der geheime Geber gewesen, blieb ein ungelöstes Rätsel. Friedline glaubte kindlich an einen unmittelbaren Eingriff des Himmels und an Engelsbriefe mit Hundertmarkscheinen darin.

Der Hardesvogt, der auf seinem Krankenlager sich Gewissensbisse machte, daß er nichts für seine Schwester getan, hatte heimlich und ohne Wissen seiner Tochter die Rolle des guten Engels gespielt. –

Hinter jener nordschleswigschen Stadt steigt das Land zu einer Höhe empor, welche die Norderhafener mit gewissem Stolze ihren Berg nennen. Dort stand Amatus und nahm Abschied von der Heimat und von allen Stätten seiner Kindheit und Jugend. Zur Linken das Pappeltal, zur Rechten die Schule, dort das rötliche Ziegeldach des Rederschen Hauses und hier des Onkels Garten, in dem er als unschuldiger Knabe gespielt, und über allen Häusern das mächtige Gemäuer von St. Marien, darin er einmal gepredigt!

Vergangen wie ein lichter Tagtraum und verklungen wie eine fröhlich stille Weise! Seine Jugend war abgeschlossen und abgetan, und seine Heimat blieb dahinten. Mit einem langen, tieftraurigen Blick, der von Höhe zu Höhe über das traute Tal schweifte, fing er die Heimat auf und verschloß sie [später: er die Heimat] im Herzen.

Das Bild verschwamm in seinem feuchten Auge, das nicht mehr an dem Erdenfleck, den er über alles liebte, sondern an dem Himmel hing, wo die Menschen den Ewigen suchen. »Mein Gott, mit dir will ich es noch einmal wagen und ein Mann werden. Ich muß die eiserne Kette der Unfreiheit zerbrechen, oder ich werde zerbrochen von ihr. Gib mir den Glauben, zu hoffen wider Hoffnung!« –

Hans Gerichtsdiener trat aus Vater Nixens Herberge – so hieß im Volke das alte, düstere Haus, das als Gefängnis und dem Aufseher Nixen als Wohnung diente – und stapfte in den Geschmierten die Gasse hinauf, auffallend gekrümmt und in Gedanken vertieft. Seine Hand fuhr nach der Mütze, aber zu spät, und ein Schreck in ihm – er hatte den Bürgermeister, der auf der andern Straßenseite ging, nicht rechzeitig gesehen und nicht gegrüßt. Nach dieser unabsichtlichen Verfehlung, die er sich als Insubordination anrechnete und in ihren möglichen Folgen möglichst schwarz ausmalte, ging Hans noch unglücklicher und geduckter.

In der Dachwohnung lag die blinde Friedline angekleidet auf dem Bette und wälzte sich in schluchzenden Weinkrämpfen.

Frau Junker hatte heute ihren Sohn nach Hamburg begleitet. Zum dritten Male schnitt der scheußlich schrille Pfiff des kleinen Dampfers, auf dem die Auswandrerherde sich staute, durch Mark und Bein.

Zum dritten und letzten Male hatte Amatus sich vom Halse der Mutter losgerissen. Er winkte, über die Reling gebeugt, und verschwand in der Rauchwolke.

Das Bild der Mutter, das wehevolle mit den angstvollen Augen und der starren Verzweiflung um die Lippen, blieb stehen in seinem Herzen.

Todmüde wankte Monika am Hafen hin und sank unterhalb der Steuermannsschule auf eine Bank nieder. Ihr Herz, das von Leid und Schmerz übervolle, schien auszuquellen, als wenn es bersten wolle. Aber es brach nicht, sondern eine heiße Blutwelle schoß ihr in Körper und Kopf empor, daß [später: sodaß] ihre Sinne in kurzer Ohnmacht entschwanden.

Monika erwachte bald, und da wußte sie mit ruhig klarer Gewißheit: In dieser Stunde hat mein Sterben begonnen. – – – – – – – – – – – –

Der deutsche Pastor in New-York, der von Einwanderern viel überlaufen wurde, musterte nicht ohne Mißtrauen den Fremdling, obgleich derselbe gut gekleidet war und nichts als einen guten Rat begehrte.

»Sie wünschen Arbeit, wie Sie sagen?«

»Ja, durch schwere körperliche Arbeit möchte ich mir mein Brot verdienen.«

»Mit den feinen, weißen Händen und dem feinen, schwarzen Gehrock? God bless you! Gott segne Ihren guten Vorsatz! Aber ich glaube, kein Mensch wird Sie dingen. Was sind Sie denn in Deutschland gewesen?«

»Kandidat des Predigtamts.«

Der Reverend schnellte empor und beglotzte den Besucher wie ein Wunder der alten Welt und hüstelte und schnarrte unhöflich: »Haben Sie dafür Ausweise und Papiere?«

Nachdem er auf- und abgehend die ihm überreichten Zeugnisse durchgelesen hatte, lachte er laut auf. »Haha, mit Ihrem vortrefflichen Testimonium hätten Sie bleiben sollen, wo Sie waren, und der aufrichtigste Rat, den ich Ihnen geben kann, ist: »Packen Sie Ihren Koffer und reisen Sie mit dem nächsten Schiffe nach Deutschland zurück! Hier in Amerika geht ein deutscher Kandidat den bittersten Enttäuschungen entgegen.«

Junker antwortete verblüffend offenherzig: »In der Heimat ist mir der Eintritt ins Amt bis auf weiteres verschlossen, weil ich bei einer Hochzeit zu viel trank und mich ungebührlich benahm.«

Der Pastor machte einen breiten Mund und betrachtete ihn [später: den Freimütigen]. »Hm! Sie sind aufrichtig, junger Freund, und das gefällt mir sehr. Schon mancher vor Ihnen hat im neuen Lande den neuen Menschen angezogen. Aber Farmarbeit ist nichts für Sie. Als ausgebildeter Theologe müssen Sie natürlich Pastor werden, denn für Prediger haben wir immer Gebrauch. Setzen Sie den Wanderstab weiter und machen Sie sich nach dem Westen auf! Was Kansas? Ist freilich ein arges Temperenzland, in dem der Verkauf von geistigen Getränken gänzlich verboten ist, und das mir und manchen guten Deutschen nicht zusagen würde … aber just Ihnen möchte es dienlich sein.«

Die Augen des jungen und guten Deutschen leuchteten auf. »Ich gehe nach Kansas. [Später ergänzt: Das war schon in Deutschland meine Absicht, und dort wohnt irgendwo ein Bruder meines Vaters.

»Warten Sie!« Der Reverend holte ein Blatt vom Tische. »Die sich neu bildende, deutsche Kansassynode versammelt sich in diesen Tagen in Alma in Sherman County … reisen Sie in Gottes Namen dahin! Ich kann Ihnen im voraus versprechen, daß man irgend eine Stelle für Sie hat … wie groß sie sein wird, werden Sie mit eigenen Augen sehen.« Ein eigentümliches Lächeln und ein herzlicher Händedruck beschloß die Rede.

Drei Tage und drei Nächte raste der rasselnde Zug durch die wellenförmige Prärie.

Amatus, dessen Kasse bedenklich zusammenschmolz, hatte der Ersparnis halber sich für die Reise verproviantiert. In seinem Abteil befand sich eine sehr arme und sehr kinderreiche Familie aus Oberschlesien; und er sah, wie sie alle trockenes Brot aßen und kaltes Wasser dazu tranken. Wenn er seinen Korb öffnete und einen Imbiß verzehrte, standen sieben Kinderköpfe großäugig um ihn herum und beneideten jeden Bissen, den er in den Mund steckte. Mitleidig teilte er von seinen Vorräten aus und hatte seine Freude daran, die gierig-hungrigen Mäuler zu atzen.

In Wohlbefinden, aber etwas ausgehungert kam der Kandidat in Alma an. Ein tüchtiges Mahl war das erste und eine gründliche Waschung das zweite. Dann warf er sich in den feinen, schwarzen Rock, zog die Handschuhe an, setzte den Zylinderhut auf das Haupt und ließ sich den Weg nach der deutschen Kirche zeigen.

Drei schmutzige Kinder gafften stumm vor Staunen die ungewöhnlich elegante Männererscheinung an, und der größte, zigeunerbraune Bursche raunte geheimnis- und ehrfurchtsvoll: »The president of the United States, I suppose.« Die Buben hielten den armen, deutschen Kandidaten für den Präsidenten aus dem Weißen Hause.

Mannshohes, welkes Unkraut umwucherte die Kirche, die mehr einer weiß getünchten Scheune als einem Gotteshause glich. Im Vorflur stand ein hoher, stark ergrauter Mann, dessen Stirn von einem knollenartigen Auswuchs, welches wie ein Hörnlein an der rechte Schläfe saß, entstellt war. Junker stellte sich mit einer Verbeugung vor und gab kurzen Aufschluß über seine Person und Wünsche.

»Well, ich bin Pastor Bock von Redsprings, bin ein Jahrzehnt Pfarrer im alten Deutschland drüben gewesen, jetzt seit zweiundzwanzig Jahren hier in Kansas, allerdings an sieben verschiedenen Stellen, denn die Prediger an amerikanischen Gemeinden erfahren das Wort, daß wir hienieden keine bleibende Statt haben, haha!«

»Meinen Sie, daß für mich Aussichten sind, eine Stelle zu bekommen?« fragte Junker besorgt.

»Aussichten mehr als genug! Sie können in Redsprings mein Nachfolger werden, wenn ich das Amt – 500 Dollars in bar – erhalte, um das ich mich jetzt bemühe.« Bock lächelte eigentümlich. »Die neu konstituierte Kansassynode ist hier drinnen versammelt … Sie mögen als Zuhörer an der Schlußsitzung teilnehmen, und dann schlage ich gleich Ihre Aufnahme vor.«

Unter Herzklopfen betrat Amatus das schlichte Holzkirchlein. Einige zwanzig Männer saßen auf den vordersten Bänken. Die in den kurzen Jacken mußten die Farmer und Laienmitglieder sein; die in den langen Röcken von jedem möglichen und meist unmodernen Schnitt waren die geistlichen Herren, und das Ganze war die ganze Kansassynode.

Hinter einem Tische, an das Altargitter gelehnt, stand Pastor Meßner und harkte in seinem Vollbarte, offenbar nach Worten suchend. »Meine Brüder! Wir haben uns mit Schmerzen von unsrer Muttersynode getrennt, in der wir Deutsche als Stiefkinder behandelt wurden, und unter Gebet eine eigne kleine Synode gegründet … aber der Herr ist mächtig in den Schwachen. Meiner Schwachheit hat man das Amt des Präses anvertraut … es ist ein Ehrenamt, dessen Arbeit ich gern übernehme … doch, hm, hm, es erfordert, hm, hm, auch einen gewissen Geldaufwand … ein Siegel muß angeschafft werden, um gültige Urkunden auszufertigen, Papier und Tinte für die Schreibereien muß sein, auch Amtsreisen, um die Einigkeit der Gemeinden wiederherzustellen, werden nicht ausbleiben … hm, hm, die Synode versteht mich wohl … ah, Bruder Diek hat's Wort.«

Pastor Diek erhob sich. »Ich beantrage, daß wir dem Präses für die notwendigen Ausgaben eine Pauschalsumme – sagen wir hundert Dollars jährlich – bewilligen.«

Der Farmer Christlieb, ein ausgedörrtes, aber sehniges und lebhaftes Männchen, hüpfte empor. »Excuse me, daß ich, ohne das Wort zu erbitten, von meiner Bank ›jumpe‹ . Aber wir dürfen den Gemeinden nicht gleich mit schweren expanses kommen, sie könnten abtrünnig werden … alle Ausgaben sind zu vermeiden.«

Von drüben unterbrach ihn eine Zwischenfrage: »Soll die Kansassynode vielleicht kein Siegel führen?«

Christlieb, nicht aus der Fassung gebracht, fuhr fort: »Of course, ein Siegel muß sein, aber was kann das kosten? Die Schreibereien sind einzuschränken, und die sogenannten Amtsreisen können ganz unterbleiben … jede Gemeinde hat ihre Ältesten und weiß, was sie zu tun und zu lassen hat. Ich beantrage, daß wir dem hohen Präses zehn Dollars jährlich für business-Unkosten bewilligen.«

Die Prediger und ihr Präses schwiegen kleinlaut, und die Summe wurde einstimmig genehmigt.

Pastor Bock stand auf und tat kund, daß ein soeben von Deutschland frisch angekommener Kandidat Aufnahme in der Synode begehre. Junker reichte mit einer Verbeugung dem Präses seine Zeugnisse und begab sich nach draußen, wo er zwischen dem Unkraut lustwandelte, während die Synode in geheimer Beratung über sein Schicksal entschied. Die Beratung dauerte vier volle Minuten.

Aus der Kirche strömten die Männer und schüttelten ihm kräftig die Hand. Das hob wieder seine stark gesunkene Stimmung.

Meßner sprach salbungsvoll: »Sie sind im Namen des Herrn aufgenommen, auch haben wir schon in Bellavista, nicht weit von hier, etwas für Sie in Aussicht … die Stelle ist ein Jahr vakant, und die Verhältnisse sind ein wenig schwierig, aber ein junger, geschickter Mann wird's machen.«

Farmer Christlieb reckte seine Zwerggestalt und klopfte dem langen Kandidaten jovial die Schulter. »In diesem Country darf ein Geistlicher nicht so sehr auf das Geld, als auf die gute Behandlung von seiten der Gemeinde sehen.«

Alle begaben sich in die Wohnung des Pastoren [später: Pastor] Diek, der in Alma fungierte, um das Abendessen zu verzehren, welches gut und reichlich war.

Die meisten Prediger waren etwas salopp gekleidet, trugen recht fadenscheinig glänzende Röcke und altmodische Kalabreserhüte. Ihr Blick schien häufig und heimlich Junkers tadellosen Anzug zu streifen; und der Tischnachbar betastete [später ergänzt: sogar] seinen Ärmel und meinte offen: »Ein feines Tuch und splendid gemacht! Solch ein Rock kostet hier schweres Geld, und ein armer Prärie-Pastor kann sich das nicht leisten.«

Nach Tisch zog ihn ein schnurrbärtiger, von einer Brüderanstalt hinübergeschickter Reverend abseits und ins Gespräch. Amatus fragte aus, um sich zu orientieren.

»Auf Kündigung sind Sie angestellt?«

»Ja wohl, auf halbjährliche Kündigung stehen wir alle … das ist einmal nicht anders in Amerika.«

»Und wie viel Gehalt bekommt ein Pastor?«

Wieder das eigentümliche Lächeln! »Der Präses hat nicht mehr als vierhundert Dollars.«

»Das sind in deutschem Gelde sechzehnhundert Mark … und Pastor Bock hat in zweiundzwanzig Jahren siebenmal gewechselt.«

»Ja, der hatte in Deutschland ein Amt, das ihm fünftausend Mark brachte.«

»Und es aufgegeben, um den armen Gemeinden in Amerika zu dienen?« Junkers Blick wollte voll Bewunderung nach Pastor Bock hinübergleiten.

Aber der Schnurrbärtige flüsterte rechtzeitig: »Seine Frau ist ihm mit einem Offizier durchgegangen … um des Skandals willen wanderte er aus, und deshalb nennen wir ihn den gehörnten Bock.« –

[Später ergänzt: Junker blickte nach dem Horn, das Pastor Bock auf der Stirn trug. – – –]

Am nächsten Morgen reiste der von der Synode für Bellavista ausersehene Kandidat ab, um sich von der Gemeinde berufen zu lassen. Als alter Praktikus gab Bock ihm einen guten Rat mit auf den Weg. »Bestehen Sie auf einem Minimum von dreihundert Dollars und lassen Sie sich nicht von den guten Leuten übers Ohr hauen [später ans Satzende gestellt], die gern einen Grünen nehmen, aber es sich auch zu nutze machen.«

In der deutschen Kirche zu Bellavista hatte die oratorische Leistung des neuen Probepriesters – des vierten in diesem Jahre – allen Männern und noch mehr allen Frauen gefallen. Die Kirchenältesten, der dicke Ladmann, der hagere Jönker, der behäbige Kaufmann Krumpeter und der kurz- und obeinige Hans Kiek, machten keinen Hehl daraus, sondern stellten dem Kandidaten die Berufung in Aussicht. Um die Vokation zum Abschluß zu bringen, möge er sich in das Grandhotel von Bellavista begeben, allwo der Kirchenvorstand seine Sitzungen abhalte.

[Später ergänzt: Amatus ging nach dem Hotel und sprach lebhaft mit sich selber auf dem Wege dahin. Himmel! Ist nicht der Kirchenälteste Jönker mein Onkel, der seinen Namen Junker in Jönker amerikanisiert hat? Unleugbar hat der Mann eine gewisse Ähnlichkeit mit meinem Vater.

Hastig riß er den Brief aus der Tasche, und jetzt gelang ihm die Entzifferung der Hieroglyphen. Da war kein Zweifel mehr – die flüchtig hingeschmierte Ortsadresse lautete: Bl. Vista, welches nur Bella Vista bedeuten konnte.

Der deutsche Kandidat war nach Bellavista verschlagen und hatte mühelos seinen Onkel in dem großen Staate Kansas gefunden.

War das ein merkwürdiger Zufall oder gar ein Mirakel? Nein, bei näherer Überlegung sagte er sich, daß es auf ganz natürlichem Wege, ja mit zwingender Notwendigkeit so kommen mußte. Wo ein Filz, wie Junker, im Kirchenvorstande saß, war selbstverständlich die betreffende Predigerstelle so miserabel dotiert, daß sie ständig den Inhaber wechselte und meistens vakant war. Kam aber ein deutsches Kandidatlein nach Kansas, um dort ein Predigeramt zu suchen, so war noch selbstverständlicher, noch naturnotwendiger, daß ihm von der Synode die schlechteste Stelle, die kein andrer haben wollte, zugewiesen wurde. Bellavista war die schäbigste Pfarrstelle im ganzen Lande; mithin mußte, nicht auf mirakelhafte Weise, sondern mit logisch zwingender Notwendigkeit der deutsche Kandidat nach Bellavista verschlagen werden. Und war sein Onkel der größte Filz im Lande, so mußte er ihn im Kirchenvorstand von Bellavista finden.

Zunächst wollte Amatus seine stillen Beobachtungen und von seiner Entdeckung keinen Gebrauch machen.]

Das Grandhotel war ein nicht sehr sauberes Speisehaus, dessen schwärzlicher Fußboden kein Wasser – es sei denn verschüttetes – [später ergänzt: seit Jahr und Tag] gesehen zu haben schien. Die vier Ältesten hockten in einem Halbkreise mit übereinander geschlagenen Beinen und zeigten stillschweigend auf einen leeren Stuhl. Ihre Kinnladen waren in steter, langsam kauender Bewegung, als wenn sie Wiederkäuer wären, und sie sagten nichts, sondern grübelten weiter. Zuweilen stand einer auf und beugte sich über den unförmlich großen Spucknapf.

Das lange Schweigen machte den Kandidaten stutzig. »Haben Sie sich noch nicht entschlossen, meine Herren?«

Hinrik Ladmann entleerte sich des Kautabaksaftes und gab dann Antwort: »Ja, nach einem stillen Gebete haben wir Sie zu unserm Seelsorger berufen und die Bedingungen festgestellt.«

»Wie lauten die?«

»In the first place … auf dreimonatliche Kündigung.«

»Meinetwegen, ich gehe darauf ein … und das Gehalt?«

»Der Lohn beträgt zweihundert Dollars jährlich und wird in cash bezahlt.«

Bei diesen Worten ließen die Kirchenältesten die kauenden Kinnbacken stille stehen und sahen lauernd empor.

Der Kandidat zwang sich zu einem verunglückten Lächeln. »Meine Herren! Für Kost und Wohnung muß ich 3 ½ Dollars pro Woche bezahlen, macht 182 im Jahr [später: Jahre], also würden mir ganze 18 Dollars für meine übrigen Bedürfnisse verbleiben … es ist eine unerhörte Zumutung!«

Er schlug mit den Händen weit aus, und [später ergänzt: Mister] Krumpeter tupfte beruhigend seinen Arm. »Sir, Sie müssen sich eben verheiraten.«

»Eine Frau und Familie kann ich noch viel weniger davon ernähren.«

»Hihi, viel leichter! Wir Farmer tragen Ihnen alle Lebensmittel, die hier ja doch nichts kosten, ins Haus.«

Junker erwiderte ärgerlich: »Von milden Gaben will ich nicht existieren, sondern von einem festen und anständigen Gehalt. Unter dreihundert Dollars nehme ich den Dienst nicht an.«

Wie aus einem Munde riefen alle vier Ältesten: »We cannot, wir können nicht mehr als zweihundert geben.«

»In dem Falle würde ich noch lieber Farmknecht werden, den die Deutschen hierzulande besser besolden als ihren Pastor.«

Der hagere Jönker kniff das rechte Auge zu, wie die Stillschlauen tun, und nickte: »Das war praktisch und amerikanisch gesprochen [später ergänzt: , young man]! Predigen ist ja ein bequemer job und bringt darum nicht viel. Wenn Sie wirklich arbeiten wollen, können Sie gleich bei mir eintreten. Ich gebe meinem Manne hundertachtzig Dollars und die volle Kost.«

Amatus knöpfte den Rock zu. »Ich frage noch einmal: Wollen Sie mir das geforderte, geringe Gehalt bewilligen?«

Die Ältesten schüttelten hartnäckig den Kopf und kauten mit dem Munde.

In dem Moment vollzog sich in Amatus eine plötzliche und ungeheure Wandlung, kraft deren er sich, wie im Handumdrehen, amerikanisierte. Entschlossen und energisch rief er: »Wählen Sie zu Ihrem Pastor, wen Sie wollen! Ich gehe mit [später ergänzt: Mister] Jönker und verdinge mich für 180 Dollars und die Kost.«

So war der kühne und gewagte Stegreifsprung des deutschen Kandidaten gemacht [später ans Satzende gestellt], der in die ausgestreckte, schwielige Hand des Farmers hineinschlug.

Und der Hagere blinzelte zufrieden: »Abgemacht! Boys, Ihr habt's gehört, auf ein Jahr ist der junge Mann von mir gemietet … ja, Sie sind ein großer und starker Kerl und zu etwas Besserem, als zum Predigen und Trösten und Tränenmachen, geschaffen.«

Mit Sachkenntnis und Wohlgefallen maß und musterte er die kräftige Gestalt und führte Junker aus dem [später: schnell verließ er mit seinem neu gedungenen Knechte das] Grandhotel. Die drei Ältesten glotzten nach der Tür und kauten mechanisch weiter.

Auf der Straße beäugte der Farmer den hohen Zylinderhut und den feinen, schwarzen Rock. »Hm, der Langschwänzige und die hohe Angströhre, das paßt für einen Bauer, wie die Faust aufs Auge. Bleiben Sie bis morgen hier und kaufen Sie sich eine Nankingjacke, einen Cowboy-Hut und lange Stiefel mit zweizölligen Sohlen!«

Amatus blieb die Nacht in Bellavista und erkundigte sich bei dem Hotelwirt, was Jönker für ein Mann und ob der Platz gut sei.

Die lachende Antwort lautete: »Gut? Ja, der alte Grasper und Geizhals steckt bis oben voll von Geld und Güte, weil keins von beidem je aus ihm herausgekommen ist.«

[Später entfallen: Ein andrer hätte vielleicht den überstürzten Stegreifsprung bereut.] Aber Amatus, in dem das starke Bauernblut sich regte, trat unverzagt seine neue Stellung an, und der deutsche Kandidat wurde Farmknecht [später ergänzt: bei seinem Onkel Tycho,] bei dem großen Viehfarmer Jönker, der vierzehn Meilen von Bellavista an den Ufern eines lehmgelben Flüßchens wohnte.

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