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Der Münchner im Himmel

Ludwig Thoma: Der Münchner im Himmel - Kapitel 14
Quellenangabe
typesatire
booktitleDer Münchner im Himmel
authorLudwig Thoma
year1992
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11493-2
titleDer Münchner im Himmel
sendergerd.bouillon@t-online.de
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16

Telegramm.
Frau M. Käsebier an Frau Auguste Krause, Berlin NW, Lessingstr.

Florenz, 24. Febr., 10h vorm.

Absendet sofort eingeschrieben meinen Schmuck nach hier. Brief unterwegs.

Mathilde.

17

Frau M. Käsebier an Frau Auguste Krause, Berlin NW, Lessingstr.

Firenze, 24 febbraio.

Dearest Auguste!

in aller Eile möchte ich Dir auch brieflich mitteilen, daß und warum ich Dich um sofortige Sendung meines Schmuckes ersuchen mußte. Am 27. febbraio ist Rout beim Principe Orsini, und ich soll durch Conte Bonciani dort eingeführt werden!

Welch ein Glück, daß ich wenigstens eine Gesellschaftstoilette mitgenommen habe! Du hast hoffentlich den Schmuck sofort abgeschickt, damit er noch rechtzeitig eintrifft, denn Bonciani sagt, daß es florentinische Sitte ist, beim Rout Schmuck zu tragen, und daß die crème de la crème von Firenze an diesem Abend im höchsten Glanze erscheinen wird. Es ist die denkbar größte Ausnahme, wenn forestieri – Ausländer – zu solch intimem Abend eingeladen werden, und nur dem kolossalen Einfluß des Conte ist es gelungen, diese hohe Ehre für mich zu erreichen. Bonciani sagt, daß die großen Familien der Colonna und Orsini viel, viel exklusiver sind als die deutschen Fürstenhöfe, und daß es viel leichter ist, in der Wiener Hofburg Eingang zu finden als bei der altissima nobiltà hierzulande.

Dearest Auguste, Du hast doch ja den Schmuck sofort abgeschickt!?!

Das Telegramm habe ich heute vormittag aufgegeben, wenn er noch am 24. abging, muß ich ihn unbedingt am 26. abends, oder längstens am 27. früh haben.

Verzeih, daß ich Dir die Mühe machte, aber Du verstehst doch, wie viel mir daran liegt, bei diesem Abend repräsentativ zu erscheinen!

Viele, viele Grüße an Dich und alle Lieben von

Eurer felicissima Mathilde.

18

Frau Mathilde Käsebier an Frau Kommerzienrat Wilhelmine Liekefett in Neukölln.

Firenze, 24 febbraio.

Sweet Darling!

Heute schreibe ich Dir so beseligt und glücklich wie noch nie. Denke Dir nur, Bonciani hat es durchgesetzt, daß ich zum Rout des Principe Orsini eingeladen wurde, eine Ehre, nach der die vornehmsten Mitglieder der deutschen Kolonie vergeblich schmachten!

Ach! Wie vollkommen wäre erst mein Glück, wenn ich mit Dir an der Seite unseres Gentiluomo in den hohen Saal eintreten dürfte! Ich habe meine absinthfarbene Charmeuse mit Perlstickerei mitgenommen. Du kennst ja das Kleid und kannst Dir denken, wie froh ich bin, daß ich diese Eingebung hatte, und meine Schwägerin wird mir auch meinen Schmuck schicken, den ich ihr zum Aufheben gab. Ich wollte ihn ja unbedingt mitnehmen, aber Fritz widersprach so heftig, daß ich nachgab. Nun muß ich ihn nachkommen lassen. Darling, ich kann Dir gar nicht beschreiben, wie ich mich freue, daß ich durch eine Fügung des Himmels Eingang in diese exklusivsten Kreise gefunden habe.

Wir bleiben nun auf jeden Fall noch länger hier, obwohl Fritz sehr drängt, daß wir sobald als möglich über Rom und Neapel nach Hause fahren; aber ich lasse mir unter keinen Umständen diese wundervolle Gelegenheit rauben, mit der altissima nobiltà Verbindungen anzuknüpfen, die doch nur ganz, ganz wenige Menschenkinder finden.

Mit den Sehenswürdigkeiten bin ich ohnehin so ziemlich fertig, und ich kann mich vollkommen dem gesellschaftlichen Leben hier widmen, und Bonciani sagt, daß eine Einladung bei Orsini mir die Tore aller Palazzi öffnet, und daß ich mich darauf gefaßt machen muß, die begehrteste Persönlichkeit zu werden. Es sei nur schade, sagt er, daß die Saison bereits zu Ende geht. Aber der Rout bei Orsini gilt immer noch als Clou, und jedenfalls lasse ich mir hier noch eine Gesellschaftstoilette anfertigen. Was sagst Du zu schwarzem Samt und Goldbrokat? Mein französisches Jackenkostüm ist todschick geworden und hat gestern in den Cascinen Aufsehen erregt.

Zwei Damen in einem eleganten Dogcart haben sich nach mir umgedreht, und Bonciani sagte mir, es sei eine principessa Colonna mit ihrer Schwester gewesen, und er hätte mich sogleich vorgestellt, aber leider fuhren sie schon in die Stadt zurück, und wir konnten doch auch nicht umkehren und sie einholen.

Ach, Darling, das Leben ist doch schön!

Wenn ich nun ein bißchen in den Strudel des high life untertauche, muß Lilly eben allein die Museen besuchen, und ich finde es sogar sehr gut, wenn sie selbständig an ihrer künstlerischen Bildung weiter arbeitet.

Sie hat an meiner Seite alles Wesentliche gesehen und kann nun noch etwas mehr ins Detail gehen.

Fritz nimmt mich – gottlob – gar nicht in Anspruch. Er sitzt Tag und – – Nacht! – mit einem Berliner Professor zusammen und ist selig, daß er hier deutsche Kneiper gefunden hat.

Nun – chacun à son goût!

Übermorgen – – Darling!

Es klingt fast wie ein Märchen, daß man bei den uralten Familien Orsini zu Gast sein soll, in einem salone, in dem schon die berühmtesten Leute des Cinquecento mit ihren grandes dames geweilt haben.

Der Principe Strozzi wird, wie Bonciani sagt, ganz bestimmt auch dort sein, und da er ein Vetter von ihm ist, werde ich mit ihm in nahe Fühlung kommen.

Che combinazione grandiosa!

Good by, sweet darling! Voglimi bene! Addio con tutta anima.

La tua

Mathilde.

19

Friedrich Wilhelm Käsebier an Frau Auguste Krause in Berlin NW, Lessingstraße.

Florenz, 27. Februar.

Liebe Juste!

Du hast wohl'n Keber gehabt, daß Du meiner Droomsuse ihre ganze Brillantinenausstattung geschickt hast, und wenn se Dir auch telegrafisch darum gebeten hat, denn hättest Du doch bei mir anfragen können, ob sie nich 'n bißchen schwach im Koppe jeworden ist. Und ich hätte Dir dann schon uffgeklärt.

Seit ein paar Tagen war sie reine weg vor lauter Grandezza, ich war ihr schon zu jemischt, und sie quasselte bloß mehr von Strozzi und Orsini und Einladungen und Routs und habte sich so und tat sich dicke, als wenn sie 'ne geborne Hohenzollern wäre und mal ein bißchen die italienischen Fürstens bemuttern müßte. Na, ich dachte mir, sie war ja immer nich ganz unwohl und hat mal wieder 'n jroßen Traller, aber das dicke Ende kam nach oder wäre nachgekommen, wenn nich gerade noch die Polizei Vorsehung gespielt hätte.

Gestern uf'n Abend geht in unserm Hotel ein Mordsradau los, denn im Zimmer von 'ner Amerikanerin war 'ne Tasche mit Schmuck un Jeld jemaust worden, und er kam gerade dazu, wie der Kerl aus dem Zimmer flitzte, und nu scheste er los, ein, zwei Treppen runter, den Korridor lang und rin ins Klosett, aber mein Amerikaner immer hinterher, und wie er'n hatte im Doppelnull, schreit er nach Kellner und Hausknecht, und denn is auch gleich das halbe Hotel vor dem Geheimkabinett, und wie sie die Türe aufbrechen wollen, kommt der Kerl heraus, als wenn nischt wäre, und wer is es? Der elegante, todschicke verflossene Attaché, Conte Bonciani! Hat sich aber was mit dem Conte, weil ihn die Polizei schon kannte, und er is bloß von der serbischen haute volée, 'n geprüfter und approbierter Hoteldieb aus Belgrad, so 'n Petrowitsch Gregorowitsch Lumpowitsch. Er hatte doch die liebe Mathilde so schön betimpelt, und wenn er man bloß bis heute hätte warten wollen, denn konnte er mit Brillanten beladen abschwimmen, und Deine seelensgute Schwägerin hätte keinen Ton gesagt, weil se doch viel zu vornehm is, und von wegen der hohen Verwandtschaft, die der Mussiö Lumpowitsch mit die Orsinis hat.

Nee! Ich denke, der Affe laust mir, wie sie mir im ersten Schrecken das Geständnis machte, daß sie heute bei Fürstens Tee schlabbern wollte und sich den Schmuck bestellte, den ihr det Aas dann geklaut hätte.

Ich habe ihr aber 'n Licht uffjesteckt. Mathilde, sagte ich, so 'ne Leute wie dein verewigter Conte sind Menschenkenner, und nun kannst du dir an die Finger abklawieren, warum er gerade dir seine Vornehmigkeit präsentiert hat. Der kennt dem lieben Jott sein Reitpferd und weiß Bescheid, und so was kommt immer von so was.

Nun tu mir den einzigsten Gefallen, Auguste, und schicke uns nicht 'n ganzen Möbelwagen nach, wenn wir vielleicht noch näher mit dem italienischen Adel bekannt gemacht werden, und grüße mir Deinen Karl, der sich 'n Ast lachen wird.

Herzlich Dein Bruder Fritze.

20

Frau M. Käsebier an Frau Kommerzienrat Wilhelmine Liekefett in Neukölln.

Firenze, 1 marzo.

Darling!

Gestern noch wollte ich Dir auf Deinen Brief antworten, in dem Du mir Glück wünschest zu meinen Erfolgen in der Florentiner Gesellschaft, aber Deine Worte rührten aufs neue meinen Schmerz auf, und ich brachte es nicht über mich, Dir das Schrecklichste mitzuteilen.

Was ist das Leben? Was ist unser Glaube an alles Gute und Schöne?

Ich bin so grausam enttäuscht, daß ich den Glauben an die Menschheit definitiv verloren habe, und nie, nie mehr werde ich jenes harmlose Vertrauen auf die edlen Seiten der menschlichen Natur zurückgewinnen.

Denke Dir – nein, die Feder sträubt sich, es hinzuschreiben – dieser Bonciani – oder nein, er heißt ja nicht so, er ist aus Belgrad und soll sich Gregorowich nennen – jedenfalls ist er Dieb und Hochstapler in einer Person.

Wie kann man sich so täuschen! Allerdings, er hatte Manieren, wie sie nur bei den upper ten thousand vorkommen, und er soll ja auch aus einer serbischen Adelsfamilie stammen, aber dennoch – –!

Er hatte es auf meinen Schmuck abgesehen, der ja nicht in seine Hände gefallen ist, aber das Erwachen aus diesem Traume war doch fürchterlich!

Erlasse mir die ausführliche Schilderung, Darling, meine Seele ist wund, und Du kennst ja Fritz und weißt darum, daß er nicht das Zartgefühl hat, meine Empfindungen zu schonen!

Ach!

Kurz und gut, am Tage vor dem Rout bei Orsini, oder richtiger vor dem Feste, das der Nichtswürdige mir vorgetäuscht hatte, wurde er als Dieb entlarvt und festgenommen, und ich muß noch froh sein, daß der Hotelier von der fälschlichen Einladung bei Orsini nichts sagte, und daß er auf meine Bitte hin darüber Schweigen bewahren will, sonst würde ich – es ist fürchterlich auszudenken – als Zeugin vor Gericht kommen.

Dieses Schrecklichste wenigstens scheint mir erspart zu bleiben. Es ist ja genug, daß Fritz mit einer wahren Freude in meiner Wunde wühlt und diese willkommene Gelegenheit benützt, um seine wirklich niedrigen Ansichten triumphierend zu verkünden.

Es soll uns nun einmal nicht beschieden sein, die Ideale hochzuhalten, und alles Erhabene muß in den Kot gezogen werden.

Laß mich schließen, Darling. Du verstehst mich und meinen Schmerz, und das ist mir eine Beruhigung in diesen trüben Tagen. Wir reisen morgen nach Roma, und vielleicht läßt mich der Anblick der ewigen Stadt diese Erlebnisse vergessen.

Die Kunst ist doch die einzige, nie versiegende Quelle der reinen Freuden, und meine Begeisterung für sie wird trotz aller hämischen Bemerkungen erst recht wieder emporlodern.

Ich nehme Abschied von Florenz, an das sich für mich eine so unsäglich bittere Erinnerung knüpft, und schicke Dir tausend, tausend Grüße und Küsse.

Deine tieftraurige Mathilde.

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