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Der Mord im Ballsaal

Matthias Blank: Der Mord im Ballsaal - Kapitel 11
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typefiction
authorMatthias Blank
titleDer Mord im Ballsaal
publisherDresdner Roman-Verlag
seriesKomet Romane
volumeBand 25
editorGeorg Stretcher
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11.

Der Beweis der Schuldlosigkeit erbracht.

Fast den ganzen Nachmittag und Abend hindurch hatte Doktor Hallern zu schreiben, bis er die Reihenfolge aller Adressen aufgeschrieben hatte, wie er sie gehen wollte.

Vollständig ermüdet hatte er dann bis zum frühen Morgen geschlafen.

Dann war er sofort bereit und trat seinen Weg an.

Zuerst suchte er alle Trödler und Versetzer, sowie die städtischen und privaten Leihhäuser der Innenstadt auf.

Immer wieder mußte er erfolglos sich entfernen; schon war die Mittagszeit nahe und er hatte noch nicht einmal die hälfte der Adressen der Innenstadt abgefragt.

Wenn er auf diese Weise gezwungen war, weiterzusuchen, dann konnten drei bis vier Tage vorübergehen, ohne daß er irgend ein Resultat erreicht hatte.

Was aber hätte er sonst beginnen sollen?

Ein Inserat!

Sofort verwarf er diesen Plan.

Hatte er denn eine Gewähr dafür, daß dieses Inserat von allen gelesen wurde?

Konnte aber nicht auch Franz Walther selbst dieses Inserat in der Zeitung lesen und so gewarnt werden?

Das aber mußte er vermeiden, wenn er sein Ziel erreichen wollte!

Sollte er doch noch den Kommissar Scharbeck aufsuchen, der entschieden mehr praktisches Können besaß?

Auch das verwarf er.

Er wollte nicht eher vor den Kommissar hin treten, bis ihm nicht der vollständige Beweis geglückt war.

Mit unermüdlicher Unverdrossenheit setzte Doktor Hallern nach einer kurzen Mittagspause sein Suchen wieder fort.

Stets wieder von neuem brachte er sein Anliegen vor, das er schon zu wiederholten Malen vorgebracht.

Die Dämmerung brach an, der Abend nahte; schon gegen fünf Uhr herrschte Dunkelheit auf den Straßen.

Doktor Hallern hatte noch nicht das geringste erreichen können.

Bald mußte nun der Doktor für diesen Tag sein Suchen aufgeben, da die Läden allmählich geschlossen wurden.

Da verspürte der Doktor aber auch schon eine solche Müdigkeit, daß seine Füße zitterten und ihn kaum noch zu tragen vermochten.

Diese Erfolglosigkeit erschütterte jedoch keinesfalls die Zuversicht des Freundes, sondern bestärkte in ihm umsomehr den Vorsatz, nach vollkommener Nachtruhe am nächsten Morgen mit erneuter Energie seiner Pflicht nachzukommen.

Der folgende Tag trieb schon zu früher, ungewöhnlicher Morgenstunde den Doktor wieder zu seiner Aufgabe.

Während er sonst bis zur neunten Stunde oft noch in den Federn lag, irrte er schon gegen sieben Uhr durch die schwachbelebten Straßen der Stadt.

Es war ein bitterkalter Tag, und so hüllte sich Doktor Hallern dicht in den warmen Pelzmantel, der ihm einigermaßen Schutz gewährte vor den kalten, pfeifenden Märzstürmen, die in München nicht zu den Seltenheiten gehören.

An diesem Tage mußte er die Vorstädte Münchens besuchen.

Au und Giesing hatte er bereits hinter sich und er war hierbei durch mancherlei Gegenden und Straßenzüge gekommen, die ihm bisher völlig unbekannt waren.

Die Mittagsstunde war bereits vorüber, als er in der äußeren Wienerstraße in Haidhausen dahinschritt.

Dort befanden sich noch mancherlei altertümliche Häuser mit finsteren Kellerwohnungen, in denen größtenteils Trödler und Pfandverleiher ihre Geschäfte ausübten.

Schon hatte er mehrere dieser Geschäfte durchgefragt, als er in den Laden eines alten graubärtigen Mannes trat.

Auch diesem brachte er seine Anfrage vor. Dieser zögerte anfänglich mit einer Antwort, dann sah er in seinem Hauptbuche, das jeder Pfandverleiher führen muß, nach, wobei er sagte:

»Ich glaube mich bestimmt daran erinnern zu können! Diese goldene Rose, ein prachtvolles Stück von Goldschmiedearbeit, wurde unlängst wieder ausgelöst, nachdem vorher schon wiederholt die Auslösungsfrist verlängert worden war.«

Doktor Hallern atmete wie erlöst auf.

Inzwischen hatte der Verleiher auch die Notiz im Hauptbuche gefunden.

»Vor drei Jahren am 22. Dezember wurde sie zu mir gebracht; jedes Jahr dann einige Tage vor dem Verfallstermine wurde sie von demselben jungen Burschen, der sie gebracht und wieder ausgelöst Hatte, umgeschrieben. 150 Mark waren darauf gegeben.«

Mit einer ungewöhnlichen Hast, die deutlich genug die Aufregung des Doktor Hallern verriet, frug er sodann:

»Wann wurde die Rose ausgelöst?«

»Ja! Das war am – richtig, hier ist es notiert – am Freitag, den 21. Februar.«

Das war der gleiche Tag, an welchem das Verbrechen begangen wurde.

Wahrscheinlich hatte ihm die Schwester am Abend vorher das Geld zum Auslösen gegeben!

Doktor Hallern fragte noch weiter:

»Und wenn Sie jetzt den Burschen, der diesen Schmuck versetzt und wieder ausgelöst hat, wiedersehen würden, würden Sie diesen dann auch wieder erkennen?«

»Gewiß!« lautete hierauf die Entgegnung des grauköpfigen Mannes.

»Wäre kein Irrtum möglich?« frug Doktor Hallern nochmals, um vollständig sicher zu gehen.

»Woher denn? Wenn ich einen Menschen auch nur ein einzigesmal sehe, dann erkenne ich ihn jederzeit wieder.«

»Und wie sah er aus?«

Das war jetzt die entscheidende Frage.

»Ein junges Bürschchen war es; Mit leichtem, blondem Schnurrbartanflug. Er machte einen furchtbar ängstlichen Eindruck, ganz verschüchtert, weshalb ich ihm anfänglich kein besonderes Vertrauen schenkte.

Aber als er mir sagte, sein Vater sei ein höherer Beamter, der momentan Geld brauche für die Weihnachtstage, da konnte ich nicht recht zweifeln. Er hat die Nadel auch richtig wieder ausgelöst.«

Das konnte nur Franz Walther sein!

Jetzt zum Kommissar! Dann mußte Hans Olden frei werden.

»Können Sie jetzt mit mir kommen? In dringender Angelegenheit!«

»Das ist nicht möglich! Ich bin allein! Wer sollte dann das Geschäft versehen?«

»Ich werde alles entschädigen! Was verlangen Sie?«

Hastig drängte Doktor Hallern, der diesen Tag noch seinem Freunde zur Freiheit verhelfen wollte.

»Ja, da kann ich vorerst gar nichts sagen. Ich weiß nicht, was ich heute noch für ein Geschäft machen könnte!«

»Ist zwanzig Mark zu wenig?«

»Ich bin zufrieden, wenn ich noch soviel einnehme.«

Doktor Hallern nahm aus seinem Portemonnaie ein Goldstück und gab es dem Alten, den er gleichzeitig um seinen Namen fragte.

»Georg Habicht!«

»Gut! Wir fahren gleich fort. Packen Sie das Hauptbuch ein, das müssen Sie mitnehmen. Ich hole einstweilen eine Droschke. Sperren Sie, bis ich wiederkomme, den Laden!«

Dann eilte Doktor Hallern fort und ließ den Alten kopfschüttelnd zurück, der, wie ihm besohlen, das Hauptbuch zum Mitnehmen bereit stellte und dann seinen Laden sperrte.

Er war damit noch nicht fertig, als auch schon Doktor Hallern mit der Droschke zurückkehrte.

Als der graubärtige Tändler im Wagen Platz genommen hatte, befahl der Doktor dem Droschkenführer:

»Polizeigebäude, Weinstraße! Aber rasch; es soll mir auf ein gutes Trinkgeld nicht ankommen!«

Nun ging es rasselnd und holpernd durch die steingepflasterten Straßen, bis sie nach etwa einer Viertelstunde vor dem Polizeigebäude ankamen.

Doktor Hallern bezahlte, dann stiegen beide die Treppe empor zum Bureau des Kommissars Scharbeck.

Dort angelangt, befahl der Doktor dem Pfandleiher, außen zu warten, bis er hereingerufen werde.

Dann schritt der Doktor in das Bureau.

Überrascht blickte Kommissar Scharbeck auf diesen Besuch, den er am wenigsten erwartet hätte.

Ehe dieser aber noch irgend welche Fragen an den Doktor stellen konnte, platzte dieser gleich mit seiner Mitteilung hervor:

»Der Mörder ist gefunden und überführt!«

Anfänglich hegte der Kommissar einiges Mißtrauen gegen diese so überraschende Nachricht und ersuchte den Doktor vorerst, Platz zu nehmen und ihm dann in aller Ruhe Mitteilung zu machen.

Das tat denn auch Doktor Hallern und berichtete ausführlich über seine Tätigkeit.

Kommissar Scharbeck hatte, ohne zu widersprechen, den Doktor angehört und sagte, als dieser geendet hatte:

»Wenn Sie das alles beweisen können, so steht der sofortigen Freilassung Ihres Freundes nichts mehr im Wege.«

»Selbst heute noch?« frug der Doktor, der diesen ersehnten Wunsch kaum mehr erwarten konnte.

»Gewiß!« versicherte der Kommissar. »Aber ein Beweis!«

»Ich habe den Pfandverleiher mitgebracht. Er hat das Hauptbuch mit sich.«

»Lassen Sie ihn eintreten!«

Jetzt erschien auch Herr Habicht und gab auf Wunsch das Buch dem Kommissar zur Durchsicht.

Dieser suchte die erste Notiz.

»22. Dezember 1890. Eine Nadel mit goldener Rose und einem Brillanten zum Versetzen auf den Namen Friedrich. 150 Mark. Prolongiert 20. Dezember 1900, dann am gleichen Tage 1901 und am 18. Dezember 1902.«

Weiter stand zu lesen:

»21. Februar 1903. Nadel mit goldener Rose und Brillanten für 150 Mark ausgelöst, inkl. Kosten und dreimaliger Umschreibegebühr 176 Mark 40 Pfennig.«

Nachdenklich hatte dies Kommissar Scharbeck gelesen.

Dann wandte er sich fragend an den Pfandverleiher:

»Wer hat die Nadel versetzt? Wer ausgelöst?«

»Immer dieselbe Person! Ein junger Bursche mit blondem Schnurrbärtchen,« war die sofort erfolgte Entgegnung.

»Um welche Zeit war es? Mittag oder Abend?«

»Es war schon spät! Kurz bevor ich den Laden schloß. Der Bursche sagte hierbei, er müsse sie heute noch haben.«

»Das war der Tag der Ermordung von Luise Walther!« erwähnte nebenbei Doktor Hallern.

»Ich weiß es!« war die Erwiderung des Kommissars. »Jedenfalls danke ich Ihnen herzlich für Ihre so erfolgreichen Bemühungen und widerrufe gerne, was ich damals gesagt hatte.«

»Ich weiß! Mir ist es schon Genugtuung, die Unschuld meines Freundes bewiesen zu haben.«

»Das allein genügt nicht!« erwiderte hierauf der Kommissar. »Das übrige werde ich nachbringen!«

Und er fertigte unverzüglich eine Haftentlassung des gefangenen Hans Olden aus, die er dem Doktor Hallern überreichte.

»Hier, bringen Sie selbst dem Freunde die Freiheit und grüßen Sie ihn!«

Doktor Hallern empfing das Schreiben an die Gefängnisverwaltung der Angerfronveste und entfernte sich dann, nachdem er nochmals herzlich für das sofortige Einschreiten des Kommissars gedankt hatte.

So schnell es ihm nun möglich war, eilte er zum Gefängnisse, um dem Freunde die frohe Botschaft selbst überbringen zu können.

Freudiger als bei seinem ersten Besuche in diesen öden, feuchten Mauern war er gestimmt, als er an der Glocke schellte.

Dem Verwalter des Gefängnisses übergab er dann den Freilassungsbefehl des Richters und bat dann zugleich, ob er nicht als erster seinem Freunde Nachricht über diese Freudenbotschaft geben dürfe.

Der Verwalter, ein gefälliger Mann, keineswegs grimmig und bärbeißig, wie man solche Gefangenenwärter sich vorzustellen beliebt, hatte hiergegen nichts einzuwenden und ließ Doktor Hallern zum Verhörzimmer emporgeleiten, woselbst dann Hans Olden vorgeführt werden sollte.

Wiederum stand Doktor Hallern in dem Raume, in welchem er vor einer Woche seinen Freund zum ersten Male wiedergesehen hatte.

Wie rasch war die Zeit vorübergegangen! Für ihn! Aber wie endlos mochte sie für Olden verstrichen sein!

Dieser hatte wohl alle Stunden in banger Erwartung gezählt, in steter Hoffnung, daß jener Augenblick kommen werde, an dem sich seine Schuldlosigkeit beweise.

Jetzt hörte der Doktor schlürfende Tritte, die Türe öffnete sich und die abgehärmte Gestalt des Freundes trat ein.

»Fritz!«

»Hans!«

Zwei freudige Ausrufe und die Freunde lagen sich in den Armen und küßten sich auf Mund und Wangen.

Dann ergriff Doktor Hallern die Arme Oldens, sah in dessen abgemagertes, krankhaft blasses Gesicht, welches keine Ähnlichkeit mehr zeigte mit dem lebenslustigen und schönen Kavalier, der damals auf der Redoute des Deutschen Theaters getanzt hatte, und verkündete dann dem Freunde:

»Hans, Du bist frei! Ich bin der erste, der Dir diese freudige Nachricht melden konnte!«

Sprachlos war Hans Olden einen Schritt nach rückwärts getaumelt. Er konnte ja diese Freudenbotschaft kaum fassen!

»Ist es möglich?« stammelten dann in fassungsloser Bestürzung seine Lippen.

»Deine Unschuld hat sich erwiesen!« jubelte der Doktor.

»Und das habe ich nur Dir zu verdanken! Du hattest nicht eher geruht, bis es Dir ermöglicht war! Wie soll ich Dir danken!«

»Aber nein!« wehrte ihn der Doktor ab. »Es mußte so kommen. Du schuldest mir nichts als Deine Freundschaft. Ich habe ja nicht mehr getan, als auch Du für mich getan hättest. Sei fröhlich, daß Du wieder frei sein wirst!«

Hans Olden drückte fest die Hand des Freundes und sagte nur:

»Ich werde es nie vergessen!«

»Ach was, nicht der Rede wert. Jetzt aber laß Dir Deine Kleider wiederbringen, dann gehen wir zusammen aus diesen dumpfen Mauern ...«

Hier erstickten Tränen fast die Stimme des Doktors vor Freude, der den Freund nun faßte und aus dem Verhörzimmer hinausschob.

Dort hatte der Verwalter des Gefängnisses auf Hans Olden gewartet und diesem den Freilassungsbefehl zum Lesen und zur Unterschrift überreicht.

Kaum eine halbe Stunde später schritten beide Freunde Arm in Arm, lachend und schwätzend, der Wohnung des Doktors zu.

Dort feierten sie dann bei dampfendem Grog die Freilassung Oldens.

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