Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Thoma >

Der Münchner im Himmel

Ludwig Thoma: Der Münchner im Himmel - Kapitel 28
Quellenangabe
typesatire
booktitleDer Münchner im Himmel
authorLudwig Thoma
year1992
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11493-2
titleDer Münchner im Himmel
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Liebe um Liebe

Eine patriotische Stimmung

Durch Stoppelfelder und frisch gemähte Wiesen rollte ein Eisenbahnzug, und die buttergelbe Herbstsonne glänzte in die Fenster eines lackierten Salonwagens, der sich überhaupt in dieser Umgebung recht sonderbar ausnahm.

Darin saß Prinz Xaver, ein Seitensprosse des königlichen Hauses, und fuhr mit seinem Adjutanten, Rittmeister Baron Schröfel, nach Weißkirchen zur Landwirtschaftlichen Ausstellung, die unter sein Protektorat gestellt worden war.

Weil aber hier Herablassung und dort Untertanenliebe gezeigt werden sollte, hielt man überall; und wo größere Menschenmengen sich dem Auge darboten, fragte Prinz Xaver seinen Begleiter: »Muaß i?«

»Einen Augenblick, Königliche Hoheit!« antwortete alsdann der Baron und sah in seinem Notizbuche nach. »Faistenhamm... Kirchdorf... 163 Seelen... katholisch... 37 Pferde... 281 Stück Rindvieh... ja... Königliche Hoheit... da ist's vorgemerkt.«

Und Prinz Xaver hielt das edle große Haupt zum Fenster hinaus und blickte durch seinen Kneifer, den er nur bei solchen Anlässen trug, auf einige fette Herren, die das besitzende und bessere Publikum vorstellten.

»Diese Gegend«, sprach der Prinz, »ist sehr lieblich.«

»Han?« fragte ein Posthalter oder Tafernwirt, der mehr Treue als Schliff besaß.

»Diese Gegend, sie ist sehr reizvoll«, wiederholte der Prinz.

»Jawoi, Königliche Hoheit!«

»Sie ist von sanften Höhen durchzogen und mit Wäldern bedeckt...«

»Jawoi, Königliche Hoheit!«

»Aber das Auge erblickt auch fruchtbare Felder, welche den Fleiß des Landmannes belohnen und... und«

»Jawoi, Königliche Hoheit!«

»Und...«

»Saftige Matten...« soufflierte der Adjutant.

»... und saftige Matten, welche dem kernigen Vieh dieses Volkes... welche dem Vieh dieses kernigen Volkes Nahrung bieten.«

Prinz Xaver rückte den Zwicker, der ihm von der schwitzenden Nase heruntergeglitten war, zurecht, und der Posthalter oder Tafernwirt schaute mit geistlosen Augen in die ebenso blauen des Königssprossen, und er fühlte, daß nunmehr die Aufgabe an ihn herangetreten war.

»Königliche Hoheit... diese Gefiehle, wo ins heute besäligen... durch dieses, daß Sie hier durchfahren und für Kinder und Kindeskinder...«

Die Lokomotive pfiff, und da legte der Tafernwirt die ganze ungeheure Treuherzigkeit seines Landes in den Satz: »Pfüad Good, Königliche Hoheit, aufs Wiederschaugen, und kemman S' halt wieda zu ins außa...« Er entschwand den gütigen Blicken des Fürsten, der sich in die Kissen zurückwarf, und sagte: »Dös hätt' ma wieda! Wo muaß i denn 's nächstmal?«

»Einen Augenblick, Königliche Hoheit!« antwortete Baron Schröfel. »... Sünzing... nein... Matzling... 214 Seelen... katholisch... 311 Stück Rindvieh... in Matzling werden Königliche Hoheit wieder sprechen.«

»O jegerl!« seufzte der Prinz und wiederholte gewissermaßen im Geiste jene Rede des Wohlwollens und lebendigen Interesses.

Nach zwei langen Stunden fuhr der Zug in Weißkirchen ein, wo ein Beamtenkörper, eine ergeben lächelnde Geistlichkeit, wo Veteranenvereine, Feuerwehren und Schützen, wo alles, was repräsentieren durfte, den kleinen Bahnhof füllte, nach vorwärts gedrängt von einer wimmelnden Menge, die in dem aussteigenden Prinzen, der sein quellendes Fleisch in eine blitzblaue Uniform gepreßt hatte, alles Anverwandte und Angestammte erblickte und darüber in ein gellendes Hoch ausbrach.

Ein kleiner, stülpsnäsiger, aufgeregter Herr gab sich dem Prinzen durch viele und schnell wiederholte Bücklinge als den zu erkennen, der hier als Erster zu beachten war, und als einen Titularregierungsrat und vorstehenden Chef des Bezirks.

Dicke Herren mit mehr landwirtschaftlicher Färbung der feisten Gesichter und Hälse wurden in zweiter Reihe als Tierärzte und Ökonomieräte und verdiente Braunoder Fleckviehzüchter erkannt, und in veralteten, seit Jahren die Bäuche nicht mehr bedeckenden Gehröcken schoben sie sich vor, und ehe es sich der Prinz versah, war er von Leuten umringt, die als starke Esser viel animalische Wärme und als treue Untertanen eine ungemeine Ergebenheit ausstrahlten.

Und da ihre patriotischen Gefühle nirgends hinauskonnten, nicht durch die verknüllten Hosen, nicht durch die krampfhaft geschlossenen Westen, so drängten sie sich schweißtreibend nach oben und saßen hinter schwimmenden Augen, die sich auf ihr prinzliches Ebenbild richteten.

Der stülpsnäsige Herr hielt eine Rede, in der alle Gefühle, die weder er noch sonst wer hegte, in Superlativen ausgedrückt waren, und niemand lehnte sich innerlich dagegen auf.

Im Gegenteile hörte Prinz Xaver mit tiefem Ernste die erhabenen Tugenden aufzählen, die ihn und sein Haus schmücken sollten, obgleich er es doch besser wissen mußte, und gleichermaßen hörten alle Festgäste, die von Weißwürsten kamen oder zu Weißwürsten gingen, daß sie in diesem Augenblicke den Schwur der Treue erneuert hätten und Gut und Blut opfern wollten.

Ja, und darauf mußte etwas gesagt werden.

Der hohe Protektor umfaßte mit einem wohlwollenden Blicke diesen Patriotismus, der um ihn herum schwitzte und schnaubte, und sagte es.

»Diese Gegend«, hub er an, »sie ist sehr lieblich. Sie ist von sanften Höhen durchzogen und mit Wäldern bedeckt. Aber das Auge erblickt auch fruchtbare Felder, welche den Fleiß des Landmannes belohnen und... und...«

»Seine Königliche Hoheit lebe hoch!« schrie jetzt verfrüht, unzeitig und taktlos der Zimmermeister Schlegel, der immer etwas voraushaben mußte.

»Und saftige Matten...« fuhr Prinz Xaver fort, aber das Hoch hatte im Pulverfasse der angestammten Liebe gezündet, und die brausenden – oder auch donnernden – Rufe übertönten die letzten Worte vom Vieh des kernigen Volkes.

Der Protektor lächelte gerührt und wurde zum Wagen verbracht, rechter Hand die Stülpsnase, linker Hand den dicksten Fleckviehzüchter.

Er fuhr durch beflaggte Gassen an schreienden Menschen vorbei, grüßte allerleutseligst, sah die Herzen, die ihm entgegenschlugen, Triumphbögen, die sich wölbten, und langte auf dem Festplatze an, wo es nicht minder laut blökte, quiekte und brüllte von treuen Haustieren, die ihren Lärm nur so und unwissend warum vollführten. Da sah Prinz Xaver alles, was unter sein Protektorat gestellt worden war. Breitnackige Stiere, die ihn böse anblickten, wollige Schafe, die ihm mild ins Auge schauten; braune, gelbe, weiße Kühe, die ihre Rücken hoch zogen, wenn sie behaglichst ihre Wasser rinnen ließen, Kälber und Schweine.

Die Stülpsnase erklärte eifrig, aber ein besserer Menschenkenner, als Prinzen sind, hätte wohl merken können, daß der bewegliche Beamte auch nicht mehr verstand als der Protektor, welcher nur lebendige Eßwaren in dem Getier sah.

Auch in der viktualischen Abteilung überkamen Prinz Xaver mehr reflektierende als züchterische Vorstellungen. Bei den Krautköpfen dachte er an rosiges Surfleisch, beim Sellerie an gebratene Gänse, bei Kartoffeln an den Fürst und Volk einigenden Nierenbraten, und Rettiche sah er gebeizt, und Zwiebeln geschmort. – Als man zuletzt noch die Hühner, denen man harte und weiche Eier, Ochsenaugen und Rühreier verdankt, besichtigt, gut befunden und gelobt hatte, war so eigentlich die Aufgabe der Königlichen Hoheit erledigt.

Aber eine neuzeitliche Sitte ließ den Prinzen nicht sogleich zur Ruhe kommen.

Es geht ein demokratischer Zug durch unser Volk.

Die Tage, da es in alle Schulbücher kam, wenn der Fürst einen kleinen Mann aus dem Volke leutselig ansprach, sind vorüber, und heute spricht der kleine Mann leutselig den Fürsten an.

Ein Spenglermeister aus Sünzing fand hier den Mut, indem er vortrat, nach Bier roch und treuherzig sagte:

»Geh, Königliche Hoheit, unterschreiben S' de Kart'n an meine Spezeln, daß de aa r' a Freud hamm!« Die Stülpsnase winkte ihm strenge ab, jedoch der Prinz lächelte und setzte seinen Namen auf die fettige Postkarte.

Ein schöner Moment trat ein. Fürst und Untertan Auge in Auge, und der wackere Spengler traf den Ton des echten Volksstückes, als er sagte:

»Königliche Hoheit... dös... dös... kimmt unter Glas und Rahmen, und in hundert Jahr no müass'n d' Leut' sehg'n...«

»Ist schon gut«, sagte die Stülpsnase und schob den Redner ungnädig weg, denn er roch wirklich sehr stark nach Bier, und auch wollten nun viele die gleiche Gnade erlangen.

»Königliche Hoheit... an insern G'sellenverein... dös war an Ehr' für Kinda und Kindeskinda...«

»Königliche Hoheit... an insern Stammtisch 'De Grüabig'n'...«

Den Prinzen überkamen väterliche Empfindungen, er hielt diese Leute für anhängliche Kinder, ihre Wünsche für naiv, und er hatte keine Ahnung davon, daß hier gar nichts ehrlich oder tiefwurzelnd war, außer seiner eigenen Beschränktheit.

Er schüttelte gütig alle Hände, die sich in seine Rechte schoben, kalte und warme, trockene und feuchte, er unterschrieb wohlwollend alles und setzte seinen Namen neben Ober- und Niedermayer unter ihre Fröhlichkeit.

»Menschen... Menschen san mir alle... Jakob Schanderl, Xaver, königlicher Prinz... Eins... zwei... drei... g'suffa!... Es lebe die Viecherei! Hans Breitsameter, Jakob Leistl, Xaver, königlicher Prinz...«

Die Karten wanderten hinaus in die Kneipen des Landes, und wenn sie gleich nicht Ehrfurcht in Kindern und Kindeskindern erregen konnten, spannen sie doch Fäden vom zünftigen Prinzen zu zünftigen Stammtischen. Neue Fäden zum alten Bande, das Volk und Herrscherhaus verknüpft.

 << Kapitel 27  Kapitel 29 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.