Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Tieck >

Der Mondsüchtige

Ludwig Tieck: Der Mondsüchtige - Kapitel 1
Quellenangabe
pfad/tieck/mondsuec/mondsuec.xml
typenovelette
authorLudwig Tieck
titleDer Mondsüchtige
publisherVerlag von Georg Reimer
seriesTiecks Werke
volumeEinundzwanzigster Band
year1853
firstpub1832
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090817
projectidbba4e65e
Schließen

Navigation:

Ludwig Licht an seinen Oheim.

Erster Brief.

Es ist nicht anders, geliebter Oheim, ich bin wieder auf der Reise, und kann gar nicht einmal sagen, wann oder wo sie endigen wird. Mein Leben kann immer noch keine Gestalt gewinnen, und auf die Art, wie es geschehen könnte, wie alle meine Wünsche es einzig fordern und erstreben, will es sich nicht fügen.

Ich kenne Ihren Widerwillen gegen alle Übertreibung, gegen Das, was Sie das Excentrische und Unnatürliche nennen. Aber erforschen Sie einmal das Leben und seine Triebfedern – was ist denn wohl das Wahre und Alltägliche? Lohnt es sich der Mühe, deshalb Athem zu holen?

Auch das Beste und Edelste, ja Dasjenige, was wir, weil es hergebracht ist und heut wie morgen in gleicher Gestalt wiederkehrt, nicht weiter beachten, ist durch einen leidenschaftlichen Trieb, durch ein Ewiges, Unsichtbares, veranlaßt. Derjenige, der den Webstuhl erfand, mußte lange vorher gewiß für einen Thoren und Schwärmer gelten. Und diese künstlichen, complizirten Spinnmaschinen! Wie viele begeisterte Nachtwachen, wie viel Aufopferung, Enthusiasmus, Forschen und Grübeln sind ihnen vorangegangen!

Ich meine nur, nicht Essen, Trinken und Schlaf sei die Basis unseres Lebens, sondern eine unsichtbare Kraft, ein geheimnißvolles Streben, das immer, wenn ich es in Worten aussprechen wollte, als Thorheit erscheinen müßte.

Ja wohl, mein bester, zärtlichster Freund, habe ich meine Familie wieder verlassen, um mich ohne Zweck und Absicht in der Welt umzutreiben.

Ohne Absicht? O nein! Die vernünftigste, zweckmäßigste Absicht, nur daß sie leider etwas kindisch und verrückt ist; sonst löblich und gesetzt genug.

Sie wissen, ich soll heirathen, weil ich mit Glücksgütern gesegnet bin. Nun gut, ich gebe meine Einwilligung, nur muß es das Mädchen seyn, das ich meine und kenne, die meine ganze Seele liebt, und die ist nun eben nirgend zu finden.

Es sind jetzt drei Monate, daß ich mit meinem Freunde Friedrich Sebald einen sehr lebhaften Streit hatte, einen Streit, der uns beinah entzweit hätte, denn er verhöhnte eine ganze Welt, die mir so unendlich theuer ist. Mit einem Worte, er schalt auf den Mond und wollte seine magischen Lichterscheinungen durchaus nicht als etwas Schönes, Erhebendes gelten lassen; vom Ossian bis Siegwart lästerte er die Mondempfindungen, wenn sie Dichter schildern, und es fehlte wenig, so hätte er mit dürren Worten behauptet, wenn es eine Hölle gäbe, so sei sie gewiß im Monde gelegen. Wenigstens meinte er, der ganze Mondkörper bestehe aus ausgebrannten Kratern, Wasser sei auf ihm nicht anzutreffen, schwerlich also irgend eine Pflanze, und der blasse, widerliche Abglanz eines geborgten Lichtes bringe uns Krankheit, Aberwitz, verderbe Obst und Frucht, und wer einmal thöricht sei, werde sich ohne Zweifel beim Vollmond am schlimmsten geberden.

Nun leben wir zwar nicht mehr um 1780 oder 1775, in welchen Jahren zu viel bei uns von Mondschein die Rede war; aber auch 1827 kann ich nicht dulden, daß man gegen meine Geliebte, Cynthia oder Luna, solche Lästerungen und Verleumdungen ausstoße. Was geht es mich an, was die Astronomen im Mond entdeckt haben oder noch entdecken werden? Haben doch selbst die kalten, gewiß nicht empfindelnden Holländer die Wirkungen des Mondlichtes so himmlisch in ihren Landschaftsgemälden wiedergegeben; diese süße, sonderbare Erleuchtung, wie wechselt sie nach Jahreszeit und Wetter, wie verschieden wird sie durch Wolken und Gegend, in der Ebene und dem Gebirge, auf dem Strom oder dem Meere, im feuchten, kalten Herbst, oder der weichen Sommernacht!

Sich ausschließend dem und jenem, einer Beobachtung, einem Lieblingsgegenstande unbedingt zu widmen, kann komisch und widerwärtig seyn. Auf meinen früheren Wanderungen traf ich einen reichen Engländer, der nur auf Wasserfälle und Schlachtfelder reisete. Lächerlich genug, und wenn ich auch nicht ganz auf Mondschein gereiset bin, so habe ich doch von frühester Jugend an die Wirkungen seines Lichtes immerdar beobachtet, habe keinen Vollmondschein in keiner Gegend versäumt, und träume, wenn nicht ganz ein Endymion, doch ein Liebling des Mondes zu seyn. Wenn er wiederkehrt, die Scheibe sich nach und nach füllt, kann ich ein sehnsüchtiges Gefühl, indem ich nach ihm schaue, auf der Wiese und im Walde, auf den Bergen oder selbst in der Stadt und auf meinem Zimmer nicht unterdrücken.

Und so in diesem Frühling. Es war der erste warme schöne Tag. Ein bitterer Wohlgeruch drang aus den Knospen und den jungen saftigen Blättern der Bäume. Die Kastanien hatten ihre fetten Kapseln aufgethan, und wie matte grüne Hände hingen die grünen Blätter in der säuselnden Luft. Die Buchen waren noch nicht ergrünt. An dem Bach, meinem Lieblingsspaziergang, ging ich hinauf, als der Vollmond über die Berge trat. Mit sehnsüchtigem Herzen sah ich ihm entgegen.

Füllest wieder Busch und Thal
Still mit Nebelglanz.

Dieses wahrhaft himmlische Lied sang ich im stillen Innern, wo ich es mir so oft, wenn mir wohl ist, wiederhole. Gewiß, wenn Göthe nichts als diese Jugendgedichte jener seiner seligen und schmerzlichen Stimmung geschrieben hätte, er müßte unsterblich seyn. Hat irgend ein Volk, irgend eine Zeit etwas dem Aehnliches? Wie betrübt es mich, wenn die jetzige Welt, wie es mir scheint, sie nicht mehr so voll und innig zu genießen versteht. Schmerzlicher noch, wenn viele Verständige die neuen und neuesten Verse, die verständig, lieb und herzlich sind, jenen Ergüssen des berauschten jugendlichen Herzens gleich, andere noch Klügerseinwollende sie noch höher stellen wollen. Uebersättigt sind wir.

Doch still! mit bewegter Seele ging ich zurück. Die Ruine lag oben im klaren Licht. Ich hörte feine weibliche Stimmen vor mir. Es waren zwei hohe Gestalten. Sie waren fremd und des Weges unkundig. Ich führte sie am glänzenden Teich vorüber nach dem großen Gasthofe, wo ein Oheim ihrer wartete.

Vieles hatten wir auf der kurzen Wanderschaft mit einander gesprochen. Sie schien, die schlankste der Beiden, jedem meiner Gedanken entgegenzukommen. Als wir in den Saal traten, war ich über die Schönheit dieser Emilie, denn so nannte sie die Schwester, möchte ich doch sagen, erschrocken. Man kann vor dem Großen der Schönheit, dem Aechten, Vollendeten erschrecken; man soll es vielleicht sogar, es ist wohl die geziemendste Huldigung.

Man freute sich, mich kennen gelernt zu haben. Wir blieben zum Abendessen beisammen, und machten dann tief in der Nacht noch einen kleinen Spaziergang. Ich führte sie, im seligen Gefühl. Sie schien in einer ähnlichen Stimmung. Sie erwiederte den Druck meiner Hand. O, wie glänzte im Mondlicht, am Bach, das schöne blasse Angesicht! Wie glühte die schön gewölbte Lippe!

Ich erfuhr, daß sie von Hamburg, wohin sie wegen einer Erbschaft gereiset waren, nach ihrer Heimath am Bodensee zurückgingen. Sie wollten aber Deutschland, den Rhein, Straßburg und die Schweiz besuchen. Der folgende Tag war wieder zu Promenaden, zu Gesprächen bestimmt; ich hatte auch von meinem Schicksal, von meiner Lage und Unabhängigkeit gesprochen, so viel es sich ziemte, und die ältere kleinere Schwester fing schon an, meine Emilie zu necken. – Meine! – Seltsam.

Sie liebte Göthe ebenfalls so ausschließend, wie ich. Ausschließend! Wie kann es anders seyn, wenn man ihn versteht? Was sind die Andern neben ihm?

Ich begreife jetzt nicht, wie Vieles, wie umständlich wir in der kurzen Zeit miteinander haben sprechen können. Meist von Poesie. Das himmlische Wesen spricht selbst nur Poesie. Sie ist ganz von Poesie durchdrungen, weil sie ganz Natur ist.

Kurz, wir verstanden uns. Das fühlte ich innigst. Sie sind wohlhabend, aber nicht reich; das erfuhr ich auch so nebenher. Der Oheim macht ihnen mit dieser Reise eine Freude; sie wollen nicht nach Hause eilen, sondern noch viele Umwege machen. – Halb und halb bot ich mich zum Begleiter; man lachte; man schlug es nicht ab, man nahm es nicht an. Morgen wollten wir darüber, so wie über Vieles sprechen.

Sie nahm die Gedichte von Göthe von mir noch mit sich in ihr Zimmer. Das schöne Exemplar, in welchem mein Name, Onkel, von Ihrer Hand geschrieben steht. Sie schenkten mir die ganze Ausgabe zum Geburtstage. Nun, das wissen Sie ja wohl noch.

Ich konnte nur wenig schlafen. Immer stand Emilie vor mir, entzückend klang ihre reine, volle Stimme in meinem Ohr.

In süßer Ermattung träumte ich endlich ein und erschrak, als ich erwachte und schon Sonnenlicht sah. – Alles war still, noch war im Hause nichts in Bewegung.

Ich warte, hoffe immer, die Thür soll aufgehn. – Endlich bringt mir der schläfrige Kellner ein Blatt, – von ihrer Hand –; sie sind schon ganz früh abgereist. Der Mensch weiß nicht, wohin, ob nach Dresden, ob nach Freiberg, oder Berlin.

»Leider zwingt uns eine plötzliche Nachricht, unser Versprechen zu vernichten. Wir reisen vor Sonnenaufgang. Wenn Sie noch Ihren Plan ausführen, so vergessen Sie Ihre Freundinnen am Bodensee nicht. Im Herbst sind wir dort.«

Ich küßte das Blatt und hätte weinen mögen. Sie hatten mir ihren Namen, den Namen ihres Gutes in der Schweiz genannt: aber ich hatte Beides vergessen, auf diese leeren Worte nicht so genau hingehört, weil ich fest glaubte, sie noch heut den ganzen Tag, sie noch länger zu sehen und zu sprechen. –

So habe ich denn das Glück verloren, die größte Wonne, die ich bis dahin noch je erlebt hatte. Der Vollmond war Schuld, ich hätte vernünftiger, prosaischer seyn sollen. War ich aber das, so war Emilie mir nicht, mir dieser Moment meines Lebens nicht so wichtig.

Die Scene, wo alles dies vorfiel, war in Tharand bei Dresden.

Ich blieb noch, ich wandelte noch auf ihren Spuren. Ich sah ihr Zimmer. Den Band von Göthe hat sie mitgenommen. Ist es Vorsatz, ist es Zerstreuung?

Ach! ich hatt' es doch einmal,
Was so köstlich ist;
Daß man doch zu seiner Qual
Nimmer es vergißt!

Ich habe Dresden, da ich doch abreisen wollte, sogleich verlassen, ohne meinen zanksüchtigen Mondlästerer nur wiederzusehn.

Bringt mir der Mond doch noch die Liebste, die Braut einmal wieder, sei es am Vierwaldstätter-, sei es am Constanzer-See, so will ich ihn noch inniger, als bisher, verehren.

Mein guter Oheim, ich bin schon das Erzgebirge durchreiset, ich schreibe Ihnen von der fränkischen Grenze. – Senden Sie mir Ihre Antwort nach –, wo ich mich etwas aufhalten werde.

Allenthalben seh' ich nach ihr aus; allenthalben frage ich nach ihr, beschreibe sie, und muß mich hüten, daß man mich nicht auslacht, oder daß ich mich nicht, oder gar jene Reisenden verdächtig mache, wenn sie in der Nähe seyn sollten.

Wo wandelt jetzt ihr Fuß?
Auf welchen grünen Matten,
Durch welchen Waldesschatten?
Die Erde fühlt den Kuß,
Und aus dem Boden sprießen
Violen auf, die süßen, Und ihrem Drucke lind
Erwacht manch Frühlingskind,
Geht sie vorbei, im Neste
Singt froh das Vögelein,
Muthwillig flattern Weste,
Holen sie kosend ein.
Der Athem meiner Holden
Durchwürzt die Frühlingsluft,
Es knospet roth und golden
Der Blumen Pracht, und Duft
Entnehmen sie der Zarten,
So wächst ein bunter Garten
Um sie, wohin sie blickt.

Flüstert in Morgenfrische
Ihr meinen Namen, Büsche,
Und nennt ihr jenes Thal,
Wo ich in Waldes Düster,
Wo ach! am Bachgeflüster,
Ich fand die Wonn' und Qual:
Wo wir im Mondenschimmer
Uns in das Herz geschaut –
Seitdem nenn' ich sie immer
Die holde, süße Braut.

Zweiter Brief.

Ich bin noch hier in Franken festgehalten, bester Oheim, – und warum soll ich es nicht gern geschehen lassen, da ich nicht weiß, wann, wie oder wo ich sie wiedersehen werde?

In so vielen Gegenden, durch die ich gewandert bin, hat mich die Stimmung der Menschen, der Ton der Gesellschaft, die Art sich mitzutheilen, und die Formen, durch welche der gesellige Umgang veredelt werden muß, – alles das hat mich betrübt und geängstet. Ich will nicht von Politik sprechen und allen jenen Befürchtungen oder Hoffnungen, denn es wird schon zu viel darüber geredet. Aber jenes edle Vertrauen, die freundliche Mittheilung, eine herzliche Heiterkeit alles dies scheint mir immer mehr zu verschwinden. Die Jugend ist altklug geworden und steif, die frische Heiterkeit ist fast nur noch bei den Alten zu finden. Eine Allwissenheit hat sich aller Menschen bemächtigt, und eben so ein Ueberdruß, eine Übersättigung, die alles Lernen und Erfahren von sich wirft. Enthusiasmus für Wissenschaft oder Kunst zeigt sich nirgend, und dennoch spricht Jeder von Kunst und Poesie und bildet sich ein, sie zu verstehen. Die Freude am Lernen scheint verschwunden, und doch will Jeder lehren, obgleich er weiß, daß er keine Schüler finden kann.

Die Sekten, die sich in der Religion gebildet haben, erstrecken ihren Einfluß auch auf Kunst und Wissenschaft. Die Meinungen sind schroff abgesondert und einander entgegengestellt. Der sonderbare Patriotismus, welcher sich so auffallend kleidete, oder vielmehr fast entkleidete, um sich kundzuthun, hat ebenso Kenntnisse, Studien und Bücher weggeworfen, und sich wunderliche, unannehmliche Gesinnungen über Staat, Philosophie und Poesie wachsen lassen. Diese neuere Schule der frömmeren, strengeren Christen fällt oft mit jenen Malcontenten, Altdeutschen, Moralisten und Republikanern zusammen. Ohne daß sie es Wort haben wollen, erklären sie der Bildung und Wissenschaft den Krieg und eifern für ein nichtiges Idol, das sie wohl selbst nicht genau kennen.

Wodurch mir diese Kreise so merkwürdig geworden sind? – Daß alle, mögen sie nun sich mehr der Politik, oder der Frömmigkeit, mehr der Republik, oder dem Absolutismus ergeben, mögen sie aristokratischer oder demokratischer Gesinnung im Uebermaß seyn, doch alle in Einem Punkte zusammenkommen und sich an diesem Einen Worte erkennen – in ihrem ausgesprochenen Haß gegen unsern Göthe. –

Dies hat mir viel zu denken gegeben. Zu derselben Zeit, da nun endlich unser großer Dichter durchgedrungen und der Mann der Nation geworden ist, da alle jene Vorurtheile und schwache Meinungen, die ihm entgegenkämpften, untergesunken und vergessen sind – bildet sich eine große Partei ihm gegenüber, die ihn nicht als den Ersten und Größten, als den Vollendeten anerkennen will, sondern ihm etwa nur Talent zugesteht, das aber, wenn es auch groß sei, nur Schaden stiften könne, weshalb er der Jugend, der Unschuld, dem frommen Sinn, der schlichten Tugend und edlen Einfalt müsse verborgen gehalten werden. Ich weiß, daß diese Kinderkrankheit vorübergehen wird, indessen zehrt sie jetzt viele gute Kräfte hinweg.

Ich war in einer Damengesellschaft letzt. Man ersuchte einen jungen Mann, etwas Poetisches vorzulesen. Dieser wählte die Iphigenia. Sogleich wurden einige Frauen blaß, sie nahmen den Vorleser beiseit und beschworen ihn, Alles, was ihm gefiele, nur nicht dies Gedicht vorzutragen; es wären junge Mädchen von siebzehn Jahren zugegen, die jenes Schauspiel auf keine Weise begreifen würden. So wollte man den Widerwillen gegen Göthe beschönigen. Aus Bosheit vereinigte ich mich mit dem jungen Poeten und suchte zu beweisen, daß dieses klare Gedicht gerade deshalb musterhaft zu nennen, weil es jeder Gesinnung und jedem Alter verständlich sei. Aber wir wurden aus dem Felde geschlagen, und die Frömmste entfernte sich mit ihrer Tochter lieber aus der Gesellschaft. – Ich ging auch nach Hause, und weiß nicht, ob man gelesen, oder Karten gespielt, oder fromme Gespräche geführt hat.

Fast alle diese sonderbaren Separatisten führen Schillers Namen zum Feldgeschrei und in ihren Fahnen. Alles, was sie wollen und erstreben, finden sie, sonderbar genug, in seinen Werken, und deuten oder deuteln Alles in ihm nach ihrem Sinne. Sie bilden sich ein, daß, wenn er noch lebte, er allen ihren kreuz- und querigen Bestrebungen Zunge und begeistertes Wort leihen würde.

Es scheint mir, als wenn so verstimmte Menschen, die sich selbst willkührlich einen so engen Kreis des Fühlens und Denkens ziehen, die Schönheiten eines so großen Dichters, wie Schiller, nicht verstehen und genießen könnten. Aber so viel ist gewiß, tritt mir einer so bestimmt und begeistert mit dem Namen des großen Mannes entgegen, so irre ich nicht leicht, daß er, sowie ich das Gespräch nur dahin wende, über Göthe lau und einsylbig seyn, wenn er ihn nicht dreist und fest ganz verwerfen wird. Dagegen scheint es, erkennen sich in der Bewunderung für diesen einzigen Genius die Gemüther, wie in einer weit verbreiteten Brüderschaft, die ich die höhere nennen möchte, wenn ich mich nicht selbst zu dieser Loge bekennte.

Aber freilich giebt es feurige und gute Köpfe unter Jenen, die gegen Göthe kämpfen, in der Menge der hochgestimmten Frommen sind auch wahre Talente, auch wohl wahrhaft religiöse Gemüther; unter den Malcontenten giebt es auch edle, scharfe Charaktere und Männer von vielen Kenntnissen. Aber Alle ziehn es vor, in dieser Anarchie zu leben, statt daß sie ihren Sinn wahrhaft frei machen sollten. –

Neulich hatte ich Veranlassung, meiner Entflohenen recht lebhaft zu gedenken. Doch wann vergäße ich sie denn? In der Nähe des Fichtelgebirges, als ich im trüben Morgennebel auf einem einsamen, grünbewachsenen Pfade ritt, entdeckte ich in der Ferne eine Kutsche, die mir von den Gebüschen zuweilen wieder verdeckt wurde. Es war schwer, dorthin, nach der großen Straße zu gelangen, weil Gräben und sumpfige Stellen den kleinen Gebirgsweg von ihr trennten. Ich hatte aber weibliche Figuren mit meinen scharfen Augen entdeckt; die eine lehnte sich weit aus dem Schlage, ja es schien, als wenn sie einmal mit einem Tuche winkte oder grüßte. Ich war in der höchsten Unruhe und in Furcht, der Wagen möchte mir ganz verschwinden, bevor ich zur Landstraße gelangen könne. Ein kühner Sprung brachte mich auf den großen Weg, da ich lange weit umher hätte reiten müssen, um einen Landungsplatz zu entdecken. Felsen verdeckten mir jetzt die Aussicht, und bei den Krümmungen des Weges wußte ich selbst nicht, ob ich mich rechts oder links wenden müsse. Meine Angst wuchs unbeschreiblich, denn mir war jetzt schon ausgemacht, daß meine Unbekannte sich in jener Kutsche befinde, daß sie mich, vielleicht durch ein Glas, schon erkannt, daß sie mich gegrüßt, mir gewinkt habe: vielleicht um sie aus einer großen Noth zu erretten, vielleicht um mir aus der Kutsche heraus die Hand zu reichen, um mit ihr vor den Traualtar zu treten.

Von einer Anhöhe entdeckte ich endlich den Wagen wieder, und ich war in der That nach der entgegengesetzten Seite geritten. Wie spornte ich, um die verlorne Zeit wieder einzubringen! Der im Zickzack laufende Weg trennte mich noch lange von meiner Geliebten, doch wurde der Zwischenraum mit jeder Minute kleiner.

Aus dem Verschluß des Wagens hatte man mich auch wieder bemerkt. Da man meine Hast und Eil sah, so winkte man wirklich mit Tüchern und ließ den Kutscher endlich gar halten. Wer war glücklicher, als ich!

So wie ich näher kam und Alles genauer unterschied, so wollte mir es bedenklich werden, daß meine zarte Geliebte in einer so altfränkischen Kutsche hausen könne, doch sollte meine Hoffnung erst gänzlich enttäuscht werden, als ich mich nun athemlos und erhitzt dem Schlage näherte. Zwei alte Frauen streckten mir zwei runzelvolle Gesichter entgegen; ihnen gegenüber saß ein geistlicher Herr.

Wir waren Alle verwundert, uns so gespannt und aufgeregt gegenüber zu befinden. Ich entschuldigte mein Heransprengen, indem ich geglaubt und gehofft, Freunde hier anzutreffen; die verständige Alte bat um Verzeihung, daß sie einen Fremden herbeigewinkt habe, sie sei in der Meinung gewesen, ihr Verwalter, den sie ausgeschickt, kehre schon, nachdem er glücklich und schnell seinen Auftrag ins Reine gebracht, mit dem Abschluß zurück.

Im gemäßigten Schritt setzten wir nun Alle die Reise fort, und dieselbe Gegend, die mir vor kurzem noch romantisch und wunderbar erschien, kam mir jetzt finster und monoton vor. Da ich keine eigentliche Bestimmung hatte, kehrte ich mit meiner neuen Bekanntschaft, den drei alten Leuten, auch in dem Dorfe ein, wo sie Mittagsruhe hielten, deren mehr als wir die erhitzten Pferde bedurften.

Die beiden Schwestern besaßen ein Gut und eine große Fabrik im Fichtelgebirge, in L. – Der Bruder war gestorben, der ehemals das ganze Werk geführt hatte. Nicht lange, so kam auch der sehnlich erwartete Verwalter an. Es war nicht schmeichelhaft, daß man mich mit diesem hatte verwechseln können. Ein hagerer, ältlicher Mann, der seinen häßlichen Körper auf eine widerwärtige Art mit schlechten Kleidern von grell contrastirenden Farben ausgeschmückt hatte. Ueber den Wirthschaftsverhandlungen wurde ich auf einige Zeit vernachlässiget.

Bei Tisch verschwatzten wir angenehm genug die Zeit. Als der Verwalter durch den Wein munter wurde, zeigte er ungenirt die Fröhlichkeit eines Gebirgsbewohners, der in seiner Einsamkeit Vieles nicht lernt, aber dem menschlich Einfachen treuer bleibt. Er erzählte viele Gespenstergeschichten, dann von den Zwergen des Gebirges, von den versteckten Schätzen, den goldhaltigen Quellen, und wie in frühern Tagen oft abenteuernde Italiener den Fichtelberg sollen durchforscht und manche von ihnen große Kostbarkeiten gefunden haben. Er war einer von jenen humoristischen Menschen, die Alles dieser Art halb glauben und sich um so mehr daran erfreuen. Er lachte herzlich über Alles, wenn ich ihm ernsthaft zuhörte und nach den nähern Umständen forschte. So wie ich Einwendungen machte und spottete, wurde er plötzlich ernsthaft und machte ein langes Gesicht mit bedenklicher Miene. Dann holte er aus allen Ecken seine Philosophie zusammen, um mich zu widerlegen, berief sich auf eigne Erfahrungen und erlebte Wunderdinge, und sowie seine poetischen Darstellungen mich zu täuschen anfingen, war er wieder der lachende Zweifler, der über meine jugendliche Leichtgläubigkeit spottete.

Die Geschwister, die immer unverheiratet gewesen waren, nannten sich B.... Ich mußte ihnen meinen Namen in ein altes Stammbuch einschreiben und versprechen, sie nächstens in ihrer hochgelegenen Heimath zu besuchen.

Mit Freuden habe ich Wunsiedel gesehen und die Gegenden, wo unser Jean Paul seine Jugend verlebt, und wo sein zartes Gemüth die ersten Eindrücke empfing. Die Natur hier hat etwas mit seinen Schriften Verwandtes, sie ist seltsam bizarr, fragmentarisch und wieder plötzlich hochpoetisch.

Dürre Steppen, kleinere Wäldchen, sonderbare Steinformationen wechseln plötzlich mit großartigen Waldpartien, schönem Rasen und edlen Bergformen ab. Alles mehr anreizend, als befriedigend, fast epigrammatisch, wilder Scherz in den Granittrümmern, melancholischer Ernst in den Tannen; oft ängstigend, wie ein schlimmer Traum, dann wieder eine so unbedeutende Gegend, daß die Einsamkeit in ihr zu einem drückenden, höchst unbehaglichen Gefühle wird.

*

Lieber Onkel! Was ist das? Ich sitze hier oben bei den beiden alten Schwestern, die mich sehr freundlich aufgenommen haben, ich blättere in ihrem alten Stammbuche, nachdem ich mich eingeschrieben habe – und siehe da! Ihr Name, Ihre Hand, freilich von uralten Zeiten her: – Sie waren also auch hier? haben hier gewohnt? sind ein Gastfreund des Hauses? Es ist begreiflich und doch kommt es mir in meiner jetzigen Stimmung so unendlich wunderbar vor. –

Aber noch mehr: Auch Emilie war hier, vor achtzehn Monaten, sie ist dem Bruder, der damals noch lebte, bekannt gewesen.

Sie hat ein paar Worte, aber bloß mit dem Namen Emilie unterschrieben, zum Andenken zurückgelassen. Die Alten wissen mir nichts weiter von ihr zu erzählen, als daß sie sehr schön gewesen sei, was ich schon wußte, aber mir doch mit Freude wiederholen ließ.

So bin ich denn hier in einer recht lieben, poetischen Heimath, eingewiegt von Hoffnungen und Erinnerungen. Seit ich diese beiden Blätter gesehen habe, bin ich wieder muthig und froh. Es kann mir nicht mißlingen; ich werde sie finden.

Hier ist es ganz einsam und schauerlich, das Haus alt und weit, der nahe Bergrücken drüben dunkel. Die Axt, die den Baum fällt, erweckt ein vielfaches Echo. – O Emilie!

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.