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Der Mord im Ballsaal

Matthias Blank: Der Mord im Ballsaal - Kapitel 2
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typefiction
authorMatthias Blank
titleDer Mord im Ballsaal
publisherDresdner Roman-Verlag
seriesKomet Romane
volumeBand 25
editorGeorg Stretcher
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2.

Ein hartherziger Vater

Der Bankdirektor Walther bewohnte den ersten Stock des Hauses Nummer vier am Paulsplatz.

Gegen morgens sechs Uhr schon hatte sich der Bankdirektor in das gemeinsame Wohnzimmer begeben, wo er regelmäßig die Zeitung zu lesen pflegte, bis das Frühstück aufgetragen wurde.

Er war ein hochgewachsener Mann in den fünfziger Jahren. Sein üppiges, braunes Haar und der gleichfarbene Schnurrbart – das Kinn trug er stets glatt rasiert – waren schon stark mit grauen Haaren durchzogen. Er wurde alt, trotzdem er stets versicherte, daß er sich noch ebenso gesund und kräftig fühle, wie in den vierziger Jahren.

Sein Geist arbeitete auch gleichmäßig rastlos und er beherrschte den ihm anvertrauten Posten mit einer nahezu pedantischen Gewissenhaftigkeit. Diese Strenge und Genauigkeit war ihm so in Fleisch und Blut übergegangen, daß er auch im Kreise seiner Familie mit gleich drakonischer Strenge alles beurteilte. Von den Dienstboten wurde er besonders gefürchtet.

Selbst seine Frau, die stets in Frieden und ohne Streit schon seit dreißig Jahren mit ihm zusammengelebt hatte, hegte eine Scheu vor seinem oft barschen Wesen; sie fürchtete ihn und hatte eine hochachtende Meinung vor jeder seiner Anordnungen, die lediglich auf ihrer großen Liebe basierte. Vor dreißig Jahren hatte sie ihn geheiratet; beide besaßen damals nichts und nur durch seine Tüchtigkeit hatten sie sich soweit emporgerungen.

Walther las noch immer die Morgenzeitung.

Die Uhr zeigte schon auf halb acht, aber das Frühstück war noch immer nicht serviert worden.

Wiederholt schon hatte der Bankdirektor nach der Uhr gesehen. Niemand kam.

Da warf er die Zeitung beiseite und schritt mit langen Schritten im Zimmer hin und her. Das war das erste Anzeichen seiner Ungeduld.

Immer mehr rückte der Minutenzeiger auf die zwölf.

Ein Griff seiner Hand nach der Tischglocke und ein schrilles, anhaltendes Läuten gellte durch den Raum.

Da kam auch schon durch die Tür, hastig und übereilt, ein kleines, graues Mütterchen mit durchfurchten und abgehärmten Gesichtszügen. Das fast weiße Haar war gescheitelt und über die Schläfen zurückgekämmt. Das war seine Frau.

Er sah nicht nach ihr, sondern sagte unwirsch und befehlend:

»Ich will frühstücken! Ich bin nicht gewohnt, warten zu müssen, bis ich befehle!«

Das grauhaarige Mütterchen, das neben der großen, breitschultrigen Gestalt des Direktors so unscheinbar erschien, wollte etwas erwidern, die Lippen öffneten sich schon; als aber Walther sie mit stechendem Blicke ansah und wiederholte, was er schon gesagt hatte, da schrak die kleine, alte Frau so sehr zusammen, daß sie ohne eine Widerrede wieder zur Tür hinausging.

Bald hernach brachte das Dienstmädchen den Morgenkaffee. Ihr folgte die Frau Walther, die den Kaffee für den Gatten und für sich servierte.

»Wo ist Luise?« fragte der Bankdirektor, als er sah, daß nur für zwei gedeckt wurde.

Bei dieser barschen Frage war die kränkliche Frau plötzlich so verschüchtert, daß sie momentan nicht antworten konnte. Dann aber perlten aus ihren Augen Tränen nieder.

»Was soll das wieder sein? Warum weinst Du?«

In dem Manne, der nur unerbittliche Strenge sowohl gegen sich, als auch gegen andere kannte, war nur zu leicht der Argwohn erwacht. Hierzu hatte er noch mehr Grund, da er sehr wohl wußte, wie er das Benehmen seiner Frau zu deuten hatte, die unter seiner Hand sich formen und leiten ließ, wie weiches Wachs.

Aber nur um so heftiger schluchzte die Mutter.

»Was ist geschehen?«

Er war vor ihr stehen geblieben und seine Augen blickten so durchdringend in ihr Gesicht, als wollten sie aus diesem lesen, was die Lippen verschwiegen.

»Luise ist fort!«

Überrascht blickte Walther auf.

»Was soll das heißen? Wo ist sie?«

Ein erneuter Tränenstrom erstickte die Stimme, sodaß nur unverständliche Worte aus dem Munde der Mutter kamen.

Damit aber war die Geduld des Bankdirektors erschöpft. Mit gewaltigen Tritten, wobei der Glaslüster leise klirrte, entfernte er sich aus dem Zimmer und suchte die Kammer auf, die seiner Tochter als Schlafstube diente.

Diese betrat er.

Das Bett war unbenutzt. Alles fand er in der gewohnten Ordnung.

Er wußte nicht, wie er das Benehmen der Gattin deuten sollte und kehrte wieder zu ihr zurück. Im Polstersessel fand er sie, den kleinen Kopf vergraben in die Ecke der Rücklehne.

Er sah, wie ihr Körper durch Schluchzen stoßweise gehoben wurde. Selbst dieser Anblick konnte dem starren Manne kein herzliches Wort entlocken; es war ihm jede Seelenregung, wie Erbarmen oder Mitleid, fremd. Er kannte nur ein Recht und Unrecht. Danach urteilte er.

»Wo ist Luise?« fragte er jetzt.

Seine Gattin wandte ihm jetzt das Antlitz zu. Sein Auge sah den verstörten Blick, das krampfhafte Zucken der Mundwinkel. Leise, kaum hörbar, stammelte dann die Mutter:

»Ich weiß es nicht! Sie kam die Nacht hindurch nicht nach Hause.«

»Was?« frug erstaunt der Bankdirektor, der diese Nachricht kaum zu fassen schien.

Unter vielen Tränen, von Schluchzen oftmals unterbrochen, erzählte nun die Frau:

»Gestern ist Luise schon frühzeitig auf Ihre Kammer gegangen und sagte, sie sei müde und wünsche bald zu schlafen. Ich ließ sie gehen. Heute morgen, als ich sie wecken wollte, erhielt ich keine Antwort. Ich trat ein und fand das Bett unbenutzt.«

Ein langes Schweigen folgte.

Der Bankdirektor sagte sodann:

»Sie wird sich der Last unserer Aufsicht entzogen haben. Mag sie jetzt auch ein Lotterleben beginnen, wie –«

Hier stockte der alte Walther. Er mochte den Namen nicht aussprechen, der in seinem Hause seiner Bestimmung zufolge schon seit Jahren nicht mehr genannt werden durfte.

Bei dieser Anklage konnte das Herz der Mutter nicht schweigen. Mit fast flehender Stimme bat sie:

»Karl, versündige Dich nicht! Luise ist ebenso schuldlos wie Franz. Wer weiß, welch Unglück ihr zugestoßen sein mag!«

Aber der Wille des Vaters war unbeugsam. Zornig rief er aus:

»Sie hat das Elternhaus verlassen! In der Nacht ist sie geflohen! Ich rufe sie nicht zurück.«

»Sei nicht so mitleidlos!« bat nochmals die Mutter.

»Es gibt nur eine Schuld!« kam es mit eisiger Schärfe aus dem Munde des Direktors. »Sie hat ihr Vaterhaus verlassen, lebend soll sie es nicht wieder betreten!«

»Karl!« Wie der Verzweiflungsschrei eines mit dem Tode Ringenden gellte es von den Lippen der Mutter. »Fluche ihr nicht, auf daß Du nicht an Dir selber sündigst!«

»Was ich sage, gilt mir Recht! Ich habe keinen Sohn und keine Tochter mehr. Der sich mein Sohn nannte, ist ein Dieb, die Tochter aber wurde eine Landstreicherin.«

»Der Verdacht ist gegen sie, aber das Mutterherz spricht für sie,« erwiderte die Alte und war hierbei wieder ruhig geworden. »Möge Gott das Schicksal so lenken, daß ihre Schuldlosigkeit zu Tage tritt, ehe Dein Fluch sich erfüllt hat.«

Bankdirektor Walther kannte kein Beugen, sein Wille war von derselben Strenge und Unerbittlichkeit, wie seine Rechtsanschauung.

Stets hatte die Frau schweigen müssen, wenn er sein Urteil abgegeben hatte. Er duldete nie, daß die Frau, die mehr ein Geschöpf seiner Willkür, als ein selbstberechnendes Wesen war, anderer Meinung als er gewesen wäre.

Ihre jetzige Widerrede, die nicht mehr verschüchtert ausgesprochen wurde, brachte sein leicht erregbares Blut in noch größere Wallung.

»Ich kenne keinen Sohn und keine Tochter –«

Sein Weib unterbrach ihn und sagte mit klarer Stimme:

»Möge ein göttliches Geschick verhüten, daß Deine Worte sich erfüllen.«

In diesem Augenblick trat das Dienstmädchen ein und überreichte dem Bankdirektor eine Visitenkarte. Dieser las den Namen. Dann befahl er bestimmt und fest, als ob nichts vorgefallen wäre:

»Führen Sie den Herrn in mein Zimmer!«

Das Mädchen entfernte sich sofort wieder, um diesen Befehl unverzüglich auszuführen.

Fragend ruhten die Augen der Frau auf dem undurchdringlichen Antlitz des Gatten, das nicht die geringste Gemütsbewegung verriet. Eine Ahnung verkündete der Mutter, daß etwas Ungewöhnliches geschehen sein müsse. Diese Ahnung machte aus der alten, kleinen Frau wieder das willenlose Geschöpf. Und mit einer flehenden Gebärde trat sie auf den Gatten zu.

Dieser aber beachtete die kleine Frau gar nicht weiter, sondern verließ ruhig und mit schwere. Schritten das Wohnzimmer.

Seine Hand zitterte unmerklich, als er die Klinke der Tür zu seinem Arbeitsraume niederdrückte und öffnete.

»Herr Kommissar, was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?« waren seine ersten Worte.

Kommissar Scharbeck war es, der sich angemeldet hatte und nun auf den Bankdirektor zuging, diesem die Hand darreichte und dann zögernd sagte:

»Ich bringe nichts Erfreuliches!«

Die Gedanken Walthers arbeiteten stets in die Zukunft sehend; er war in diesem Augenblick sofort überzogt, daß die Anwesenheit des Kommissars nur auf ein Vorkommnis mit Luise sich beziehen konnte.

Was aber mochte es sein?

»Betrifft es meine Tochter Luise, dann sprechen Sie!« forderte er den Kommissar auf.

»Können Sie auch eine schreckliche Mitteilung ertragen?« begann der Kommissar wieder, gleichsam vorwärts tastend, als müßte er erst Boden suchen, ob seine Nachricht in diesem Manne auch Halt finde.

»Ich bin auf das Furchtbarste gefaßt!«

Wieder sprach die Stimme des Bankdirektors in jenem eisigen Tone, der den Kommissar erschaudern machte.

»Ihre Tochter wurde mit schweren Verletzungen aufgefunden und ist –«

»Tot!« ergänzte der Bankdirektor.

Seine Stimme zitterte hierbei nicht, und seine Gestalt wankte nicht. Er frug nur:

»Wie und wo geschah es?«

Der Kommissar berichtete nunmehr ausführlich, was vorgefallen war.

Ohne ihn zu unterbrechen, hatte ihn der Bankdirektor angehört.

»Kann ich die Leiche sehen?«

»Ich hätte Sie darum gebeten,« entgegnete hieraus Kommissar Scharbeck. »Es ist noch nicht der Beweis dafür erbracht, daß es auch wirklich Ihre Tochter ist.«

»Ich folge Ihnen!«

Bankdirektor Walther zog seinen schweren Pelzmantel an, und bald führte die beiden eine Droschke nach dem Leichenschauhause.

Rasselnd und polternd fuhr der Mietwagen vor dem Friedhofseingang in der Thalkirchnerstraße vor.

Mit entblößtem Haupte trat der Bankdirektor in die kleine Leichenhalle, die für gewöhnliche Besucher gesperrt ist. Nach ihm folgte Kommissar Scharbeck.

Da lag die Leiche! Wie sie vorgefunden wurde, so war sie aufgebahrt worden: Das blaßgelbe Seidenkostüm, der entblößte Hals mit der klaffenden Wunde, die Narzissen auf der Brust.

Das Gesicht zeigte einen friedlichen, ruhigen Blick. Die Majestät des Todes verlieh dem schönen, blassen Antlitz etwas Hoheitsvolles.

Walther starrte in Gedanken versunken auf die vor ihm Liegende.

Es war Luise, sein Kind! Sofort hatte er sie wiedererkannt. Auch das blaßgelbe Kleid war ihm nicht unbekannt. Vor fünf Jahren, als er die Jubelfeier seiner silbernen Hochzeit gefeiert hatte, da hatte sie es das erstemal getragen. Seitdem nicht wieder! Nur an diesem Tage! An ihrem Sterbetage!

Diese Erinnerung bedrückte ihn, und er fühlte einen Augenblick, daß sich Tränen aufdrängten. Diese Schwäche währte nur eine kurze Spanne Zeit. Dann sah er wieder die Schuld. Fortgestohlen hatte sie sich aus dem Elternhause, um einer sündhaften Lustbarkeit nachzugehen. Nun hatte sie es mit dem Tode gebüßt!

Schuld und Strafe! Diese beiden Begriffe waren in dem unbeugsamen Manne unzertrennliche Begriffe, so in eines gekettet, daß er das eine ohne das andere für nicht möglich hielt.

Und die Träne, die schon in seinem Auge stand, wurde zurückgedrängt.

Wortlos sah er auf die Leiche, die ehedem sein Kind war. Kein Wort des Schmerzes, des Bedauerns oder Mitleids rang sich von seinen Lippen los. Mit einer müden, schwerfälligen Bewegung wandte er sich um nach dem Kommissar und sagte:

»Sie ist es! Gehen wir wieder!«

Nun gingen beide wieder den Weg zurück.

Scharbeck wagte es nicht, zu sprechen, da er fürchtete, den Schmerz des Vaters zu erhöhen.

Erst als ihn der Bankdirektor aufforderte, ihn ruhig zu befragen, wenn er etwas zu wissen wünsche, da frug Scharbeck, dessen Bestreben pflichtgemäß darauf gerichtet war, eine Spur von dem unbekannten Mörder zu gewinnen.

»Können mir Herr Direktor vielleicht sagen, ob das Fräulein irgend ein Verhältnis hatte, oder mit einem Herrn in engerer Beziehung stand?«

Walther fixierte den Kommissar scharf und entgegnete dann:

»Nein! Mit niemand! Haben Sie einen Grund zu dieser Frage?«

Daraufhin erzählte Kommissar Scharbeck von den am Tatort aufgefundenen Spuren und den daraus gezogenen Folgerungen.

Ruhig hatte der Direktor zugehört; dann aber wiederholte er:

»Ich kenne keinen Herrn, der in näherer Beziehung zu Luise gestanden hätte!«

Nachdenklich sann der Kommissar.

Walther aber entschuldigte sich, verabschiedete sich dann und fuhr mit der nächsten Droschke, die ihm begegnete, nach Hause.

Seine Frau hatte ihn schon erwartet. Mit ängstlicher Scheu forschte sie in seinen Zügen und frug flüsternd:

»Was ist mit meinem Kinde? Wo ist Luise, unsere Tochter?«

Der Bankdirektor zog die Stirn in Falten, klemmte die Lippen zusammen und schwieg.

Sein Weib aber erkannte in diesem Schweigen, daß etwas Gräßliches vorgefallen sein mußte, und bat ihn nunmehr flehentlich:

»Franz, unser Sohn ist für uns tot! Ein Kind nur ist noch mein eigen, Luise. Was ist ihr geschehen?«

»Ich hatte keine Kinder mehr. Luise Walther, die Du Tochter nennst, ist tot. Vom Elternhaus hat sie sich fortgestohlen zur Lustbarkeit. Auf der Redoute suchte sie ein Liebesabenteuer. Sie hat auch einen Tänzer gefunden. Jetzt aber hat sie ein Strafgericht niedergeschmettert. Ich bin schuldlos an ihrer Sünde.«

Mit harter Mitleidlosigkeit hatte der Vater sein Kind angeklagt und sein Urteil gesprochen. Er fand die Sühne gerecht ihrer Schuld.

Die Mutter aber brach vor Weh zusammen.

Ihr einziges, letztes Kind mußte sie so verlieren.

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