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Der Münchner im Himmel

Ludwig Thoma: Der Münchner im Himmel - Kapitel 35
Quellenangabe
typesatire
booktitleDer Münchner im Himmel
authorLudwig Thoma
year1992
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11493-2
titleDer Münchner im Himmel
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Tochter des Feldwebels

Historisches Festspiel

Personen:
Ein General
Ein Oberst
Ein invalider Feldwebel
Unteroffiziere
Soldaten
Der preußische Genius
Der preußische Aar
Ein hoher Beamter
Ein höherer Beamter
Ein höchster Beamter

Zeit: Gegenwart

Ort: Preußen

Erste Szene

Festlich geschmückte Bühne. Verschiedene mit Lorbeer geschmückte Büsten. In der Mitte eine Stange, auf welcher der preußische Aar sitzt; seine Flügel sind beweglich und rauschen, wenn man an der hiezu angebrachten Schnur zieht. Es ist der erste September, Sedanstag. Auf der Bühne stehen Unteroffiziere, Soldaten, Invaliden, Volk. Ein General, ein Oberst, ein Hauptmann, ein Leutnant, ein Feldwebel treten auf.

Der General:
's ist Sedanstag, der Tag des großen Siegs,
Wo Deutschlands stahlbewehrtes, treues Heer
In eiserner Umarmung rings den Feind
Erdrückte und im Grimm zu Boden schlug,
So wie des Himmels Wächter, Michael,
Der tapfren Deutschen Schlachtenschutzpatron,
Dereinst den giftgeschwoll'nen Drachen schlug;
's ist Sedanstag, wo wir dem neuen Reich
Die erste Perle in das Diadem
Einfügten, noch bevor es recht erstand,
Es ist der Ehrentag für die Armee,
Plä... plä... plä...

Die Kinnlade des Generals fällt herunter; sie hat sich durch frühere Reden aus dem Gelenke verschoben. Ein Unteroffizier stürzt vor und richtet dem General die Kinnlade ein.

Der General:
Ich danke dir, mein Sohn. – Es ist der Tag,
Wo die Armee sich so mit Ruhm bedeckt,
Und sich den Schlachtenlorbeer um die Stirne wand,
Der in Jahrtausenden noch frisch ergrünt,
Es ist der Tag, wo Preußens stolzer Aar,
Zur Sonne lenkte den erhab'nen Flug.

Ein Unteroffizier zieht an der Schnur. Der preußische Adler auf der Stange rauscht mit den Flügeln.

Ihr alle, die ihr tragt den bunten Rock,
Vom Offizier bis zum gemeinen Mann herab,
Die ihr das Kleid der Ehre euer nennt,
Euch wölbt am heut'gen Tag ein Hochgefühl
Die breite Brust... plä... plä...

Dem General fällt wieder die Kinnlade herunter: ein Unteroffizier stürzt vor und richtet sie ein.

Der General:
Ich danke dir, mein Sohn! – Ein Hochgefühl
Braust durch die Adern, und das heiße Herz,
Das ungestüm an eure Rippen pocht,
Es sagt mit jedem Schlage, den es tut:
Ich bin das Höchste, Beste auf der Welt,
Ich bin Soldat, ein preußischer Soldat!
Hurra! hurra! hurra!

Alle stimmen brausend ein, ein Unteroffizier zieht lebhaft an der Schnur, so daß der Adler fieberhaft mit den Flügeln schlägt.

Oberst tritt vor:
Exzlenz! Remment! Erhab'nes Wort,
Wie Flamme lodert, Gut und Blut,
Den letzten Tropfen, schönsten Tod,
Die Fahne, Ehrenbanner, nie zurück,
Wenn Tod und Teufel, König, Vaterland!
Hurraaa!

Der invalide Feldwebel:
Verstattet mir bei diesem Fest ein Wort!
Ich bin ein Krüppel, seht ihr, denn mein Bein,
Es liegt in Frankreichs Erde irgendwo;
Bei Sedan traf mich der verdammte Schuß,
Der mir für immer nahm der Jugend Kraft.
Doch hört mich gut, ihr Jungen, die ihr jetzt
Wie einstens wir dem Vaterlande dient,
Nie hat mich Alten dieser Schuß gereut,
Die Kugel traf mir Knochen nur und Fleisch,
Doch nicht den Mut, nicht das Soldatenherz.
Das blieb gesund und frisch. Ich wußte ja,
Verlor ich auch das bißchen Menschenglück,
Mir blieb erhalten noch das beste Teil,

brüllt furchtbar:

Die Ehre blieb mir, ja! Die Ehre blieb,
Das andre gab ich für den König hin,
Und wahrlich, nie hat mich der Schuß gereut!

Tränen rollen in seinen weißen Bart, der General umarmt ihn stürmisch.

Der General:
Mein Kamerad! Mein tapfrer Kamerad,
Erlaube mir das herzlich traute Du,
Zusammen lagen wir in Feindesland,
Gemeinsam hielten wir die treue Wacht.
Ein Lagerfeuer hat uns oft gewärmt,
Drum sind wir Freunde, Brüder sind wir uns,
Es schwindet jeder Rangesunterschied,
Ein jeder ist dasselbe, ist Soldat,
Drum Kamerad, gib deine tapfre Hand.

Schüttelt ihm herzhaft die Hand, während alle Anwesenden in Hurrarufe ausbrechen. Im Hintergrunde erscheint bengalisch beleuchtet der preußische Genius – als Erzengel Michael.

Der preußische Genius:
So ist es recht! Mein Herz ist hocherfreut,
Weil mir beschieden war, dies Bild zu schau'n.
Vernehmt, und hütet treu als gold'nen Schatz,
Was ich euch sage. Stets wird Preußens Heer
Den höchsten Ruhm genießen, wenn ihr so
In dem Bewußtsein alle einig seid:
Die größte Ehre leihet euch der Dienst,
Die größte Ehre leihet euch der Rock,
Ihr seid des Volkes Blüte, seid sein Schmuck,
Das Banner rauscht als heiliges Symbol,
Nicht über einen – über alle hin;
Die Ehre ist der Menschheit höchstes Gut,
Daß sie euch allen gleich beschieden ward,
Sei bis zum letzten Tage euer Stolz!
Seid dankbar! Dankbar! Dankbar!
So wie euch dankbar ist das Vaterland.

Verschwindet. Alle stehen tief erschüttert. Dem General fällt die Kinnlade herunter. Die Augen des Adlers (rote Glühlichter) leuchten, während er wieder mit den Flügeln rauscht. Bengalisches Feuer. Kanonenschläge. Die Musik spielt die Wacht am Rhein. Der Vorhang fällt.

Zweite Szene

Bureau eines hohen Beamten. Der hohe Beamte ist von seinen Untergebenen umringt.

Der hohe Beamte:
Nun, meine Herren, ich habe mich verlobt.

Die Untergebenen:
Wir gratulieren! Gratulieren! Gratulator!

Der hohe Beamte:
Es ist ein hübsches Mädchen aus dem Volk,
Gebildet, häuslich, tugendhaft und lieb!

Die Untergebenen:
Dem schönen Bunde alles Erdenglück!

Der höhere Beamte tritt auf:
Mahlzeit! Was wollt' ich sagen? A propos
Mein Bester, ist es wahr, Sie sind verlobt?

Der hohe Beamte:
Seit gestern, ja.

Der höhere Beamte:
So? So? Wer ist die Braut?

Der hohe Beamte:
Die Braut heißt Maier.

Der höhere Beamte:
Und der Herr Papa?

Der hohe Beamte:
Er ist ein königlicher Sekretär.

Der höhere Beamte:
Man munkelt, doch ich weiß es nicht bestimmt,
Daß er Feldwebel war?

Der hohe Beamte:
Gewiß. Das stimmt.

Der höhere Beamte:
Feldwebel! Ehemals Kommißsoldat,
Nichts als Kommiß?

Der hohe Beamte:
Sie hören recht.

Der höhere Beamte:
Na, sagen Sie, mein Bester, glauben Sie,
Daß die Verbindung nicht sehr stark chokiert?

Der hohe Beamte:
Der Mann hat sich stets tadellos geführt.

Der höhere Beamte:
War tadellos? Na, tadellos ist gut,
Doch glaub' ich schwerlich, daß es ganz genügt;
Dort kommt der Höchste, der Sie nun vielleicht
Darüber aufklärt.

Der höchste Beamte tritt auf:
Äh, a was ist doch?
Sie sind, so ward ich heute informiert,
Verlobt. Der Vater Ihrer lieben Braut
War mal Soldat, so 'n Unteroffizier?

Der hohe Beamte:
Feldwebel.

Der höchste Beamte:
Ei, da sieh! Von solchem Rang?
Feldwebel war er? Und Sie nahmen an,
Wir geben wirklich Ihnen den Konsens?

Der hohe Beamte:
Er trug des Königs Rock.

Der höchste Beamte:
Sehr schön gesagt.
Doch bitte keine Phrasen! Diesen Rock
Trägt der Gemeine auch. Wir sollen wohl
Demnächst erleben, daß sich unser Kreis
Mit Töchtern von Gefreiten unterhält?

Der hohe Beamte:
Verzeihung, Exzellenz. Ich dachte...

Der höchste Beamte:
Sie dachten nicht,
Sonst hätten Sie die Sache überlegt,
Und mußten wissen, daß Sie Ihrem Rang
Mehr Rücksicht schulden.

Der hohe Beamte:
Exzellenz, der Mann,
Zwei Ehrenkreuze trägt er auf der Brust,
Und beide hat im Krieg er sich verdient.

Der höchste Beamte:
Das soll mir imponieren? Denken Sie?
Ich schätze diese Dinge richtig ein,
Man braucht sie ganz gewiß; denn für das Volk
Sind sie verwendbar. Ist mal so ein Fest
Von Veteranen, Schützen, Feuerwehr,
Dann laß ich ab und zu mich auch herbei,
Den guten Leutchen dies und jenes Lob
Zu sagen; schüttle wohl auch mal die Hand
Von dem und jenem. All das kann man tun.
Doch eines nicht. Man macht sich nicht gemein
Mit Leuten niedern Ranges. Das entehrt!

Der preußische Genius erscheint.

Der Genius:
Das war ein gold'nes Wort zur rechten Zeit!
Die Ehre ist des Amtes bester Teil;
So wie ein blanker Spiegel wird sie rasch
Vom leisen Hauch getrübt. Gewiß, es hat
Des Feldes Webel auch ein Menschenrecht,
Und der Begriff von Ehre lebt in ihm.
Ein andres ziemet dem gemeinen Volk,
Und wieder andres ziemt dem hohen Amt.
Dies unterscheidet immer, streng und ernst!
Nur so gedeiht des Preußen Vaterland.

Der Genius verschwindet von der Bühne und der hohe Beamte vom Schauplatz.

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