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Der Mord im Ballsaal

Matthias Blank: Der Mord im Ballsaal - Kapitel 3
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typefiction
authorMatthias Blank
titleDer Mord im Ballsaal
publisherDresdner Roman-Verlag
seriesKomet Romane
volumeBand 25
editorGeorg Stretcher
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3.

In schwerem Verdacht.

Etwas unbefriedigt hatte sich auch Scharbeck von dem Bankdirektor Walther entfernt.

Dieser eigentümliche Mann, der so ruhig und leidenschaftslos den Tod seines Kindes ertragen hatte, erweckte in dem Kommissar ein unbewußtes Grauen.

Wie düster und unheimlich mochte die Seele dieses Mannes sein, der vor nichts bebte, selbst nicht vor der furchtbaren Gewalt des Todes!

Der Kommissar strebte, über den Sendlingertorplatz eilend, dem Polizeibureau zu.

Er blickte hierbei gewohnheitsgemäß zu Boden, da er sich in Gedanken stark mit dem in der vergangenen Nacht begangenen Morde beschäftigte.

Erst als er plötzlich neben sich seinen Namen rufen hörte, blickte er auf und erkannte sofort Doktor Hallern, der in Begleitung eines zweiten Herrn gerade neben ihm herschritt.

Scharbeck dankte.

Doktor Hallern aber schloß sich dem Kommissar an und frug, ob er schon irgend etwas in der Mordaffäre erfahren hatte.

Da der Kommissar verneinte, wandte sich Doktor Hallern an seinen Begleiter:

»Ich vergaß gänzlich, Dich von einem interessanten Erlebnis zu verständigen. Gestern wurde nämlich während der Redoute im Deutschen Theater eine Unbekannte im Palmengarten ermordet aufgefunden. Ich war einer der ersten, kaum vier oder fünf Minuten nach der Tat, neben der Leiche.«

Der Kommissar blickte bei den Worten des Doktors dessen Begleiter an und bemerkte, wie dieser sich verfärbte. Das Gesicht nahm rasch eine fahle Blässe an, um eben so rasch von tiefem Rot übergossen zu sein.

Dies hätte wohl des Kommissars Aufmerksamkeit nicht allein in so hohem Grade gefesselt, hätte er nicht hastig und erregt gefragt, ob er – Doktor Hallern – im Deutschen Theater gewesen sei. Dies bejahte natürlich der Doktor.

Der Kommissar aber benützte mit der gewohnten Schlagfertigkeit diesen Augenblick und wandte sich an den Begleiter des Doktors mit der bestimmten Frage, wobei seine Augen sich förmlich festsaugten in dem Antlitz des Angeredeten.

»Sie waren gewiß ebenfalls dort und hatten Ihren Freund nicht einmal bemerkt?«

Der Gefragte zögerte einen Augenblick, als besinne er sich erst, welche Antwort er geben sollte. Dann aber entgegnete er:

»Nein! Ich wunderte mich nur, daß Hallern noch Redouten besucht!«

Hierauf aber protestierte der Doktor sofort:

»Oho! Wir waren doch letzten Samstag gemeinsam auf der Trefler-Redoute!«

Wiederum konnte Scharbeck eine sichtliche Verlegenheit wahrnehmen.

Lag hier ein Zufall vor? Oder sollte er diesem Umstande irgendwelche Bedeutung beimessen?

Doktor Hallern stellte jetzt seinen Begleiter dem Kommissar vor:

»Hans Olden! Ohne Beruf! Glücklich im Besitze eines horrenden Vermögens.«

Auf dem gemeinsamen Wege durch die Sendlingerstraße wurde jetzt nur von gleichgültigen Dingen gesprochen. Schon waren sie am Marienplatze angekommen, wo sich ihre Wege trennten, da frug Doktor Hallern, sich plötzlich wieder erinnernd:

»Und den Namen der Ermordeten hat man auch noch erfahren?«

»Allerdings!« war die Antwort des Kommissars, der jetzt genau beobachtete, wie Hans Olden gespannt auf seine Erwiderung wartete. Es lag daher vollständig in Scharbecks Absicht, daß er den Namen noch zurück behielt.

»Nun? Darf man ihn denn nicht erfahren? So sehr wird doch das Amtsgeheimnis nicht gehütet werden müssen?« frug Doktor Hallern.

So unauffällig wie möglich fixierte der Kommissar Olden und sagte dann langsam, in phlegmatischem Tone, um das Mienenspiel desselben studieren zu können:

»Es ist eine Bankdirektorstochter, Luise Walther!«

Der Kommissar verfolgte hierbei einen doppelten Zweck. Das Benehmen dieses Olden mußte ihm auffällig erscheinen. Er mußte wissen, ob der Grund hierzu in der Mordtat zu suchen war, oder ob er dabei, wenn auch unbewußt, beteiligt war. Noch lag es ferne, irgend welchen bestimmten Verdacht zu fassen, da hierdurch zu leicht ein Irrgehen möglich wurde.

Deshalb sprach er den Namen der Ermordeten deutlich aus, wobei er hauptsächlich den Taufnamen betonte. Während er bei Doktor Hallern einem gleichgültigen Interesse begegnete, wie es jeder für einen Unbekannten hegt, dem ein besonders schwerer und eigenartiger Unfall zugestoßen ist, konnte er bei Olden eine nur zu auffallende Erregung bemerken.

Die Gestalt Oldens zitterte förmlich, sodaß selbst Doktor Hallern aufmerksam wurde und seinen Begleiter frug:

»Was ist denn mit Dir? Hast Du sie vielleicht gekannt?«

Olden schüttelte verneinend den Kopf und antwortete:

»Der Name ist mir fremd. Es ist nur ein Unwohlsein, das mich seit mehreren Tagen schon quält.«

Doktor Hallern lachte.

»Dann leg Dich zu Bett, statt fröstelnd herumzulaufen. Mach Dir einen heißen Grog und schwitze mal tüchtig!«

Der Kommissar trennte sich und schlug die Richtung nach der Weinstraße ein. Sobald er aber annahm, von seinen beiden Begleitern nicht mehr bemerkt zu werden, da kehrte er möglichst rasch den Weg wieder zurück und folgte in einer entsprechenden Entfernung den beiden, die durch die Kaufingerstraße gegen das Karlstor zu promenierten.

Während Scharbeck diesem Olden folgte, überlegte er nochmals, ob die Gründe, die ihn zu dieser Handlung veranlaßten, genügend Ursache hatten, um dieses Vorgehen nicht zwecklos erscheinen zu lassen.

War es nicht zu eigentümlich, wenn er lediglich einem solchen Zufalle vertraute, statt planmäßig vorzugehen?

Er konnte trotz aller Gegeneinwände seinen Verdacht nur bestärken.

Olden war erschrocken, als er hörte, sein Freund sei auf der Theaterredoute gewesen. Offenbar war er selbst dort gewesen und sollte nicht gesehen werden; diese Furcht äußerte sich bei der Mitteilung seines Kameraden. Olden war unstreitig verwirrt, als er direkt herausgefordert wurde, zu antworten, ob er nicht auch dort gewesen war. Dann diese auffallende Erregtheit, als er den Namen der Ermordeten nannte!

Wenn ihn aber nur der Zufall narrte? fragte sich Scharbeck nochmals. Dann hatte er allerdings viel Zeit verloren, vielleicht auch jede weitere Spur.

Am Karlsplatze trennten sich Doktor Hallern und Hans Olden.

Scharbeck folgte Olden, der durch die Schützenstraße nach der Dachauerstraße ging.

Am Haus Nummer 25 blieb Olden stehen und sah nach beiden Seiten. Dann ging er durch das Haustor und verschwand im Stiegenhaus.

Jetzt war es Scharbeck möglich, in den nächsten Stunden noch eine Entscheidung herbeizuführen.

Er beauftragte einen in der Nähe patrouillierenden Schutzmann unter irgend einem nichtigen Vorwand im Hause nach Hans Olden zu recherchieren. Er selbst durfte das nicht unternehmen, da er sofort von Olden, wenn ihn dieser gesehen hätte, wiedererkannt worden wäre.

Nach kaum zehn Minuten war der Schutzmann wieder zurückgekehrt.

Seine Mitteilung ging dahin, daß Hans Olden im Pensionat einer Witwe Müller schon seit nahezu drei Jahren wohne, sehr reich sei und nur wenig Umgang pflege.

Dies genügte Scharbeck vorerst!

Er überlegte nun lange, was er jetzt beginnen sollte. Es hätte ihm ja das Recht zugestanden, sofort eine Durchsuchung in den Zimmern Oldens vorzunehmen, aber er fand dies doch zu peinlich, da seine Verdachtsgründe doch zu geringfügig für ein solches Vorgehen gewesen wären. Er mußte durch List das erreichen, was allein eine bestimmte Ansicht herbeiführen konnte.

War in der in Frage stehenden Nacht Olden wirklich zu Hause oder im Deutschen Theater? Stimmte das Maß, das er von der zurückgelassenen Spur abgenommen hatte?

Im Gang eines Hauses, das der Nummer 25 gegenüberlag, nahm Scharbeck Aufstellung. Er mußte hier warten, bis Olden sich wieder entfernte.

Mit der zähen Ausdauer eines Kriminalisten wartete Scharbeck eine Stunde; die zweite verrann. Schon war die Mittagsstunde vorüber, aber immer noch war Scharbeck auf seinem Posten.

Endlich, in der vierten Stunde seiner Wartezeit, trat Olden wieder aus dem Hause.

Die Augen des Detektivs verfolgten ihn noch eine weite Wegstrecke, bis er völlige Sicherheit besaß, seinen Plan nunmehr durchführen zu können.

Bald war er oben im zweiten Stockwerk und schellte an der Glocke zum Pensionat Müller. Eine ältere Dame öffnete ihm.

»Ist vielleicht Hans Olden zu Hause?« fragte sie Scharbeck.

Die Dame teilte ihm mit, daß dieser vor kurzem das Pensionat verlassen hätte.

Jetzt improvisierte Scharbeck:

»Unangenehm! Ich sagte ihm gestern abend, ehe er auf die Redoute des Deutschen Theaters gehen wollte –« hier unterbrach sich Scharbeck und frug: »Olden ist doch gestern noch hingegangen?«

»Allerdings!« antwortete die Dame auf diese Frage. »Er sagte es wenigstens! Wann er nach Hause kam, weiß ich nicht.«

Scharbeck triumphierte innerlich. Diese eine Annahme war richtig. Jetzt zu Punkt zwei!

»Ich soll ihm nämlich neue Ballstiefel liefern. Ich habe ein Paar zu Hause, doch weiß ich wirklich nicht, ob auch die Größe stimmt. Ich habe wohl ein ungefähres Maß bei mir. Vielleicht stehen seine Ballstiefel hier?«

»Aber gewiß!« versicherte die alte Dame und entfernte sich, um bald hernach mit dem Stiefelpaar Oldens wieder zurückzukehren.

Nun sollte es sich beweisen!

Die Hand zitterte unwillkürlich vor Aufregung, als er die Breite und Länge des Schuhes abnahm.

Sie stimmte genau mit den Aufzeichnungen, die er sich gemacht hatte.

Er nur konnte es also sein, der mit Luise Walther im Palmengarten des Deutschen Theaters eine Auseinandersetzung hatte.

War er aber deshalb auch der Mörder?

Unter vielen Entschuldigungen hatte Scharbeck sich wieder entfernt und kehrte, in Gedanken versunken, wieder zurück, den Weg, den er gekommen.

Jetzt erst begab er sich auf sein Polizeibureau, wo er nunmehr einen ausführlichen Bericht niederschrieb.

Als er so Zeile für Zeile schrieb und sich hierbei jeder Umstand wieder mit deutlicher Schärfe zeigte, da gewannen die Verdachtsgründe gegen Hans Olden immer mehr an Wahrscheinlichkeit.

Er zählte die Beweggründe auf, die Ursache sein konnten zu dieser gräßlichen Tat. Jedes Motiv blieb stichhaltig.

»Nach vorhergegangenem Streite hat Hans Olden sie in momentaner Aufwallung getötet!«

Nur das konnte die Möglichkeit sein!

Scharbeck blickte jetzt wieder auf die bei der Leiche vorgefundene goldene Nadel mit jener feingearbeiteten Rose und dem Diamanten.

Wenn diese erzählen könnte!

Wem mochte sie angehören?

Scharbeck hatte vergessen, den Bankdirektor danach zu fragen. Da dieser aber die Nadel nicht vermißte, so hatte sie wohl der Mörder verloren.

Welchen Wert aber mochte diese goldene Rose besitzen?

Hans Olden galt als kolossal reich!

Scharbeck erschrak förmlich, als sich seine Gedanken immer und immer wieder zu diesem Olden verirrten.

Es mußte sein! So groß auch die dadurch übernommene Verantwortung sein mochte, Scharbeck zögerte nicht mehr.

Seine Hand nahm aus einem Fache des Aktenpultes ein rötliches Formular, das der Kommissar mit flüchtiger Schrift ausfüllte, dann wiederholt durchlas.

Durch ein Glockenzeichen rief er dann einen Polizeibeamten herbei, der auch bald darauf erschien. Diesem übergab Scharbeck das ausgefüllte Formular und bemerkte gleichzeitig:

»Der Vollzug dieses Schreibens ist sofort anzuordnen. Es ist das größte Interesse daran, Sie erledigen den Befehl selbst, bevor Sie noch einen andern damit beauftragen. Ich wünsche, daß mir längstens in zwei Stunden von dem erfolgten Vollzuge Mitteilung gemacht wird.«

Der Polizeibeamte nickte.

»Zu Befehl!«

Dann entfernte er sich mit dem überreichten Formular.

Auf diesem aber stand mit gedruckten Buchstaben:

»Im Namen Seiner Majestät des Königs:
Haftbefehl gegen«

Unter diesem folgte von der Hand des Kommissars geschrieben:

»Hans Olden, Dachauerstraße 25, 2. Stock.«

Kommissar Scharbeck war von der Schuld Oldens überzeugt.

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