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Der Münchner im Himmel

Ludwig Thoma: Der Münchner im Himmel - Kapitel 8
Quellenangabe
typesatire
booktitleDer Münchner im Himmel
authorLudwig Thoma
year1992
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11493-2
titleDer Münchner im Himmel
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Beinahe

Eine Unglücksgeschichte

Ein Schrei des Entsetzens gellte durch die heiter promenierende Gesellschaft, die in Ischl die schönen Sommertage genoß.

Die Straße herunter raste ein Einspännerwagen; das Pferd war scheu geworden und galoppierte mit wild flatternder Mähne einher; der Wagen wurde rechts geschleudert, links geschleudert. Da: ein Prellstein!

Ach!

Mizzi Mia kreischte: »Um Gottes wülln!«

Mia May krallte die Finger der rechten Hand schmerzend in den Arm Sally Krotoschiners ein. »Sally... ich schtirb... Mir werd zwarerla...«

Die Kommerzialrätin Mizzi Neuburger schwenkte ihren roten Sonnenschirm. »Rättet die Unglücklichen! Rättet sie!«

Der Prellstein!

»Himmi... Herrgotts... ramasuri... überanand!« fluchte der Kutscher dessen Steyrerhut mit einem mächtigen Gemsbart verziert war...

Krach!!

Da lag der Wagen... gellende Schreie ertönten...

Ein dicker Mann lag im Straßenstaube, ein Mädchen aus dem Volk lag auf ihm, zappelte mit den Beinen und zeigte ihre runden, kräftigen Waden.

Das Pferd stand zitternd, der Kutscher hielt es vorne beim Kopfe und fluchte.

»Schindermistviech... öllöndiges... Rabenviech... miserablichtes!«

Die Gesellschaft lief hinzu... die Damen mit gerafften Röcken... bleich... aufgeregt... die Herren mit ernsten, düsteren Mienen.

»Is wos bassiert? Ich bidd Ihnen! Aber jo... der Herr soll beide Arme... das oarme Mädel bluddet... der Herr is bludüberströmt... er muß beide Unterschenkel gebrochen haben... Sind sie dod?... Einen Oarzt!... Ich kann kein Blut sehen – ich werd brechen gehen.« So schrie es durcheinander. Sally Krotoschiner drängte sich durch.

»Bidde den Oarzt vorzulassen... Herr Dokta... rasch... rasch!« Sally Krotoschiner, junger Arzt aus Wien, V. Bezirk... Hamburger Gasse... 3. Stock... Türe 17... stand gefaßt und der Situation gewachsen neben den Verunglückten. Das Mädchen aus dem Volke war schon wieder auf den Beinen und strich den Rock über die Waden herunter... Der dicke Mann erhob sich langsam, seine Hände waren aufgeschürft und bluteten... Der linke Fuß war verstaucht...

Sally strich ihm mit der Hand über den Kopf. »Leichte Kantusian die Hand? Bidde... Obschierfung der Epidermis Der Fuß?... Schwellung... aber die Knochen der proximalen wie der distalen Reihe sind unverletzt... Sie wern Umschläge mochen...«

Das Publikum bemerkte wohl, wie ruhig und sachverständig Sally Krotoschiner vorging.

Dem Mäderl fehlte nichts oder doch... das Handerl... ein bisserl abgeschürft... essigsaure Tonerde.

Noch gut abgegangen!

Um Gattes wülln! Wann das Pferd in die Menge hineingerast wäre! Einen Augenblick sah es so aus. Zehn Meter weiter davon entfernt wäre es kaum zu vermeiden gewesen.

»Was is?... doch ernsterer Unfall... Der Kammersänger Guschelbauer! Ich bidd Ihnen, was is mit'n Guschelbauer? Was is mit 'n Ferdi?«

»Nichts... nichts... beruhigen sich die Damen... Gott sei Dank... nichts! Aber um ein Hoar...«

Schreckensbleich stand der beliebte Tenor der Hofoper neben dem Prellsteine, umringt von Herren und Damen, und wies auf ein Stück des Peitschenstieles, das vor ihm niedergefallen war und ihn gestreift hatte. Er erzählte den teilnehmenden, ihn mit Ausrufen unterbrechenden Mitgliedern der Gesellschaft die glückliche Rettung seines Lebens.

»Ich schteh da... und sag grad zu der Baranin Nituschek... wann ich nur übermurgn zu meinem Konzert au fait bin... i waß net... es woar, als wann mir was vorgangen wär... in diesem Momente rast das Pferd einher... ich schteh hinter diesem Prellstein... einen halben Mäter weiter furn... und der Wogn zerschmättert mich...!«

»Um Gattes wülln! Ferdi! Herr Kammersänger...«

»Wann ich Ihnen sag... einen halbn Mäter... dreißig Sandimäter weiter furn und der Wogn begrabt mich unter seinen Trimmern!«

»Aber... warum...?«

»Ich bidd Ihnen, ich denk doch an nix... ich denk an goar nix von der Wölt! Ich schteh einfach da... mit der Baranin Nituschek und der Kanteß Mizzy Styrum... mir bladern zusammen... in diesem Aagenblick rast der Wogn ums Eck, die Schassee herunter, hier an den Schtan... an den Pröllschtan... der Peitschenschtühl schtraaft mich... wanns an eiserner Gegenstand gewesen sein möchte... wär das Schienban entzwei... «

Ein unterdrückter Schrei.

»Aber das wär noch das mindeste...« fuhr Guschelbauer fort, den die Teilnahme ermunterte. »Ich sag... dreißig Sandimäter weiter furn und ich bin zerquätscht... eine Laiche!... So spült der Zufall mit dem Menschenleben!«

»Es is Leichtsinn!«

»Oba bidde, Frau Kommerzialrätin... was hoaßt Leichtsinn? Wann ich prominier, und es fallt mir a Ziegelschtan aufn Kobf... is das Leichtsinn?«

»Es is doch Leichtsinn. Sie gehören nicht an Orte, wo Ihnen nur das geringste widerfahren kann... Sie sind das uns schuldig, wann Sie schon gegen sich selbst gleichgieltig sein wohlen...«

»Oba bidde...«

Ein hochgewachsener Herr mit weißem Barte drängte sich aufgeregt durch die Menge.

»Ferdibuberl!« rief er schon auf einige Schritte Entfernung, »ich höre, du bist verletzt...«

»Ich? Ober nicht im geringsten... das haaßt, dieser Peitschenschtühl hat mich geschtraaft...«

»Nicht verletzt? Wirklich nicht?« rief der elegante Greis, in dem man den Grafen Spraun erkannte... »Alsdann dem Höchsten sei Dank! Mir brachte Baron Schreydolph die Hiobspost...«

»Beruhige dich... lieber Spraun... dasmal is es noch gnädig abgangen...«

»Aber du wirst mit deinem unverantwortlichen Leichtsinn und Jugendmute noch...«

»Nicht woahr... leichtsinnig!« rief die Kommerzialrätin triumphierend. »Ich habe ihm das auch gesagt. Lesen Sie ihm die Leviten, Herr Graf!«

»Ober gerne, Gnädigste! Ferdibuberl, ich werde dir klarmachen, was du uns schuldest...«

Umringt von Freunden und Freundinnen, die auf ihn einsprachen, entfernte sich der Kammersänger Guschelbauer...

Die Stimmen entfernten sich...

»Dreißig Sandimäter... weiter furn... ich bin eine Laiche...«

»Es ist unverantwortlich...«

»Ferdibuberl...«

Aus dem nächsten Hause kam Doktor Sally Krotoschiner heraus und sah bestürzt, daß niemand mehr da war. Auch Mia May war fort. Hinweg mit dem Gefolge Guschelbauers.

Und Krotoschiner hatte doch melden wollen, daß der Verunglückte schon wieder seinen Fuß ganz gut bewegen kann.

Welcher Verunglückte?

Nun, der Mann, der aus dem Wagen fiel und...

Ich bidde, wer spricht davon?

Haben Sie gehört, daß Ferdi Guschelbauer um ein Hoar unter den Hufen des Pferdes sein Leben verloren hätte? Das Publikum war erschiddert. Graf Spraun weinte. Wird Guschelbauer das Konzert absag'n?

Aber nein! Er wird trotz allem singen...

Tschau!

Ich werd's der Presse mölden gehn...

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