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Der Münchner im Himmel

Ludwig Thoma: Der Münchner im Himmel - Kapitel 31
Quellenangabe
typesatire
booktitleDer Münchner im Himmel
authorLudwig Thoma
year1992
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11493-2
titleDer Münchner im Himmel
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Mucki

1

Auf Schloß Riedenburg herrschte lebhaftes Treiben. Galt es doch heute die Vierzehner Husaren, welche in Riedenburg und Freudenberg einquartiert werden sollten, gebührend zu empfangen, galt es doch, die tapferen Reiter nach dem scharfen Ritte zu erquicken und ihnen zu zeigen, daß des Königs Rock überall geehrt wird, wo treue Deutsche wohnen.

Der Besitzer Riedenburgs, Graf Sacken, legte die letzte Hand an die Toilette.

Wie er vor dem Spiegel stand und den starken Schnurrbart, in welchen der Herbst des Lebens graue Fäden gewoben hatte, strich, konnte er sich eingestehen, daß er noch immer in männlicher Vollkraft stand.

Besonders heute, wo seine Augen so eigen leuchteten, als erinnere ihr feuchter Glanz an die schöne, verschwundene Zeit, da er selbst in herrlicher Jugendblüte bald den feurigen Araberhengst tummelte, bald den Eisengeschossen der Feinde die tapfere Brust darbot.

Und wenn er sich dieses Kompliment nicht selbst machte, so konnte er es bald von zartem Frauenmunde hören. Im Rahmen der Türe erschien Gräfin Sacken.

Jeder Zoll eine Fürstin!

Man sah es ihr an, daß in ihren Adern das Blut der einst hochgefürsteten Waldow-Zeschlitz rollte, daß sie der Reihe ruhmreicher Ahnen entstammte, welche vor Akkon das Banner der Kreuzfahrer auf die feindlichen Wälle pflanzten.

Heute huschte ein zartes Lächeln über die sonst aus Stein gemeißelten Züge, wie Sonnenschein über den Marmor Carraras.

Der Graf, ein Kavalier aus der alten Schule, eilte auf die Gemahlin zu und küßte ihr nach einer ritterlichen Verbeugung die Hand.

»Adelaide«, flüsterte er in verhaltener Leidenschaft, »ist dir der heutige Tag keine Erinnerung? Bebt in dir nichts? Zittert in dir nicht der Nachklang jener seligen Stunde, wo ich zum ersten Male, den Dolman in der eisernen Faust, vor die errötende Jungfrau hintrat und in den erglühenden Wangen, in den leuchtenden Augen die Erwiderung der seligsten Gefühle las und zum ersten Male den Grund legte zu dem erhabenen, beglückenden – äh – Bunde –«

Hier mußte Graf Sacken Atem holen...

In dem schlanken Körper der Gräfin arbeitete etwas.

Dann brach es hervor mit ungestümem Jauchzen:

»Orthur!«

In der mächtigen Erregung sprach sie das »A« so tief aus.

Die Abendsonne schickte ihre Strahlen in den Salon und beleuchtete die Gruppe der beiden, welche sich umschlungen hielten. – – Lange, lange. – – –

2

Komtesse Mucki saß auf dem Kirschbaume.

Ihr reizendes Oval blickte durch die Zweige über die Gartenmauer auf die staubige Landstraße, welche von Rebendorf nach Riedenburg führt.

Von dorther sollten die Husaren kommen.

Komtesse Mucki war in jenem Alter, wo die Jungfrau sich entwickelt, wie der Schmetterling aus der Raupe.

Ihr Gesichtchen verriet noch die reizende Naivität der Kindheit, und doch blickten die Augen schon so abgrundtief, so eigen, als sähen sie das süße Geheimnis, als träumten sie von Liebesglück und Liebesleid.

Die schwellenden Formen zeigten, daß sie Weib geworden war, und doch schien sie wiederum ein Mädchen, wenn man den üppigen Zopf sah, welcher bis zur Hüfte niederfloß.

Mucki pflückte eine Kirsche nach der andern und aß sie mitsamt den Steinen. Dabei schaukelte sie sich neckisch auf dem Aste und baumelte mit den Füßchen.

Heute sollen die Husaren kommen. Die Husaren!

Was das nur ist, so ein Husar?

Und wie sie aussehen werden?

Papa hatte ihr einmal zu Weihnachten einen Nußknacker geschenkt, der eine rote Uniform anhatte; die Augen waren ganz klein, der Mund schrecklich weit, und unter der Nase war ein großer, großer schwarzer Schnurrbart.

Ob alle Husaren so aussehen? Prrr!!

Mucki schüttelte ihren reizenden Körper und wäre beinahe vom Aste heruntergefallen. Dann pflückte sie wieder Kirschen und aß sie mitsamt den Steinen.

In diesem Augenblicke zeigte sich auf der Straße eine mächtige Staubwolke, welche näher und näher kam.

Nun sah man blitzende Waffen, hörte das Trappeln der Pferde, dröhnende Kommandorufe, und da fiel auch schon die Musik ein mit einem schmetternden Marsche.

In geraden Reihen, Roß und Reiter wie aus einem Gusse, so zogen die stolzen Scharen an der Gartenmauer vorüber, und mehr als ein gebräuntes Männerantlitz blickte zum Kirschbaume empor, wo aus den grünen Zweigen zwei Mädchenaugen auf sie herunterblickten, wie glänzende Sterne am Nachthimmel.

In der letzten Reihe ritt ein junger Leutnant. Die edelgeformten Züge, der starke schwarze Schnurrbart, die blitzenden Augen, das alles gab ein Bild männlicher Schönheit. Als er am Kirschbaume vorbeikam, stieg sein Streitroß in die Höhe, gehorchte aber zitternd dem Drucke der ehernen Schenkel.

Mucki stieß einen Schrei aus, der Leutnant blickte nach oben, und da tauchten ihre Augen ineinander, lange und tief, fragend und bejahend. Eine Saite klang in ihrem Innern, und die Schwingungen bebten fort in den Herzen der beiden.

Mucki stieß sich vom Baume herunter. Ihre Brust hob und senkte sich stürmisch, traumverloren irrten ihre Blicke umher, und von ihren Lippen kamen leise, leise die Worte: »Also das ist ein Husar?? – – – !«

3

An der glänzenden Tafel saßen die ritterlichen Gestalten der Offiziere. Neben der Dame des Hauses hatte der Oberst Platz gefunden.

Die Liebenswürdigkeit, welche seine Züge erhellte, vermochte ihnen doch nichts von der gewaltigen Energie zu nehmen, welche darin ausgedrückt lag.

Man fühlte es unwillkürlich: dieser Mann mußte furchtbar sein, wenn er an der Spitze der todesmutigen Scharen in die feindlichen Karrees einhieb oder beim Schmettern der Trompeten mitten in die feindliche Batterie sprengte, Tod und Verderben sprühend und alles vor sich niederwerfend, die erbeutete Fahne in der Linken, und mit der Rechten noch sterbend das Hoch auf den König ausbringend.

Ob wohl seine Gedanken jetzt auf den Schlachtfeldern weilten? Auf der Bahn zum Ruhme im Schlachtengrollen und Pulverdampf? Wer weiß es??...

Die Gedanken der jungen Leutnants waren sicherlich freundlicheren Dingen zugekehrt. Wie sie so träumend vor sich hinblickten, wie ihre Augen aufleuchteten in seliger Erinnerung, da konnte man es wohl deutlich sehen, daß sie eingedenk waren süßer Stunden und an ein Paar frischer, roter Lippen dachten. –

Der Fisch war abserviert, und die Diener eilten mit den mächtigen Bratenschüsseln herbei.

Der Oberst erhob sich und klopfte mit dem Messer an den Champagnerkelch. Mit dröhnender Kommandostimme sprach er: »Kammrraden! Wir Hussarren sind überall zu Hause. Der rauhe Krieger bettet sein Haupt unbekümmert auf den harten Stein und den weichen Pfühl. Aber wenn er so gastliche Hallen findet, wie heute wir, dann fühlt er doppelt, daß es sein Beruf ist, die Heimat zu schützen.

Und wenn der König ruft, sei es gegen den inneren oder den äußeren Feind, dann wollen wir einhauen, jawoll, einhauen, wie es Sr. Majestät Hussarren geziemt.

Kammrraden! Die Dame des Hauses Hurra! Hurrraaa! Hurrraaaa!«

Jubelnd fielen die Krieger in den dröhnenden Ruf ein, und in ihren Augen leuchtete es wie Schlachtenfreude und Todesmut.

4

Das Souper war beendet und die Tafel aufgehoben.

Gräfin Sacken hatte die ehrfurchtsvollen Verbeugungen der Offiziere mit majestätischem Verneigen ihres Hauptes erwidert und sich mit Mucki zurückgezogen.

Die jugendliche Komtesse blickte unter der Türe noch einmal rasch zurück nach der Stelle hin, wo der schöne Leutnant stand.

Graf Schlupf, so hieß der Glückliche, fing den Blick auf, und das selige Aufleuchten in seinen großen Augen bewies Mucki, daß auch er sie gesucht hatte.

Dann verschwand sie wie ein holdes Traumbild.

Schlupf preßte die Hand an das kühne Herz. Sein Oberst sprach mit ihm, aber das Unerhörte geschah:

Er hörte die Worte seines von ihm mit glühender Begeisterung verehrten Vorgesetzten nicht.

Seine Blicke irrten an ihm vorbei, sie huschten durch die Türe, den Gang entlang, wo sie immer noch einen reizenden braunen Zopf suchten.

Und als der Oberst sich ungnädig abwandte, da fühlte Schlupf wohl, wie sein Herz sich schmerzlich zusammenzog, aber der Magnet zog ihn unwiderstehlich an, und plötzlich, er wußte nicht wie, stand er im Palmenhause.

In dem magischen Lichte des Mondes, welches durch die Fenster hereinflutete, erblickte er eine Gestalt, deren Anblick ihm das Blut zum Herzen und wieder zurück jagte.

Sie war's! Im reizendsten Negligé! Da brach es aus ihm hervor, wie ein zurückgehaltener Bergstrom, der plötzlich die Dämme überflutet.

»Komtesse! Mucki!« jauchzte er, »Sie sind es? Nein, laß mich dich Du nennen in dieser einsamen Stunde, wo uns niemand belauscht, als die keusche Luna. Muß ich dir erst sagen, was ich für dich fühle, wie meine Pulse dir entgegenschlagen, und wie mein ganzes Ich sich verzehrt – äh – sich verzehrt in unnennbarer Sehnsucht, in brennendem Verlangen, wie mein ganzes bisheriges Leben in schalem Nichts versinkt vor der Wonne des ersten seligen Augenblickes, wo unsere Augen ineinander flossen und die Wogen über mir zusammenschlugen, äh, äh, äh...«

Schlupf merkte erst jetzt, daß ihm der vordere Zahn im Schwalle seiner Worte herausgefallen war, und er wandte deshalb den Kopf zur Seite.

Mucki aber flüsterte errötend: »Teuerster Graf, ich komme im Augenblicke wieder, ich muß noch einen Gang machen.«

Dann enteilte sie, so rasch sie konnte.

Es war ihr so eigentümlich weich geworden.

Sie wußte nicht, ob von den Kirschen oder der großen Liebe. – – –

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