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Der Münchner im Himmel

Ludwig Thoma: Der Münchner im Himmel - Kapitel 11
Quellenangabe
typesatire
booktitleDer Münchner im Himmel
authorLudwig Thoma
year1992
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11493-2
titleDer Münchner im Himmel
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Käsebiers Italienreise

Fabrikant Friedrich Wilhelm Käsebier aus Charlottenburg, seine Frau Mathilde und seine Tochter Lilly konnten endlich die längst ersehnte Reise nach dem sonnigen Süden antreten.

Sie fuhren über München-Innsbruck nach Verona, und wir wollen sie ihre tiefen Eindrücke von hier ab selbst schildern lassen.

1

Frau Mathilde Käsebier an Frau Kommerzienrat Wilhelmine Liekefett in Neukölln.

Verona, 12 febbraio.

My Darling!

Italia! Fühlst Du nicht auch den ganzen Zauber, den dieses Wort auf jeden Gebildeten ausübt? Ich kann Dir nur sagen, daß ich es kaum erwarten konnte, bis sich endlich der ewig blaue Himmel über uns wölbte. Mein Mann, der doch gewiß nicht allzu sensibel ist, rief schon in Kufstein: »Kinder, ich rieche schon den Süden.«

Und Lilly machte so große Augen wie ein Kind, und ich konnte kaum einschlafen.

Denke Dir nur, vor Ala erwachte ich von einem melodischen Geräusche, und ich weckte Fritz, und wir glaubten beide, es sei eine Flöte. Ich sagte noch, es ist gewiß ein Hirte, der seine Ziegen zur Weide treibt und eine alte Weise dazu bläst. Und ich malte ihn mir aus mit einem spitzen Hut und roten Bändern, wie man es doch öfter auf Bildern sieht.

Aber als Fritz den Vorhang hochzog, war es noch dunkel, und der Ton kam von der Dachrinne auf unserem Waggon. Es regnete nämlich. Das war freilich eine Enttäuschung, aber es ist doch schön, wenn die Phantasie so frei zu schweifen vermag und wenn man sich eigentlich nur Poesievolles zu denken vermag.

In Verona kamen wir ziemlich früh an, und es war ein schrecklicher Lärm auf dem Bahnhof. Ich dachte gleich an Deine Mahnung und gab sehr acht, daß der facchino unsere Gepäcke auch richtig an den Wagen brachte. Aber Fritz bekam zwei falsche Lire, als ihm der facchino herausgab.

Es ist doch zu traurig, daß ein so herrliches Land solche Zustände hat!

Addio für heute, Darling! Ich küsse Dich tausendmal
als Deine überglückliche Mathilde.

P. S. Im tea-room unseres Hotels sah ich gestern eine englische Lady in einer Abendtoilette von rosa goldgemustertem Brokat mit rosa Liberty und hellgrüner Tüllspitze. Das Kleid gefiel mir entschieden besser als das von Frau Thiedemann. Du weißt doch, der doppelt drapierte Rock mit Frackjacke und Kimonoärmeln.

Nochmals Grüße und Küsse! Evviva la bella Italia!

2

Ansichtskarte. Amphitheater in Verona.
Fräulein Lilly Käsebier an Fräulein Lottl Jürgens, Berlin NW.

12 febbraio.

Hier ist alles wahnsinnig italienisch! Ach, wenn Du doch hier wärst!!!

Warst Du bei Moissi?? Bitte, bitte, schreib mir darüber!!

10000 K. u. Gr. Sempre la tua

Lilly.

3

Frau M. Käsebier an Frau Kommerzienrat W. Liekefett in Neukölln.

Venezia, 14 febbraio.

My Darling!

Gestern noch in Verona, und heute sind wir schon in der lagunenumrauschten Königin der Meere! Welch ungeheure Eindrücke ziehen hier doch in raschem Wechsel an uns vorüber! Hier spricht ja jeder Stein zu dem Gebildeten, und man kommt aus der künstlerischen Erregung ja eigentlich nie heraus.

In Verona hat mich am meisten das Grab von Romeo und Julia interessiert. Zu denken, daß man hier an der Ruhestätte dieser beiden Unglücklichen steht, deren Schicksal uns so sehr gerührt hat, und daß vielleicht ganz in der Nähe jener Palazzo ist, auf dessen Balkon das liebeglühende Mädchen sprach:

It was the nightingale and not the lark!!

Gott, wie man hier diese Poesie erst so recht versteht! Eigentlich müßte man mit Moissi hier sein.

Findest Du nicht auch, daß er in der letzten Zeit schlanker geworden ist? Thiedemanns erzählen, daß er müllert, aber Silberstein hat mir versichert, daß er die Fletcherkur gebraucht.

Jedenfalls, es wäre wundervoll, wenn er hier auf einer Strickleiter vom Balkon eines Palazzo herunterstiege.

So bevölkert unsere Phantasie auch die toten Gebäude mit den Gestalten der Dichtung.

Von Verona sind wir im direttissimo hierher gefahren.

Meyer hat es uns zwar zur Pflicht gemacht, daß wir in Vicenza aussteigen, um die dortige Architektur zu sehen, aber Fritz sagte, wir hätten genug zu tun, wenn wir die eigentlichen Clous kennen lernen wollten.

Und Kunstgelehrte haben doch alle einen Vogel. Findest Du nicht auch?

In Venezia sind wir am Bahnhofe sogleich in eine Gondola gestiegen und nach dem Hotel gefahren.

Gott, wie mir da zumute war! So romantisch!

Ich mußte immer an ein Lied denken, das man früher oft hörte, mit dem Refrain: »So singt der Gondoliere« oder so ähnlich. Aber eigentlich war es eine Enttäuschung, die Gondel nämlich und der Gondoliere. Ich dachte mir die Leute viel pittoresker, als schlanke Jünglinge mit silberbestickten violetten Eskarpins usw. So sahen sie nun nicht aus.

Ach, Darling, unsere Phantasie spiegelt uns doch so manches viel malerischer vor!

Für heute Schluß! Wir sollen noch eine Serenata auf dem Canale Grande hören.

Addio carissima mia! Tanti saluti! Tausend Grüße und Küsse!

Deine Mathilde.

Was sagst Du zu meinem Italienisch? Krauses haben uns geschrieben, daß der junge Silberstein allgemein als pervers gilt. Glaubst Du es? Gott, wie schrecklich!

4

Friedrich Wilhelm Käsebier an Herrn Rentier Adolf Krickhan, Charlottenburg, Kantstraße.

Venedig, oder Venezia, wie meine
Olle zu sagen pflegt, 15. Februar.

Oller Bouillonkopp!

Meine fidele Karte aus München wirst Du erhalten haben. Ich war nämlich mit dem jungen Krause noch auf einer Karnevalsbierreise, nachdem ich die Damenwelt ins Bett geschickt hatte. Junge, ich sage Dir!

Ein paar Nachtbetriebe mit Bier und Weißwürsten und Mädels!

Hollolo juhu! Wir zogen mit 'n paar Dominos und einer Sennerin los in so eine Kutscherbude am Marienplatz. Fein mit Ei!

Die Sennerin hatte 'n Ausschnitt und Vorjebirge! Ei wei, Backe!

Du kannst Dir denken, wie ich da in meinem Element war, und die Kleine war direkt in mich verschossen. Nu lach nich so dreckig!

Sie sagte fortwährend: »Sie sin oder sein aber schlimm«, und Augen machte sie! Na, Junge, ich sage Dir, nich zu knapp! Eigentlich schade, daß man weg mußte und nu hier sitzt. Bleibe im Lande und nähre Dich redlich – vastehste?

Die Reise war bis jetzt so lila. In Verona bekiekten wir eine olle Ruine, die früher mal ein Zirkus oder Theater war. Ich sagte, Theaterruinen haben wir nu auch in Berlin genug, wo jede Saison 'n paar verkrachen, aber da kriegte ich's nich schlecht ab. Bildung – Junge!

Hierzulande sin die ollen Klamotten Heiligtümer, und meine Mathilde sieht fortwährend den Geist der Geschichte herumschweben.

Ich sage bloß, ne ordentliche Portlandzementfabrik her, un rin mit die Ruinen. Dafor können se uns noch dienen, die ollen Ruinen.

Aber sag das mal zu diese Jüngerinnen Baedekers, und dann ein Blick, vastehste, der durch Weste und Hemd geht.

Am Grabe Romios bemühte sich die Gattin, eine Träne rinnen zu lassen, un natürlich hat sie's auch fertig gebracht. Dabei soll der Kerl schon über hundert Jahre tot sein! Haste Worte?

Nu sind wir also glücklich hier in der Stadt, wo man in Gondeln gondelt. Du sollst mal sehen, wie verzückt die Damenwelt ins Wasser kiekt, bloß weil's Lagune heißt. Es spiegelt sich aber nischt darin, dazu ist es viel zu dreckig.

Am Markusplatz erzählt uns der Fremdenführer, daß vor ein paar Jahren der Turm eingestürzt ist. Na, was ich sage! Die Trümmer haben sie wieder zusammengekleistert, statt mal ordentlich mit Eisenbeton ran zu gehen.

Allens wegen die Fremden un damit Baedeker recht hat.

Sie leben hierzulande von der Vergangenheit und Jeschichte, damit sie nischt zu arbeiten brauchen. Das is die Jeschichte.

Eine Gesellschaft sage ich Dir! Schieba!

An der Grenze haben sie mir meine Kiste Bremer Zigarren gemaust oder konfisziert, wie man hier sagt. Und nu soll einer die Stinkadores italianos rauchen! Nee! Schön is anders.

Nu lebe wohl! Ihr sitzt wohl bei Stahlmann und spielt den deutschen Dreimännerskat? Der vierte Mann schwimmt in Wonne und Renässanxe und freut sich, wenn er wieder mal 'n ordentlichen Grand mit vieren aus der Hand kriegt.

Grüße Schmidtke und Krüger und sage ihnen, ich kann's nicht erwarten, daß ich wieder mal unter vernünftigen Menschen bin.

Was soll mir der Molo? Ich spiel' lieber 'n Solo! Au!

Euer Fritze Käsebier.

5

Ansichtskarte. Markusplatz in Venedig.
Fräulein Lilly Käsebier an stud. jur. Max Krüger, Berlin.

Venezia, 15 febbraio.

Venedig ist wahnsinnig echt.

Lilly.

6

Ansichtskarte. Venezianische Gondel.
Fräulein Lilly Käsebier an Fräulein Lotti Jürgens, Berlin NW.

Um unser Schiff die Welle schäumt,
Der Gondoliere steht und träumt,
La luna blickt herunter,
Und wir genießen's froh und munter.
A rivederci!!! Tanti saluti!

Deine Lilly!

Warum seid Ihr nicht bei uns, um all dies Schöne mit zu genießen??!

Mama Käseb.

Gruß F. W. K.

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