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Der Mord im Ballsaal

Matthias Blank: Der Mord im Ballsaal - Kapitel 8
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typefiction
authorMatthias Blank
titleDer Mord im Ballsaal
publisherDresdner Roman-Verlag
seriesKomet Romane
volumeBand 25
editorGeorg Stretcher
year1909
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8.

Ein neues Moment.

Kommissar Scharbeck war nahezu verzweifelt. Er hatte alle Vorfälle seit der Auffindung der Leiche im Gedächtnis förmlich nochmals durchlebt, aber nichts gab ihm auch nur den geringsten Anhaltspunkt, der auf die Schuld eines dritten hingewiesen hätte.

Keine Mühe, keine noch so große Anstrengung hätte Scharbeck verdrossen.

Er hätte alles gern unternommen, was ihn die Möglichkeit geboten hätte, einen Lichtblick in dieses schier unentwirrbar scheinende Dunkel tun zu können.

Aber von wo sollte er ausgehen, um die Schuld eines zweiten zu finden?

Es war ja sonst nichts vorgefunden worden! Nichts geraubt! Keine Blutspur, keine Waffe!

Auch bei einer Durchsuchung in dem Zimmer, das Hans Olden bewohnt hatte, noch in dessen Effekten war etwas entdeckt worden, das auf seine Täterschaft hätte schließen lassen.

So war der Tag verstrichen, nichts hatte sich ergeben.

Am nächsten Morgen entschloß sich Scharbeck, Bankdirektor Walter aufzusuchen, um diesem Nachricht von dem jetzigen Stande der Untersuchung zu geben.

Er traf den Bankdirektor selbst und auch den Bruder der Ermordeten an.

Diesmal wurde er im Salon empfangen.

Ohne unterbrochen zu werden, erzählte Scharbeck ausführlich die bisherigen Ergebnisse, sowie die eigentliche Erfolglosigkeit.

Wie seither so auch diesmal stieß Scharbeck bei dem Bankdirektor auf herzlose Teilnahmslosigkeit.

Dieser schien bereits vollständig vergessen zu haben, daß er eine Tochter besessen, die auf so grauenhafte Art ihr junges Leben verlieren mußte.

Um so leidenschaftlicher war des Bruders Interesse.

Mit erregter Gespanntheit folgte er der ausführlichen Sachdarstellung des Kommissars, der keinen Punkt, und wäre er noch so unwesentlich gewesen, verschwiegen hatte.

Als Kommissar Scharbeck von der leicht möglichen Schuldlosigkeit und der Mordtat durch einen noch zweiten Unbekannten sprach, da flackerte in den sonst so sanft blickenden Augen Franz Walthers eine momentane wilde Leidenschaft auf, die wohl nur dem Mörder seiner Schwester galt.

So oft aber ein Blick aus den stechenden Augen des Vaters den Sohn streifte, da zuckte dieser zusammen, erschrocken und geängstigt!

Als Kommissar Scharbeck zu Ende gesprochen hatte, frug er gegen Bankdirektor Walther gewendet:

»Was glauben Sie, daß geschehen soll. Hans Olden läßt Sie um Verzeihung bitten seiner Schuld wegen. Diese Schuld aber liegt nach seinem Geständnis nur in seiner leidenschaftlichen Aufwallung, in der er Ihre Tochter verlassen hat. Dadurch hat er die Mordtat unbewußt begünstigt.«

»Mir steht es nicht zu, Recht zu sprechen. Ich weiß nur, daß Blut wieder Blut fordert.«

Mit zusammengezwinkerten Augen beobachtete Franz Walther den Vater, als er diese Worte mit seiner eisigen Leidenschaftslosigkeit ausgesprochen hatte.

Scharbeck, der dieses genau beobachtet hatte, fand hierin eine häßliche Unterwürfigkeit. Aber nicht am Sohne lag die Schuld, sondern am Vater!

Erleichtert atmete Scharbeck auf, als er wieder auf der Straße stand.

Sein nächster Weg führte zu Doktor Hallern, den er am liebsten noch! den Abend vorher aufgesucht hätte.

Dieser hatte ihn wieder mit gewohnter Freundlichkeit aufgenommen, trotzdem er in diesem eigentlich seinen Feind sehen mußte, durch den Hans Olden soweit überführt worden war.

Auch diesem hatte der Kommissar ausführlichen Bericht erstattet.

Doktor Hallern war sich aber ebensosehr im unklaren darüber, was nun hätte geschehen können. So sehr er auch an die Unschuld seines Freundes glaubte, an der er nie gezweifelt hatte, so mußte er doch zugestehen, daß die Sachlage für diesen keine günstige war.

Es fehlte jeder Gegenbeweis, der Olden hätte entlasten können.

Sinnend saßen beide bei einer Tasse Tee, mit der Doktor Hallern dem Kommissar aufgewartet hatte, und die dieser nicht abschlagen konnte.

Plötzlich schien Doktor Hallern sich wieder des Augenblicks zu erinnern, in welchem die goldene Rose vorgefunden wurde, da er zu Scharbeck sagte:

»Die Nadel mit jener Rose! Ich weiß, sie steckte nicht im Kleide? Sie lag zwischen den Narzissen, wie herausgerissen oder hineingeschoben? Kann nicht ein Raub beabsichtigt gewesen sein?«

Kommissar Scharbeck verneinte.

»Ich kann dies nicht glauben, da doch ein solch einzelner Schmuck unter solchen Umständen nicht geraubt wird. Jeder Verbrecher würde sich hüten, in einem so belebten Lokale eine ähnliche Tat zu begehen!«

Aber Doktor Hallern blieb bei seiner Ansicht und verfocht diese aufs energischeste, indem er sagte:

»Es gibt nur diese eine Möglichkeit, die Tat galt der Erlangung der goldenen Rose!«

Scharbeck lächelte.

Er hätte ja nur die eigentliche Geschichte mit der Nadel berichten dürfen!

Er wollte aber nicht dieses peinliche Vorkommnis, das die Braut des Freundes von Hallern eines Diebstahls bezichtigte, erzählen!

Ebenso unschlüssig, wie sie im Anfang waren, trennten sie sich, Scharbeck, um seinem Dienste wieder nachzugehen; Doktor Hallern suchte Hans Olden im Gefängnis auf.

Es war dies für den Doktor kein erfreulicher Weg. Aber die bestimmte Zuversicht, daß es ihm doch noch möglich sein müsse, die Unschuld Oldens beweisen zu können, verlieh ihm Kraft und Ausdauer.

Als er vor der Fronfeste am Anger stand, die hohen Mauern hinausschaute, die mit mehr als fingerdicken Eisenstäben vergitterten Fenster sah, da kam wieder eine verzagende Trostlosigkeit über ihn.

Auf sein Läuten an der großen, massiv eichenen Eingangstür nahte sich bald schlüsselrasselnd und pantoffelschlürfend einer der diensthabenden Aufseher.

Doktor Hallern mußte noch durch ein eisernes Gittertor, ehe er im eigentlichen Gefängnis sich befand.

Dort dehnten sich zu beiden Seiten lange und hallenartige Gewölbegänge aus, die jeden Laut, jeden Ton widerhallten.

Ein modriger, feuchter Geruch, der dem Besucher den Atem beklemmte, stieg hier auf.

Von einem Aufseher, dem Doktor Hallern den Erlaubnisschein des Kommissars Scharbeck vorgezeigt hatte, wurde er sodann die breite Steintreppe emporgeführt, in das erste Stockwerk, in welchem das Verhörzimmer lag, das auch als Sprechzimmer benutzt wurde.

Hier trafen sich beide Freunde wieder.

Im ersten Augenblick des Wiedersehens war Doktor Hallern erschrocken einen Schritt zurückgewichen, als er die jugendliche und elastische Erscheinung Oldens in dem gealterten, abgemagerten, nach vorn gebeugten Mann wiedererkannte, der hier vor ihm stand.

Dann aber schloß er ihm in seine Arme, da Hans Olden nach seinem Empfinden nicht der Verbrecher war, der hier den Urteilsspruch des Gerichtes abwartete, sondern der Unglückliche, den die eigenartige Verkettung mehrerer Schicksalsfügungen unschuldig büßen ließ.

Über das mit rauhten Bartstoppeln überwachsene Gesicht Oldens perlten Tränen nieder, als er den Freund wiedersah, der ihn nicht vergessen hatte und ihn in seinem Elend besuchte.

Lange standen sich beide wortlos gegenüber. Dann aber drückte Doktor Hallern fest die Hand Oldens und sagte hierbei zuversichtlich:

»Ich weiß, daß Deine Schuld nicht so groß ist, daß Du auf diese Weise büßen mußt. Aber ich werde nicht eher ruhen, bis ich Dich gerettet weiß.«

»Ich danke Dir, Bester! Aber 's wird nichts helfen! Es spricht ja alles wider mich!«

Nochmals mußte Olden seinem Freunde alles ausführlich darstellen: konnte hierbei nicht ein nebensächlich erscheinender Umstand von größter Wirkung sein!

Nichts war hierbei dem aufmerksam zuhörenden Doktor entgangen! Trotzdem konnte er nichts finden?

Was besagte die Behauptung Oldens, er hätte nur die Tritte einer Person gehört! Wie konnte er das beweisen!

Die goldene Rose!

Jene Vermutung, die er dem Kommissar gegenüber ausgesprochen hatte, stand wieder in seinem Gedächtnisse. Vielleicht wußte hier Olden eine Auskunft?

Hastig frug daher Hallern:

»Kannst Du Dich an jene Nadel erinnern, die Deine damalige Braut trug?!«

»Eine Nadel?!«

Erstaunt hatte Hans Olden gefragt.

»Ja! Mit einer goldenen Rose und dem Diamanten im Kelche.«

»Luise hat nie eine solche getragen!«

»Wirklich? Aber doch an jenem Redoutenabend! Man hat doch die Nadel bei ihr vorgefunden! Sie wurde auch von ihrem Vater als sein Eigentum bezeichnet!«

Mehr erstaunt noch als Olden hatte Doktor Hallern diese Punkte alle angeführt.

Olden aber schüttelte immer nur den Kopf und behauptete mit unerschütterlicher Gewißheit:

»Luise hat auch damals keine goldene Rose getragen! Ich hätte dies unbedingt sehen müssen!«

»Das kann ich aber nicht begreifen! Es kann ihr doch nicht der eigentliche Mörder diese Nadel zugesteckt haben! Zudem ist die Nadel ja anerkannt als Eigentum des Bankdirektors!«

Jemehr Einwände Doktor Hallern gegen die Behauptung seines Freundes erhob, um so bestimmter wurde dessen Aussage.

»Ich aber kann jederzeit nur das eine immer wieder versichern: Ich hätte es unbedingt sehen müssen, hätte Luise einen solchen Schmuck getragen. Umsomehr noch, als ich furchtbar eifersüchtig war und man bekanntlich in diesem Zustand mehr als sonst zu sehen pflegt.

Die Rose hätte mir nicht entgehen können, da ich doch gerade in diesem Schmuck wieder das Geschenk eines Nebenbuhlers gewittert hätte. Zudem trug Luise niemals irgend welchen Schmuck! Wäre es auch nur ein kleiner Ring gewesen.«

Doktor Hallern war durch diese mit aller Gewißheit vorgebrachte Behauptung völlig verblüfft.

Hier bot sich ein neues Moment, das weiter verfolgt werden konnte und schließlich doch zu einem Resultat führen mußte.

»Hattest Du irgend einen bestimmten Grund zu Deiner Eifersucht?« frug Hallern sodann.

»Ich glaubte wenigstens einen solchen zu haben,« war die daraufhin erfolgte Antwort. »Ich sah Luise nämlich am Abend vorher im Englischen Garten in Begleitung eines jungen Mannes. Ich hielt sie wenigstens für Luise! Da sie mir aber auf Zuredestellung jede Antwort verweigerte, mußte ich sehr begreiflich eifersüchtig werden.«

Da nunmehr die bewilligte Zeitdauer abgelaufen war, mußten sich die Freunde wieder trennen.

Vorher aber versicherte Doktor Hallern nochmals, er werde alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel anwenden, um den Freund aus seiner unschuldigen Gefangenschaft zu befreien.

Als Doktor Hallern wieder im Freien war, beschloß er, sofort den Kommissar Scharbeck auszusuchen, um diesem unverzüglich Nachricht zu geben von dieser seltsamen Behauptung seines Freundes, die er in keiner Weise anzweifelte, aber für die er dennoch keine Lösung finden konnte.

Glücklicherweise konnte er Scharbeck noch im Bureau antreffen, dem er auch sogleich das Ergebnis seiner Unterredung mitteilte.

Mit unverhohlenem Erstaunen nahm dieser die bestimmte und zuverlässige Aussage auf. Hier lag zweifellos ein Umstand vor, der in Betracht gezogen werden mußte; umsomehr, da sowohl Doktor Hallern als auch Hans Olden nichts über das eigentliche Vorkommnis wußten.

Kommissar Scharbeck erzählte nunmehr auch diese Geschichte: er schilderte den Besuch des Bruders, dessen Grund hierzu und sein verschüchtertes Benehmen; hierauf sprach er von dem Verschwinden dieses Schmuckes, das dem Sohne zur Schuld gelegt wurde, von dem Vorfinden der goldenen Rose an der Leiche und dem hierdurch nahen Verdacht, daß die Tote die goldene Rose vor der fraglichen Zeit in Besitz hatte.

Kommissar Scharbeck endete seine Erzählung.

Nach einer kurzen Pause erwartungsvollen Schweigens sagte im Anschluß an diese Darstellung des Kommissars Doktor Haltern:

»Damit ist doch noch keinesfalls erwiesen, daß der Diebstahl der goldenen Rose von einer anderen Person begangen wurde, die gleichzeitig auch den Mord verübt hat!«

»Dann müßte diese die Nadel getragen und verloren haben!« ergänzte der Kommissar.

»Wenn nicht eine Möglichkeit gegeben erscheint, wonach die Nadel mit Absicht der Toten zugesteckt wurde!«

Über eine derartige Auffassung völlig verblüfft, fragte Kommissar Scharbeck verwundert:

»Welcher Grund und welche Veranlassung sollte hierfür vorliegen?«

»Kann der Dieb nicht gleichzeitig ein Interesse daran verfolgt haben, die Schuld an dem Diebstahl der goldenen Rose der Toten beizuschieben?«

Der Kommissar schüttelte bedenklich seinen Kopf.

»Kaum möglich! Es wäre dies ein klar ausgesprochener Verdacht gegen Franz Walther, den Bruder der Ermordeten.«

»Und wenn?«

Lächelnd erwiderte Scharbeck:

»Sie müssen diesen Menschen sehen und beobachten, dann werden Sie mir beistimmen. Dieser Franz Walther ist der Sklave seines Vaters; er ist völlig willenlos wie ein Kind und kaum imstande, selbständig etwas vorzunehmen.«

»Ist es denn erwiesen, daß sonst niemand als Dieb dieser Rose in Betracht kommt? Es kann ja auch möglich sein, daß er zufällig die Rose verlor! Vielleicht ist es gerade jene Person, gegen welche Olden Eifersucht hatte, jene Person, die er am Abend vorher mit Luise Walther sah?«

»Das ist vorläufig noch ungeklärt. Jedenfalls bietet dieses ein neues Material.«

»So auch werden wir ein bestimmtes Resultat erzielen.«

»Vielleicht? Wir dürfen nicht zuviel hoffen! Es ist selbst die so zuverlässige Behauptung Ihres Freundes nicht gänzlich einwandsfrei.«

»Wie soll ich das verstehen?«

Doktor Hallern blickte überrascht auf den Kommissar, der so unerwartet seinen Zweifel aussprach.

»Die Rose kann so zwischen den Narzissen verborgen gewesen sein, daß er sie eben in seiner Eifersucht nicht gesehen hat.«

Doktor Hallern nagte an seinen Lippen. Er wußte nicht, was er hier entgegnen sollte; er zweifelte ja nicht daran, wie sehr es unmöglich war, einen von gegenteiliger Ansicht von einer solchen Anschauung, die zugegeben leicht Anlaß zu Zweifeln gab, zu überzeugen.

Kommissar Scharbeck bemerkte dieses offensichtliche Mißbehagen und antwortete deshalb:

»Sie dürfen deshalb den Mut keinesfalls sinken lassen. Ich werde selbstverständlich heute noch ausgedehnte Nachforschungen anstellen. Wann und wie diese Rose verschwunden ist, ob noch eine dritte Person außer dem Sohn und der Tochter in Betracht kommen kann. Dann erst wird es möglich sein, die Bedeutung der Aussage Ihres Freundes genau festzustellen.«

Weniger befriedigt, als er gekommen war; entfernte sich Doktor Hallern ans dem Bureau Scharbecks, nach dem er noch für den Abend des gleichen Tages bestellt worden war.

Zerstreut und mißmutig begab sich Doktor Hallern in seine Wohnung zurück.

War es überhaupt möglich, die Schuldlosigkeit seines Freundes zu beweisen?

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