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Der Muttersohn - Band I

Johannes Dose: Der Muttersohn - Band I - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorJohannes Dose
titleDer Muttersohn ? Band I
publisherM.-G.-Schmitz-Verlag / Nordstrand
editor
year2010
isbn9783938098547
firstpub2010
correctorreuters@abc.de
senderM.-G.-Schmitz-Verlag / Nordstrand
created20100813
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Zweiter Abschnitt: Hans Totengräber.

Durch das grüne Wiesental fließt breit und träge die nicht sehr tiefe Au. Drüben stehen die rotweißen und hüben die schwarzweißen Grenzpfähle, und die letzteren werden alle Jahr neu angestrichen und immer wieder von schmierenden Fingermalen verunglimpft. Wie den Stier das rote Tuch, so reizt die schwarz-weiße Farbe den dänischen Ackerknecht – insonderheit, wenn er aus der Schenke kommt – zu grimmigem Unmut, und er läßt gern seinen lächerlichen Zorn an dem [später ergänzt: wehrlosen Grenzpfahl aus.

Im Jahre 1861 standen an der Au keine Pfähle und war keine Grenze, sondern bis zur Eider erstreckte sich Dänemarks Herrschaft und Gewalt.

Eine halbe Wegstunde von eines großen und eines kleines Reiches Landscheide, die meistens unsichtbar ist [später Komma statt und] und Äcker und Wälder und Wege und sogar Gehöft mitten durchschneidet, lag und liegt noch immer das große Dorf Arup, von guten Feldern umringt, deren dichte Hecken den Singvögeln ein verstecktes Laubheim bieten. Noch immer schlagen die Schwarzdrosseln und die Graunachtigallen [,] wie vor vierzig Jahren.

Die damals neue Kirche ist vier Jahrzehnte älter geworden und hat bereits zwei große Risse in der Mauer. Die Baumgärten bei den Gehöften sind zu Wäldchen herangewachsen [später Komma statt und] und die jungen Hofbesitzer von dazumal ziehen jetzt mählich ins Altenstübchen hinein oder sitzen schon darin – oder liegen droben hinter dem Kirchhofswalle.

Zwischen die bräunlichen Strohdächer und grauen Fachwerksmauern haben sich etliche brandrote Häuser mit schwarzen Pappdächern hineingedrängt. Freund Adebar meidet diese neumodischen Dächer und baut sonst überall, und oft hausen friedlich auf einem Hofe zwei Storchfamilien, so daß jede ein Giebelende bewohnt. Die Königsauwiesen nämlich sind die besten Froschjagdgründe weit und breit. [später: – ]

Dazulande hat man ein Sprichwort: Du stehst mitten im Wege wie die Aruper Kirche.

Ja, sie liegt mitten im Wege, mit ihrem Friedhof auf einem runden Hügel, um den die Landstraße nach beiden Seiten in einem Bogen herumgeht. Zur Rechten lugt unter Ulmen und Linden der Pfarrhof mit seinen zwei Scheunen hervor, zur Linken versteckt und verkriecht sich hinter der hohen Haselnußhecke und unter drei alten Kastanien ein niedriges Häuschen, das nach vorne vier Fenster hat, von denen aber nur das eine die Straße sehen kann.

In vierzig Jahren ist die Mauer getüncht und das Strohdach erneuert worden; sonst ist alles, wie es war, denn [später ergänzt: den] ganz alten Häusern setzt der Zahn der Zeit nicht so schnell noch schlimm zu, wie den neuen und modernen. Auch der offne Brunnen mit dem acht Fuß langen Baumstamm als Ziehschwengel ist geblieben und der Wassertümpel in der Hofecke, den sie stolz ihren Teich nannten, auch die Fliedersträuche, Pflaumen- und Apfelbäume, die den Garten hinter dem Hause umhegen [,] und statt einer Hegung oft den Dorfbüblein eine böse Lockung sind und waren.

Anno 1861 wohnten in dem Hause zwei Familien, auf der rechten Seite Malehn mit ihrem Manne, welcher tagelöhnerte, auf der linken Hans Totengräber mit Frau und zwei Töchtern. Jede Wohnung hatte eine Stube und ein Schlafstübchen, außerdem auf dem Boden ein Kämmerlein, in dem zur Not ein kurzes Bett und daneben zwei nicht allzu lange Menschenkinder aufrecht stehen konnten.

Die Küche war beiden Familien gemeinsam, so zwar, daß von der Tür über den Steinestrich und mitten durch den offnen, fünf Fuß breiten Herd – gleichwie zwischen Dänemarks und Deutschlands Reichen – eine unsichtbare Luftlinie als Grenze ging. Doch war sonst keinerlei Gemeinsamkeit, wie bei den ersten Christen, sondern jede Hausfrau hatte ihre Herdhälfte, eignen Schrank und eigne Vorräte.

An einem Augustmorgen des Jahres 1861 war die Luft schwer, und der Himmel machte ein verdrießlich bewölktes Gesicht, als wenn er mit sich selbst [später ergänzt: noch] im Zweifel wäre: Soll ich regnen, oder soll ich's nicht?

Die Bauern, die ihr Korn einfahren wollten, standen nachdenklich vor dem Wetterglase, wenn sie eins hatten, oder vor dem Laubfrosche – beide hatten eine Neigung, nach unten zu steigen. Neben dem Häuschen scharrten die Hühner eifrig im Dunghaufen, als wenn sie mit dem Futtersammeln vor dem Regen sich beeilen wollten. Nur eine Gluckhenne lief am Teiche glucksend und klagend auf und ab – ihre gelben Entenküchlein schwammen, unbekümmert um der Mutter Geschrei, auf dem Tümpel und tauchten die Köpfe tief in die lehmige Flut hinein.

Plötzlich aber strich die Schar dem Ufer zu und watschelte den Abhang hinauf. Ein siebenjähriges Mägdlein, das einen Futternapf hielt, kam mit eigentümlich vorsichtig tastenden Schritten über den Hof, obgleich es in dem Napfe keine Flüssigkeit balanzierte. [Später entfallen: Über und über lächelte das liebliche, in seiner süßen Unschuld schöne Kindergesicht, während das Mündchen ein lockendes Gluck–gluck rief.] Die blauen Augen sahen weder auf den Weg noch zur Seite, sondern immer geradeaus in einer sonderbar starren und unbeweglichen Weise.

Während die Enten gierig im Troge schnabelten [später: schnabulierten], horchte sie [später: das Kind], ob ein Huhn hinterrücks nahte und pickend naschte, und huschte es hinweg. [Später entfallen: Dann hob sie das Gesicht, in das ein Regentropfen gefallen war, und trug den Futtertrog, dem die Küchlein folgten, in den Holzschuppen, weil die kleinen Enten, deren Element das Wasser ist, keinen Regenguß von oben vertragen.]

Durch die Haustür steckte sich [Später: In der Haustür erschien plötzlich] ein flachshaariger Mädchenkopf und rief erschreckt: »Friedline, Friedline, komm … komm … die Mutter ist mit einem Male krank geworden und schreit …«

Friedlinchen schloß die Enten im Schuppen ein und griff mit der Hand vor sich, während sie ins Haus eilte.

Oben auf dem Kirchhof ging der Pastor Hartwig, ein kleiner, stark ergrauter Mann mit sehr scharfen Zügen und einem »vergnitzten« Munde, trotz der Schwüle den schwarzen Gehrock, über den die Zipfel des weißen Halstuches hingen, bis oben zugeknöpft, dreimal um die Kirche, welches sein ständiger Morgenspaziergang war. Unten auf dem Hügel wurde ein frisches Grab aufgeworfen, in dem Hans Totengräber stand und mit vergrößerter Hast schaufelte, nachdem er tief die Mütze gezogen. Der Pastor, der [später ergänzt: eine messerspitze Nase und] zum Inspizieren eine angeborene Gabe hatte, sah sich nach allen Seiten scharfäugig und hochnasig um.

Hans Totengräber hatte ein gutes Gewissen und dachte: Guck du nur! Auf den Kieswegen war kein Grashalm, und die Gräber waren sauber gepflegt – jedoch nur diejenigen, deren Besitzer einen halben Taler jährlich für Instandhaltung zahlten. Auf einigen wuchs Gras und Nessel nach Belieben – das waren die zahlungsunfähigen oder zahlungsunwilligen Gräber, um die der Totengräber nach seiner Bestallung sich nicht zu kümmern brauchte. Die unter den Brennesseln schliefen, hatten eben keinen Freund mehr auf Erden – oder auch lachende Erben hinterlassen.

Sobald der erste Regentropfen fiel, verzog sich der Pastor, zu dessen vielseitigen Eigenschaften auch die gehörte, daß er vor Erkältung eine lächerliche Furcht hatte. Hans nahm die Hacke, um den Widerstand des harten Erdreichs zu brechen. Ah, das war ein Sargrest, der unter den wuchtigen Schlägen zertrümmert wurde!

Im Takt schaufelte er und pfiff dabei die fröhliche Weise, die seit Jahrhunderten in den Spinnstuben überliefert wurde: »Königin Dagmar tanzte im Rispenschloß«. Er war froh, daß der schwarze Spion sich verzogen hatte.

Aus der Grube flogen Holzstücke und Beinknochen. Der Totengräber pfiff am fünften Verse, als ein Schrei ertönte: »Va–ter …«

Friedline war unten aus dem Häuschen gekommen, zuerst mit tastendem Schnellschritt, aber in ihrer Hast immer mehr ins Laufen geraten und jetzt, zu kurz um die Ecke biegend, über einen Grabhügel der Länge nach hingeschlagen.

»Va–ter!« Hans, der die hilflos wimmernde Stimme hörte, kletterte aus der Grube und hob das Kind auf, das unverletzt war. Darum polterte er: »Weißt du nicht, daß du fein [später anders: hübsch] langsam gehen mußt, weil du nicht sehen kannst?«

Friedlinchen war blind!

Aus den großen, blauen Augen, die nichts sahen, floß das Wasser, und er trocknete ihr das Gesicht mit der Schürze. »Wo tut es dir weh?«

Das Mädchen schluchzte: »Vater … komm schnell … Mutter ist krank.«

»Krank?« Hans machte ein leises Hm–hm. »Es sollte doch nicht … mit der Zeit könnte es stimmen.« Laut aber meinte er: »So schlimm wird es wohl nicht sein … ich habe nur noch ein paar Schaufel voll Erde herauszuwerfen.«

Friedline weinte. »Nein, du mußt gleich kommen … die Mutter schreit … und Erna ist gerannt …«

»Wohin denn?«

»Malehn hat sie zur alten Dorte geschickt.«

Ein etwa zwölfjähriges Mädchen, dem die langen, dünnen Flechten wie Peitschenschnüre über den Nacken flatterten, sprang die Dorfgasse hinab.

Nun wußte der Vater Bescheid, zog ohne besondere Aufregung den Rock an und strebte dem Häuschen zu. Trotzdem er viel über das Grabscheit gebückt stand und nebenher auf dem Pfarrhofe tagelöhnerte, war sein Gang leicht und aufrecht, und zu dem traurig schwermütigen Gewerbe bildete sein hübsches, heiteres, von einem kleinen Bartkranze umrahmtes und von keiner Wolke getrübtes Gesicht einen eigentümlichen, aber erfreuenden Gegensatz.

Er klinkte die Tür auf und horchte. Im Schlafstübchen klapperten zwei Holzpantoffeln hin und her, dazwischen klang ein unterdrücktes, aber durch die verbissenen Zähne sich zwängendes Gestöhn. Hans, der in Notfällen stets ratlos war, fuhr sich ins Haar und machte ein verzweifeltes Gesicht.

Da flog durch die Luft ein dünner Schrei, zart und schwach wie ein Spinnwebfädchen. Hans hörte, wie Malehn mit den zahnlosen Gaumen murmelte: »Frau Junker, es ist ein Junge.«

Der Totengräber flötete die ersten Takte aus »Königin Dagmar tanzte auf Rispenschloß« und machte mit Friedline [später entfallen: im Arm] ein paar kurze Tanzsprünge.

Schnaufend stand die alte Dorte, von der die jüngste Dorfjugend felsenfest glaubte, daß sie aus dem fließenden Brunnensoot am Schulhause die kleinen [später Komma statt und] im Dorf Arup urplötzlich auftauchenden Kindlein hole, hinter ihm und betrachtete völlig frappiert den tanzenden Totengräber, der ihr zurief: »Storchmutter, du kommst zu spät … Herr Adebar hat nicht auf dich gewartet.«

Friedline lauschte scharfhörig auf das dünne, wimmernde Stimmchen und steckte den Finger in den Mund. Hinter den bauschigen Röcken der Hebamme gaffte Erna, wie aus den Wolken auf die Erde gefallen, hervor.

Der Vater schob beide zur Tür. »Dirns! Der Storch hat euch ein Brüderchen gebracht … nun aber heraus [später: hinaus]! Heute könnt ihr spielen, wo, und tun, was ihr wollt.«

Beide aber spielten nicht auf Kommando, sondern standen unter den Fenstern und horchten auf jeden Laut.

Das Knäblein Junker hatte ohne Schwierigkeit und Mühe sein Erscheinen in dieser mühevollen und schwierigen Welt gemacht.

Die Mutter des neuen Weltbürgers, die sich in einem recht kraftlosen Zustande befand, konnte sich auch in dieser mißlichen Lage getrost sehen lassen. Sehr blaß und zart, sehr fein und lieblich war das Weib des Totengräbers. Von den lichtbraunen Augen ging ein Leuchten aus, und über die schmerzhaften Züge /n ergoß sich der volle Glanz des größten Menschenglücks.

»Monika, meine liebe Mona!« sagte der Mann bewegt und streichelte ihre Wange.

Sie lächelte. »Hans, wir haben einen Sohn bekommen … sieben Jahre nach Friedline … ist das nicht ein Wunder?«

Ja, es war ein Wunder, wie jedes Neugeborene, wenn auch kein übernatürliches.

Mißtrauisch folgten Monikas Augen der Hebamme, die, um ihre Gebühr auch wirklich zu verdienen, den Säugling noch einmal wusch und wickelte. Das Knäblein nämlich protestierte mit lautem Greinen gegen das ungebührliche, zweimalige Bad. Nachdem die Prozedur beendet, entfernte sich die alte Dorte und schlug den Rock wie einen Regenschirm über den Kopf.

Draußen rieselte der Regen in der stillen Luft senkrecht herab, und vom Strohdache floß schluchzend das Wasser. Dicht an der Mauer und unterhalb [später: unter] der Dachtraufe standen die beiden Mädchen. »Nun könnt ihr zur Mutter gehen!« Der Vater, der auf Malehns Befehl einem Huhn den Hals abschneiden wollte, rief sie herein. Schüchtern kamen sie in die Kammer, als wäre es ein Ort, den ihr Fuß kaum zu betreten wagte. Erna gaffte blöd verlegen und mit einem bedenklichen Stirnrunzeln, als sei sie sich nicht [später ergänzt: darüber] klar, ob dieser Zuwachs der Familie etwas Gutes oder Böses bedeute. Die Blinde horchte, und die Mutter nahm ihre Hände und legte sie um die Wangen des rotgesichtigen Bübleins.

»Ei, ei … wie heißt er, Mutter?«

»Er hat noch keinen Namen.«

Friedline beugte sich herab und küßte den Bruder so stürmisch – auf die Nase, daß er weinte. Malehn, die in der Küche hantierte, steckte den Kopf durch die Tür und kommandierte: »Setzt euch still hin, die Mutter muß schlafen!«

Sie gingen auf den Zehenspitzen zu den Stühlen am Fenster, auf dessen Brett die blühenden Levkojen dufteten. Nachdem das kopflose Huhn in der Küche abgeliefert war, eilte Hans zum Kirchhofe, um das Grab zu vollenden.

Monika schlief nicht, sondern träumte mit offnen Augen, an denen ihr vergangenes Leben vorüberzog. Die Hoffnungen ihrer Jugend hatten sich nicht erfüllt. Als Tochter eines deutschen Hofbesitzers, der zuerst auf der Gelehrtenlaufbahn einen Anlauf gemacht, dann Fabrikant geworden und als Landwirt geendet hatte, besaß sie eine vortreffliche Schulbildung. Ihr Vater, Adam Friedrich Berg, war ein kluger und ideal veranlagter Mann gewesen, aber hatte sein Leben lang nur Anläufe gemacht und war [später ergänzt: zuletzt] als Landwirt gescheitert. Ein schlecht bewirtschaftetes Bauerngut zehrt sich von selbst auf; und die kleine, beim Verkaufe übrig gebliebene Restsumme hatte, gottlob, just so lange gereicht, bis er die lebhaften Augen, in denen viele Pläne und Projekte gegrübelt hatten, für immer schloß. Die letzten Speziestaler gewährten ihm ein anständiges Begräbnis. Ach, Monikas Jugendweg war, solange sie erinnern konnte, der abschüssige Bergunterweg von Vermögensverfall zu Schuldenmacherei und Armut gewesen.

Sie liebte ihren Mann, aber sie kannte ihn auch bis auf den innersten Grund seiner Seele. Er war ebenfalls nie über die Anläufe hinausgekommen und machte die jetzt auch nicht mehr. Ihm fehlte es nicht an Fleiß noch Klugheit, aber an Initiative und beharrlicher Energie. Überängstlich, irgend etwas Neues zu unternehmen, aber recht heiter und zufrieden in seinem geringen Stande – so war er [später anders: Hans] gewesen und geblieben. Diese [später ergänzt: unendliche] Genügsamkeit war ihr seine schlimmste Untugend. Ihre Bitten, ihr Wille, ihre Tatkraft hatten nichts dawider ausgerichtet. Nachdem er jahrelang getagelöhnert, hatten sie mit beiden Händen nach dem Totengräberamt gegriffen, das nur zur Hälfte die Familie ernährte.

Monika fragte nie, warum sie, das gebildete und viel umworbene Mädchen, den schlichten, ganz ungelehrten, aber schmucken Kleinbauernsohn genommen habe; sie wußte und hielt es unwandelbar fest, daß sie ihn geliebt und lieb hatte. Die Liebe, die keine Gründe noch Erklärung hat, war der Grund der Heirat, welche die Leute sich nicht erklären konnten.

Die Schatten der Vergangenheit, welche über das weißschöne Antlitz flogen, wurden vom glückseligen Mutterlächeln verdrängt. Dicht an ihrem Busen lag ja die Zukunft, in winziger Menschengestalt die neue, große, herrliche Zukunft. Nun war alles gut, nun mußte alles von Jahr zu Jahr besser und lichter werden. Der [später ergänzt: heiß] Ersehnte war wider alle Voraussicht nach sieben Jahren als ein Spätling gekommen, und das Knäblein, das jetzt eine Stunde lebte, sollte ihr Neuleben und Trost sein und alle [später ergänzt: alle , alle] ihre Träume erfüllen.

Malehn brachte in einer braunen Tonschale die Hühnersuppe und einen Holzlöffel.

»Nein, bring[´] mir den Silberlöffel aus der Schatulle, Erna, mit dem hölzernen kann ich nicht essen«, sagte die Wöchnerin.

Die Alte brummte [später ergänzt: spöttisch]: »Immer groß heraus gewöhnt sich schlecht an ein kleines Haus.«

Monika aß ein wenig von der Suppe. Um der Bequemlichkeit willen speiste Hans mit den beiden Mädchen, die je an einem Hühnerflügel knabberten, am Küchentisch, und ihm mundete das üppige Festgericht. Nachdem er das rechte Hühnerbein verzehrt hatte, stocherte er solange mit dem Messer an dem linken herum, bis auch davon nur ein nackter Knochen am Huhne hing.

Aber sich zum Troste und den Kindern als Mahnung zur Genügsamkeit sagte er: »Das Beste bleibt für Mutter.«

Draußen rann der Regen gleichmäßig und schnurgerade.

Hans saß am Bette seiner Frau, und sie faßte nach seiner Hand. »Freust du dich?«

»Ja … natürlich … freue ich mich … wenn wir auch bald einen [später ergänzt: starken] Esser mehr am Tische haben … ich kann nicht ausrechnen, wie wir auskommen sollen … Erna muß bald [später anders: zu Ostern] konfirmiert werden.«

»Nein, sie muß noch Kind bleiben … Hans, wie soll unser Sohn heißen?«

Er machte eine säuerliche Schelmenmiene. »Mutter, dafür wirst du, wie für alles andre, raten.«

Monika summte und sann. Ihre Erholung war, in den karg bemessenen Feierstunden historische oder belletristische Bücher, die sie überall entlieh, zu lesen. Vorgestern hatte eine kleine Geschichte ihr es angetan, in welcher eine Frau nach vierzehnjähriger Ehe mit einem Knaben beschenkt wurde, der von ihr Desideratus Amatus, der Ersehnte und Geliebte, genannt worden war. Jener Desideratus hatte die entfremdeten Herzen der Gatten von neuem verbunden.

Monika sagte zu ihrem Manne: »Unser Knabe soll Adam Amatus Friedrich heißen … bist du [später ergänzt: damit] einverstanden?«

»Amatus?« Hans neigte den Kopf schief, als höre er nicht gut. »Den Namen habe ich mein Lebtag nicht gehört … aber meinetwegen … du willst es …«

»Amatus ist ein schöner Name und heißt der Geliebte.«

»Ja, ja!« Der Totengräber guckte mehrmals [später anders: sehnsüchtig] aus dem Fenster und gähnte. »Was soll ich heute nur anfangen? Der Regen hat um ein Uhr nicht aufgehört.«

»Nein, draußen kannst du nicht arbeiten.«

Er sprach vorsichtig und verlegen die Worte: »Mutter, brauchst du mich nötig? Die Mädchen und Malehn sind ja immer bei der Hand … ich meine nur … wenn ich nach Tarup ginge und deinem Bruder es meldete … hinüber muß doch jemand, um es der Verwandtschaft anzuzeigen … und morgen oder übermorgen versäume ich einen halben Arbeitstag … aber ganz wie du willst!«

Die blasse Frau holte Atem wie einen Seufzer aus der Brust. »Geh in Gottes Namen … aber du wirst durchnaß.«

Munter und keck sprang ihr Mann auf die Füße. »Dagegen habe ich ja die wasserdichte Haut und ziehe die langen Stiefeln an.« Er war stets seelenfroh, wenn er nur herauskommen und irgendwo einen Besuch machen konnte. Nachdem er sein Sonntagsgewand angezogen hatte, küßte er flüchtig sein Weib und ging.

Der gießende Regen hinderte Hans Junker nicht, einen Weg von anderthalb Meilen hin und zurück zu machen. Rüstig und wohlgemut marschierte er durch das schlechte Wetter; nur wenn die Pfützen knöcheltief waren und das Schlammwasser an den Schäften hinaufspritzte, blickte er in Betrübnis auf seine Beine hinab [später entfallen: , als wenn er nasse Füße hätte. Die hatte er aber nicht, sondern…] Hans, der mit allen seinen Sachen [später ergänzt: sehr] spar- und schonsam umging, trug Sorge um die neuen Schmierstiefel, die er für drei Speziestaler gekauft hatte.

Der, welcher auf Schusters Rappen ritt, schwenkte unterwegs in eine weit offene, an der Landstraße winkende Einfahrt hinein, trat in die Gaststube und ließ sich einen Kaffeepunsch – das ist ein Gebräu von gesüßtem Kaffee und beißendem Branntwein und des Grenzlandes Getränk – geben. Eine ganze Weile wurde mit dem Wirte geschwatzt, der keine leeren Gefäße zu sehen vertrug und die Tasse von frischem füllte.

Der Gast trank den zweiten Kaffeepunsch [später entfallen: , erklärte dem Wirt, warum er ausschließlich eingekehrt sei,] und bat um einen Stiefelknecht. Die neuen Langschäftigen wurden mit Anstrengung ausgezogen, die Strümpfe hineingesteckt und die Hosen aufgekrempelt. Der Gastwirt lachte. »Die Fockbecker wollten den Storch aus dem Getreidefeld verjagen; damit aber der Knecht, der mit dem Stock es tun sollte, den schönen Roggen nicht vertrete, trugen sie ihn mit vier Mann durch das Getreide.«

Nachdem die Kaffeepünsche mit acht Schillingen berichtigt waren, trabte Hans von dannen, und die Stiefel baumelten am Knotenstocke. An Stiefelverschleiß mindestens vier Schillinge erspart – aber für zwei Pünsche acht [später ergänzt: Schillinge ausgegeben] – hm, wie stimmte das? Und das Fazit der Sparrechnung stand vor ihm, nämlich die Frage: Bin ich auch ein Fockbecker?

Eine ziemliche Strecke hinter Tarup dehnte sich ein Forstgehege aus, das einem Grafen Wedelsborg auf Seeland gehörte, in dem Karl Berg, Monikas Bruder, vom Grafen als Waldreiter angestellt worden war, obwohl er von der Waldwirtschaft nicht viel mehr verstand, als Hans Totengräber vom Orgelspiel. Doch gleichwie der letztere die Bälge treten und den nötigen Wind geben mußte, so wußte Onkel Karl auch von Forstsachen viel Worte, Wesen und Wind zu machen.

Er hatte in Kiel Juristerei getrieben und das Examen schlecht und recht bestanden, aber von der dänischen Regierung keine Anstellung bekommen. Der Graf, den er als Student durch sein kluges, freundschaftlich ehrerbietiges Benehmen zum Freunde sich gemacht, hatte ihm als Notbehelf, damit er heiraten könne, die kleine Waldreiterstelle gegeben.

Im Buchenwalde hinter einer grünen Wiese lag das weißgetünchte Forsthaus. Hans trat zuerst rechts in den Stall, setzte sich auf die Kuhkrippe und fuhr in die Stiefel hinein.

Onkel Karl, ein bärtiger Mann mit einem mähnenbehaarten, mächtigen Kopfe, in dem die kleinen Augen unter dichten Brauen wie verborgen saßen und alles beobachteten, hatte hinter dem Fenster [später anders: draußen] den Barfüßler bemerkt und lachte dem Eintretenden entgegen. »Guten Tag, Schwager! Hast du dir eine Sohle abgelaufen?«

[Später entfallen: »Nein, ich will sie mir eben in dem Schmutz nicht ablaufen.« Stolz zeigte Hans die Langschäftigen und Dicksohligen.]

Als die rundgesichtige und gutmütige Schwägerin sich sehr schwerfällig vom Stuhle erhob, um ihm die Hand zu reichen, machte er eine pfiffige Miene. »Na, hier kann man auch bald gratulieren … In Arup ist etwas Neues passiert … [später entfallen: nun] ratet mal!«

»Bei euch ist etwas Kleines angekommen?«

»Ja, ein Junge, kerngesund und ein Zwölfpfünder!«

Frau Berg stand horchend hinter den Männern und hielt den Atem an. »Hans, wie ist es abgelaufen?«

»Gut und geschwind, im Handumdrehen, ehe ich vom Kirchhof nach Hause laufen konnte, hatte der Storch die Geschichte abgemacht.«

»Gott sei Preis und Dank!« Das runde Gesicht der Schwägerin strahlte, und sie selbst fühlte sich merkwürdig getröstet, während sie in die Küche ging, um einen Imbiß zu holen.

[Später entfallen: Ein pausbackiger, kaum zweijähriger Bursche, der das runde Gesicht von der Mutter und den großen Kopf vom Vater hatte, rollte sich auf dem Fußboden, hob sich am Tischbein empor und machte einen Gehversuch über die Diele, bis ein Teppich ihn zu Fall brachte.

Weil er wie vier Schloßhunde zumal heulte, hob Hans ihn mitleidig empor. »Rasmus, Rasmus … kennst du den Onkel?«

Rasmus verstummte mit grimmig verzogenem Mäulchen und wollte sich nicht zum Onkel bekennen, sondern stieß nach ihm.

Der Vater ergriff schnell seinen Sprößling und steckte ihm ein Zuckerstück in den Mund, »Ist er nicht ein fixer Junge geworden?«

»Ja, brüllen kann er.«

»Und essen!« setzte Berg mit Vaterstolz hinzu. »Sechsmal täglich und einmal mitten in der Nacht!«

Das Wunderkind plapperte und plagte: »Sukke … Sukke …«]

Schwager Karl sah schmunzelnd über den Tisch, auf dem der trockne Vesperimbiß stand. »Ja, nun müssen wir auch etwas Feuchtes haben, um auf das Wohl des neuen Weltbürgers anzustoßen … etwas extra Feines, was du noch nicht getrunken hast.«

Der Gast streckte die Langschäftigen von sich und verkniff im Vorgenusse das linke Auge.

Sechs Flaschen des bairischen [später: bayrischen] Bieres, das dazumal noch ein gänzlicher Neuling in Nordschleswig war, wurden auf den Tisch gestellt.

»Mutter, sieh mal aus dem Fenster!« spaßte der joviale Waldreiter, »während wir die Kümmelflasche aus dem Wandschranke schmuggeln… vorher ein Tropfen Aqua vitae, um den Magen zu wärmen [später: vor Schnupfen zu schützen].«

Hans, der nur das Bauern-Dünnbier gewohnt war und weder den edlen Stoff noch seine oft unedle Wirkung kannte, kniff beide Augen halb zu und schnalzte mit der Zunge.

Berg schnitt ein seltsam ernstes [später: kurioses] Gesicht, nur die kleinen Augen lächelten. »Ihr habt wohl schon beschlossen, was der Junge werden soll, d.h. Monika hat es bestimmt und du hast es genehmigt?«

Der mit dem Pantoffel Geneckte nahm einen tüchtigen Verdrußschluck. »Ein Bauernschlepp und -sklave soll er [später ergänzt: bei Gott] nicht werden … das weiß ich.«

»Was das Totengräberamt?«

»Ist zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben … wenn er einmal zum Schulmeister es bringen könnte.«

Berg lachte. »Ich wette, daß meine Schwester einen Pastor aus ihm machen will.«

»Einen Pastor?« Der Totengräber gaffte, von dem Gedanken überwältigt und wie versteinert.

Der [später ergänzt: Pastor oder] »Preester« war ihm die allervornehmste Respektsperson und der erste Repräsentant der Dorfwürde und des Dorfwohlstandes.

Berg beobachtete über das Glas hinweg und holte aus tiefer Brust den [später ergänzt: satirisch] pathetischen Ton. »Schwager! Wenn du dereinst für deinen leiblichen Sohn die Sonntagskirchglocken läutest und er dann auf der Kanzel die Leute zur Hölle verdonnert …«

»Auf der Kanzel! Der kleine Knirps? Herrgott, Herrgott …« Der Totengräber schluckte vor Rührung.

Der amüsante Schwager aber schlug eine Lache auf und füllte frisch ein von dem flüssigen, süffigen Bier. »Laßt uns anstoßen auf das Wohl … des neuen Hardesvogtes in Norderhafen!«

»Was geht mich der neue Armeleuteplacker an? Aber meinetwegen!« Hans, der einen roten Kopf hatte, war zu jedweder Humanität bereit. »Auf dein und mein und aller Menschen Wohl … der Hardesvogt und Pastor, der Propst und Amtmann und alle Kreaturen des Königs sollen leben, möglichst lange, von Brot und Braten, von Bier und Branntewein!«

Der juristische Waldeiter warf sich ein wenig in die Brust. »Ich mache keine dummen Witze … du wirst den neuen Hardesvogt noch kennen lernen.«

»Lieber nicht!«

Jener wies mit dem Zeigefinger auf die eigne Brust. »Hier sitzt er.«

»Du … Hardesvogt?«

»Ja, aber vertraulich und verschwiegen! Mein Gönner, der Graf Wedelsborg, hat es in Kopenhagen durchgesetzt … es ist so gut wie gewiß und soll noch nicht unter die Leute.«

Das Gesicht des Totengräbers wurde sehr höflich und feierlich. »Ich bin tief und still wie die Gräber, die ich schaufle.« Das Feierliche spielte ins pfiffig Politische hinüber. »Nun nehme ich zweimal die Mütze ab … wenn es auf den Pastor gießt und auf den Küster regnet, träufelt es auf den Kulengräber. Bei einem so fetten Bissen fällt [später ergänzt: wohl] ein Happen ab … Darauf – nicht auf den Happen – auf den neuen Hardesvogt muß ich noch einen kleinen Kümmel trinken.«

Frau Mathilde Berg kam schweren Ganges aus der Küche, schaute über den Tisch und rümpfte die Nase. »Na, soll noch mehr getoastet und getrunken werden? Ist Mona allein mit den Kindern?«

Hans verabschiedete sich, indem er die Verwandtschaft zur Kindtaufe einlud. [später entfallen: Auf dem ersten Prellstein am Wege wurden die Langschäftigen ausgezogen und über den Stock gehängt.] Gegen Abend hatte der Regen aufgehört. Dem einsamen Wanderer, der mit den Beinen tüchtig auslangte und [später ergänzt: dazu] lustig trällerte, wurde die Zeit nicht lang, denn er war eifrig mit dem Bauen von Luftschlössern beschäftigt. Könnte nicht für den Schwager [später ergänzt: des Hardesvogtes] ein Amt als Hardesvogteibote abfallen? In Norderhafen war eine lateinische Schule[,] und der großmächtige Hardesvogt konnte ja zahlen. Und Monika setzte durch, was sie wollte. Der Luftbau stieg zu schwindelnder Höhe [später ergänzt: empor]. Himmel und Herrgott! Da stand schon der rotgesichtige Säugling auf der Kanzel, und der Vater trat die Orgel, daß alle Pfeifen schmetterten.

Nachdem der Träumer über eine Wasserlache einen Luftsprung gemacht, tauchte das Wirtshaus mit der breit einladenden Einfahrt auf. Er schwankte aber und zählte an den Knöpfen seiner Weste, um [später ergänzt: höhere] Gewißheit zu erlangen. »Soll ich nicht – soll ich!« Er [später: Hans] wollte auch gern, was er sollte, welches sonst nicht immer bei ihm Hand in Hand ging.

Der Wirt nickte leutselig und setzte, ohne die Bestellung abzuwarten, einen Kaffeepunsch auf den Tisch. »Was Neues gibt's?«

»Nichts, als daß wir einen neuen Hardesvogt bekommen …«

»Ja, der alte Racker, der mich dreimal gebrücht hat, weil ich nach elf Uhr Gäste sitzen hatte, ist gestorben … und muß wohl für die Sporteln, die er zu viel genommen hat, in der Hölle brüchen und brühen.«

Junker schlürfte und schaute überlegen drein. »Der neue ist ein ehrenwerter Mann.«

»Sie sind alle Beutelscherer … ist schon einer ernannt?«

»Er wird nächstens ernannt werden …«

»Was? Stehst du mit dem Amtmann auf du und du, daß du weißt, wen er zum Hardesvogt macht?«

[später entfallen: »Nein, nicht mit dem Amtmann.«] Hans klappte geheimnisvoll die Lippen zu.

Der Wirt spielte verführerisch mit dem Würfelbecher.

In einer plötzlichen Anwandlung von Willensenergie [später entfallen: stülpte Hans die Tasse um,] zählte [Hans] vier Schillinge auf den Tisch und schulterte die Stiefeln. [Später entfallen: »Adjüs und schönen Dank!«]

Draußen glitt ein pfiffiges Schmunzeln über sein Gesicht. »Nun sollte ich gerupft werden.« [–] Froh, so viel Vorsicht und Willensstärke bewiesen zu haben, wanderte er fürbaß.

Abenddüster war die Totengräberwohnung. Frau Monika erwachte aus leichtem Schlummer und merkte, daß ihr Mann in den bloßen Füßen über die Diele patsche.

»So spät kommst du …?«

»Mona, ich habe eine große und gute Neuigkeit zu berichten …«

»Warum küßt du mich nicht, Hans?«

Flüchtig berührte er ihre Lippen und kniff [später ergänzt: dabei] den Mund zu.

»Du hast unterwegs Pünsche getrunken …« Leise und klagend war ihre Stimme.

Er wand den Oberkörper. »Nicht Pünsche, liebe Mutter, sondern unterwegs einen Punsch … was du für eine scharfe Nase hast!«

»Warum hast du das heute getan?«

Verstimmt zog er [später: Hans] den Rock aus. »Willst du mit mir spektakulieren … oder willst du hören, was ich zu melden habe? Dein Bruder wird Hardesvogt in Norderhafen!«

»Was? Ist das gewiß? Und will Karl, der im Kriege für Schleswig-Holstein gekämpft hat, dem dänischen Könige den Treueid leisten?«

»Er wäre ein Narr, wenn er es nicht täte.«

»Nein, er wäre ein Mann«, sagte Monika.

Hans schwieg, weil er einschläferte, sobald er sich hingelegt hatte.

Seine Frau aber wachte lange und sann und sorgte. Selbst über das sogenannte Glück des Bruders konnte sie sich nicht recht freuen – – –

Erna hatte die lange Küchenschürze der Mutter, über die sie mehrmals stolperte, umgebunden und kochte das häufigste Gericht des Hauses. Die Buchweizengrütze war so zäh und dick und deftig geraten, daß der kleine namenlose Junker mit seinem zwölfpfündigen Gewicht darauf hätte stehen können. Hans, dem das magenfüllende Essen gemundet hatte, trat liebevoll lächelnd an das Bett seiner Frau.

»Mona, schön und warm ist das Wetter, und die Sonne scheint … willst du nicht probieren aufzustehen?«

»Morgen will ich den Versuch machen.«

»Versuch es heute!« sagte er mit einer kecken Handschwenkung, die Entschlossenheit erwecken wollte, »an deiner Stelle würde ich mit Erna einen Spaziergang nach dem Kirchhof machen.«

»Ach, ich fühle mich noch recht matt.«

»Ja, hm … bei Pastors fahren wir Korn ein, der Hafer muß unter Dach … es wird dunkel, ehe wir fertig sind. Zum Abendläuten kann ich nicht abkommen … was meinst du? Ich muß wohl den lahmen Christian nehmen … der tut es nicht unter sechs Schilling.«

Monika verstand ihn jetzt und richtete sich auf. »Ich will Erna mitnehmen und es versuchen.«

»Streng dich aber ja nicht an!« ermahnte der besorgte Gatte und eilte nach dem Pfarrhofe.

Gegen Abend, als der Sonnenball zum Niedergange sich neigte, klomm Frau Junker, auf Ernas Schulter sich stützend, den Kirchberg hinan. Wohl zehnmal ruhte sie sich auf den Stufen der steilen Turmstiege, die das härteste Stück war.

Mutter und Tochter zogen mit vereinten Kräften am Strange. Schwächer als sonst, aber lieblich abgetönt klang das Geläut von der Aruper Kirche. Da schlossen alle Kirchhofsblumen ihre Kelche und wollten schlafen. Die Menschen rückten die Mütze von der schwitzigen Stirn und freuten sich des Feierabends. Sogar die Gäule vor dem Kornwagen spitzten bei dem Glockenschall die Ohren und wußten, daß es bald heim in den Stall und vor die volle Krippe gehe.

Drunten lag wunderherrlich die stille Abendwelt. Trotz Armut und täglichen Kampfes mit dem Kleinlichen wollte Monika nicht schlafen bei den Friedhofsschläfern, wie früher zuweilen ein Wunsch ihr gekommen; nein, sie wollte arbeiten und hoffen und in dem Sohne ein neues und herrliches Neuleben leben. Der sollte groß und stark an Leib und Seele, an Willenskraft und [später entfallen: innerem] Wesenswert werden.

Wenn auch der Abstieg leichter war, sank Monika dennoch in einen Stuhl. »Gottlob, daß ich es überstanden … aber wie konnte Hans mir das zumuten? Hat er mich wirklich lieb?«

Die Kinder hatten die Entenküchlein eingeschlossen und saßen auf dem Steintritt, auf den Vater und das Abendessen sehnsüchtig wartend.

In der Stube schummerte es. Groß war die Stille, und der Säugling schlief in der Wiege. Die Mutter hielt reglos [später ergänzt: träumend] die Hände im Schoße.

Da hörte sie ein Klirren, als wenn ein Finger an die Fensterscheibe klopfe, und eine Stimme, wie die Stimme ihres Bruders, die gedämpft, aus geisterhafter Ferne die verzweifelten Jammerworte rief: »Meine Mathilde stirbt …«

Trotz ihres kraftlosen Zustands schnellte Monika empor und riß die Haustür auf. Die Mädchen, die auf dem Steintritt altklug schwatzten, schauten empor.

»Wer hat ans Fenster geklopft? War Onkel Karl hier?«

Verständnislos gafften die Kinder zur Mutter empor, bis Erna stotterte: »Kein … Mensch … war hier.«

Als Hans endlich heimkam, fand er sein Weib weinend und fragte kurz und stutzig: »Was ist hier los?«

Die blasse Frau antwortete: »Ich habe etwas gehört … meine Schwägerin übersteht nicht ihr Wochenbett.«

»O, o, Mutter«, wehrte er erschrocken ab, »wenn du Ahnungen und Gesichte hast, wird mir angst und bange …« Schnell, als wolle er sich und sein Häuschen gegen eine ihm unheimliche Geisterwelt sichern, zündete er die Öllampe an, auf deren dünnem Docht ein winzig schmales Flämmchen flackerte.

Monika, die grüblerischen Gedanken nachhing, rückte in den ärmlichen Lichtschein, fädelte mit unsäglicher Geduld den Zwirn in die Nadel und nähte Puppenwäsche für ihr Söhnchen.

In der Morgenfrühe, als Hans Totengräber vom Läuten kam, jagte der Knecht vom Waldreiterhof im leichten Korbwagen um den Kirchhof herum, so rasend schnell und kurz umbiegend, daß ein Hinterrad den Prellstein streifte.

»Hoi, wohin?« schrie Hans.

»Nach dem Doktor!« –

Der Arzt kam nach Tarup und nahm im Nebenzimmer die Zangen und Messer, die grell schimmernden und furchtbar scharfen, aus dem Besteck.

Zu spät!

Die Mutter seufzte zum letzten Mal, als ihr Kindlein, das Licht der Welt erblickend, seinen ersten Schrei tat.

Auf der Bahre lag eine wachsbleiche Frau, und im Zimmer daneben sog ein dralles, gesundes Mägdlein kräftig an der Milchflasche, welche Großmutter Lina ihm reichte.

Während Karl Berg fassungslos in die leere Luft starrte, trippelte seine bewegliche Mutter [später ergänzt: geschäftig] hin und her, und das Gesinde wunderte sich, daß ihr so wenig Trauer und Schmerz anzumerken sei.

Sie hatte die Schwiegertochter, die das Herz des Sohnes ganz eingenommen hatte, nie recht leiden mögen, geschweige denn geliebt – – – – – – – – – – – –

Auf den Gräbern blühten die Astern, die letzten Blumen des Jahres. [später ergänzt: Die] Eschen und Linden des Kirchhofs zogen ihr schillerndes Herbstgewand an und schmückten sich mit aller Farbenschöne vor dem Wintersterben. In der klaren Luft schlug kein Singvogel mehr. Die im einsam versteckten Neste traulich gekost und ihren Nachwuchs gewissenhaft erzogen hatten, versammelten sich in großen Scharen und wurden gesellig und geschwätzig.

Pastor Hartwig von Arup, der dreimal um seine Kirche spazierte, verfing sich in den Altweiberfäden, die kreuz und quer gesponnen waren, und sinnierte über die Herbstpredigt, die er am morgigen Sonntag halten wollte.

Die Bauern, die gern zwischen seinem Vorgänger und ihm Vergleiche zogen, sagten: »Es ist nicht zu leugnen, er posaunt tüchtig auf der Kanzel, aber immer über die Natur, von Bächen und Blumen und Bäumen, von Korn und Gras, von Meer und Mühlen, während der alte Pastor Hansen schlecht und recht über die Bibel predigte.« Hansen war ein einfacher Dogmatikus gewesen und hatte in der herkömmlichen Postillenweise geredet.

Die Aruper, denen Feld und Flur etwas Alltägliches war, ließen sich die Naturpredigten, bei denen sie sich nichts zu denken brauchten, über die Köpfe hinweggehen.

Pastor Hartwig saß, die Pfeife angezündet, in seiner Studierstube und schrieb die in seinem Haupte entsprungenen Herbstgedanken nieder. Wenn der bläuliche Rauch des billigen Pastorentabaks seine spitze Nase umkräuselte, ward sein Geist von Dichterschwingen gehoben.

Er schrieb: Auf allen Gräbern steht ein Gewesen – auf vielen aber auch ein Genesen, ein Genesen von Leid und Streit.

Ein bescheidenes Klopfen störte ihn in seinem Fluge.

Hans Totengräber drehte die Mütze in den Fingern. »Entschuldigen Sie, Herr Pastor! Wenn es morgen passen würde, möchten wir gern unsern kleinen Sohn getauft haben.«

Jener [später: Hartwig], dem ein guter Gedanke entflog, räusperte sich verdrossen. »Hm … ja, das muß sein.«

Hans glaubte seinen Mann zu kennen. »Ich möchte gleich die Taufe bezahlen.«

»Nichts da! Clerus non clerum decimat!« [–] Vom Totengräber konnte keine Gebühr genommen werden.

Das schweinslederne Taufregister wurde aufgeschlagen und die Feder eingetaucht.

»Wie soll der Täufling heißen?«

»Adam Amatus Friedrich Junker.«

»Adam Amatus Frederik Junker!« wiederholte der Dänenpastor mit einem bissig einschüchternden Blick.

»Herr Pastor! Adam Friedrich, nicht Frederik … nach dem Großvater …« stotterte Hans.

Hartwig hob die spitze, stechende Nase. »Sagen Sie mal! Sind Sie ein Deutscher? Oder ein sehr subalterner Kirchenbeamter Seiner Majestät des dänischen Königs?«

Hans wand sich und wich aus: »Gott bewahre mich … ich bin nur ein armer Totengräber.«

»In Dänemark oder in Deutschland?«

»In Dänemark, in Dänemark!« bestätigte Junker zweimal.

»Gut, so schreiben wir Adam Amatus Frederik Junker.«

Und es wurde in großer und fester Handschrift ins Aruper Kirchenbuch eingetragen. Der erschreckte Hans wagte nicht, seinem Vorgesetzten zu widersprechen.

Sehr kleinlaut kam er nach Hause und kraute sich mit beiden Händen im Haar.

»Nahm der Pastor die Gebühr, weil du so aufgeregt bist?« fragte Monika.

»Nein, der grobe, unverschämte Kerl! Ist die Gemeinde um seinetwillen da, oder er um der Gemeinde willen?« Hans machte in Schimpfen sich Luft und erzählte dann mit verhagelter Miene, daß der Täufling vor seiner Taufe von dem Dänenpastor umgetauft worden sei.

Monika schnellte empor. »Mein Sohn soll nicht Frederik heißen … der Pastor ist verpflichtet, den Wunsch der Eltern zu respektieren … du mußt sogleich hinaufgehen, daß er es ummacht.«

Hans raufte sich verzweifelt im Haar. »Mutter, quäle nicht meine arme Seele! Ich gehe nicht zu dem Grobian … ich kann nicht.«

»Nein, ich will selber gehen«, sagte die resolute Frau und eilte hinaus.

Ihr Mann rang die Hände und rief ihr nach: »O, o … er wird mich um Amt und Brot bringen.« –

»Frau Junker! Was verschafft mir die Ehre?« Der Pastor stieß eine so dicke Rauchwolke aus, daß die davon eingehüllte Frau heftig hustete.

»Hö, hö, hö! Mein Sohn soll Adam Amatus Friedrich heißen.«

»Was ich geschrieben, habe ich geschrieben, und Ihr Mann hat es genehmigt.«

Sie blieb beharrlich. »Er darf nicht Frederik getauft werden, Herr Pastor!«

»Kirchenbücher sind keine Schmierkladde, in der man durchstreichen kann, sondern Urkunden.«

»Es muß aber umgemacht [später: geändert] werden, Herr Pastor!«

»Und wenn ich es nicht tue?« Das schmale Gesicht lachte bissig und die Zähne zeigend [später: zeigte die Zähne].

»So wird mein Kind nicht getauft … noch nicht getauft, ehe ich den Propsten befragt habe.«

Pastor Hartwig verschluckte vor Verblüffung den Rauch und schleuderte mitten im Hustenanfall die Pfeife in die Ecke. »Sie … Sie wollen mich verklagen?«

»Nein, nur einfach um mein Elternrecht bitten.«

Er lief ein paarmal auf und ab, klappte in der Erkenntnis, daß er sich verrannt habe, zornig das Taufregister auf und schrieb mit kratzender Feder einen Nachtrag in einer Fußnote unter die letzte Eintragung.

»Ich danke Ihnen, Herr Pastor.«

»Wofür? Sie können gehen!« Er zeigte mit der Feder nach der Tür.

Monika, die mit dem Taschentuch über die Stirn sich fuhr, kehrte nach Hause zurück und holte ihr Brautkleid hervor. Nachdem sie es lange betrachtet, trennte sie die Nähte auf und zerschnitt die größten Stücke. Aus dem Brautkleid nähte sie das Taufkleid für ihren Sohn Adam Amatus Friedrich, ihren nachgeborenen [später: spätgeborenen] und von Gott ihr gegebenen Sohn.

Am Sonntagvormittag in der Kirche, als die Männer vom Verstummen der Kanzelposaune erwachten und sich zurecht rückten, streckten die Bauerfrauen nach dem Gange die Hälse und raunten leise: »Die Junkersche hat nicht vergessen, daß sie aus einer feinen, verarmten Familie stammt, und will noch immer hoch hinaus.« Das Taufkleid, das in die Augen stach, war ihnen ein für Totengräberleute höchst unpassender Staat.

Adam schrie unbändig, als der Pastor ihm das kalte Wasser mit drei großen Güssen über den Kopf goß und ihn Adam Amatus Friederik taufte. Bei dem Friederik verzog sich der Mund ins Schiefe und Scharfe.

Monika nahm ihren Adam Amatus und legte ihn zu Hause an die Brust, um ihn von dem Taufschreck zu beruhigen. Dort lag er still und legte ihr das linke Händchen liebkosend auf den Busen, während sein Mündchen in eifriger Arbeit war. Eia, eia! Das rötliche Gesicht hatte sich verschönert und war ein kleines, liebliches Menschenantlitz mit langen und ungewöhnlich dichten Blondhärchen. Wo war ein so feines Kindelein wie ihr Adam Amatus? –

Am Nachmittage kam Onkel Berg mit Großmutter Lina [später Verb vorgezogen sowie ergänzt: angefahren. Er machte über die Dicke des Kindes einige dünne Witze].

[Später entfallen als ursprünglicher Anschluss an Großmutter Lina: und dem zweijährigen Rasmus, der wie ein unförmlich rundes Kleiderbündel zwischen beiden lag, angefahren. Rasmus wurde aus einem Umschlagtuche, zwei Shawls und zwei Überröcken herausgeschält, stapfte über die Diele nach dem gedeckten Tische und grapste einen Kuchen vom Teller. Der Vater lachte über die Dreistigkeit seines Sprößlings, dem Tante Monika die Hand klopfte.

»Laß den Schlauberger doch! Im Leben kommt am weitesten, wer am raschesten zulangt.«]

Frau Junker sah den Bruder [später ergänzt: traurig] an. [später entfallen: »Was ist das Leben?] [Später ergänzt: Ach] so plötzlich, so jung und lebensfreudig mußte Mathilde die Ihren verlassen.«

Bergs Lachen war erstorben. Die Liebe zu der Toten war der selbstlose und darum beste Teil seines Lebens gewesen.

Großmutter Lina, eine schmucke, alte Frau, band die Schleife der gepufften und gekrausten Trauerhaube. »Wir sind ja zu einer Kindtaufe gekommen und wollen die Toten ruhen lassen.« Behaglich aß sie von dem frischen Kuchen und schlürfte das duftende Getränk. »Ah, das ist nicht Bliemchen-, sondern Bohnenkaffee … Monika, es freut mich, daß ihr euer bescheidenes, gutes Auskommen habt.«

»Gott bessere die Auskömmlichkeit und stehe uns bei in unserer Armut!« Hans hüpfte im Stuhle und fächelte mit den gespreizten Händen vor den Ohren. »Für gewöhnlich sind geröstete Eicheln unser Brasilkaffee. Eier, Milch und Butter haben wir ja im Hause.«

»Davon kann einer lange leben, ohne Hunger zu leiden«, meinte sarkastisch der Schwager, »auch gräst euch der Pastor die Kuh.«

»Der tut nichts umsonst … dafür werden mir zwölf Taler abgezogen.«

Monika unterbrach den Lamentierenden. »Du übertreibst … wir sind noch nie hungrig oder nackt oder notleidend gewesen.«

Junker spitzte pfiffig den Mund. »Ja, Mutter, nun sind wir fein heraus, da dein lieber Bruder eine so große Glücksnummer gezogen hat. Wenn's auf den Hardesvogt Gold regnet, träufelt auf den Totengräber Kupfer.«

Sowohl Großmutter Lina als auch ihr Sohn sahen verdrießlich-verständnislos in die Luft.

Monika aber trat ihren Mann recht verständlich auf den Fuß [später entfallen: und sagte zum Ablenken: »Rasmus ist schläfrig.«

Der Bursche, der sich mit Kuchen vollgestopft und das letzte Stück zerkrümelt hatte, blinzelte mit dösigen Augen.

Berg nahm ihn in die zärtlichen Vaterarme. »Er ist müde vom vielen Fahren …«

»Und Essen«, schmunzelte Hans.

»Wir wollen ihn ins Bett legen, darin schon mein Adam schläft … dann schließen die beiden Vettern Freundschaft mit einander.« Frau Monika schlug das Pfühl zurück.

Am Kaffeetische] [Neuer Anschluss: Ein paar Mal] nickte die schwarze Tüllhaube, und Großmutter Lina redete eifrig: »Karl hat noch Schulden zu bezahlen … und die Wohnung, die wir in Norderhafen gemietet haben, kostet 160 Taler.«

Hans Junker hüpfte wie ein Gummiball in die Höhe. »Himmel! 160 Taler! Für eine Hausseite! Mehr als unsre ganze Familie das ganze Jahr zum Leben hat!«

Die Alte wurde gemessen. »Unsere Wohnung hat sieben Zimmer und liegt an der schönen Norderstraße.«

[Später ergänzt: »Sieben Zimmer!« schrie Hans erschüttert, »Ihr werdet wohnen, wie der König in Kopenhagen.«]

[Später entfallen: Aus der Schlafstube klang ein jämmerlicher Aufschrei und dann ein dumpfer, plumpsender Fall.

Monika stürzte durch die Tür und schrie laut: »Mein Adam, mein Adam!«

Die Vettern hatte böse Freundschaft geschlossen. Das eine eingedrückte Pfühl war leer. Rasmus saß halb aufrecht, die Fäustchen geballt, und stammelte: »Baba … smeiß ihn … slag ihn!«

Der Säugling, der von dem lieben Vetter aus dem Bette gestoßen war, wurde von der Mutter emporgerissen, geherzt und am ganzen Körperchen untersucht. Er war unverletzt.

»Höre, Karl!« rief die erboste Monika, »der Bengel müßte Schläge haben … das kann ein Kraut werden.«

Karl brummte entschuldigend: »Er ist ja noch ein unvernünftiges Kind«, und setzte hinzu: »Der will schon mit den Ellbogen sich Platz machen … ja der …«

Langes Schweigen wurde, und kein Engel ging durchs Zimmer.

Zuletzt brach Frau Junker die Stille:] [Neuer Anschluss: Frau Junker fragte:] »Wann macht ihr euren Umzug?«

»Wir sind schon beim Packen.«

Sie drückte schwer an den Worten: »Karl … und du wirst … dem dänischen König den Eid leisten?«

»Ich hab' ihn bereits geleistet.«

»Du hast schon geschworen? Karl, das hätt' ich nicht getan.«

Der Bruder vergaß die Selbstbeherrschung. »Ja, du bist die Tochter unsres Vaters, der es im Leben zu nichts gebracht hat.«

»Unser Vater war ein guter Mensch und ein guter Deutscher … Gott hab' ihn selig!«

»Ja, aber ein Idealist und Phantast … müssen wir nicht alle noch darunter leiden?«

Scharf sah die Schwester dem Bruder in die Augen: »Was würde der Vater dazu sagen, wenn er sähe, daß du dem Dänen den Treueid geleistet?«

Ein peinliches Schweigen entstand.

Nachdem die weitere Tauffeier ohne Trübung verlaufen, kehrten die Taruper Verwandten heim. Aber der Hardesvogt erwog die Eidespredigt, die seine Schwester ihm gehalten hatte. – – –

Die Sonne des Montagmorgens zerschmolz den Rauhreif, der wie ein Korallenschmuck auf Buchsbaum, Astern und Epheu- [später: Efeu]kränzen lag. Hans Totengräber, bis zu den Knien in der Grube stehend, ließ den Spaten ruhen und schaute um sich. »Sehr schön … wie ein Geschmeide glitzert der ganze Kirchhof.« Er hatte Augen für die Schönheit des Tages; aber seine Gedanken fielen von ihrem poetischen Geflatter in die sanddürre Prosa. »Torf hätten wir genug, doch mit dem Holz wird es hapern, wenn der Winter bös wird und [später ergänzt: der Frost] beißt.«

Er spatete weiter. Pastor Hartwig, der seinen Morgenspaziergang machen wollte, bog durch die Seitengänge mit geräuschlosem Schritt und tupfte plötzlich den Totengräber auf die Schulter. »Was ich sagen wollte, Hans …«

»Herr Pastor!« Die Mütze flog vom Kopfe.

»Ich habe Jens Dragoner in Tag[e]lohn genommen … Ihr Dienstverhältnis soll heute mit dem Wochenanfang aufhören … adieu … vergessen Sie nicht, die Frau zu grüßen!« Die spitze Nase zog sich kraus und schien zu kichern.

Hans stand eine Zeitlang starr mit der Mütze in der Hand und rannte dann, ohne den Rock anzuziehen, bestürzt nach Hause.

Die Beine schlotterten unter ihm, und er focht mit den Armen. »Mutter … Mutter … wir sind brotlos … das hast du mit deinem Eigensinn angerichtet … was nun, was nun?« Sein ganzer Körper krümmte sich.

Aber sie zog trotzig die Brauen zusammen. »Mein Sohn soll nicht Frederik heißen … du kannst auch bei den Bauern Arbeit finden.«

Hans hüpfte und hob die gespreizten Hände: »Bei den Bauern! Sieh meine Knöchel an! Sind die für harte Sklavenarbeit geschaffen? Mona! Bei dem Pastor hatte ich es so gut, so gut. Und er hat schon Jens Dragoner in seinen Dienst genommen.«

»Den Taugenichts, der zehn Jahre lang für reiche Bauernsöhne stellvertretend Soldat gespielt hat? Der wird nicht lange im Pastorat bleiben.«

Das war ein kleines Licht in dicker Finsternis. »Nein, er wird ihnen den Roggen von der Tenne stehlen … aber das gönne ich dem Großmogul von Arup.« Junker stützte den spekulierenden Kopf. »Mutter, wenn ich der Pastorin ein gutes Wort gäbe … ob das nicht eine Hintertür wäre, durch die ich wieder in den Pfarrhof käme.«

»Ich liebe nicht die Hintertüren, aber meinetwegen kannst du es versuchen.« –

Hans stand in der Pastoratsküche und umschwänzelte die behäbige Frau Hartwig. »Für uns sieht es [später ergänzt: jetzt] schrecklich aus … wir haben das blinde Mädchen und den kleinen Wurm … und der Winter steht vor der Tür … Frau Pastrin [in keiner Ausgabe: Pastorin], legen Sie ein [später ergänzt: gutes] Wort für mich ein!«

Die Pastorin machte drinnen die Präliminarien und winkte dem draußen Harrenden.

Hartwig saß in der bläulichen Weihrauchwolke des billigen Pastorentabaks. »So … Sie wollen im Dienst bleiben? Zuvörderst muß ich wissen, wer an der Ungehörigkeit die Schuld trägt.«

Junker machte ein dummes Gesicht. »Dem kleinen Adam Amatus Frederik kann es nicht angerechnet werden.« Er betonte das Frederik.

Aber der Pastor donnerte. »Nein, der Vater, der Herr des Hauses sein soll, trägt die volle Verantwortung.«

Hans duckte sich. »Ich bin an dem Unglück nicht schuld, Herr Pastor … könnte der arme Junge, der Frederik, nicht umgetauft werden?«

»Blödsinn! Wir sind [später ergänzt: doch] keine Baptisten … wer trägt die Schuld?«

»Wenn ich nicht unschuldig bin, mag Gott mich verd–… Gott vergebe mir, daß ich beinahe geflucht hätte!«

Der Pastor verzog die schmalen Lippen, »Warum frage ich? Die gnädige Madame Junker hat befohlen, und Hans mußte gehorchen … Ihre Frau führt das Regiment, wie die Leute sagen … aber die Bibel sagt: Der Mann soll des Weibes Haupt sein!«

»Das kann die Bibel leicht sagen …« Hans drehte [später ergänzt: verlegen] die Mütze und verschluckte den Rest.

Der Seelsorger von Arup vermahnte: »Fernerhin müssen Sie zeigen, daß Sie der Mann sind … wenn Sie das versprechen, will ich ein Einsehen haben, und Sie bleiben im Dienst … aber der Winterlohn ist zwanzig Schilling täglich und die Kost.«

Das war ein böses Aber. Darum kam der Totengräber ärgerlich heim. »Ich bleibe, aber auf Kost und zwanzig Schilling Tag[e]lohn.«

Monika erschrak heftig. »Außer dem Hause auf Kost ist nicht gut für das Haus.«

»Kann ich gegen den Großschnauzigen den Mund auftun? Wenn du es ummachen willst, mußt du die Hosen anziehen und zum Pastor laufen.«

Die feinfühlende Frau sah ihn an und schwieg. Etwas beschämt machte er [später: Hans] sich davon und an die Kirchhofsarbeit.

Die blinde Friedline, die ein unendlich zartes Gefühl für jede Seelenstimmung der Mutter hatte, schmiegte den Kopf in ihre Röcke. »Bist du nun nicht froh?«

»Ja, mein Kind, ich hoffe, alles ist [später: wird] gut.«

»Und hast du mich lieb, Mütterchen, oder den kleinen Bruder noch mehr?«

Monika herzte das Mädchen. »Friedlinchen, kann ich nicht beide lieben, und hast du nicht mich und den kleinen Adam Amatus gleich lieb?«

»Ja, aber dich noch mehr, Mutter.«

Friedline, die zuweilen von Eifersucht angewandelt wurde, saß stundenlang treulich an der Wiege und wachte über dem Schlaf des Brüderchens. Bei der leisesten Bewegung setzte sie sogleich das schaukelnde Schifflein in Gang. – –

Schon im November lag tiefer Schnee. Die Krähen kamen aus dem Walde und kratzten auf der Dungstätte mit den Hühnern um die Wette. Hungrige Häslein stahlen sich zur Nachtzeit in den Totengräbergarten und fraßen den grünen Kohl. Hans stellte eine Schlinge in die Hecke und versprach seiner Frau einen Sonntagsbraten; aber Monika nahm stillschweigend die Schlinge weg, weil der Hasenfang verboten war und die zappelnden Tiere ihr leid taten.

Der Totengräber schwang im Takt den Dreschflegel vom Morgen- bis zum Abenddunkel. Freilich, wenn das ausgedroschene Stroh in Bündel gebunden wurde, ließ er sich gute Zeit. Auch die Mittagspause in der Pastoratküche wurde nicht zu kurz gemacht. Unter dem Krummstab ist gut essen und trinken. Bei der kräftigen Kost gedieh sein Wohlbehagen und Wohlbefinden.

[Später entfallen: Als am Nachmittage die Schläge des Dreschflegels klangen, kam der Pastor zum Kontrollieren, rupfte hier und da eine Ähre aus dem gedroschenen Roggen und zerrieb sie in der Handfläche. Ja, das sei fein gedroschen, meinte er kurz.]

Der Drescher [später entfallen: aber] warf den gefräßigen Spatzen, die vor der offenen Tenne schrieen und zankten, zwei Handvoll Korn hinaus. Er war gutmütig, besonders wenn es nicht aus seiner eignen Tasche ging.

Abends lächelte ihm der Sohn entgegen, und er hob seinen Adam Amatus hoch über den Kopf empor und ließ ihn in der Luft auf- und niederschweben zum Gaudium des Kindleins, das nach jeder Auf- und Niederfahrt eine förmliche Lachsalve von sich gab.

»Mutter, wie drall und schwer der Bursche geworden ist!«

»Ja, er ist Gott sei Dank ein gedeihliches Kind.« Sie betrachtete den hellblonden Haarschopf und die Augen, die so blank und verständig um sich schauten.

»Aber, Mutter, mir dünkt, du wirst mager.«

»Ja, ich fühle mich schwach … Hans, hast du nie bedacht, daß ich zwei ernähren muß?« Scheu und vorwurfsvoll sah sie ihren Mann an.

»Gibt nicht die Braune im Stalle noch viel Milch?«

»Ja, Milch und Grütze und Speck, Speck und Grütze haben wir alle Tage … ich kann nicht mehr dagegen an … hast du nie bedacht, daß wir … daß die Kinder auch mal frisches Fleisch haben müssen?«

Hans spreizte die Finger. »Oh, o, wo soll es herkommen? Wir müssen sparen, sparen.« In ärgerlicher Laune hob er Ernas Schuhe, die am Ofen standen, empor und untersuchte sie. »Du glitscherst wohl auf dem Eise … wenn ich das einmal sehen, bekommst du Holzschuhe an die unnützen Füße.«

Erna, welche halblaut Gesangverse auswendig lernte, duckte den Kopf ins Buch und murmelte: »Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich.« –

Am Samstagabend war der Wochenlohn ausgezahlt worden, und der Totengräber, der nach alter Gewohnheit einen Trunk in der Schenke sich gönnte, bestellte in witziger Laune: »Einen kleinen Kaffeepunsch … aber einen möglichst großen!«

Im Wirtshause war öffentliche Versteigerung. Der Bauer Töge hatte drei alte, ausrangierte Kühe schlachten lassen, deren Viertel er verauktionieren ließ. Gleich vielen anderen Leuten, konnte Hans bei einer Auktion das Bieten nicht lassen und rief wagemutig: »Und einen halben!«

»Sechs und einen halben Reichsbanktaler zum zweiten … zum dritten!« Ein Hammerschlag dröhnte.

Als der kecke Bieter mit seiner schweren Bürde von hinten in die Küche trat, schlug Monika die Hände zusammen; aber er zwang sich zu einer heiteren Miene. »Ja, nun hast du frisches Fleisch und kannst braten.«

Sie war nicht froh über den Sonntagsbraten. »Aber, Hans, das bleibt nur ein paar Tage frisch und muß gepökelt und geräuchert werden … wie konntest du so unbedachtsam kaufen?«

»Ob ich es noch so gut meine, mache ich es dennoch dumm.« Gekränkt setzte er sich an den Ofen, und sein Knäblein erheiterte ihn. – – –

Hart und lang war der Winter, der Armeleutedrücker, und währte von November bis April.

Hart und lang währte auch das zähe Kuhfleischviertel. Frau und Kinder aßen sich daran über und konnten es kaum herunterzwingen. Darum kam das Wechselgericht von Grütze und Speck, von Speck und Grütze wieder zu Ehren und wurde die Sonntagsspeise [später ergänzt: im Totengräberhaus].

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