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Der Münchner im Himmel

Ludwig Thoma: Der Münchner im Himmel - Kapitel 30
Quellenangabe
typesatire
booktitleDer Münchner im Himmel
authorLudwig Thoma
year1992
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11493-2
titleDer Münchner im Himmel
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Woldemar

Woldemar von Plassow, Leutnant der Reserve im zweiten Gardegrenadierregiment und nebenbei Staatsanwalt am Landgerichte zu Berlin, saß in einem der feinen Restaurants und blickte düster vor sich hin.

Außer ihm war kein Gast in dem spärlich beleuchteten Lokale; der Pikkolo übte sich auf dem Billard in Kunststößen, und der Oberkellner stand träumerisch an das Büfett gelehnt und gähnte hinter der vorgehaltenen Hand. Draußen wirbelten die Schneeflocken und hüllten die Erde in eine weiße Decke, die jeden Laut verschlang.

Die feierliche Stille schlich durch die Fenster herein und breitete sich aus in dem Zimmer.

Man hörte nur das Ticken der Uhr und das Knirschen der Billardkreide, dann wieder das eintönige Klappern der Bälle.

Es war Christabend.

Von Plassow las alle Zeitungen, welche auflagen.

Er las die Schilderung des germanischen Julfestes, an welchem bekanntlich die mit Tierhäuten bekleideten Ahnen eine Wildsau verspeisten.

Er las acht Novellen, welche von Damen verfertigt waren und das alte Mädchen zum Gegenstand hatten, das an diesem Abende doch noch zu einem Manne kommt.

Er überzeugte sich aus einem Dutzend Noveletten, daß heiratsfähige junge Damen immer noch zu dem armen Flickschneider im fünften Stocke gehen und den sieben Kindern desselben persönlich bescheren, wobei sie dann von einem jungen Manne überrascht werden, der in seiner Gutherzigkeit denselben Zweck verfolgte.

Er sah, daß auch heuer wieder der kleine Schiffsjunge im Mastkorb von der Heimat träumte und der alte Junggeselle mit Tränen in den Augen eine verblichene Photographie betrachtete und seufzend fragte, warum er sie eigentlich nie geheiratet habe.

Dies alles stimmte von Plassow nachdenklich.

Die seligen Kinderjahre traten vor sein geistiges Auge. Er sah sich selbst, wie er als blondgelockter Junge vor dem lichterstrahlenden Christbaume stand, und wehmütig, soweit er dies als Staatsanwalt vermochte, verglich er das Einst mit dem jetzt.

Der Zauber der Christnacht begann auf ihn zu wirken.

Ihm kann sich ja kein deutsches Gemüt entziehen. – – Sollte er verdorren wie ein Baum, der keine Äste treibt, sollte es immer so einsam um ihn bleiben, so einsam?

Er sah, wie in diesem Augenblicke der Oberkellner wiederum den Mund zu einem weiten Gähnen öffnete, und Ekel erfaßte ihn vor diesem öden Gasthausleben.

Wie anders, wenn er in seinem trauten Heim säße und die blonden Jungen um ihn spielten und ihm jubelnd die Geschenke zeigten.

Und wenn er dann den Aufhorchenden das Märlein vom Christkinde erzählte, das durch den deutschen Wald fliegt, wie die schneebedeckten Äste sich vor seinem lichten Glanze neigen und ein leises Singen durch den dunklen Forst ertönt. Die Augen wurden ihm feucht. Er griff rasch nach dem Taschentuche.

Da fühlte er ein knisterndes Papier und zog ein verknittertes Kuvert aus der Tasche.

Richtig, das hatte er ganz vergessen. Hastig öffnete er es und las:

 
»Zur Bescherung ladet Euer Hochwohlgeboren ein

ergebenster
Nathan Pinkus,
Kommerzienrat.«
 

Seltsame Fügung!

Von Plassow las die Zeilen wieder und wieder.

Dann stand er in plötzlichem Entschlusse hastig auf, griff nach Mantel und Hut und verließ das Lokal.

Der Oberkellner wünschte ihm gähnend vergnügte Feiertage, und der Pikkolo machte einen Kicks, der schrill durch den Saal tönte. –

Eine halbe Stunde später hielt er die Tochter des Herrn Kommerzienrates Pinkus in seinen Armen, welche verschämt lispelte: »Ich hab' schon gemeint, du wirst nie kommen, Woldemar!«

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