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Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder

Lew Tolstoi: Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder - Kapitel 22
Quellenangabe
authorLew Tolstoj
titleDer Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
translatorHanny Brentano
illustratorA. Brentano
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
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Die Dekabristen

Tolstoj plante einen großen Roman, in dem die »Dekabristen« eine Rolle spielen sollten, die »Dezembermänner«, die Führer des Aufstandes, der bald nach dem Tode Alexanders I. in Rußland ausgebrochen war. Bei den Vorarbeiten zu diesem Roman kam er auf den Gedanken, zuerst ein großes Werk über die Zeit der Napoleonischen Kriege zu verfassen; so entstand » Krieg und Frieden«; der Roman » Die Dekabristen« aber blieb unvollendet, wenngleich Tolstoj auch später wieder einige Kapitel davon niederschrieb. Wir geben hier die ersten drei Kapitel in der allerersten Fassung wieder. (Anm. d. Übers.)

I.

Es war vor nicht langer Zeit, während der Regierung Alexanders II., in unserer Zeit der Zivilisation, des Fortschritts, der »Probleme«, der Wiedergeburt Rußlands und so weiter und so weiter, zu der Zeit, als das siegreiche russische Heer zurückkehrte aus Sewastopol, das dem Feinde übergeben werden mußte, zu der Zeit, als ganz Rußland die Vernichtung der Schwarzmeerflotte feierte und das weißsteinige Moskau die Überbleibsel der Mannschaft dieser Flotte begrüßte und zu diesem glücklichen Ereignis beglückwünschte, ihnen nach guter russischer Sitte ein Glas Branntwein und Salz und Brot überreichte und sich tief vor ihnen verbeugte; zu der Zeit, als Rußland in der Person weitsichtiger Neulinge in der Politik die Zerstörung seines Traumes von einem Gottesdienste in der Sophienkathedrale beweinte und den für das Vaterland sehr empfindlichen Verlust zweier großer Männer beklagte, die im Kriege gefallen waren (der eine, beseelt von dem Wunsche, so schnell als möglich den erwähnten Gottesdienst zu feiern, war auf den Feldern der Walachei gefallen, hatte aber dort zwei Schwadronen Husaren zurückgelassen; der andere, ein unschätzbarer Mann, hatte Tee, fremdes Geld und Leintücher an die Verwundeten verteilt und doch weder das eine, noch das andere gestohlen); zu der Zeit, als von allen Seiten, auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit in Rußland die großen Männer wie Pilze aus der Erde schossen – Feldherren, Verwaltungsräte, Volkswirtschaftler, Schriftsteller, Redner und große Männer ohne besonderen Beruf und ohne besonderes Ziel; zu der Zeit, da ein Toast beim Jubiläum eines Moskauer Schauspielers eine öffentliche Meinung hervorbrachte, die alle Verbrecher verurteilte; als gefürchtete Kommissionen aus Petersburg nach dem Süden eilten, um die Kommissariatsverbrecher zu verhaften und hinzurichten; als in allen Städten zu Ehren der Helden von Sewastopol Festessen gegeben und Reden gehalten wurden, und als man ihnen, denen Hände und Füße im Kriege zerschmettert worden waren, auf allen Brücken und an allen Wegen Almosen verabreichte; zu der Zeit, als die Rednertalente sich so schnell im Volke entwickelten, daß ein Beamter überall und bei jeder Gelegenheit so kräftige Reden schrieb, druckte und bei den Festessen auswendig hersagte, daß die Hüter der Ordnung gezwungen waren, Einschränkungsmaßregeln gegen seine Beredsamkeit zu ergreifen; als man im Englischen Klub ein Extrazimmer zur Besprechung der öffentlichen Angelegenheiten einrichtete; als Zeitschriften unter den verschiedensten Flaggen erschienen, – Zeitschriften, die europäische Ideen auf europäischer Grundlage, aber mit russischer Weltanschauung, und Zeitschriften, die ausschließlich russische Ideen auf russischer Grundlage, aber mit europäischer Weltanschauung entwickelten; als plötzlich so viele Zeitschriften auftauchten, daß alle Namen erschöpft zu sein schienen: »Der Bote«, »Das Wort«, »Die Laube«, »Der Beobachter«, »Der Stern«, »Der Adler« und noch viele andere – und trotzdem noch immer wieder und wieder neue zum Vorschein kamen; zu der Zeit, als Plejaden von Schriftstellern und Philosophen auftauchten, die beweisen wollten, daß die Wissenschaft national sei oder daß sie nicht national sei und so weiter, und Plejaden von Schriftsteller-Künstlern, die einen Hain und einen Sonnenaufgang und ein Gewitter und die Liebe der russischen Jungfrau und die Faulheit eines Beamten und die schlechte Aufführung vieler Beamten schilderten; zu der Zeit, als von allen Seiten »Fragen« auftauchten (wie man im Jahre 1856 alle die Komplexe von Umständen nannte, aus denen niemand klug werden konnte): die Fragen der Kadettenschulen, der Universitäten, der Zensur, des mündlichen Gerichtsverfahrens, der Finanzen, Bank-, Polizei- und Emanzipationsfragen und viele andere; als alle sich bemühten, noch neue Fragen zu finden, und als alle sie zu lösen suchten; als alles schrieb, las, redete, Pläne machte, als alles verändert, verbessert oder vernichtet werden sollte und als alle Russen wie ein Mann von unbeschreiblicher Begeisterung ergriffen waren. Ein Zustand, der für Rußland im neunzehnten Jahrhundert zweimal eintrat: das erstemal, als wir im Jahre 1812 Napoleon I. besiegten, und das zweitemal, als im Jahre 1856 Napoleon III. uns besiegte. Große, unvergeßliche Zeit der Wiedergeburt des russischen Volkes! – Wie jener Franzose gesagt: Wer nicht zur Zeit der großen französischen Revolution gelebt hat, hat überhaupt nicht gelebt, so wage ich zu sagen: Wer nicht im Jahre 1856 in Rußland gelebt hat, der weiß nicht, was leben heißt. Schreiber dieses hat nicht nur in jener Zeit gelebt, er war auch einer der mitwirkenden Männer jener Zeit. Nicht nur, daß er selbst einige Wochen in einer der Blindagen Sewastopols gesessen hat, er hat auch über den Krimkrieg ein Werk geschrieben, das ihm großen Ruhm erworben hat, in welchem er klar und ausführlich erzählt, wie die Soldaten von den Bastionen herabfeuerten, wie auf dem Verbandplatz die Verwundeten verbunden und auf dem Friedhof die Toten bestattet wurden. Nach diesen Heldentaten kehrte der Schreiber dieser Zeilen in den Mittelpunkt des Reiches zurück, in das Feuerwerkerinstitut, wo er die Lorbeeren seiner Taten erntete. Er sah die Begeisterung der beiden Hauptstädte und des ganzen Volkes und lernte aus eigener Erfahrung kennen, wie Rußland wahre Verdienste zu belohnen weiß. Alle die Großen dieser Erde suchten seine Bekanntschaft, drückten ihm die Hand, luden ihn zum Diner ein, baten ihn, sie zu besuchen, und erzählten ihm von ihren Empfindungen, um von ihm Einzelheiten über den Krieg zu hören. Daher weiß der Schreiber dieser Zeilen jene große, unvergeßliche Zeit zu schätzen. Aber nicht darum handelt es sich hier!

Eben zu jener Zeit hielten zwei Schlitten vor der Einfahrt eines der besseren Gasthäuser in Moskau. Ein junger Mann lief ins Haus, um nach Zimmern zu fragen. Ein alter Herr saß mit zwei Damen in dem einen Schlitten und sprach davon, wie die Schmiedebrücke zur Franzosenzeit ausgesehen hätte. Es war die Fortsetzung eines Gespräches, das bei der Einfahrt in Moskau begonnen hatte, und das der alte, weißbärtige Herr in dem offenen Pelz jetzt ruhig fortsetzte, als beabsichtige er im Schlitten zu übernachten. Frau und Tochter hörten ihm zu, blickten aber von Zeit zu Zeit ungeduldig nach der Tür. Der junge Mann trat aus der Tür heraus, gefolgt von dem Portier und dem Zimmerkellner.

»Nun, Ssergej, was ist?« fragte die Mutter, indem sie ihr müdes Gesicht in den Schein der Laterne vorstreckte.

Ob aus Gewohnheit oder aber, damit der Portier ihn wegen seines einfachen Pelzrockes nicht am Ende für einen Diener halte, – Ssergej antwortete in französischer Sprache, es seien Zimmer zu haben, und öffnete den Wagenschlag. Der alte Herr sah den Sohn einen Augenblick an und wandte sich dann wieder zurück in das dunkle Innere des Wagens, als ginge alles andere ihn gar nichts an.

»Das Theater stand damals noch nicht.«

»Pierre,« sagte seine Frau, indem sie ihren Mantel raffte, er aber fuhr fort:

»Madame Chalmé wohnte in der Twerstraße –«

Aus dem Innern des Wagens erklang ein junges, frisches Lachen.

»Papa, steig' doch aus, du bist so ins Gespräch gekommen!«

Der alte Herr schien erst jetzt zu bemerken, daß sie am Ziel waren, und sah sich um.

»Steig' doch aus!«

Er drückte die Mütze fest in die Stirn und stieg gehorsam aus. Der Portier faßte ihn unter dem Arm, doch sobald er sich überzeugt hatte, daß der alte Herr noch sehr rüstig war, bot er seine Dienste sofort der Dame an. Natalia Nikolajewna, die Gemahlin des alten Herrn, erschien ihm als eine sehr vornehme Dame, sowohl wegen ihres Zobelpelzes als auch wegen der Art, wie sie langsam ausstieg, sich schwer auf seinen Arm stützte und dann, ohne sich umzuschauen, auf den Arm ihres Sohnes gestützt, geradewegs auf den Eingang zuging. Das Fräulein konnte er kaum von den Dienstmädchen unterscheiden, die aus dem zweiten Schlitten stiegen; sie trug ebenso wie diese ein Bündelchen und eine Pfeife und ging hinterdrein; nur an dem Lachen und daran, daß sie den alten Herrn »Vater« nannte, erkannte er sie.

»Nicht dorthin, Papa, nach rechts,« sagte sie, ihn am Ärmel des Pelzes zurückhaltend, »nach rechts!«

Und auf der Treppe ertönte mitten im Lärm der Schritte und Türen und durch das schwere Atmen der alten Dame dasselbe Lachen, das schon im Wagen erklungen war und bei dem jeder, der es hörte, sich denken mußte: Die lacht prächtig, gradezu beneidenswert.

Ssergej, der Sohn, hatte während der Reise die Sorge für das materielle Wohl übernommen und tat seine Pflicht zwar ohne Sachkenntnis, aber mit der Energie und der selbstzufriedenen Geschäftigkeit, die den Fünfundzwanzigjährigen eigen zu sein pflegt. Wenigstens zwanzigmal lief er ohne besonders wichtigen Grund im einfachen Überzieher, zitternd vor Kälte, hinunter zu den Schlitten und wieder hinauf, mit seinen jungen, langen Beinen zwei oder drei Stufen auf einmal nehmend. Natalia Nikolajewna bat ihn, er solle sich doch nicht erkälten, aber er beteuerte, es mache ihm nichts, erteilte beständig Befehle, schlug mit den Türen, ging hin und her, und als mit der Dienerschaft und den Hausknechten alles geordnet war, ging er mehrmals durch alle Zimmer, verschwand durch eine Tür und kam zur andern wieder herein und suchte nach immer neuer Tätigkeit.

»Papa, willst du ein Bad nehmen? Soll ich mich erkundigen?« fragte er.

Der Papa war in Gedanken versunken und schien sich noch gar nicht klar darüber zu sein, wo er sich befand. Er antwortete nicht gleich. Er hörte die Worte, verstand sie aber nicht. Plötzlich hatte er begriffen.

»Ja, ja, ja, erkundige dich, bitte. An der Steinernen Brücke ist ein Badehaus.«

Das Familienhaupt durchschritt eilig und aufgeregt die Zimmer und nahm dann in einem Lehnstuhl Platz.

»Na, jetzt müssen wir uns entscheiden, was geschehen soll, wie wir uns einrichten wollen,« sagte er, »helft, Kinder, geschwind! Schnell alles hereingebracht und aufgestellt! Und morgen schicken wir Ssergej mit einem Briefchen zu meiner Schwester Maria Iwanowna, zu Nikitins, oder wir fahren selbst hin. Nicht wahr, Natascha? Jetzt aber müssen wir uns einrichten.«

»Morgen ist Sonntag; ich hoffe, du wirst vor allem zur Messe fahren, Pierre,« sagte die Frau, die vor einem Koffer kniete und ihn aufschloß.

»Ja so, Sonntag! Selbstverständlich fahren wir alle in die Uspenskische Kathedrale. Damit wollen wir unsere Rückkehr beginnen. Mein Gott, wenn ich an den Tag zurückdenke, an dem ich zum letztenmal in der Kathedrale war! Weißt du noch, Natascha? Aber es handelt sich jetzt nicht darum.«

Und das Familienhaupt erhob sich schnell von dem Lehnstuhl, in den es sich eben erst gesetzt hatte.

»Jetzt müssen wir uns einrichten.«

Und ohne etwas zu tun, wanderte er aus einem Zimmer ins andere.

»Sag', sollen wir Tee trinken? Oder bist du müde, willst du ruhen?«

»Ja, ja,« erwiderte die Frau, und zog etwas aus dem Koffer; »du willst doch ins Bad.«

»Ja, zu meiner Zeit war ein Bad an der Steinernen Brücke. Ssergej, geh doch und frage einmal, ob es noch besteht. Dieses Zimmer nehme ich für mich und Ssergej. Ssergej, wird es dir hier gefallen?« Ssergej war aber schon fort, um sich nach dem Bade zu erkundigen.

»Nein, das alles ist mir noch nicht recht,« fuhr der alte Herr fort, »du hast keinen direkten Eingang zum Salon. Was meinst du, Natascha?«

»Beruhige dich, Pierre, wir werden schon alles machen,« erwiderte Natascha aus dem andern Zimmer, in welches die Hausknechte eben das Gepäck trugen. Aber Pierre befand sich in der begeisterten Stimmung, in welche ihn die Ankunft am Ziele versetzt hatte.

»Paß auf, bring Ssergejs Sachen nicht in Unordnung. Da, seine Schneeschuhe haben sie in den Salon geworfen!«

Und er hob sie selbst auf und lehnte sie mit besonderer Vorsicht, als hänge davon die ganze künftige Ordnung der Wohnung ab, an den Türrahmen. Aber die Schneeschuhe wollten nicht stehen, und kaum war Pierre zurückgetreten, als sie polternd quer vor die Tür fielen. Natalia Nikolajewna zuckte zusammen und runzelte die Stirn. Doch als sie die Ursache des Lärms erkannte, sagte sie nur:

»Ssonja, heb' sie auf, mein Liebling.«

»Heb' sie auf, mein Liebling,« wiederholte der Mann, »ich gehe inzwischen zum Wirt, wir werden sonst nie fertig; es muß doch alles mit ihm besprochen werden.«

»Man kann ihn doch holen lassen, Pierre; warum willst du dich bemühen?«

Pierre willigte ein.

»Ssonja, rufe doch den – wie heißt er doch? – Den Monsieur Cavalier, bitte; sag' ihm, daß wir alles besprechen möchten.«

»Chevalier, Papa,« sagte Ssonja und wollte hinausgehen.

Natalia Nikolajewna, die mit leiser Stimme Befehle gab und mit leisen Schritten aus einem Zimmer ins andere ging, bald eine Schachtel, bald eine Pfeife, bald ein Polster tragend, nahm geräuschlos aus dem Gepäcksberge ein Stück nach dem andern und stellte alles an den rechten Platz; sie flüsterte Ssonja im Vorübergehen zu:

»Geh nicht selbst, schick' den Diener.«

Während der Diener den Wirt holte, benützte Pierre die Wartezeit, um unter dem Vorwande, seiner Frau zu helfen, eines ihrer Kleider zu zerknittern und über einen leeren Koffer zu stolpern. Sich mit der Hand an der Wand festhaltend, sah der Dekabrist sich lächelnd um. Seine Gattin schien so beschäftigt, daß sie nichts bemerkt hatte; Ssonja aber sah ihn mit so lachenden Augen an, als erwarte sie nur die Erlaubnis zum Loslachen. Er gab ihr gerne diese Erlaubnis, indem er selbst so gutmütig auflachte, daß alle, die im Zimmer waren, von seiner Gattin bis zum Hausknecht und Dienstmädchen, herzlich mitlachten. Dieses Gelächter belebte den alten Herrn noch mehr; er fand, daß der Divan im Zimmer der Damen unbequem stehe, obgleich sie das Gegenteil behaupteten und ihn baten, sich nicht zu beunruhigen. Grade als er eigenhändig mit Hilfe des Hausknechts den Divan umstellen wollte, trat der Wirt, ein Franzose, ins Zimmer.

»Sie wünschen mich zu sprechen,« sagte der Wirt streng und zog zum Zeichen seiner Gleichmütigkeit, wenn nicht gar Geringschätzung, langsam sein Taschentuch, faltete es langsam auseinander und schneuzte sich langsam.

»Ja, mein lieber Freund,« sagte Peter Iwanowitsch, indem er ihm entgegenging, »sehen Sie, wir wissen selbst noch nicht, wie lange wir hier bleiben, meine Frau und ich –« Peter Iwanowitsch, der die Schwäche hatte, in jedem Menschen seinen Nächsten zu sehen, begann seine Verhältnisse und Pläne darzulegen.

Herr Chevalier stand den Menschen gegenüber auf einem andern Standpunkt und interessierte sich gar nicht für die Mitteilungen, die Peter Iwanowitsch ihm machte; aber das gute Französisch, das Peter Iwanowitsch sprach (die Kenntnis des Französischen bedeutet in Rußland bekanntlich so etwas wie einen höheren Rang), und sein vornehmes Wesen brachten ihm eine hohe Meinung von den Ankömmlingen bei.

»Womit kann ich dienen?« fragte er.

Peter Iwanowitsch war um die Antwort nicht verlegen. Er wünschte Zimmer, Tee, einen Ssamowar, Nachtmahl, Mittagessen, Kost für seine Dienerschaft, mit einem Wort alles das, um dessentwillen die Gasthäuser da sind. Und als Herr Chevalier, verwundert über die Naivität des alten Herrn, der zu glauben schien, daß er sich in der turkmenischen Steppe befinde oder daß ihm alle diese Sachen umsonst geliefert werden würden, erklärte, daß alles das zu haben sei, geriet Peter Iwanowitsch in Entzücken.

»Das ist ja wundervoll, sehr gut! So wollen wir es machen! Dann also bitte –« plötzlich wurde es ihm peinlich, immer nur von sich zu sprechen, und er begann Herrn Chevalier nach seiner Familie und seinen Geschäften auszufragen. Ssergej Petrowitsch, der eben wieder in das Zimmer trat, schien mit diesem Benehmen seines Vaters nicht zufrieden zu sein; er bemerkte das Mißbehagen des Wirts und erinnerte den Vater an das Bad. Aber Peter Iwanowitsch interessierte sich jetzt nur noch dafür, wie ein französisches Gasthaus im Jahre 1856 in Moskau gehen konnte und womit Madame Chevalier ihre Zeit verbringe. Endlich verbeugte sich der Wirt und fragte, ob der Herr etwas befehle.

»Wir wollen Tee trinken, Natascha, nicht? Also bitte Tee. Und wir sprechen noch miteinander, mein lieber Monsieur, – welch ein prächtiger Mensch!«

»Und das Bad, Papa?«

»Ach ja, dann also keinen Tee!«

So ging das einzige Resultat der Unterredung mit den neuen Ankömmlingen dem Wirt wieder verloren. Dafür aber war Peter Iwanowitsch jetzt stolz und glücklich über seine Anordnungen. Die Fuhrknechte, die heraufkamen, um ein Trinkgeld zu bitten, hätten ihn beinahe verstimmt, weil Ssergej kein Kleingeld hatte, und er war schon wieder im Begriff, den Wirt holen zu lassen; aber der gute Einfall, daß nicht er allein an diesem Abend glücklich zu sein das Recht habe, brachte ihn aus der Verlegenheit. Er nahm zwei Dreirubelscheine; drückte den einen Schein einem der Kutscher in die Hand und sagte: »Da nehmen Sie!« (Peter Iwanowitsch hatte die Gewohnheit, alle Menschen, mit Ausnahme seiner Familienangehörigen, mit »Sie« anzusprechen) »und das nehmen Sie,« sagte er, indem er dem andern Fuhrknecht den zweiten Schein mit einem Händedruck übergab, etwa so, wie man es macht, wenn man einem Arzt das Honorar für einen Krankenbesuch gibt. Nachdem alles das erledigt war, ließ er sich ins Bad führen.

Ssonja, die auf dem Divan saß, stützte den Kopf in die Hand und lachte auf.

»Ach, wie schön, Mama, ach, wie schön!« Dann zog sie die Beine auf den Divan, streckte sich aus, legte sich zurecht und versank sofort in den festen, ruhigen Schlaf eines gesunden, achtzehnjährigen Mädchens, das eine Reise von anderthalb Monaten hinter sich hatte. Natalia Nikolajewna, die immer noch in ihrem Schlafzimmer beschäftigt war, bemerkte mit dem feinen Gehör der Mutter, daß Ssonja sich nicht rührte, und trat ins Zimmer, um nach ihr zu sehen. Sie nahm ein Kissen, hob mit ihrer großen, weißen Hand den zerzausten, erhitzten Kopf des Mädchens in die Höhe und bettete ihn auf das Kissen. Ssonja seufzte tief, tief auf, bewegte die Schultern und legte den Kopf auf das Kissen, ohne zu danken, als wäre das alles von selbst geschehen.

»Nicht dorthin, nicht dorthin, Gawrilowna, Katja,« sagte Natalia Nikolajewna gleich darauf zu den Dienstmädchen, die das Bett herrichteten, und strich dabei wie im Vorübergehen über die zerzausten Haare der Tochter. Ohne sich zu übereilen, aber auch ohne zu ruhen, räumte Natalia Nikolajewna auf, und als Mann und Sohn zurückkehrten, war alles fertig: die Koffer waren aus den Zimmern entfernt, in Pierres Schlafzimmer war alles so, wie es Jahrzehnte lang in Irkutsk gewesen war: Schlafrock, Tabakspfeife, Tabaksdose, Zuckerwasser, das Evangelium, in welchem er vor dem Einschlafen zu lesen pflegte, und selbst ein kleines Heiligenbildchen hing wie angeklebt über dem Bette an der prächtigen Tapete des Zimmers. Chevalier pflegte diesen Zimmerschmuck sonst nicht zu verwenden. An diesem Abend aber tauchten solche Bildchen in allen Zimmern der dritten Abteilung des Gasthauses auf.

Als Natalia Nikolajewna Ordnung gemacht hatte, zupfte sie ihre trotz der langen Reise sauberen Stulpen und den Kragen zurecht, frisierte sich und setzte sich an den Tisch. Ihre schönen, schwarzen Augen waren in die Ferne gerichtet. Sie sah vor sich hin und ruhte aus. Sie schien nicht nur von dem Auspacken auszuruhen, nicht nur von der langen Reise, nicht nur von den schweren Jahren, – sondern von dem ganzen Leben, und die Ferne, in welche sie blickte und in welcher vor ihrem geistigen Auge lebende, geliebte Personen auftauchten, war eben die Ruhe, die sie wünschte. War es die Liebestat, die sie für ihren Mann vollbracht hatte, war es die Liebe, die sie für ihre Kinder durchlebt hatte, als sie noch klein waren, war es ein schwerer Verlust oder war es eine Eigentümlichkeit ihres Charakters, – jeder, der diese Frau ansah, mußte verstehen, daß sie nichts mehr zu geben hatte, daß sie schon längst ihr ganzes Ich hingeopfert hatte, und daß von diesem Ich nichts mehr zurückgeblieben war. Nur etwas Schönes und Schwermütiges, das der Verehrung würdig war, schien zurückgeblieben, wie eine Erinnerung, wie der Schein des Mondes. Man konnte sie sich nicht anders vorstellen, als von Achtung und allen Bequemlichkeiten des Daseins umgeben. Daß sie hungrig wäre und gierig äße, oder daß sie unsaubere Wäsche trüge, oder daß sie stolperte oder vergessen hätte, sich zu schneuzen, – so etwas konnte man sich nicht vorstellen. Es war physisch unmöglich. Warum es so war, weiß ich nicht, aber jede ihrer Bewegungen war Hoheit, Anmut, Liebe zu allen, die sich ihres Anblickes erfreuen durften.

Sie flechten und weben
Himmlische Rosen ins irdische Leben.

Sie kannte diesen Vers und liebte ihn, ohne sich besonders nach ihm zu richten, denn ihre ganze Natur war der Ausdruck dieses Gedankens, ihr ganzes Leben war nichts als das unbewußte Einflechten unsichtbarer Rosen in das Leben aller Menschen, denen sie begegnete. Sie hatte ihren Mann nach Sibirien begleitet, nur weil sie ihn liebte; sie dachte nicht an das, was sie für ihn tun könnte, sie tat es unwillkürlich, als müsse es so sein. Sie machte ihm sein Bett, ordnete seine Sachen, bereitete das Mittagessen und den Tee und vor allem, sie war immer dort, wo er war, und keine Frau hätte ihren Mann reicher beglücken können, als sie es tat.

Im Salon brodelte der Ssamowar auf dem runden Tisch, und davor saß Natalia Nikolajewna. Ssonja verzog das Gesicht und lächelte unter der Hand der Mutter, die sie kitzelte, als der Gatte und der Sohn ins Zimmer traten; ihre Fingerspitzen waren runzelig, Wangen und Stirn glänzten (ganz besonders glänzte die Glatze des Vaters), die weißen wie die schwarzen Haare waren verwühlt, und die Gesichter strahlten.

»Es ist heller geworden, da ihr hereinkamt,« sagte Natalia Nikolajewna, »Väterchen, wie weiß du bist!« So sprach sie seit Jahrzehnten an jedem Samstag, und an jedem Samstag empfand Pierre dabei eine gewisse Verlegenheit und zugleich Befriedigung. Sie setzten sich an den Tisch; bald duftete es nach Tee und nach der Tabakspfeife; die Stimmen der Eltern, der Kinder und der Dienerschaft, die in demselben Zimmer ihren Tee bekam, wurden laut. Man erinnerte sich an alles Komische, was man unterwegs erlebt hatte, amüsierte sich über Ssonjas Frisur und lachte. Geographisch waren sie alle um fünftausend Werst in eine ganz andere, fremde Umwelt versetzt, dem Geiste nach aber waren sie an diesem Abend noch zu Hause, noch ganz die Menschen, zu denen sie ihr eigentümliches, langes, einsames Familienleben gemacht hatte. Morgen mußte das alles anders werden. – Peter Iwanowitsch setzte sich an den Ssamowar und zündete seine Pfeife an. Er war wehmütig gestimmt.

»So wären wir denn also angekommen,« sagte er, »und ich bin froh, daß wir heute niemand mehr sehen werden; diesen letzten Abend wollen wir noch unter uns verbringen.« Und er spülte diese Worte mit einem großen Schluck Tee hinunter.

»Warum letzten Abend, Pierre?«

»Warum? Weil die jungen Adler flügge geworden sind; sie müssen nun selbst ihr Nest bauen und werden von hier davonfliegen, jeder nach seiner Seite.«

»So ein Unsinn,« sagte Ssonja, indem sie sein Glas nahm und lächelte, wie sie immer zu lächeln pflegte, »das alte Nest ist vortrefflich.«

»Das alte Nest ist ein trauriges Nest; der Alte hat nicht verstanden, es zu bauen, – er ist in den Käfig geraten, im Käfig hat er seine Jungen erzogen. Und als man ihn befreite, da hatten seine Schwingen ihre Kraft verloren. Nein, die jungen Adler müssen ihr Nest höher und glücklicher bauen, näher zur Sonne; sie sind ja seine Kinder, um an seinem Beispiel zu lernen. Und der Alte wird ihnen zuschauen, solange er das Augenlicht hat; wenn er aber erblindet, wird er ihnen zuhören. – Gieß mir Rum ein, noch, noch, – genug.«

»Wir wollen sehen, wer den andern verläßt,« erwiderte Ssonja mit einem flüchtigen Blick auf die Mutter, als schäme sie sich, in ihrer Gegenwart zu sprechen, »wollen sehen, wer den andern verläßt,« wiederholte sie, »meiner selbst bin ich sicher und Ssergejs auch.« (Ssergej ging im Zimmer auf und nieder und überlegte, wie er sich morgen einen Anzug bestellen sollte: ob er selbst hingehen oder den Schneider holen lassen sollte; Ssonjas Gespräch mit dem Vater interessierte ihn nicht.) Ssonja lachte.

»Was hast du, was?« fragte der Vater.

»Du bist jünger als wir, Papa, wirklich viel jünger,« sagte sie und lachte wieder.

»Oho,« entgegnete der Greis, und seine strengen Falten zogen sich zu einem zärtlichen und zugleich geringschätzigen Lächeln zusammen.

Natalia Nikolajewna beugte sich hinter dem Ssamowar vor, der sie hinderte, ihren Mann zu sehen.

»Ssonja hat recht, du bist noch immer wie ein Sechzehnjähriger, Pierre. Ssergej ist jünger an Gefühlen, aber deine Seele ist jünger als seine. Was er tun wird, kann ich vorhersehen: du aber kannst mich noch in Erstaunen setzen.«

Ob der alte Herr die Richtigkeit dieser Behauptung zugab oder ob er sich geschmeichelt fühlte und keine Antwort fand, – er rauchte schweigend weiter und trank seinen Tee, seine Augen aber glänzten. Ssergej, der mit dem Egoismus der Jugend jetzt erst Interesse fand an dem, was man von ihm sagte, mischte sich nun auch in das Gespräch und behauptete, er sei tatsächlich alt. Die Ankunft in Moskau und das neue Leben, das sich vor ihm auftat, freue ihn nicht im geringsten. Er überlege ruhig die Zukunft.

»Und es ist doch der letzte Abend,« wiederholte Peter Iwanowitsch, »morgen wird alles anders sein.«

Er schüttete noch Rum in seinen Tee. Und lange noch saß er am Teetisch mit einer Miene, als wollte er noch vieles sagen, als fehlte es ihm aber an Zuhörern. Er hatte die Rumflasche näher zu sich gezogen, aber die Tochter trug sie still beiseite.

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