Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johannes Dose >

Der Muttersohn - Band I

Johannes Dose: Der Muttersohn - Band I - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/dose/muttsoh1/muttsoh1.xml
typefiction
authorJohannes Dose
titleDer Muttersohn ? Band I
publisherM.-G.-Schmitz-Verlag / Nordstrand
editor
year2010
isbn9783938098547
firstpub2010
correctorreuters@abc.de
senderM.-G.-Schmitz-Verlag / Nordstrand
created20100813
Schließen

Navigation:

Fünfter Abschnitt: Der Brotlose wird beeidigter Beamter.

Erna Junker war nicht mehr bei dem Onkel, sondern draußen im Westen bei einem Hofbesitzer Fräulein für alles geworden.

Hoch, behaglich und mit Teppichen belegt war das gute Zimmer des Hardesvogts. Im Lehnstuhl saß Großmutter Lina, welche die guten Tage nicht zu vertragen schien; denn ihre Gesundheit hatte abgenommen und sie war im Glück [später ergänzt: sehr] gealtert. [Später entfallen: Auf ihrem Schoße lungerte ein dicker, rundbackiger Knabe, und maulte mürrisch.

»Der kleine Asmus ist krank, Karl hat den Doktor rufen lassen.«

»Er wird sich den Magen ein bißchen verdorben haben«, meine Monika, »heißt du nicht Rasmus? Kann er das R nicht aussprechen?«

»Ja, aber wir nennen ihn Asmus … das ist hübscher.«

Die Lust zum Umtaufen schien in der Familie zu liegen. Gleichzeitig mit dem Einzug der deutschen Truppen war der Name umgeändert worden.

Der Hardesvogt [später entfallen: , der einen Augenblick abgerufen war,] fuhr in dem [später entfallen: unterbrochenen] Gespräch fort und focht mit den Armen. »Kannst du nicht begreifen, Mona, alles hängt noch in der Schwebe, in einem provisorischen Zustand. Preußen hat Schleswig in Verwaltung, und Manteuffel ist interimistischer Regierungskommissar. Weder ich noch irgend ein Mensch ist fest angestellt. Wie kann ich deinem Manne eine Anstellung verschaffen? Es ist eben unmöglich.«

»Ich hoffe, daß wir durch deine Fürsprache ein ganz kleines Amt als Bote oder Briefträger oder dergleichen bekommen könnten.«

»Weil ihr in Not seid und vorausgesetzt, daß ihr in Arup bleibt, will ich euch gern mit zwanzig Talern unter die Arme greifen.«

»Nein, kein Almosen, sondern ein kleines, festes Amt und Brot!«

Onkel Karl besann sich. »Bei dem Grafen Wedelsborg könnte ich vielleicht die Waldhüterstelle bei Tarup für euch bekommen … freies Holz und Futter für zwei Kühe … nicht schlecht.«

»Nein, wir möchten um unsres Sohnes willen in die Stadt.«

»Was soll der in der Stadt?«

»Eine bessere Schule besuchen.«

»Hm, [später ergänzt: oho–o,] darum will Hans königlich preußischer Beamter werden …«

»Willst du nicht wenigstens einen Schritt versuchen? Sprich einmal mit Manteuffel!«

Er lachte [später ergänzt: höhnisch]. »Haha, um des Himmels willen! [Später ergänzt: Mit Manteuffel sprechen!] Der schmisse mich vierkantig hinaus … die Preußen sind oft barsch und herrisch … bei ihnen gilt nicht Geld noch Gunst, wie bei dem Dänen.«

»Du willst also nichts tun?« seufzte Monika.

»Ich kann nichts tun.«

Es klopfte. »Guten Morgen, guten Morgen, Herr Doktor!« Die schlechte Stimmung des Hardesvogts war in lächelnde Liebenswürdigkeit verwandelt.

Scheinbar anders verhielt sich der Sohn. Asmus [später anders: das Töchterlein des Hardesvogtes. Die kleine Silly] glitt vom Schoße [später ergänzt: der Großmutter] herunter, stand mitten auf der Diele, streckte die Hände nach hinten und nach dem Arzte die Zunge aus, so weit er sie aus Hals und Mund zu recken vermochte.

»Nein, der Jung, der Jung [später anders: das Kind, das Kind]!« Die Großmutter lachte über den gräßlichen Witz.

Doch war es keine entsetzende Ungezogenheit, sondern weil Asmus [später anders: Silly] die ärztlichen Besuche und die stereotype Anrede: »Laß mal die Zunge sehen!« zu sehr gewohnt war, ein höfliches Entgegenkommen, das dem Arzt die Untersuchung erleichtern sollte.

Der Hardesvogt ließ Wein bringen, und Großmutter Lina wisperte ihm zu: »Es wäre [später ergänzt: sehr] genierlich, wenn sie nach Norderhafen kämen.«

Frau Junker aber wanderte durch die Straßen der Stadt. Von vielen Dächern hingen deutsche Fahnen. Die Bewohner freuten sich der Befreiung vom Joche, das dreizehn Jahre lang gedrückt hatte. Und die Frau war tieftraurig. War hier kein Heim und kein Plätzchen für sie und die Ihren?

Vor dem Amthause (d.i. dem Landratsamte) blieb sie stehen, und ein plötzlicher, heller, wie vom Himmel gefallener Gedanke kam ihr [später ergänzt: in den Sinn]; Gott wird mir die rechten Worte geben.

Resolut ließ sie sich melden und stand [später ergänzt: bald] vor dem Amtmann. »Ich bin die Schwester des Hardesvogts Berg.«

»Kommen Sie auf seine Empfehlung hin?«

»Nein, nur im Vertrauen auf Gotteshilfe und Menschengüte.« Sie erzählte, warum sie ihren Erwerb verloren, und trug ihre Bitte vor.

Dieser höchste preußische Beamte der Stadt war weder barsch noch herrisch, sondern sehr wohlwollend. Auch gefiel ihm die bündige, verständige und bescheidene Art und Weise der Frau.

»Warum verschafft Ihr Bruder Ihnen nicht eine Stelle?«

»Er behauptet, daß er es nicht vermag.«

»Was? Wird doch augenblicklich ein Gerichtsdiener gesucht. Genügt der Posten?«

»O, mit tausend Dank würden wir ihn nehmen.«

»Meine liebe Frau, das hoffe ich auswirken [später: erwirken] zu können und [später ergänzt: ich] werde mit Ihrem Bruder sprechen.« [Später ergänzt: – Sie war entlassen.]

Monika schwieg von dem kecken und erfolgreichen Gange, den sie gemacht. –

In Arup traf ein schwerer, allerdings auch mit sechzehn Kourantschilling Porto beschwerter Brief ein. Er wurde unter atemloser Stille geöffnet und gelesen und enthielt die Bestallung des Hans Christian Junker zum Gerichtsdiener in Norderhafen.

»Fadde, will auch sehen«, quälte Adam. Als ihm das Kleinod hingehalten wurde, griff er [später ergänzt: fest] zu und setzte drei Butterbrotsfinger unter das große Siegel.

»Aah«, schrie der Vater und klapste die Finger derb, »a–ah, Mutter, nun hat der Schlingel die Bestallung ruiniert, und sie ist ungültig.«

Da sang auch der Sohn das hohle, heulende Jammerlied Uh–uh, aah–ah. Monika beruhigte beide und verschloß das Schriftstück in der Schatulle.

Als die Feierabendglocken – Malehns Mann, der um seiner Treue willen neu ernannte Totengräber, zog sie ungeschickt – lange nicht so harmonisch wie früher läuteten, klang dennoch in Monikas Seele ein Lobhymnus:

Sei hochgelobt in Ewigkeit,
Mein Gott, für deine Güte,
Die mich in Trübsal angeblickt,
Mein Leben tausendfach erquickt
Und wunderbar erhalten!

Hans aber streifte die Holzschuhe von den Füßen und schleuderte die langgedienten zum alten Gerümpel. »Sie passen nicht mehr zum [später ergänzt: bestallten] Beamten.« Würdevoll zog er die Langschäftigen an und stolzierte durch das Dorf, jedem, der es hören wollte, erzählend, daß er königlich preußischer Beamter geworden sei.

Im Wirtshaus befinden sich immer die willigsten Zuhörer, und er gab natürlich ein paar Runden aus. Zum Lohne nannte sie ihn »Hans Deutscher«. Der bucklige, boshafte Dorfschneider aber stieß mit ihm an und sagte: »Prosit Hans Monika!« Da bestellte der Beamte nichts mehr.

Frau Junker witterte mit der Nase und fragte [später ergänzt: nur] vorwurfsvoll: »Wollen wir so das Gottesglück einweihen?«

Hans war schon etwas geduckt und schwieg demütig. –

Hoch bepackt stand der Leiterwagen mit Hausgerät und Habseligkeiten. Oben auf dem Babelturme, von dessen Höhe er des Hauses First übersehen konnte, saß Adam Amatus, auf einer Matratze festgebunden, und hielt den Hund »Nalde«, der ein großer Köter geworden war, im Arm.

Schniefend kam die alte Malehn aus ihrer Tür und wischte sich die roten Augen. »Frau Junker, Sie dürfen nicht glauben, daß wir so schlecht sind und andre aus ihrem Brot verdrängen wollten.«

»Nein, wir danken Gott, daß wir Arup verlassen dürfen.« Monika reichte der Reumütigen die Hand zur Versöhnung.

Die Scheidende warf einen letzten Blick nach dem Friedhofe und der Kirche und den Glocken im Turme. Wie oft hatten diese mit ihrer ehernen Stimme lust- und leidvoll gesungen, und die Glocken waren ihre besten Freunde gewesen, die mit ihr gesprochen und jede Seelenstimmung verstanden hatten. Lebewohl, Lebewohl! Ein langes Stück ihres Lebens war beendet und hier begraben auf dem Aruper Kirchhof.

Hans störte [später ergänzt: unfein] ihre Abschiedsrührung. »Mutter, wir haben doch im Frühstückskorbe einen kleinen Klaren in der Flasche – für den Kutscher [später ergänzt: nämlich]? Wer gut schmiert, fährt gut.«

Auf dem Aussichtsturme fuhr Adam in eine neue Welt hinaus. Solange er die Gegend kannte, belehrte er Nalde und erklärte alles. »Das ist der Hof Vogelsang … hier gehen Peter Jensens Kühe … siehst du die Pastorpferde? Der Schimmel ist eine Stute und kann ein Füllen kriegen.«

Als es über die Aruper Gemarkung und seinen bisherigen Gesichtskreis hinausging, rief er immerzu herunter: »Fadde, was ist das?« Von jedem Wegfahrenden wollte er wissen, wer er sei und wie er heiße, und faßte gar nicht, daß der allwissende Vater seine Unkenntnis zugestehen mußte. Zuletzt machte der warme Maientag ihn still und schläfrig. Adam schlief, und des Hundes Schnauze lag auf seinem Halse.

Das Gerüttel des Wagens auf dem Steinpflaster weckte ihn. Diese hohen, dichtgedrängten Häuser, die vielen Menschen und die ungeheuren Ladenfenster! Sein durch immer neue Eindrücke in Atem gehaltenes Erstaunen war so sprach- und grenzenlos, daß er keine Frage herausbrachte.

Außerhalb Norderhafens stand eine Häuserzeile unter hohen Pappeln, das sogenannte Pappeltal mit sehr billigen Mietswohnungen. Eine Dach- und Giebelwohnung daselbst, die aus einem Kochraum, einer viereckigen Stube, einem schräg abgedachten Schlafzimmer und einem noch schrägeren und noch kleineren Kämmerlein bestand, hatte Hans als Heim gemietet.

Von den Fenstern ging der Blick ins Grüne, auf die Wiesenfläche und das Schilf und über das Wasser der Föhrde. Freilich, sehr heiß war es dort oben unter den Ziegelpfannen, und der Vater, der alles zum Guten kehrte, schmunzelte, daß viel Feuerung erspart werden könne.

Junker – bei seinem Vornamen ließ er [später: der Beamte] sich nicht mehr nennen – trug die Uniform mit weißblanken Knöpfen und die blaue Mütze und statt des Schwertes an der Linken einen Knotenstock in seiner Rechten.

Ein großer Morgen brach an, wo die blanken Knöpfe noch blanker gerieben wurden. Im Amtshause [später ergänzt: nämlich] wurden die neuen preußischen Beamten vereidigt. Der Hardesvogt Berg, der sehr ernst und blaß aussah, war unter den ersten, die ins Zimmer traten und vor dem königlichen Kommissar die Schwurfinger hoben. Hans gehörte zu den allerletzten, die vorgelassen wurden, aber leistete keck und zuversichtlich wie kein andrer den Treueid.

Stolz und stramm trug er sich, als er seine Familie begrüßte: »So, nun bin ich beeidigter Beamter.«

Monika antwortete gedämpft und dämpfend: »Hast du auch an Gott gedacht während der heiligen Handlung?«

Er warf die Brust heraus. »Ich kann mit gutem Gewissen den Eid leisten, mit besserem, als dein großer Bruder, der heute recht klein war … von den zwei Eiden, die er sich geleistet hat, muß nach meinem [später ergänzt: simplen] Verstande der eine falsch sein.«

»O, rede nicht! In einem Grenzlande wird Gott mit einem andern Maßstabe als anderswo messen.«

»Jaja, das mag wohl sein.« Die Moral, die einen doppelten Maßstab hat, mißhagte ihm nicht. –

Für Adam Amatus fing in Norderhafen der neue Lebensabschnitt der Arbeit an. Die Mutter unterrichtete ihn. Solches Lehren ist eine Lust und solches Lernen unter Mutteraugen ein Spiel, vorausgesetzt, daß der Lernende einen hellen Adamskopf hat und die Lehrende eine erfahrene, deutsche Schulmeisterin wie Monika ist. Trotz der Treibhaushitze in der Dachstube war es kein Treibhausunterricht, der unnatürlich frühe Erfolge und Früchte züchten und zeitigen wollte, sondern die meisten Tagstunden gehörten dem Spiel in frischer, wangenbräunender Luft.

Die Wasserspiele waren natürlich die liebsten. Drüben auf der Föhrde segelten die Jachten und Galeassen, und der Raddampfer Marie schaufelte zweimal täglich vorüber. Am Garten entlang floß ein Bach, auf dem der Knabe seine Schiffe, zwei ausgehöhlte Kürbisschalen, die eine Blumenstange als Mast und einen Leinenlappen als Segel hatten, am Bindfaden schwimmen ließ.

Ein alter, weißhaariger Herr, der immer einen schwarzen Tuchrock, hohe Vatermörder und eine weiße Halsbinde trug und alle Nachmittage durch das Pappeltal marschierte, stemmte sich auf den silberbeschlagenen Stock und schaute lächelnd über das Brückengeländer. Der emeritierte Pastor Jensen, der zuweilen den Onkel Hardesvogt besuchte, kannte [später ergänzt: schon] den Burschen.

»Junkerlein, sag mal, was willst du werden?«

Prompt kam die Antwort: »Ich heiße Junker und nicht Junkerlein und will Seemann werden.«

Das Bauerwerdenwollen war durch die neuen Wassereindrücke verdrängt. –

Jeden zweiten Sonntag besuchte die Familie Junker den Onkel Berg. Eines guten Sonntags aber veranstaltete Großmutter Lina ein Wettlesen ihrer beiden Enkelsöhne [später anders: wollte Großmutter Lina hören, wie ihr Enkel lesen könne]. Adam las fließend die Geschichte von dem sprechenden Starmatz [später entfallen: , aber Asmus sammelte mühsam die Silben. Darum wurden die Bücher sehr bald zugeklappt und das Wettlesen nicht wiederholt].

Der Onkel blickte seitwärts nach dem [später ergänzt: flinken] Leser und lobte: »Jung, du kannst ja wie ein Priester plappern.«

Monika sagte geradezu: »Ja, Adam ist begabt und lernbegierig, und er müßte von Rechts wegen in die lateinische Schule.«

Darob starres Schweigen und Staunen! Ungeheuerlich war allen, auch dem Vater, der Gedanke.

Karl schob beide Hände in die Taschen und sprach gewiegt und überzeugend: »Mona, es ist begreiflich, daß der Gedanke bei dir entsteht, ich könnte deinen Sohn ins Gymnasium bringen … gewiß, ich könnte einige Jahr das Schulgeld bezahlen, aber [später entfallen: wenn meine Kinder herangewachsen sind, nicht mehr.] D/dein Sohn würde es nur zu einer Halbbildung mit ihren minderwertigen Leistungen und ihrem Übermaß an Ansprüchen und Überschätzung bringen. Das wäre ein Unglück, vielleicht der Untergang [später ergänzt: für ihn].«

Adam Amatus lauschte mit großen, grübelnden Augen.

Auf dem Heimwege nahm Monika den Arm ihres Mannes. »Hans, wir müssen sehr sparen.«

Er knipste fröhlich mit dem Finger. »Hab' ich es nicht immer gepredigt, und nun hast du es endlich eingesehen, liebe Mutter? Ja, sparen, sparen!«

»Ja … wir müssen die 24 Taler Schulgeld im Jahr ersparen.«

Ihr Mann stand still und stierte. »Ein volles Monatsgehalt von 24 Talern! Dann müßten wir drei Menschen einen Monat im Jahr hungern und nichts essen. Gott bewahre deinen Verstand, liebe Mutter!«

Adam Amatus, der zwischen beiden ging, hielt je eine Hand der Eltern und wußte nicht, mit wem er's halten sollte.

Partout wollte er in die lateinische Schule, aber noch partouter keinen vollen Monat fasten. [–]

Die Kürbisschiffe waren längst verfault. Der Papierdrache, der auf den Wiesen wie ein Vogel geflogen, lag zerlöchert auf dem Boden. Der Schneemann, der mit seinen Steinkohlenaugen im Garten gestanden und gespenstisch durch die Mondnacht geleuchtet hatte, zerschmolz.

Als die Krokus blühten und die Kinder Ball schlugen auf der Straße, kam Adam Amatus aus der Schule. Er war in die Bürgerschule Norderhafens aufgenommen worden und hatte die zwei untersten Klassen überschlagen, Neidlos sah er die Lateinschüler, die in geschlossenen Trupps gingen und sich von den andern fernhielten. Sein Traum von der braunen, goldbordierten Mütze war verflogen. War es doch [später ergänzt: für ihn] abgemacht, daß er Seemann werden wollte, und ein Schiffer braucht nicht zu studieren.

Der Hafen blieb sein liebster Ort und die dicke Dorte, die immer so fürchterlich schwitzte und ihrem Manne, der Ballasterde in die leeren Jachten karrte, schaufeln half, seine feste Freundin. Treulich mit ihr um die Wette schwitzend, half er die Schubkarre füllen, trank mit ihr aus einem Legel und erhielt zum Lohne einen Schiffszwieback, der in Schweden drüben vor sechs Wochen den Backofen verlassen hatte.

Derselbe wurde zu Hause verzehrt, und die Mutter meinte [später ergänzt: kopfschüttelnd]: »Magst du das Steinbrot?«

Ja, er kaute mit den weißen, weit von einander stehenden Zähnen, daß es knackte. Weil es das erste selbst und sauer verdiente Brot war, mundete es ihm und schmeckte fast besser als das warme Abendessen, welches nur jeden zweiten Sonntag beim Onkel vorgesetzt wurde.

Dann flüsterte der Vater dem Sohne zu. »Iß nur tüchtig … hier wird doch nicht gespart.« Und sie schmausten beide um die Wette.

Gegen vier Uhr nachmittags, wenn die ehrbaren Bürger mit ihren Ehehälften, die in steifen Krinolinentrichtern staken, durch die grünen Alleen spazierten, pilgerten Junkers zu vieren, und Nalde war der vierte.

Als das große Haus der Norderstraße in Sicht kam, schmiegte Adam sich an die Mutter. »Weißt du, was ich glaube … ich glaube, daß Großmutter mich nicht so lieb hat wie Asmus [später: Silly], denn sie nimmt ihn [später: sie] oft auf den Schoß und mich nie.«

Monika blickte bedeutungsvoll nach ihrem Manne und antwortete verständig: » Der arme Asmus [später: »Die arme Silly] hat ja keine Mutter, aber du hast eine … Darum muß die Großmutter seine [später: ihre] Mutter sein und ihn [später: sie] sehr lieb haben.«

»Ja, darum.« Er begriff's.

Der alte Pastor Jensen war zu Besuch bei Hardesvogts und ließ das kühle Bier sich schmecken. Junker setzte sich zu den Herren, wußte sich komplaisant und höflich zu benehmen und wurde nie vorlaut.

Silly, die gleichaltrige Kousine, ein rundrotbackiger, blauäugiger Flachskopf, lief dem Vetter entgegen [später ergänzt: und zog ihn mit sich]. Sie hatten sich noch nicht einmal gestritten [später anders: Adam ließ galant die Kousine, mit der er sich nie gestritten hatte, in die Schaukel steigen]. [Später entfallen: »Komm mit!« wisperte sie, und Asmus schlenkerte hinterdrein.

Hinter dem großen Hause war ein großer Garten und zwischen hohen Linden eine Schaukel. Der sonst langsame Asmus lief voran und warf sich hinein. »Nun setzt mich so hoch in die Luft, als ihr könnt!«

Adam stieß kräftig und lief unter der Schaukel durch.

Als Silly hineinstieg, zog er das Kamisol aus, um mit neuer Kraft zu arbeiten.

»Adam, nun kommst du endlich an die Reihe«, sagte die Kousine abspringend.

Aber der Bruder Asmus saß schon im Sitze und machte sich breit.

Adam wußte, was dem Gast gezieme, und ließ sich's gefallen, trieb aber zum Schabernack die Schaukel so hoch, daß jener mit dem Kopfe gegen die Lindenzweige stieß und die Mütze verlor.

Silly hob sie auf und setzte sie dem Vetter auf den heißen Schädel. »O, wie fein die Septimanermütze dir steht.«

Er warf kokett den Nacken zurück und stolzierte mit der Goldbordierten, bis Asmus sie von hinten von seinem Haupte riß und grob grunzte: »Gib her! Die Klassenmütze darf kein andrer tragen … so ist's abgemacht. Wenn die andern sähen, daß ich sie dir liehe, käme ich in Verschiß.« Protzig stülpte er das Insignium der Septimanerwürde auf die Haare.

Den Vetter verblüffte das Wort Verschiß, davon er sich keinen Begriff machen konnte. Als sie Versteckens in den Büschen spielten, befragte er leise die Kousine, die auch nichts Bestimmtes wußte, aber die Nase rümpfte. »Verschiß? Das hört man gleich, daß das etwas Häßliches ist.«

Asmus, statt die Versteckten zu suchen, warf sich faul auf den Rasen und dachte lachend: Mögen sie irgendwo hocken, bis sie schwarz werden! Zum Zeitvertreib lockte er den Hund herbei, blies ihm in die Ohren und streichelte ihn zur Beruhigung, kramte in den Taschen, die mit Marmelsteinen, Kupfermünzen, blanken Knöpfen, Bindfaden und andern Septimanerschätzen vollgestopft waren. Eine Blechbüchse, die ihm früher als Grabscheit gedient hatte, lag auf dem Rasen. Er befestigte sie am Bindfaden, lockte Nalde in den Arm, kraute den gestutzten Schwanz, und knotete leise und arglistig, bis die Büchse an dem Schwanze baumelte.

Das war ein Gaudium, wie der Hund hineinbiß und gleich einem Kreisel um sich selber schurrte. Immer ungebärdiger tanzte das geängstigte Tier, nach der eignen Rute schnappend und laut um Hilfe heulend.

Die Versteckten, die geharrt hatten und genasführt waren, sprangen aus den Büschen.

Asmus schüttelte sich vor Lachen. Adam wollte seinen Liebling befreien. »Du … das ist Sünde und Tierquälerei.«

Asmus riß ihn zurück. »Nein, das ist ein Höllenspaß.«

Der kleine Vetter wurde zornig und stieß den größeren kräftig in ie Rippen.

»Was Du Bürgerknote willst hauen?« Wups! Da hatte Adam einen Hieb, welcher saß.

Doch der Schlag wurde zurückgegeben. »Du Lateinbrocken, was bildest du dir ein?«

Währenddessen befreite Silly schnell den Hund. Und die Kampfhähne boxten mit geballten Fäusten und schimpften wie die Helden des Homer.

»Du bangbüxiger Gerichtsbote!«

»Du dicker Hardesvogt!«

Der wohlbeleibte Hardesvogt schnaufte herbei. »He, was ist hier los?«]

– – – In der späteren Auflage heißt es alternativ nach ›Adam ließ die Kousine … in die Schaukel steigen‹ – – – und zog das Kamisol aus, um mit beiden Armen zu arbeiten. Nachdem er eine Zeit lang Silly geschaukelt hatte, stand plötzlich ein schmächtiger, mit Sommersprossen bedeckter Knabe, der unbemerkt durch den Zaun gekrochen war, hinter ihm. Es war Fritz Hahn, der Sohn des Senators, der im Nachbarhause wohnte. Der Bursche hatte von dem hohen Stande seines Vaters und von der eignen Septimanerwürde ein starkes Bewußtsein, denn wie etwas Selbstverständliches erteilte er die bündige Weisung: »Jetzt setzest du mich in die Luft, so hoch du kannst!«

»Nein, Adam kommt jetzt an die Reihe«, sagte die Kousine abspringend.

Aber der Sohn des Herrn Senators saß schon in der Schaukel und machte sich breit.

Der gutmütige Adam ließ es sich gefallen und arbeitete von neuem im Schweiße seines Angesichts, trieb aber zum Schabernack die Schaukel so hoch, daß Fritz mit dem Kopfe gegen die Lindenzweige stieß und die Mütze verlor.

Silly hob sie auf und setzte sie dem Vetter auf den heißen Schädel. »Wie fein, wie fein die Septimanermütze dir steht!«

Adam warf kokett den Kopf zurück und stolzierte mit der Goldbordierten hin und her – bis der Senatorsohn wütend heruntersprang und sie von hinten von seinem Kopfe riß, unter grobem Geschimpfe: »Du Lauser, gib her! Die Klassenmütze darf kein Bürgerschüler entehren!« – Protzig stülpte er das Insignium der Septimanerwürde auf die rötlichen Haare.

Das ließ der Gutmütige sich nicht gefallen; der Kleinere wurde böse und stieß den Größeren kräftig in die Rippen.

»Was, du rotzige Bürgerknote willst hauen?«

Wups! Da hatte Adam einen Hieb, welcher saß.

Doch für einen Schlag gab er zweie zurück und für ein Scheltwort dreie. »Du Lateinbrocken, was bildest du dir ein, weil dein Vater mit einem Geldsack auf dem Buckel zur Welt kam?«

Die jungen Kampfhähne fochten mit geballten Fäusten und schimpften wie die Helden des Homer.

»Du lausiger Gerichtsbote!«

»Du rothaariger Senator! Du Lateiner-Affe!«

Fritz Hahn verlor die Mütze in der Hitze des Gefechts, und Junker setzte den Fuß auf das Insignium der Septimanerehre.

Da schnaufte der Herr Hardesvogt herbei. »He, ihr Bengels, was ist hier los? Dein Sohn, Monika, ist ein Raufbold erster Güte und hat den armen Fritz grün und blau verhauen.«

Hintendrein kamen die andern [später ergänzt: Herren und Damen], und der alte Pastor lächelte belustigt. »Sieh mal den kleinen Schlingel! Am Ende möchtest du selber gern ein Lateinbrocken werden?«

»Das kann ich nicht, weil es 24 Taler Schulgeld kostet.«

»Hm hm!« Der Pastor und der Hardesvogt und Frau Junker räusperten sich gleichzeitig. Das war ein lautes und dreistimmiges Geräusper von grundverschiedener Klangfarbe.

Gegen zehn Uhr dankte Hans Junker für alles Gute, das sie [später ergänzt: heute] genossen hätten. Silly steckte auf dem Flure dem Vetter ein Kästlein in die Hand. »Das darfst du behalten!« In dem Kasten waren viele Holzstücke, aus denen nach dem beigelegten Bauplan eine Windmühle gebaut werden konnte.

Die Großmutter sagte auf dem Flure nichts, aber nachher drinnen in der Stube: »Warum hast du ihm das schöne Mühlenspiel gegeben, Silly?«

»Adam hat sonst kein Spielzeug, und Vater kann mir [später ergänzt: ja] eine neue Mühle kaufen.«

Der Bruder gähnte breit: »Du bist aber schön dumm!« [Später anders: »Wie dumm du redest!« antwortete die Großmutter. – – –]

Droben in den Dachstuben war's fürchterlich in den afrikanischen Hundstagen. Träge saßen die Fliegen an der Wand und nickten, und alle Blätter des Pappeltals waren eingeschlafen.

Frau Monika schwang schwitzend das Plätteisen und sagte mit apodiktischem Ärger: »Nein, zum dritten und letzten Male nein, du Quälgeist!«

Adam, der Geliebte, war der Quälgeist, welcher durchaus barfuß gehen wollte, wie die andern Knaben.

Mürrisch schlenderte er in Schuhen und Strümpfen in die brennende Sonnenhitze hinaus, schlug sich seitwärts am Bache entlang und strebte über die Wiesen. Er war sehr unglücklich, weil er seinen Willen nicht gekriegt [später: bekommen], und wurde über Erwarten schnell getröstet.

Zwei sommerweiße Gestalten gingen an der kühlenden Föhrde, und die eine winkte [später ergänzt: von ferne]. Adam lief den Schmetterlingen entgegen und betrachtete den einen von oben bis unten, und der Schmetterling betrachtete ihn.

Klarissa, die Tochter des Zollinspektors, war um gut zwei Jahre älter, aber Sillys Busenfreundin [später anders: die um zwei Jahre ältere Busenfreundin Sillys]. Die Gegensätze hatten sich angezogen. Neben der rotbackigen und drallen Berg war die andre lang und hager, spitz und sommersprossig und in Adams Augen dennoch eine Schönheit, denn sie hatte einen schweren, braunen Haarzopf und ein ernstes, erwachsenes Wesen, das ihm mächtig imponierte.

Die Mädchen pflückten Blumen auf der Wiese, und der ritterliche Adam raufte sie [später ergänzt: ihnen] handvollweise. Auf einem glitzernden Tümpel schwamm eine einsame Seerose. Klarissa sah die Königin der Wasserblumen und prüfte mit dem Fuß die Tragfähigkeit des Sumpfbodens.

Er hatte schon die Schuhe und Strümpfe abgestreift und pflückte die Seerose – und reichte sie Klarissa. Die gute Kousine, die das Mühlenspiel ihm geschenkt hatte, machte einen breiten, bedenklichen Mund.

Der Knabe fühlte sich sehr wohl in den bloßen Füßen, so daß er, des ritterlichen Anstands vergessend, Schuhe und Strümpfe in der Hand behielt und zum Versucher wurde. »Ihr solltet mal probieren, wie schön das ist!«

Die Mädchen kicherten einander zu, blieben ein wenig zurück und saßen, den Rücken ihm zukehrend, im Grase, während er lächelnd in die Luft sah.

Weißbeinig bis zu den kurzen Röcken kam die Erwachsene gravitätisch angewatet. Silly aber hüpfte wie ein übermütiges Kälblein durch das weiche Gras.

Barfußgehen – o, welche Lust für die Kinder der Reichen, und wie werden die Buben der Enterbten um dieses Vorrecht beneidet!

Friedlich beieinander standen drei Paar Schuhe, aus denen die Stümpfe langhalsig hervorguckten. Über dem Bach, wo er in breiter Mündung in die Föhrde sich ergießt, lagen zwei schmale, handbreite Hölzer, die beiden Ufer verbindend. Jedes Wagnis lockt ein tapfres Kindesgemüt.

Keck fragte Klarissa: »Wer folgt mir?« und balancierte [später: balanzierte] wie eine geschickte Seiltänzerin auf der schmalen Planke über den breiten Bach. Junker wollte sich nicht beschämen lassen und brachte einmal das Kunststück fertig; nur die kleine Silly getraute sich nicht.

Aber die Freundin, vom Erfolg ermutigt, rannte immer kühner von Ufer zu Ufer.

Der Knabe lag bewundernd im Grase, die [später ergänzt: schnell- und] weißfüßige Artistin gefiel ihm immer mehr. Als sein Emporschauen zu ihr den Höhepunkt [später ergänzt: der Bewunderung] erreicht hatte, sah er sie plötzlich gar nicht mehr, sondern hörte einen Plumps und ein Platschen, als ob ein Frosch ins Wasser springt. Schmählich war die Seiltänzerin abgestürzt [später ans Satzende gestellt], die aus dem schlammigen Wasser krabbelte.

Silly schrie und heulte vor Schreck und Mitleid, Klarissa aber weinte nicht, tapfer ihren Schmerz und ihre Schmach verbeißend. Adam dachte, daß sie groß im Unglück sei, obwohl sie greulich [später ergänzt: , ja schauerlich,] aussah. Die schneeigen Füße und alles bis zum Gürtel hinauf war eine schwärzliche, stinkende Schlammasse.

»O, uh, was wird deine Mutter sagen, Klarissa?«

»Sie … die lange Stine wird mich schlagen.« Die Reder sprach durch die verkniffenen Lippen.

Adam erholte sich und meinte: »Du mußt es [später ergänzt: schnell] abwaschen … komm, hier weit oben ist der Bach klar … dann merkt eure Mamsell, die lange Stine, nichts …«

Silly puffte ihn. »Du … die lange Stine ist ja [später: doch] ihre Mutter, ihre Stiefmutter.«

Er kannte die lange Frau des Zollinspektors und schwieg verlegen. Aber Klarissa hatte seinen Gedanken aufgegriffen und eilte bachaufwärts, bis wo am Ufer hohes Röhricht wuchs. Er folgte mit dem gesamten Schuh- und Strumpfgepäck und wurde von der Erwachsenen [später ergänzt: energisch] bedeutet: »Bleib, wo du bist, kleiner Adam, und paß gut auf, ob jemand kommt, und sieh [später: schau] nach allen Seiten, aber nicht hierher!«

Trotzdem das »kleiner« ihm nicht gefallen hatte, hielt er treulich Wache. Die beiden Mädchen standen im Wasser und hielten große Wäsche, rieben und wrangen und spülten das Röckchen, und was darunter gewesen, und breiteten alles zum Trocknen auf den Rasen.

Klarissa saß in der Hucke hinter dem Schilfe und schlang die Arme als ein Notgewand um die Beine, die wieder schneeweiß waren. Volle anderthalb Stunden blieb sie in dieser unbequemen Stellung im Schilfe hocken. Zwischen ihr und dem Vetter lief Silly hin und her, ihn ermahnend, gut aufzupassen, und die Freundin tröstend, daß die Wäsche gut geraten sei.

Als die Erwachsene zum Vorschein kam, hing das einst gesteifte Röckchen schlaff und kraus und umschlotterte den hageren Körper. Vorbei war alle Lust der Barfüßler, die in Strümpfen und Schuhen heimgingen.

Adam Amatus mußte an die lange Stine und die arme Klarissa denken. Schon auf der Treppe empfing ihn die Mutter, welches kein günstiges Anzeichen war. »Wo bist du Schlingel drei geschlagene Stunden gewesen? Sag die Wahrheit … du hast im Wasser gepatscht?«

»J–a!«

Ehe es zum Strafvollzuge kam, klang von unten eine lachende Stimme: »Ja, der Schlingel, der Undög!«

Frau Junker neigte sich [später ergänzt: über die Treppe] vor, und die Unmutswolke ihres Antlitzes wurde zum liebenswürdigen Lächeln, denn der alte Pastor Jensen grüßte in seiner freundlichen Art und der Besuch war ihr und ihrem Hause eine [später ergänzt: hohe] Ehre.

Pastor Jensen scherzte: »Der faulenzt in den Hundstagsferien den ganzen Tag und lebt wie Adam im Paradiese.«

Monika antwortete schnell: »Nein, er ist sehr fleißig und der zweiterste in der Klasse, obwohl er der jüngste ist.«

»Jung, hol' die Bücher her! Ich will mal hören, was du kannst!«

Adam las fließend und mit guter Betonung, und der Pastor nickte ihm ein paar Mal zu. Adam rechnete im Kopfe die schwierigsten Exempel.

Der alte Herr verwunderte sich [später ergänzt: darüber] und sagte: »Die Prüfung hast du gut bestanden. Frau Junker … der müßte ins Gymnasium.«

»Ach Gott«, seufzte sie erschrocken, unsre Einnahme ist sehr gering, wir dürfen uns so überschwängliche Hoffnungen nicht in den Kopf setzen.«

»Hat der Hardesvogt nie mit Ihnen darüber gesprochen?«

Sie entschuldigte, vielleicht aus Klugheit: »Mein Bruder hat selbst Kinder [später anders: ein Kind] und viele Ausgaben.«

Der Pastor blickte aus dem Fenster und besann sich. Er gedachte, daß er selbst armer Leute Kind gewesen und auf der Universität kümmerlich sich durchgeschlagen.

Dann erhob er sich schnell und sagte in der Tür halbleise: »Wenn Sie gestatten, will ich das Schulgeld für ihn bezahlen, solange ich lebe … die Begabung ist da und darf nicht brach liegen.«

Ehe Frau Junker zu sich selber kam und danken konnte, war der alte Jensen fort.

Ein völlig unvermutetes und allzu großes Glück erschreckt. Der Knabe stand baff und benaut [Hinweis d. Hg.: bedrückt] mitten in der Stube, während Monika in einen Stuhl sich setzte. Schließlich legte er [später: Adam] die Hände und Arme auf ihren Schoß und sagte scheu: »Mutti, warum weinst du?«

»Ich weine vor Freude, ich glaube, ich hab's in meinem Leben noch nie getan.« Sie nahm den großen Knaben auf den Schoß und herzte ihn. »Wir wollen Gott aus tiefstem Herzen danken und demütig sein.«

Ihm war so feierlich, so freudig-weinerlich zu Mute, daß er von selbst die Hände faltete und laut ein Vaterunser betete. Da küßte sie ihn.

In der Nacht vermochte Frau Junker nicht zu schlafen. Sonst hatten oft die Sorgen, die ihr Lager umstanden, den Schlummer fortgeängstigt. Jetzt verscheuchten ihn die allzu grellen Glücksträume, welche die Nacht taghell machten. Die Träume hoben sich auf Lichtschwingen empor, daß sie die ganze Zukunft ihres Sohnes durchflog. Sie sah auf seiner blonden Haarfülle die rote Primanermütze; sie erblickte [später ergänzt: hoch oben] auf der Kanzel seinen Kopf mit den weißen, ehrwürdigen Beffchen. Alle Kränze, die das Leben ihr nicht gegeben, lagen auf seinem Haupte.

Adam Amatus lief nach der Norderstraße und durch Torweg des Onkels und berichtete außer Atem das große Ereignis. Die Kousine freute sich, aber der Vetter [später anders: die Großmutter] machte ein unsagbar ungläubiges Gesicht. »Du kommst ins Gymnasium? Wer's glaubt, zahlt einen Taler.«

»Gib gleich den Taler her [später ergänzt: Großmutter]! Hihi!« Der kleine Junker schlug eine Lache auf und schabte den Finger. »Fifi! Pastor Jensen zahlt für mich das Schulgeld, und bald will ich so weit sein wie du.«

Er schien bereits das Demütigsein vergessen zu haben. –

Zum Michaelistermin fand die Aufnahme neuer Schüler statt. Adam Junker hatte eine kurze mündliche und schriftliche Prüfung hinter sich und saß in strammer Haltung und erwartungsvoller Zuversicht auf der Bank. Die gestellten Fragen waren ihm zu leicht gewesen. Zwei Lehrer lehnten am Pulte und sahen das Schriftstück durch, das er mit seinen großen Buchstaben geschrieben hatte. Sein Ohr fing jedes Wort ihrer gedämpften Rede auf.

»Wahrhaftig … kein Fehler im Diktat! Der ist mehr als reif für die Sexta.«

»Ja, aber« – der zweite Lehrer nahm den Taufschein und blickte flüchtig hinein – »aber es geht doch nicht … der Bursche ist nur acht Jahre alt.«

Der erstere, ein dicker Herr, erkletterte den Hochsitz der Klasse und betrachtete, nachdem er eine Zeile ins Protokoll geschrieben, den Schüler mit gutmütig lächelnden Äuglein. »Junkerlein, du bist in die Septima aufgenommen worden.«

Weder das kosende Diminutiv noch die Septima-Aufnahme schien eine sonderliche Freude zu erwecken.

»Nun sag mir noch, Adam Amatus Friedrich, welches ist dein Rufname?«

Der Knabe schwieg einen Augenblick. Geschah es in Verblüffung oder aus Überlegung, um zwischen dreien die Wahl zu treffen?

»Jung, weißt du nicht, wie du heißt?«

»A–ma–tus!« Langsam und deutlich platzte es [später: die Antwort] aus dem Knaben heraus.

»Jetzt kannst du laufen und dir eine Mütze kaufen.«

Während der Prüfung betete [später: hattegebetet] Monika erst für den Sohn und dann für den alten Pastor Jensen, den Wohltäter ihres Hauses, daß es ihm wohl gehe, und daß der mehr als Siebzigjährige noch lange, möglichst lange, sehr lange lebe auf Erden. Solange er lebte, wollte er ja das Schulgeld bezahlen.

In roter Erregung stürzte Amatus in die Dachstube und rief: »Mutter, Mutter! Nun bin ich umgetauft und heiße Amatus … der Lehrer hat es ins Protokoll geschrieben.«

Als Monika den Sachverhalt erfuhr, wurde sie ernst und böse, und zauste ihm das Haar. »Du hast gelogen! Pfui! Das Allergemeinste und Allerhäßlichste ist die Lüge.« – Ihre Hand schlug ihn.

Seine Freude verkehrte sich in [später ergänzt: heftiges] Weinen, und er schluchzte. »Ich habe nicht lügen wollen … es kam so aus mir heraus [später ergänzt: heraus gestürzt] …«

»Warum verachtest du deinen ehrlichen Namen?«

»Die andern hänseln mich immer damit, wenn wir die Geschichte von Adam und Eva haben.«

An seinem Ehrentage erhielt der kleine Sünder Stubenarrest, und zur Verschärfung der Strafe wurde die neue Septimanermütze erst nach Tagen gekauft.

Der Vater schüttelte zwar über den Streich seines Sohnes den Kopf, aber [später nach dem Verb] unterdrückte auch nicht ein Lächeln und nannte ihn zuerst neckend und dann für ernst und immer Amatus.

Nach einer Woche hat auch die Mutter ihm den neuen [später ergänzt: protokollierten] Rufnamen gegeben.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.