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Der Mord im Ballsaal

Matthias Blank: Der Mord im Ballsaal - Kapitel 5
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typefiction
authorMatthias Blank
titleDer Mord im Ballsaal
publisherDresdner Roman-Verlag
seriesKomet Romane
volumeBand 25
editorGeorg Stretcher
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5.

Des verstoßenen Sohnes Rückkehr ins Elternhaus.

Kommissar Scharbeck hatte am Zentralbahnhof in kürzester Frist in Erfahrung gebracht, daß in der fraglichen Zeit, während welcher Hans Olden verschwunden, vermutlich abgereist, war, Schnellzüge nach Wien und nach Frankfurt a. M., Köln, Hamburg abgegangen waren. Mit gewohnter Umsicht ließ er nochmals Depeschen an die nächsten Haltestellen auf diesen Linien abschicken.

Ehe Olden an einem dieser Orte eintraf, mußte dort schon die Nachricht und Verhaftungsanordnung eingelaufen sein. Wenn Olden wirklich die Stadt verlassen hatte, dann war ihm ein Entkommen unmöglich gemacht.

Als alle diese Vorsichtsmaßregeln geschehen waren, verließ Scharbeck das Bahnhofs- und Postgebäude wieder und schritt die Bayerstraße zur Landsbergerstraße hinunter.

Er wollte den Bankdirektor Walther aufsuchen. Die goldene Rose trug er bei sich.

Bald war er vor dem Hause fünf am Paulsplatze.

Auf sein Ansuchen wurde er sofort in das Arbeitszimmer des Direktors geführt.

Als er dort eingetreten war, sah er diesen am Schreibtisch sitzen, in eine Arbeit vertieft, ruhig und sicher, als sei nicht das geringste vorgefallen. Das regungslose Gesicht des Direktors zeigte den gewohnten Ernst. Mit entgegenkommender Freundlichkeit hieß er dem Kommissar Platz nehmen und frug nach dessen Wunsch.

»Sie haben noch einen Sohn?« war die Gegenfrage Scharbecks, die der Bankdirektor bejahte, ohne eine weitere Antwort zu geben.

Während der Kommissar in das mitleidlose Gesicht des Mannes blickte, das bei seiner Frage durch nichts ein innerliches Zusammengehören mit seinem Sohne verriet, da fühlte der Kommissar das Peinliche und Beängstigende, das auch den Sohn so im Banne hielt, daß er nicht zu reden wagte, diesem eisigen, frostigen Blicke der grauen, durchdringenden Augen gegenüber.

»In seinem Interesse komme ich!«

Hier unterbrach ihn fast zornig die Stimme des Direktors:

»Was veranlaßt Sie denn, für diesen zu sprechen? Welches Recht?«

Scharbeck empörte sich in diesem Augenblick und sagte hierauf in dem Bewußtsein, diesen unerbittlichen Mann niederzudrücken unter dem Vorwurf mehrjähriger ungerechtfertigter Grausamkeit gegen sein Kind:

»Der Beweis seiner Schuldlosigkeit!«

»Er hat nie geleugnet!« war die Entgegnung des Vaters, der sich wieder seiner Arbeit zukehrte, als sei mit dieser Erklärung diese Sache abgetan.

»Aber auch nicht gestanden!« entgegnete Kommissar Scharbeck.

»Aus Verstocktheit!«

Schon wollte der Kommissar aufbrausen, aber ebenso rasch hatte er sich besonnen, wo er sich aufhielt und was ihn hierher geführt hatte.

Er nahm ruhig und gelassen die Nadel mit der goldenen Rose aus der Tasche und reichte sie dem Bankdirektor hin.

»Kennen Herr Bankdirektor vielleicht diesen Schmuck?«

Dieser warf einen kurzen Blick darauf hin und sagte dann:

»Ja! Diese Rose hat der gestohlen, den Sie meinen Sohn nennen!«

»Wenn ich aber das Gegenteil beweise!«

»Sprechen Sie!«

Der Bankdirektor zeigte nicht die mindeste Aufregung.

»Diese Rose wurde bei der Leiche Ihrer Tochter vorgefunden!«

Mit scharfer Betonung hatte es der Kommissar gesagt und dies verfehlte auch nicht seine Wirkung auf den Bankdirektor, aber die entgegengesetzte, die der Kommissar zu erzielen beabsichtigte.

Des Vaters Aufregung galt jetzt keineswegs dem Sohne, den er drei Jahre hindurch als Dieb dem Vaterhause ferngehalten hatte, sondern der Tochter, die jetzt als Leiche auf dem Friedhof lag.

»Also sie war die Diebin! Dann war die Strafe, die sie getroffen hat, nur zu gerecht! Wie sie fehlte, so hat sie jetzt gebüßt.«

»Und Ihr Sohn?« warf Scharbeck fragend dazwischen.

»Wenn er zurückkehren will zur Mutter, so werde ich es ihm nicht verweigern. Aber mich soll er nicht mit überflüssigen Reden aufhalten!«

Rasch und plötzlich entfernte sich der Kommissar wieder.

Er konnte nicht länger bei diesem Manne bleiben, der so kalt und herzlos war. Er fühlte, wie diesen Unbeugsamen nur ein Schritt vom Verbrecher trennte, so sehr auch die Grenzen zwischen beiden getrennt zu sein schienen.

Als Scharbeck sich entfernt hatte, schrieb der Bankdirektor an seiner Arbeit weiter.

Erst als er alles erledigt hatte, stand er auf und ging nach dem Wohnzimmer, wo sein Weib sich aushielt.

Diese saß am Fenster bei einer Häkelarbeit. Ihre Augen waren rot und geschwollen, und rasch wischte sie die Tränen aus den Augen, als sie ihren Gatten näherkommen hörte, damit dieser nicht erzürnt würde.

»Bist Du schon fertig für heute?« frug das Weib mit schüchterner Stimme.

»Ja!« antwortete gelassen der Direktor, der mit langen Schritten im Zimmer hin und her ging.

Für längere Zeit trat nun eine Pause ein.

Dann stellte sich Walther vor seine Frau und sagte gleichgültig und gelassen:

»Franz wird wohl wiederkommen!«

Einen Augenblick starrte die kleine Fran ihren Gatten an, dann rief sie halb fragend, halb zweifelnd:

»Karl – Du hast ihm verziehen?!«

»Ich habe ihm nichts zu verzeihen, denn er hat den Diebstahl nicht begangen!«

»Also doch!« rief vor Freude die Mutter aus. »Ich wußte ja, daß beide einer solchen Tat nicht fähig sind. Niemals!«

»Bei Luise an dem blaßgelben Kostüm wurde die Nadel gefunden. Sie war die Diebin gewesen.«

Die Mutter hielt sich mit beiden Händen krampfhaft an der Stuhllehne fest, als sie diese furchtbare Anklage ihres liebsten Kindes hörte. Sie konnte nicht glauben, was so vernichtend behauptet wurde.

»Nein!« stammelten sodann ihre bebenden Lippen. »Sie nicht! Das kann nicht sein!«

»Und dennoch ist es so! Eben hatte mir Herr Kommissar Scharbeck die Nadel wiedergebracht, die bei der Toten gefunden wurde!«

Traurig schüttelte die Mutter immer wieder ihren ergrauten Kopf.

Mochten alle gegen die einzige Tochter sprechen, die Mutter selbst würde nie daran glauben.

Direktor Walther aber entfernte sich wieder, um abermals sein Arbeitszimmer aufzusuchen.

Inzwischen hatte der Kommissar Scharbeck die von Franz Walther angegebene Wohnung aufgesucht und diesen benachrichtigt, daß er nun wieder zurückkehren könne in das Haus seiner Eltern, da diese nunmehr von seiner Schuldlosigkeit überzeugt seien.

Als Franz Walther diese Nachricht vernommen hatte, wurde sein Gesicht abwechselnd rot und blaß. Er war unfähig, etwas zu antworten.

Scharbeck verließ ihn sogleich wieder, um nochmals in sein Bureau zurückzukehren und nach eventuell eingelaufenen Telegrammen zu sehen, ehe er nach Hause zurückkehrte; er hatte ein großes Bedürfnis, etwas zu sich zu nehmen, denn seit frühem Morgen bis zur späten Abendstunde war er an diesem Tage dienstlich tätig und hatte noch nichts gegessen.

Aber selbst zu Hause, umgeben von seiner blonden, freundlichen Frau und seinen zwei munteren, gesprächigen Kindern, ließen ihn die Ergebnisse dieses Tages nicht ruhen.

*

Schon war die Dämmerung angebrochen, als Franz Walther zögernd an der Türschelle läutete, die in die Wohnung des Bankdirektors Walther führte.

Das Dienstmädchen erkannte den verstoßenen Sohn und ließ ihn eintreten, ohne eine Meldung von seiner Ankunft zu machen.

Und verschüchtert, den Kopf auf die Brust gesenkt, trat Franz in das ihm bekannte Wohnzimmer.

Stumm und wortlos war der Empfang in seinem Elternhause. Kein freudiges Wort, kein Fragen und Antworten.

Die Mutter nur hielt seine Hand und drückte sie fest.

Aber der Sohn erwiderte nicht diesen Händedruck, er sah ihr auch nicht in die Augen.

Der Bankdirektor begrüßte ihn nur mit einem leichten Kopfnicken.

Am Abendtische saßen alle drei gemeinsam. Schweigend wurde das Mahl eingenommen; es lag über allen eine bange Stille, als wenn es das Totenmahl der Ermordeten wäre.

Nur die Mutter seufzte tief auf, wie von quälenden Schmerzen geplagt. Oft auch öffneten sich deren schmale Lippen wie zu einer Frage, aber stets blieben die Worte ungesprochen.

Als Franz sich wieder entfernte, um in seine seitherige Wohnung zurückzukehren, da sagte der Bankdirektor lediglich zu seinem Sohn:

»Wenn Du willst, kannst Du wieder dauernd bei uns Wohnung nehmen!«

Stumm bejahte der Sohn.

In den Augen der Mutter aber leuchtete ein Blick der Freude auf.

Hatte sie doch den Sohn wiedergewonnen, wenn sie auch die Tochter für immer an diesem Tagverloren hatte!

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