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Der Muttersohn - Band I

Johannes Dose: Der Muttersohn - Band I - Kapitel 5
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typefiction
authorJohannes Dose
titleDer Muttersohn ? Band I
publisherM.-G.-Schmitz-Verlag / Nordstrand
editor
year2010
isbn9783938098547
firstpub2010
correctorreuters@abc.de
senderM.-G.-Schmitz-Verlag / Nordstrand
created20100813
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Vierter Abschnitt: Die ersten Hosen und die ersten Holzschuhe.

Die Strahlenfinger der Frühsonne betupften die Nasenspitze und huschten über die Lider hin, bis diese dem Licht verwundert sich öffneten.

Ein rundes Knäblein erwachte und kletterte von der hohen Bettstatt herunter. Auf den nackten Beinchen über die Diele strampelnd, legte es altklug die Hände auf den Rücken, und der kleine Hahn krähte: »Fadde, aufersteen!«

Hans Totengräber zog seinen letzten Schnarcher und rieb sich die Augen.

»Hallo! Frau Junker! Die Sonne steht schon hoch. Wir müssen uns vor unserm eignen Kinde schämen … jaja, der Jung wird ein Morgenmann wie sein Vater.«

»Das macht der Geburtstag«, sagt Monika und herzte ihren Knaben. »Adamchen, heute sollst du etwas ganz Neues und Schönes haben, wenn du mir sagen kannst, wie alt du bist.«

»Swei Jahre, swei Jahre!« sang er mit Beingestrampel-Begleitung.

Der Frühaufsteher und Frühredner, der die schwersten Laute ein wenig abschliff, beherrschte gewissermaßen zwei Sprachen, denn mit der alten Nachbarin Malehn plapperte er dänisch, mit der Mutter durfte er nur in seiner deutschen Muttersprache sich unterhalten, mit dem Vater aber konnte er es nach Belieben machen und wählte bald aus dem Deutschen, bald aus dem Dänischen die Worte, wo er sie am leichtesten fand, und wie sie seiner Zunge am bequemsten lagen. Die Mutter freilich verbot es dem Sprachvermenger, der redlich bemüht war, eine gemischte Grenzsprache auszubilden [später: zu bilden].

Adam Amatus erinnerte an die Erfüllung des geschlossenen Abkommens. »Mutti, mein Gejenk [später: Geschenk]!«

Monika öffnete still lächelnd die Kommodenschublade und holte ein funkelneues Kleidungsstück hervor – die ersten Hosen! Das waren dazumal rechte Beinkleider, die nicht nur bis zu den Knieen, sondern über die Knöchel reichten.

Adam war stumm und starr.

»Du sollst die Beine nicht so steif, sondern schlaff und geschmeidig machen.« Hans mußte von unten nachhelfen und zog die Füße durch die langen Kleiderrohre.

Nun stand er [später: der Bursche] da in seinen ersten Hosen, auf einem Fleck, hilflos, [später ergänzt: verhagelt,] als habe er das Gehen verlernt, und alle lachten – nur er nicht.

Die Beine in den engen Beinschienen weit auseinander spreizend, watschelte er ernst und unbeholfen über die Diele.

»Bist du nicht froh, Liebi? Jetzt bist du ein großer Mann.«

»Ja, groser Mann!« Er war der Sache noch nicht ganz froh. Doch die Hosen hatten weite Taschen, in die er die Hände tief hineingrub. Das half.

»Adam ist ein großer Mann und hat lange Hosen an«, reimte die glückselig lachende Mutter.

Bald sang er den Vers nach, und lange vor Mittag hatte er die Kunst gelernt, in den neuen Hosen zu laufen und zu springen, zu klettern und auf den Knieen zu rutschen. Als er mittags eintrat, saßen vorn und hinten Staub- und Schmutzflecke von der Erdarbeit, und die mütterlichen Ermahnungen, wie neue Hosen zu behandeln seien, begannen. [–]

Während Monika unterrichtete, hielt er sich zum Vater auf dem Friedhofe. Fleißig warf er mit dem kleinen Holzspaten Erde in das Grab zurück, bis der Vater meinte: »Alles hilft – sagte die Mücke und spuckte in die Elbe … Adam, was willst du werden?«

»Totengräber.«

»O, Gott behüte dich vor dem sauren Brot … aber Jung, probier doch mal, ein kleines Grab zu machen!«

Adam mühte sich, daß ihm der Haarschopf schweißfeucht wurde. Sie schafften und schaufelten um die Wette, und der Totengräber stand tief in der Grube.

Das Kindergrab war fertig und ein längliches Vieleck geworden. Der große Totengräber schlug dröhnend mit der Hacke, der kleine ging stillschweigend durch die Gänge und raufte Rosen, Nelken und Levkojen, die er als Blumenstöcke auf sein Grab pflanzte. Dann rief er stolz und freudig: »Fadde, Fadde!« um das Vaterherz zu überraschen.

Die Überraschung war so groß, daß Hans den Namen Gottes unnützlich anrief: »Herrgott! Was hat der Schlingel gemacht! Willst du deinen Vater unglücklich machen? Wenn jetzt der Pastor käme, könnte ich mein Brot verlieren.«

Gewandt aus der Tiefe herausturnend, riß er sämtliche Blumenstöcke mit roher Hand aus und machte auf dem Nachbargrab zwei Spatenstiche. In der Gruft wurden die Blumen still und geschwind beigesetzt.

Adam war etwas duchsig [später: ducksig] geworden und schien darüber nachzudenken, wie man die Folgen einer unvorsichtigen Handlung am besten verwischt. [–]

[Später entfallen: Die neuen Hosen waren, wie schon gesagt, recht schmutzig, als der kleine Totengräber nach Hause kam.

Das Geburtstagsessen stand auf dem Tisch, rote Grütze mit weißer Milch und dünne Pfannkuchen mit dickem Pflaumenmus. Seitdem zwei Esser das Haus verlassen hatten, war keine verschämte Armut mehr, und die Bauerfrauen hielten sich darüber auf, daß die Madame Junker für ihren Stand zu fein sich kleide und ihren Sohn in Lederschuhen gehen ließ.]

Beim Sonnenuntergang, als Hans das Abendläuten besorgen wollte, hängte sich der Junge an seine Rockschöße und kletterte voraus auf allen Vieren die Turmstiege hinan. Droben war schon düstere Dämmernis, und vom Balken glotzten zwei feurig funkelnde Augen herunter.

Der Knabe wies [später ergänzt: sehr] keck hinauf: »Fadde, ein – spenst!«

»Nein, da ist kein Gespenst, sondern eine Eule.«

Der Vater [später: Junker] stieß die Schallöcher auf, durch welche das Abendlicht hineinflutete, und zog am Strange, beide Glocken in Bewegung setzend. Die brausende, bellende Stimme des Erzes unmittelbar über dem Haupte erschreckt unwillkürlich den daran nicht Gewöhnten.

Die riesigen, wie haltlos gewordenen, hin und her baumelnden Eisenhüte hatten etwas Herabstürzendes, Erdrückendes, Entsetzendes. Und Adam der Kühne, der mit den Händen nach dem Gespenst gegriffen hatte, stieß einen furchtbaren Schrei aus: »Fadder, sie fallen!«

Einen Augenblick verstummten die Glocken. Hans trug nämlich seinen Sohn zwei Stufen hinab. »Bleib hier sitzen und sieh dich nicht um! Was ist das mit dir? Ein Jung, der Büxen an hat, darf kein Bangbüx sein.«

Das Wort wurmte tief. Als der Totengräber das Geläut beendigte und die Betschläge machte, stand sein Söhnchen hinter ihm, die Augen stamm und tapfer nach oben [später ergänzt: auf die Glocken] gerichtet. »Fadde, Adam ist kein Bangbüx.«

Diese Heldentat war der würdige Abschluß des zweiten Geburtstages. Mit den ersten Hosen hatte sich auch der erste Mannesmut und -ehrgeiz eingestellt. – –

Ein Jahr rann dahin – ähnlich der Königsau in Sommertagen – friedlich flüsternd und des ungestörten Stillaufs und -lebens froh genügsam, ohne daß Glücksfluten plötzlich daherrauschten oder gefährliche Sturzgefälle Unruhe brachten. Monikas fein ausgeprägten Züge waren von einem steten, unmerklichen Mutterlächeln verklärt.

»Hans, sind wir je so glücklich wie jetzt gewesen?« sagte sie oft zu ihrem Manne. Nein, es war ein Glücksjahr in dem Totengräberhause und Hans Junker ein häuslicher Mann, der am Feierabend und den ganzen, lieben, langen Sonntag mit dem Kinde sang und spielte, tummelte und turnte, ritt und raste.

Während des Gottesdienstes, wenn der Pastor seine Wind- und Wetterpredigten hielt und der Vater der Orgel den nötigen Wind gab, hockte Adam hinter der Brüstung der Orgelempore.

Täglich tüderten Mutter und Sohn die Schafe um, und neue Lämmer machten ihre Hopser auf dem grünen Wege. Matz war nicht mehr und hatte nicht als Zuchtbock zur Veredelung des Schafgeschlechts das Seine beigetragen, sondern in Norderhafen, als der Fleischbank Zier, sein Leben geendet. Alles Irdische ist endlich, und der Tote, von dem neuen, schwarzen Lamm aus dem Gedächtnis verdrängt, war verspeist und vergessen.

Das Jahr glitt sonnbeschienen [später: sonnenbeschienen] dahin. Die hochbeladenen Erntewagen schaukelten die Gasse entlang. Adam, der sich zu einem nützlichen Mitglied der menschlichen Gesellschaft von selbst entwickelte, las die verstreuten Halme auf, rieb die Ähren zwischen den Händen und streute den so gewonnenen Erdrusch den Hühnern und Enten hin.

Die ewigen Herbstregen dieses wasserumspülten Landes troffen, und kein Strahl stahl sich durch die Wolken. Adam kramte im Stübchen herum und war die Sonne. Wenn er aber für den Ernst der Schule allzu laut und witzig wurde, ward er zur Verbannung in die Küche hinausgeschoben. Doch dies Exil war keine Strafe, denn bei der alten Malehn konnte er tun und lassen, was er wollte, Reisig in das Feuer werfen, den Tonbecher auf dem Wasser schwimmen lassen und das Gesicht sich mit Ruß tätowieren.

Draußen tanzten die Flocken. Im Fenster des Stubenkäfigs lag der Kleine, in dessen Hosen zwei große Hinterfenster eingesetzt waren, und sah dem Schneespiele zu. Doch sein Tätigkeitstrieb ließ ihn nicht lange in der Beschaulichkeit beharren. Er legte einen Stuhl, der den Schlitten vorstellen sollte, auf die Vorderbeine. Der Vater, der auf einen Augenblick eingetreten war, um sich aufzuwärmen, sah ihm zu.

Durch die Tür guckte die Predigermagd, die den Kleiderrock als Kapuze über den Kopf geworfen hatte. »Die Frau Pastorin läßt sagen, er soll sogleich kommen, die rote Kuh will kalben.«

Hans machte einen Satz und schrie die Antwort: »Zu Befehl! In einer Viertelminute!«

Als aber die Tür zugeschlagen war, lächelte er überlegen. »Immer geduldig! Das Kalb läuft nicht weg.« Hans ließ sich gute Weile, ehe er [später ergänzt: dem Rufe] gehorchte.

Die Mutter sah nicht, daß ihr Sohn aus der Hintertür und um das Haus herum schlich und bis zur Brust in der Schneewehe trampelte. Aber die Schüler, die überall, nur nicht im Buche ihre Augen hatten, denunzierten ihn.

Monika stand auf der Schwelle und befahl: »Sofort herein!«

Adam aber wühlte sich bis zum Halse hinein und machte überlegen [später ergänzt: , wie sein Vater] »Immer geduldig … das Kalb läuft nicht weg.«

Das Kalb lief nicht, jedoch die Mutter tat es [später: lief hin] und packte den Balg, und bedenklich klatschten die Hinterfenster [später: klatschte es auf die Hinterfenster] der ersten Hosen.

Er [später: Adam] hatte wegen Gehorsamsverweigerung vor versammelter Schule seine erste Züchtigung erhalten und war zerknirscht. Den ganzen Tag über blieb das kleine Herz gedemütigt.

In der Schummerstunde nahm Monika ihn auf den Schoß und erzählte Märchen. Offen stand die Ofentür, und das glühende Torffeuer warf seinen traulichen Schein über Wand und Diele. Der kleine Mann mit dem lebhaften Tätigkeitstriebe saß eine Stunde lang mäuschenstill mit ruhigen Händen und großen, horchenden Augen.

Das war täglich nach saurer Doppelarbeit in Haus und Schule Monikas Erholungsstunde, wenn die graue Ruhe der Dämmerung an die Fenster heranschlich und jedes Geräusch dämpfte, wenn ihr Söhnchen die Ofentür öffnete und den Stuhl, schleppendscharrend, zurechtrückte.

Sie liebte nicht die Dänen, aber sie liebte einen Dänen, der Hans Christian Andersen heißt, und wußte das Buch, das er für große und kleine Kinder geschrieben hat, in- und auswendig. Wunderhaft strömte der Märchenquell vom »Zinnsoldaten«, vom »großen und kleinen Klaus«.

Die Mutter lächelte und erzählte aus ihrem eig[e]nen Herzensvorrat. »Es war einmal eine arme Frau, die wenig Freude und viele Jahre lang keinen Sohn hatte, wie andre Mütter. Da bat sie Gott so lange, bis er ihr den Sohn gab …«

»Nicht den Storch?« kam erstaunte Zwischenfrage.

»Nein, Gott! Und die arme Frau war schwerreich geworden … wer war wohl die Frau?«

»Mutti, du!«

»Der Sohn aber wuchs und wurde groß, sehr groß und war immer gut und gehorsam und lernte viel und wurde schließlich … was meinst du, daß er wurde?«

»Totengräber!«

»Nein, [später ergänzt: Gott behüte uns,] das nicht.« Monika rümpfte herb die Lippen. »Besinn dich besser!«

Klein Adam steckte den Finger in den Mund und platzte mit dem Wort heraus: »Pa–ster!«

Da küßte die Mutter den Knaben, glutrot im Gesicht, und nicht vom Widerschein des Feuers.

Glaubte sie in dieser Dämmerstunde an Ahnungen, und daß der Mund der Unmündigen weissagen kann?

Der praktische Vater war dem poesievollen Treiben nicht abhold und lobte die langen Schummerstunden, die viel teures Lampenöl ersparten. –

Zerschmolzen war aller Schnee und alle Schneeglöckchen verwelkt. Jeder Tag war um einen Zoll länger als sein Vorgänger. Neue, scheue Graskeime piepten aus der Erde am sonnigen Hag, auf allen Feldern zog der Pflug seine Furchen.

Hinter den fetten Pastorgäulen, die nicht abstrapaziert wurden, trottete der Totengräber, und sein Sohn, der in der deutschen Schule ein unnützer Gehilfe war, kam öfters zu ihm aufs Feld hinüber. Der Wißbegierige, welcher die müßigsten und unmöglichsten Fragen stellte, durfte noch nichts lernen.

Über den Sturzacker kam der Knirps herangewatschelt.

»Was willst du?«

»Reiten, reiten!«

»Auf der Stute oder auf dem Pferde?«

Adam Amatus saß auf dem Rücken der Schimmelstute und beguckte abwechselnd die Gäule, wie ein Roßkamm etwa, bis die Frage kam: »Warum [später: ist] das eine Stute … und das ein Pferd?«

Der Vater war nicht verlegen um Antwort. »Die Stute kriegt ein Füllen, aber das Pferd nicht … siehst du den Unterschied?«

»Ja, Fadde!« Die Erklärung leuchtete dem Kinde ein.

Hans ging eines Tages mit dem Saatsacke über den Acker und streute die Gerste.

»Warum gibst du es nicht den Kickricki … warum wirfst du es weg?« fragte der Kleine verwundert.

»Ich säe es, dann wächst daraus Gras, und das Gras wird zum Halm, und der Halm trägt viele Körner … verstehst du?«

Ein Kopfschütteln. »Machst du das Gras und das Korn?«

»Nein, das tut der Herrgott.«

»Wo ist der Herrgott … hier unten in der schwarzen Erd'?«

»Nein, oben im blauen Himmel.«

»Wie kann er denn das Korn machen?«

Hans kraute sich. Trotz der vielen Naturpredigten, die er gehört, mußte er sagen: »Ja, das weiß ich nicht.«

»Auch nicht Mutti?«

»Ich glaube kaum.«

»Auch nicht der Paster [später: Pastor] ?«

»Nein, obgleich das ein Klugpeter ist, der das Gras wachsen hören kann.«

Adam hockte [später ergänzt: ein Weilchen] am Walle und pflückte Windröschen und horchte auf die langen Gräser, die dort wuchsen. Eine Grille zirpte.

Da lief der kleine Philosoph zum Säemann. »Fadde, ich habe das Gras wachsen hören … fififi machte es … Fadde, ich bin auch ein Klugpeter.« – –

Der nordschleswigsche Gau glühte trotz seiner nördlichen Lage im heißen Hochsommer. Das hellrosige Knabengesicht wurde sonnengebräunt und beinahe mulattengelb, denn Adam war vom Auf- bis zum Niedergange der Sonne im Freien und wurde demzufolge ein Vielwisser, dem die ganze Dorfwelt bekannt und vertraut war. Jedes Pferd und Füllen, sogar die einzelnen Kühe kannte er. Von Klee und Hafer, Gerste und Roggen wußte er den Unterschied, von jedem Gerät und Ding, das in seinen Gesichtskreis trat, von Sense und Rechen, Heugabel und Hungerharke, kannte er den Zweck.

»Was willst du werden?« fragte der Vater, als sie zusammen vom Mähen kamen.

»Bauer!« lautete [später ergänzt: jetzt] die prompte Antwort.

Hans Totengräber machte einen Hüpfer und wedelte mit den Händen vor den Ohren. »Gott bewahre dich, mein Sohn! Wer nicht mit einem Geldsack auf dem Rücken geboren ist, bleibt ein Bauernsklave und Bauernesel sein Leben lang.«

Der bucklige Dorfschneider kam just des Weges. Adam flüsterte leise zum Vater empor: »Ist der mit einem Geldsack auf dem Rücken geboren?«

»Nein, der ganz gewiß nicht.« –

In den Hundstagen quälte das Junkerlein die Seinen, hängte sich an die Röcke der Mutter und an die Rockzipfel des Vaters, und es war stets ein Wort, das er mit klagendem Gemurmel wiederholte: »Einen Hund … Hund … Hund.«

»Jung, sind dir die Hundstage zu Kopf gestiegen, und bist du verrückt geworden?«

Nein, das war er nicht, sondern nur zäh und ausdauernd in seinen Wünschen.

Die Eltern hatten ihn gefragt: »Was willst du zu deinem Geburtstag haben?« Da war der Hundstagsruf zuerst erschollen und seither nicht verstummt.

Adams Beharrlichkeit wurde belohnt, er bekam seinen Hund, einen gelbhaarigen, tapsig watschelnden, wimsig wedelnden Welp, der dick zum Zerplatzen war. Nun hatte er einen Freund und Spielkameraden und fand in manchem lieben Jahr einen besseren nicht. Dieses Geburtstagsgeschenk war das größte und glücklichste Ereignis seiner Kindheit.

An dem Geburtstagsabend beugte sich Monika im Bette über ihren Mann. »Hans, dieses letzte Jahr ist das glücklichste meines Lebens gewesen … du hast dich nie aus dem Hause gesehnt und sich so fröhlich gefühlt.«

»Ja, ja.«

»Wir wollen uns sehr lieb haben und für den Knaben sorgen und schaffen und beten.«

»Ja, ja … aber wollen wir nun lange schnacken [später: schwatzen], liebe Mutter, oder schlafen?«

Sie fiel [später ergänzt: enttäuscht] zurück in ihre Kissen.

Wenig Sterblichen wird ein jahrelanges, ungetrübtes Glück zuteil. – – –

Auf den Stoppeln weideten die schnatternden Gänse.

Gestern, als am Sonnabend, war in den meisten Aruper Höfen das Erntedankfest gefeiert worden. Berge von Reisbrei und Rippespeer verschwanden, und Seen von Kaffeepunsch wurden trocken gelegt. Pastor Hartwig, der ein dänischer Patriot, aber ein abgesagter Feind des Nationalgetränks war, fragte Hans und die andern in der Leutestube: »Was wollt ihr nun am liebsten … den Ernteschmaus, oder einen Reichsbanktaler pro Mann?«

»Beides, Herr Pastor, wäre wohl [später entfallen: das beste] und liebste …« Hans hatte flink und vorlaut geantwortet.

Hartwig lachte nicht, sondern legte jedem ein Geldstück in die Hand, um sich von der Erntevöllerei loszukaufen.

Nach allzu großer Feuchtigkeit tritt meistens eine entsprechende Dürre ein. Der Sonntag wurde dem Ausschlafen und dem Nachdurste gewidmet.

Nach dem Mittagsschlafe ging der Totengräber in Hemdsärmeln unbefriedigt auf und ab. Der Reichsbanktaler nämlich brannte in seine Tasche.

Der Kleine griff nach seiner Hand. »Fadde, ausgehen!«

»Nein, mein Jung, ich kann dich nicht mitnehmen.«

Monika hob den Kopf. »Wohin willst du denn?«

Hans zog die Uhr aus der Tasche, einen sogenannten Tombak-Zwieback, ein unförmliches Großvatererbstück. »Siehst du, liebe Mutter …«

»Ja, die Uhr ist halb drei … wie lange willst du fortbleiben?«

Darüber hatte er durchaus nicht reden wollen. »Die Uhr bleibt oft stehen, und will nicht mehr … ich muß sie verhandeln, und heute sind die Leute in tauschlustiger Stimmung.«

Seine höchst pfiffige Miene wurde höchst ärgerlich, als sie erwiderte: »Ich habe noch nie gesehen, daß bei solcher Handelei etwas Gutes herauskommt.«

Er zog den Rock an, und der Knabe hängte sich an die Schöße. »Mein lieber Jung, ich gehe nur in den Schuppen, um Holz klein zu machen.«

Monika saß mit der Handarbeit und horchte auf die kurzen Beilschläge, die durch die Mauer drangen. Als sie verstummten, setzte sie ihrem Sohn die Mütze auf, öffnete die Hintertür und sagte: »Ob du Fadde wohl finden kannst?« Auch Monika konnte verschmitzt sein, wenn es sein mußte.

Kinder haben ihre Engel – und werden zuweilen auch als Schutzengel von Ehefrauen ausgesandt.

Adam Amatus schoß wie ein Schießhund rings um das Haus, pürschte im Garten und schlüpfte durch die Hecke. Auf dem Richtsteige über das Feld marschierte mit langen Schritten der Vater, der halb ärgerlich und halb gerührt den Kleinen mitnahm.

Sein Ziel war der grüne Dreiecksplatz vor dem Wirtshaus. Bauernknechte wetteten und warfen Münzen; wo des Königs Bild nach oben fiel, war gewonnen. Hans, der ein Tagwähler war, warf versuchsweise ein paar Sechslinge und hatte Glück.

Der bucklige Schneider, der am feinsten und modernsten von allen gekleidet war, fragte nach der Zeit.

»Peter Schneider, will deine Kartoffel nicht mehr?« Der Totengräber kniff das Auge zu.

[Später entfallen: »Ja, aber gestern abend war ich zum Erntefest bei Töges und weiß nicht, wie die Uhr an die Wand und ich ins Bett gekommen bin.« Bedächtig zog er den blanken Chronometer mit dem Schlüssel auf.

Der Schlauberger wollte auch handeln und war durchschaut.

»Darf ich mal sehen?« Hans öffnete das Gehäuse mit dem Messer und musterte das Werk, dem nichts fehlte, als daß es völlig verschmutzt war. Weil die tombakene seine zwölfte war, verstand er sich auf Uhren.

»Hm, das Werk taugt nichts … aber was willst du zugeben?«

»Zugeben? Zuhaben meinst du wohl?«]

Sie handelten und feilschten, und die ehrlichen Makler legten sich ins Mittel. Peter Schneider zahlte zwei Reichsbankmark im Tausch, und der Totengräber gab den Weinkauf, der in dem neuen bairischen Bier getrunken wurde, das trotz seines deutschen Ursprungs den Aruper Bauern sehr gefiel.

Danach schlug man den Holzball über den Rasen, und die Kegel fielen. [Später entfallen: Hans war unverschämt im Glück, und sie nannten ihn einen Neuntöter.]

Die harte Kegelarbeit machte natürlich Durst, der gelöscht werden mußte. Als der Vater einmal von der Bierquelle zurückkam, zupfte ihn sein Sohn, der sich langweilte, an den Hosen. »Fadde … nach Hause zu Mutti!«

»Jung, komm her und hilf Kegel aufsetzen, dann verdienst du einen Sechsling zu Lakritzen und Syrupsschlick.«

Nun arbeiteten Vater und Sohn, alle beide im Schweiße ihres Angesichts.

Weil die Luft gegen Abend kühler wurde, schenkte der fleißige Wirt, der keinen Sonntag hatte, Kaffeepünsche. Draußen machte das launische Glücksspiel einen Purzelbaum. Junker verlor plötzlich und setzte immer höher, um den Schaden wett zu machen und zu seinem erhandelten Gelde zu kommen.

Im Eifer hörte er kaum das Abendgeläut, das Monika besorgte.

Aber der kleine Schutzengel zupfte: »Fadde, ich bin hungenig.«

Der Vater nahm den hungrigen Engel bei der Hand und führte ihn in die Schenke, wo die leutselige Wirtin ihn mit Kringeln und Kuchenstücken fütterte.

Das Spiel ging weiter. Hans Totengräber merkte nicht, daß er des Glückes Hanswurst geworden. Seine Wangen brannten – aber der Pastortaler brannte nicht mehr in seiner Tasche.

Dieweil saß Monika am Fenster und ließ den Strickstrumpf in den Schoß fallen und starrte in die Schatten des sinkenden Abends. Nun war alles mit einem Mal so dunkel, so dunkel nach dem langen, lieben, sonnenlichten Jahr. Wenn nur das Kind zu Hause wäre, das unschuldige Kind!

Endlich klang der bekannte Gang [später: Trippelschritt]. Hinauseilend riß sie ihren Adam Amatus an sich. Ihr Mann hatte einen allzu festen, fast kühn dem Schicksal entgegen gehenden Schritt [später: Gang], aber einen hochroten Kopf. Monika preßte das Kind an sich. »Davor, davor behüte dich Gott in Gnaden!«

»Wovor? Wovor?« wurde zweimal gefragt. »Willst du mit mir spektakulieren?«

»Ich sage heute abend kein Sterbenswort.«

»Nein, aber morgen früh.«

Sie kniff beharrlich die Lippen zusammen und schwieg. Darum ging er zu Bett und schnarchte bald. Frau Junker aber schlief nicht. Wieder war die Macht da, die sie durch den Spätgeborenen gebannt glaubte, wieder das leichtsinnige Sichgehenlassen, das sie als eine schwere Herzlast schleppen mußte. Und der süße, unschuldige Knabe … was … wer der einmal – der bloße Gedanke war Gespenstergrausen.

Als sie am Morgen die [später entfallen: verklebten] Augen aufschlug, war ihr Mann nicht mehr an ihrer Seite, sondern vor Taghelle aufgestanden und an die Arbeit gegangen.

Er wollte über seines Weibes Unmut erst die Sonne aufgehen lassen. – – –

Adam Amatus hatte seine erste Schiefertafel bekommen und kritzelte mit dem Griffel und malte Kühe, Pferde, Schafe und Störche, welche Tiere sich wenig unterschieden. Die Vogelschen und die Falkenbergschen Buben aber, die inzwischen an Länge, Weisheit und Jugendeselei zugenommen hatten, neckten ihn und gaben dem Storch ein ungeschicktes Affengesicht, schrieben mit täppischer Schrift »adam« darunter und kicherten: »Fifi, das bist du.«

Obgleich er sich ärgerte, ließ er sich in der Freiviertelstunde zu losen Streichen verführen. Im Garten war ein Baum, an dem Äpfel hingen. Die Buben wollten alles mit ihm wetten, daß er keinen Apfel herunterholen könne, liehen ihm aber bereitwillig ihren Rücken als Stiege und halfen ihm hinauf. Ehe er den Abstieg gemacht, hatten sie mit ehrlichem, abwechselndem Hineinbeißen den Apfel geteilt und verzehrt.

Monika beobachtete im Fenster den Vorgang. Zur Strafe mußte er während der biblischen Geschichtsstunde ganz still sitzen und die Hände gefaltet halten.

Die Lehrerin der deutschen Schule erzählte von der Erschaffung der ersten Menschen und von der bösen Rippenoperation, welcher Adam gleich nach seiner Geburt sich unterziehen mußte. Dabei plierten die Burschen nach dem andächtigen Adam hinüber, ein infames Lächeln unterdrückend. Auch vom Apfelraub und Sündenfall hörte die Schule.

In der Freiviertelstunde tummelten die Knaben sich draußen, stießen Adam mit dem spitzen Finger in die Seite und schrieen: »Adam ohne Rippe, Adam ohne Rippe.« [Später entfallen: Noch erfinderischer war ein anderer Schlingel und sagte: »Adam Apfeldieb, Adam Apfelesser.«

Das waren zu viele Spitznamen für ein redliches Kindergemüt. Der Kleine ging weinerlich hin und klagte und verklagte. Georg Falkenberg, der größte Schüler und der schlimmste Schreier, erhielt fünf Fingerklapse, ihm zur Züchtigung und andern zur Abschreckung.]

Aber [später: Und] Hans Totengräbers Söhnchen behielt [später entfallen: dennoch] den Necknamen. Wenn er am stillvergnügtesten stand, tuschelte einer ihm boshaft ins Ohr: »Adam Apfeldieb und ohne Rippe.«

Das wurde zum Kummer des Kindes. Eines Tages legte es die Arme auf den Schoß der Mutter und das denkschwere Köpfchen in die Hände: »Mutti, fühle hier, ob ich keine Rippe habe!«

»Du hast alle Rippen.«

»Ich will aber nicht mehr Adam heißen.«

»Was denn?«

»Amatus.«

»Das geht wohl nicht, mein Kind.«

Der Vater lachte: »So müssen wir zum Pastor, daß der dich noch einmal umtauft.«

Aber die Mutter herzte ihr Knäblein und sagte: »Mein Geliebter … mein Amatus!« – –

Das Nachweihnachtenwetter war grau und gräßlich. Schneefall und Schmelze, Nachtfrost und Tagtau wechselten miteinander, und das Aruper Gefilde glich einer großen Pfütze.

Grau und grämlich war [später ergänzt: auch] das spitze Gesicht des Pastors, des guten Patrioten. In der Versammlung der Kirchenältesten schlug er [später ergänzt: sogar] auf den Tisch: »Es ist blindeste Verblendung, den ungleichen Kampf zu provozieren.«

Töge aber sagte bibelgläubig: »Herr Pastor, hat nicht David den großen Goliath besiegt?«

Hartwig eiferte: »Zehn gegen eine … das ist der reine Wahnsinn.«

Klüger war der kleine Pastor als der Kopenhagener König.

Aber die Kirchenjuraten gingen heim und fingen an, seiner Gesinnungstreue zu mißtrauen.

Endlich biß sich der Frost gehörig fest und ließ die rinnenden Gewässer nicht mehr aus den Fängen. [Später entfallen: Aber] trotz der Januarkälte wetterleuchtete es immer stärker im Süden. Wintergewitter sind die allerschwersten.

Falkenberg, der deutsche Hofbesitzer, hielt hoch zu Roß vor dem Totengräberhäuschen und klopfte mit dem Peitschenstiel ans Fenster. Drinnen brach der Psalmvers »Nun danket alle Gott« plötzlich ab. Monika lief durch den Schnee.

Der Reiter beugte sich über die Kruppe und lachte: »Frau Junker, nun müssen Sie mit den Kindern [Im Interesse der Werktreue wurde die Originalformulierung wiedergegeben] ›Deutschland, Deutschland über alles‹ einüben.«

»Sie scherzen, oder wissen Sie etwas?«

»Die Preußen und Österreicher sind über die Elbe gegangen.« Weiter sprengte er mit seiner [später ergänzt: Freuden]Botschaft zu den andern Deutschgesinnten.

Monika aber schlug die Hände ineinander und sagte leise: »Gelobt sei Gott!« Danach sang sie mit den Kindern lauter als je: »Nun danket alle Gott!«

Krieg im Lande! Das ist sonst ein furchtbarer Schreckensruf, vor dem Lust und Lachen fliehen. Aber durch ganz Schleswig-Holstein und alle deutschen Herzen ging ein [später ergänzt: brünstiges] Gelobt sei Gott. Mitten im Frost und Schnee, als der Februar begann und die Freiheitsstunde schlug, klang's wie Ostergeläut vom Süden.

Als [später: Da] Hans Totengräber von seiner Frau die Botschaft hörte, knipste er mit den Fingern und pfiff: »Püh, püh, nun verstehe ich das vergnitzte Gesicht des Hochwürdigen … das Wetterglas im Pastorat steht auf Regen.« Eine lächerliche Grimasse schneidend, bedrohte er seine Frau: »Willst du … willst du wohl eine betrübte Miene machen … sieh, wie ich die Unterlippe hängen lasse vor den Leuten!«

In der gemeinsamen Küche, durch deren Mitte die unsichtbare Luftlinie der Grenze, welche die freundschaftlich gesinnten Nachbarn bisher nie respektiert hatten, sich zog, wirbelte hüben wie drüben, wie bei Vorpostengefechten, schwärzlicher Rauch.

Frau Junker legte zwei sehr große Schinkenstücke in die Schmorpfanne, und Malehn, die im Grütztopfe rührte, lugte hinüber und murmelte: »Ist wohl Sonntag heute oder sonst ein Festtag bei Ihnen ins Haus gefallen?«

Monika konnte nicht verbergen, wes [später: wessen] ihr Herz voll war. »Habt Ihr das Neueste gehört? Die Österreicher haben die Eider überschritten …«

Malehn schleuderte einen wütenden Blick. »So … das Neueste … das Niederträchtige macht Ihnen Freude … aber sie haben noch nicht das Dannevirke, und alle Großmächte zusammen werden's auch nie kriegen … darauf will der Küster seine Seligkeit verschwören.«

»Der hat vielleicht nichts derartiges zu verschwören … wir werden dennoch deutsch, Malehn.«

»Deutsch, deutsch! Pfui Teufel!« Die alte, sonst gutmütige Frau wurde zur boshaften Megäre und stieß Monika mit den Fäusten über die unsichtbare Grenze. »Bis hierher, hierher geht mein Recht … Sie setzen mir keinen Topf auf meine Herdseite … nun sind wir fertig.«

Frau Junker blieb gelassen. »Ich werde Ihnen so viel Platz lassen, als Sie [später ergänzt: nur] wünschen. Auch dürfen Sie ruhig Ihre Wassereimer in meinem Küchenanteil lassen und zum Feueranmachen Kohlen von meinem Herde nehmen.«

Malehn riß die Eimer hastig über die Grenze. Beide schwiegen, die eine aus Bissigkeit, die andere, weil sie nicht zanken wollte.

In der gemeinsamen Küche des Totengräberhäuschens waren die Feindseligkeiten des Jahres [Zus. d. Hg.: 1864] 64 eröffnet worden.

Kein Kanonendonner hallte nach Arup hinüber, niemand wußte etwas Bestimmtes. Monika schaute oft aus dem Fenster, und was sah sie [später ergänzt: einmal] in der späten Nachmittagsstunde?

Adam Amatus, in Fausthandschuhen und die Ohrenklappen der Mütze niedergeschlagen, arbeitete mit der Feuerschaufel auf der Straße. Der Hofbesitzer Falkenberg kam um den Kirchhofshügel, und ihm begegnete der Pastor, welcher geduckten Kopfes auf den Weg zu achten schien. Falkenberg grüßte den Ehrwürdigen, übermäßig tief den Hut ziehend, und machte eine förmliche Verbeugung, aber auch ein malitiöses [später: maliziöses] Lächeln.

Aus dem Gruße zog sie den [später ergänzt: richtigen] Schluß, daß es um die Sache der Deutschen gut stünde.

Es stand [später ergänzt: sogar] sehr gut.

Adam stürzte mit der Schaufel ins Haus. »Mutti! Falkenberg sagt, ich soll jetzt Soldat sein und ein Gewehr haben.«

Bald [später: Sofort] marschierte er auf und ab, und der vom Ginsterbesen gelöste Stiel war sein Gewehr. »Eins–zwei, eins–zwei! Die Preußen kommen, die Preußen kommen.«

Hans, der von der Dreschtenne kam, riß ihm entsetzt den Besen fort. »Still! Willst du deinen Vater [später ergänzt: ewig] unglücklich machen?«

Obgleich Hans nicht weit vom Ofen sich setzte und [später ergänzt: von der Kälte] auftauen wollte, zog er dennoch den Rock aus, um die schüchterne Mahnung von sich zu geben. »Wir haben keinen Klafter Holz mehr … es ist so heiß hier, daß ich in Hemdsärmeln schwitzen muß.«

Auf dem Richtsteige, durch den Garten, durch die Küche polterte heftiges Holzschuhgeklapper. Der Bauer Töge stand bleich in der Tür. »Die Unsern haben bei Nacht und Nebel das Dannevirke geräumt … aa, es ist zum Weinen … alle meine Knechte laufen nach Fühnen … alle werden von den Preußen in Uniform gesteckt … lauf Hans, lauf mit den andern!«

Der Totengräber erblaßte und stammelte: »Ich werde ja bald fünfzig … und habe mich bei der Aushebung freigelost.«

»Was unter fünfzig ist, kommt [später ergänzt: ohne Gnade] unter die Pickelhaube und wird Kanonenfutter … lauf, Hans, lauf, wenn du dein Leben und deine Familie lieb hast!«

Töge stürmte durch die Vordertür, um im nächsten Hause seinen Alarmruf erschallen zu lassen.

Hans aber sprang in die Schlafstube und holte hinter dem Schranke die Langschäftigen hervor. »Mutter, [später ergänzt: geschwind,] nimm meinen dicken Rock aus der Kiste!«

Monika nahm ihm einfach die Stiefel[n] weg und lachte: »Weil die Dänen verrückt sind, willst du doch nicht den Verstand verlieren.«

»Wenn ich auf ein paar Tage zu meinem Vetter nach Fridericia ginge …«

»Könntest du mich und den Knaben allein lassen?«

»Nein, um Gottes willen, das hab' ich nicht bedacht.« Sein Pflichtgefühl erwachte und er blieb.

Bei jedem Abend- und Morgenläuten schaute die Frau des Totengräbers durch die tautrübe Luft. Keine blitzenden Bajonette, noch Pickelhauben tauchten im Gesichtskreise auf. Wo blieben die Preußen?

Adam Amatus exerzierte fleißig und hatte zweimal täglich nasse Füße.

Am Ofen standen seine Schuhe zum Trocknen. Der Vater nahm sie in die Hand, von allen Seiten sie betrachtend, und seufzte schwer [später: schwermütig]. Wieder waren die Sohlen durch! O, das unerschwingliche, immer verschlissene Schuhzeug!

Heroisch sein Leidwesen für sich behaltend, ging er in den Schuppen, um Holz klein zu machen. Selbstverständlich folgte ihm der Sohn und stapelte die kurzgeschlagenen Stücke.

Hans ging diplomatisch zu Werk. »Jung, was willst du werden? Holzhauer?«

»Nein, Bauer, Bauer!«

Betrübt schüttelte der Vater den Kopf. »Nein, mein lieber Adam, du bist kein Bauer und wirst auch nie ein rechter.«

»Ja, ja!« Eigensinnig und weinerlich klang das Stimmlein. »Warum nicht, Fadde?«

Fadde wiegte das Haupt. »Ein richtiger Bauer trägt alltags Holzschuhe, ein paar [später: Paar] starke, schmucke Holzschuhe.«

»Ich will Holzschuhe haben«, schrie der Knabe.

»Willst du? Ja, du bist ein ganzer Kerl, der einen Willen hat … das [später ergänzt: von den Holzschuhen] mußt du deiner Mutter sagen – verstehst du, Adam? – und so lange bitten und plagen, bis sie Ja sagt.«

Der Bursche verstand das Quälen allzu gut und ließ nicht locker. »Mutti, ich will Holzschuhe haben, H–o–lz–schu–he haben.«

»Bah, bah!« machte Monika verächtlich, »Hannemann, Hannemann mit de Holtpantüffeln an! Bist du ein Hannemann oder ein feines deutsches Büblein? Nur die schmutzigen Taglöhnerkinder laufen in den scheußlichen Holzkähnen [später ergänzt: herum].«

Umsonst war der Appell an seinen Patriotismus und sein Ehrgefühl.

»Ich will H–o–lz–schu–he haben!« Einen [später ergänzt: ganzen] Tag lang verstummte das Gequäle nicht.

Am zweiten gab sie nach. »Du dummer Junge! Lauf dir meinetwegen in den Holzschuhen die Füße wund!«

Des Vaters Diplomatie und des Sohnes Willensstärke waren von Erfolg gekrönt. Beide gingen vergnügt zum Krämer. »Diese kleinen, süßen [später ergänzt: Holzschuhe] wollen wir mal anprobieren« [später ergänzt: , schmeichelte Hans]. Sie paßten nicht ganz, aber einigermaßen, und Adam hatte seine Holzschuhe bekommen.

Er watete, wo der Dreck am dicksten, wie ein rechter Bauer sich dünkend. Unbeholfen, aber stolz spankasierte er auf der Dorfgasse. Zwar das drückte arg, Spann und Hacke schmerzten niederträchtig; aber er litt geduldig und ohne die allerleiseste Klage.

Eines schönen Nachmittages spielte Adam unter dem hohen Walle, wo der Weg um den Kirchhofshügel eine plötzliche Biegung machte, und erweiterte mit den Holzschuhen eine Wagenspur zum Teiche. Eifrig auf die Arbeit achtend, sah er nicht nach vorne.

Ein [Später ergänzt: Plötzlich ein] Schnauben und Gestampf! Die ersten Preußen kamen! Dicht vor ihm tauchten Pferdeköpfe, fliegende Mähnen, Männer in blauen Röcken mit blanken Knöpfen auf.

Entsetzt wollte er ausweichen und den Wall erklimmen – aber in den unförmlichen Holzschuhen auf dem glitschrigen Grund abstürzend, purzelte er längelang in seinen eignen Teich.

Die Dragoner vermochten nicht ihre galoppierenden Rosse so kurz anzuhalten – zehn Pferde – vierzig Hufe gingen über das Knäblein hinweg.

Monika, die just aus dem Fenster schaute, stieß einen furchtbaren Schrei aus. Der Unteroffizier, der Führer der Patrouille, war sofort aus dem Sattel gesprungen und hatte den Knaben aufgehoben. Die [später ergänzt: entsetzte] Mutter riß ihren Adam an sich und trug ihn ins Haus. Drei preußische Dragoner standen um sie herum, als sie den Knaben entkleidete und überall betastete. Er war völlig unverletzt, die braven Dragonerpferde waren über ihn hinweggesprungen, ohne ihn auch nur mit dem Huf zu berühren. Fröhlich lachte der Unteroffizier: »Wie [später ergänzt: und wo] Sie auch drücken, Madame, er kann mit dem besten Willen nicht Au sagen.« Und die Patrouille sprengte weiter.

Monika, in der noch lange der Schreck nachzitterte, dankte beim Abendläuten unter Tränen dem Herrgott für die Errettung ihres einzigen Sohnes.

Als ihr Mann heimkehrte, kam erst der [später: ihr] Zorn zu seinem Rechte. »Der arme Junge sollte die verruchten Holzschuhe zu seinem Unglück haben.«

Vor den Augen des Mannes öffnete sie die Ofentür und schleuderte die Holzschuhe in die Glut. Hans war so zerknirscht, daß er nur zweimal, beim ersten und zweiten Wurf, aufseufzte und einen Zoll vom Sitz emporhüpfte.

Am nächsten Morgen hielt er nicht mit seinem Vorwurf zurück. »Mutter, das war teure Feuerung.«

»Du willst ihm wohl ein neues Paar kaufen?« fragte sie energisch. »Nein, das waren die ersten und die letzten Holzschuhe meines Kindes.« – – – – –

Fremde Heermassen wälzten sich die gewundenen Heerstraßen entlang, und auch in Nordschleswig begrüßten viele den Feind im Lande als Freund und Befreier. Mit bänglichem Behagen und einem angenehmen Gruseln betrachtete Adam Amatus das bunte Durcheinander der marschierenden Truppen.

Die Trommeln rasselten, und die Pfeifen gellten. Endlose, buntscheckige Reihen, oben blitzblank und unten grausig beschmutzt und mit einer grauen Lehmkruste überzogen, marschierten singend vorüber. Schwere Eisenrohre auf mächtigen Rädern machten die Fenster zittern und das Totengräberhäuschen schüttern. Zuletzt klapperte ein Leiterwagen vorüber, auf dem bleichgesichtige Krieger mit verbundenen Köpfen hockten – im feuchten Stroh lag einer lang ausgestreckt, und aus dem Stroh tröpfelte Blut.

Adam stieß beim Anblick der roten Tropfen einen Schrei aus. Er hatte dem Kriegsgreuel ins furchtbare Medusenantlitz gesehen. »Mutti, er war geschlachtet!«

»Nein, der Ärmste ist schwer verwundet«, sprach sie.

Neue Bilder verdrängten einander. Über Tag hatte Arups Bevölkerung sich verfünffacht. Es ist unglaublich, mit wie wenig Raum ein Mensch sich begnügen kann, und wie viel lebende, breitrückige, langbeinige Wesen ein Haus zu fassen vermag, wenn es sein muß. Das Totengräberhäuschen beherbergte 25 Soldaten. Um die Grenze zwischen den Herdstellen stritten Monika und Malehn sich nicht mehr, denn die ganze Küche war von Habsburg annektiert worden. Nur das Schlafstübchen hatten Junkers [später ergänzt: für sich] behalten. Im Wohnzimmer lagen österreichische Soldaten auf der Streu, gleichwie Heringe in der Tonne, und wenn einer sich [später ergänzt: einmal] wenden wollte, mußten alle kehrt machen.

Die lustig lachenden, leichtlebig liebenswürdigen Söhne von der blauen Donau waren liebe Feind, die den armen Totengräber nicht brandschatzten, sondern [später ergänzt: sogar] ihm von ihrem schmackhaften Brote und dem säuerlichen Soldatenwein abgaben. Gern nahmen sie den Knaben aufs Knie, ließen ihn mit der Säbeltroddel spielen und sagten: »Wenn ich mal die Montur auszieh, kriegst du sie an.«

Adam hatte für eine Weile die Lust zum Bauerwerden verloren und wollte Soldat sein. Heimlich holte er die Langschäftigen des Vaters hervor, schlüpfte mit den kurzen Beinen hinein und marschierte unter schallendem Gelächter der Krieger [später ergänzt: durch die Stube]. Eins–zwei, eins–zwei!

Das Gaudium [später ergänzt: aber] nahm ein jähes Ende. Hans, der sich von hinten in sein Haus drückte und duckte, sprach mit ersterbender Stimme; »Mutter, nun seh' ich meine Stiefel nicht wieder … die Mausfallenkerls haben ihr Auge darauf geworfen … Mutter, das kannst du ruhig ansehen?«

»Ja, das sind doch keine Diebe [Wortänderung durch Hg.; im Original: Slowaken].« Sie holte nicht ihr gestiefeltes Söhnlein.

Hans krümmte den gelenklosen Körper, machte einen mutigen Sprung, schnappte seinen Sohn mitsamt den Langschäftigen und schlug hinter sich und seiner Beute die Tür zu.

Eins–zwei, eins–zwei! Auf Adams Hinterfenster klatschten vier kräftige Takte. Eins–zwei waren die Stiefel abgestreift und tief unten im Bettstroh neben einem dünnleibigen Beutel mit vier Silberlöffeln versteckt.

Die freundlichen Österreicher blieben länger als eine Woche, und die jungen Herren taten gern schön und lieblich mit der schmucken Frau Junker, ihr Holz aus dem Schuppen und Wasser vom Brunnen holend. Hans sah es mit einem bissigen Blick und schwieg; aber nach Feierabend schleppte er einen [später ergänzt: dreitägigen] Holzvorrat in die Schlafstube und füllte alle verfügbaren Gefäße mit frischem Wasser. Monika gab abends ihrem Manne, der so ungewöhnlich galant geworden war, einen langen Gutenachtkuß und lächelte [später ergänzt: verstohlen].

Eines Morgens unvermutet schlug die Marschtrommel. Arup war wieder ein friedlich stilles Dorf. Die grundlosen Wege trockneten aus, die Stuben wurden gescheuert, die Lerche kündete den Lenz. Da kam es zur Schlacht, zum blutigen Menschengemetzel auf der allerschönsten Höhe des schleswigschen Landes, und die Totengräber [später ergänzt: von Düppel] hatten große Arbeit und machten das Gefilde, das wie ein Garten gewesen war, zum Gottesacker.

Die Botschaft lief von Haus zu Haus. Monika konnte sich in ihrer Freude nicht enthalten, über die Grenze der Küche zu rufen: »Malehn, Düppel ist gefallen.«

Aus Malehns Händen fiel der Teller mit der Milchsuppe und zertrümmerte [später ergänzt: in Scherben]. »Das … das ist eine [später ergänzt: infame] Lüge … übrigens sprechen wir nicht miteinander.«

Hans kam und blickte seine Frau mit dem verschmitzten Auge an. »Die dicke Frau Pastrin weint das dritte Taschentuch voll … ich machte natürlich ein Gesicht, wie beim Herunterhissen eines Sarges.«

Aber Frau Junker barg ihre Fröhlichkeit nur schlecht vor den Leuten.

Um Mitternacht lag das ganze Dorf in tiefem Schlaf, denn weder Gram noch Freude stören einem rechten nordschleswigschen Bauern die Nachtruhe.

Nur im Pfarrhause waren zwei Fenster erleuchtet.

Adam erwachte zuerst und weckte: »Mutti, die Soldaten!«

Die Preußen waren gekommen.

Hans Totengräber bebte [später ergänzt: wie Espenlaub] im Bette. »Mutter … wenn sie mich sehen, nehmen sie mich durch Nacht und Nebel ein paar Meilen mit, um den Weg zu zeigen.«

An das Stubenfenster wurde stärker geklopft, und [später ergänzt: rauhe] Stimmen riefen: »He! Heraus, heraus!«

»O, Gott helf mir und uns allen … liebe Mutter, wenn du mit ihnen sprächest … du weißt besser die Worte zu belegen … mich [später ergänzt: armen Menschen] nehmen sie mit, sobald ich mich zeige.«

»Fadde, Fadde!« jammerte das ob solcher Aussichten entsetzte [später: toderschrockene] Kind.

Monika hatte ein Gewandstück umgeworfen und öffnete ein klein wenig das Fenster, beide Haken festhaltend.

Die Preußen fluchten: »Wie lange sollen [später ergänzt: zum Donnerwetter] wir hier stehen?«

»Solange Sie mögen, meine lieben Landsleute … übrigens einen schönen guten Abend!«

Als die Soldaten ihre Muttersprache hörten, lachten sie, und folgendes Zwiegespräch entwickelte sich:

»Liebe Madame, haben Sie Bier oder Schnaps?«

»Keinen Tropfen!«

»Haben Sie Eier?«

»Nein!«

»Schinken oder Wurst?«

»Nein!«

»Was haben Sie denn?«

»Gar nichts habe ich.«

»Aber nun sagen Sie mal, liebe Madam, wie ist Ihnen eigentlich zu Mute, wenn Sie rein gar nichts haben?«

»Sehr gut, wie Sie sehen, nur recht schläfrig.«

Die Preußen sagten kurz: »Ihr Mann soll herauskommen und uns auf den Weg nach Tarup bringen.« – Hans zitterte und zog die Bettdecke über den Kopf. – »Oder haben Sie auch keinen Mann?«

»Einen Mann?« Sie betonte das Mann. »Nein!« Monika drückte [später ergänzt: schwer] an dem Wort und sagte lachend: »Dort, wo noch Licht im Fenster ist, wohnt der dänische Pastor, der allen Menschen den rechten Weg weist.«

»Ja, ins Himmelreich«, sprachen die Preußen, »aber dahin wollen wir noch lange nicht und wären beinahe bei Düppel hineingekommen.«

Das Fenster schlug zu. Der Totengräber steckte die Nasenspitze hervor und gab seiner kouragierten Frau einen gerührten Kuß.

Der Pastor [später ergänzt: hinter dem erleuchteten Fenster] wurde herausgetrommelt, reckte sich gravitätisch und redete in fließendem Deutsch: »Was wollen Sie? Ich bin der Ortspastor.«

»Dann kennen Sie auch die Örtlichkeit.« Die Preußenschelme trällerten: »Der Pastor mit dem Bibel und der Küster mit der Fibel muß auch mit, muß auch mit.«

Der Hochwürdige wurde [später ergänzt: einfach] gepreßt und ging mit Grauen zwischen preußischen Zündnadelgewehren und spitzen Bajonetten durch die finstre Nacht.

Am Morgen lugte Adam in die Küche und lief sogleich mit allen Zeichen des Schrecks zurück in die Röcke der Mutter. »Mutti … ich glaube … sie ist eine Hexe.«

»Wer?«

»Malehn!« Die alte Nachbarin hatte ihn mit ihren vom Weinen geröteten Augen unheimlich angeblickt – daher sein Hexenglaube.

Malehn schniefte und schneuzte [später: schnäuzte] die Nase, weil Düppel gefallen und Dänemark besiegt war.

In ihrer Trübsal ging sie zum Seelsorger. »Herr Pastor, es kann nicht wahr sein, ich kann nicht glauben, daß sie Düppel genommen haben.«

Er faßte ihre Hand mit drei Fingerspitzen und nannte sie bei ihrem Nachnamen. »Meine liebe Frau Petersen, wir müssen es leider glauben … Sie sind eine von den Treuen im Lande … ach, nicht von allen Seelen in Arup, die mit anvertraut sind, darf ich das sagen.«

Malehn schniefte. »Nein, einige grinsen sich in die Faust und ärgern mich durch ihr [später ergänzt: triumphierendes] Gesicht.«

»Wehe denen, durch welche Ärgernis kommt, denn sie sollen geärgert werden … wer sind die Grinser? Natürlich des Totengräbers Frau.«

»Ja … sie hat heute Nacht die Preußen nach dem Pastorat gezeigt.«

»So–o–o!«

In der alten Frau erwachte [später: regte sich] das Gewissen. »Ich will nichts gesagt haben und keinen Menschen verraten.«

»Meine Liebe, andre in diesem Dorfe sind des Vaterlandes Verräter.«

Bis zum Abend wartete der Pastor [später ergänzt: auf seine Rache]. Als beim Sonnenuntergang die Glocken friedsam klangen, spazierte er vor der Kirche auf und ab, und das Geläut goß keinen Frieden in sein Gemüt. Vor der Turmpforte stand er aufgepflanzt und strammte die Lippen. »Guten Abend!« sagte Monika. Er erwiderte den Gruß nicht und hielt den Blick starr auf sie gerichtet. Sie wollte seitwärts um die [später ergänzt: pastorale] Schildwache herumbiegen.

»Halt! Frau Junker! Trauern Sie mit uns um Dänemarks Fall?«

»Ein Ja würde eine Lüge sein.«

»Sie freuen sich also?«

»Wozu die Frage, Herr Pastor? Ich habe meine deutsche Gesinnung nie verleugnet.«

»So–o–o! Sie können gehen … und Hans Totengräber kann auch gehen.«

Monika antwortete hart: »Es wird auch manch andrer, wenn dieses Land deutsch wird, plötzlich Marschordre bekommen.«

Ehe die Marschordre kam, solange er noch Macht und Amtsbefugnis hatte, wollte Hartwig sie üben.

Hans rieb eben die [später ergänzt: dampfenden] Pferde ab, als die Stalltür sich verdunkelte und eine dumpfe Stimme rief: »Feierabend!«

»Schönen Dank, Herr Pastor!«

»Nichts zu danken! Sie haben heute im Pastorat und auf dem Kirchhof für immer Feierabend gemacht und können Ihren fälligen Lohn sofort in meiner Studierstube abholen … adieu!«

In seinem Hause sank Hans gelenklos und geknickt, wort- und fassungslos in einen Stuhl. Die wehen, vorwurfsvollen Augen auf seine Frau gerichtet, holte er den Seufzer hervor: »Mut–ter!«

»Was ist dir?«

»Mut–ter!«

»Bist du krank?«

»Mut–ter!«

»So sprich doch!«

»Ich bin brotlos, brotlos!«

Adam heulte: »Fadde, Fadde!«

Der Vater nahm ihn auf den Schoß. »Mein armes, armes Kind, nun können wir alle verhungern.«

Das arme Kind brüllte, als würde es geschlachtet.

Monika aber behielt den Kopf oben und setzte dem kopflosen Kleinmut eine starke Zuversicht entgegen. »Gott wird uns nicht verlassen, und im deutschen Nordschleswig wird sich ein Unterkommen [später ergänzt: für uns] finden.«

Dem Knaben strich sie ein Butterbrot und streute dick Zucker darauf. Da wich sein Grauen vor dem gräßlichen Tode des Verhungerns.

Für den seines Amtes entsetzten Totengräber stand es [später ergänzt: in der Tat] recht schlimm. Die vom Pastor aufgewiegelten Bauern wollten ihm keine Arbeit geben.

Der Fanatismus ging noch weiter. In einer Sonnabendnacht fuhren die drei Schläfer im Totengräberhause empor. Eine Fensterscheibe war durch einen von außen eingeworfenen Gegenstand zertrümmert. Hans schrie schlaftrunken. Monika zündete die Lampe an und riß das Knäblein an sich – auf dem Pfühl, eine Handbreit von seinem Kopfe lag ein faustgroßer Stein. Sie herzte ihr Büblein, das [später ergänzt: vor Schurkenhand] behütet worden.

Erst nach einer langen, langen Weile erholte sich Junker von seinem Schreck soweit, daß er sich in den Schuppen hinauswagte und das ganze Schlafstubenfenster von innen mit Brettern vernagelte.

Das war die erste Nacht in seinem Leben, die er bis zum Morgen durchwachte.

In der Tagfrühe sagte seine Frau resolut: »Wir müssen fort von hier!« Sie zog ihr schwarzes, bestes Kleid an, zupfte die Hutfeder zurecht und ging zu Fuß nach Norderhafen.

Währenddessen hütete Hans Haus und Kind. Sobald die Abenddämmerung hereinbrach, sagte er: »Komm, Adam, wir wollen in der Schlafstube spielen.«

Hinter dem verbarrikadierten Fenster fühlte er sich sicherer und das Kind geschützter.

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