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Der Münchner im Himmel

Ludwig Thoma: Der Münchner im Himmel - Kapitel 13
Quellenangabe
typesatire
booktitleDer Münchner im Himmel
authorLudwig Thoma
year1992
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11493-2
titleDer Münchner im Himmel
sendergerd.bouillon@t-online.de
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13

Frau Mathilde Käsebier an Frau Kommerzienrat Wilhelmine Liekefett in Neukölln.

Firenze, 21 febbraio.

My Darling!

Nun sind wir schon den dritten Tag hier, und ich kann mich nicht erholen vor Bewunderung über diese unsagbare Kunst und Kultur, welche hier einmal geherrscht hat. Man fragt sich doch unwillkürlich, wie es möglich war, daß im finstern Mittelalter doch auch eine gewisse Bildung vorhanden war. Ich denke es mir so, daß sie damals natürlich selten war und nicht allgemein, wie jetzt unter uns, und daß sie dann aber sehr stark bei einzelnen Leuten war und sie zu solch herrlichen Leistungen befähigte.

Du siehst, Darling, man wird hier ganz von selbst auf Schritt und Tritt zum Nachdenken angeregt, und man befaßt sich hier mit Problemen, zu denen man daheim im Hasten und Treiben des gesellschaftlichen Lebens leider nur allzu selten kommt.

Freilich haben wir ja bei Schulte und Cassierer häufig Anregung, und wir können sogar, was mir hier sehr fehlt, durch Aussprache mit bedeutenden Geistern oder bekannten Kunstkritikern unser eigenes Fühlen und Denken ergänzen, aber ich fühle doch hier, daß uns auch die Vergangenheit unsagbar vieles zu bieten vermag.

Oft wünsche ich mir hier eine starke Hand, die mich durch die Renaissance hindurchleitet, wie unsere Kritiker zu Hause durch die moderne Kunst, aber das ist nun mal ein unerfüllbarer Wunsch.

Ja, ich finde sogar für mein inneres Erleben so gar keine gleichgestimmte Seele, denn Lilly, so sehr sie sich bemüht, ist eben doch zu jung, und mein Mann – – Dearest Wilhelmine, oft frage ich mich, wie eigentlich das Leben zwei so widerstrebende Naturen zusammenführen konnte, und wie ich meine Ideale in einer solchen nüchternen Umgebung unberührt bewahren konnte. Zu Hause fühlte ich das ja nicht so sehr, wo ich Dich und einen Kreis von Gebildeten habe, aber hier befällt mich doch oft die schreckliche Gewißheit, daß ich nie, nie verstanden worden bin!!

Doch, ich will nicht klagen, sondern dankbar sein, daß ich wenigstens all dieses Schöne und Interessante in mich aufnehmen kann. Wir haben schon gleich in den ersten zwei Tagen die Gemäldesammlungen Uffizien, Pitti und Accademia, und das Bargello und auch die wichtigsten Kirchen erledigt, aber ich sehe aus dem Baedeker, daß wir noch sehr viel zu absolvieren haben.

Da ist es doch auch wieder eine Erholung, daß ich mit Lilly zum five o'clock gehe, wo wir entzückende Musik hören und die elegante Welt sehen können.

Denke Dir nur, ein sehr schicker Herr hat sich uns vorgestellt, ein Conte Bonciani, welcher dem italienischen Uradel angehört, so etwas ganz Vornehmes, weißt Du, wie bei uns der schlesische Adel, den man in der Hedwigskirche sieht.

Er verwechselte mich mit einer Gräfin Schlieffen, die er in der deutschen Gesandtschaft kennen gelernt hat, und der ich außerordentlich ähnlich sehe, wie er sagt. Er war Attaché in Wien und München und spricht sehr gut Deutsch, nur mit italienischem Akzent, was ganz entzückend ist.

Er macht mir ein bißchen den Hof, aber ganz in den Grenzen eines Grand-Seigneur von der alten Schule, und hat so chevalereske Manieren, wie man sie eben doch nur bei so echten alten Familien findet. Wenn er hier von einem Palazzo Strozzi oder so spricht und so ganz nonchalant sagt, daß er seinem Onkel gehört, fühlt man doch, welcher vornehmen Tradition man hier begegnet, und ich sagte ihm auch, wenn er je einmal nach Berlin kommt, muß er uns besuchen, und ich gebe dann einen großen Abend.

Morgen ist ein concours hippique in den Cascinen, und Bonciani will mich und Lilly dorthin führen; Fritz wird uns nicht begleiten. Er hat hier ein Bierrestaurant gefunden und das, was er gemütlich nennt, und er will sich in diesen Seligkeiten nicht stören lassen. Ich bin auch wirklich nicht unglücklich, wenn er wegbleibt, denn wenn wir voraussichtlich mit einigen ersten Familien von Florenz Bekanntschaft schließen – – Du verstehst mich.

Aber nun addio, Darling!

Addio! Tausend Grüße und Küsse

von Deiner Dich liebenden Mathilde.

Ich habe mir hier ein Kostüm bestellt, da wir nun doch öfter mit dem Conte die Passeggiata in den Cascinen mitmachen und mit der first class bekannt werden sollen. Es ist ein französisches Jackenkostüm mit Hüftgürtel. Weißt Du, futterloser Dreibahnenrock zu Sackrockfalten gelegt, die Jacke seidengefüttert, an den vorderen Rändern zusammenhängend mit dem Kragen, mit dem gleichen Stoff besetzt.

Dazu ein Hütchen, Darling! Ein Gedicht! Schwarzen gefalteten Samtkopf mit schwarzen Reihern. Er sieht fast so aus wie ein Samtbarett, und man kann sich Michelangelo vorstellen, der, ein solches Barett keck aufgestülpt, durch die Straßen von Firenze wandelt.

Der Conte findet das auch. Addio! Addio!

14

Lilly Käsebier an Lotti Jürgens, Berlin NW, Schleswiger Ufer.

Firenze, 23 febbraio.

Liebste süße Lotti!

Endlich kann ich Dir den versprochenen Brief schreiben, aber Du glaubst ja gar nicht, wie wahnsinnig man hier in Anspruch genommen ist von allem Neuen, was man sieht und hört.

Vormittags muß man sich bilden und in Begeisterung schwelgen, aber nach Tisch, Lotti! Lotti! Du ahnst es nicht.

Nein, die Italiener sind wirklich süß!

Du, die können einen ansehen mit ihren runden schwarzen Augen, daß einem ganz schummerig wird, und frech wie Oskar!

Und Leutnants sieht man hier, Li-La-Lotti, weißt Du, mit himmelblauen Breeches und breiten, amarantfarbenen Streifen und kurzen, ganz, ganz engen Uniformröcken. Ich finde sie einfach süß.

Der gräßliche Professor Hänisch, den Papa hier in einer Pilsner Bierhalle getroffen hat, sagt, die italienischen Offiziere hätten nicht den wuchtigen, kriegerischen Ernst wie die preußischen, aber ich bin überzeugt, daß sie viel, viel besser flirten können.

Ach, Süßing, warum spreche ich nicht Italienisch?

Da sieht man doch erst, wie gut es ist, wenn man die Sprache eines Landes kennt, und ich habe mir auch fest vorgenommen, daß ich zu Hause italienische Stunden nehme.

Und dann reisen wir aber auch ganz gewiß mitsammen hieher – Li-La-Lotti, und ich mache Dir den Cicerone und übersetze Dir, was so ein Gentiluomo – Gott, wie das klingt! – uns ins Ohr flüstert.

Du!!! Denke Dir, wir haben einen echten Conte kennen gelernt bei Donnay, einen wahnsinnig schicken Attaché, der in Wien bei Hof war und sehr gut Deutsch spricht! Conte Bonciani. Er hat sich uns beim five o'clock vorgestellt, und wir fuhren gestern mit ihm in einer Carozza zum Rennen.

Mama ist ganz begeistert von ihm, weil er zur crème de la crème gehört, und er hätte uns auch den besten Familien vorgestellt, aber Mama wollte nicht, weil sie ihr Kostüm noch nicht bekommen hatte, und da zeigte er uns nur die Strozzi, Ricci und Aldobrandini usw., mit denen er doch meistens verwandt ist.

Ich finde ihn todschick, aber er flirtet auch kein bißchen mit mir und macht nur Mama respektvoll den Hof.

Ich muß aber jetzt schließen, Süßing. Mama ruft mir schon ungeduldig, weil wir zum five o'clock gehen.

Tante saluti e baci (Küsse!!) von Deiner

Lilly.

Grüße auch Krügers vielmals und Mäuschen und Jenny und den verrückten Max und alle, alle Bekannte, und sage ihnen, es ist noch schöner, als man sich das ausmalt.

Du!! – – Hast Du Moissi nicht mehr gesehen? Ach, erzähle doch, bitte! bitte! Wie war es denn in der Philharmonie? In Venedig haben wir immer von ihm geschwärmt, und ich habe ihn mir vorgestellt im Romeokostüm in einer Gondel! – –!

Adieu! Adieu! Mama ruft schon wieder.

Du! Etwas muß ich Dir noch rasch erzählen. Man legt doch seine Visitenkarten auf das Grab von Romeo und Julia, und ich habe auf ein Kärtchen »Moissi« geschrieben und habe es auf den Sarg der Liebenden gelegt. Was sagst Du??

Addio, carissima!!

Du! Von dem jungen Silberstein habe ich was erfahren!! Du auch? Bitte, bitte, schreib mir! ja??

15

Friedrich Wilhelm Käsebier an Herrn Rentier Adolf Krickhan, Charlottenburg, Kantstraße.

Florenz, 24. Februar.

Olle Meppelnese!

Uff! Mir jeht de Puste aus. Kinderkens, habt Ihr 'ne Ahnung, was ein Mensch für seine Bildung tun muß? Ihr habt sie nich!

Ihr sitzt bei Mutter Böhme und spielt eine Ehrenronde nach der andern und jießt immer noch ne Nullweiße uff de Lampe und – ich! Heiliger Bimbam!

Ich muß uffzieh'n in den Uffizien, ich muß mit – i – in Palazzo Pitti – ich muß – o weh o! Ins Museo!

Aber Ihr Keseköppe kennt ja nich mal die Namen, und von dem, was es ist, habt Ihr noch nich 'ne Ahnung jejessen!

Stell Dir mal vor eenen Korridor – vom Brandenburger Tor – ich bin heute poetisch, was, Adolfken? – also vom Brandenburger Tor bis zum Schloß, denn rechts um die Ecke rum een langer Korridor, und denn links herum eener vom Schloß bis Brandenburger Tor. Das sind die Uffizien. Und paß mal Acht, ein Zimmer am andern und hinterm Zimmer wieder 'n Zimmer und daneben 'n Zimmer und allens voll Bilder und Jemälde und Jemälde und Bilder, und nu setz Dich mal in Trab neben meiner Mathilde und schese mal durch Saal Nummer 1 bis 99, und denn kariole von 99 bis 222, immer mit 'n Lötkolben im Baedeker!

Madonna mit'n Kanarienvogel, Madonna mit dem Zeisich, Madonna mit was weiß ich und Lippo Lippi und Lippino Lippi und Botticelli und noch neunhundertneunundneunzig tschelli und tschello und Knaatsch und Knuddel und 'n steifes Jenick und de Hühnerkieke – siehste Junge, das ist Kunst und muß jenossen werden.

Hurrjott, wo sie nur alle die Bilder her haben!

Wir Berliner haben doch auch mächtig ville Maler, die en orntliches Ende wegschmieren, aber ganze Stadtteile mit verkleckster Leinewand, halt mal 'n Hut uf – ick will ausspucken.

Un Mathilde!!

Sie hat 'n runden Flunsch gekriegt mit lauter italienische Namens, und wenn sie so 'n Happenpappen mit tschelli und tschello hat, denn kaut sie 'n paar Stunden dran, und en Augenaufschlag hat sie sich angewöhnt von wegen meinem Mangel an Kultur, mit dem kann sie sich für Jeld sehen lassen.

Nee, Junge, nu hab ich genug vons Tschinquetschento.

Ich habe der Damenwelt erklärt, daß ich nicht mehr mitspiele, und meinetwegen können sie die Baedekerkur so lange mitmachen, wie se wollen, mich kriegen sie an die Lippo und Lippi nicht mehr ran.

Von die vielen Heilijen is mir schwach geworden, und ich werde mir jetzt mal ordentlich Pilsner in de Jacke schwenken.

Menschenskind, was sagst Du?

Begegne ich nicht vorgestern dem Oberlehrer Hänisch, der hier auch noch was zulernen soll, und führt er mich nicht in die allergemütlichste Pilsnerbierstube?

Stahlmann in Florenz!

Nu glaube ich wieder, daß ich in Europa bin, und Bismarckheringe und Rollmops und 'n großes Pils, da fordere ich das Jahrhundert in die Schranken und Mathilden ihr fünfzehntes ooch.

Nee, das is merkwürdig, Adolfken, hier ist jeder Schluck Bier eine vaterländische Festfeier, und es singt in einem wie die Wacht am Rhein und Deutschland, Deutschland über alles, wenn man erst wieder mal das richtige Getränke hat.

Hänisch ist ganz der richtige Mann für so was, und det kannste glauben, es werden uns nich bloß de Oogen naß vor Vaterlandsliebe.

Mathilde hat die Hoffnung aufgegeben, daß ich mir noch mal die Beene in Leib stehen werde vor ihre Baedekerbekanntschaften, und sie läßt mir auch alle Tage an ihrem Mitleid über meine Unbildung riechen. Aber ich glaube, der Tschinquetschento stoßt ihr selbst 'n bißchen sauer uff, und sie begibt sich mit ihrem Wissensdurst mehr in die Ruhe.

Sie hat's nun wieder mit Eleganz und Gegenwart und schlabbert Tee mit Musikbegleitung, und vorgestern ist sie mit Lilly zum Rennen gefahren.

Sie quasselt jetzt viel von Legationen und Gesandten und erste Florentiner Familien, weil sie ganz was Vornehmes kennen gelernt hat, so 'n Windbeutel, der mal Attaché in Wien gewesen ist, sagt er. Ich habe auch schon die Ehre jenossen, und ich muß sagen, der Kerl mit seinem gefärbten Schnurrbart sieht aus wie 'n Mausfallenhändler mit gepumpter Kleedage, und Jeld is bei dem det wenigste. Der richtig gehende Nassauer.

Er hat die große Klappe und is ein Herz und eine Seele mit allens, was adelig ist.

Ich trau dem Kerl nicht über den Weg, aber die Damenwelt verliert den ganzen Glauben an mir, wenn ich davon anfange.

Na, lange bleiben wir ja nich mehr, und übermorjen oder in drei Tagen fahren wir nach Rom, wo es, wie Hänisch sagt, auch Pilsner Hallen gibt.

Auf diese Weise ertrage ich noch 'n paar Wochen Italien, aber hernach, Hurrjott, gibt's eine dolle Skatsitzung.

Grüß die Brüder von Euerm Rennässanxmenschen

Fritz Käsebier.

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