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Der Mord im Ballsaal

Matthias Blank: Der Mord im Ballsaal - Kapitel 4
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typefiction
authorMatthias Blank
titleDer Mord im Ballsaal
publisherDresdner Roman-Verlag
seriesKomet Romane
volumeBand 25
editorGeorg Stretcher
year1909
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4.

Die goldene Rose.

Kaum eine halbe Stunde später, nachdem sich der herbeigerufene Polizeibeamte entfernt hatte, meldete sich bei Kommissar Scharbeck ein Unbekannter an.

Da der Kommissar nicht unterrichtet war, aus welchen Gründen dieser ihn aufsuchte, ließ er den Angemeldeten sofort eintreten.

Es war dies ein junger, etwa zweiundzwanzigjähriger Bursche mit blauen Augen und blondem Schnurrbartanflug, der mit einer etwas unbehilflichen Höflichkeit sich vorstellte.

»Gestatten Sie mir, daß ich mir erlaube, aber ich bin der Bruder!«

Scharbeck musterte ihn prüfend und frug dann etwas verwundert:

»Wessen Bruder?«

»Von Luise Walther! Mit Verlaub, mein Name ist Franz Walther.«

»Sie wünschen?«

Wieder suchte dieser Bruder Luisens mit seiner Unbeholfenheit nach den richtigen Worten.

Trotzdem er in eleganter Kleidung steckte, machte er doch nicht einen ebensolchen Eindruck. Sein tastendes Suchen nach dem entsprechenden Ausdruck verriet Scharbeck, daß dieser wenig Erfahrung besitzen müsse. Diese Beobachtungen stellte der Kommissar bei jedem seiner Besucher an, ohne daß er hierbei auch nur ein Wort oder eine auffallende Bewegung oder dazwischengeworfene Bemerkung nicht gewürdigt hätte.

Franz Walther sagte verlegen:

»Meine Schwester soll ermordet sein! Ich habe es gehört! Ich möchte mir nur erlauben, ob ich mir die Frage gestatten darf, ob – ob –«

Ein unglaublich schüchterner Mensch! Der kann doch kaum bis drei zählen! waren Scharbecks Gedanken.

Er sah prüfend in das nicht unschöne Gesicht des jungen Burschen, der stockend innehielt und nicht mehr wußte, wie er die begonnene Rede vollenden sollte.

Scharbeck half ihm darauf.

»Sie wollen sicherlich von mir eine bestimmte Nachricht darüber haben?«

»Aber gewiß! Wenn Sie es erlauben und mir gestatten!«

Der Kommissar lächelte; aber sofort wieder wurde er ernst und berichtete auch diesem davon, wie er nach dem Deutschen Theater gerufen worden sei, dort habe er dann die weibliche Leiche vorgefunden. Seine Recherchen am Morgen des nächsten Tages hatten dann ergeben, daß die Ermordete Ähnlichkeit besäße mit der Tochter des Bankdirektors Walther. Dies habe sich auch bestätigt.

Der Bruder sah tränenden Auges vor sich nieder. Er konnte in diesem Augenblick nichts sprechen.

Der Kommissar verglich nun den Sohn mit seinem Vater; dieser ein Eisenkopf, der unentwegt nur nach vorwärts sah, stets ein Ziel vor den Augen, herrisch, von übertriebener Strenge; jener ein verschüchterter Mensch, zu allem unbeholfen und täppisch, die Frucht einer falschen Erziehung.

Wieder quälte sich Franz Walther mit einer Frage ab.

»Erlauben Sie mir noch, Herr Kommissar, wenn ich mir Sie zu fragen gestatte, ob schon etwas bekannt geworden ist von dem Täter!«

Scharbeck überlegte.

Sollte er schon offen aussprechen, was er als bestimmt vermutete? Oder war es besser, er schwieg vorerst darüber?

»Nein! Es ist bisher noch nichts bekannt, doch besteht sichere Aussicht, daß baldigst in dieses Verbrechen Aufklärung gebracht wird.«

»Glauben Sie das auch wirklich, Herr Kommissar?« fragte Franz Walther wieder, fast ängstlich.

»Seien Sie nur beruhigt! Es werden wohl kaum zehn Tage vergehen, dann wird der Schuldige schon von der irdischen Gerechtigkeit erreicht sein!«

Scharbeck sprach mit solcher Zuversicht, um den Bruder nicht zu sehr zu beängstigen.

»So rasch?«

»Aber gewiß!«

Franz Walther drehte verlegen den Hut zwischen den Fingern, als hätte er noch ein Anliegen, das er nicht auszusprechen wage.

Der Kommissar wollte ihm hierbei behilflich sein und fragte ihn entgegenkommend:

»Wollen Sie vielleicht Ihr Fräulein Schwester noch einmal sehen?«

Heftig schüttelte Franz Walther den Kopf und erwiderte dabei:

»Ich kann Tote nicht sehen. Das kann ich nicht ertragen. Verzeihen Sie, Herr Kommissar, aber bei einer Leiche kann ich nicht stehen.«

Der Kommissar fand dieses Entsetzen vor Leichen bei diesem verschüchterten Menschen nur zu begreiflich.

»Wünschen Sie sonst noch etwas?«

»Nein! Gewiß nicht!« war die Antwort Franz Walthers. »Ich habe sonst keinen Wunsch!«

Aber immer noch blieb er stehen, als getraue er sich nicht zu entfernen und warte erst, bis der Kommissar es ihm befehle.

»Sie können jetzt schon gehen!« nickte ihm Scharbeck freundlich zu, der im stillen Mitleid gefaßt hatte mit diesem Kinde, das dem Aussehen nach allerdings schon ein Mann war.

Mit höflichem Gruß wandte sich Franz Walther jetzt dem Ausgang zu.

Da erinnerte sich der Kommissar wieder der goldenen Rose mit dem Diamanten im Blumenkelche. Er rief deshalb den sich Entfernenden wieder zurück und fragte:

»Bleiben Sie! Ich möchte Sie noch um Aufschluß in einer Sache bitten. Kennen Sie vielleicht diesen Schmuck?«

Franz Walther war zurückgetreten und stand jetzt wieder an dem Arbeitstisch des Kommissars.

Dieser reichte ihm die Nadel hin. Der Bruder der Ermordeten nahm die Nadel; kaum hatte er sie aber betrachtet, da wurde er blaß und in seinem noch jugendlichen Gesicht war ein furchtbarer Schreck zu lesen.

Was bedeutete diese Rose?

Der Kommissar wußte anfänglich nicht, wie er das Benehmen des Bruders deuten sollte.

Auf welche Spur führte ihn nun Franz Walther? Jedenfalls hatte dieser die Rose sofort erkannt und wußte Näheres darüber zu sagen.

»Sie kennen den Schmuck? Vielleicht auch den Besitzer?« fragte ihn Scharbeck, da Franz Walther noch immer sprachlos auf die Rose starrte, die er zwischen seinen zitternden Fingern hielt.

Stotternd kam eine Erwiderung von den Lippen des jungen Mannes:

»Es ist des Vaters Nadel!«

Der Kommissar fand diese Angabe völlig unverständlich.

Warum dieses Entsetzen bei dem Wiedererkennen des wertvollen Schmuckes? Was war hinter diesen Worten verborgen? Hatte dies irgendwelche Beziehungen zu der verübten Tat?

Er mußte annehmen, daß die Tochter den Schmuck, der dem Vater gehörte, an ihre Brust geheftet hatte, um noch schöner und begehrenswerter zu erscheinen. Das war die notwendige Folgerung!

Aber das Benehmen des Bruders war doch zu sehr auffallend, um den Kommissar nicht zu der weiteren Frage zu veranlassen:

»Ist mit diesem Schmuck noch eine weitere Geschichte verbunden?«

Franz Walther nickte.

»Dann erzählen Sie! Nehmen Sie doch Platz!«

Der Kommissar wies auf den Stuhl, der vor seinem Schreibtisch stand.

Franz Walther setzte sich und entgegnete auf die Aufforderung Scharbecks:

»Aber es hat nur Interesse für mich und meine Familie! Mit dem begangenen Verbrechen dürfte diese wohl in keinem Zusammenhange stehen!«

»Schließlich ist dies gerade nicht unmöglich! Erzählen Sie ruhig und ungezwungen!«

»Wenn Sie es mir erlauben; Herr Kommissar. Aber ich will Sie damit nicht belästigen!«

»Sie belästigen mich nicht! Erzählen Sie doch!« sagte unwillig Scharbeck, den diese fortgesetzte Unterwürfigkeit und übertriebene Höflichkeit in Aufregung brachte.

»Gerne! Es ist dies nämlich des Vaters Nadel.«

»Das sagten Sie doch schon! Weiter!«

»Vater hat mich nämlich verstoßen, vor drei Jahren schon. Da durfte ich seitdem sein Haus nicht wieder betreten. Ich habe es auch nicht wieder gesehen!«

Die Stimme Franz Walthers klang hierbei gepreßt, wie durch unterdrücktes Schluchzen zurückgehalten.

»Was soll da diese Rose?« frug der Kommissar, ärgerlich über diese Umständlichkeit des Erzählers.

»Ja, der Schmuck! Die Nadel trägt daran die Schuld! Diese wurde dem Vater vor drei Jahren entwendet. Es blieb völlig ungeklärt, wie sie abhanden kam. Da fiel des Vaters Verdacht auf mich, und ich wagte es nicht, zu widersprechen; er ist so furchtbar streng! Da hat er mich dann aus dem Hause verstoßen. Und jetzt sehe ich hier die ominöse Nadel wieder!«

Ein längeres Schweigen folgte hierauf.

Scharbeck erwiderte nichts, da die Folgerung auf die Mitteilung nichts zur Aufklärung des verübten Verbrechens beitrug.

Eine tragische Familiengeschichte hatte sich durch diese Mordtat enthüllt; ohne es zu wollen, hatte der Mörder dazu beigetragen, daß sich die Schuldlosigkeit eines Unglücklichen ergab.

Drei Jahre hatte der Bruder unschuldig als Dieb das Elternhaus meiden müssen, während die Tochter die Schuldige war; furchtbar empfand Scharbeck diese Schicksalsfügung, die eine solche Tat der Schuldigen so schwer büßen ließ, um dadurch die Unschuld des Verdächtigen zu beweisen.

Das waren die folgernden Gedanken des Kommissars, der aber keinen davon aussprach, sondern wortlos den Bruder ansah.

Dieser hatte gleichfalls lange Zeit geschwiegen. Dann klagte er:

»Die arme Mutter! Ob sie mir jetzt verzeihen kann! Ob der Vater mich wieder aufnimmt in sein Haus?«

»Gehen Sie hin und sagen Sie nur dem Vater, was geschehen ist. Er wird dann überzeugt sein müssen.«

Traurig schüttelte Franz Walther den Kopf.

»Ich darf ihm nicht unter die Augen kommen, er will mich nie mehr sehen und wird mich nicht wieder erkennen.«

»Ich werde selbst mit dem Herrn Bankdirektor sprechen. Heute noch! Dann können Sie ihn gegen Abend aufsuchen. Er wird Sie dann nicht mehr verleugnen.«

Der Kommissar empfand Mitleid mit dem jungen Burschen, dessen Furcht soweit ging, daß er sich nicht vor das Antlitz seines Vaters wagte, obgleich er den Beweis seiner Schuldlosigkeit erbringen konnte.

Unter vielen herzlichen Dankbezeugungen, die unbeholfen von den Lippen des jungen Mannes gestammelt wurden, entfernte sich Franz Walther.

Kommissar Scharbeck war wieder allein.

Er rekapitulierte das Ergebnis dieses Tages.

Vor seinem geistigen Auge erstand wieder das Bild der Ermordeten. Frieden und majestätische Ruhe lag in den herrlich schönen Gesichtszügen. Ihr mußte jede schlechte Handlung fremd sein. Die Augen waren groß und weit geöffnet.

Und dennoch war sie eine Diebin! War das möglich?

Ungläubig schüttelte der Kommissar den Kopf.

Er hielt die Nadel zwischen den Fingern und betrachtete die prachtvolle Goldschmiedearbeit.

Wie aber sollte diese Rose sonst an der Brust der Toten festgenestelt worden sein?

Nur ein dritter, ein Unbekannter, mußte dann den Diebstahl begangen haben! Dieser aber müßte gleichzeitig der Mörder sein!

War das möglich?

Konnte nicht dieser an dem verhängnisvollen Redoutenabend die Nadel getragen haben?

Die Ermordete hatte diese sofort wiedererkannt und darüber war eine Auseinandersetzung entstanden; diese endete dann mit der furchtbaren Tat!

Hans Olden!

Dieser reiche Mann sollte dann die Nadel gestohlen haben?

War er überhaupt der vermutliche Mörder?

Und diese Tote dann eine Diebin, die zusehen konnte, wie der Schuldlose drei Jahre hindurch die Heimat hatte fliehen müssen?

Das waren Fragen über Fragen, die sich dem Kommissar aufdrängten und für die er keine Lösung finden konnte.

Vielleicht sprach Hans Olden, wenn er vorgeführt wurde?

Was aber ergab sich dann? Eine Lösung oder erneute ungelöste Fragen?

Ein Pochen an der Bureautür schreckte Scharbeck aus diesem sich immer mehr ausbreitenden Kreise aufdrängender Fragen auf.

Auf seinen Anruf trat jener Polizeibeamte ein, dem er den Haftbefehl gegen Hans Olden zum Vollzug übergeben hatte.

Er war allein!

»Was ist vorgefallen?« frug hastig Scharbeck, den die Ankunft des Polizisten ohne Olden überraschte.

»Hans Olden ist abgereist!« lautete die prompte Erwiderung.

Der Kommissar war auf diese Nachricht hin vom Stuhle aufgesprungen.

»Was hatten Sie sonst erfahren! Erzählen Sie rasch!«

»Als ich in das Haus Nummer 25 in der Dachauerstraße kam, im zweiten Stock sodann nach Hans Olden fragte, da teilte mir dessen Mietfrau mit, daß Olden vor etwa einer Stunde zurückgekommen sei, seine wenigen Sachen gepackt und seine Schuld bezahlt habe. Etwa eine halbe Stunde vor meiner Ankunft ist er fort, angeblich mit dem Schnellzuge nach Wien.«

»Sagte Frau Müller sonst noch etwas?«

»Allerdings!« war des Polizeidieners Entgegnung. »Sie erzählte mir, daß schon eine halbe Stunde vor der Rückkunft Oldens ein Herr nach ihm gefragt und dessen Ballstiefel abgemessen hätte. Dies hat sie Olden mitgeteilt, der darauf sehr bestürzt war. Vielleicht ist das der Grund gewesen, weshalb er so plötzlich abreiste.«

»Also doch!« murmelte Kommissar Scharbeck. »Es hat mich mein Verdacht nicht betrogen. Er und kein anderer ist der Mörder.«

Scharbeck ließ den Polizeibeamten wieder abtreten; dann fertigte er mehrere Telegrammformulare aus, in denen die Grenzbehörden von dem Haftbefehl gegen Hans Olden und dessen Signalement benachrichtigt wurden.

Der Mörder war auf der Flucht; hinter ihm aber jagte der angeordnete Haftbefehl.

Wer war schneller?

Kommissar Scharbeck begab sich, nachdem er die Telegramme besorgt hatte, zum Zentralbahnhof, um dort mehr zu erfahren.

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