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Der Münchner im Himmel

Ludwig Thoma: Der Münchner im Himmel - Kapitel 17
Quellenangabe
typesatire
booktitleDer Münchner im Himmel
authorLudwig Thoma
year1992
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11493-2
titleDer Münchner im Himmel
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Eine psychologische Studie

Ich heiratete also meine nunmehrige Ehegattin Marie am 4. Mai I903. Ich hatte mich zu diesem Schritte nach reiflicher Überlegung entschlossen. Was man auch immer gegen die Gründung des eigenen Hausstandes einwendet, so ist doch schwerlich zu leugnen, daß sie den Vollwert des Mannes bestimmt und seine Beziehungen zum Staate und zur menschlichen Gesellschaft richtiger gestaltet.

Erblickte ich schon hierin ausreichende Gründe zur Verehelichung, so kam noch hinzu, daß ich an Marie die Ansätze einer hübschen Bildung bemerkte, welche mich neben ihren häuslichen Tugenden zur Annäherung bewogen.

Mein Antrag wurde mit sichtlicher Freude angenommen, da ich teils durch mein nicht unbeträchtliches Vermögen, teils durch meine staatliche Stellung dem Mädchen eine sichere Zukunft bieten konnte.

Die vorbereitenden Schritte waren bald getroffen, und, wie gesagt, am 4. Mai trat ich in den Stand der Ehe. Ich muß hier eines Ereignisses gedenken, welches zwar nicht so sehr für die Öffentlichkeit bestimmt sein dürfte, immerhin aber seiner Eigenartigkeit wegen der Erwähnung nicht unwert ist.

Ich befand mich nämlich am Vorabende meiner Hochzeit in einer sonderbaren Lage. Strenge Erziehung und tüchtige Grundsätze hatten mich keusch erhalten.

Ich durfte von mir sagen, was Tacitus an unsern Voreltern rühmt, daß ich als Jüngling kein Weib berührte. Nun konnte ich mir aber nicht verhehlen, daß ich den Anforderungen der Ehe immerhin so viele Kenntnisse entgegenbringen mußte, daß ich nicht in dem Nötigsten unerfahren schien.

Es stand zu erwarten, daß meine Braut mütterliche Lehren erhielt, die sie befähigt hätten, meinen gänzlichen Mangel an Wissen zu erkennen.

Und das wäre vielleicht geeignet gewesen, die natürliche Ehrfurcht des Weibes vor dem Manne zu verringern, wenn nicht zu ersticken.

Diese Erwägungen waren stark genug, meine schamhafte Zurückhaltung zum Schweigen zu bringen, und ich beschloß, meinen Jugendfreund, den Neuphilologen Dr. Ernst König, zu befragen.

Man erzählte nämlich von ihm, daß er als Student mit der Tochter seines Hauswirtes Unerlaubtes getrieben habe. Auch war er schon einige Male in Paris gewesen, und es stand deshalb anzunehmen, daß er in dieser verbuhlten Stadt nicht ohne Anfechtung geblieben war. An ihn wandte ich mich also um Rat.

Es fiel mir keineswegs leicht, da ich seinen Spott fürchtete, und da überdies eine klare Fragestellung durch die Natur des Gegenstandes ausgeschlossen erschien.

Ich begab mich in seine Wohnung und sagte ihm, daß eine ungewohnte Lage mir den Mut gebe, das Außergewöhnliche zu tun. Ich sagte, daß ich Vertrauen hätte zu seiner Erfahrung, und bat ihn, mich in die Grundprinzipien einzuweihen.

Wie erstaunte ich aber, als er mir sagte, daß ihm die Sache nicht weniger fremd sei als mir, und daß alle Gerüchte über sein ausschweifendes Leben der Wahrheit entbehrten.

Oft habe ich ihn des Verdachtes halber in meinem Innern getadelt; jetzt aber regte sich in mir der Wunsch, er hätte lieber die Verfehlung begangen.

»Lieber Freund!« rief ich aus, »was soll ich beginnen? An wen mich wenden? Ich fürchte fast, diese Unerfahrenheit wird mir zum Schaden gereichen!«

»Wie sollte sie das?« antwortete er. »Ist die Keuschheit eine Tugend, so wird sie als solche und durch sich selbst niemals Übles wirken.«

»Zugegeben«, sagte ich, »aber in der Ehe gilt ihr Gegenteil als Pflicht. Zu ihrer Erfüllung ist jedoch nicht allein der Wille, sondern auch Kenntnis vonnöten.« Dieses Argument überzeugte ihn, und er gab mir weiterhin recht, daß es auch in diesen Dingen dem Manne zukomme, der Lehrer, nicht aber der Lernende zu sein. Wir schwiegen eine Weile.

Endlich reichte er mir die Hand und sagte: »Mut, Adolf! Vielleicht lehrt es dich die Natur. Sie, die so viele zum Laster treibt, kann nicht schweigen, wenn ihre Hilfe der Tugend zukommen soll.«

Das war gut gemeint, aber ich fühlte, daß ich mich nicht auf das Ungewisse verlassen durfte, und ich fragte Ernst, ob er keinen wisse, der sichere Auskunft geben könne und dabei des Vertrauens würdig sei.

Er nannte diesen und jenen; doch gegen jeden hatte ich etwas einzuwenden.

Plötzlich lächelte er freudig und rief: »Warum dachte ich nicht gleich an ihn? Niemayer ist ein Mann von echtem Schrot und Korn. Überdies ist er Professor der Zoologie und sohin auch wissenschaftlich mit der Sache völlig vertraut.«

Der Name bedeutete für mich eine Offenbarung. Auch ich kannte den angesehenen Gelehrten und wußte, daß er von gefaßtem und ernstem Wesen war.

Ich begab mich sogleich zu ihm und hatte das Glück, ihn in seiner Wohnung zu treffen.

Er hörte mich aufmerksam an.

Als ich geendet hatte, blickte er längere Zeit sinnend zur Decke des Zimmers empor und sagte dann: »Junger Mann, Sie hatten recht, das Paarungsgeschäft als ein eminent wichtiges zu betrachten und theoretisch zu untersuchen. Ich bin soeben in einer großen Arbeit über die Fortpflanzung gewisser Kerbtiere begriffen, und ich sage ihnen, daß ich ganz überraschende Neuheiten, ganz merkwürdige Neuheiten entdeckt habe. Da ist ja der Kollege Meinhold in Tübingen, welcher mich eines Irrtums zieh. Ha! ha! ha! Und dabei klebt dieser Mensch an längst überholten Ansichten und basiert auf Voraussetzungen, die ich genau vor zwanzig Jahren in meiner Habilitationsschrift widerlegt habe. Was sagen Sie dazu?«

Ich sagte, daß ich gegenwärtig mich nicht so sehr um die Fortpflanzung der Kerbtiere zu kümmern vermöge, wenn schon mir diese Materie äußerst wissenswert erscheine, allein in Anbetracht meiner nahestehenden Vermählung sei ich um anderes besorgt. Und ich wiederholte mein Anliegen.

Der würdige Gelehrte antwortete, daß ihn dieses in Erstaunen setze. Ich beruhigte ihn und versicherte der Wahrheit gemäß, daß ich bei ihm nur die theoretische Kenntnis vorausgesetzt hätte, daß aber in meinen Fragen kein unziemlicher Zweifel über seinen Lebenswandel enthalten sei. Meine Worte trugen den Stempel der Aufrichtigkeit und hatten auch den Erfolg, daß Dr. Niemayer seinen aufsteigenden Unwillen vergaß.

Ja, er wurde gegen den Schluß unserer Unterredung sichtlich freundlicher und schien geneigt, mein Vertrauen als Beweis der Achtung aufzunehmen.

Er bedauerte jetzt, mir keine Aufschlüsse geben zu können, und sagte: »Ich habe nie über diese Sache nachgedacht. Sie schien mir zu vulgär, zu allgemein bekannt. Es ließe sich gewiß ein Analogon mit den Säugetieren finden, aber Sie verstehen, wenn man zwanzig Jahre die Paarung der Kerbtiere wissenschaftlich beleuchtet, so findet man kaum Zeit, anderes zu beachten. Ich werde aber darüber nachdenken, und sollte ich Geeignetes finden, so werde ich nicht verfehlen, Ihnen darüber Mitteilung zu machen. Allerdings müßte ich erst mit meiner Arbeit fertig sein.«

Ich dankte und ging.

Und ich gestehe, daß ich in übler Stimmung war, als ich mich wieder auf der Straße befand.

Früher schien mir häufig die Versuchung so nahe zu liegen, daß ich ihr aus dem Wege ging, jetzt aber war sogar die Kenntnis dieser Dinge so weit entrückt, daß ich sie nicht erlangen konnte.

Meine Seele geriet in einen ganz erheblichen Zwiespalt, und ich war fast geneigt, für einen Fehler zu halten, was ich lange Jahre als Tugend empfunden und geübt hatte. In solchen Zweifeln begab ich mich nach Hause und ging mit mir selbst zu Rate.

Ich war entschlossen, niemanden mehr in das Vertrauen zu ziehen, da mir ein wiederholtes Fehlschlagen allzu peinlich erschienen wäre. Und schon dachte ich, gemäß den Worten meines Freundes König, die Stimme der Natur walten zu lassen, als mein Blick zufällig auf die Bände des Konversationslexikons fiel.

Es war ein rettender Gedanke. Zwar fand ich nicht alles, was ich suchte, und ich mußte bemerken, daß gerade das Wesentliche als bekannt vorausgesetzt war.

Immerhin aber konnte ich mir eine Fülle technischer Ausdrücke aneignen, die mich sicherlich in den Stand setzten, meiner Frau eine umfassende theoretische Kenntnis zu zeigen. Und dies konnte ja für den Anfang genügen, wenigstens zur Wahrung des Scheines. Ich schrieb die Worte auf ein Blatt Papier und ruhte nicht, bis ich alle meinem Gedächtnis einverleibt hatte.

Dieses Verfahren erwies sich als richtig, denn ich konnte den folgenden Abend, als ich mit Marie zum ersten Male allein war, meine natürliche Unruhe bemänteln und kam über gewisse Schwierigkeiten glücklich hinweg.

Übrigens schenkte ich in jenen Tagen dem deutschen Vaterlande einen Sohn.

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