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Der Mensch am Kreuz

Max Barthel: Der Mensch am Kreuz - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/barthel/menschkr/menschkr.xml
typefiction
authorMax Barthel
titleDer Mensch am Kreuz
publisherBücherkreis Berlin
year1927
firstpub1927
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
created20111110
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Der Sibirische Expreß durchquerte den Ural. Schwarze Berge, tiefe Wälder, wilde Flüsse, Erzlager, Bären, Platingruben und erster Schnee. Perm war schon lange versunken, und nun mußte auch bald Europa versinken und Asien das weiße Schild Sibirien vor sein gelbes Mongolenantlitz heben. Es war am Abend. Die Funkenschwärme der auf dieser Strecke mit Holz geheizten Lokomotive tanzten vor den kalten, glühenden Sternen am Rande des Nichts. Bergmann lag langausgestreckt in einem bequemen Abteil und sah durch das breite Fenster die Funken stieben. Er war wieder unterwegs. Er reiste nach China. Kanton oder Berlin, Barcelona oder Moskau: überall gab es Arbeit für sein unruhiges Herz. Jetzt, an diesem späten Abend, kam er dazu, die letzte Moskauer Post durchzusehen. Unter den Briefen, die ihn aus Deutschland erreichten, war auch ein verschnürtes Paket von Carla Ulitsch.

»Sehr geehrter Herr Bergmann,« schrieb sie in hilfloser und krauser Schrift, »sehr geehrter Herr Bergmann, mein lieber Bruder Tobias ist tot. Er hat sich das Leben genommen. Der Herr sei seiner Seele gnädig, wie er auch meiner Seele gnädig sei, die so viel an dem Bruder verschuldet hat. Er ist bei Gott und hat seinen Frieden, aber ich habe keinen Frieden mehr. Lisabeth, die Schweigsame, ist vor einigen Tagen verschwunden. An dem Tage, als wir erfuhren, daß Tobias tot ist, ging sie fort und kommt wohl niemals wieder. Nun bin ich ganz allein in dieser hartherzigen Welt. Aber ich bleibe nicht lange allein, Ulitsch ruft mich, mein Kind, mein Bruder, Vater und Mutter und auch Lisabeth.

Ich habe Sie nicht lieben können, Herr Bergmann, aber nun weiß ich, daß meine Gefühle irrten. Als Sie mich vor der Abreise besuchten, erkannte ich, warum Tobias ein guter Freund von Ihnen war. Verzeihen Sie mir! Sie müssen mir verzeihen. Viel habe ich nicht mehr zu tun auf dieser Erde, viele Stimmen rufen nach mir, und ich komme, ich komme! Bei meinem Bruder fand man einige Briefe, darunter war auch ein Brief für Sie, Herr Bergmann, den ich nach Rußland schicke in der Hoffnung, daß er Sie gesund und glücklich erreicht

Ihre unglückliche Carla Ulitsch.«

Bergmann starrte durch das Fenster in die heranrauschende Nacht. Es begann zu schneien. Zwischen den Schneesternen tanzten die Funkensterne der Feuerung leuchtend und in rasender Flucht. Sturm heulte in den tiefen Wäldern und warf sie hin und her wie eine wütende Brandung. Bergmann riß den zweiten Brief auf, den Brief von Erler, und las:

»Bergmann, lieber Freund!

Die letzte Begegnung in Berlin hat mir Seelenfrieden und den Mut zur Entscheidung gegeben. Ich schreibe Ihnen am Abend vor meinem Ende, das kein Ende ist, sondern Aufbruch in eine neue und vielleicht auch höhere Ordnung der Dinge, vielleicht auch Sprung aus der Zeit in die Ewigkeit. Keine Stimme aus dem Grabe, lieber, lieber Freund, ist es, was Sie jetzt hören.

In Berlin habe ich Ihnen einige Verse gezeigt, und Sie waren so freundlich, Interesse dafür zu haben. Zum Abschied lege ich noch einige Gedichte bei. Sie spiegeln meine Stimmungen wieder, sind schwermütig, wie mein Leben, und zielen nach dem Tode und nach der Freiheit. Vielleicht sind sie auch Schlüssel zur Kenntnis meines verpfuschten Lebens. Viele Verse habe ich vernichtet, viele blieben ungeschrieben, und das waren vielleicht die schönsten.

Nun ein Wort zu den fünf Gedichten! ›Der gefangene Rabe‹ ist in Köln entstanden, als ich selbst gefangen war, ›Der verstummte Mund‹ schrieb ich damals, als meine Stimme aussetzte, das Gedicht: ›Es schläft der General‹ ist aus einer Zeitungsnotiz entstanden und liest sich wohl lustig, aber sein Kern ist voller Tragik. ›Das Lied von der Schlacht‹ habe ich auch in Köln geschrieben, und das Gedicht ›An den Tod‹ ist heute abend, wo ich ein Ende mache, entstanden. Ich sterbe als Opfer des katholischen Systems und als Opfer der alten Gesellschaftsordnung. Zum Schluß will ich noch einige Punkte beleuchten, warum ich ende. Sie, lieber Freund, kennen ja mein Leben, und ich möchte, daß Ihnen alles klar wird. Verfolgen Sie mein Dasein Schritt für Schritt:

Erstens war ich ein robustes und gesundes Kind, bis im vierten Jahr plötzlich die Krankheil kam und mich lähmte.

Zweitens klage ich nicht meine Mutter an, aber dir allzu fromme Erziehung hat viele Quellen des Lebens in mir verschüttet. Meine Mutter habe ich niemals lachen gehört, und ich war im Grunde ein fröhlicher Mensch.

Zum dritten wurde ich nicht aus freiem Willen Geistlicher, man hat mich dazu gepreßt, und das will sehr beachtet sein, da beginnt schon der tragische Bruch meines Lebens.

Zum vierten erschütterte mich das eine Jahr in Freiburg, als ich meinen Doktor machte und auf die Unzulänglichkeit der menschlichen Natur stieß, an den Menschen und auch schon an Gott zweifelte.

Zum fünften kam ich nach Rom, und was ich da erlebt habe, wissen Sie ja, Bergmann, wir haben viel darüber gesprochen.

Zum sechsten verhinderten mich Krankheit und Armut, ein neues Leben zu beginnen, einen neuen Beruf zu ergreifen, trotzdem mein Glauben immer heftiger erschüttert war.

Zum siebenten hatte ich ein heißes Herz und liebte die irdischen Madonnen mehr als die himmlische Madonna.

Zum achten kam die Geschichte mit Lisabeth, mein vollkommener Bruch mit Glaube, Stand und geistlicher Behörde und die Flucht nach Berlin.

Zum neunten, Bergmann, war das auch schon ein Selbstmord, meine Umkehr und meine Unterwerfung. Wie sehr bin ich gequält worden, wie tief habe ich gelitten!

Zum zehnten dann das lebendige Grab, die Klostergefangenschaft in Köln, das Martyrium als Mensch am Kreuz.

Was bleibt noch zum letzten, Bergmann, lieber Freund, nach meiner Befreiung und nach der verunglückten Rückkehr zu Carla und Lisabeth? Nichts bleibt, gar nichts, Bergmann, als

Selbstvernichtung!

Ich war ein weicher Mensch und neigte sehr leicht zu Tränen, darum war ich oft hart und schroff, auch Carla und Lisabeth gegenüber, aber ich war viel zu wenig mir selbst gegenüber hart und schroff. Sie, Bergmann, haben mir viele Dinge gesagt und gezeigt, die ich nicht kannte, und ich habe Sie oft beneidet um Ihr Schicksal, auch wenn Sie im Gefängnis saßen. Jetzt aber bin ich ohne Neid und Herzeleid!

Die letzten Tage waren schön und die Nächte ein einziger Rausch. Das war Leben mit tausend Herzen und Händen, Leben am äußersten Rande des Glücks. Und in einer Stunde kommt die Steigerung, die Krönung, die Versöhnung: der Tod! In einer Stunde oder in einigen Stunden: was ist mir jetzt die Zeit! Rauch im Wind, Bergmann. Liebster Mensch, Sie leben und kämpfen! Vielleicht denken Sie manchmal auch an die Leute, die, wie ich, in einer zerrissenen Zeit leben und Hinkepeter sind, auch im Herzen Hinkepeter, und den Sprung in die Zukunft nicht wagen, die so gerne leben würden, wenn sie nicht sterben müßten.

Bis zum letzten Atemzug Ihr

Tobias Erler, Doktor der Theologie, Mensch außer Dienst.«

Bergmann ließ den Brief sinken, diese kleine weiße Fahne eines Menschen, der sich einer Übermacht ergeben hat. Dann las er die Gedichte, die wie die Kugel Spuren eines unglücklichen Lebens waren. Er las zuerst das Gedicht

Der gefangene Rabe

Ein Rabe krächzt,
Der Sturmwind ächzt,
Die Wolken jagen wild vorbei.
Aus harter Haft
Gefangenschaft
Klagt durch die Nacht ein Rabenschrei.

So schrei auch ich
Und suche dich,
Die alle kalten Kerker bricht,
Erlöserin
Vom Anbeginn,
Du Glanz, du bluten volles Licht!

Ein Rabe schreit,
Kalt ist die Zeit!
Ein Mensch am Kreuze brüllt!
Wann kommt der Tag,
Der junge Tag,
Wo Liebe sich erfüllt?

Das Gedicht machte ihn melancholisch. Auch die anderen Verse heiterten ihn durchaus nicht auf. Der Expreß hämmerte durch die Dunkelheit. Immer noch fiel der Schnee. Immer noch brausten die Wälder. Bergmann riß sich zusammen und las die anderen Verse, das traurige Vermächtnis des kleinen Handwerkers Gottes. Er las

Es schläft der General

Ein Mann steht Posten, und der Sturmwind pfeift,
Im Park ein Baum nach dem andern greift,
Es schläft der General.
Der Posten schläft nicht, er hält das Gewehr.
Ein Schatten? Ein Mensch? Halt! Wer da? Wer?
Es schläft der General.

Der Posten stiert in die heulende Nacht.
Da schimmert... Da wimmert... Ein Schuß erkracht!
Es schläft der General.
Der Schatten stürzt. Nun ist alles stumm,
Der Sturm geht mit Trommeln und Pfeifen um,
Und es schläft der General.

Der Morgen kam, die Ablösung kam,
Im Herzen des Posten war Wut und Scham,
Es schläft der General.
Der Posten meldet: Ein Feind schlich an,
Und ich schoß gut, und er stürzte dann.
Es schläft der General.

– Befehl ist Befehl. Du tatest gut!
Wir Schützen verspritzen für den Kaiser das Blut.
(Es schläft der General.)
Wo liegt er? ... Da hinten am schwarzen Teich,
Da stand er lange und schimmerte bleich,
Als schlief der General ...
– So komm! ... Sie gehen. Eine weiße Gestalt
Liegt tief und in die Erde gekrallt,
Es schläft der General. Der Posten steht versteinert und stiert,
Der andre nach dem Opfer giert,
Und immer noch schläft der General.

Da aber bricht die Stille entzwei!
Ein Lachen, ein Fluchen, ein gröhlender Schrei:
Es kommt der General!
»... Wer hat sich so grausam die Zeit verkürzt
Und die Venus in den Dreck gestürzt?«
Brüllte der General.

Der Posten schweigt mit zitterndem Leib.
Am Boden liegt ein marmornes Weib!
Es flucht der General.
Der Morgen kommt leise mit flutendem Licht,
Der Posten ermannt sich endlich und spricht
Im Licht zum General:

... Herr General! Befehl ist Befehl!
Wenn keiner antwortet, wenn bis drei ich zähl',
In der Nacht, Herr General,
Dann schieß' ich auf alles, was bleich und stumm!
»Befehl ist Befehl, und dumm ist dumm!«
Sagte der General.

Mit diesem Gedicht wußte Bergmann nicht viel anzufangen, aber die Verse schienen doch mit einer dunklen Gewalt angefüllt zu sein, denn er las sie noch einigemal, ehe er sich den anderen Blättern zuwandte. Dann las er

Das Lied von der Schlacht

Durch gleißenden Sommer hämmern die Räder
Auf blankem Geleise heißem Geäder Hin in die Schlacht.
Und zu der Schienen klirrendem Klingen
Die jungen Soldaten dröhnen und singen
Das Lied von der Schlacht.

Sie lachen und scherzen und singen so laut,
Als wären es Lieder für Mutter und Braut
Und nicht für die Schlacht.
Sie brüllen vor Leben und singen so hell
Von Liebe und Freundschaft und Wald und Quell
Auf der Fahrt in die Schlacht.

Dazu das Schienengedonner vom Erz,
Das bricht wie Gewitter in Brust und ins Herz,
Gewitter der Schlacht.
Verstummt sind die Lieder mit dumpfem Schlag,
Immer noch funkelt der Sommertag ...
Und noch nicht die Schlacht.

Warum sind die jungen Soldaten verstört?
Sie haben die Toten singen gehört,
Die Toten der Schlacht.
Es sangen die Toten, sie hörten's genau,
Aus dem Massengrab, aus dem Drahtverhau,
Das Lied von der Schlacht.

Und ihm war, als hörte auch er die Toten des Weltkriegs. Ein neues Blatt, ein neues Gedicht!

An den Tod

Ich habe das Leben geliebt und doch nicht gelebt,
Ich habe immer nach Freiheit gestrebt,
Nach Schönheit gestrebt, nach Liebe und Glück,
Nun bin ich am Ende und blicke zurück.

Die Freiheit ist noch verborgen und grau,
Das Glück ist eine verschleierte Frau,
Und Liebe und Schönheit, der doppelte Stern,
Ist völlig erloschen wie die Gnade des Herrn.

Es gibt eine Gnade noch auf dieser Welt,
Die Gnade der Ernte: dort schimmert das Feld,
Auf dem für die Menschheit emporwächst das Brot:
Die andere Gnade, die heißt der Tod.

Tod: niemals Verwesung! Tod: Aufstand zum Licht!
Tod: ewige Wandlung zu neuem Gesicht!
Tod: großes Erbarmen, strahlender Fluß,
Tod: vielmehr als Schicksal, du herrisches Muß!

O Mensch, du mußt enden, um ewig zu sein,
Du mußt dich verschwenden, um selig zu sein,
Du mußt dich versenken im Wasser der Zeit,
Um rauschend zu münden zur Ewigkeit!

So lös ich die Kette, die mich noch hält,
Leb wohl, schöne Erde, leb wohl, liebe Welt,
Schon grüßen die Sterne vom anderen Strand
Lebt wohl, liebe Freunde! Tod, gib mir die Hand…

Noch ein Blatt hielt Bergmann vor sich, eng beschrieben wie die anderen, zusammengefaltet und ein wenig verblichen. Und der Zug fuhr und fuhr, der Schnee fiel und fiel, der Sturm heulte und heulte. Das letzte Gedicht, das der Reisende las, nannte sich

Der verstummte Mund

Mir hat ein Gott das Wort aus meinem Mund genommen,
Wenn ich nun rede, tönt's nur innerlich,
Verworren Echo, dunkel und beklommen,
Wie Gräbersprache fürchterlich.

Einst schrie ich auf und hob die seidenen Fahnen
Verliebter Wörter in die schöne Welt,
Bis an die Sterne schleiften ihre Bahnen,
Bis in die Ewigkeit, das Flammenzelt.

Jetzt bin ich Krüppel mit verbrannten Krücken,
Ein Bettler an der Straße unsrer Zeit.
Kein Wort, kein Flüstern will mir glücken:
Was hilft es nun, wenn meine Seele schreit?!

Noch höre ich die Welt in brausenden Gesängen,
Gelächter schmerzt mich, und ein Wort bringt Not.
Unausgesprochnes wird einmal mein Herz zersprengen,
Dann seufze ich vielleicht und ... bin schon tot.

Und nun seufzte Bergmann auch. Armer, kleiner Tobias, dachte er, was hilft es dir, wenn deine Seele schreit? Vielleicht war dein Leben und Streben im Zuge der Menschheit auch so ein Lied von der Schlacht. Die Welt ist verworren, und wir suchen sie wie die Kinder durch Zeichen und Bilder zu erklären. Ein Mensch hängt am Kreuze und singt. Das Blut tropft aus seinen Wunden und aus seinen Liedern. Und nun ist alles vorbei.

Der Expreß glitt beinahe lautlos durch den Ural, der wie eine Barrikade zwischen Europa und Asien steht. Bergmann lauschte dem leisen Rhythmus der schleifenden Fahrt. Wie eine schwarze Wolke kam die Müdigkeit aus den tiefen Wäldern, in denen nun auch der Sturm schlafen gegangen war. Auch Bergmann schlief langsam ein. Über die Berge und über die Wälder fiel der Schnee. Endlos und unerschöpflich fiel der Schnee zur Erde. Es war, als sei der Himmel geborsten, es war, als lösten sich auch die Sterne auf und kämen als guter, weicher und reiner Schnee auf unsere arme, beschmutzte und blutige Erde.

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