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Der Münchner im Himmel

Ludwig Thoma: Der Münchner im Himmel - Kapitel 9
Quellenangabe
typesatire
booktitleDer Münchner im Himmel
authorLudwig Thoma
year1992
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11493-2
titleDer Münchner im Himmel
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Auf Reisen

Ich fuhr nach Tirol. Das Kupee zweiter Klasse war gut besetzt. Neben mir saß ein würdig aussehender Herr mit langen Koteletten, offenbar der Gatte der beleibten Dame, welche so stark transpirierte und wie eine Moschusseife roch.

Die drei jungen Mädchen, welche aus ihren Reisetäschchen Ansichtspostkarten hervorholten und abwechselnd Lachkrämpfe bekamen, schienen die Töchter des Ehepaares zu sein. Der Herr mit den Koteletten versuchte mich in ein Gespräch zu verwickeln.

Ich muß hier eine Eigentümlichkeit meines Charakters erwähnen. Ich besitze ein überaus sanftes Temperament. Wenn mich aber im Friseurladen oder in der Eisenbahn ein Fremder anspricht, verspüre ich ein sonderbares Prickeln in der Kopfhaut. Ich begreife in solchen Augenblicken, daß es Kannibalen gibt, welche ihre Mitmenschen auseinandersägen lassen. Ja, ich beneide sie um die Macht hiezu.

Wenn der Herr mit den Koteletten eine Ahnung gehabt hätte, wie ich in Gedanken mit jedem Gliede seines Körpers verfuhr, er würde geschwiegen haben, er würde nicht den Mut gefunden haben, mir zu erzählen, daß es warm mache und daß eine Reise im Winter verhältnismäßig angenehmer sei, weil man sich gegen Kälte viel leichter schützen könne als gegen Hitze.

Er ahnte nichts und übersah es, daß in der Art, wie ich ihm den Zigarrenrauch in das Gesicht blies, etwas Gefahrdrohendes lag.

Er übersah es so vollständig, daß er mir versprach, aus seinen Reiseerlebnissen Beispiele anzuführen, welche die Richtigkeit seiner Behauptung klarlegen sollten.

In diesem Augenblicke erinnerte ich mich, daß ich meine schwergenagelten Bergschuhe angezogen hatte; ich wartete, bis er den ersten Satz seiner Erzählung begonnen hatte, und stieß ihm dann gegen das linke Schienbein, daß ihm die Augen naß wurden.

Wenn er glaubte, daß ich mich nach seinem Befinden erkundigen würde, täuschte er sich.

Ich verhielt mich schweigend und bemerkte mit Genugtuung, daß ihn die Roheit meines Benehmens verstimmte.

Er wandte sich an seine Gemahlin.

»Bei dieser Hitze hätten wir auch was Besseres tun können als reisen.«

»Dir zuliebe können wir nicht im Winter nach Tirol fahren«, erwiderte die beleibte Dame ziemlich gereizt.

»Tja! Aber 'n Vergnügen is es nun gerade nich.«

»Otto, willst du den Mädchen auch diesen Genuß verderben?«

Die Frage klang so drohend, daß niemand gewagt hätte, sie mit »ja« zu beantworten. Der Herr mit den Koteletten auch nicht. Er setzte sich zurück, rieb das Schienbein und las die Annoncen im Berliner Lokalanzeiger.

Vielleicht dachte er darüber nach, weshalb seine Meinungsäußerungen so geringen Beifall fanden.

Die beleibte Dame warf ihm noch einen feindseligen Blick zu, welcher genügte, den Mann auf eine halbe Stunde totzumachen. Dann ließ sie über ihre Züge den Ausdruck mütterlichen Wohlwollens gleiten und schenkte ihre Aufmerksamkeit den Töchtern.

»Ella, Hilde! Kinder, was habt ihr?«

Die ältere, eine Blondine von knospendem Embonpoint, unterdrückte ihren beängstigenden Lachanfall.

»Ach, Mama! Die Karte von Rudolf!« – »Zeig sie mal!«

Ella reichte eine bunte Ansichtskarte herüber. Ich saß so nahe, daß ich das Bild sehen konnte. Ein dicker Student, auf einem Bierfasse sitzend, in der einen Hand die Pfeife, in der andern den Maßkrug. Die Mama las halblaut vor:

»Ihr kneipt Natur
In Wald und Flur;
Ich kneipe hier
Bei Wurst und Bier.«

Es war schrecklich, wie die Mädchen aufs neue kichern mußten; sie hielten ihre Taschentücher vor, bissen darauf und ließen die Augen in Tränen schwimmen.

Die beleibte Dame lächelte gütig und streifte mich mit einem Blicke, in welchem viel Mutterstolz lag.

Ich sah deutlich, daß sie mich auf Umwegen zum Sprechen bringen wollte; und beschloß, ihr für diesen Fall auf den Fuß zu treten; es war ein Glück für sie, daß der Zug hielt und die Kupeetüre aufgerissen wurde.

Ein Herr wollte einsteigen, aber die beleibte Dame erklärte energisch, daß kein Platz frei sei.

Es entspann sich ein lebhafter Wortwechsel, in welchen auch der Mann mit den Koteletten eingriff. Er schöpfte Mut aus der Gewißheit, auf der gleichen Seite zu stehen wie seine Frau, und seine Haltung gewann an Festigkeit mit jedem Satze, welcher von ihr beifällig aufgenommen wurde.

Anfänglich sekundierte er, dann übernahm er die Führung, und zuletzt gehabte er sich so schrecklich zornig, daß ihm die Gemahlin ängstlich abwehrte.

»Aber, Männchen, beruhige dich doch! Du bist ja entsetzlich in deiner Wut...«

»Nein, Mausi, laß mich! Ich dulde nicht, daß man euch zu nahe tritt.« Und er brüllte wieder zur Kupeetüre hinaus: »Was glauben Sie eigentlich? Was fällt Ihnen ein? Sehen Sie nicht, daß hier Damen sitzen? Diese Damen stehen unter meinem Schutze, haben Sie mich verstanden? Unter meinem Schutze! Ich dulde absolut nicht...«

»Aber Männchen!«

Die beleibte Dame klammerte sich ängstlich an ihn, als fürchte sie, daß er im nächsten Augenblicke etwas sehr Unbesonnenes tun würde.

Er machte sich sanft aus der Umarmung los und schrie, daß seine Ohren sich blau färbten.

»In Deutschland nimmt man Rücksicht auf die Damen. Da könnte so etwas nicht passieren, verstanden! Haben Sie in Österreich noch nicht gelernt, wie man sich gegen Damen zu benehmen hat? Aber Sie irren sich, wenn Sie glauben. Ich dulde absolut nicht...«

»Männchen, setze dich zurück! Ich bitte dich...«

»Nein, Mausi! Ich will mal sehen, ob man...«

In diesem Augenblick kam der Schaffner und erkundigte sich nach der Ursache des Lärmes. Der Herr draußen sagte sie ihm.

Der Schaffner konstatierte, daß nur sechs Personen im Kupee seien, während vorschriftsmäßig acht Platz hätten. Er schob den Herrn zur Türe herein, schlug zu und pfiff, worauf sich der Zug in Bewegung setzte.

Der Mann mit den Koteletten beugte sich zum Fenster hinaus und rief dem Beamten mit der roten Mütze zu: »Natürlich! Das sind österreichische Zustände! Das sind echt österreichische Zustände!«

Als keine Antwort erfolgte, zog er sich endlich zurück und sah so martialisch um sich, als hätte ich ihm niemals in das Schienbein getreten.

Ich beobachtete den neuen Fahrgast. Ein fetter, blonder Herr mit Gesichtspickeln. Seine wasserblauen Augen sahen verständnislos in die Welt; an seinen dicken, runden Fingern glänzten fünf oder sechs Brillantringe.

Ich mußte sie bemerken, weil er häufig die rechte Hand mit einer schönen Geste an den Mund führte und sich räusperte.

Er versuchte, der Reihe nach die drei Mädchen anzulächeln, aber er begegnete sehr abweisenden Mienen.

Die beleibte Dame schoß ihm Blicke zu, welche ihm durch und durch gingen.

Er fühlte sich sehr unbehaglich und wollte das eisige Schweigen brechen.

»Entschuldigen Sie, meine Herrschaften, aber ich bin sehr gegen meinen Willen hier eingedrungen und bedaure lebhaft die Störung.«

Niemand schenkte ihm Gehör.

»Sie dürfen mir glauben, daß ich lieber in einem leeren Kupee fahre, als in einem vollen. Noch dazu, wann geraucht wird. Ich bin Tenor.«

Die Wirkung seiner Worte war großartig.

Die drei jungen Damen wandten sich ihm lebhaft zu, und die Mama glättete sämtliche Falten, welche ihre Stirne durchfurcht hatten.

»Sie sind Berufssänger?« fragte sie.

»Aber ja«, antwortete der Herr mit den Gesichtspickeln, »ich bin Mitglied der Wiener Hofoper, wann Sie gestatten. Sperlbauer Pepi is mein Name.«

»Sie sind hier zum Sommeraufenthalt?« fragte die beleibte Dame wieder.

»Ja; ich erhole mich etwas von den Bayreuther Strapazen.«

»Sie haben bei den Festspielen mitgewirkt?«

»Aber ja; ich habe im Ring mitg'sungen, wann Sie gestatten.«

Ein betäubender Lärm erhob sich. »Ella! Mama! Hilde! Im Ring! Das ist ja gottvoll! Und wie er das sagt! Ist er nicht süß? O, er muß uns etwas in das Album schreiben!«

»Kinder! Wir dürfen doch den Herrn nicht plagen.«

»Ach, Mamachen!« schmollte die Älteste, »denk nur, was für Augen sie bei Röpkes machen werden, wenn wir einen Vers von einem echten Sänger haben. Bitte! Bitte! Mein Herr!« fügte sie schmelzend hinzu und sah den Tenor seelenvoll an.

»Können Sie grausam sein?« fragte die Mutter.

»Aber bitte, wie können Sie glauben?« erwiderte Pepi Sperlbauer, »ich schätze mich glücklich, wann ich so hübschen, jungen Damen eine Gefälligkeit erweisen darf.« Er sah dabei jede mit seinen wasserblauen Augen an und lächelte gewinnend.

Fräulein Ella reichte ihm errötend ihr Album und einen Bleistift.

Er netzte ihn und sah zur Decke hinauf. »Wann ich nur wüßte, was ich Ihnen schreiben soll.«

»O bitte! Irgend etwas. Eine Zeile. Einen Vers.«

»Vielleicht etwas von Wagner?«

Pepi Sperlbauer sprach den Namen aus, als wenn er mit drei a geschrieben würde.

»Entzückend! ja, das wäre herrlich!«

Der Sänger schrieb und überreichte mit einem innigen Blicke das Album der Besitzerin.

»Ich bedaure nur«, sagte er, »daß ich bei der nächsten Station mich von der liebenswürdigen Gesellschaft trennen muß. Aber freilich, Sie werden froh sein, wann der Eindringling fort ist.«

»O, wie schade! Mama! Ach Gott, wie können Sie denken!«

»Eine gewisse Störung habe ich doch verursacht«, meinte der Tenor mit einer kleinen Verbeugung gegen den Herrn mit den Koteletten.

Dieser fühlte, daß er etwas sagen sollte.

»Na, pardong! Ich hatte natürlich keine Ahnung, verehrter Meister, aber...«

Er kam nicht weiter, weil seine Frau ihn durch einen fürchterlichen Blick in die Kissen zurückwarf.

Und weil der Zug hielt. Pepi Sperlbauer erhob sich und verabschiedete sich mit vielen Verbeugungen und herzlichen Händedrücken.

Er winkte leutselig mit dem Hute, als wir weiter fuhren. Fräulein Ella ließ ihr Taschentuch wehen und trat erst nach geraumer Weile vom Fenster zurück.

»Wie schade, daß er schon aussteigen mußte!«

»Er wäre vielleicht geblieben, wenn nicht jemand so roh gegen ihn gewesen wäre«, sagte die Mama mit scharfer Betonung.

Der Herr mit den Koteletten vertiefte sich anscheinend in den Lokalanzeiger, welcher ihn vor den Blicken der Gattin schützte.

»Was hat er nur in das Album geschrieben?« fragte Hilde.

»Ach ja, das Album!« Ella öffnete es hastig und las vor:

»Ehrt eure deutschen Meister,    
So bannt ihr gute Geister.
Pepi Sperlbauer.«

»Wie hübsch! Wie geistvoll!- riefen die Töchter.

»Es ist aus den Meistersingern«, erklärte ihr Vater und sah über den Lokalanzeiger herüber.

»Und es ist offenbar eine Anspielung, daß man sich gegen gottbegnadete Künstler nicht so roh benehmen soll«, sagte die Mama.

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