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Der Mord im Ballsaal

Matthias Blank: Der Mord im Ballsaal - Kapitel 12
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typefiction
authorMatthias Blank
titleDer Mord im Ballsaal
publisherDresdner Roman-Verlag
seriesKomet Romane
volumeBand 25
editorGeorg Stretcher
year1909
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12.

Eine schreckliche Tat.

Kommissar Scharbeck war allein zurückgeblieben und hatte eine ausführliche Vernehmung des Zeugen Habicht vorgenommen und niedergeschrieben. Nach dessen bestimmter Aussage mußte die Schuld Franz Walthers zweifellos erscheinen.

Um aber nach jeder Richtung sein möglichstes getan zu haben, fuhr Kommissar Scharbeck mit dein Zeugen in die Amalienstraße zu Frau Marx.

Als er auch bei dieser ein Verhörsprotokoll aufgenommen hatte, das gleichfalls nur Belastendes für die Tat durch Franz Walther ergab, suchte der Kommissar mit dem Zeugen Habicht die Wohnung Paulsplatz 5, zweiter Stock, aus, um dortselbst den verdächtigen Franz Walther durch unvermutete Überraschung überführen und gleichzeitig verhaften zu sönnen.

Als er auf den Flur des zweiten Stockwerkes trat, wollte eben Bankdirektor Walther seine Wohnung verlassen.

Dieser sah verwundert auf den Kommissar und frug etwas barsch:

»Sie suchen mich ziemlich häufig auf während dieser letzten Tage. Habe ich wiederum die Ehre Ihres Besuchs?«

Dieses unfreundliche Begrüßen, das sehr wohl einen beleidigenden Ton hervorkehrte, empörte den Kommissar Scharbeck derart, daß er in derselben barschen Weise erwiderte:

»Es wäre mir lieber, ich brauchte dieses Haus nicht wieder zu betreten; aber leider zwingt mich die Pflicht.«

»Und was gebietet Ihnen diese?«

Bankdirektor Walther stand an der offenen Wohnungstür und machte keinerlei Anstalten, den Kommissar eintreten zu lassen, als beabsichtige er damit, Scharbeck zum baldigen Abgehen nötigen.

»Eine Angelegenheit, die mehr Ihren Sohn, als Sie selbst betrifft. Ihn muß ich unbedingt sprechen!«

»Er kann Sie in Ihrem Bureau aufsuchen!« erwiderte leichthin der Bankdirektor.

»Das ist nicht nötig, da ich ihn jetzt, das heißt, sofort sprechen muß!«

»Ich sehe absolut keinen Grund ein zu solchem Vorgehen, außer ich müßte annehmen, Sie wünschten sich in meinem Hause mißliebig zu Machen!«

Eine Zornesröte wallte im Gesicht des Kommissars Scharbeck auf.

Dann aber stieß er heftig zwischen den vor Erregung zusammengepreßten Zähnen hervor:

»Ich komme als Beamter, um einen Beschuldigten der Gerechtigkeit auszuliefern. Daß Ihr Sohn es ist, dürfte Wohl am wenigsten meine Schuld sein, da ja ich nicht dessen Erzieher war.«

Aus den stahlgrauen Augen traf den Kommissar ein stechender Blick.

Ohne einer weiteren Widerrede öffnete jetzt der Bankdirektor die Tür und gab durch einen Wink den vor derselben Stehenden zu verstehen, daß sie eintreten und ihm folgen sollten.

Dann schritt er voran, aufgerichtet, mit schweren Tritten, sodaß der Lüster des Arbeitszimmers, in das er sie führte, leise klirrte.

Hinter dem Kommissar und Habicht, der schüchtern nachgefolgt war, schloß der Bankdirektor die Tür. Dann sagte er zu Scharbeck:

»Welche Schuld liegt gegen meinen Sohn vor, daß Sie in solcher Weise vorzugehen für gut befinden?«

Herausfordernd und gereizt klang die Stimme des Bankdirektors, der sich mit dem Rücken gegen den Sekretär stützte.

»Darf ich vielleicht um jene goldene Rose bitten, die ich Ihnen vor kurzer Zeit wieder zurückgegeben habe?«

Kommissar Scharbeck bemühte sich, möglichst ruhig zu sein und hatte so mäßig, als er es bei seiner gereizten Stimmung vermocht hatte, gesprochen.

»Wozu?«

»Hierüber kann ich erst Aufschluß geben, wenn mir die Nadel übergeben wird.«

Ohne Antwort trat der Bankdirektor in das nebenanliegende Zimmer und kehrte nach wenigen Minuten zurück und reichte die Nadel dem Kommissar hin.

Dieser dagegen gab sie dem mitfolgenden Zeugen Habicht und sagte hierbei in ausdrücklicher Betonung, um dem Bankdirektor deutlich erkennen zu geben, um was es sich handle.

»Ist diese Nadel hier dieselbe, die ein junger Bursche am 22. Dezember 1899 bei Ihnen in der äußeren Wiener Straße versetzt hat?«

Der Pfandleiher hatte kaum einen Blick darauf geworfen, als er auch schon antwortete:

»Aber natürlich! Es kann nur diese sein.«

Dann sah er an die untere Seite der Rose, an welcher die Nadel einmündete und fuhr fort:

»Hier ist auch ganz deutlich das Zeichen, ein kleiner Kerb, den jeder Gegenstand, der durch mich versetzt wird, erhält.«

Der Kommissar nahm die Nadel wieder zurück und gab sie an den Bankdirektor hin. Gleichzeitig frug er abermals den Zeugen Habicht:

»Das ist auch dieselbe Nadel, die am 21. Februar 1903 bei Ihnen von demselben Burschen wieder ausgelöst wurde?«

»Aber natürlich!« lautete wiederum die Antwort des Zeugen.

Hierauf wandte sich Kommissar Scharbeck gegen den Bankdirektor, der, ohne auch nur mit den Wimpern zu zucken, ruhig den Zeugen angehört hatte.

»Der 21. Februar aber ist derselbe Tag, an welchem Ihre Tochter im Palmengarten ermordet aufgesunden wurde.«

Die Augen des Direktors waren weit geöffnet.

Er starrte so auf den Kommissar und sagte Mit grausamer Stimme, die in ihrer schonungslosen Mitleidslosigkeit grauenvoll anzuhören war:

»Ich verstehe sehr gut Ihre Folgerung! Und diese Nadel ist es, die bei der Leiche meiner Tochter gefunden wurde. Ja, das wollen Sie sagen! Aber das verschweigen Sie, weil Sie denken, mich durch diese weitere Schlußfolgerung quälen zu können.«

Die Stimme des Bankdirektors nahm eine unerbittliche Schärfe an, als er dann ohne Unterbrechung fortfuhr:

»Folglich ist mein Sohn des Mordes an seiner eigenen Schwester verdächtig! Gut, Herr Kommissar, Sie haben Ihre Pflicht vollauf erfüllt! Aber ich habe dadurch nichts verloren!«

Die Augen des Bankdirektors flackerten in unheimlichem Leuchten, das eine wilde Leidenschaft verriet, die in krassem Widerspruch stand zu der bewundernswerten Ruhe des Körpers und der Beherrschung der Rede.

»Ich war gezwungen zu reden, da Sie mich hierzu drängten!« antwortete hierauf Kommissar Scharbeck als wollte er sich einem unausgesprochenen Verdachte gegenüber entschuldigen.

Da richtete sich der Bankdirektor empor und reckte sich, während er den Kommissar mit höhnender Stimme anklagte:

»Ja, es war eine Feindschaft zwischen uns von Anbeginn! Sie waren es, der mir die Nachricht brachte, daß ich mein einziges Kind verlor! Sie auch hatten mir diesen Sohn wieder in das Haus gebracht, den ich längst zu den Toten gezählt habe! Warum? Habe ich diesen Liebesdienst verlangt? Und jetzt kommen Sie und klagen ihn des Mordes an!«

Es entstand jetzt ein peinliches Schweigen. Auf Antwort wartend stand der Direktor.

Der Kommissar wußte aber nicht, was er hatte entgegnen sollen.

In diesem Augenblick wurde die Tür zum Arbeitszimmer geöffnet und auf der Schwelle stand Franz Walther.

Als dieser zuerst den Vater und den Kommissar erkannte, wollte er hereintreten. Aber in diesem Augenblick erst bemerkte er den Pfandverleiher Habicht, der mehr im Hintergrund des Zimmers stand.

Da überschoß das Gesicht des jungen Burschen. eine jähe Blässe; in demselben Augenblick rief Habicht:

»Das ist er!«

Sprungartig drehte sich Franz um, aber die gellende Stimme des Vaters rief ihn mit unwiderstehlicher Gewalt zurück.

»Halt, feiger Bursche!«

Und Franz blieb. Zusammengeduckt, zitternd stand er ruhig und blickte auf den Boden nieder.

Der Bankdirektor aber rief mit einer Stimme Voll Spott und Verachtung zugleich:

»Ja, das ist er! Feige und kriechend wie eine Hyäne. Das ist das scheußliche Reptil, das sich unter den Fußtritten windet und seinen Stachel gebraucht, wenn die Nacht es schützt.«

Der Kommissar war so sehr im Banne dieser Szene, daß er nichts tun konnte, als sehen und hören.

Was sich hier darbot, war wohl das Eigenartigste, das er je im Laufe seiner langen Erfahrungen erlebt hatte.

Der Mörder, der Verbrecher, stand hier in einer solchen Beschämung wie ein Schuljunge, dem der Lehrer mit Strafe droht; nichts verriet in diesem Menschen die bestialische Grausamkeit, mit der er seine Schwester ermordet hatte.

Dieser Mensch war ein Rätsel, das zum Nachdenken Anlaß gab.

Der Bankdirektor blickte mit seinen stechenden Augen, die eine erschreckende Gewalt auf Franz Walther ausübten, auf den Sohn, der verschüchtert die Augen nicht vom Boden zu heben vermochte.

»Du also bist das Scheusal! Du hast die goldene Rose gestohlen und versetzt? Antworte!« »Ja!« kam es lallend von den Lippen Franz Walthers.

»Und Du hast Luise, Deine Schwester, ermordet?«

Wieder stammelte dieser ein Ja.

»Wie ist das geschehen?«

Die Fragen des Bankdirektors klangen so bestimmt, wobei seine Augen sich immer durchdringender in dem Antlitz seines Sohnes förmlich festsaugten, daß dieser unter diesem Banne gehorchen mußte wie ein willenloses Kind.

Er erzählte unter mehreren Unterbrechungen, wobei stets nur ein kategorisches »Weiter!« aus dem Munde des Vaters genügte, um ihn zur Fortsetzung seiner Darstellung zu veranlassen.

»Sie hat mir das Geld zum Auslösen gegeben. Sie hat es erfahren, daß ich die Rose genommen hatte. Und da habe ich sie auch ausgelöst.

Am Abend vorher schon hatte ich von Luise bei einer Zusammenkunst im englischen Garten das Geld bekommen. Und am Abend darauf war sie auf der Theaterredoute. Auch ich! Ich trug einen schwarzen Domino und eine Samtmaske.

Und – und als ich sie allein im Palmengarten traf, eben war ein anderer, ihr Tänzer, fort, da wollte ich ihr die Nadel geben – und – und sagte, sie sollte Dir nichts davon sagen. Aber sie meinte, sie müßte es tun, um so Verzeihung zu erwirken.

Ich bat – und – sie beharrte darauf. Und – und da wurde es mir rot und schwarz vor den Augen und dann stieß ich ihr das Messer, das ich bei mir hatte, in den Hals – – dann war ich davongerannt – –«

Eine furchtbare Stille war eingetreten.

Franz Walther stand unter dem suggestiven Einflüsse des Vaters und machte keine Bewegung, keine Miene der Entschuldigung oder Reue.

Auch der Kommissar war beeinflußt von dieser herrischen Erscheinung des Bankdirektors.

Dieser selbst schien leblos erstarrt. Seine Gestalt regte sich nicht, nur die weitgeöffneten Augen starrten auf den Sohn.

Da sprang der Bankdirektor auf, griff nach der schweren Tischlampe aus dem Sekretär, und ehe der Kommissar noch dazwischen treten konnte, schmetterte er diese auf den Schädel Franz Walthers nieder, der sofort zusammenbrach.

Der Vater hatte die Gehirnschale des Sohnes zertrümmert.

Erschrocken war der Kommissar nach rückwärts gesprungen, da er einen Tobsuchtsanfall des Direktors befürchten mußte.

Dieser aber war sofort vollkommen ruhig und sagte mit leiser Stimme; als wäre nichts vorgefallen:

»Jetzt, Herr Kommissar, erfüllen Sie Ihre Pflicht! Ich bin Ihr Verhasteter!«

Dann schwieg er!

Franz Walther war tot.

*

Mehrere Wochen waren schon darüber vergangen.

Da trafen sich zufällig Kommissar Scharbeck, Hans Olden und Doktor Hallern.

Da der Kommissar dienstfrei war, nahm er eine Einladung des Doktors, mit in das nächste Restaurant zu kommen, an.

Dort war natürlich die erste Frage sowohl Oldens wie des Doktors:

»Was ist jetzt in der Mordsache Walther geschehen?«

Von dem Vorfall in der Wohnung, von der Schuld des Sohnes an der Ermordung seiner Schwester, von der Schreckenstat des Vaters, hatten alle Zeitungen schon Berichte gebracht und davon wußten auch die beiden Freunde alle Einzelheiten.

Kommissar Scharbeck antwortete deshalb:

»Was die Zeitungen meldeten, ist alles ja richtig. Es war ein lähmender Anblick den ich nicht noch einmal sehen möchte.

Der Bankdirektor selbst wurde in die Irrenanstalt geliefert. Dort trägt er immer die goldene Rose mit dein Brillant im Kelche. Dabei erzählt er allen und immer wieder:

»Diese goldene Rose habe ich mir durch zwei Mordtaten verdient. Meine Tochter und meinen Sohn habe ich abgeschlachtet! Heidi, so habe ich die Axt geschwungen und dafür die Rose für meine Tapferkeit erhalten.«

Es ist dies ein furchtbarer Anblick. Die Mutter verlebt ihre Lebenstage in Einsamkeit. Sie allein ist zu bedauern!«

Eine Pause trat ein!

Dann flüsterte Olden, als lähme ihn der Gedanke an diese Darstellung:

»Und nur durch jene Rose ist alles entstanden!«

Da schüttelte Kommissar Scharbeck den Kopf und sagte:

»Nein, nicht diese Rose trägt schuld daran, sondern der Bankdirektor selbst. Er hat seine Kinder, das heißt, den Sohn, so erzogen, das dieser nur in Furcht und sklavischer Unterwerfung lebte. So nur konnte es möglich sein, daß dieser Sohn in Augenblicken, in denen er außerhalb des Machtbereichs des Vaters stand, keine Beherrschung kannte. Nur diese Furcht hat ihn zu dieser entsetzlichen Mordtat getrieben.«

Hier fügte Doktor Hallern hinzu:

»Dann läge also in Franz Walther das Beispiel vor, daß durch übertriebene Strenge der Verbrecher großgezogen wird?«

»Allerdings!« war die bestimmte Antwort des Kommissars. »Es ist dies der Beweis hierfür.«

Damit brachen sie ab von jenem Thema, das einen so grauenhaften Abschluß gefunden hatte.

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