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Der Münchner im Himmel

Ludwig Thoma: Der Münchner im Himmel - Kapitel 7
Quellenangabe
typesatire
booktitleDer Münchner im Himmel
authorLudwig Thoma
year1992
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11493-2
titleDer Münchner im Himmel
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Aquarium

»Wos is?«

Der Ton klang sehr gereizt, in dem sich der Herr Privatier Radlkoffer an die Köchin wandte. Dabei drehte er nicht einmal den Kopf nach ihr um, sondern schaute in Erwartung auf den bald fälligen Nachmittagskaffee geradeaus auf die Wandtapete, deren Muster ihm bald dieses, bald jenes fratzenhafte Gesicht vortäuschte.

»Wos is?«

»A Herr is drauß'n...« – »Wos für a Herr?«

»Ein Jugendfreund, sagt er, is er von Ihnen...«

»A Ju-u-gendfreind!«

Eine Fülle von Mißtrauen und Abneigung klang aus der Art, wie Herr Radlkoffer das sagte.

Und er fühlte sich nun so gestört in seinem Behagen, daß er eine Viertelswendung gegen das behäbige Frauenzimmer hin machte und ihm ein sehr verdrießliches Antlitz zeigte.

»Wissen Sie, wos a Jugendfreind ist? Wissen Sie dös? Erschtens, i hab koan, Gott sei Dank, und will koan hamm, und zwoatens, a Jugendfreind is allaweil a Mensch, der was will. Verstengen S' mi? So oana!« Er rieb den rechten Daumen am Zeigefinger. »I kenn de Jugendfreind!«

»Ja aba...«

»Wos aba?«

»Ich kann ihn doch net fortschicken... er ist ein ganz feiner Herr...«

»Fein aa no!«

»Wenn i's Ihna sag und nacha, er is doch überhaupts so auftreten...«

»Grüaß di Good, Simmerl! Alte Gamshaut, wia geht's da denn...?«

Der Jugendfreund hatte den Bescheid der Köchin nicht abgewartet, sondern drängte sich mit lärmender Herzlichkeit zur Türe herein.

Der Ankömmling, ein breiter Mann, nicht unähnlich seinem Jugendfreunde Radlkoffer, war wohl so gekleidet, daß er einer unerfahrenen Münchner Köchin gefallen konnte, aber ein schärferes Auge konnte an ihm Sorglosigkeiten und Schäden bemerken, die sogleich das Gegenteil von einer gesetzten Existenz verraten.

Schon daß er ein Samtjackett trug, zeigte eine gewisse unbürgerliche Schwunghaftigkeit des Empfindens, und außerdem, Samtjackette kauft man nicht selten bei Tändlern, denen sie leichtsinnige Malergehilfen und Photographen um ein Billiges lassen. Auch fehlte der zweite Knopf von unten, was trotz der flotten Art, in der sich der Flaus über der Brust wölbte, zu bemerken war.

Das Beinkleid, aus einem billigen, aber doch auffällig karierten Stoffe hergestellt, zeigte eine leise Neigung, sich unten aufzufransen.

Die Schuhe aber, diese größten Verräter des menschlichen Charakters, bewiesen vollends, daß der Jugendfreund nicht in streng behüteter Wohlbehäbigkeit dahinlebte. Das Leder zeigte Sprünge, die Absätze waren sehr stark abgetreten, und es war unschwer zu erraten, daß die Sohlen Löcher hatten. Füge ich hinzu, daß der Mensch einen vorne weit geöffneten, den Adamsapfel frei lassenden Kragen trug, um den sich eine leichtfertig gebundene Lavallièrekrawatte schlang, dann dürfte der Kenner ahnen, daß der Herr sich einem freien Berufe, wie dem des Unterhändlers, Hypothekenvermittlers, Agenten, gewidmet hatte.

Ein kaum bemerkbarer, aber eben doch bemerkbarer Rotweinflecken auf der Hemdenbrust verstärkte diese Mutmaßung, und alles in allem schien der Mann sogleich die Meinung Radlkoffers von Jugendfreundschaft zu bestätigen.

Dieser hatte sich keineswegs lebhaft von seinem Lehnstuhle erhoben und sagte in unsicherem Tone:

»I weiß net, mit wem ich die Ehre habe...«

»Jöi Ehre! Da balst net gehst!« rief der joviale Fremde ungestüm aus. »Seit wann bist denn du so g'schwoll'n, alter Bazi? Kennst vielleicht an Wimmer Schorschl nimma?«

»An Wi...?«

»Ja! Tua no net a so! An Schorschl von Tittmoning, mit dem's d' auf d' Lumperei ausganga bist! Wia mei Vata no d' Brauerei g'habt hat... in da junga Zeit! Wia ma no lusti war'n...«

»Ah so, ja... der Schorsch... «

Die Köchin, welche nun die Bekanntschaft in Fluß geraten sah, entfernte sich höflich knicksend, und Radlkoffer stand jetzt mutterseelenallein der Wiedersehensfreude seines Jugendgespielen gegenüber.

Die weitverbreitete Meinung, daß einer, der mit Wünschen naht, ein bedrücktes Gemüt zeige, jener aber, der zu gewähren hat, sich in weltmännischer Sicherheit bewege, ließ sich hier ganz und gar nicht vertreten.

Denn Radlkoffer zeigte in Sprache und Gebärde Verwirrung und Niedergeschlagenheit, während Wimmer sich immer prächtiger entfaltete und sichtbar die Oberhand hatte.

»No, was machst d' denn allawei?« fragte er so breit und natürlich, als hätte er schon eine Guttat für seinen Freund in der Tasche. »Was machst d' denn allawei? Nix natürli! Privatisieren halt! Net wahr? Coupon schneid'n, recht gut fress'n und schlafa, gel?«

»O mei!« seufzte Radlkoffer, »mit dem Couponschneid'n ... «

»Nur net laugna! I kenn deine Verhältniss', mei Liaba!«

»Meine...?«

»Jawol! Du hockst mitt'n drin im Schmalzhafa, mei Liaba!«

»O mei...! Heutz'tag...«

»Wos nacha? Wos brauchst di du z' kümmern um heutz'tag? Dei Schaar schneid't an Coupon, und firti! Net?«

»Geh, hör auf mit meine Coupon!«

»I höret scho auf, bal i no amal o'fanga derfat! Ha ... ha ... ha...!«

Wimmer lachte sehr herzlich über seine glückliche Wendung und legte seine Hand liebreich auf die Schulter des immer säuerlicher blickenden Freundes.

»Ja, so geht's!« sagte er, »der oa hat's, und der ander hat's net. Übrigens, daß i net vagiß, gel, mit der Hellerwies'n hab i dir koan schlechten Rat net geb'n?«

»Wann hast du mir an Rat geb'n?«

»Geh! Simmerl!«

»I siech di do heut 's erstmal seit dreißig Jahr und...«

»Geh! Schneid O, alta Fuchs!«

»Is net wahr? Wann hamm mir ins amal g'sehg'n?«

»G'sehg'n! Wer red't denn von g'sehg'n?«

»Wann du sagst, an Rat...«

»G'schrieb'n! Net g'sehg'n hab i di, aba g'schrieb'n hab a da!«

»Du – mir?«

»I dir, jawoi! Hätt'st du vielleicht mei Kart'n net kriagt...?«

»Auf da Stell soll i tot umfall'n...!«

»Jetzt schau mir nur oana so an o'draht'n Spitzbuam o! Sagt er, er hat nix kriagt...«

»Hab i aa net!«

»Ha... ha!« lachte Wimmer, der alles jovial aufzufassen schien, und holte aus der Brusttasche ein dünnes, ziemlich abgegriffenes Notizbuch heraus.

»Was willst d' denn?« fragte Radlkoffer recht unbehaglich.

»Zeit lass'n... Zeit lass'n!« beschwichtigte der Freund, netzte den Finger und blätterte ohne Hast in seinem Buche.

»Hamm ma's scho! Da steht's! Am sechsundzwanzigsten hujus, dös is also Abril neunzehnhundert... wart amal, neunzehnhundertsimmi... am sechsundzwanzigsten hujus geschriebenen Simon Radlkoffer... betreff... Hellerwiese. Selben... dös bist also du, net? selben notifiziert... hast d' g'hört?... notifiziert betreff Ankaufes betreffender Wiese...«

Wimmer sah von seinem Buche weg auf den Jugendfreund hin und blinzelte ihn bedeutungsvollst an.

»Jetza! Hab i di, Manndel, gel? Da stehst d' halt drin!«

»Was geht denn mi dei Büachi o? Du kost ja in dei Büachi neischreib'n, was d' magst! Was pfeif da denn i auf det Büachi!«

»Oho... ho...! Nur net glei so grimmi! Du tuast scho, als wenn i um an Schmu kam zu dir. Ma sagt ja bloß, weil's wahr is, net wahr? Koan Schmu will i ja net!«

»No also!« sagte Radlkoffer etwas erleichtert, »aba jetzt sag i's nomal, i hab von dir koa Kart'n und koan Briaf und überhaupts nix kriagt, und wennst d' heut net kemma waarst, wisset i überhaupts nix vo dir...«

»Ja, so waarst du scho und vergessast dein best'n Freind... Aha no... bals d'as du sagst, na werd halt am End d' Post mei Kart'n valor'n hamm...«

Er blinzelte ihn wiederum vielsagend an und bezeugte damit die ganze Unmöglichkeit einer solchen Annahme und sein gründliches Wissen von der Schlauheit des andern.

»Aba«, fuhr er fort, »an schön Profit muaßt obag'schnitt'n hamm vo dem Bauplatz?«

»Lebt eigentli dei Vata no?« fragte Radlkoffer.

»Mei Vata? Na, der is do scho zehn Jahr tot...«

»Zehn Jahr!« wiederholte Radlkoffer fast tiefsinnig, als wäre dieser Umlauf von Zeit recht bedeutsam. »Zehn Jahr! jetzt da schau her!«

»Es kinnan aa elfi sei«, sagte Wimmer. »Aba sag amal, an schön Profit muaßt do scho obag'schnitt'n hamm...«

»Was hot eahm eigentli g'fehlt?«

»Wem?« – »Dein Vata...«

»Ah so! No, ja, der Schlag hatt'n halt troffa...«

»Da Schlag?«

Radlkoffer fragte so teilnehmend, als wäre hier eine äußerst seltene Anhäufung von Unglück zu bedauern.

»G'stroaft, un drei Tag danach tot g'wen«, sagte Wimmer hastig, um aufs rechte Thema zu kommen. »Gel, an Quadratschuah hast du um zwoa Mark vierzgi kafft...?«

»Vo was?«

»Jessas, fragt der! Vo da Hellerwies'n halt!«

»Jetzt kimmst d' scho wieda mit dem Glump!«

»Ma red halt... net? Gel, zwoa Mark vierzgi?«

»Was woaß denn i!« sagte Radlkoffer verdrießlich. »Dös hab i scho lang vagess'n. Gott sei Dank! Ma hat a so nix, als wia lauta Verlust.«

»Valust!« Wimmer zog sich einen Stuhl her und setzte sich, um sich gründlich über diesen gewaltigen Spaß auszulachen. »An Valust hat er! Ho... ho... ho... ho! Jetzt schaug da grad so an Spitzbuamhäuptling o! Valust! Ho... ho... ho...«

»Dös ist gar net zum Lacha.«

»Net?« fragte Wimmer mit nassen Augen. »Is eppa zun Woana? Valust! Ho... ho! Na, paß auf, Simmerl, red amal g'scheit, du host'n vakafft um fünf Mark sechzgi, dös san drei Mark zwanzgi für'n Quadratschuah...«

»I mag nix mehr hör'n vo dem...«

»Tuat's da weh?«

»Weil i überhaupts koa Gedächtnis hab für so was, und überhaupts, weil i froh bin, wann i nix hör davo...«

»Vo dem Valust...?«

»Jetzt vazähl amal! Hat dei Vata...«

»Der is eig'rab'n, vastehst? Da Herr schenk eahm de ewig Ruah, und ko'st as eahm aa lass'n... jetzt paß auf, i muaß da was sag'n...«

»Was muaßt du sag'n?«

»An Eröffnung will i dir macha... vastehst? Hock di no amal hi...«

»I steh liaba«, sagte Radlkoffer.

»Wia's d' willst... jetzt paß auf... sag'n ma, du hast am Quadratschuah drei Mark zwanzgi profitiert...«

»Geh!«

»No ja, angenommen. Es ko ja aa mehra sei, aba mir sag'n drei Mark zwanzgi... und fufzgtausend Quadratschuah san's g'wen...«

»Herrschaft!«

»Es tuat da grad wol, Simmerl, wennst an solchan Profit nomal übaschlagst... san hundertfufzgtausend... wart amal... zwanzg Pfennig mal... san... san...«

»Jetzt sag da'r i was... Wimmer!«

»Was sagst d'ma?«

»Es war ma liab und angenehm, daß d'mi nach so langa Zeit wieda aufg'suacht hast, aba du derfst ma's net übinehma, i muaß heut...«

»Nix!« sagte Wimmer mit einer Bestimmtheit, gegen die es keinen Widerspruch gab. »Nix muaßtd', mei Liaba, als wia dös hör'n, was da i sag.«

»Aba i muaß...«

»Na, sag i, da bleibst und machst d' Ohrwascheln auf... es is lauta Schän's, was d'z' hör'n kriagst, und es is dei Profit...«

»I will koan Profit...«

»Bst! Ruhe und staad sei! Also paß auf... Zwanzg Pfenning hamma g'sagt mal fufzgi... san nomal zehntausend Mark... also siehgst... wia r' a da g'sagt hab, koan Schmu will i durchaus net hamm, scho weg'n da Freundschaft net, obwohl daß i dir den Kauf varrat'n hab...«

»Net wahr is!«

»Sag'n ma: varrat'n hätt für den Fall, daß de Post net ausnahmsweis' g'rad de Kart'n valor'n hätt... aba, wia g'sagt, bei an Jugendfreind nimmt ma koa Schmu... aber oa G'fälligkeit is de ander wert... dös muaßt d' do selm sag'n...?«

»I sag' gar nix...«

»Weil's selbstvaständli is, net wahr... Also Simmerl, siehgst... i hab a G'schäft in Aussicht... a G'schäft, sag a da... im Jahr achttausad Mark Einkomma... vastehst... Einkomma...«

»I vasteh di scho...«

»Die Sache ist...« Wimmer sprach bereits hochdeutsch, als er dieses anscheinend oft und auch mit Gebildeten berührte Thema vortrug... »Die Sache ist nämlich folgendermaßen. Von absolut sicherer Seite, die wo einen Zweifel auf sich nicht zuläßt, wo also jede Mutmaßung absolut und durchaus ausgeschlossen erscheint, von dieser Seite also habe ich unterderhand erfahren, mit strengster Diskretion... verstehst, Simmerl...?«

Simmerl verstand ihn durchaus und sah, so ängstlich er sich umsah, kein Entrinnen...

Es gab eine lange Geschichte, es gab eine zusammengeschwindelte Geschichte, und am Schluß einen Pumpversuch, und wenn man nein sagte, fing die Geschichte von vorne an und hörte nicht mehr auf, und wenn man ja sagte, war das Geld hin... und es gab kein...

Simmerls Blick fiel auf sein Aquarium, in welchem sich blitzende Goldfische hinaufschnellten und wieder herunterschossen und so fröhlich waren, wie harmlose Geschöpfe, die nie jemand anpumpt...

»Also von dieser durchaus authentischen Seite, die wo auch unterderhand sich jederzeit Informationen verschaffen kann und gewissermaßen selbst die Hand dabei im Spiel hat... verstehst, Simmerl... ?«

Ein rettender Gedanke kam über den Jugendfreund. Er stellte sich mit dem Rücken gegen das Aquarium, breitbeinig, und heuchelte plötzlich Interesse.

»Der wo also selber... ?« fragte er.

»Der wo selbst die Hand Im Spiele hat und auch von dritter Seite...«

Radlkoffer tauchte an, – ein Klatsch und ein Klirren, das Aquarium war umgefallen, die Fische zappelten...

»Jessas, meine Fisch! Resi! Resi! Jessas, de wern ja allsamt hi! Resi!«

»Tua's halt g'schwind in d' Waschschüssel! Also paß auf...«

»Dös is wahr! In d'Waschschüssel...«

Radlkoffer stürzte hinaus... schlug die Tür zu... und schrie der Resi, die eiligst aus der Küche kam:

»An Haf'n mit Wasser! Da tuast d' Goldfisch nei! D' Goldfisch lieg'n am Bod'n! Und...« Radlkoffer flüsterte das mit blitzenden Augen, »...dem Kerl da drin, dem feina Herrn da drin sagst, i bin furt, um a neu's Aquarium... und schmeißt 'n naus... und no mal, wenn a Jugendfreind rei'lass'n werd... nacha!!...«

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