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Der Münchner im Himmel

Ludwig Thoma: Der Münchner im Himmel - Kapitel 36
Quellenangabe
typesatire
booktitleDer Münchner im Himmel
authorLudwig Thoma
year1992
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11493-2
titleDer Münchner im Himmel
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Sieger von Orleans

Vaterländisches Volksstück in zwei Akten

Personen:
Miadei
Seppei
Der Vater
Ein Postbote

Erster Akt

Miadei: Jessas, der Seppei!

Seppei: Grüaß di Gott, Deandl! Vom höchsten Berg bin i abag'stiegen, bloß daß i dir in deine zwoa Äugerln schaugen ko. Dö san so klar, als wia der Bergsee, wann der Schnee vergeht und die Veigerln blüahn.

Miadei: Is wahr, Seppei? Aba da Vater!

Seppei: Ah was! Auf dein Vata – ah, hon i net denkt.

Miadei: Er hat's aba verboten, daß i mit dir z'sammkimm!

Seppei: Is die Liab net das höchste G'fühl in der Menschenbrust?

Miadei: Aba das vierte Gebot Gottes!

Seppei: Ah was – auf das vierte Gebot – ah, hon i net denkt.

Miadei: Oh, mei liaba Bua, tua net a so freveln!

Seppei: Schau, Deandl, i bin so muatterseelenalloa auf da Welt, i hab nix als wia di, und wann d'mi du a nimmer mogst, nacha ziag i furt in Kriag, wo die Schlacht am heißesten ist, oder i geh zu die Hindianer nach Amerika.

Miadei: Na, Seppei, dös derfst net toa. I mag di ja.

Seppei: Miadei!

Hinter der Szene furchtbares Gepolter. Türe wird zugeschlagen, ein Tisch umgeworfen. Teller fallen herunter. Der Vater tritt total besoffen auf.

Der Vater: Herrgottsakrament!

Miadei: Vater, tua d' net versünd'gen!

Der Vater sieht den Sepp: Halt's Maul! Is der Lumpf scho wieder bei dir. Hab i net...

Seppei: Großbauer, i hab koa Geld und koan Hof, aba koa Lump bin i net! Großbauer!

Der Vater: A Lumpf bist, a ganz a hundshäutener...

Seppei: Großbauer, du kannst vom Glück sagen, daß i dei Tochter gern hab, sonst tat i mei Ehr an dir rächa.

Der Vater: Mach daß d' außi kimmst, du Haderlump!

Miadei: Vata, schimpf den net, dem mei Herz g'hört.

Der Vater: So? So kimmst du daher? Is das die Ehrfurcht vor den grauen Haaren von dein Vata, du Luader du!

Miadei: Jessas!

Der Vater: Und dei Religion? Kennst du net Gottes Gebot, du Loas, du miserablige?

Seppei: Großbauer, dös reut di no auf dein Totenbett, was d' jetzt g'sagt hast.

Miadei: I ko nimma glückli wer'n in dem Leben.

Seppei: Du zerreißt den Faden der Kindesliebe gewaltsam.

Der Vater: Herrgottsakrament!

Seppei: Bleib stark, Miadei, i laß net von dir.

Der Vater: Deandl, i gib dir mein väterlichen Fluach, wann der Mensch no a Minuten im Zimmer is.

Miadei: Jessas, geh Seppei, geh Seppei!

Seppei: Also muaß i, und nacha in Gott's Nam. Siehgst Miadei, i hätt di durchs Leben trag'n auf meine starken Arm', koa Stoandl hätt di ang'stoßen...

Der Vater: Gehst net, du Bazi, du ganz schlechter!

Seppei: I geh! Pfüat di Gott Miadei, mi siehgst nimma! Ab. Feierliche Stille. Der Vater nimmt den Hut ab. Miadei schluchzt.

Der Vater: Es is hart, wenn man streng sei muaß. Das Herz hat mir bluat, aba die Ehre is das Höchste von an Bauern, und mei Tochter derf koan Dienstboten heirat'n. Des war gegen die sittliche Weltordnung. So, Miadei, jetzt hör amal 's Rotzen auf, sonscht schlag i dir's Kreuz o, du Loas, du miserablige.

Miadei: O, mei liaba Bua!

Der Vater: Jetzt geh i zum Wirt, du ehrvergessene Tochta, und trink no a sechs, a sieben, an acht Maß Bier. Und du bet dawei zu dein Herrgott, daß er di auf den rechten Weg bringt, du Malafizkrampen, du ganz verdächtige. Geht hinaus. Poltern. Stühle- und Tischumschmeißen. Teller klirren.

Miadei kniet: Der Himmlvata wird no alles recht machen.

Zweiter Akt

Miadei sitzt auf einem Stuhl und strickt: Jetz is a Jahr, daß mei liaba Bua in Kriag furt is, und seit zwoa Monat hab i nix mehr g'hört davo, seufzt, i – ja! Und der Vater laßt sie net derweichen. Jessas, da kimmt er. Spektakel wie im 1. Akt.

Der Vater total betrunken: Herrgottsakrament!

Miadei vorwurfsvoll. Scho wieder an Rausch, Vata!

Der Vater: Red net so dumm daher. Hast, hast net g'hört, daß der bayrische Löwe den französischen Hahn derworfa hat. Da g'hört si für an Bayern, daß ma dös feiert.

Miadei seufzt: I – ja!

Der Vater: So fest wia unsere Berg steht die Treue zum angestammten Herr... Herr... Herrgottsakrament, Herrscherhaus, daß das woaßt, du Schlitt'n, du ausg'franzter.

Miadei: Ja, aber die tapferen Krieger, de wo die Siege erfochten haben, de ehrst du net.

Der Vater: Aha, du moanst an Seppei. Da werd nix drauß. Ein scharfer Pfiff ertönt hinter der Szene. Dann der Ruf »Miadei «, nochmals ein Pfiff.

Miadei: Dös war an Seppei sei Stimm! Allmächtiger Gott! Seppei tritt herein, die Brust voller Orden, eine Militärmütze auf dem Kopfe. Miadei fliegt ihm entgegen und schreit: Seppei!

Der Vater: Halt! Da bin i aa no do.

Seppei: Großbauer, i bi nimma der arme Deanstknecht. Schau her! Deutet auf seine Orden. De hab i mir g'holt auf'n Schlachtfeld.

Der Vater: I liab mei Vaterland, du Hanswurscht, du dappiger, i liab's aus vollem Herzen, wia'r a Kind sei Muatta liabt.

Miadei: Nacha muaßt aa den liaben, der wo's verteidigt.

Der Vater: Dös is was anders. De feste Ordnung ist vom Herrgott g'setzt, daß de Tochta von an Bauern koan Knecht heiraten derf.

Seppei: Wo steht dös?

Der Vater: Dös steht in unserm Herzen g'schrieben.

Miadei: Na, Vata!

Der Vater: Ja, sag i, du triaugete Stallatern!

Seppei: So schmeißt also du den Sieger von Orleans außi?

Der Vater: I muaß, und wenn's mi aa hart o'kimmt.

Seppei: Miadei, im heißesten Schlachtgetümmel is mir net so z'Muat g'wen, als wia in dera Stund! Der Säbelhieb von dem französischen Kürassier hat mi net a so g'schmerzt, als wia der Abschied vo dir, du armes Deandl.

Der Vater: Jetzt halt amal 's Mäu, du Bluatsmensch!

Der Postbote: A Briaf, a Briaf!

Der Vater: Vo wem?

Seppei hat den Brief genommen: Dös is unserm Kini sei Handschrift.

Miadei: Vom Kini? Von...

Der Vater: Von unserm Kini? Was schreibt de Majestät?

Seppei: Glei, glei... liest vor: »Es ist mein allerhöchster Wille, daß der Großbauer von Wall seine Tochter dem Unteroffizier Josef Brandstetter gibt, für bewiesene Tapferkeit.«

Der Vater: Steht dös wirkli drin?

Postbote: Jawoll, so hoaßts.

Der Vater: Wenn der Kini dafür is, ko da Großbauer net dagegen sein. In Gott's Nam, heirats enk halt.

Alle rufen: Es lebe der Kini und das Bayerland!

Die Musik spielt die Königshymne. Bengalische Beleuchtung. Alpenglühen und Bergfeuer.

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