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Der Muttersohn - Band I

Johannes Dose: Der Muttersohn - Band I - Kapitel 12
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typefiction
authorJohannes Dose
titleDer Muttersohn ? Band I
publisherM.-G.-Schmitz-Verlag / Nordstrand
editor
year2010
isbn9783938098547
firstpub2010
correctorreuters@abc.de
senderM.-G.-Schmitz-Verlag / Nordstrand
created20100813
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Dritter Abschnitt: Jenseits von gut und böse

[später andere Kapitelüberschrift:] Der Freitisch- und Freizimmer-Student.

Das ist im akademischen Leben lieblich eingerichtet, daß die Arbeitsstunde, nach Abzug des akademischen Viertels, nur dreiviertel Stunden dauert, und daß nicht weniger als fünf Monate des Jahres Ferien sind.

Am Anfang der großen Ferien [später entfallen: verabredeten sich die Vettern wegen der gemeinsamen Heimreise. Der Jurist schien nicht viel Heimweh zu haben, sondern meinte, müde die Augen reibend, daß nun die schönen Zeiten der Häuslichkeit und des Familiensinns, der Sparsamkeit und des Stubenfleißes begännen. Aber der anhängliche Amatus wollte durchaus nicht ohne den Vetter reisen.

Trotzdem hat Amatus, der seine Schiffskiste nach dem Bahnhof geschickt und die Fahrkarte gelöst hatte, allein die Fahrt machen müssen. Er wartete in gesteigerter Unruhe, je weiter der Zeiger vorrückte, aber umsonst, und sprang im letzten Augenblick in den Zug.]

[später ergänzt: war] a/Auf dem Norderhafener Bahnhof [später nachgestellt] [später entfallen: waren die Familien Berg und] [später ergänzt: die ganze Familie] Junker [später entfallen: vollständig] erschienen. Der rotbemützte Vertreter des Vorstehers stieß Hans Gerichtsdiener an. »Hier ist wohl großer Empfang heute?«

»Ja, wissen Sie, mein Sohn, der Student, kommt in die Ferien.«

Der Studentensohn entsprang dem haltenden Zuge und küßte die Seinen der Reihe nach.

[Später entfallen: Durch die Tür des Wagenabteils steckte der Hardesvogt den Kopf. »Wo ist Asmus?«

»Trotz der bestimmtesten Verabredung ist er zum Zuge nicht gekommen.«

»Mein Gott! Es wird ihm etwas zugestoßen sein«, lamentierte der Vater, »ich will sofort telegraphisch vorfragen.«

Vergebens erhob Silly ihre sanfte Stimme: »Vater, du kennst doch seine Bummelei!«

Die Depesche ist aber abgesandt worden.]

Amatus nahm Friedlines Arm und ging zwischen der Schwester und der Mutter nach dem Pappeltale. Hinterdrein schritt der Vater, stramm und kräftig den Stock ins Pflaster stoßend. Weil sein Gehör etwas abnahm, rief er nach vorne: »Sprich doch lauter, damit wir alles hören können!«

Alle lauschten verliebt der lieben Stimme des Sohnes.

»Ja, wer in der Welt vorwärts will, muß sich bücken, mein Sohn«, äußerte der weltkluge Hans, »verstehst du auch, den Lüdemanns [später: Lindemanns] recht unter die Augen zu gehen, so daß du von der feinen Verwandtschaft Vorteil hast?«

Amatus beschrieb die feine Verwandtschaft, den dürren Amtsrichter [später: Justizrat] und die »Wohltätige« und die lang bezopfte Waldnymphe des Kronsberger Gehölzes.

Friedline, trotz ihrer blinden Augen hellsehend, lächelte vor sich hin und lispelte: »Ich glaube, du magst die Sylvia gern leiden.«

Monika aber schnitt den Scherz kurz ab: »Amatus hat seine Arbeit und sein Studium und wird sich keine Dummheiten in den Kopf setzen.«

[Später entfallen: Am Abend des nächstfolgenden Tages ist der Sohn des Hardesvogts wohlbehalten und von Barmitteln entblößt in Norderhafen angekommen. Obgleich ihn eine Trauernachricht empfing und Silly einen Flor an seinem linken Arm befestigte, wurde er nicht trübe gestimmt. Seine Großmutter mütterlicherseits hatte nämlich das Zeitliche gesegnet und ihm und seiner Schwester ein paar tausend Taler als Erbteil hinterlassen. Der Enkel suchte auch dem Schlimmen gute Seiten abzugewinnen. –]

In der Dachwohnung des Pappeltals war steter Sonnenschein. Mutter und Schwester hätschelten Amatus um die Wette. Seitdem Hans Gerichtsdiener der erste Temperenzler Norderhafens geworden war, hatten sich die Vermögensumstände des Hauses gebessert, und in den fünf fetten Ferienmonaten wurde besonders gut gekocht und gegessen, in den sieben mageren Monaten allerdings um so haushälterischer gewirtschaftet.

Neugierig beugte sich Friedline über den eifrig studierenden Bruder. »Was treibst du?«

Er antworte burschikos: »Ich käue wieder! … Du lachst, Friedlinchen, aber es gibt in der Schultheologie viel leeres Stroh, das verarbeitet werden muß, doch auch genug der Goldkörner, die ich mit heller Freude genieße.«

Die nachgeschriebenen Vorlesungen [später Singular] ging er durch und hatte überdies von dem, was er auf dem weiten Gebiete seiner Wissenschaft nicht gehört hatte, aus Büchern sich Excerpte gemacht und schwarz auf weiß einen nicht geringen Wissensvorrat aufgespeichert. Seine Ferienarbeit war gewissermaßen eine geistige Güterspedition und bestand darin, daß er das auf dem Papier Lagernde in seinen Kopf beförderte und vermittelst des Gedächtnisses ordnete und aufstapelte.

In den schwerbesohlten Langschäftigen schlich sich der Vater still durch die Stube, um den eifrig studierenden Sohn nicht zu stören. In der Küche, wo die kräftige Fleischsuppe brodelte, flüsterte die Blinde: »Mutter, ich lebe, wenn Amatus hier ist.« Und Monika nickte lächelnd. Ja, denn lebten sie alle.

Täglich machte der Bruder mit Friedline einen Spaziergang. Ihr war es nicht mehr das liebste, wenn er ihr die Augen lieh, um das lustige Vogelvolksfest der schwatzenden Stare zu sehen; sie hatte jetzt für die Wissenschaft eine brennende Vorliebe gefaßt und begehrte, von dem reich besetzten Tische seiner Theologie Brosamen aufzulesen. Besonders in der Kirchengeschichte wohl bewandert, verwarf sie mit Entrüstung die bösen Arianer, die den guten Herrn Christum nur wesensähnlich sein ließen. Doch er nahm den Pelagius und manchen andern Schelm in seinen Schutz, weil der Disput mit der Schwester ihn belustigte.

Einmal erschreckte er sie. »Friedline, von wem ist der heilige Geist ausgegangen?«

»Von Gott, der uns den heiligen Geist gibt«, antwortete sie schnell.

»Oh, o!« machte er, »dieser ketzerischen Ansicht ist auf Konzilien die Seligkeit abgesprochen worden.«

Darauf verzog die kleine Theologin den Mund ins Weinerliche, denn ihr wurde ängstlich um ihrer Seele Heil, bis er laut auflachte: »Willst du rechtgläubig sein, so mußt du glauben, daß er von Vater und Sohn ausgegangen ist.« –

Nachdem ein paar Wochen in Stille und Studien verlebt waren, sah Amatus öfters über die eng beschriebenen Excerpte hinweg. Es war aber kein angenehmes Inträumeversinken, sondern ein unlustiger Blick. Statt eines sehnlich erwarteten Briefes, der nicht anlangte, war ein höchst unerwarteter und unerwünschter gekommen, der an eine in der Universitätsstadt hinterlassene Schuld mahnte.

Wenn Junker schüchtern nach einem Postlagernden sich erkundigte, lächelten die Postbeamten malitiös [später: maliziös]. Warum schrieb Sylvia nicht? Gewiß war nur, daß der glatte Mediziner zur Zeit sein Examen machte und in dem Lüdemannschen [später: Lindemannschen] Hause ein- und ausging. Oder war nicht eine schwache Möglichkeit vorhanden, daß jener die Prüfung nicht bestand? An dieses dünne Hoffnungsfädchen sich klammernd, war Amatus oft dem Fluchen nahe und dem Beten – der fürchterlichen Fürbitte: Laß ihn durchfallen, Herr!

Von seiner Arbeit emporgetrieben, schlenderte er durch die Stadt und nach dem Hause des Onkels. Weil kurz vor ihm jener Gymnasiallehrer, gegen den er eine Antipathie bewahrt hatte, die Wohnung des Hardesvogts betrat, ging er durch den Hof in den Garten. Dort stand Silly, das Asternbeet begießend, und kehrte dem Kommenden den Rücken zu.

Ach, ihre rechte Schulter! Die gute Kousine war und blieb verwachsen.

Auf seinen Zuruf kehrte sie sich errötend und reichte ihm die Hand. »Amatus! Wir sehen dich so selten.«

»Jetzt hast du mich hier!«

»Bist du, um mich zu begrüßen, in den Garten gekommen?«

»Ja, Silly!« Er sagte die Unwahrheit, um ihr die kleine Freude nicht zu verderben.

Die Kousine fragte plötzlich: »Hast du Klarissa in der Universitätsstadt getroffen?« Bei seiner Verneinung blickte sie ihn an. »Sie ist schon lange bei dem Professor Berger und hat dich vom Fenster aus auf der Straße gehen sehen.«

»So, so.«

Silly dachte: Er liebt sie! und richtete die blauen, ehrlichen Augen auf den Vetter: »Dir fehlt etwas … sag es mir, Amatus! Ich glaube, ich kann dir helfen.«

Amatus machte eine Lache. »Nein, du kannst gewiß nicht wissen, wo mich der Schuh drückt.«

Silly betrachtete einen Regenwurm im Beete. »Du wirst … irgendeine lieb haben … ja!«

»Nein, es ist keine poetische Not, sondern die ordinärste von allen Herzbeklemmungen … ich habe Schulden, 50 Mark!«

Die Kousine lächelte triumphierend und stellte sich in eine protzige Positur. »Gerade der Not kann ich abhelfen … ich bin doch Kapitalistin und habe [später ergänzt: von meiner Großmutter 6–7000 [ 6 bis 7000] Mark, von denen ich die Zinsen als mein Nadelgeld zur freien Verfügung habe … warte hier eine Minute!«

»Nein, von dir kann ich nichts annehmen.« Seine Mannesehre sträubte sich gelinde.

Doch sie zeigte große Frauenenergie. »Du mußt Amatus … sonst sag' ich deiner Mutter, daß du Schulden hast … ja, ich setze dir die Pistole auf die Brust!«

Die angenehme Drohung bewirkte, daß er seinen Ehrbegriff überwand und wartete. Die herzensgute Kousine, die schon als Kind ihm ihre Spielsachen geschenkt hatte, wollte er innig und brüderlich lieb haben. War sie nicht die schlagendste Widerlegung jener eiskalten Philosophie, welche die Menschen ihres göttlichsten Schmucks, des Mitleids, entkleiden und zu nackten Egoisten machen will? Ja, sie war der Gegenbeweis jener Afterweisheit, daß in aller Liebe ein selbstischer Selbstzweck ist. Die gute Base hatte ihn lieb, nicht um einen Besitz zu erlangen, sondern um zu geben und Gutes zu erweisen.

Heute war ein Glückstag. Er machte den Umweg über das Postamt, um den Schuldenbetrag einzuzahlen, und der grinsende Beamte reichte ihm ungefragt ein Brieflein. Sylvia schrieb flüchtig und nicht völlig nach den Gesetzen der Orthographie, mit keiner Zeile ihr langes Schweigen entschuldigend und [später: aber] ausführlich und unbefangen meldend, wo und wie und wie gut sie sich amüsiere, und daß der neue Hut ihr ausgezeichnet stehe.

Der arme Freitischtheologe zerriß den ersehnten Brief und konnte doch im Herzen von der süßen Waldnixe nicht lassen. –

Es war ein bewölkter Herbsttag mit dunstig schwüler Luft [später: schwüler, drückender Tag].

[Später entfallen: Hans Gerichtsdiener hielt streng darauf, daß der Besuchssonntag bei dem Onkel Hardesvogt inne gehalten werde, und brachte bei diesen sonntäglichen Ausflügen, die er mit Vergnügen machte, einen guten Appetit mit.

Als die Besucher zu vieren in die große Stube des Hardesvogts traten, merkten sie sofort, daß im Hause eine beklommene Stimmung war. Asmus stand ernst und geärgert am Ofen, Silly schien geweint zu haben, und der weltmännische Hardesvogt zwang sich zu einer freundlichen Begrüßung. Bald forderte der Sohn des Hauses Amatus auf, mit ihm in sein Zimmer zu gehen, und die Vettern entfernten sich still.

In der Stube riß die Unterhaltung immer wieder ab. Das wurde peinlich, und Monika, welche alle Umschweife verachtete, fragte geradezu: »Was ist der Grund der allgemeinen Verlegenheit? Habt ihr etwas gegen uns, so redet offen! Ist es eine Angelegenheit, die euch allein angeht, so bejaht es nur, denn aus Neugierde habe ich nicht gefragt.«

»Mona«, antwortete der Bruder, »ihr seid ganz unbeteiligt bei der Sache, die recht schlimm ist. Gern darfst du es wissen, wenn ihr Stillschweigen bewahren wollt. Meine Amtskasse pflege ich jeden Sonnabend aufzumachen … gestern abend um sieben herum zog ich die Bilanz und zählte den Barbestand … die Wirtschafterin rief mich ab … ich ließ die Schranktür offen stehen und entfernte mich keine zwei Minuten … als ich nachher die Arbeit beendet und die Kasse aufgemacht habe, fehlten 300 Mark! Sie müssen während des Augenblicks meiner Abwesenheit gestohlen worden sein, weil ich sonst nie den Schlüssel von mir lasse.«

»Karl, das ist zu unheimlich!« rief die Schwester, »es muß ein Hausdieb gewesen sein … willst du es nicht anzeigen und untersuchen lassen?«

»Ja, unheimlich …« Der Hardesvogt sah mit einem eigentümlich starren und scheuen Blick aus dem Fenster. »Neben meinem Bureau arbeiten vier Schreiber, wir haben zwei Dienstmädchen, der Bote geht aus und ein … wen darf ich verdächtigen? Darum will ich die Sache geheim halten, um den Hausdieb auf neuer Tat abzufangen … wo der Marder einmal gewesen ist, pflegt er wieder zu kommen.«

Silly horchte auf den Flur hinaus, wo sie einen leisen Schritt zu vernehmen meinte, und stieß mit Hast die Tür auf. Überall argwöhnte sie das Rumoren des Hausdiebes.

Doch sah sie nur ihren Bruder, der in sein Zimmer ging.

Unbemerkt war er in dem Keller gewesen und trug eine Flasche Rheinwein unter dem Rocke, die er aber frei und hoch in der Hand hielt, als er sein Zimmer betrat, in dem Amatus vor dem aufgeschlagenen Zarathustra saß. Amatus lächelte mit Behagen dem Vetter und der Weinflasche entgegen.

Nach dem zweiten Glase ging ein erfrischend-belebendes Gefühl durch alle seine Nerven, und er redete lebhaft, die Hand auf dem Buche, dessen Titel lautete: Jenseits von gut und böse!

»Wenn wir mit irgend einer Denkarbeit, einer Abhandlung oder einem Aufsatz beschäftigt sind, stützen wir wohl das Haupt in die Hände oder kauen die Feder und sagen, wichtig und alle Störung abwehrend: Ich denke! Aber denke ›ich‹ oder denkt etwas andres in mir? ›Ich‹ kann mir das Gehirn zermartern und den Kopf zerschlagen – der Gedanke kommt nicht, wenn ›ich‹, sondern wenn ›er‹ will. Unbewußt und blitzgleich wird das Gedachte in meinem Gehirn erzeugt, und mein Ich, welches Schöpfer sein möchte, ist nur Empfänger.«

»Sehr richtig!« nickte Asmus, »du fängst an von deinen Augen die theologische Brille zu nehmen.«

Der Theologe sprach langsam und tief sinnend weiter: »Ähnlich ist es mit dem Willen. ›Ich‹ will. Ja, gut gebrüllt, du willensstarker Löwe! ›Es‹ will, ein andres will meistens in mir, dem ›ich‹ gehorche.«

Asmus lächelte überlegen. »Der stärkste Trieb, der Tyrann in uns, unterwirft sich nicht nur unsre Vernunft, sondern auch unser Gewissen.«

Amatus schaute angstvoll über sein Glas. »Was sagst du? Und was sind die grauenhaften Folgen dieser Unfreiheit?«

»Das sind die herrlichen Konsequenzen dieser Erkenntnis, daß es keine Verantwortlichkeit des Menschen gibt, welcher nicht handelt, wie er will, sondern wie er muß. Um es frech zu sagen, Unrecht und Schuld sind eingebildete Gespenster, mit denen uns das Christentum jahrhundertelang erschreckt und die Nachtruhe geraubt hat. Wenn kein Mensch verantwortlich ist, dann ist auch dem lästigen Unmut der sogenannten Gewissensbisse die Spitze abgebrochen.«

»Aber in welche Abgründe führt das?« rief Amatus. »Wo bleibt da gut und böse?«

»Es führt auf neue Höhen … wer da hinauf will, darf keinen Schwindel haben und vor Ungeheurem nicht erschrecken. Wir sind darüber hinaus – jenseits von gut und böse. Statt dessen sagen wir groß und gemein, vornehm und verächtlich. Diejenigen, in welche der stärkste Wille zur Macht war, wurden die Großen der Geschichte. Darum lautet unsre Moral: Derjenige ist tugendhaft, der seine natürlichen Anlagen ausbildet und entfaltet, der über jeden Widerstand kühn hinwegschreitet und einen Herrenmenschen aus sich macht. Auch dieser vornehme Mensch hilft dem Unglücklichen stets, aber nicht aus eklem Mitleid, sondern aus der überströmenden Fülle seiner Kraft … ja, reichere Gaben wirft er dem Bettler hin, als der beste Christ, der im allgemeinen seinen Mammon sehr fest hält. Wer Verstand hat, es zu fassen, der verstehe mich! Prosit! Laßt uns trinken, mein Lieber!«

Amatus saß strack im Stuhle und sagte: »Mein Verstand entsetzt sich. Wenn wir nicht verantwortlich sind für unser Tun, warum bin ich und ist alle Welt voll Schuldgefühl und Schuldunruhe? Gedankenungeheuer scheint mir dein Zarathustra zu gebären.«

Asmus Berg beobachtete den Vetter mit einem grell schillernden Blick. »Nur keinen Höhenschwindel darf man haben! Das ist der Riesensprung unsrer Bekehrung!«

Nachdem die Rheinweinflasche geleert und Amatus wie neu belebt war, nahmen die Vettern ihre Hüte, um draußen in der dunstig schweren Atmosphäre frische Luft zu schöpfen. Auch in andrer Weise erfrischten sie sich.

In der Stube des Hardesvogts stockte das Gespräch oft, und obgleich Hans Junker sich redlich bemühte, eine gemütliche Plauderei in Gang zu bringen, blieb die Stimmung gedrückt, so daß die Besucher gern sich verabschiedet hätten, wenn nur Amatus zurückgekehrt wäre. Monika schaute immer schweigsamer aus dem Fenster, von Ahnungen gequält.

Plötzlich entlud sich ein heftiger Platzregen und ging über die Stadt nieder, so daß sich vor der verstopften Gosse ein breiter See bildete und der Hardesvogt über die Straßenkommission einige Witze machte.

Als das Unwetter vorübergezogen, kam Asmus allein. Ein Schreck durchzuckte Frau Junker. »Um Gottes willen! Wo hast du Amatus gelassen?«

»Nimm's mit Ruhe, Tante! Es ist nichts!« Der Neffe, der an der Tür stehen blieb, stieß mit der Zunge an.

»Wo ist mein Sohn?« fragte Monika streng und hart.

»Er wurde bis auf die Haut durchweicht, wie ich, und ging nach Hause.«

Der Vater trat auf Asmus zu, beobachtend und böse. »Geh auf dein Zimmer und zieh die nassen Kleider aus und kriech ins Bett!« befahl er.

Asmus verschwand. Der Hardesvogt lächelte ingrimmig in sich hinein und dann hämisch zur Schwester hinüber. »Ich glaube, die beiden Schlingels haben sich nicht nur von außen, sondern auch von innen durchnäßt.«

Sofort erhob sich die Familie Junker und zog von dannen. Hans, der Friedline führte, vermochte kaum Schritt mit seiner Frau zu halten und meinte; »Renn nicht so! Bei dem Hausdiebstahl denkt man sich sein Teil.«

»Wer sich etwas denkt, verdächtigt … o Hans, wenn wir nur nicht an etwas andres zu denken bekommen!«

[Später ergänzt: Dem Studiosus Junker lag es wie Blei in allen Gliedern und sein Herz, das an Sylvia mit Unruhe dachte, war noch bleischwerer in seiner Brust. Um sein Gemüt ein wenig zu erleichtern, betrat er zum ersten Male während der Ferien ein Wirtshaus. Nach dem zweiten Glase ging das angenehme, erfrischende, belebende Gefühl durch alle seine Nerven, und nach dem dritten sah er wieder eine rosige Zukunft an Sylvias Seite.

Da war er im Banne des Magiers Alkohol, der ihn am Tische festhielt. Andre Zecher setzten sich zu dem einsamen Trinker, und die Würfel, die dienstbaren Geister des bösen Magiers, rollten und rasselten.

Gegen neun Uhr zog der Sohn des Gerichtsdieners mit einem Räuschlein, das niemand durch Verführung ihm angehängt hatte, ins Pappeltal. Weil er seinen Zustand verbergen wollte, schlich er sich in seine Dachkammer hinauf, kroch er möglichst geräuschlos in die Federn hinein.

Amatus schlief [später ergänzt: nach einer Minute] so fest, daß die Anrede der Mutter ihn nicht weckte. Sie atmete die Luft des Zimmers ein und seufzte und ließ ihn schlafen. Nachdem sie einen Spalt des Fensters geöffnet hatte, rückte sie das Kopfkissen zurecht und ging, die Hände schlaff hinabgefallen, hinaus.

Die Nacht wurde von ihr durchwacht, durchweint und durchbetet.

Am Morgen blieb der Sohn krank im Bette liegen, wollte keine Speise nehmen und nur sehr viel Wasser trinken.

In der Küche bat Friedline leise: »Mutter, sei milde!«

Weil der Sünder zerknirscht die Hand der Mutter faßte, ging sie glimpflich mit ihm ins Gericht. »Amatus, du bist alt genug, um alles zu wissen. Jahrelang habe ich mit deinem Vater gegen seine Schwäche ringen müssen … soll ich nun den furchtbaren Streit mit dem Erbfeind unsers Hauses noch einmal durchkämpfen?«

Tränen brachen ihm ins Auge, und er schrie: »Nein, nein! [später ergänzt: Meine arme Mutter!

»O, ich möchte, wie die Temperenzler, einen Kreuzzug wider den Alkohol predigen …weißt du nicht, daß das Trinken dein Todfeind ist?«

»Ja, es reißt mich hin, daß ich nicht rechzeitig aufhöre.«

»Was einen Menschen bezwingt, beherrscht und vergewaltigt, ist sein Tyrann … du hast die ganze Bibel studiert und kennst nicht die Waffen, um dich aus den Banden des Tyrannen zu befreien?«

Er hielt sich den Kopf. »Ich weiß, was jetzt kommen wird … durch das Gebet soll ich überwinden! Aber, Mutter, ich habe gebetet … zuweilen half es, ich bezwang die Lust und eilte vorüber … aber nicht immer … es überrumpelte mich wie diesmal, und dann konnte ich nicht aufhören.«

Monika nickte. »Du mußt in solchen schwachen Stunden all deine Willenskraft zusammen nehmen.«

Er wand sich auf dem Lager und rief verzweifelt: »Mutter! Woher soll ich die Willenskraft nehmen, die ich zusammen nehmen soll? Woher? Das sag' mir!«

Seine Frage, die wie ein Hilfeschrei klang, machte sie stutzig, so daß ihre Stimme unsicher klang. »Woher? Ja, woher hat dein Vater die Kraft genommen? Du mußt es machen wie er und den festen Entschluß fassen … das erste Glas kannst du zurückweisen, das zweite vielleicht nicht mehr. Willst du mir das geloben?«

Weichmütig schlang er [später: der Sohn] die Arme um den Hals der Mutter und versprach ihr, mit sich selber ein Temperenzlergelübde zu schließen [später anders: , unter Tränen gelobte er ihr, das Temperenzgelübde zu halten].

Seine Krankheit verlief normal. Am Nachmittage war er maroder Rekonvaleszent und am nächsten Morgen völlig geheilt. Ja, er fühlte bei der Arbeit eine neue Spann und Denkkraft und Ausdauer, wie er sie in den geistmüden Tagen der letzten Wochen zu seinem Schmerze vermißt. Dafür fand er keine Erklärung.

Unmöglich, daß das Übermaß des Alkohols wie ein Erneuerungsbad gewirkt habe! Aber die unheimliche Tatsache, vor der er nicht die Augen schließen konnte, blieb bestehen: Seit jenem Exzesse merkte er keine Erschlaffung mehr, sondern eine neue Anspannung der Kräfte. [– – –]

[Später entfallen: Um die Mitte des Septembers brachte Hans Gerichtsdiener, der häufig nach der Hardesvogtei Briefe besorgte, eine Neuigkeit nach Hause, die er pfiffig blinzelnd verkündete: »Bei deinem Bruder, Monika, steht das Barometer sehr niedrig … Asmus ist nach der Universität abgereist, angeblich, weil ihm die Bibliothek fehlt.«

»Nach der Universität?« Amatus schlug dröhnend das Buch zu.

Der Vater lachte. »Jaja, du hast eine feine Nase und riechst etwas … ich denke nämlich an den Hausdieb – und schweige.«

Der Sohn jedoch dachte an die schlimmen Diebe, die seinen süßen Schatz ihm stehlen könnten. – – –

Asmus Berg, der sein bisheriges Quartier in der Universitätsstadt bewohnte, war mit Geldmitteln reichlich versehen und bezahlte ehrlich alle Schulden.

In der Mittagsstunde eines Sonntags ließ er sich bei der Wohltätigen melden, die ihn vorließ, obgleich sie nach besuchtem Gottesdienst, wie immer, ihre Blumhardtsche Predigt las, denn die Pastoren der Stadt gaben ihr nicht genug Erbauung.

»Darf ich erst meine Lektüre beenden?«

Berg sprach die schüchterne Bitte aus, ob sie nicht den Schluß laut lesen wolle; worauf er sofort das Haupt duckte und die Hände kreuzte.

Aus ihren Augen glitt ein Blick der Liebe über die Brille hinweg, und ihre Stimme las pastoral inbrünstig. Nach der Vorlesung legte Berg unter reichlichen Dankbezeugungen die vor langer Zeit entliehene Summe auf den Tisch.

Sehr gerührt betrachtete sie den jungen Mann und weigerte sich das Geld anzunehmen. »Mein Lieber, schon manche studentische Anleihe ist bei mir gemacht worden, aber ich habe alle solchen Summe à fonds perdu d.i. zu deutsch auf Nimmerwiedersehen gegeben … behalten Sie es als Lohn Ihrer Gewissenhaftigkeit!«

Zögernd ließ er sich das Geld in die Hand legen, nahm langsam, wie in einem innern Kampfe, ein Zwanzigmarkstück und hielt es ihr entgegen. »Verehrtes Fräulein, das müssen Sie für die Zwecke Ihrer Arbeit und der innern Mission anwenden.«

O, da schaute die alte Jungfer ihren Halbneffen mit verliebten Augen an. In ihren Gesichtskreis war noch kein Student getreten, der zwanzig Mark für die innere oder äußere Mission gegeben hätte. Als ihr Blick den Hinausschreitenden begleitete, kam ihr wie eine plötzliche Erleuchtung der Gedanke: Das wäre, wenn Gott es will, der rechte Mann für meine liebe Nichte!

Der Besucher machte hinter sich die Tür fest zu und kneipte leutselig Karoline in die runde, rot glühende Wange. »Meine Süßeste! Darf ich Sie heute abend zu einem Tänzchen einladen? Auf dem Kuhberg in den goldenen Trichter?«

Karlone knixte. »Welche Ehre! Aber werden Sie mich auch nach Hause begleiten, Herr Berg? Ich halte nämlich sehr auf meine Person und meinen Ruf und gehe nachts nie allein.«

Er versprach ihr freien Tanz und frei Geleite.

Auf dem »Kuhschwoof«, wie die Studenten den Dienstmädchenball nannten, stellte sich Asmus Berg recht spät ein, und Karoline fing schon an ihn für einen wortbrüchigen Menschen zu halten. Doch er kam, tanzte zwar sehr mäßig, aber traktierte um so flotter seine Dame.

Als vom St. Nikolaiturme zwölf Schläge schlugen, klang der letzte Walzer: ›Stiefel, du mußt sterben, bist noch so jung, jung, jung‹. Karoline glühte wie eine Klatschrose.

Auf dem Heimwege gab er ihr den Arm und beugte sich unter ihren kolossalen Hut.]

[Später anders/ergänzt: Der Freitisch- und Freizimmer-Student war nach der Universität zurückgekehrt, und Karoline half ihm beim Auspacken, bereitwillig wie nie zuvor. Eine Freundlichkeit ist der andern wert; leutselig unterhielt er sich mit ihr.]

»Wo steckt Wilhelm Reder?«

»Was weiß ich? [später ergänzt: erwiderte sie kurz.]

»Ist er Ihnen untreu geworden?«

»Der dumme Junge!« In die drei Worte legte sie ihre ganze Verachtung.

»Das ist [später ergänzt: auch] nichts, Karoline! Mit vierzig Jahren wird er noch Hauslehrer sein … aber Sie sind doch eine [später ergänzt: ganz] schmucke Person und könnten anderweitig Ihr Glück machen.«

[Später ergänzt: Die hingeworfenen Worte gingen durch Karolines dicken Kopf.]

[Später entfallen: Gefallsüchtig lugten unter dem großen Hut ihre Äuglein zu dem Begleiter empor. »Was meinen Sie damit, Herr Berg? So sagen alle Herren und meinen doch nichts.«

»Ich meine nur, daß Sie in ein paar Jahren, wenn Sie wollen, Frau Pastor werden können … ja, sehen Sie mich nicht so verdutzt an! Mein Vetter Junker hat Sie lieb.«

»Der liebt doch Fräulein Lüdemann.«

»Nein, mit der Liebe ist es längst aus … täglich sieht er Sie, wie hübsch und drall Sie sind … können Sie nicht begreifen, daß ein junger Mann unter diesen Umständen sich verlieben muß?«

Das vermochte Karoline wohl einzusehen und erhob doch vorsichtshalber den Einwand: »Davon habe ich nichts gemerkt.«

»Nein, eben nicht, weil er zu blöde ist … Sie müssen ihm entgegen kommen und ihm Gelegenheit geben, sich zu erklären. Mein Wort, daß Sie Frau Pastor werden können!«

Auf der Treppe der Mittelgasse 34 umschlang er das Dienstmädchen und bekräftigte mit einem kräftigen Kusse die Wahrheit seiner vertraulichen Mitteilung.

In ihren Kreisen war ein Kuß zum Abschied der übliche Geleitslohn, und darum ließ sie ihn gewähren.

Das Frau Pastorwerden ging durch Karolines Kopf. Als ihr Freizimmerherr aus Norderhafen zurückkehrte, half sie ihm beim Auspacken bereitwillig wie nie zuvor.]

Amatus räusperte sich oft, wenn sie schwatzend in seinem Zimmer stehen blieb. Einmal, als Fräulein Lüdemann [später: Lindemann] nicht zu Hause war und Karoline durch ihr Verweilen ihm lästig fiel, sagte er mit grober Deutlichkeit: »Sie werden sich noch die Beine in den Leib stehen! Nehmen Sie doch Platz und ein Buch! Dann studieren wir beide.« Lachend reichte er ihr das Buch des Zarathustra »Menschliches und Allzumenschliches«.

Karoline rauschte [später ergänzt: zornig] heraus. Obgleich sie es ihn deutlich merken ließ, merkte der dumme Mensch gar nichts. – – –

Wie in alten Zeiten die Mobilmachung eines Kontingents der Reichsarmee, so dauert's ein paar Wochen, ehe die Musensöhne einer Universität sich zusammen finden und der Bänke Reih' und Glieder füllen. Die akademischen Ferien haben eben auch ihr akademisches Viertel, allerdings kein Verkürzungs-, sondern ein Zusatzviertel, so daß sie, wie nach stillschweigender Übereinkunft, um ein paar Wochen länger hingeschleppt werden.

Die meisten Vorlesungen des Winterhalbjahres, das offiziell am 15. Oktober begann, wurden eröffnet, als der Monat zur Rüste ging.

Am letzten Freitag des Oktober [später: Oktobers] war bei dem Amtsrichter Lüdemann [später: Justizrat Lindemann] der Freitisch wieder versammelt. Dieselben Gesichter und dieselben Gerichte! Nur der Mediziner Evers [später ergänzt: , der sein Physikum bestanden hatte,] trug jetzt eine weiße Weste, daran ein Monokle [Erg. d. Hg.: Monokel] baumelte, und ein Stethoskop, das bedeutsam aus der Brusttasche [später: Vordertasche] guckte. Vater, Mutter und Tochter wetteiferten förmlich, ihn mit Herr Doktor [später: Kandidat] anzureden, welcher Eifer einem Gast zum Ekel wurde.

Gespräche wurden abgedroschen, aus denen kaum ein Körnlein Witz oder Weisheit flog. Junker mußte an die Drehorgel denken, die an einem Markttage von morgens sechs bis Mitternacht achtzehn Stunden lang dieselben drei Gassenhauer unter seinem Fenster abgeleiert hatte. Der Doktor [später anders: Gnadenfelder] war die reine Drehorgel, welche die abgeleierte Potpourri-Melodie von musikalischen Aufführungen und modernen Stücken, von Bällen und Belletristik vortrefflich spielte. Doch es gibt Leute, die Automatenmusik gern mögen.

Zum Schluß des Mahles ereignete sich etwas schlechthin Neues.

Frau Lüdemann [später: Lindemann] sprach nach zwei Seiten über den Tisch hin. »Nächsten Freitag ist meines Mannes Geburtstag … wir geben nur ein kleines Diner und möchten Sie, Herr Doktor [später: Kandidat] [später entfallen: , und Sie, mein lieber Neffe Berg,] bitten, daran teilzunehmen.«

Der Dank der Herren [später anders: des Herrn] drückte sich in einer schnellenden Bewegung des Oberkörpers aus.

Die Frau Amtsrichter [später: Justizrat] kehrte sich halb der dritten Tischseite zu und sagte: »Da es Ihr Tag ist, Junker, kommen Sie selbstverständlich auch … aber, statt um vier, nachmittags fünf Uhr!«

Langsam neigte Junker den Kopf über den geleerten Teller, den die Güte dieser Leute wöchentlich einmal ihm füllte. Die Verneigung wurde von Frau Lüdemann [später: Lindemann] als eine ungeschickte Dankverbeugung aufgefaßt.

Als Junker fröstelnd nach Hause kam, war die treue Karoline beschäftigt, seinen kleinen Kanonenofen mit Kohlen aufzufüllen. »Gott! Wie blaß Sie aussehen! Nun sollen Sie es wenigstens warm haben.«

Er setzte sich aufs Sofa und knöpfte den Rock fest zu. »Nein, warm wird mir nicht … ich habe mich innerlich erkältet.«

»Soll ich Ihnen ein heißes Glas Grog bereiten?« flüsterte die Hilf[s]bereite und lächelte pfiffig.

»Ich habe doch keinen Rum, Karoline«, seufzte er.

»O, unser Fräulein hat immer Rum im Hause.«

»Was? Wozu hat die Freundin der Enthaltsamkeit das Teufelszeug?«

»Morgens, wenn Sie greinerlich ist und den schwachen Magen und die Duselei im Kopfe hat, die sie ihre ›Migreine‹ nennt, nimmt sie zwanzig Tropfen Rum auf ein Stück Zucker, so oft, bis es hilft.«

Er lachte: »Ja, steter Tropf [Erg. d. Hg.: ...en] höhlt den Stein … aber wird sie es nicht bemerken, da sie von ihrem Jamaika nur tropfenweise nippt?«

»Ich könnte nachher etwas Wasser zugießen …« Als das Mädchen sah, wie der Ehrenmann die Brauen runzelte, setzte es [später ergänzt: schnell] hinzu: »Das tut aber gar nicht nötig … wir brauchen doch eine Flasche in der Woche.«

Junker erhielt und trank sein Glas Grog, um die innerliche Verkühlung zu vertreiben. Natürlich blieb Karoline stehen, um zu sehen, wie das Getränk ihm munde, rückte allmählich näher und setzte sich auf die Sofalehne. »Sagen Sie mir doch einmal etwas Nettes!«

»Der Grog schmeckt vortrefflich, und Sie sind eine gute Seele, Karoline.«

Die gute Seele streichelte mit der rauhen Hand über seine Stirn, wie mit einer scharfen Bürste, als wenn sie durch gelinde Massage seine eingefrorenen Gedanken in Fluß bringen wolle. Dann tippte sie entschlossen mit dem roten Zeigefinger nach seiner Brust. »Nun heraus damit! Sie lieben … Sie lieben …«

Er nickte unglücklich. »Karoline, ich kann es Ihnen noch nicht sagen … ehe es so weit ist … wenn es überhaupt so weit kommt.«

Schämig und schief wurde ihr Blick. »Es wird so weit kommen … gestern abend legte ich für Sie die Karten in meiner Kammer, und es kam heraus!«

Hierauf leerte er in einem Zuge sein Glas und sagte [später ergänzt: versonnen]: »Wir müssen die Erfüllung abwarten, Karoline!«

Sie nahm das leere Glas unter die Schürze und ging. »Ich kann warten, Herr Junker!« Ihre Äuglein verdrehten sich verliebt.

Wie verdummt von dem sinnlosen Schluß ihrer Rede, gaffte er ihr nach.

Der Migrainen-[später: Migränen-]Rum tat ihm wohl, so daß seine Stimmung zukunftsfreudiger wurde. Überall und ungesucht, auf der Straße, wo die Kameraden ihn mitnahmen, sogar in seiner engen Freikammer trat der Tröster an ihn heran, flüssig klar und friedlich freundlich.

In der folgenden Woche hatte er in dem Kronsberger Gehölz sich einen wirklichen Schnupfen zugezogen, und Karoline kredenzte ihm ein paar Glas Grog. Kein Liebespärchen erging sich [später ergänzt: jetzt] unter den kahlen Bäumen, durch die der Regen goß. Treu und trotzdem watete er hinaus und blieb wie eine Schildwache eine volle Stunde lang stehen, obgleich er sich sechzigmal – so oft sah er nach der Uhr – sagte, daß Sylvia in dem Unwetter nicht kommen würde und nicht kommen könne.

Am Freitagmorgen erwachte er mit einem dumpf drückenden Gefühl, als wenn ihm Böses bevorstünde, und dachte an die Ahnungen, an denen seine Mutter litt. Ob dieser Druck ein Vorspuk sei?

Mittags zwölf Uhr war Gratulationskur bei dem Amtsrichter Lüdemann [später: Justizrat Lindemann], der bei allen Menschen – seine eigene Gemahlin vielleicht ausgenommen – in Achtung und hohen Ehren stand.

Durch das Gedränge scholl eine Stimme: »Äh, verehrtester Herr, sehr verbunden! Jä, man kommt in die Jahre.«

Nach dem Äh und Jä steuerte Junker seinen Kurs, die Ärmel, die ihm jetzt zu kurz schienen, herunterzupfend und mit dem unangenehmen Gefühl, daß sein Rock schlecht sitze, und fand nur Gelegenheit, über den Fingerspitzen des Amtsrichters [später: Justizrats], an dessen Frackaufschlag ein kleines Kreuz hing, eine Verbeugung zu machen.

[Später entfallen: Zweimal gratulierten die Gratulanten, und der zweite Glückwunsch war ein unmittelbarer Gefühlsausbruch.] Lüdemann [später: Lindemann] war nämlich [später entfallen: Rat und] Ritter pp. geworden.

Der unwissende Amatus, der die Kreuzbaumelei an der Brust sah, fragte den Vetter [später anders: Evers]: »Er hat einen Orden bekommen?«

Dieser lachte leise: »Ja, den roten Adlerorden vierter Klasse mit Eichenlaub und Schwertern [später entfallen: … und den Rang der Räte vierter Güte].«

Amtsgerichtsrat Lüdemann [später: Justizrat Lindemann], der von Glück und königlicher Gnade strahlte, lächelte während der ganzen Kur mit krauser Nase, als wenn er fortwährend mit einem Strohhalm gekitzelt würde.

[Später entfallen: Asmus Berg stand abseits, still vergnügt und sich mokierend, bis er plötzlich den Kopf duckte. Sylvia war an seinen Vetter herangetreten und flüsterte ihm etwas zu.

Asmus blieb äußerlich ruhig, aber in ihm fluchte es. Nach Zarathustras Weisheit ist das Weib ein minderwertiges Wesen – und dennoch scheitert am Weibe alle Philosophie, es bleibt begehrenswert und behält trotz seines Minderwerts einen Wert, der sich nicht umwerten läßt.

Junker schien noch in Träumen, als er an dem etwas kurzen Rockärmel gezupft wurde. »Amatus, laß uns gehen und frische Luft schöpfen!«

In dem nächsten Bierlokale schöpften sie die frische Luft.

Nachdem Asmus mit dem ersten Glase etwas herunter gespült hatte, stieß er mit dem zweiten an und sagte im pastoralen Pathos: »Auf dein Liebesglück, daß es zur gottgewollten Frucht der Ehe werde!«

Der andere trank trübsinnig. »Ich habe oft ein Gefühl, daß es nichts wird.«

»Warum, mein Lieber?«

»Hm … daß ich armer Leute Kind bin, klebt mir von meiner Kindheit bis auf diesen Tag an … es ist kein Makel, aber ein Manko, ein Minus, das meiner Person wie eine kleine Klette anhaftet, welche die Menschen sofort sehen, und die ich mit einem gewissen Unbehagen fühle … ich glaube gar nicht, daß ich unfein, taktlos oder täppisch bin … aber die Klette werde ich nicht los.«]

Der Vetter verzog spöttisch die Mundwinkel.

»Ja, du, Asmus, kannst als Sohn eines juristischen Beamten leicht lachen … du bist mit keiner Klette, sondern mit einem Empfehlungsbrief auf die Welt gekommen und darum stets im Vorteil … alle Türen, an denen ich erst mit Demut und Devotion klingeln muß, stehen dir bereits offen.«

Asmus vergaß sich und brauste die Worte hervor: »Du Tor hast einen Vorzug vor vielen, nämlich eine schmucke Larve, welche der beste Empfehlungsbrief ist. Wollen wir vielleicht unsere Empfehlungsbriefe tauschen?«

»Ja, wenn du meine Klette mit in den Kauf nimmst!« Junkers Laune schlug zum Guten um.]

[Später anders/ergänzt: Nach der Gratulationskur verließ Evers mit Junker das Haus und letzterer lehnte die Einladung zu einem kleinen Frühschoppen nicht ab. Dachte Amatus nicht an sein Enthaltsamkeitsgelübde? Ja, aber der Sophist redete sich vor, daß es nur für Norderhafen gelte.]

Der Frühschoppen währte bis gegen fünf Uhr, wo das Geburtstagsdiner beginnen sollte.

Junker strich sich [später ergänzt: draußen] vor dem Korridorspiegel mutig das wellige Haar in die Höhe und fühlte nicht mehr die unangenehme Klette [später: das Unbehagen] des schlecht sitzenden, schwarzen Abiturientenrocks.

Zu unterst am Tische erhielt er seinen Platz, und als Tischdame war ihm eine Pastorentochter zugewiesen worden, ein zu Ostern konfirmiertes, kleines, spitzes, schüchternes Ding, das noch nichts, weder Fleisch noch Backfisch war. Getreulich und geduldig kam er seiner Pflicht nach und suchte [später ergänzt: er] seine Dame zu unterhalten, weil er in recht redseliger Stimmung sich befand. Aber sie, zum erstenmal in die Geistes- und Gesellschaftswelt eingeführt, gehörte zu den braven, blöden, geistig armen, guten Seelen, deren Rede ja und nein ist.

Von dem schlechter Wetter draußen, von dem schönen Mokturtle, das sie aßen, schwatzte er. Als er den Zirkus auf dem Exerzierplatz streifte, wurde seine Tischdame rot. Darum ging sein Gespräch auf die letzte Predigerwahl über, welches Thema ihr als einer Pastorentochter nahe stehen mußte, und sie lispelte ihr leises Ja.

Der neue Pastor solle ja ein verkappter Ritschlianer [Erg. d. Hg: Anhänger des evangelischen Theologen Albrecht Benjamin Ritschl (1822 – 1889)] sein.

Wo sie weder zu bejahen noch zu verneinen wagte, machte sie ein langes So–o–o!

Junker nahm noch einen Anlauf und lobpries die landschaftlichen Schönheiten des östlichen Holsteins. »Ist nicht der Uglei die Perle der langgestreckten Seenplatte?«

»Ja.«

»Tief zwischen den hohen Buchenufern liegt er und träumt.«

»Ja–a.«

»Bei Mondschein aber ist er ein Märchen, das seinesgleichen nicht hat … nicht wahr?«

»Ja–a–a.«

»Wann waren Sie am Uglei, mein Fräulein?«

Endlich brachte sie einen ganzen Satz zustande und antwortete: »Ich bin noch nicht da gewesen.«

Nun machte der Studiosus ein langes So–o–o und wandte sich der linken Dame zu, welche keine andere als Sylvia war, die den Doktor [später: Viggo] Evers als Tischherrn hatte.

Sie trug ein langes Kleid mit langer Schleppe. Oben freilich war es, viel, viel zu kurz geraten, als wenn sie an und unter dem Halse daraus herausgewachsen wäre. Doch das Herausgewachsene und blendend Weiße entzückte ihn – bis er bemerkte, daß auch [später entfallen: der Doktor] Evers seine Augen daran weidete.

Da ärgerte es ihn, und er nahm sittlichen Anstoß daran.

Der Rot- und Weißwein stellte seine Laune wieder her. Kühn nahm er mit seiner Unterhaltung Sylvia in Anspruch. Sie lachte nach rechts und links und kam kaum zum Essen, weil sie von zwei Seiten mit Geistreichtümelei überschüttet wurde.

Als Junker einmal [später entfallen: seinem Vetter zutrank und] laut über den Tisch redete, ließ das ältere Fräulein Lüdemann [später: Lindemann] von dem oberen Tafelende einen spitzen Blick warnend auf ihm ruhen. Er aber [später ergänzt: sah es nicht, er] sah nur Sylvia und je und dann nach der Flasche, um die Gläser frisch zu füllen.

Man toastete und trank viel guten Wein.

Junker hatte ganz vergessen, daß er nicht als geladener Gast, sondern als geduldeter Freitischler hier saß und aß, und war bereits in der Stimmung, an sein Glas zu schlagen und die Waldfee des Hauses zu feiern. Zum Glück scharrte in dem Momente ein Stuhl, dem alle Stühle, wie auf Kommando, nachscharrten. Alle standen auf und drückten sich die Hände, als wenn sie einander von Herzen lieb hätten.

Während der Kaffee gereicht wurde, unterhielt sich Junker [später entfallen: ,der keine Klette fühlte,] dreist und weltmännisch mit den würdevollsten Herren und Damen.

Sylvia trat in das Zimmer, das sonst als Boudoir diente und jetzt mit Blattpflanzen angefüllt war. Im Bann der Sehnsucht und im Mut des Weines schlüpfte er durch die Vorhänge ihr nach, ohne Vorsicht. Er sah nicht, daß [später entfallen: Asmus Berg, dem] die Wohltätige [später entfallen: freudestrahlend berichtete, wie sie seine zwanzig Missionsmark angewendet habe,] dem Türeingange auf drei Schritt nahe stand.

[Später entfallen: Aber Asmus sah ihn verschwinden, rückte dem Vorhang näher, schwatzte fromm mit dem Fräulein und schielte teuflisch durch den Spalt der Fransen.]

Hinter den Palmen, aber durch den Blätterfächer deutlich gesehen, legte Amatus den Mund an Sylvias Ohr und den Arm um das Herausgewachsene des Halses. Er bestellte sie zum Stelldichein in die Konditorei von Süßmilch. Eine Sekunde lang lehnte sie sich an ihn und hob die langen Wimpern.

Aber Berg [später anders: die Wohltätige] hob etwas mit der Hand, nämlich den Vorhang, und prallte [später ergänzt: entsetzt] zurück [später entfallen: und unsanft gegen die Wohltätige, die einen neugierigen Blick hineinwarf]. Ihre Augen zwar schienen sich beim Anblick des lebenden Bildes zu versteinern; aber ohne Schrei oder Ohnmacht, in männlicher Geistesgegenwart raffte sie die Vorhänge fest zusammen und steckte den grauen Kopf hindurch, gedämpft knirschend: »Sie niederträchtiger Mensch! Und du, Sylvia!«

Die unartigen Kinder stoben aus ihrer intimen Stellung auseinander.

Fräulein Lüdemann [später: Lindemann] fegte mitten durch die Gäste und entführte ihren Bruder in sein Zimmer. Bald kehrte sie zurück, tippte mit dem Zeigefinger vorsichtig-verächtlich Junkers Arm und lispelte leise, aber giftig: »Gehen Sie sofort zum Herrn Amtsgerichtsrat [später: Justizrat], der Sie sprechen will!«

Heftig schritt der Rat auf und ab, so daß die Frackschwänze gesträubt nach hinten standen und der rote Adlerorden auf der Brust vibrierte. Bei Junkers Eintritt aber stand Lüdemann [später: Lindemann] strack und steif und legte den Zeigefinger zwischen zwei Westenknöpfe.

»Junger Mann, Sie haben zu viel getrunken, gehen Sie heim und schlafen Sie Ihren [später ergänzt: unanständigen] Rausch aus … äh … morgen reden wir weiter!«

Der Studioses war blaß und ernüchtert. »Ich habe nicht mehr getrunken, Herr Rat, als daß ich es heute hören könnte.«

»Gut, wenn Sie trotz des Vorgefallenen sich für zurechnungsfähig halten, will ich kurz und deutlich sprechen … als einen entfernten und unbemittelten Verwandten habe ich Sie in mein Haus und an meinen Tisch genommen … Sie aber, Sie haben Ihre Stellung völlig verkannt und sich ungezogene Vertraulichkeiten erlaubt, darum … äh …«

Junker hatte besonnene Ruhe genug, um den Satz aufzugreifen: »Darum werde ich mir erlauben, von Ihrem Hause und Tische fern zu bleiben.«

»Junger Mann, einen ehrenvollen Rückzug sollen Sie nicht haben … jä, ich verbiete, ich verbiete Ihnen mein Haus.«

Wie in allen Klemmen, kam ein kalter Hohn dem Freitischler zu Hilfe [später am Satzende], der Lüdemanns [später: Lindemanns] Sprechweise nachäffte und sich verbeugte: »Äh, Herr Rat, äh, es bleibt derselbe Schuh, ob ich gehe oder gegangen werde … jä, ich empfehle mich für immer.«

Der Studiosus sprang die Treppe hinab. Sein Gehirn klopfte, kreiste und konnte nur eins denken: Sylvia und alles ist verloren – das ist das Ende! Willenlos, ziellos ging er hin und her, als wenn er seinen Füßen gehorche. Plötzlich sah er die Wirtschaft, in der er vor dem Diner gewesen, trat hinein und trank kaltes Bier, um seine Gedanken auf Eis zu legen. Seine Sinne wurden in der Tat ruhiger.

Erstaunt über diese Wahrnehmung fing er an zu fragen: Welche vielfache, allerdings vorübergehende Kraft wohnt dem Getränk inne? Dem Traurigen ist es ein Tröster, dem Müden ein Beleber, die Erschlaffung spornt es zu neuer Anstrengung, sogar die wirren und widersprechenden Gedanken klärt es.

Er dachte klarer. War nicht schon mancher als Student verworfen und als Kandidat erwählt worden? Wenn nur Sylvia ihm treu blieb – das Wenn gab ihm einen Stich, darum, daß er nicht zu sprechen wagte: Weil sie mir treu bleibt, stehe ich, wohl gestoßen, aber ungestürzt.

Als der Vetter draußen vorbei kam, klopfte er [später anders: Als das Diner zu Ende war und Viggo Evers draußen auf der Straße vorbei kam, klopfte Junker] ans Fenster. Auf seine hastige Frage: »Was sagte man, als ich ohne Abschied verschwand? antwortete der Eintretende: »Deine Abwesenheit wurde kaum bemerkt.«

»Und Sylvia?«

»Sie lächelte und schwatzte weiter.« Asmus machte eine sarkastische Beileidsmiene [später anders: Viggo lächelte sarkastisch] . »[Später entfallen: Nur Mut!] Was gedenkst du Pechvogel jetzt zu machen?«

»Ich will mein Schicksal gehen lassen, wie es geht, und alles mit Stoicismus oder Stumpfsinn ertragen.«

[Später entfallen: »O, die elende, von der Pastorentheologie schon dem Kinde eingeimpfte Sklavenmoral des demütigen Kreuztragens … der Herrenmensch erträgt und entsagt nicht, sondern erkämpft und erzwingt.«

»Du Herrenmensch! So sage mir doch, was du in meinem Falle tun würdest!«

Asmus hatte einen lauernden Mephisto-Blick. »Vorausgesetzt, daß du Sylvias gewiß bist …«

»Laß die verruchten Voraussetzungen!«

»Sagen wir also: Weil du ihrer gewiß bist, hast du sie in der Gewalt … ein Weib, das einem Manne wirklich gehört, muß sich ihm hingeben … wem aber die Tochter gehört, der hat auch den Vater in der Hand … sehr einfach ist der Schluß und Syllogismus.«

»Pfui, nimm deinen Pferdefuß zu dir!« sprudelte Amatus hervor, »Herrenmoral nennst du das und ähnelt auf ein Haar der gemeinen Moral der gemeinsten Knechte und Mägde.«

Asmus, statt dem Aufgeregten die Antwort übel zu nehmen, bestellte volle Gläser.]

[Später anders/ergänzt: »Tu das nicht, die Tor, sondern spül' deinen Ärger herunter! Sei kein hölzerner Stoiker, sondern ein heitrer Schüler Epikurs! Einen vollen Becher in der Rechten und ein volles Liebchen in dem linken Arme – das ist die wahre Weisheit. Es gibt genug Weiber in der Welt, z.B. in der Palme.«

Willenlos ging Junker mit. Ihn verlangte nicht nach den geschminkten Schönen, aber ihm war jeder Ort, wo der süße Labetrank verschenkt wurde, recht und gut.

Während Viggo mit der Kellnerin flüsterte und kicherte, saß der Dritte stumm, aber nicht untätig. Amatus trank und schwieg, schwieg und trank, solange bis das Herz ihm leicht, Kopf und Beine schwer ihm wurden.]

Spät nachts steuerte Junker nach der Mittelgasse 34. Vermöge seiner langen Beine überstieg er ohne Unfall den Gartenzaun.

Weil Karoline sehr fest schlief, pochte er lauter als angebracht an ihr Fenster. »Süße Cerberussin, machen Sie des Hofes Tür mir auf!«

Das Dienstmädchen schlüpfte in die notwendigsten Kleidungsstücke und lächelte in sich hinein, denn es hielt die lateinische Titulation für den Namen einer Gratie [später: schönen Grazie] oder Muse. Schnell ein Licht anzündend, öffnete sie [später: Karoline] die Hoftür, deren Angeln wie ein auf den Schwanz getretenes Hündlein quietschten.

Die Wohltätige, welche verdächtige Nachtgeräusche hörte, überwand durch ein Stoßgebet ihre Bangigkeit und trippelte unbekleidet bis an die Korridortür, die sie der Sicherheit halber von innen abschloß.

Amatus grüßte das Mädchen: »Freundlicher Nachtgeist, leuchte mir bis in mein Zimmer!«

Karoline merkte, daß er ein Räuschlein habe, und dachte: Bier überwindet die Blödigkeit – heute abend wird er Mut haben, sich zu erklären.

Hilfreich kam sie ihm entgegen. »Pst, damit die Alte nicht aufwacht! Legen Sie nur feste [später ergänzt: , ja feste] Ihren Arm um meine Schulter!«

Kräftig schlang Karoline den rechten Arm um seinen Körper, in der Linken ihren Leuchter haltend. In dieser [später ergänzt: intimen] Stellung gingen sie über den Flur, während im Dunkel hinter dem Glas der Korridortür Fräulein Lüdemann [später: Lindemann], unsichtbar und alles sehend, stand.

Karoline hauchte: »Junker, Sie sind so ein netter, netter Mensch … Sie werden mir doch nicht verbummeln?«

»Nein, das werde ich nicht – sintemal ich schon verbummelt bin.«

»O, Ihnen fehlt nichts, als der Halt.«

»Sehr richtig, Karoline, die Haltung läßt heute manches zu wünschen übrig.«

»Sie müssen bei einem Menschen, der Sie wirklich liebt, Anhalt suchen!« Karoline schmiegte ein wenig den Kopf an seine Schulter. »Bedenken Sie doch, wie bald Sie das Ziel erreicht haben!«

In seinem bierig-blöden Gesicht ging es wie ein grinsendes Licht auf, und er erwiderte der Moralistin: »Wenn Sie mit meinem Schlüssel zielen wollen, hätte ich für heute nacht mein Ziel erreicht … morgen kriegen Sie einen Kuß, Karoline – aber nicht von mir!«

Wütend schloß die treue Magd auf und schob ihn mit einem derben Rückenstoß in seine Freikammer hinein. Mit dem Menschen war weder nüchtern noch angeheitert etwas zu machen.

Das alte Fräulein Lüdemann [später: Lindemann] legte sich schnell, still und boshaft ins Bett und wartete.

Karoline fand zu ihrem Entsetzen die Korridortür von innen verschlossen. Was und wohin nun? Der ungalante Junker mochte ihretwegen ins Unglück geraten. Darum schellte sie aus Leibeskräften. Aber nichts regte sich im nächtlichen Hause.

Immer wieder riß sie am Glockenstrange in zornigen Zügen – doch umsonst! Die Herrin blieb ruhig auf dem Rücken liegen und rührte nur zwei Finger, um spöttisch zu knipsen: »Die soll in ihren Sünden gestraft und abgekühlt werden.«

Karoline, die auf der Treppe eine klägliche Hucke machte, fror fürchterlich in der Nachtjacke und dem einen Rocke. Als sie frühmorgens endlich eingelassen wurde, war sie bis zur Herzwurzel abgekühlt und ihre Liebe erfroren.

Dem erwachenden Studenten brachte die mütterliche Magd kein Glas Migraine-Grog zur Stärkung, sondern sie setzte das Kaffeebrett hart auf den Tisch und sagte noch härter: »Sie sollen gleich zum Fräulein kommen und Ihren Segen sich holen.«

Amatus schlug sich vor die Stirn und dachte: Nun kommt's!

Und es kam.

Über die Brille hinweg, die auf der Nasenspitze balanzierte, spießten ihn die rotgeränderten Augen. »Sie sind ein ganz verdorbener Mensch und in allen Lastern ein Meister … sogar mit meinem Dienstmädchen haben Sie eine Liebschaft.«

»Das habe ich nicht.«

»Nehmen Sie nicht zur erbärmlichen Lüge Ihre Zuflucht! Meine eigenen Augen sahen es. Junker … ich bin eine alte, alleinstehende Person, aber … ich fühle mich nicht mehr sicher auf meinem Lager … ich fürchte mich wahrhaftig.«

In allen ärgsten Augenblicken kam der kühle Sarkasmus wie ein guter Koboldsgeist ihm zu Hilfe. »Damit Sie in Ihrem Bette ruhig und furchtlos schlafen können, will ich noch heute Ihr Haus verlassen.«

Fräulein Lüdemann [später: Lindemann] kehrte die Christin heraus und gab ihm ihren Abschiedssegen: »Es tut mir sehr weh, daß ich Ihnen sozusagen die Tür zeigen muß … aber tun Sie aufrichtige Buße und vergessen Sie nicht, daß der Herr keinen, der zu ihm kommt, herauswirft! In diesem Semester werde ich das neue Zimmer – doch mieten Sie ein bescheidenes, Ihren Verhältnissen entsprechendes! – für Sie bezahlen.«

Amatus Junker hat die letzte Wohltat, welche das wohltätige Fräulein ihm erweisen wollte, nicht angenommen. Aber in der neuen Wohnung tat er bittere Buße, und die treuen Augen seiner Mutter waren oft auf ihn gerichtet.

Wochen der Reue und der Unruhe verstrichen. Allwöchentlich einmal hatte er vergebens auf Sylvia gewartet und wußte keinen Weg zu ihr. Wenn er schrieb, würde der Brief in unrechte Hände fallen. Dennoch schrieb er zuletzt, um Gewißheit zu erlangen. Weil er keinen andern Boten hatte, ging er in der Not zum Vetter [später anders: zu Viggo] und bat ihn, das Billet Sylvia unbemerkt zuzustecken. [Später entfallen: Da war der Bock zum Gärtner gemacht.]

Asmus [später anders: Viggo] übernahm sofort den heiklen Auftrag, zog sein Taschentuch und lächelte abseits. Er hat den anvertrauten Brief [später entfallen: nicht unterschlagen, sondern] Fräulein Lüdemann [später: Lindemann] gegeben.

Sie nahm ihn mit behenden Fingern und einem scheulächelnden Augenaufschlag [später entfallen: , vielleicht in diesem Halbvetter den Schreiber vermutend]. Doch als sie das erbrochene Billet durchflogen hatte, flüsterte sie entrüstet: »Sagen Sie Ihrem Vetter [später anders: Monsieur Junker], daß er mir nichts zu schreiben hat!«

[Später entfallen: Im Wisperton gab Asmus zurück:] »Das glaubt er mir nicht, wenn Sie es mir nicht schriftlich geben.«

Und Sylvia Lüdemann [später: Lindemann] gab es schriftlich auf einem rosen-roten [später: rosa-roten] Brieflein.

Amatus wog in der zitternden Hand den Brief, den federleichten und inhaltsschweren, und riß ihn auf.

Sie sagte und schrieb ihm alles in einer einzigen Zeile, welche lautete: »Ich kann einen Menschen, den mein Vater als potator bezeichnet, nicht achten, geschweige denn lieben.«

Haha! Sie drückte das schreckliche Wort fein lateinisch aus! Er lachte gellend und zerriß den Brief in winzige Fetzen. So war das Traum- und Trugspiel seiner Jugend zerfetzt.

Haha! Ganz recht, mein gnädiges Fräulein, ich bin ein potator, ein Trinker, [später ergänzt: ein Säufer,] der den lockenden Armen des Alkohols nicht widerstehen kann.

In seiner sinnlosen Erregung wollte er ein Trinker sein und führte seinen traurigen Vorsatz aus. Tagelang trieb er sich [später ergänzt: in den Wirtshäusern] herum.

[Später ergänzt: So wenig hielt er auf sich und seine Reputation, daß er mitten am hellen Tage die »Palme«, die ein Mitternachtslokal war, betrat. Allerdings lenkte eine bestimmte Absicht seine Schritte in das zweideutige Haus. Der nicht grundlose Argwohn, daß Viggo Evers seine Waldfee ihm abspenstig machen wolle, quälte schon lange sein unruhiges Gemüt. Der Mediziner war beinahe ein täglicher Gast im Hause des Justizrats. Zu seiner Beruhigung redete Junker sich vor, daß Evers ja ein zärtliches Liebesverhältnis mit der Kellnerin Franziska unterhalte. Um gewiß zu erfahren, ob Viggo anderweitig seriös sei, um Fränzel in ihrer Liebe zu bestärken, suchte Junker die »Palme« zu einer Zeit auf, wo das Lokal wenig besucht und eine ungestörte Unterhaltung möglich war. Trotz der frühen Stunde aber war das schöne Fränzel voll beschäftigt und augenblicklich mit einem dicken Bierbrauer in einer der geheimen Beichtkammern.

Junker wartete, bis sie aus der Beichte kam, bestellte ein Getränk, das ihr erlaubte, sich zum Gaste zu setzen, und begann, sie in die Beichte zu nehmen. Auf seine Frage, ob der schöne Viggo ihr liebster Liebster sei, sah sie ihn verdutzt und dumm an.

»Wem meinen Sie? Ich kenn' kenen scheenen Viggo.«

Sie kannte nicht einmal den Namen des Geliebten, und Junker beschrieb den Mann, den elegant gekleideten, glatt gescheitelten, pomadisierten Studenten.

Da ging ein Licht über ihre Züge und ein krauses, verächtliches Zucken um ihre Lippen. »Eh, den Lausbub meinen Sie! Der feine Möschjö hat seine letzte Zeche nicht bezahlt, sondern ist 3 Flaschen Sekt, die er in Nummer 7 verzehrte, schuldig geblieben.«

Der schielende Wirt hinter dem Buffet schielte bei diesen lauten Worten aufmerksam herüber, kam näher und mischte sich in das Gespräch. Ob Junker ein Freund des Sektfreundes sei? Nein, nur ein guter Bekannter!

Der Wirt sah nach links und sprach nach rechts, als er nach der Wohnung, nach der Familie und den finanziellen Verhältnissen des pomadisierten Herrn sich erkundigte. »36 Mark hat er bei mir auf Kreide! Ich bin bange, daß ich das viele Geld verliere. Einen Ring hat er mir als Pfand gelassen, aber der Ring wird natürlichermang Simili und Schund sein, womit ich angeschmiert bin.«

Junker reckte sich empor. »Einen Ring hat er Ihnen gelassen? Einen Ring? Haha! Darf ich den Ring mal sehen?«

Der Wirt schielte mißtrauisch: »Sie meinen doch nicht, daß der Ring gestohlen ist … dann wäre ich ganz geleimt.«

Aus einer Schublade des Buffets, wo Uhren, Ringe, Manschettenknöpfe, Messer, Pistolen und andre Sachen als Versatz- und Pfandstücke aufbewahrt wurden, wurde der Ring geholt und dem Gaste gezeigt.

Amatus zitterte, biß sich die Lippen und blickte mit geisterhaften Augen das Schmuckstück an. Einen zweiten solchen Ring mit Saphiren und Smaragden gab es nicht! Eine tonlose Stimme rang nach Luft: »Das ist der Ring der Gräfin Ranzau!«

Der Wirt fuhr sich verzweifelt über die Glatze, um das Haar, das nicht vorhanden war, zu raufen. »Gott du Gerechter! Einer Gräfin ist er gestohlen! Fränzel, hol' die Polizei!«

»Seien Sie nur still! Der Ring wird noch heute eingelöst werden!« versicherte Junker und eilte von dannen.

Die Beine waren ihm unsicher und nicht vom Biere. Was er eben gesehen, war ihm in die Glieder gefahren. Ein Irrtum war ausgeschlossen. Viggo war der Kirchen- und Leichenräuber, der den Ring von der Hand der Mumie gestohlen, bis jetzt aufbewahrt und gestern in der Verlegenheit als Pfand versetzt hatte.

Amatus rannte lang ausschreitend nach der Wohnung des Elenden und warf einen Blick gen Himmel. Nichts ist so fein gesponnen, es kommt doch endlich an die Sonnen. Nach drei Jahren kam es an den Tag, wurde der Verbrecher durch seinen eigenen Leichtsinn entlarvt. Amatus schnob vor Wut. War er doch damals als Dieb gebrandmarkt worden, ganz Norderhafen hatte mit Fingern auf ihn gezeigt, der Unschuldige hatte für jenen Schurken die Schande tragen und die Schmach in sich fressen müssen. Jetzt wollte er seine Ehre wieder herstellen und jenen Lumpen ins Zuchthaus bringen.

Viggo lag im Schlafrock auf dem Sofa und rauchte die lange Pfeife. In diese angenehme Siesta schlug der Blitz ein. Ein flammendes, fürchterliches Gesicht blieb in der Tür stehen.

»Du Schuft! Du hast den Ring der Gräfin Ranzau gestohlen und in der »Palme« verpfändet, Ich weiß nicht, was grenzenloser ist, deine Gemeinheit oder dein Leichtsinn oder deine Frechheit.«

Die Pfeife fiel auf den Teppich hin, Viggo saß erst wie versteinert und stieß dann unartikulierte Töne aus, die wie ein tierisches Knirschen sich anhörten.

»Du hast Leichen beraubt … wenn ich will, gehst du ins Zuchthaus.«

Der Elende schlotterte am ganzen Leibe, sank auf den Teppich hin und umschlang Junkers Beine, weinend, stöhnend und schreiend. »Willst du mich töten? Ich muß mir das Leben nehmen, wenn du mich anzeigst. Willst du ein Menschenleben auf dem Gewissen haben?« Auch in dieser verzweifelten Situation wählte Viggo mit Berechnung die Worte.

Verächtlich blickte Amatus den Winselnden an. »Höre meine Bedingungen! Du sollst noch heute den Ring einlösen und an den Kirchenvorstand von St. Marien senden mit der schriftlichen Versicherung, daß Junker nicht der Dieb noch irgendwie am Diebstahl beteiligt gewesen ist.«

»Ja, ja, das will ich sofort tun.« Viggo atmete nach der ausgestandenen Todesangst auf, hegte aber doch noch Furcht vor dem Manne, in dessen Hände er fortan gegeben war, und fing von neuem an sich zu winden und zu wimmern. Der Schlaue trachtete danach, die Hände, in deren Gewalt er zappelte, so viel als möglich zu fesseln, zu binden. »Amatus, bedenke, daß wir einmal Freunde waren! Vergib mir den Bubenstreich, und gib mir dein Ehrenwort, daß du stets davon schweigen und nie einem Menschen meine Torheit …«

»Torheit nennst du deine Schandtat und Todsünde?«

»… Daß du meine Schandtat keinem verraten wirst … gib mir darauf dein Ehrenwort!«

»Ja, du Ehrloser, ich gebe dir mein Ehrenwort!«

Junker kehrte den Rücken ihm zu und verließ ohne Gruß das Zimmer.

Der lauernde Blick des Knieenden sah ihm befriedigt und beruhigt nach. Solche Narren, dachte er, haben ein sogenanntes Gewissen und halten ihr Wort.

Unten auf der Straße blieb Junker zögernd und sinnend stehen, als wenn er etwas vergessen habe und zurückkehren wolle. Warum habe ich den Schuft nicht gebunden? Ich könnte ihm einfach den Befehl erteilen, das Lindemannsche Haus nie mehr zu betreten und mit Sylvia nie wieder ein Wort zu wechseln … aber nein, ich will kein Lump sein! Nein, er schritt energisch aus und von dannen. Er dachte zu stolz und zu vornehm, um die Not- und Zwangslage des Lumpen für sich auszunutzen.

Von Stund an trennten sich die Wege der beiden Studenten.

Die Norderhafener »Grenzwacht« brachte mit Sperrdruck eine sensationelle Nachricht. Der vor Jahren gestohlene Ring der Gräfin Ranzau sei von auswärts dem Kirchenvorstand anonym zugesandt worden. Darob herrschte große und allgemeine Freude in der Stadt, die wieder im Besitz ihrer Sehenswürdigkeit von St. Marien war. Feierlich wurde die Mumie in der Gruft mit dem kostbaren Juwel bekleidet, aber sie wurde auch durch ein eisernes Gitter gegen ähnliche Raubanfälle geschützt.

Die »Grenzwacht« sagte in ihrem Bericht, daß der zur Zeit studierende, geachtete Sohn eines hiesigen populären Gerichtsbeamten jetzt von einem schändlichen und grundlosen Verdacht gereinigt sei, und daß der vermeintliche Übeltäter wohl schon vor seinem ewigen Richter stünde. Der Totengräber nämlich war vor zwei Wochen am Delirium gestorben, und man nahm an, seine Erben hätten den Ring im Nachlaß gefunden und schleunig das gefährliche Erbstück auf diese Weise vom Halse sich geschafft. –

Amatus umkreiste oft stundenlang das Lindemannsche Haus und trat in eine Wirtschaft, um zu beobachten, wie Evers elegant, galant, glatt, geölt und unverfroren von unten hinaufgrüßte und mit den langen Schritten der Liebe die Treppe hinaufstürmte. Oben im Fenster stand die Fee in harrender Sehnsucht, winkte und warf Kußhände.

Die süße, die schändliche Waldfee des armen Freitischstudenten hatte einem andern Kußhändchen zugeworfen.

Junker raste und tobte innerlich und stand auf dem Sprunge, auf seinen Nebenbuhler sich zu werfen. Warum packe ich nicht den Schurken an der Kehle? Halt! Keinen Schritt weiter und keinen Fuß je wieder in das Haus gesetzt! Sonst bringe ich dich ins Zuchthaus!

Wie würde er um Gnade winseln! Aber nein, ich habe ihm mein Wort gegeben, zu schweigen und meine Macht nicht zu mißbrauchen, ich bin kein Lump und gebunden durch mein Wort. Mag er das klägliche, charakterlose Weib, das keine Träne wert ist, behalten; gleich und gleich gesellt sich gern, sie sind verwandte Geister, hohl und herzlos, klein und gemein.

Dennoch weinte der Student um den süßen und schönen Traum, den er geträumt. Aber er kühlte auch die brennende Glut und Wut seines Herzens mit kaltem Getränk. Tagelang trieb er sich in den Wirtshäusern herum.] [Später ohne Absatz anschließend:]

Weil aber die öden Wirtshausgesichter, die begehrlich über die rasselnden Würfelbecher sich beugten oder mit stumpfsinnigem Tiefsinn über Skatkarten brüteten, ihn mehr und mehr anwiderten, hielt er sich das Getränk im Hause und blieb in seinem Zimmer. So meinte er zwei Fliegen mit einem Schlage zu schlagen, sparte einerseits Geld und gab dem Wirte keine Apothekerprozente, und redete andrerseits seinem Gewissen beschwichtigend vor, daß er die Zeit nicht vergeude, sondern arbeite und sein Brotstudium treibe.

Junkers gesunder Menschenverstand merkte bald [später anders: Aber Junkers gesunder Menschenverstand merkte schließlich] die Gefahr der abschüssigen Bahn, die er betreten, daß er den Trunk als eine narkotische Arznei nahm, welche [später: um] das niedergedrückte Gemüt von seiner Beschwernis erleichterte [später: zu erleichtern]. Aber [später: Doch] die künstlich erleichterten Tage hatten auch sehr schwere Stunden der Erniedrigung und des Übelbefindens und des moralischen Mißmuts.

[Später entfallen: Eines Tages besuchte ihn der Vetter nach langer Zeit.

»Willst du ein Glas Bier trinken?« fragte Junker.

»Was? Du hast das Zeug im Hause und sumpfst hier?« fragte Asmus belustigt.

»Ja, ich versumpfe …«

»Mein Gott! Geht dir die alte Geschichte, die ewig neu bleibt, so nahe?« Ein frivoles Lachen! »Haha! Du hättest es erzwingen sollen … und machen wie deine Mutter.«

»Meine Mutter … wie hat die es …?«

»Nun, du weißt doch, daß sie deinen Vater, der zwar ein Bauernsohn war, aber als Bauernknecht im Nachbarhofe unseres Großvaters diente, durchaus nicht haben durfte.«

Amatus stierte und stotterte: »Und da–a …«

»Da machte sie es so, daß sie ihn haben mußte.«

»Du lügst, Schurke! Du lügst!« Amatus, lehmgrau im verzerrten Gesicht, sprang wie ein Rasender dem andern an den Hals und würgte ihn.

Asmus wehrte sich in schlotternder Angst. »Laß mich … ich nehm's zurück …«

Als er sich befreit hatte, stürzte er nach der Tür und schrie hinter sich: »Du bist von der dummen Liebesgeschichte übergeschnappt und verrückt geworden.«

Von dem Abend an trennten sich die Wege der Vettern.

Junker war voll Abscheu und Ekel. Er hätte sein Leben darauf gewettet, daß es eine niederträchtige Lüge sei, die das Bild der Mutter ihm nicht besudelte noch trübte.]

Am [später: An einem] Morgen irrte er matt und elend durch die Straßen und betrat ein Lokal, welches keins der feinsten war. In dem Augenblicke, als er dasselbe wieder verließ, bog eine einfache, tadellos gekleidete Dame um die Ecke. Sofort erkannte er sie, obwohl er sie seit Jahren nicht gesehen hatte, und zog grüßend den Hut, aber mit scheuem Blick den Grund suchend – es war Klarissa Reder!

Fräulein Reder stand still. »Herr Junker! Ich habe einen Gruß von Ihrer Mutter zu bestellen … es ist freilich sehr lange her, seitdem er mir aufgetragen wurde … aber ich glaube, es ist gut, daß ich ihn jetzt bestelle … Ihre Mutter läßt Sie innigst grüßen!«

Wie sie das Wort Mutter betonte! Weil er völlig stumm blieb und zu keiner Antwort sich zu fassen vermochte, neigte sie leicht den Kopf, und ging weiter. Aber noch ein merkwürdiger Blick, mildmitleidig und wehwarnend, traf ihn.

Dieser Blick und besonders der Gruß der Mutter begleiteten ihn; er konnte beide nicht mehr los werden.

Nach Hause zur Mutter zieht es den Menschen im Leide. Zur Mutter zog es ihn mit hundert Armen. In einem plötzlichen Entschlusse, der wie eine Eingebung kam, begab er sich zum Universitätsrektor und erbat sich Urlaub vor Ende des Semesters, weil er sich krank fühle. Der alte Magnifikus warf einen zweifelhaften Blick auf den jungen Studiosus, aber schrieb die Urlaubsbewilligung ins Buch.

Nachdem Junker seine Vorlesungen hatte bescheinigen lassen, packte er seine Schiffskiste und reiste [später anders/ergänzt: um mit einem Personenzuge, der vierte Klasse führte,] nach Norderhafen [später ergänzt: zu reisen].

*

Ende von Band I dieser Neuausgabe

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Auswahl weiterer Titel im Verlagsprogramm:

Johannes Dose, Der Holsten-Graf und die Schicksals-Schlacht bei Bornhöved,
Neuauflage des um 1900 erschienenen Romans ›Die Sieger von Bornhöved‹

Johannes Dose, Die Schlacht von Hemmingstedt und der Märtyrertod des Heinrich von Zütphen,
Neuauflage des um 1900 erschienenen Romans ›Ein Stephanus in deutschen Landen‹

Johannes Dose, Der Seeräuber Kurt Widerich und der Untergang von Rungholt,
Neuauflage des um 1900 erschienenen Romans ›Rungholts Ende‹

Johannes Dose, Die ›erschreckliche Flut‹ von 1634 und der Untergang von Alt-Nordstrand,
Neuauflage des um 1900 erschienenen Romans ›Der Kirchherr von Westerwohld‹

Johannes Dose, Steinzeit-Abenteuer im Bernsteinland, Die Förde-Leute ›im Heimlichen Grund‹,
Neuauflage des 1924 erschienenen Romans

›Steinbeil und Bronzeschwert‹ Johannes Dose, Sylt und das Schreckensjahr von 1644,
Neuauflage der 1904 erschienenen Erzählung ›Eine Sylter Judith‹

Johannes Dose, Der Angriff der Sioux auf die deutschen Auswanderer, Indianergeschichte eines norddeutschen Geistlichen und einstigen Bestseller-Autors,
Neuauflage der 1908 erschienenen Erzählung ›Ostern auf der Prairie‹

Bernhardine Schulze-Smidt, Inge von Rantum, Ein Sylter Liebesroman,
Bestseller anno 1881

Gustav Schumacher [ehedem Pastor in Tönning], Der ›Mordfall Carsten Hinz‹ und die letzte Hinrichtung auf Eiderstedt,
Neuauflage des 1844 erschienenen Berichts ›Das Leben, das Verbrechen und die Bekehrung des Mörders Carsten Hinz, von ihm selber aufrichtig erzählt‹

Willi Hansen/Helmut Liley, Die Halliggräfin von Südfall, 5. Auflage

Theodor Storm, Gedichte und Märchen (Reprint)

Anton u. Heinrich Heimreich, Chronik von Nordfriesland, hg. v. M.-G. Schmitz auf d. Basis d. Bearb. v. Prof. Dr. N. N. Falck, Tondern 1819

M.-G. Schmitz, Auf Entdeckungsfahrt, Tagestouren durch Husums Umgebung, den Raum Schleswig-Flensburg und die ehemalige Bauernrepublik Dithmarschen

Ernst von Bertouch/M.-G. Schmitz [Hg.], Natur und Kultur auf der nordfriesischen Insel Nordstrand,
überarb. Neuaufl. v. Bertouchs Werk

»Vor vierzig Jahren« (Weimar 1890) M.-G. Schmitz [Hg.], Hallig Nordstrandischmoor und die Sturmflut von 1825, Ein Augenzeugenbericht
[nach Johann Christoph Biernatzki, »Die Hallig«]

Ulli Harth, Habel, Inbegriff einer Hallig

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