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Der Muttersohn - Band I

Johannes Dose: Der Muttersohn - Band I - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorJohannes Dose
titleDer Muttersohn ? Band I
publisherM.-G.-Schmitz-Verlag / Nordstrand
editor
year2010
isbn9783938098547
firstpub2010
correctorreuters@abc.de
senderM.-G.-Schmitz-Verlag / Nordstrand
created20100813
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Erster Teil: Einfahrt.

Erster Abschnitt: Das weiße Kreuz.

Das große nordschleswigsche Dorf mit den stattlichen stolzen Bauernhöfen und den niedrig sauberen Häuslerwohnungen erwachte. Hüben und drüben ging eine knarrende Haustür auf, Holzschuhe klapperten, ein Köter kläffte.

Die Kühe in den Ställen begrüßten mit behaglichem Gebrüll den Knecht, der den ersten Arm voll Heu vom Boden herunterwarf. Eine alte Frau sammelte hinter der Scheune kurz gespaltenes Reisigholz in die Schürze, um auf dem Herde ein schnell flackerndes Feuer anzufachen.

Aus einigen Schornsteinen quirlte schon bläulicher Rauch, der nach kurzen, krausen Schwenkungen kerzengerade emporstieg und in der reglosen Luft sich langsam verlor. Träumend und verschlafen lag der Dorfteich unter einem dünnen Nebellaken in seiner runden Bettstatt von hellgrünen Hängeweiden. Eine große, gravitätische Ente watschelte mit ihren sechs flaumgelben Küchlein herbei, um das schlummernde Wasser zu wecken.

Um alle Strohdächer wob ein spinnewebfeiner, weißlicher Schimmer, der in den leuchtenden Strahlen der aufsteigenden Sonne zerschmolz und zerging.

Die stille und leere Dorfgasse entlang wanderte ein Mann, dessen Alter man auf etwa vierzig Jahre schätzte. Aber es war nicht möglich, aus Gestalt und Kleidung, aus Gang und Gebahren des Mannes auf seinen Stand einen Schluß oder eine nur ungefähre Schätzung zu machen, denn in seiner äußeren Erscheinung war ein Widerspruch [später entfallen: , der sich nicht zusammenreimen wollte]. Seine Züge zeigten das feine, vergeistigte Gepräge, welches die viel denkenden, scharfsinnigen Männer der geistigen Arbeit auszeichnet und adelt; aber er hatte von Regen und Wind und Wetter gebräunte Wangen und sehr rauhe, derbschwielige Hände, wie sie nur bei Leuten, die täglich im Freien arbeiten und Pflugsterz, Schaufel und Karst und Sense fest und hart anfassen, gefunden werden.

In dem linken Arme trug er mit liebevoller Behutsamkeit ein Kreuz, das er oft mit einem tiefsinnigen und tiefinnigen Blicke betrachtete. Das Kreuz war nicht von Holz noch Marmor noch Eisen, sondern von Stechpalmen und Epheu [später: Efeu] gebunden und mit den Erstlingsblumen des Lenzes, mit Blauveilchen, weißen Windröschen und gelben Schlüsselblumen reich geschmückt.

Auf der Höhe hinter dem Dorfe stand die ansehnliche, schmuck getünchte, behäbige Kirche mit ihrem großen, goldnen Turmhahn, die eines reichen Zehnten sich erfreute, in einem doppelten Gehege von mächtigen Linden, die jetzt zum mehr als hundertsten Male dicke, schwellende Knospen trieben. Rings um das Haus Gottes hatten die Toten ihre engen Kammern, und über einer jeden stand der Name des Schläfers auf Holz oder Stein in schwarz verwischter oder prunkender Goldfarbe. Ein breiter Erdwall, auf dem die grünende Syringenhecke kecklich den ersten Blütenansatz machte, umzäunte den ganzen Friedhof.

Neben dem Toreingange auf dem Walle reckte sich ein kleiner, barhäuptiger, noch ungewaschener und ungekämmter Knabe in Hemd und Höslein auf den kurzen Beinchen und hielt beide Hände wie ein Schutzdächlein über die Augen, die starr nach Osten und in die Feuerkugel der Sonne hineinlugten.

» Chrischan [später: Lütt Chrischan], was machst du vor Tag und Tau da oben?«

Der Knabe antwortete, ohne den Kopf zu kehren: »Ich will die Sonne tanzen sehen.«

Das gebräunte Gesicht lächelte: »Mir wollte es als Junge nie gelingen, das Schauspiel zu sehen, aber du bist ja wohl ein Sonntagskind … Glück zu, wenn es dir glückt!«

Christian, der Totengräbersohn, der durch seine vielen Fragen Vater und Mutter und sogar den allwissenden Lehrer in mannigfache Verlegenheit setzte, blieb sehr ernsthaft und beharrlich auf dem Walle stehen. Vor Taganbruch war er von selbst erwacht, flugsweg aus dem Bette hierher gelaufen und guckte jetzt so lange in die grelle Sonne hinein, bis alles vor seinen Äuglein flackerte und flimmerte – und die Ostersonne wirklich und wahrhaftig tanzte. Dann eilte er [später: Christian] nach Hause und verkündete jubelnd der Mutter, was er gesehen.

Der Mann, der langsam über den Friedhof wanderte, gedachte seiner Kindheit und seiner Mutter, und daß auch in einem Totengräberhäuschen seine Wiege gestanden. Eine stille, weihevolle, heilige Wehmut zitterte über alle Saiten seiner Seele in der Ostermorgenfrühe.

Das Fest, das nach dem wandelnden Mond sich richtet, hatte zwar in diesem Jahre spät sich eingestellt; aber dennoch war der grüne, warme, volle Frühling heuer viel zu früh gekommen. Der April hatte [später: dreist] mit fremden Federn und mit Maienschöne sich dreist geschmückt [kursiv = veränderte Wortreihenfolge].

Unter den Kastanien, die große Blätter hatten, schritt der Wanderer, und im Laubdache über ihm flogen die flinken Meisen und Finken hin und her, und die vorlauten Stare beschwatzten lebhaft, wie weit der Bau ihrer Nester gediehen. Alle Grabeschen, die beim Frühlingsfeste nicht zu spät kommen wollten, streckten vorsichtig die Blattspitzen aus der Knospenhülle hervor, wie Fühlhörner, ob die Luft lau und frostfrei bleibe. Die große, unberührte Rasenfläche, unter der noch keiner ruhte, war ein weiß gestickter Blumenteppich, und auf den mit Buchsbaum eingezäunten Grabhügelchen blühten Stiefmütterchen und Veilchen, Krokus und Narzissen.

Hoch, hoch oben über dem in der Sonne blitzenden Kirchturmhahn schwebte eine Lerche, die ihr Osterlied schmetternd sang. Welch prangender Morgen, welch Auferstehen in aller Welt, wie viel Lenzwunder, wohin das Auge fiel!

Der einsame Friedhofsgänger, der mit offnem Blick für die Osterschöne die sauber gerechten Gänge durchquerte, erblickte von fern den gesuchten Ort. Über alle Holzkreuzlein und Steindenkmäler ragte ein hohes, weißes, hell leuchtendes Marmorkreuz empor, das auf einem glatt behauenen, grauen Steingeviert ruhte. Vor dem weißen Kreuze, auf dem der Name Monika Marie Junker stand, beugte sich sein Haupt [später entfallen: , und zwei Tränen fielen aus den Wimpern auf das zuckende Antlitz].

Heilig, heilig war ihm die Stätte. Im Grabkämmerlein unter dem weißen Kreuze schlief seit manchem Jahre seine Mutter den langen, sanften Todesschlummer. Die, deren ganzes Leben Arbeit und Mühe gewesen, schlief jetzt, und in kalter Erde ruhte das warme Mutterherz, das fast vierzig Jahre lang für ihn, für ihn in heißer, reinster und rastloser Liebe geschlagen.

Ein Mann, der, im Kampf des Lebens gestählt und gehärtet, weichliche Tränen nicht dulden darf [später: nicht duldet], soll weinen am Grabe der Mutter und den Zähren des Danks und der Sehnsucht und des Heimwehs den lindernden Lauf nicht hemmen.

Junker lehnte sein Blumenkreuz gegen das Steinfundament und barg das Gesicht in den Händen. Ihr Bild, wie sie leibte und lebte in den lächelnden, kurzen Stunden und den leidvoll langen Tagen, stand vor ihm – als sie noch eine stattliche, rasche und rege Frau war, die ihn als Kind hegte und zu allem Guten und Edlen anhielt – wie sie mählich alterte, ohne müde zu werden – wie sie noch im Schmuck der grauen, ja der schneeweißen Haare ihn, den Mann, getragen und geleitet, gestärkt und getröstet und allzeit [später entfallen: und immer] getan hatte, was sie konnte.

Langsam die Ruhestätte umscheitend, blieb er vor der Rückseite des weißen Kreuzes stehen und ließ den Blick auf der Inschrift haften, die er in der Nacht nach ihrem Tode mit trocknen Augen gesucht.

Damals hatten die Dorfleute befremdet den Kopf geschüttelt, weil sie solche Grabschrift noch auf keinem nordschleswigschen Friedhof gelesen haben wollten; aber Junker hatte der Verstorbenen keinen besseren [später entfallen: Geleitsspruch noch] Nachruf zu geben gewußt.

Die Inschrift lautete: »Diese sind es, welche gekommen sind aus großer Trübsal.«

Sie hatte viel geliebt und viel gelitten und war eine Kreuzträgerin gewesen. Darum legte er ihr nicht Kränze, deren das Leben kaum einen ihr gereicht, sondern ein Kreuz aufs Grab.

[Später entfallen: Weh zuckte jeder Zug seines Angesichts.] Die befremdliche Inschrift war auch ein demütiges Selbstbekenntnis. Der Sohn war ihre Freude, aber auch ihr Schmerz und nicht schuldlos gewesen am Leid und Streit der Mutter.

Der Tod aber [Später: Doch der Tod] tröstete mit seiner Endlichkeitsweise: Warte nur … balde …

Neben ihrem Hügel war Raum gelassen; hier wollte er einst, wenn seine Erdenzeit und Irrfahrt zu Ende war, neben der Mutter ruhen. Die im Leben einander über alles geliebt haben, wollen auch im Staube bei einander sein und Seite an Seite dem großen Weltostertage entgegenschlummern.

Eine plötzliche Bängnis [später ergänzt: jedoch] befiel ihn, eine Frage flog gegen seine Seele. Würde man, wenn er eines Tages unvermutet und irgendwo abschiede und die Augen schlösse, seinen letzten Willen achten, könnte man nicht eigenmächtig ihn anderswo beisetzen?

[Später entfallen: Der durch nichts begründete Gedanke ängstigte.] Ihm war's [später: Ihm war], als wenn er neben seiner Mutter ruhen müsse, um ungestörten Grabfrieden zu haben. Dort, wo das Blumenkreuz lehnte, unten am Fundamente [später entfallen: , zu ihren Füßen] sollte sein Name stehen.

Ein Einfall, eine Eingebung, ein jäher Entschluß bemächtigte sich seiner. Jetzt schon wollte er seinen Namen hineinmeißeln lassen, um sich die Stätte zu sichern und seiner einstigen Ruhe gewiß zu werden.

Junker, der nicht mehr die eingefallene Wange und das weiße Haar streicheln konnte, ließ die Hand leise und liebkosend über das weiße, leuchtende Kreuz hingleiten, sprach in seinem Herzen lieb und lange mit der Toten und riß sich [später zusätzlich: endlich] los von der Stätte, die ihm geweiht und heilig war auf Erden.

Der Grübler schaute zu den Schallöchern des Turms empor, aus denen ein leiser Glockenhall mit zitternden Schwingungen an sein Ohr schlug und zum vollen, laut tönenden Ostergeläut anschwoll.

Auferstehen, auferstehen! riefen die Glockenstimmen ihm zu; er hob das [später entfallen: von Betrübnis umdüsterte] Haupt, und eine große Ostergewißheit überwältigte seine [später entfallen: bangende] Seele.

Der Ewige wird am Ende der Zeit sein Werde sprechen, und ein Wiedersehen derer, die auf Erden eins gewesen sind, wird und soll und muß sein, so gewiß ein wahrhaftiger Gott ist, so wahr die edelste und herrlichste Hoffnung des Menschen nicht Trug noch leere Täuschung sein kann.

Die Zeit ist Traum und Gleichnis, davon die Wirklichkeit und das Erwachen die Ewigkeit ist.

Ich werde mein liebes, gutes und getreues Mütterchen wiedersehen!

In diesem Glauben, der den Tod überwunden hat, ging der Wandrer osterfröhlich heimwärts.

Am Tage nach dem Feste holte er aus der Stadt einen Steinmetz, welcher eine neue Inschrift in den Fuß des weißen Kreuzes einmeißelte. Sie lautete: »Adam Amatus Friedrich Junker, geboren den 10. August 1861« und ließ darunter freien Raum für das »gestorben«.

Beim nächsten Kirchgange standen die verständigen Dorfleute in einem dichten Haufen vor dem weißen Kreuze [später Komma statt und] betrachteten die neue Inschrift und schüttelten bedenklich die Köpfe. Obgleich sie Junker nach allem, was sie bisher gesehen hatten, für einen klugen und auch praktisch tüchtigen Mann halten mußten, wurden sie doch jetzt der Meinung, daß es bei ihm nicht ganz richtig stünde und er im mindesten und mildesten Falle ein [später ergänzt: etwas] sonderbarer Kauz sei.

Der Mann, der, noch in der Mitte der Jahre und auf der Höhe des Lebens stehend, seine eigne Grabinschrift bis zum »gestorben« sich setzen ließ, wurde am 10. August 1861 geboren.

Wo stand seine Wiege? Nur wenige Schritte von einem Friedhofe! War darum in seinem Wesen von frühester Kindheit an neben dem lustigen und oft ausgelassenen Lachen ein sinnender und schwermütiger Zug?

Wir werfen die Blätter zurück, die zwischen dem Grabe der Mutter und der Wiege des Sohnes liegen.

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