Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johannes Dose >

Der Muttersohn - Band I

Johannes Dose: Der Muttersohn - Band I - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/dose/muttsoh1/muttsoh1.xml
typefiction
authorJohannes Dose
titleDer Muttersohn ? Band I
publisherM.-G.-Schmitz-Verlag / Nordstrand
editor
year2010
isbn9783938098547
firstpub2010
correctorreuters@abc.de
senderM.-G.-Schmitz-Verlag / Nordstrand
created20100813
Schließen

Navigation:

Zweiter Teil: Irrfahrt.

Erster Abschnitt: O du fröhliche Studentenzeit.

Der Sonntagsbesuch war für Amatus Abschiedsbesuch.

Frau Junker wandte sich an den Bruder. »Karl! Willst du nicht meinem Sohne ein Empfehlungsschreiben an die Verwandten mitgeben?«

Er schien schwerhörig, weshalb sie die Frage lauter wiederholte.

»Mona, seit zwanzig und mehr Jahren habe ich die Verwandten nicht gesehen … der Lüdemann [später anders: Lindemann] war von jeher ein hölzerner, hochmütiger Mensch … auch soll er mit einer viel jüngeren Frau in eigentümlicher Ehe leben … in das Haus möchte ich deinen Sohn nicht hineinempfehlen.«

Frau Junker sagte auf dem Heimwege zu Amatus: »Geh du nur in meinem Namen zu den Verwandten hin und stell dich vor! Mein Vetter Lüdemann [später: Lindemann] ist Amtsrichter [später anders: Justizrat] und ein angesehener Mann.«

Viele Vermahnungen und Verhaltensmaßregeln gab sie dem abreisenden Sohne. »Mutter«, meinte Hans Gerichtsdiener, »Mutter, ich kenne meine Instruktion genau, aber schreib' es dem armen jungen Menschen lieber auf … sonst kann er unmöglich alles behalten!«

Da hörten die Abschiedsermahnungen auf, und die Abschiedsliebkosungen begannen.

Die Fahrt nach der Universität war eine Reise in eine völlig neue und doch von tausend Träumen schon gebildete Wunderwelt hinein.

Wilhelm Reder, ein schmächtiger, trockner, im Gesicht etwas bräunlich gelber Jüngling – die Kameraden behaupteten, das rühre vom Überlaufen der Leber her – war auch im Zuge und wollte Naturwissenschaft studieren.

Nach dem Frühstück auf der großen Haltestelle wagte Amatus eine ihm mehrfach aufgestoßene Frage zu stellen. »Wo ist deine Schwester?«

»Im Pastorat … wir haben uns verabredet, nicht nach Hause zu gehen, solange die Alte lebt.«

»Hm … hat sie mich nicht grüßen lassen?«

»Meine Stiefmutter?« Wilhelm kaute trocken.

»Nein, Klarissa!«

»Ich glaube, sie ist dir böse … habt ihr etwas miteinander gehabt?«

Junker versicherte, daß sie weniger als nichts miteinander gehabt hätten.

Wilhelm hockte behaglich-brummig am Fenster und fragte unvermittelt: »Weißt du, wie viel Gehalt mein Vater hat?«

»Etwa 3600 Mark.«

»Nein, 4500 … und ahnst du, einen wie hohen Wechsel er mir gegeben hat?«

»Ich will auf 1200 Mark ahnen.«

»Nein, 300 Mark pro Jahr … die lange Stine wollte mich ins Zollfach haben, weil ich als Supernumerar im Hause bleiben könnte … o horror horrorum! Mein Vater aber erklärte mir, wenn ich durchaus studieren wolle, möge ich es auf eigne Rechnung und Gefahr hin versuchen … mehr als die genannte Summe könne er mir nicht geben noch garantieren … dreiundachtzig Pfennige pro Tag!«

Amatus nickte: »Dir ist der Abschied von [Erg. d. Hg.: in beiden Versionen fehlt ›zu‹] Hause nicht schwer gefallen?«

»Nein, nur die gute Karoline weinte wirklich … aber denke dir, das dumme Ding will, daß ich ihr einen Platz in der Universitätsstadt verschaffen soll.«

»Hm, dabei kann man sich allerlei denken.«

Wilhelm der Schüchterne versank in mürrisches Schweigen, bis der Zug in der Universitätsstadt hielt.

Als sie auf den Bahnsteig sprangen, fiel ihr Auge ehrfurchtsvoll auf mehrere Verbindungsstudenten, die in steilem Selbstbewußtsein auf und ab promenierten und frisch angekommene Musensöhne instinktiv erkannten. Jener mit der dick verbundenen Backe sah nicht sehr burschikos, sondern mehr wie ein Zahnweh-Patient aus. Ein zweiter hatte ein Antlitz, als wenn ein Riesenkater seine Krallen kreuz und quer dadurch gezogen hätte.

Nach dem langen und schmucken Junker warfen die Verbindungsstudenten bedeutungsvolle Blicke. Sie waren ausgesandt, um für die dünn gelichteten Reihen der Verbindung neue Mitglieder zu werben und Füchse zu keilen.

Im Wartesaale kamen drei »Goten« auf ihn zu, hoben die Mützen und fragten höflich, ob er nicht der Herr Fröhlich sei, der bei ihrer Burschenschaft angemeldet worden. Als er verneinte, meinten sie lächelnd, jedenfalls sei er ein fröhlicher Musensohn, ob sie ihn nicht einladen dürften, an ihrer Kneipe im »Schwarzen Walfisch« teilzunehmen.

Die Goten gingen wieder auf den Perron hinaus, um auf den großen Unbekannten Fröhlich zu warten, der schon sehr lang bei jedem Zuge Dienst tat und die erste Anknüpfung vermittelte.

Weit draußen in der Teichstraße, wo es von kleinen und großen Straßenkindern wimmelte, mietete Junker sich ein Stübchen bei einer Obermaatswitwe. Bevor der mündliche Mietsvertrag abgeschlossen worden, hatte die schnellzüngige Frau ihm umständlich erzählt, daß ihr Mann in Gibraltar nach beendetem Urlaub aus dem Boot gefallen und ertrunken sei, daß ihr aber die Pension, um die sie zwei Jahre lang sich bewerbe, abgeschlagen worden, weil ihr Seliger nach dem Urlaub etwas unsicher gewesen und nicht ganz unverschuldet ins Wasser gekommen sei.

Bei der unpensionierten Maatin erhielt er morgens eine Tasse braun gefärbten Kaffees und des Abends heißes, ungefärbtes Wasser, davon er nach seiner Mutter Anweisung sich selbst den Thee [später: Tee] bereitete. Mittags aß er in dem billigen Speisehause zum »Blutigen Knochen«.

Die Immatrikulation, die Ernennung zum akademischen Bürger, war beendet. Auf dem Flure erneuerten die drei Goten, die noch immer nicht den angemeldeten Herrn Fröhlich gefunden hatten, ihre Einladung.

Das war die erste, echte Studentenkneipe! Schläger schlugen, Salamander rasselten, ein Cantus nach dem andern stieg zur rauchgeschwärzten Decke empor. Nur mit Halben oder Ganzen tranken die Gotem ihrem Gaste zu. Als über den Tisch und unter die Füße der Kommers bücher [später. - brüder] eine Bierflut sich ergoß, hatte er [später: der Gast] fünf Dreiviertel Sinne beisammen. Auf dem etwas schwierigen Heimwege behielt Junker eine schwere Erinnerung, als ob er der Gegenstand einer umständlichen Zeremonie gewesen sei.

Obgleich am Morgen immer noch das Gaudeamus ihm in die Ohren klang, freute er sich des Lebens nicht sehr. Die Obermaatin, die mit allen Menschen, die durch unverschuldete Unsicherheit ins Unglück geraten sind, ein Erbarmen hatte, braute ihm einen starken Mokka, den sie »Dreiweiberkaffee« nannte.

Da – als er die Weste knöpfte – klopften schon drei Studenten an seine Tür, um ihn zum Frühschoppen abzuholen.

Die leutseligen Goten, die im »Schwarzen Walfisch« saßen, duzten ihn insgesamt. Darum gab er dreist du um du und erhielt den Ehrenplatz neben dem ältesten Haupt der Verbindung, jenem Mediziner, dessen Antlitz von dem Riesenkater zerkratzt war, und der mit Muße einen Matjeshering verzehrte.

Nachdem dieser sich den Mund gewischt, legte er die Hand auf Junkers Arm. »Kommilitone! Jetzt müssen wir Band und Mütze kaufen.«

»Was? Band und Mütze?«

»Ja, du hast doch gestern abend dich in die Verbindung aufnehmen lassen und bist gleich eingefuchst worden.«

Eine laute Beifallslache aller Goten war die Bestätigung.

Nur der Fuchs lachte nicht, sondern stammelte: »Das kann ich gar nicht … denn ich bin unbemittelt.«

Das bemooste Haupt kniff an den kleinen Bieraugen und klopfte ihm jovial auf die Brusttasche. »Bruder! Du wirst doch einen Wechsel haben … wenn auch keinen großen … zeig [später ergänzt: nur] mal her!«

In seinen bedrängtesten Augenblicken war Junker schlagfertig und holte mit verblüffender Offenheit seinen Wechsel – sein Dürftigkeitszeugnis aus der Tasche.

Der Bemooste warf einen Blick hinein, räusperte sich und rückte immer weiter mit dem Stuhle ab.

Die Goten wurden mit einem Male sehr respektvoll und redeten den Gast wiederum mit dem höflichen Sie an. Zuletzt hatten sie sich in ihrer Höflichkeit so weit zurückgezogen, daß er mutterseelenallein im »Schwarzen Walfisch« saß.

Ein paar Tage später grüßten die gastfreien Goten ihn kühl auf der Straße, am dritten kehrten sie sich nach der andern Seite und kannten ihn nicht mehr. – –

Der Studiosus der Philologie und Theologie zog seinen besten Rock an, um den Verwandten seiner Mutter seine Aufwartung zu machen.

Dicht hinter dem etwas angestaubten Türvorhange stand der Amtsrichter [später anders: Justizrat], in einer Positur, als wenn er sich bereit gemacht habe, einen unliebsamen Besucher sofort herauszukehren, so daß Amatus' erster und ängstlicher Eindruck war: Ob ich wohl in diesem Hause herausgeschmissen werde?

Eine eingerostete Stimme klang: »Äh … Junker … der Name ist mir unbekannt.«

»Ich bin der Sohn der Monika Berg, verehelichten Junker.«

»Äh … jä … der Sohn meiner Kousine Monika, die eine Art von Mesalliance machte … verzeihen Sie! Ich begrüße Sie als entfernten, aber willkommenen Anverwandten meines Hauses.«

Der Amtsrichter [später: Justizrat], der auf dem Sofa gelegen, geraucht, gelesen und Bier getrunken hatte, bot Zigarren an, holte zwei Flaschen vom Seitentische und ein frisches Glas, das nicht ganz sauber schien. Auf den Akten, Stühlen, Ständern lag Staub – und hinter der Sofalehne ein förmlicher Hügel von Zigarrenasche, der sich dort tagelang angehäuft, und den der liegende Leser der Bequemlichkeit halber hinter sich geworfen hatte.

Der Amtsrichter erkundigte sich nach allen Verwandten. Wenn er lächelte, tat er es nur mit der einen schief gezogenen Gesichtshälfte.

»Das sind jetzt mehr als dreißig Jahre her … ich war auf Besuch beim Onkel Berg, Ihrem Großvater, zwei Tage lang und verliebte mich zwei Tage lang in die schöne Monika … jäjä, die Zeiten … tempora mutantur … sie wurde viel umworben, aber Amor ging mir ihr durch.«

Dem Sohn der schönen Monika wurde unbehaglich.

»Hä … Ihr Vater ist Beamter in Norderhafen?«

»Ja, Gerichtsdiener.«

»So, so!« Der schief lächelnde Mund wurde sehr spitz und grade [später: gerade]. »Ich darf vermuten, daß Sie finanziell nicht sehr gut gestellt sind?«

Junker, der sich vor dem Respekt fürchtete, den sein Wechsel erregte, erwiderte, daß er nicht ganz mittellos sei.

»Sie sind natürlich Theologe und suchen selbstverständlich Stipendien … ich werde etwas für Sie tun … der Universitätsrektor ist mein Studiengenosse.« Der Amtsrichter machte eine vielsagende Miene. »Nun gehen Sie da hinein zu meiner lieben Frau und meiner lieben Tochter und stellen Sie sich selbst vor! Jä .. jä … Sie werden ihre Freude aneinander haben.«

Lüdemann [später anders: Lindemann] streckte die knöcherne Hand aus und zog die Schultern hoch, als wenn ihn fröstle.

Junker trat ins Boudoir und verbeugte sich vor einer schönen, schwarzhaarigen und dunkelhäutigen Dame.

»Ich habe die Ehre … Fräulein Lüdemann [später: Lindemann] ...?«

»Nein, ich bin Frau Lüdemann [später: Lindemann].« Die Dame zeigte kleine, weiße, regelmäßige Zähne.

Durch das ungewollte Kompliment hatte er das Herz der Frau gewonnen, die über Nichtigkeiten ein Langes und Breites sprach, während er ein Kurzes und Schmales dazwischen warf.

»Sie müssen meine Tochter kennen lernen … Sylvia, Sylvia!«

Sylvia kräuselte das Stirnhaar und rückte den Gesichtsausdruck vor dem Spiegel zurecht, ehe sie eintrat. Sylvia hatte wunderbare und wunderbraune Augen, und der dicke Haarzopf hing, wie die Schlange eines Paradieses, augenfällig über ihren Arm herunter. Sie war ein Backfisch, aber ohne eine blasse Spur der Blödigkeit, die diesen Menschenwesen vielfach eigen ist.

Ihre Stimme klang lieblich und lispelte ein wenig. »Herr Junker, haben Sie Familiensinn?«

Die Frage des Backfisches frappierte ihn. »Familiensinn …? Ja … natürlich … sehr viel Familiensinn.«

»Mein Vater hat ihn leider nicht und verbarrikadiert sich in seinem Zimmer, wie in einer Burg … ich muß um Audienz bitten, ehe ich vorgelassen werde.«

»Und ich komme überhaupt nicht hinein«, lachte die Frau Amtsrichter [später: Justizrat], ihre schönen Zähne zeigend.

»Ja, Mama … du kommst meistens um Geld.«

»Still, du kleine, indiskrete Plaudertasche! … Herr Junker, Sie werden nach dem furchtbaren Eindruck, den das Zimmer meines Mannes macht, sich ein vernichtendes Vorurteil über mich als Hausfrau gebildet haben.«

Ehe er eine Antwort fand, berührte Sylvia flüchtig seinen Arm. »Haben Sie den Vesuv von Asche hinter dem Sofa gesehen? Und die Lava von Staub auf dem Bücherborte? Und den Kehrichtwinkel, der als Papierkorb dient?«

Die Mutter setzte den Bericht fort. »Das Frauenzimmer, wie er unser Dienstmädchen benennt, darf nur einmal alle Woche das Gröbste auskehren … nichts darf angerührt werden.«

Wiederum wurde Sylva witzig. »Hast du vielleicht auf und in dem Schreibtische gekramt?«

Frau Lüdemann [später: Lindemann] aber wurde sehr ernst. »Still, du indiskrete Plaudertasche!«

Durch die Tür guckte das hagere Gesicht des Amtsrichters [später: Justizrats]. »Äh, Sie unterhalten sich gut … jä, ich will Ihnen Adieu sagen.«

Die Frau rief: » Lüdemann [später: Lindemann], tritt doch näher!«

»Nein, meine Stunde ist da.« Er schlurfte über den Flur.

Und sie seufzte. »Ja, meines Mannes Bierstunde ist da … die hat er in den achtzehn Jahren unsrer [später: unserer] Ehe, auch [später entfallen: nicht] in den Flitterwochen, kein einziges Mal versäumt … ich war damals ein junges, dummes Ding und mein Gemahl ein gesetzter Herr von 43 Jahren.«

Sylvia hatte sich aufgerichtet. »Mama!«

»Jäh, mein Kind … äh?« Leicht ironisch äffte Frau Lüdemann [später: Lindemann] ihres Gemahls Sprechweise nach.

»Mama, ich heirate nie einen Mann, der zur Bierstunde geht.«

»Du! Dich wird überhaupt keiner heiraten.«

Junker bezweifelte höflich, daß diese mütterliche Prophezeihung sich erfüllen werde.

Nachdem er sich verbeugt, kreuzte er ohne Unfall zwischen Vasen, Ständern, Tischlein und Truhlein hindurch; und die wunderbaren Augen sandten ihm einen Blick nach, bevor die Portiere vor das Paradies fiel, in dem er gewesen.

Auf der Straße mußte er lachend sich räuspern. »Jä … äh … eine eigenartige Ehe!«

Aber eigenartig war auch die dieser Ehe entsprossene Tochter. Heißt Sylvia nicht die Waldfee? Welcher Schönklang, welche Welt von Poesie schon in dem Namen! – – –

Zwei Herren, zwei Fakultäten wollte der Studiosus Junker dienen, der Philologie, welche er für die vornehmere Wissenschaft hielt, anhangen und die Theologie als Stipendium- und Brotstudium nebenher treiben. Treu und ausdauernd saß er im Hörsaale des Professors der Beredsamkeit, der eine Komödie von Plautus behandelte. Eine lustig scharf gewürzte Wissenschaft hatte der Zuhörer erwartet; aber die rauhbeinigen Witze des Römers gingen in der greulichen Gründlichkeit verloren, die oft zwei Stunden lang an einer Zeile herumstocherte und sezierte. O, die Lesarten, welche Legion waren und bandwurmartig abgetrieben und getötet wurden, bis endlich der Kopf der Weisheit als die einzig richtige Erklärung ans Tageslicht gebracht war!

Junker machte die Erfahrung, die manchem nicht erspart bleibt, daß es in vornehmer Gesellschaft oft zum Gähnen langweilig hergeht.

Die bescheidene Gottesgelehrsamkeit kam darum mehr zu Ehren. Er hörte besonders gern die Kirchengeschichte. Auch an der Dogmatik, wie an einem gewaltigen, ehrwürdig alten Burgbau des mittelalterlichen Geistes, der mit seinem festen Glaubensmörtel den Stürmen der Neuzeit widerstanden hatte, fand er Gefallen. Aber er naschte und kostete von allen Speisen der Alma mater und wurde sogar in einer agrarischen Vorlesung gesehen, die den landwirtschaftlichen Fruchtwechsel behandelte. Die Bauernlust glomm noch in seiner Brust. –

Mehr aus Kuriosität besuchte er in einer müßigen Stunde die Kousine seiner Mutter, die [später: eine] alte Jungfer, die in der Stadt »die Wohltätige« genannt wurde und in der Mittelgasse 34 wohnte. Sie hatte an einer langen Liste von verschämten Armen geschrieben und schob die Brille auf die Nasenspitze. Gründlich betrachtete sie den neuen Neffen und sagte gerührt, daß er seiner Mutter aus dem Gesicht geschnitten sei.

Hm, das gab ihm zu denken und regte zu Schlüssen an. Nach den übereinstimmenden Aussprüchen der Leute war seine Mutter schön gewesen.

Am Nähtisch saßen sie einander gegenüber. Ja, die Theologie sei sein Hauptstudium.

Ob es auch ein Herzensstudium sei? Er schwieg und durfte schweigen, weil Fräulein Lüdemann [später: Lindemann] ihm eine Vorlesung darüber hielt, wie ein rechter Theologe sein müsse. Die Vorbedingung sei die völlige Ertötung des alten Adam.

Ja, sein Adam sei abgetan und in Amatus umgewandelt – das dachte er nur und sagte es nicht.

Sie tupfte mit dem Zeigefinger seiner Brust immer näher. »Die Liebe macht den Theologen, und der Geist! Predigen und Phrasen fügen können viele. Aber St. Jakobus sei Ihr Schutzpatron! Der rechte Theologe hat keine Ruhe und reibt sich im Dienst der Liebe auf. Er muß, nachdem er das letzte Scherflein aus seiner eignen Tasche geleert, gaßauf und -ab laufen, um Gaben zu sammeln, er muß die Witwen und Waisen in ihrer Trübsal besuchen, bis ihm die müden Kniee brechen.«

Sie schlug die Hände auf ihre eignen, im Dienst der Liebe abgelaufenen Kniee. »Aber wehe den Söldlingen, die nur nach Geld und großen Pfründen trachten und ewig um bessere Stellen sich bewerben! Junker, sagen Sie mir, daß Sie kein Söldling werden wollen, sondern den Mammon für Schaden achten.«

Etwas dumm dreinschauend, sagte er drastisch: »Ja, für Schaden und Kot.«

»Sehr richtig, junger Mann!«

Der junge Mann fuhr fort: »Aber … Kot ist eben Dung, und Geld, wenn ich mich so ausdrücken darf … der notwendige Dung des menschlichen Daseins.«

Des Fräuleins Gesicht und Sprache wurde gedehnt. »Sind Sie unbemittelt, Junker?«

»Ja, ich bin so arm, wie etwa ein Acker der siebenten Klasse, der sehr der Düngung bedarf.«

»Haben Sie nicht Freitische?«

»Nein.«

»Keine Freitische?« kreischte die Wohltätige und sprang empor. »Nun müssen Sie gehen!«

Amatus war verdutzt und wußte sich nicht aus. Wurde ihm mit einem Male die Tür gezeigt? Hatte der drastische Ausdruck sie beleidigt?

Nein, die Erklärung kam. »Hier sitze ich und schwatze! Und Sie haben keine Freitische! Ein Werk, das einem so unmittelbar auf die Seele geworfen wird, muß sofort ausgeführt werden.« Das Fräulein flatterte von dannen und rief aus dem Schlafzimmer: »Kommen Sie morgen wieder!« –

Am Vormittage stellte Junker sich pünktlich ein, und die Wohltätige begann feierlich: »Beugen Sie Ihr Haupt in stillem Dank!«

Er beugte sein Haupt.

»Sieben [s.u.] Freitische habe ich für Sie erhalten, einen an jedem Tag der Woche.« Freudestrahlend holte sie eine sauber geschriebene Liste, auf der die Herrschaften die Hausnummern und die Mittagszeiten verzeichnet standen.

Sein Blick überflog den Zettel – um 12 Uhr, um 1 ½ Uhr, um 3, 3 ½ und zweimal um 4 Uhr – sein Mittagshunger mußte sich auf die verschiedensten Zeiten einrichten. Auch lagen die Wohnungen in allen Richtungen der Windrose, so daß er zur Beförderung des Appetits und nachher zur besseren Verdauung tüchtige Märsche machen mußte.

Vielleicht bemerkte Fräulein Lüdemann [später: Lindemann] die Mischung seiner Gefühle. »Wundern und entsetzen Sie sich nicht über all dem Guten, was Ihnen widerfahren ist?«

Ja, er freute sich mit Entsetzen. Sie war selbst nicht auf der Liste und hatte auch ihren Bruder überschlagen. Darum warf er die Bemerkung hin: »Bei dem Herrn Amtsrichter [später: Justizrat] und seiner Frau Gemahlin wurde ich sehr freundlich empfangen.«

Da schlug das Fräulein die Hände zusammen. »Himmel! Meinen Bruder habe ich auf der Liste rein vergessen. Bei dem Amtsrichter [später: Justizrat] sollen Sie ja Freitags um vier essen …«

»Ja, das muß ich!« Amatus erkannte es wie eine Pflicht.

»Nun haben wir aber acht [Zus. d Hg: die Aufzählung ergibt sieben] Freitische, und die Woche hat nur sieben Tage … was machen wir jetzt? Absagen können wir nicht …«

»Nein, beim Amtsrichter [später: Justizrat] können wir nicht absagen.«

Sie betrachtete die Liste. »Gott sei Dank! Bei der Doktorin ist es Freitags um 12 Uhr … Sie müssen sich so einrichten, daß Sie am Freitag zweimal zu Mittag essen.«

»Ja, das kann ich!« Junker hatte zu seinem gesunden Magen das [später ergänzt: feste] Vertrauen, daß derselbe dieses Arrangement treffen und ausführen könne.

Der Studiosus hat achtmal in der Woche zu Mittag gegessen und ist dennoch nicht immer satt geworden. Nämlich an den Tagen, wo er bis vier Uhr warten mußte, war sein Hunger oft so groß, daß er sich schämte, ihn ganz zu stillen.

Weil seine Finanzen durch die Freitische sich gebessert hatten, sah er sich nach den Genüssen der Geselligkeit um. In den Wandelgängen der Universität erfuhr er, daß die Norderhafener Studenten alle Samstagabend zwanglos zusammenkämen. Die Zusammenkünfte wurden im »Blutigen Knochen« abgehalten, und die Norderhafener Studenten bildeten eine sogenannte »Blase«, die nicht als Verbindung sich auftat, sondern nur einen Bierzipfel als bescheidenes Erkennungszeichen trug. Leer und durstig begann die Blase ihre Sitzungen, die immer zwangloser wurden, und meistens recht spät und voll verließ die Norderhafener Blase den »Blutigen Knochen«.

Sonntagmorgens brachte die Obermaatin ihrem Zimmerherrn regelmäßig den Dreiweiberkaffee.

Die etwas mittelalterliche Person blieb stehen, rückte näher und setzte sich zuletzt auf den Stuhl neben seinem Bette und oben auf seine Strümpfe. In Josephgedanken zog er die Arme unter die Bettdecke und dachte mit Willenskraft an Sylvia.

»Sie müssen sich nichts dabei denken, Herr Junker, ich könnte ja Ihre Mutter sein.« Nun dachte er sich gar nichts mehr.

»Das Gesucheschreiben hat mich ein Heidengeld gekostet … erst suchte ich um die Pension … jetzt petitioniere ich seit zwei Jahren um eine laufende Unterstützung … wenn im Himmel und auf Erden Gerechtigkeit ist, muß mir die laufende werden.«

«Ich fürchte, die laufende läuft so lange, bis sie ganz fortläuft.« Er lachte, und die Witwe weinte. Darum schrieb er das Gesuch, mit den schwärzesten Farben ihre Lage schildernd.

Als er abschlägig beschieden wurde, legte er seiner Wirtin zwei Mark zur Zimmermiete. –

Der Studiosus, der acht feste Mittagsmahlzeiten in der Woche genoß und auch mit Flüssigkeiten die lang aufgeschossene Pflanze seines Lebens begoß, nahm zu an schmucker Behäbigkeit. Über dem Leiblichen wurde die Pflege des Geistigen nicht versäumt, und er trug in dieser Epoche seiner Entwickelung Mirza Schaffys Lieder in einer Taschenausgabe als Vademecum bei sich.

Schnell geht die Zeit, am schnellsten von aller Zeit das erste Universitätssemester. Keiner kann der Sonne am Tage noch dem guten Mond in der lustigen Nacht ein Halt gebieten. Auch im »Blutigen Knochen« wurde Feierabend geboten.

In einer Mondscheinnacht schlich sich Amatus früh und heimlich aus der Hofpforte des Wirtshauses. Es war nicht der Mondschein – er wollte solide sein, weil er für den Sonntagsnachmittag zu einem Ausflug eingeladen war.

An demselben beteiligten sich die drei Lüdemannschen [später: Lindemannschen] Damen.

Der vollgestopfte Dampfer schwamm auf der Föhrde, dem schönsten Meerbusen dieser Küste, und wand sich durch die schmale Wasserrinne des Kanals. Amatus saß dichtgedrückt neben Sylvia, und die braune Schlange ihres Zopfes ringelte sich herab und streifte oft seinen Arm. Ihr fortwährendes, aber nicht immer vielsagendes Geplauder war ihm der Inbegriff alles Wohlklangs und aller Weisheit.

Auf dem Rennsteige [später: Treidelsteige] ging ein mühsames Menschengespann, weit vornüber gebeugt und die Tauschlinge wie ein Sielengeschirr um die Brust gelegt. Ein Everführer schleppte mit seinem Weibe das Schifflein kanalabwärts.

»Wie sauer die arme Frau arbeiten muß!« äußerte Amatus.

»Oh!« hauchte Sylvia, »süß wird ihr die Last, weil sie es aus Liebe tut und ihren Mann vergöttert.«

Er warf einen tiefen Blick auf Sylvia und lachte nicht.

Die ihren Mann vergötternde Everschifferin aber schob mürrisch das Kopftuch zurück und schimpfte, wie ein Fuhrknecht fluchend, auf die Sonnenhitze.

Man lustwandelte nach dem Kaffee in dem Gutsparke, der durch herrliche Baumgruppen und heimliche Laubengänge sehenswert war.

Amatus Junker sah nur Sylvia.

Er schwärmte nicht für die Natur,
Für Weiher, Wiesen, Wald und Flur;
Er schwärmte für Geschöpfe,
Zweibeinig und mit Zöpfen.

Voran schritt die schöne Frau Bertha mit ihrer unschönen Schwägerin, und die Schritte des zweiten Paares verlangsamten sich.

Sylvia lachte hell und hoch, als er [später Junker] mit ihrem Zopfe schüchtern tändelte.

Argusäugig kehrte sich die Tante. »Warum bleibt ihr so zurück, und was treibt ihr?«

Die schöne Bertha beruhigte: »Laß doch die Kinder unschuldig scherzen und spielen!«

Als der unschuldig lange [später anders: unschuldige, lange] Student das Haschespiel nach Sylvias Händen fortsetzte, wisperte diese: »Wir müssen vorsichtig sein!«

Aber schlagfertig gab er aus seinem Vademecum Antwort:

»Wer nie verließ der Vorsicht enge Kreise,
Und selbst aus seiner Jugend Tagen
Nichts zu bereu'n hat, zu beklagen:
Der war nie töricht – auch nie weise.«

Sie wollte weise sein und ließ ihm zwei Finger ihrer Hand.

Fräulein Lüdemann [später: Lindemann] senior horchte mißtrauisch nach hinten. »Bertha, mir deucht, sie deklamieren … wenn er nur nicht dem Kinde Liebesgeschichten in den Kopf setzt!«

Frau Bertha blieb [später ergänzt: sehr] ruhig. »Sie werden ein Frühlingsliedchen oder die Loreley singen wollen und sich die Verse vorsagen.«

Aber die Jungen sangen nicht »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin«, welches die deutsche Jugend immer singt, wenn sie am allerlustigsten ist.

Amatus schaute bedeutungsvoll nach der Hecke und zwitscherte:

»Und wirft die Knospe einer Rose
Die Jungfrau mir als Zeichen hin,
So heißt das: Günstig stehn die Lose,
Nur harre aus mit treuem Sinn!«

Sylvia hob den Arm, um eine von den Wildrosen zu brechen, die in der Hecke blühten.

»A–au!« klang ein Aufschrei von hinten.

»Bertha, sie tun sich was!« kreischte die Tante, auf den Hacken wie ein Kreisel sich kehrend.

Ihre Nicht leckte den blutig gerissenen Finger.

Aber die alte Jungfer flog gleich einer gackernden Henne den Gang hinunter und hängte sich wie eine Klette an Sylvia.

So konnten die Jungen sich nichts mehr tun.

Als der Studiosus abends im Bette lag, stak die dornige Erhörungsrose in seinem Bierglase, und er schlief mit der Überzeugung ein, daß Sylvia ihn liebte [später: liebe].

Wo das Glück der Liebe groß ist, fehlen nicht die Liebesleiden. Die Waldfee, neben der er an jenem Freitag saß, hatte auch feenhafte Launen. Meistens hob sie ihn durch ihr Lächeln in den siebenten Himmel empor, zuweilen aber gefiel es ihr, ihn durch kühle Unart, ohne Grund oder Übergang, in die siebente Hölle hinabzustoßen.

Trotz der vielfachen Unruhe seines Herzens warf er sich auf das Brotstudium. Wollte er doch baldmöglichst ein heiratsfähiges Ziel erreichen und ein Weib sich nehmen.

Um der notwendigen Erholung willen blieb er ein treues Mitglied der Blase im »Blutigen Knochen«. Nach § 3 der drakonischen Satzung wurde das Ausbleiben mit einer Brüche von zwei Mark bestraft, und nichts, als nur der eigne Tod, galt als Entschuldigungsgrund. – –

Obgleich das Semester mit langen Schritten seinem Ende zueilte, hatte Amatus nicht Gelegenheit gefunden, seine Gefühle auszusprechen. Darum ging er an einem Sonnabend in das Lüdemannsche [später: Lindemannsche] Haus, als er mit Gewißheit annehmen konnte, daß der Amtsrichter [später: Justizrat] seinen Nachmittagstermin in der Bierstunde habe.

Das Fräulein war allein zu Hause; aber sein Frohlocken war verfrüht. Sie lag im Schaukelstuhle, die vollen Lippen spitz und säuerlich.

»Sind Sie krank?« Vorsichtig faßte er ihre [später: nach ihrer] Hand.

Sylvia riß dieselbe zurück und sagte impertinent: »Soll das interessant sein? Erzählen Sie mir etwas, das mich erheitert!«

Er zerrieb sein Gehirn, um einen alten Witz herauszupressen, der einen übel gelaunten Backfisch zum Lachen bringen könnte [später: könne]. Gleich vielen jungen Herren, die interessant sein müssen, nahm er seine Zuflucht zu den »Fliegenden Blättern« und erzählte: »Mein Fräulein, soll ich Ihnen einen für junge Mädchen passenden Stammbuchvers sagen?«

»Los!« nickte sie.

»Ein Seehund lag am Meeresstrande,
Und putzte sich die Schnauz mit Dünensande –
O, möchte stets dein Herz so rein
Wie diese Seehundsschauze sein!«

Sylvia zog die Nase kraus, als wenn dieselbe mit einem Strohhalm gekitzelt würde. »Herr Junker, Sie sind heute himmlisch – himmlisch langweilig.«

Da riß ihm die Lamms- und Liebesgeduld. »Und Sie sind höllisch unausstehlich … warum wollen Sie das sein?«

»Weil ich will, was ich will.«

Auf der Straße zermarterte er sich den Kopf, wodurch er ihre Liebe verscherzt habe, und fand keinen Grund.

Grund und Ursache lagen [später ergänzt: ganz] anderswo. Das Schaufenster einer Damenkollektion trug die Schuld. In demselben war ein neues, modernes Kostüm ausgestellt, das Sylvia durchaus haben wollte und nicht haben sollte. Der Vater, der seit achtzehn Jahren allmonatlich Schulden abzutragen hatte, lehnte höhnisch die Bitte ab. Sylvia, welche wollte, was sie wollte, konnte nicht, was sie gewollt. Infolge dieser moralischen Zwietracht zwischen Wille und Vermögen war sie launenhaft und leidend.

Der Studiosus Junker [später ergänzt: aber] hatte ein schales Gefühl. In seinem ersten Ingrimm hätte er ins Wasser gehen mögen, in seinem zweiten aber besann er sich und ging zu Biere, um bei den Brüdern seiner Blase Trost und Erheiterung zu suchen. An dem Sonnabend war er der schlimmste Bruder und der beste Zecher.

Die Glocke hatte zwei geschlagen. Lärmend kamen die Norderhafener Kneipanten die Schloßstraße hinunter und blieben plötzlich still und sinnend vor einem Türschilde stehen, das die Inschrift trug. »Frau Müller, Hebamme.«

Der, welcher mit seinem studentischen Spitznamen Nüte hieß, sagte: »Ich habe eine großen Gedanken geboren … wir wollen das Schild ablösen und dem Professor Hegelein an die Tür schrauben … ist er doch ein sokratischer Geburtshelfer, der die im dumpfen Geiste der Studenten schlummernden Idee ans Licht der Welt befördert … aber still!«

Ein andrer, der mehr für das Geräuschvolle war, sprach: »Nein, tretet in den Hof hinter dem Hause … ich will läuten.«

Erwartungsvoll gehorchten alle. Aus Leibeskräften zog er an dem Glockenstrange neben dem Türschilde. In dem aufgestoßenen Fenster des Oberstocks kam eine Nachtmütze und eine Nachtjacke zum Vorschein.

Höflich zog der Student den Hut. »Werte Frau Müller, Sie möchten sich sofort nach der Mittelgasse 34 bemühen, aber bitte [,] sehr schnell!«

»Sofort, sofort!« Das Fenster schlug zu.

Amatus Junker sträubte und streckte seine zehn Finger von sich. »Bei allen Göttern … Mensch, was hast du gemacht? Ich fall' in Ohnmacht … in der Mittelgasse 34 wohnt ja meine Halb- und Holztante.«

»Haha, hihi, pst, sttt«, so klang's im Hofe. Dann ging die Haustür, und Schritte klapperten auf dem Bürgersteige. Frau Müller eilte amtseifrig nach der angegebenen Straßennummer.

Was zwischen ihr und dem ehrsamen Fräulein in dunkler Nacht verhandelt wurde, ist niemals ruchbar geworden, noch ans Licht des Tages gekommen. Aber gellend schlug die alte Jungfer die Hände über ihrem Haupte zusammen, das in Ehren grau geworden, und Frau Müller fluchte wie ein Matrose und brachte auf der nahen Polizeistation einen unbekannten Mann wegen groben Unfugs zur Anzeige. Zu seinem Signalement wußte sie nur anzugeben, daß er Hut und Stiefeln getragen, und daß Augen, Nase, Mund und Ohren »gewöhnlich« gewesen seien.

Währenddessen tat Nüte sein Werk und schraubte mit Hilfe des Messers das Türschild los, das er am Hause des Philosophie-Professors Hegelein befestigte.

Es ist am Morgen schnell entfernt, an seinen Ort zurückgebracht und nirgends Meldung gemacht worden.

Die beiden großen Untaten dieser Nacht blieben unentdeckt, aber ein viel kleineres Vergehen wurde einem der Norderhafener Kneipanten zum Verderben. Die, welche bisher still gearbeitet hatten, machten jetzt in schallenden Gesängen ihren Gefühlen Luft. Doch ein Wächter der Nacht, dessen Gesetzesauge hinter dem Denkmal des Schloßplatzes lauerte, trat hervor und schnaubte, daß nächtliches Singen öffentliche Ruhestörung sei.

Die meisten Studenten zerstreuten sich ruhig. Aber Amatus Junker, der ein großer Sänger war, und Nüte konnten dem Drange der Brust nicht gebieten und ließen, Arm in Arm ihr Jahrhundert in die Schranken fordernd, ihre Stimme laut erschallen: O jerum, jerum, jerum, o quae mutatio rerum.

Der Wächter jedoch zog die Pfeife und flötete Ersatz herbei. Zwei Uniformierte sprangen aus den Nebenstraßen und machen auf dem Schloßplatz ein Kesseltreiben. Nüte gab Fersengeld und entkam, Amatus jedoch wurde in die Enge getrieben und sah nur einen Ausweg – eine schlanke Akazie, in die er, wie eine von Hunden gehetzte Katze, hinaufkletterte.

»Kommen Sie herunter!« brüllten die Wächter.

»Kommen Sie, bitte, herauf!« bat er, höflich den Hut abnehmend, und sang in Übermut: Nachtigall, Nachtigall, o wie sangst du so schön.

Die Schutzleute versuchten es mit gütlichem Zureden: »Es geschieht Ihnen nichts, Sie legitimieren sich nur und können laufen.«

»O, ich habe Zeit, bis Sie abgelöst werden, meine Herren.« Er sang das Nachtigallenlied weiter.

Da brummte der Bärbeißigste: »Töv, du Nachtigall, ich hör dich laufen!« und holte von der Feuerwehr einen Schlauch, den sie an das Wasserrohr schraubten.

Jetzt verstummte der Gesang, und die zwei Säbelbewaffneten hielten sich den Bauch vor Lachen, während der dritte den dicken Strahl nach oben richtete.

Amatus, im Augenblick durchnäßt, rutschte schleunigst herunter und gab sich gefangen. Das Wasser troff noch von ihm, als er auf der Wache stand und seine Legitimationskarte abgab. Ernüchtert, pudelnaß und fröstelnd trabte er nach Hause.

Das war am Morgen ein entsetzliches Erwachen. Konnte nicht auch die grauenhafteste Tat der Nacht indirekt auf sein Konto kommen? Aber das Universitätsgericht verurteilte ihn nur wegen des Nachtigallenunfugs zu fünf Tagen Karzer.

Der Zerknirschte dachte an seine arme Mutter und faßte in großer Reumütigkeit den Vorsatz, seinen Lebenswandel zu bessern. Es war weder sein erster noch sein letzter [später ergänzt: guter] Vorsatz.

Er raufte sich den Haarschopf. Und die Freitische! In sechs Häusern mußte er sich entschuldigen, daß er wegen vorübergehender Abwesenheit gehindert sei, zum Essen zu kommen. Der sauerste Gang war zu Lüdemanns [später: Lindemanns].

Sonderbar lächelte die Frau Amtsrichter [später: Justizrat], und Sylvia spitzte sarkastisch den Mund: »Sie wollen eine kleine Erholungsreise machen? Nach dem Aglei?«

»Nein, eine unangenehme Geschäftsreise …«

»Vielleicht für Möhler und Cie?«

Möhler hieß der Polizeimeister der Stadt. Die kleine Teufelin war witzig und wußte etwas.

Zum Glück guckte der Amtsrichter [später: Justizrat] durch den Türspalt und rief ihn in sein Zimmer. Es war aber ein Unglück, denn auch der wußte alles.

Gestern abend in der Bierstunde, als der Universitätssyndikus den köstlichen Studentenspaß von der Akaziennachtigall erzählte, hatte Lüdemann [später: Lindemann] sich vor Lachen ausgeschüttet und über das Taschentuch gesprudelt: »Ah, mein Freitischler … sehr gut.«

Heute aber war er ernst und eisig und kanzelte seinen Halbneffen ab: »Jä, mein Lieber, andre können sich solche Exzesse erlauben … Sie aber nicht! Sie sind auf die Hilfe wohltätiger Leute angewiesen und haben Ihre Stellung völlig verkannt. Nun gehen Sie mit Gott … in den Karzer, um über Ihre Stellung nachzudenken und Ihr moralisches Pflichtgefühl zu stärken!«

Sylvia, die gelauscht hatte, drückte dem Abgekanzelten auf dem Flure die Hand. O, sie hatte dennoch Herz und hielt zu ihm in seiner Erniedrigung und Not. – – – – –

Das erste Semester der fröhlichen Studentenzeit war zu Ende. Amatus Junker ging mit seiner Schiffskiste – so nannte er seinen hölzernen Reisekoffer oder -kasten – die von Weisheit beschwert und halb voll von Bibliotheksbüchern war, in die Ferien.

Hans Gerichtsdiener meldete den Leuten des Pappeltals tagelang vorher die Ankunft des Sohnes, der Student sei und Pastor werde. Man hielt ihn für etwas großprahlerisch, und die alte Mutter Jensen, welche [später ergänzt: die] Rose besprach und Karten legte, nickte mit dem Schüttelkopfe und murmelte: »Hans, die letzten Karten sind noch nicht gefallen.«

In der Dachwohnung, die sehr still gewesen war, wurde Lachen und laute Freude. Amatus mußte von der Universität erzählen, und als er die vielen Bücher auspackte, rissen alle die Augen auf und schwiegen ehrfürchtig.

Der Student hatte nicht mehr, wie bei seiner Abreise, die tiefe Ehrfurcht vor der Alma Mater, sondern äußerte: »Ja, mit denen könnte man auch als Autodidakt das Ziel erreichen. Wozu die Vorlesungen, da doch die theologische Wissenschaft längst in zahllosen, gedruckten Büchern niedergelegt ist? [Später ergänzt: Warum der teure Aufenthalt auf der Universität?] Wer sein Studium am eifrigsten betreibt, arbeitet in seinem Stübchen und hockt in den Hörsälen, nur soweit es erforderlich ist.«

Friedline fand Gefallen an dem Gedanken. »Ach, wenn du hier bei uns bleiben und studieren könntest!«

»Dummes Ding!« schalt der Vater, »soll er etwa vom Propsten das Predigen lernen? Das können nur Professoren einem Menschen beibringen.«

Hans Gerichtsdiener, als Vater eines angehenden Pastoren, gehörte zu den kirchlichen Leuten Norderhafens und hielt einen regelmäßigen Kirchenbesuch für eine selbstverständliche Christenpflicht.

Die Familie wanderte nach St. Marien und hörte des Propsten lange und gediegene Predigt. [Später entfallen: Hinten auf der Empore saß der Hardesvogt, nicht aus Bescheidenheit, sondern weil er zu spät gekommen war.

Am Ausgange stieß Amatus den Vater an. »Was, ist Saul unter die Propheten gegangen?«

»Ja, seit einigen Sonntagen ist der Onkel fromm geworden.«

»Vater … ich glaube, er betet, daß Asmus das Examen bestehen möge.«

Hans grinste. »Ja, wenn der Teufel Fliegen frißt, lernt auch der Hardesvogt beten.«

Vorausgesetzt, daß Berg gebetet hat, so ist sein Gebet erhört worden. Mit Müh und Not bestand Asmus die Abiturientenprüfung.

In Anlaß des freudigen Ereignisses eilte Vetter Junker nach der Norderstraße und wurde mit Wein traktiert.

Asmus hatte bereits neue, vornehme Allüren angelegt. »Natürlich, ich studiere Jurisprudenz … das ist die einzige Leiter, um des Lebens höchste Staffel zu erreichen. Juristen sind die Elite, der Adel aller Gelehrten und die Vorgesetzten in allen Fakultäten … freilich, mit mir wird es lange dauern … nach vier Jahren kannst du schon den löblichen Lebenszweck eines Pastoren erfüllen … kannst ein Weib dir nehmen und an vielen Pfeifen und vielen Kindern dich erfreuen.«

»Pfui, Asmus, du bist unartig!« schalt Silly und gab dem Vetter ein Zeichen, ihr zu folgen.]

[Später ergänzt: Am Nachmittage wurde der Onkel Hardesvogt besucht. Dem war die Freude über das Wiedersehen des Neffen nicht anzumerken, um so mehr jedoch der Kousine. Ihr gutes Gesicht leuchtete. Erst] i/Im Garten faßte sie seine [später: Amatus bei der] Hand und sagte, daß er ihr viel berichten solle, und erkundigte sich nach den Verwandten eingehend. Wie alt das wohltätige Fräulein Lüdemann [später: Lindemann] sei?

»Das sagt sie nicht einmal ihrem Beichtvater«, lachte er, »aber so zwischen vierzig und achtzig wird sie sein.«

Silly inquirierte weiter. Ob der Amtsrichter [später: Justizrat] nicht Töchter habe? Ja, eine namens Sylvia. Was das für ein heidnischer Name sei! Und wie sie aussehe?

Er beschrieb die Waldfee mit glänzenden Farben.

Unruhig trippelte die Kousine, hing oft an seinem Antlitz und hauchte zuletzt: »Sag mir die Wahrheit … magst du die mit dem heidnischen Namen … gern leiden? [später: heidnischen … Namen gern leiden?

Der Wahrhaftige beugte das Haupt und lispelte: »Ja, ich glaube beinahe … daß ich sie ganz gern mag … aber, wo willst du hin, Silly?«

Silly war durch den Garten gegangen und verschwunden.

In ihrem Zimmer saß sie stundenlang und [später entfallen: tat nichts und] dachte an ihre Kindheit und die Kastanienallee am Hafen.

Kurz vor dem Abendessen erhob sich Silly, nahm einen Handspiegel und stellte sich vor den großen Toilettenspiegel, hin und her sich wendend, bis sie den Rücken ihres Kleides genau betrachten konnte.

Als sie den Handspiegel fortlegte, war das Glas getrübt und eine Träne darauf gefallen.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.