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Der Münchner im Himmel

Ludwig Thoma: Der Münchner im Himmel - Kapitel 20
Quellenangabe
typesatire
booktitleDer Münchner im Himmel
authorLudwig Thoma
year1992
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11493-2
titleDer Münchner im Himmel
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Kino

Personen:

Xaver Hierlinger, Melber
Sophie Hierlinger, seine Frau
Sopherl, die Tochter
Andere Münchner
Andere Münchnerinnen

1

Vor dem Kino

HIERLINGER: Herrgottzaggerament-zaggera! I hab's ja z'erscht g'sagt.

FRAU HIERLINGER: Was hast g'sagt?

HIERLINGER: Mit enkern Schmarrn, hab i g'sagt... Dös waar ja a wahrs Unglück gwen, wenn i heut zu mein Tertl ganga waar! Na! Weil's a so a fada Sunntag is, muaß i mit da Familli in da Schdadt umanand zieahgn!

FRAU HIERLINGER: No woaßt, a bissel galant derfst scho aa no sei! Hockst a so de ganz Wocha im Kaffeehaus und kimmerst di net um ins!

HIERLINGER: Unta da Woch wer i mi aa no um enk kimmern! Da hast recht!

SOPHERL: Babbi, geh ma ins Kino! Da steht's, was geb'n werd.

HIERLINGER: Da werd scho was geb'n wern!

SOPHERL liest: Am gebrochenen Härzen – Erschitterndes Drama –

HIERLINGER: Am gebrochenen Härzen – dös mog i. Am... Ding... hätt i bald g'sagt.

FRAU HIERLINGER: Geh, tua di net gar a so äußern!

HIERLINGER:... Also, geh ma eini!

2

Im Kino. Dunkel

HIERLINGER: Herrgottzaggerament – zaggera!

DIENER: Stufä!

HIERLINGER: Ja, Stu-fä! Z'erscht laßt er oan abirumpeln! Was glaab'n denn Sie? Eine solchene Gehirnerschidderung!

EIN MÜNCHNER IM DUNKEL: Gar so vui werd si net erschiddern –

HIERLINGER: Wos werd net? Wer redt denn da überhaupts? So a Zigeuna!

STIMMEN: Bsst! Ruhä!

HIERLINGER: So a Pfundhamml, so a unappetitliche!

DER MÜNCHNER IM DUNKEL: Geh, tua di schleicha und schaug, daß d' dein Gipskopf aus da Platt'n außa bringst, sonst werd's ma unwohl! Du auftrieb'na Wassasüchtling!

HIERLINGER: Ah! Ah! Da...

FRAU HIERLINGER: Sei ruhig, Xaver! Gib dich doch mit einem soichen ordanären G'sindel nicht ab...

DER MÜNCHNER IM DUNKEL: Jäh! G'sindel! Sie möcht aa was sag'n, de g'scherte Heubod'nspinna!

FRAU HIERLINGER: Also so was Gemeins...

STIMMEN: Bsst! Ruhä! Sätzen! Die Familie Hierlinger setzt sich. Ein Landschaftsfilm wird abgehaspelt. Schwedische Wasserfälle, dazu weiche Walzermelodien. Hierlinger schaut sich immer wieder nach seinem Feinde um, der im Dunkeln sitzt.

HIERLINGER: Der hat mi aufg'warmt, der ung'hobelte Laggl, der!

FRAU HIERLINGER: Ich bitt dich, Xaver! Du mußt dich beruhigen, Xaver! Es wird hell. Hierlinger dreht sich wieder um und schaut drohend hin, der Feind schaut drohend her, da verklärt ein Lächeln das Gesicht eines jeden.

DER MÜNCHNER: Jetz is recht! Da Hierlinga!

HIERLINGER: Da Söllhuaba Beni!

SÖLLHUBER: Hätt ma ins beinah hart g'redt...

HIERLINGER: Im Dunkeln is guat munkeln, und was sich liebt, das neckt sich...

SÖLLHUBER: Aba bei deina Frau Gemahlin muaß i mi scho no eigens entschuldingen...

FRAU HIERLINGER: Ja – Sie!

SÖLLHUBER: Bitte halt vuimals – net wahr, gnä Frau! Wissen S' scho, wia's geht, wenn man si anand net kennt... Da gibt's oft de schlimmst'n Vawechslunga...

FRAU HIERLINGER: Ja – Sie!

HIERLINGER lacht: Du hast di scho a wengl weit außa lass'n mit deini tiaf'n Tön, mei Liaba...

STIMMEN: Bsst! Ruhä! Es wird dunkel. Nun kommt der Film: ›Am gebrochenen Herzen‹.

3

Schrift: Die ehemals gefeierte Schönheit Theresita Benzoni merkt, daß der Funke der Leidenschaft in ihrem Gemahle erloschen ist...

SÖLLHUBER ruft vor: Xari!

HIERLINGER: Wos?

SÖLLHUBER: Der dei aa?

HIERLINGER: Ja – ja – !Net zweni!

STIMMEN: Ruhä! Was is denn das für eine Auffierung?

ANDERE STIMMEN: De broatletschat'n Hauspascha!

SÖLLHUBER: Wia hoaß i?

STIMMEN: Sssssssssst!

Schrift: Sie beschließt, noch einmal mit der Macht ihrer Töne das Herz des geliebten Mannes zu rühren wie früher.

Bild: Eine Dame, mit aufgelösten Haaren, einem Doppelkinn und anderen sinnlichen Reizen, im Morgenrocke, sitzt am Klavier, hebt und senkt mit schöner Rundung die Hände und streicht die Tasten.

Er steht am Fenster, mit dem Rücken gegen sie.

Die Töne wirken. Man sieht es an den Händen, die er auf den Rücken hält.

Die Töne wirken stärker. Die Hände vibrieren. Er dreht sich um, sie schießt einen Blick auf ihn. Er kommt einen Schritt näher, zwei Schritte, bleibt stehen.

Sie klaviert weiter. Da kommt er ganz nahe und kniet neben ihr nieder.

Sie streicht ihm mit der Hand über die Haare. Er schaut sie an, sie schaut ihn an.

Lange, innig, tief.

Schrift: Einen Augenblick ist Carlo Benzoni dem alten Zauber, der einst so mächtig auf ihn eingewirkt hatte, verfallen. Schon aber steigt ein anderes Bild vor seinem geistigen Auge auf – Graziella – und – –

Bild: Er liegt noch auf den Knien vor ihr und blickt zu ihr auf. Da nehmen seine Augen etwas Starres an, dringen ins Leere. Aus dem Leeren drängt sich das Bild eines Frauenzimmers hervor.

Mit hochgeschnürtem Busen, kecken Augen, verführerischem Lächeln... Er steht auf, streckt die Hände sehnend aus nach dem Bilde, seine Augen treten hervor, das Bild verschwindet, er kommt zu sich, schaut seine Gemahlin kalt an, und sie läßt ihren Kopf sinken, mit einem Ruck, noch einem Ruck und einem Ruck, streckt die Arme aufs Klavier, den Kopf auf die Tasten, und ist in Schmerz aufgelöst.

Sie rinnt unterm Morgenrock auseinander.

Verwandlung.

Ein Auto fährt vor. Benzoni! Fährt durch mehrere Straßen.

Ein anderes Auto folgt im schnellsten Tempo. Theresita!

Das erste Auto hält vor einer Gartenvilla. Benzoni! Aus dem andern Auto steigt eine Frau und schaut ihm mit brennenden Blicken nach. Theresita! Ein Mann steigt über die Treppe. Benzoni! Verwandlung. In einem üppigen Boudoir liegt auf der Chaiselongue ein üppiges Weib. Graziella!

Sie horcht. Ihre Augen vergrößern sich. Ein Mann tritt ein. Benzoni! Man küßt sich.

Verwandlung.

Eine Frau wankt am Gitter entlang. Theresita! Wankt durch eine Straße, wankt durch noch eine Straße, wankt über eine Brücke, wankt in eine Gartenanlage, fällt um, fällt gegen einen eisernen Pfahl. Ist ohnmächtig.

Verwandlung.

Ein schneeweißes Bett in einem Spital. Eine Rote-Kreuz-Schwester nickt tieftraurig mit dem Kopf. Ein Arzt mit einem schwarzen Bart nickt tieftraurig mit dem Kopf. Eine Patientin liegt da. Auf dem weißen Bette erscheint der Schatten einer riesigen Hutschleife und stört die tiefe Traurigkeit.

HIERLINGER: Sie! Sie! Tean S' Eahnern Huat owa!... An Huat owa... sag i...

FRAU HIERLINGER ihre Tränen trocknend: Eine solchane Unvaschämtheit! Mit an solchan Trumm Schloafa...

HIERLINGER: Owa – sag i...

FRAU HIERLINGER: Was de Deanstbot'n für Hüat auf hamm...

HIERLINGER: Sie da vorn! Tean S' Eahnern Huat owa!

STIMMEN: Ssssst! Ruhä!... Sssst!

Der Film geht weiter. Die Kranke schlägt die Augen auf. Wo – bin – ich? Der Arzt lächelt human. Die Rote-Kreuz-Schwester lächelt human. Der Schatten der riesigen Hutschleife zittert in heftiger Bewegung. Der Schatten eines gebogenen Handgriffes eines Spazierstockes angelt nach dem Schatten der Hutschleife.

DIE HUTBESITZERIN greift nach ihrer bedrohten Kopfbedeckung: Hören S' auf! Führen S' Ihnen net so ungebüldet auf!

HIERLINGER angelt weiter: Je! De ander mit da Buidung! Setz'n S' koan solchan Datschi auf!

FRAU HIERLINGER: Dös g'hört si net für Deanstbot'n!

DIE HUTBESITZERIN: Hören S' auf! Hören S' auf, Sie Lümmel, Sie roher!

HIERLINGER: Eahna Kindabadwanna tean S' oba, Sie Bauernsocka, Sie gräuslicha!

STIMME: Werd heut gar koa Ruah?

ANDERE STIMMEN: Ssssssst! Ru-hä!

HIERLINGER: An Huat owa!

DIENER: Es muß absolute Ruhä herrschen...

Die Hutbesitzerin nimmt ihre Kopfbedeckung mit zornigen, ruckartigen Bewegungen ab.

Der Film geht weiter. Der Arzt fühlt den Puls und schüttelt schwermütig das Haupt. Die Ärmste wird von uns genommen werden. Das Harmonium setzt ein. Die Kranke lächelt und bewegt die Finger, als wenn sie Klavier spielte. Ihre letzten Gedanken gehören ihm und dem Klavier.

Verwandlung.

An der Schwelle des Krankenhauses sitzt ein Mann und starrt mit furchtbaren Blicken ins Leere. Benzoni.

Die Reue nagt an ihm. Immer stärker. Noch stärker.

Die Töne des Harmoniums schwellen an.

Verwandlung.

Der Arzt beugt sich über eine Tote. Sie ist dahin, und das Schicksal erfüllte sich. Zur Türe herein wankt Benzoni, wankt an das Bett, fällt über das Bett. Schluß.

Es wird hell.

Frau Hierlinger trocknet ihre rinnenden Tränen, Hierlinger sitzt betäubt und schnupft auf. Über seine dicken Backen rollen ebenfalls Tränen.

FRAU HIERLINGER seufzt tief: Ah... so was!

SOPHERL: Mammi... was g'schieht jetzt?

FRAU HIERLINGER: Han?

SOPHERL: Was tuat jetza der Mann von dera arma Frau?

FRAU HIERLINGER: Heirat'n tuat a wieda. An anderne.

SOPHERL: Woaß ma dös?

FRAU HIERLINGER: O ja! Dös woaß ma.

SOPHERL: Er is aba da so trauri g'wen!

FRAU HIERLINGER: O mei! Die Mäh...na! In an Vierteljahr speanzelt a scho lang mit einer andern...

HIERLINGER: Dös kennst net, daß dös lauta Schmarrn is?

FRAU HIERLINGER: Dös is aus 'n Leb'n geschöpft...

HIERLINGER: Ja! Am... gebrochenen... Härzen, sag' i... Geh' ma, sunst schöpfst d' a no was aus 'n Leb'n... sie stehen auf.

DIE HUTBESITZERIN: Da hört si alles auf! Der grobe Laggl, der unkultifierte, möcht mir an Huat abi stöß'n... und sei Schmieslmadam hat selba den größt'n Bletschari auf!

HIERLINGER im Abgehen: Tean S' Eahna halt'n, Sie! Sunst wer i ungalant, Sie Mistamsel, Sie abscheilige!...

HUTBESITZERIN: Ah! Ah...

FRAU HIERLINGER: Geh zu, Xaver! Mit keiner solchenen Sunntagsbagaschl streit man doch nicht!... Die Familie Hierlinger geht ab. Es wird dunkel.

DIENER: Es muß ab-solu-te Ruhä herrschen... Nächster Film.

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