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Der Mord im Ballsaal

Matthias Blank: Der Mord im Ballsaal - Kapitel 6
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typefiction
authorMatthias Blank
titleDer Mord im Ballsaal
publisherDresdner Roman-Verlag
seriesKomet Romane
volumeBand 25
editorGeorg Stretcher
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6.

Verhaftet.

Der nächste Vormittag verlief vollkommen resultatlos.

Es traf weder eine Depesche, noch sonst eine Nachricht ein, die für Kommissar Scharbeck hätte von Interesse sein können.

Diese Erfolglosigkeit erweckte in Scharbeck die Vermutung, daß Hans Olden München überhaupt nicht verlassen habe, sondern in einem Hotel unter angenommenem Namen sich aufhalte.

Da er ja unermeßlich reich sein sollte, so brauchte er keinerlei Kosten zu scheuen.

Scharbeck ließ nun auch an sämtliche Hotels eine Verständigung mit ausführlicher genauer Personalbeschreibung ergehen.

Der Kommissar galt stets als einer der pflichteifrigsten Detektivs in der Stadt, der sich hinter jedem Verbrechen mit zäher Ausdauer hermachte und nicht ruhte und rastete, bis er eine Spur des Verbrechers aufgefunden hatte.

Diese verfolgte er dann mit dem geradezu raffinierten Instinkte eines Bluthundes.

Seine Tätigkeit galt auch bei allen notorisch bekannten Verbrechern als ungemein gefürchtet, und es war auch noch keinem geglückt, ihm zu entgehen.

Sobald er eine Fährte witterte, so verfolgte er diese so lange, bis er deren Ausgangspunkt erreicht hatte, und es ihm dann möglich war, über die Richtigkeit seiner Vermutungen zu urteilen.

Eine besondere Erfahrung aber besaß er in dem Verhöre der einzelnen Beschuldigten und Zeugen.

Hierbei unterstützte ihn sein hervorragend entwickeltes Kombinationsvermögen, mit dem er stets Schlüsse zog und diese stets richtig in Anwendung brachte.

In der Mordsache der Luise Walther hatte sich Verdacht auf Verdacht so gegen die Person Hans Oldens gehäuft, daß Scharbeck kaum noch einen Zweifel an der Schuld Oldens hegte.

Dessen auffallendes Verhalten, das Leugnen, seiner Anwesenheit auf der Deutschen Theaterredoute, das genaue Übereinstimmen der Fußmaße, seine plötzliche Flucht: alle diese Umstände führten mit kaum anfechtbarer Sicherheit zur Schuld Oldens.

Auch die Motive, die jeder Tat zugrunde liegen, waren gegeben.

Eine Auseinandersetzung, sei es nun aus Eifersucht oder einem sonstigen Grunde, war die Veranlassung zu diesem in größter Erregung begangenen Verbrechen.

Der Haftbefehl war erlassen und in Wirkung getreten. Diese aber dürfte als unfehlbar gelten, da ein Entkommen in das Ausland dadurch unmöglich wurde, die Zeit hierfür auch zu kurz bemessen war, anderseits aber war ein dauerndes Verborgenbleiben innerhalb der Reichsgrenze ebenso unmöglich.

Scharbeck entschloß sich, Doktor Hallern aufzusuchen, da es nicht ausgeschlossen erschien, von diesem einen klärenden Aufschluß zu erhalten.

Der Kommissar pflegte einen momentanen Entschluß nicht lange zu erwägen, da er der Meinung war, ein solcher sei schneller ausgeführt als erwogen, und daher sicherer als alle Erwägungen.

Doktor Hallern war zu Hause, als sich der Kommissar bei diesem anmeldete.

Der Doktor veranlaßte Scharbeck, auf dem prunkvollen Diwan seines Junggesellenheims, das mit luxuriöser Eleganz ausgestattet war, Platz zu nehmen, und verbat sich auf humorvolle Art jede weitere Frage und jedes Ersuchen, bis er ihm nicht mit einem Glase seines Lieblingsgetränks, mit heißem Weingrog aufgewartet hatte.

Obwohl entgegen seiner Gewohnheit nahm Kommissar Scharbeck diese Einladung an.

Erst als im Glase der rote Wein dampfte, frug ihn Doktor Hallern:

»Jetzt können Sie sprechen, Herr Kommissar! Ich glaube, so spricht sichs um vieles leichter und angenehmer, mit mehr Lust und Freude.«

Scharbeck konnte nicht in der gleichen sorglosen Weise antworten, da der Grund seiner Anwesenheit eben kein freudiger war.

»Hans Olden ist Ihr Freund?«

»Mein bester sogar!« erwiderte der Doktor.

»Er ist gestern abgereist.«

»Was!«

Aus diesem Ausruf des Doktor Hallern sprach ungeheucheltes Erstaunen. Er hatte darüber also noch nicht die mindeste Kenntnis.

Der Kommissar fuhr daher fort:

»Ich habe es erfahren!«

»Und mir hat dieser Mensch nicht die geringste Mitteilung gemacht! Da muß doch etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein!«

Scharbeck überlegte nur einen Augenblick, ob es von Vorteil oder Nachteil sein könne, diesem Freunde des so schwer Verdächtigen noch mehr und Ausführliches mitzuteilen. Dann aber sagte er:

»Vielleicht kann ich auch die Gründe hierfür angeben, wenn ich hierbei auf Ihre Unterstützung rechnen darf.«

»Selbstverständlich!« versicherte Doktor Hallern.

»Wenn es von Nutzen sein kann, sei es nun für Sie, meinen Hans oder mich, es wird gern geschehen.«

Aus diesen Worten des Doktors sprach soviel Ehrlichkeit, daß Scharbeck keinen Moment mehr daran zweifelte, daß dieser von der Tat Oldens nicht die geringste Kenntnis hatte.

Deshalb frug Kommissar Scharbeck weiter:

»Hat Ihnen vielleicht Herr Olden davon erzählt, daß er mit einem Mädchen ein Verhältnis habe?«

»Nein!« antwortete kopfschüttelnd Doktor Hallern. Dann aber schien es, als besinne er sich eines anderen und er fuhr fort: »Oder vielleicht ist es besser, ich erzähle, was ich weiß, da es vielleicht von Wichtigkeit ist. Hans hat mich zwar gebeten, jedem gegenüber davon zu schweigen, aber ...«

Hier ergänzte mit seinem Lächeln der Kommissar:

»Dann werde ich reden und Sie selbst haben nichts davon verraten.«

Etwas ungläubig antwortete daraufhin der Doktor:

»Wenn Sie wissen!«

»Herr Olden ist heimlich verlobt! Oder er war es und ist es jetzt nicht mehr.«

»Das letztere entzieht sich meiner Kenntnis.«

»Gut! Es fehlte lediglich an der Einwilligung des Vaters, der als unerbittlich streng galt.«

»Allerdings!« stimmte überrascht der Doktor bei. »Das aber ist alles, was er mir berichtet hat. Wenn Sie vielleicht noch Näheres darüber wissen? Aber eben besinne ich mich daran! Ist etwas vorgefallen, was ernster Natur ist. Ihre Fragen werden doch nicht unbegründet sein!«

»Davon später!« entgegnete Scharbeck. »Vorher noch einige Fragen: Ist es möglich, daß Ihr Freund gleichfalls auf der Theaterredoute war, ohne daß Sie ihn gesehen haben?«

Doktor Hallern überlegte.

»Möglich ja! In diesem Trubel achtet man ja kaum auf die nächste Umgebung!«

»Und wenn Hans Olden der Partner der ermordeten Luise Walther gewesen wäre?!«

»Unmöglich!« rief entsetzt Doktor Hallern, der sofort den furchtbaren Verdacht erfaßte, der aus diesen Worten sprach.

»Und dennoch muß ich Sie fragen: Hätten Sie ihn dann erkannt?«

Lange schwankte Doktor Hallern mit einer entscheidenden Antwort. Dann aber erwiderte er mit ruhiger Bestimmtheit:

»Ich kann diese Frage weder mit ja noch mit nein beantworten. Es ist dies unmöglich! Ich sah wohl das Weib, aber nicht den Tänzer.«

»Dann kann er es also gewesen sein, ohne daß Sie ihn gesehen und erkannt haben!« folgerte der Kommissar mit schonungsloser Logik.

Doktor Hallern nickte wortlos.

Kommissar Scharbeck aber fuhr fort:

»Er war es auch! Die Tatsachen sprechen so sehr gegen ihn!«

Nun schilderte Scharbeck dem erstaunt zuhörenden Doktor Hallern den Beginn seines Verdachtes, alle weiteren Schritte zur Klärung, bis zur Kenntnis der erfolgten Flucht.

Eine Totenstille herrschte, als Kommissar Scharbeck geendet hatte.

Nur die kleine, zierliche Stutzuhr auf dem Kamin tickte in gleichmäßig monotonen Schlägen und das Wasser im Samowar sprudelte leise plätschernd.

Es war das bange Schweigen, das die Furcht vor etwas Entsetzlichem nicht zu unterbrechen vermag.

In Doktor Hallern wirkten diese Mitteilungen mit erbarmungsloser Grausamkeit.

Kette hatte sich an Kette gefügt, und die Schuld lag auf seinem Freunde, und dennoch sträubte sich sein Innerstes, die Freundschaft, gegen diesen grauenhaften Verdacht.

»Das ist ja nicht möglich!« rief er dann plötzlich aus, wie unter einem körperlichen Schmerze.

Kommissar Scharbeck schwieg.

Der Freund aber frug:

»Sie werden ihn verhaften lassen?«

»Ich tue damit nur meine Pflicht.«

»Meine Freundespflicht aber gebietet mir, ihn vor diesem Schlimmsten zu bewahren, denn ich darf nicht an seine Schuld glauben, solange nicht sein Mund die Tat zugestanden hat.«

»Ich achte Sie und begreife Ihre Handlungsweise vollständig!« stimmte Scharbeck bei, ergänzte jedoch: »Aber es ist vielleicht von größerem Vorteile, wenn Hans Olden der irdischen Gerechtigkeit Rechenschaft ablegt, da dann erst beurteilt werden kann, ob er schuldig ist oder nicht. Deshalb ist es wohl besser, er stellt sich freiwillig.«

»Ich verstehe das vollständig! Aber wer weiß, wo er sich befindet!«

»Vielleicht wird er Sie noch verständigen.«

»Möglich!«

Wiederum trat eine peinliche Pause ein, nur von qualvollen Gedanken durchlebt.

»Er kann nicht schuldig sein und wenn alles wider ihn spricht!«

»Warten wir die Zukunft ab.«

»Und die goldene Rose?« fragte plötzlich unvermittelt Doktor Hallern. »Hans Olden trug nie eine solche.«

»Diese ist Eigentum des Bankdirektors Walther und wurde von der Ermordeten getragen.«

Kommissar Scharbeck verschwieg eine ausführlichere Mitteilung, da diese Familiengeschichte in keinerlei Zusammenhang mit dem geschehenen Verbrechen zu stehen schien.

Auch Doktor Hallern fragte nicht mehr weiter danach, sondern erbat sich von dem Kommissar lediglich noch die Zusicherung, daß er sofort verständigt werde, für den Fall die Verhaftung seines Freundes erfolgt sei.

Außer dieser Zusage gab ihm Scharbeck noch das Versprechen, daß er sich mit seinem Freunde dann ohne Zeugen sprechen dürfe.

Der Kommissar hegte für den Doktor zu großes Vertrauen, als daß er von dessen Seite irgendwelche Hinterlist befürchtet hätte.

Daraufhin verabschiedete sich Scharbeck. Sein Weg führte wieder in sein Amtsbureau.

Diese stattgefundene Unterredung, die für den so dringend verdächtigen Hans Olden nur Günstiges und Zuverlässiges ergeben hatte, konnte deshalb keineswegs den so schweren Verdacht beseitigen.

Die Schuld Oldens stand für Scharbeck unwiderlegbar fest, trotzdem er gern das Gegenteil geglaubt hätte.

Aber die Gründe waren zu belastende! Mochte das Motiv zur Tat auch ein strafbefreiendes sein, mochte Olden diesen grauenhaften Mord in einem Zustande von Unzurechnungsfähigkeit begangen haben! Das wollte Scharbeck gerne zugestehen! Aber die Tat selbst war durch ihn verübt.

Langsam stieg Scharbeck die breite Steintreppe zum ersten Stockwerk des Polizeigebäudes empor, in welchem sein Amtslokal lag. Ein Depeschenbote wartete vor dessen Tür.

Olden verhaftet!

Das war der erste Gedanke des Kommissars, als er den Boten sah.

Dieser überreichte ihm auch ein Telegramm, das Scharbeck noch öffnete, ehe er die Bureautür aufsperrte.

Sein Verdacht hatte sich bestätigt. Rascher war die Gefangennahme Oldens erfolgt, als er erwartet hatte.

Bald mußte sich nun alles klären!

Der Wortlaut der Depesche besagte folgendes:

Königl. Polizeiamt Ulm
an das Polizeibureau Nummer 48 in München.

Der von jenseits hierher avisierte Haftbefehl gegen Hans Olden konnte vollzogen werden. Durch zwei wachhabende Gendarmen wurde auf dem Bahnhofsperron die ausführlich beschriebene Mannsperson angehalten, die auf Vorhalt den Namen Hans Olden angab. Die Verschubung des Verhafteten wurde dem jenseitigen Verlangen entsprechend sofort angeordnet und wird Rubrikat in nächsten Tagen eintreffen.

 

Nun mußte bald das Verhör all das noch ergeben, was bisher nur Vermutung gewesen war!

Sofort verständigte mit wenigen Zeilen Kommissar Scharbeck seinem Versprechen gemäß Doktor Hallern von dieser Nachricht.

Wie sehr aber erstaunte er, als nach kaum zwei Stunden Doktor Hallern selbst in sein Bureau trat, mit einem vollständig zerrütteten Gesicht, das die Zeichen einer großen seelischen Aufregung unauslöschlich trug.

Überrascht war der Kommissar aufgesprungen und hatte nach der Ursache des so plötzlich erfolgten Besuches gefragt.

Ohne selbst zu antworten, reichte ihm Doktor Hallern einen Kartenbrief hin, mit einer Handgeste, die zum Lesen aufforderte.

Scharbecks erster Blick fiel auf die Unterschrift.

Hans Olden!

Also von dem Gesuchten!

Ein Geständnis?

Der Kommissar überflog hastig die Zeilen.

Mein bester Fritz!

Ich mußte fort aus München; ich konnte nicht mehr länger zwischen diesen Menschen weilen, die mich durch fragende, vorwurfsvolle Blicke immerfort verfolgen. Ich kann es nicht länger ertragen! Ja, ich bin schuldig und trage die Verantwortung einer entsetzlichen Tat. Begehre nicht zu wissen! Ich allein werde es büßen müssen, mögest Du mir verzeihen!

Vielleicht bin ich bald erlöst!

Aber zu ertragen, was ein Schicksal mir grausam zufügte, ist mein Los.

Gedenke meiner!

Dein unglücklicher Hans Olden.

Kommissar Scharbeck sah auf den Poststempel.

»Bahnzug München – Ulm.«

Das stimmte!

»Haben Sie mein Telegramm?« frug ihn zunächst Scharbeck.

Doktor Hallern verneinte und bemerkte:

»Vielleicht hat er sich schon selbst das Leben genommen!«

»Das wohl kaum!« erwiderte daraufhin der Kommissar. »Mir wurde eben depeschiert, daß er in Ulm verhaftet wurde und hierher geliefert werden wird.«

»Um so entsetzlicher für ihn!« sagte hierauf mit dumpfer Stimme der Doktor.

»Nach diesem Geständnisse hier allerdings!« ergänzte Kommissar Scharbeck und wies auf den Kartenbrief, den er noch in den Händen hielt.

»Und dennoch kann ich niemals an seine Schuld glauben und sollte er mir selbst gegenüber das Verbrechen eingestehen! Hier muß ein Irrtum vorliegen, und ich werde auch nicht eher ruhen, bis ich meinen Freund gerettet habe.«

Bedauerlich zuckte Kommissar Scharbeck die Schultern und bemerkte:

»Für das Gericht reicht dieses Zugeständnis zur Verurteilung!«

»Er aber ist unschuldig!« rief Doktor Hallern mit der Zuversicht eines dem Tode durch Ertrinken Nahen – der seine letzte Zuflucht auf einen auf den Wellen treibenden Balken gerichtet hat und diesen umklammert hält mit aller Lebenssehnsucht.

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