Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Thoma >

Der Münchner im Himmel

Ludwig Thoma: Der Münchner im Himmel - Kapitel 27
Quellenangabe
typesatire
booktitleDer Münchner im Himmel
authorLudwig Thoma
year1992
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11493-2
titleDer Münchner im Himmel
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Die unerbittliche Logik

Karlchen war dritter Staatsanwalt beim Landgerichte Salona in Kalabrien geworden. Seit zwei Tagen hatte er nichts zu tun. Absolut nichts. Er beherrschte die Buchstaben A bis G, und da die meisten Spitzbuben in Salona Müller oder Schulze heißen, liefen bei ihm nur sehr spärlich die Anzeigen ein. Manchmal versiegte die Quelle gänzlich. Das wäre nun an sich kein Unglück gewesen. Denn auch die dritten Staatsanwälte lieben mehr den Anschein der Überanstrengung als diese selbst.

Aber das Unangenehme war, daß Karlchen sich diesen Anschein nicht geben konnte. Denn in Salona werden die Denunziationen gerade so wie die Hunde und Radfahrer mit fortlaufenden Nummern versehen. Und so kam es, daß eines Tages der erste Staatsanwalt unser gutes Karlchen vor sein Antlitz heischte.

»Guten Morgen, Herr Kollega!« sagte der erste.

»Ich erlaube mir ganz ergebenst, guten Morgen zu wünschen, Eure Hochderogeboren!« sagte der dritte.

»Was haben wir heute für einen Datum, hum?« fragte der erste, noch ganz freundlich.

»Wir haben heute Mittwoch, den 14. März, wenn mir Euer Hochderogeboren zu bemerken gestatten«, erwiderte Karlchen eifrig und war sehr froh, daß er sich durch seine Kenntnisse nützlich erweisen konnte.

»So, so? Das ist also... Das sind also seit dem 1. Januar wieviele Tage? Warten Sie nur! Einunddreißig und dreißig...«

»Der Februar haben achtundzwanzig Tage«, unterbrach hier Karlchen etwas vorlaut.

»Also einunddreißig und achtundzwanzig«, fuhr der erste in schärferen Tone fort, »das sind... das sind achtundfünfzig...«

»Neunundfünfzig, wenn Euer Hochderogeboren...«

»Also neunundfünfzig... oder so beiläufig, unterbrechen Sie mich nicht«, sagte der erste sehr ungnädig, »achtundfünfzig und vierzehn, das sind zweiundsiebzig oder so beiläufig. Nicht wahr?«

»Ja, beiläufig«, stimmte Karlchen rasch zu und war wieder sehr stolz, daß er seine Meinung abgeben durfte.

»Zweiundsiebzig Tage«, wiederholte der erste, während er den Untergebenen durchbohrend anblickte, »zweiundsiebzig Tage, und Ihr Anzeigeregister weist ganze dreiundvierzig Nummern auf, ganze dreiundvierzig Nummern! Das ist noch nicht eine für jeden T... Tag! Herr, wie kommt das?«

»Entschuldigen vielmals! Pardon! Wenn ich mir zu bemerken gestatte...«

»Wenn Sie sich was zu bemerken gestatten?«

»Daß... äh... daß... leider... zu meinem eigenen Bedauern... sehr großen... Bedauern... nicht mehr Anzeigen eingelaufen sind«

»So? Und das ist Ihre Entschuldigung? Mit solchen Gründen belegen Sie eine höchst sonderbare... Ja, eine höchst sonderbare Saumseligkeit. Muß ich Ihnen erst sagen, daß ein pflichttreuer Staatsanwalt in allem und jedem das strafbare Moment entdecken kann? Muß ich wirklich?«

»Nein, gestatten Euer Hochderogeboren... aber...«

»Es gibt kein Aber. Ich sage Ihnen offen, daß ich meine jungen Staatsanwälte nach ihrer Nummernzahl qualifiziere. Dreihundertfünfundsechzig das Jahr ergibt Note 2. Majestätsbeleidigungen zählen dreifach. Ich habe Ihnen nichts Weiteres mitzuteilen. Guten Morgen!«

»Erlaube mir ganz ergebenst, guten Morgen zu wünschen«, murmelte Karlchen und ging rückwärts zur Tür hinaus.

Der erste sah ihm nach und sprach in dem Augenblicke, wo das Schloß einklinkte: »T... Tummer Mensch! Ein sau-t-tummer Mensch!« –

Karlchen kehrte höchst mißmutig in sein Bureau zurück. Er war gekränkt. Er wußte, daß niemand größern Diensteifer hegte als er, daß niemand lieber anzeigte, anklagte, denunzierte, – und da! da hatte er den Lohn für die tüchtigste Gesinnung, die je in einem Behördenmenschen steckte!

Er glotzte mit seinen wasserblauen Augen trübselig zum Fenster hinaus. Ratlos. Was war zu machen, wenn die Hunde alle mit H anfangen? Da fiel sein Blick auf die letzte Nummer des satirischen Wochenblattes 'Der Wauwau'. Er las sie, und ganz zufällig las er auch den Namen des verantwortlichen Redakteurs: Dr. Derkow... »Derkow fängt mit D an, und Majestätsbeleidigungen zählen dreifach. Hm!«

Er besah sich das Blatt noch einmal, und zwar mit den Augen des Staatsanwaltes, welcher das strafbare Moment sucht.

Auf der zweiten Seite war ein Bild. Irgendein König saß auf dem Throne, über dem als Wappenbild ein Papagei angebracht war. Links und rechts waren ebenfalls zwei Papageien.

Unter dem Bilde stand etwas Ungeziemendes, etwas, was ich mit »höchst illoyal« bezeichnen möchte.

Karlchen dachte nach. 'Der Wauwau' ist ein Blatt mit sehr anrüchiger Tendenz; der Witz ist ebenfalls sehr anrüchig. Zwei Momente wären gegeben. Es kommt darauf an, wer derjenige ist, welcher auf dem Throne... aah! Hurra! Hat ihn schon!

Karlchen war entzückt vom Stuhle aufgesprungen und durchmaß mit großen Schritten das Bureau. Er verschränkte die Arme und begann ein Selbstgespräch, während er sich vor den Spiegel stellte. »Herr Doktor Derkow, ich habe die Ehre!« Hier machte Karlchen eine Verbeugung. »So, so? Herr Doktor Derkow? Sie sind zwar schlau, sehr schlau sogar« – hier verbeugte er sich wieder- »aber es gibt Leute, die Ihnen gewachsen sind! Sehr gewachsen sind.« Bei diesen Worten drückte Karlchen das linke Auge zu. »Sie sollen sehen, daß vor der unerbittlichen Logik Ihre Hüllen zu Boden fallen.« Dies Letzte sprach er in drohendem Tone, und auf seine Stirne legten sich düstre Falten.

Noch denselben Tag schrieb er dreißig Seiten und beschuldigte auf jeder den Redakteur des 'Wauwau', daß er den König von Kalabrien höchst roh und gemein beleidigt habe.

An einem herrlichen Maientage mußte Derkow vor dem Landgericht erscheinen, um sich gegen diese Anklage zu verteidigen; denn das kalabresische Gesetz ist so abgefaßt, daß nichts zu klug für die Verteidigung und nichts zu dumm für die Anklage ist.

So ging er also hin, ruhig und gefaßt, aber lange nicht so heitern Gemütes wie Karlchen.

Der Gute hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Alle Zeitungen, welche den Fall im voraus besprachen, hatte er gekauft, und wo er in einem Artikel das Wort »Anklagebehörde« fand, unterstrich er es und schrieb an den Rand hinaus: id est Karlchen Bissinger, Königl. Kalabr. III. St. A.

Eine Stunde vor Beginn der Sitzung legte er die Robe an und studierte vor dem Spiegel einige bedeutende Posen. Feierliche Abnahme des Barettes, Aufrichten zur ganzen Höhe der sittlichen Entrüstung und Ausstrecken der Fangarme.

Die Verhandlung begann, – endlich, wie Karlchen in begreiflicher Ungeduld sagte. Im Saale war ein fürchterliches Gedränge. Die ganze Stadt wollte hören, wie das Gesetz mit dem boshaften Redakteur umspringen werde.

Derkow gab auf die Fragen des Vorsitzenden kurze, klare Antworten. Er begreife nicht, sagte er, wie er zu der Ehre komme, die Herren Richter zu so früher Morgenstunde begrüßen zu dürfen. Und er bedaure lebhaft, daß er sie vergeblich herbemüht habe. Aber er trage keine Schuld daran, er habe sich nicht erlaubt, den König von Kalabrien zu jenem verfänglichen Witze hinzuzudenken. Er nicht. Und dann schwieg er.

Jetzt erhob sich Karlchen, jeder Zoll ein Sicherheitsorgan.

Mit vibrierender Stimme begann er: »Das habe ich gewußt, meine Herren Richter, das habe ich vorausgesehen; ich habe gewußt, sage ich, daß jener Mensch nicht den Mut finden werde, sich frei zu dem zu bekennen, was ich ihm unterstellte. Er glaubt, auf diese Weise zu entrinnen. O nein! Meine Herren! Die Logik, die unerbittliche Logik hat nicht die Maschen, durch welche er entschlüpfen könnte. Seine Absicht ist versteckt, aber nur scheinbar. Betrachten Sie dieses Bild. Wir haben hier einen Thron. Also ist es ein König, der darauf sitzt. Wir haben als Wappenbild den Papagei; und da der Papagei sehr geschwätzig ist... und da ferner... und weil... und da... und weil... unser allergnädigster... das heißt...«

Hier blieb Karlchen stecken: er konnte nicht weiter. Einer der Beisitzer stellte sich hinter ihn, trat ihn furchtbar in die Kniekehle und flüsterte: »Maul halten! Sie Rindvieh!«

Es fiel ihm ein, daß er die unerbittliche Logik nicht zu Ende führen dürfe, er stotterte ein paar Worte, faßte sich endlich und sagte: »Kurz und gut, ich verlange diesen Menschen von Ihnen!«

Und dann setzte er sich; ziemlich niedergeschlagen und betäubt. Er hatte so wenig Kraft in sich, daß er sich nicht einmal über die Freisprechung des Dr. Derkow sittlich entrüsten konnte. Er holte dies andern Tages nach und sprach zwei Stunden lang mit dem staatsanwaltschaftlichen Hilfsschreiber über die zwingende Beweiskraft der unerbittlichen Logik und den bemerkenswerten Gehirnschwund bei älteren Richtern.

 << Kapitel 26  Kapitel 28 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.