Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Barthel >

Der Mensch am Kreuz

Max Barthel: Der Mensch am Kreuz - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/barthel/menschkr/menschkr.xml
typefiction
authorMax Barthel
titleDer Mensch am Kreuz
publisherBücherkreis Berlin
year1927
firstpub1927
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
created20111110
Schließen

Navigation:

Inmitten der Verschwörer auf der gletscherkühlen Insel des Friedens, in der Schweiz, lebte Hans Bergmann und wartete auf die Revolution. Mit den Russen war er gut befreundet, und als sie abreisten, um in Petrograd und Moskau die Macht zu erobern, wäre er am liebsten mitgefahren. Aber auch die Schweiz wurde durch Streiks erschüttert. Bei einem Streik führte auch Bergmann das Wort. Bald hingen die Spitzel an seinen Fersen. Er mußte fliehen, kam auf Schmuggelwegen nach Genua und reiste als blinder Passagier auf einem Segelschiff nach Barcelona.

Plans Bergmann, der von spanischen Freunden »Don Juan« genannt wurde, bekam bald Arbeit als Buchdrucker, ohne der Sprache vollkommen mächtig zu sein. Dann versuchte er sein Glück vierzehn Tage als Straßenbahnschaffner, bis ein Aufstand allen Verkehr lahmlegte. In Barcelona herrschten die Arbeiter und diktierten den Unternehmern die Gesetze. Diese Herren ließen diktieren und schrieben alle Forderungen und Streiks auf das Unkostenkonto und verdienten noch dabei. Es war ja immer noch Krieg in der Welt, und Frankreich und England hungerten nach spanischen Granaten und Orangen.

Auch als Konstruktionszeichner versuchte sich Bergmann, und da er eine leichte Hand hatte und sein Chef noch weniger von der Arbeit verstand als Don Juan, gingen einige Monate geschwind herum und machten übermütig. Alte Leidenschaften rührten sein Herz auf und führten ihn in die Versammlungen der syndikalistischen Genossen. Von dort war es zur aktiven Teilnahme an revolutionären Spielen nicht mehr weit. Er lernte die Führer der katalanischen Arbeiter kennen, deren Abgott Bakunin und der Anarchismus war.

Der Krieg ging zu Ende. Die Konjunktur ging zu Ende, Europa brauchte keine Granaten und Geschütze und auch kein Erz und Öl mehr. Die Palmen des Friedens, lieblich in grüne Kübel eingefaßt, standen starr in den Konferenzsälen der Sieger und der Besiegten, raschelten im Wind der schönen Reden und verdorrten bald. In Spanien und vor allem in Barcelona wehte ein anderer Wind. Die Regierung rüstete sich, die entglittene Macht mit eisernen Fäusten zurückzuerobern. Bei einer Razzia wurde auch Hans Bergmann verhaftet und für alle Fälle zuerst einmal vierzehn Tage eingesperrt.

In Barcelona bestand die schöne Einrichtung, daß der Gouverneur kraft eigener Befugnisse und ohne Haftbefehl Vagabunden, Bettler, Straßenjungen und lästige Ausländer verhaften und einsperren konnte, um ihnen in vierzehn Tagen in einem üblen Gefängnis die Schrecken der Unterwelt vorzudemonstrieren. Die Einsperrung hatte den Sinn eines erzieherisch gedachten Arrestes, um das unglückliche Opfer auf den rechten Weg zu bringen.

Don Juan aus Berlin kam in einen dunklen Keller, der von zwanzig Eingesperrten überfüllt war und durchaus nicht schön duftete. Es war ein vollkommen dunkler und scheußlicher Raum, in dem nicht die Spur von Möbeln zu entdecken war. Auf dem nackten Boden lagen halbverfaulte Strohsäcke. Es gab kein Waschwasser und außer drei Tassen Trinkwasser am Tag keine anderen Nahrungsmittel. Wer Geld hatte, konnte sich Essen kommen lassen, wer kein Geld hatte, hungerte und lebte von den dicken Bohnen, dem harten Brot und den frommen Wünschen, den Liebesgaben einer Nonne, die alltäglich aus ihrem Kloster kam und die Mittellosen versorgte.

Viele der Eingesperrten waren krank und spuckten Blut. Es gab keinen Arzt und keine Freistunden, es gab nichts als drei Tassen Wasser am Tag, die verfaulten Strohsäcke, die schwarzgekleidete Nonne und die Tuberkelbazillen. Die Gefangenen ertrugen die Haft mit gelinder Heiterkeit. In vierzehn Tagen kamen sie ja frei. Auch Hans Bergmann kam frei, und sein erster Weg war der Weg auf die Gewerkschaft. Er fand das Haus von Polizisten umstellt, und als er nach dem Hafen schlenderte, hatte er einen Spitzel hinter sich. Mitten in der Nacht wurde er zum zweiten Male verhaftet.

Gleichgültig streckte er seine Arme aus, als die Polizisten kamen, und ließ sich fesseln. Jedes Land hat seine besonderen Methoden, dachte er, in Berlin kommen sie in der Morgenfrühe und in Spanien um Mitternacht. Sie führten ihn nach einer Polizeiwache. Dort wurde er mit einem anderen Gefangenen durch eine eiserne Kette verbunden. Der Mann, mit dem man ihn so unlösbar verbunden hatte, war in derselben Nacht verhaftet worden und ein Führer der Straßenbahner. Er war kaum dreißig Jahre alt und von lebhaftem Temperament. Wenn er sich bewegte, und er bewegte sich sehr viel, klirrten die Ketten in der dunklen Zelle, in der man sie vierundzwanzig Stunden ohne Nahrung und Aufklärung sitzen ließ.

In der kommenden Nacht öffnete sich die schwere Tür der Zelle. Eine kleine Lampe, ihr Licht war greller als Sonnenlicht, blendete die Gefangenen. Zwei Soldaten mit geschultertem Gewehr erschienen und nahmen schweigend die beiden Männer in Empfang und führten sie hinaus in das schlafende Barcelona. Die Soldaten blieben auf alle Fragen stumm wie der ferne Mond, der seine verrückte Laufbahn auf einem blauen Berg scheinbar beschließen wollte und nur noch ein wenig verweilte, als wolle er Zeuge der kleinen Tragödie sein, die sich da unten in der Stadt abspielen würde: zwei Soldaten mit geschultertem Gewehr, auf dem das Bajonett schimmerte, zwei gefesselte Männer, die schweigend marschierten.

Der nächtliche Marsch führte nach dem Hafen.

Vom Hafen aus erstreckt sich eine wunderschöne Mole weit ins Meer hinaus. Bergmann war nicht in der Stimmung, über jene Schönheit ästhetische Betrachtungen anzustellen. Er hatte ganz einfach Angst. Schlimme Gerüchte über die Erschießung politischer Gefangener waren ihm zu Ohren gekommen, und der Gedanke an einen schnellen Tod stimmte sein Herz durchaus nicht versöhnlich. Als die Gefangenen die Mole erreichten, versank der Mond hinter den blauen Bergen, als hätte er schon genug gesehen. Die Ketten klirrten bei jedem Schritt.

Die Soldaten trieben die beiden auf die Mole hinaus, die sich über sechs Kilometer ins Meer wölbt. Der Hafen schlief und schwieg. Die geisterhaften Figuren der großen Schiffe ertranken im grauenden Morgen, die Schattenrisse der Fischerboote wurden sichtbar. Auch sie blieben zurück, und das Meer schimmerte der noch unsichtbaren Morgenröte entgegen. Am Ende der endlosen Mole flackerte ein kleines Licht wie ein Stern zehnter Größe.

Mit jedem Schritt, mit dem er sich vom festen Land entfernte, wuchs die Todesangst in Bergmann, aber er blieb stumm, weil sein Genosse, der Führer der Straßenbahner, stumm blieb. Jetzt, nahe vor dem Ende, schien der junge Mensch zu erstarren und durch seine Gleichgültigkeit das Schicksal herauszufordern, um es zu besiegen. Als der Stern zehnter Größe, das kleine Licht, erreicht war, sahen die Gefangenen ein Motorboot liegen. Ein goldbetreßter Leutnant winkte mit der Hand und sagte das erste Wort nach langen, dunklen und schweren Stunden. »Einsteigen, meine Herren!« sagte der Leutnant mit vollendeter Höflichkeit.

Bergmann sprang in das Boot und riß seinen Gefährten mit. Die Ketten klirrten. Ihre brutale Musik ging unter im Explosionslärm des kleinen Bootes, das sausend nach dem freien Meer hinausfegte. Bergmann starrte den Leutnant an. Was sollte mit ihnen geschehen? Sollten sie wie junge Katzen im Wasser ertränkt werden? Der Leutnant lächelte. Kann ein Mörder kurz vor der Tat lächeln? Plötzlich fielen Bergmann Erzählungen von der ausgesuchten, kalten und höflichen Grausamkeit der Spanier ein. Er fröstelte im frühen Morgen. Das Motorboot sauste weiter. Der Tag blühte auf. Ein Kriegsschiff mit blassen, blinzelnden Lichtern wurde sichtbar.

Das Boot hielt auf das Kriegsschiff Kurs und legte mit einer eleganten Schleife an der grauen Stahlmauer an. Ein Fallreep führte bis zum Wasserspiegel. Zum zweitenmal nahm der Leutnant das Wort. »Springen,« sagte er, »springen Sie, bitte, meine Herren!« Und da sprang Don Juan und der Straßenbahner gleichzeitig auf die Falltreppe. Dort wurden sie mit eisernen Griffen empfangen. Das Motorboot hämmerte nach dem jetzt sichtbaren Land. Bewaffnete Matrosen führten die Gefangenen über das Deck nach einer schweren Falltür und von da hinunter in den tiefsten Bauch der schwimmenden Festung. Gerettet, endlich gerettet, dachte Bergmann, als er in einer stockdunklen Zelle lag, in der man nicht gehen und stehen konnte, aber die doch ein geschlossener Raum war mit allem Frieden, den ein solcher Raum nach einem aufregenden Marsch geben kann.

Nun lagen sie in der Dunkelheit tief unter dem Wasserspiegel und hörten von oben herab das Geräusch klatschender Wellen. Aber sie hatten keine Angst mehr. Der Spanier am Ende der Kette erzählte seine Lebensgeschichte, und als er damit fertig war, die Geschichte von der Gewerkschaft seiner Straßenbahner. Bergmann hörte durch die klatschenden Wasser über sich die Botschaft von Kampf und Solidarität seiner Klasse und begann sein Abenteuer zu lieben. Dann kam Licht in die Finsternis. Eine Tür wurde aufgerissen, die Kette wurde gelöst, und der Leutnant von jenem Motorboot stand vor ihnen. »Meine Herren,« sagte er und spielte seine Rolle glänzend, »meine Herren, kommen Sie, bitte. Der Herr Kapitän erwartet Sie schon.«

Sie stiegen aus dem Bauch des Schiffes, konnten endlich aufrechtgehen, wurden vom sonnenhellen Tag geblendet, kamen an Riesengeschützen und Panzertürmen vorüber und standen plötzlich vor dem Kapitän des Kriegsschiffes. Der Leutnant verbeugte sich und verschwand.

Der Kapitän war ein schöner Mann. Er lächelte, als die Gefangenen vor ihm standen. Das helle Tageslicht umgab seine Uniform wie ein Strahlenglanz. Die goldenen Schnüre und Tressen blitzten.

»Meine Herren, ich weiß, daß Sie keine Verbrecher sind,« sagte er mit verbindlichem Lächeln, »das weiß ich, und Ihre politischen Ideen gehen mich gar nichts an. Ich bin nicht dafür, ich bin nicht dagegen. Die Regierung hat mich beauftragt, Sie für einige Zeit zu bewachen. Ich bin für Ihre Sicherheit und für Ihr Wohlbefinden haftbar und auch darüber, daß Sie in keine Verbindung mit dem Festland treten. Bei dem geringsten Versuch, den Sie dazu machen, wäre ich zu meinem tiefsten Bedauern gezwungen, Sie wieder unterm Wasser aufzubewahren. Ersparen Sie mir, bitte, den Schmerz ...« Er schwieg eine kleine Minute, um den Eindruck seiner Rede zu prüfen und fuhr dann fort: »Also wir sind uns einig, meine Herren. Durch die Regierung und Beihilfe Ihrer Gewerkschaften stehen für jeden Mann täglich drei Peseten Kredit in der Kantine zur Verfügung. Sie können sich besorgen lassen, was Sie wollen. Haben Sie irgendwelche Beschwerden, bitte, schreiben Sie mir. Dann bitte ich noch, sich im Rahmen des Gesagten als meine Gäste zu betrachten. Keine verbotenen Verbindungen! Das dürften Sie tiefer bereuen als ich. Ich wünsche Ihnen alles Gute, meine Herren. Auf Wiedersehen!«

Der Kapitän drückte ihnen die Hände, auf denen noch die Spuren der Ketten zu sehen waren. Er übersah taktvoll die roten Striemen, legte dann die Hand an die Mütze und entließ die zwei Männer. Bergmann war maßlos überrascht. Er kannte schon viele Arten der Gefangenschaft, aber so freundlich war er noch niemals begrüßt worden. Er folgte gern den Matrosen, die in die Kajüte traten, um den Weg nach dem Gemeinschaftsraum zu zeigen. In jener Nacht nämlich, aber das wußte Bergmann nicht, waren viele Leute in Barcelona verhaftet worden, und zwanzig davon befanden sich im Geschützraum des Schlachtschiffes »Gran Pelayo« in politischem Arrest. Er traf einige Bekannte von den Syndikalisten und wurde mit dem Straßenbahner brüderlich empfangen. In dem kühlen Geschützraum donnerte der heitere Lärm menschlicher Rede und männlichen Gelächters. Gefangenschaft und Niederlage? »Oh, morgen sind wir frei, Genosse Don Juan aus Berlin, unsere Brüder werden uns befreien. Die Regierung hat nur Angst«, sagte ein alter Metallarbeiter schon in der ersten Stunde zu ihm.

Die strenge Disziplin des Schlachtschiffes wurde durch die Gefangenen gebrochen, die inmitten der Geschütze eine kleine, herrliche Kommune auf dem Meer errichtet hatten. Die Tage vergingen rasch. Es wurde gespielt, geturnt, gesungen und viel erzählt. Die Elite der katalanischen Arbeiter war auf der eisernen Festung versammelt. Jeder Abend brachte große Referate mit leidenschaftlichen Diskussionen. Die Themen der Vorträge waren sonderbar. Einmal wurde darüber referiert, ob das menschliche Leben von der Vernunft oder vom Gefühl bestimmt wird, und ein andermal darüber, ob die vollkommene Freiheit des Menschen das Endziel der sozialen Revolution ist. Die Hauptwörter in allen Reden waren: Freiheit, Menschheit und Liebe.

Manchmal versuchte Hans Bergmann, der gründliche Deutsche, wirtschaftliche Fragen anzuschneiden und die sozialen Verhältnisse von Barcelona und Spanien zu besprechen. Er entwickelte vor den gefangenen Anarchisten und Syndikalisten die These von der Diktatur des Proletariats und wurde niedergeschrien. Diktatur? Nein, sie wollten keine Diktatur. Sie wollten auch keinen Staat. Sie wollten nichts als die heilige, jungfräuliche Freiheit.

Der Führer jener Männer hieß Segui. Er war ein Mensch mit löwenhaftem Herzen. Auch er verneinte den Staat, auch er lebte in der berauschenden Höhenluft seiner Theorie. Aber der Staat war eine brutale Tatsache, er ließ sich nicht wegdiskutieren. Er hatte tausend und abertausend Machtmittel, stützte sich gelassen auf andalusische Regimenter, und die feuerten schweigend in alle Theorien, als die Zeit kam. Und die Zeit kam. Der Krieg war beendet. Man brauchte die Arbeiter nicht mehr. Die weiße Garde wurde organisiert, als die Proleten noch von der Freiheit und Menschheit diskutierten, und ihre Diskussionen durch Bomben und Streiks feurig und heroisch verklärten.

Über drei Wochen war Bergmann auf dem Schlachtschiff gefangen. Dann wurde er und die anderen Genossen entlassen. Aber man entließ sie nur, um sie am anderen Tage, in der anderen Nacht, zu verhaften. Der Terror von der anderen Seite setzte ein und unterdrückte die Gewerkschaften. Die Arbeiterführer wurden systematisch in den Straßen abgeschossen. Auch Segui, der Mann mit dem Löwenherz, wurde ermordet.

Dann kam der Generalstreik. Er kam zu spät, viel zu spät. Der Belagerungszustand setzte ein und war Streik gegen die eigene Klasse und brachte nichts als Hunger und Niederlage. Ganz Barcelona lag wie erstorben am Meer. Keine einzige Zeitung wurde gedruckt, keine Straßenbahn und kein Auto fuhr, auch keine Demonstrationen erschütterten die Straßen. Die Regierung wartete ab. Sie hatte viel Zeit und viel Militär. Der Hunger war ihr bester Verbündeter. Und als nach acht langen und quälenden Wochen die Proleten in die Fabriken zurückgingen, da war die letzte Gewerkschaft aufgelöst. Die Löhne waren gekürzt, die Arbeitszeit verlängert. Sie gingen einzeln in die Betriebe, als schämten sie sich voreinander. Das Blut der besten Genossen war über das Pflaster gespritzt.

Es schien, als sei die ganze Klasse zerschmettert worden, um nie wieder aufzustehen. Bergmann war kein Don Juan mehr, er mußte fliehen, und auf dem Wege nach Deutschland wurde er an der holländischen Grenze als Bolschewist verhaftet. Neun lange Monate saß er in einem Camp. Für ihn schien die Welt überhaupt nur aus Gefängnissen zu bestehen. Neun Monate Gefangenschaft hinter dem Drahtverhau. Die Mynheers hatten Angst. Auf Java und Sumatra bewegten sich die gelben Menschen und rüttelten an ihren Ketten. Auf Borneo flackerten die ersten Aufstände hoch. Auch in Holland lauschten die Proleten auf das Dröhnen der Revolution. Und alles das mußte der vollkommen unbeteiligte Hans Bergmann neun Monate lang büßen, als sei er der Urheber aller schlaflosen Nächte von den reichen Pfeffersäcken, Gummihändlern, Petroleumleuten und Reismaklern.

Neun Monate ist eine lange Zeit, aber auch das ging vorüber. Dann kam er endlich nach Deutschland und stürzte sich dort in die Bewegung. Später ging er nach Rußland und wurde nach China abkommandiert. In den Tagen aber, als er mit Tobias Erler in Berlin zusammentraf, lebte er unterirdisch und war vollkommen glücklich. Auf seinen Kopf hatte man einen hohen Blutpreis gesetzt. Man nannte ihn einen zweiten Max Hölz, trotzdem seine Stärke auf rein intellektuellem Gebiete lag und seine Kraft darin, die schon geschlagenen Arbeiter organisatorisch wieder zu sammeln. Als er mit Erler zusammenkam, war er auf dem Sprung nach dem Osten.

Ja, Tobias Erler hatte sich endlich aufgerafft und seine Gefangenschaft zerschlagen. Über acht Jahre saß er in jenem Kloster, über acht Jahre der Entsagung und Demütigung, der Ohnmacht und der Erniedrigung. Verschiedene Male versuchte er, seine Pensionierung zu erreichen, aber alle seine Anträge wurden abgelehnt. Es gab in jener Zeit viele Geistliche, die an den starren Dogmen der Kirche rüttelten und rebellisch wurden, viele junge Kapläne und Doktoren beschäftigten sich mehr mit dem Leib als mit der Seele, viel mehr mit der irdischen Welt als mit der himmlischen, aus der noch kein Botschafter zurückgekommen ist. Und für diese jungen Schwärmer büßte Tobias Erler mit, für diese Rebellen war sein Schicksal gut genug als schrecklicher Anschauungsunterricht.

Durch die Klostermauern kam nicht mehr das Dröhnen der Revolution. Es wurden keine Lieder mehr gesungen, keine Fahnen sausten trunken vor berauschten Demonstrationen. Englische Truppen hatten die Stadt besetzt und hielten auf strenge Ordnung. Am Rhein kampierten neben den Engländern die Amerikaner, Franzosen und Belgier. Die Nationalisten prägten in Berlin das Schlagwort von der schwarzen Schmach, um die andere Schmach, die Ausbeutung des Menschen durch den anderen Menschen, zu überdecken.

In jenem Kloster war auch Schmach genug. Eines Tages erhängte sich in seiner Krankenstube ein wahnsinnig gewordener Feldgeistlicher, dem Nacht für Nacht die zerschossenen Soldaten von den Regimentern im Traume erschienen, deren Auszug an die Front er gesegnet hatte.

Erler floh nach Berlin. Nein, er wollte nicht im Kloster sterben. Sein Leben war verpfuscht, das wußte er ganz genau. Er war am Ende der Kraft. Was war er? Ein Mensch am Kreuz eines jämmerlichen Lebens! Jetzt riß er sich vom Kreuz, jetzt endlich fand er sich heim. Jetzt endlich erinnerte er sich an die Schwester und Elisabeth.

Carla und Elisabeth?

Ja, sie lebten immer noch zusammen. Die Inflation fraß das kleine Vermögen auf. Sie verkauften immer noch Blumen an die Toten und an die Lebendigen. Carla war oft verzweifelt, Elisabeth war tapferer als sie. Jede Nacht ging sie mit ihren Blumen durch die Bars und Dielen, die wie giftige Pilze aus dem Asphalt wuchsen, und eroberte das tägliche Brot. Sie war ein verblühtes und im Grunde ein lächerliches Blumenmädchen, aber die bemalten Frauen waren mitleidig zu ihr, als könne das Mitleid ihren eigenen Verfall aufhalten. Die Kavaliere lächelten nachsichtig.

Tobias war spät am Abend in Berlin angekommen. Am nächsten Morgen wollte er Carla und Elisabeth aufsuchen. Jahrelang waren keine Briefe mehr gewechselt worden. Das kleine Hotelzimmer, in dem er abgestiegen war, bedrückte ihn sehr und schien auch nur eine dumpfe Zelle zu sein, ein enger Kerker. Als die Einsamkeit immer schwerer wurde, verließ er das Zimmer und fuhr nach dem Westen der Stadt. In der Nähe des Nollendorfplatzes verlockte ihn eine Bar.

Eine kleine Jazzbandkapelle lärmte Musik, als er eintrat. Das Saxophon heulte melodisch auf. Eine irrsinnig gewordene Geige schrie verwundet um Hilfe. Am Büffet standen hohe Stühle. Halbnackte Frauen beugten sich trinkenden Männern zu. Die Tischlampen glühten unter grüner und roter Seide. Es wurde auch getanzt. Tobias setzte sich auf einen hohen Stuhl am Büffet. Bald neigte sich auch ihm eine entblößte Frau zu. Bald leuchteten auch ihm weiße Schultern, nackte Brüste und bemalte Lippen.

Kühle und flache Gläser standen vor ihm, in denen die Getränke in allen Farben schimmerten. Man sah rotes Blut, bernsteingelbe Tränen, weißen Schaum, Spritzer vom süßen und salzigen Wasser. Die Liköre hatten verführerische Namen und hießen Ohio, Manhattan, Sherry, Prunelle, Allasch, Benediktiner, Kognak, Martini und Whisky. Er trank und trank und vergaß die Welt.

Ein kleines Mädchen mit angemaltem Herzkirschenmund setzte sich zu ihm. Sie trug ein gelbes Seidenkleid. Um ihren Hals schlang sich eine doppelte Kette unwahrscheinlich großer und falscher Perlen. Ihre Beine schienen nackt zu sein, so hauchzart schimmerten die spinnwebdünnen Strümpfe. Sie trug goldene Schuhe mit silbernen Schnallen. Lächelnd legte sie ihre Hand auf seine Schulter. Tobias erwachte aus seiner Versunkenheit.

Das Mädchen war über zwanzig Jahre alt, aber sie hatte sich zurechtgemacht, als sei sie sechzehnjährig. Ihre Nähe und Weiblichkeit verwirrte den an Einsamkeit und Enthaltsamkeit gewöhnten Mann. Und als sie ihren nackten Arm um seine Schultern legte und ihre Brüste die wie abwehrend erhobene Hand streiften, da war es um ihn geschehen. Das Mädchen kannte die Männer, darin bestand ja ihr Geschäft. Der schweigsame Fremdling interessierte sie.

»Trinken wir zusammen eine Flasche Wein, Doktor,« sagte sie, »wir haben einen guten Jahrgang Rüdesheimer auf Lager.« Das »wir« sprach sie mit so gelassener Stimme, als sei sie Mitbesitzerin dieser Bar, Teilhaberin an den Likören, Musikanten und Weinen.

»Ja, Goldkind, mit Ihnen ginge ich durch's Feuer«, antwortete Erler und umfaßte ihre Hüfte. Das Mädchen lachte.

»Goldkind ist gut, du Süßer«, sagte sie. »Ins Feuer brauchen wir ja gerade nicht zu gehen, wo anders ist es noch schöner. Sei lieb, Doktor, und nimm, bitte, den Arm weg. Wir haben noch die ganze Nacht vor uns.«

Erler war mit einem Schlage nüchtern. Die kühle Sachlichkeit des Mädchens erschütterte ihn. Da hatte er nun sich herumgequält und sich aufs Kreuz schlagen lassen, da hatte er gezweifelt und gelitten, gejammert und gejauchzt. Er dachte an Helene, an den Abend in Rom und an die Nacht in Neapel, er dachte an Elisabeth. Heftige Zärtlichkeit für das unbekannte Mädchen an seiner Seite erfüllte ihn. Eine neue Zeit schien heranzubrechen, eine neue Jugend mit heidnischer Bereitschaft der Sinne, die sich nicht mehr sehnsüchtig nach einem Kuß verzehrte, eine Jugend, die mit heiterer Gelassenheit, und manchmal auch spöttisch überlegen, die Liebe gab und nahm und mit ihr spielte. Die Liebe? Vielleicht war das auch so ein mystischer Begriff wie Gott oder Seele, ein Sternnebel am Himmel der Illusion. Das Saxophon heulte. Die Paare tanzten. Ein bettelnder Kriegskrüppel wurde durch einen schwarzgekleideten Herrn, der sich wie der Gesandte einer ausländischen Macht benahm, auf die Straße geführt.

»Nun komm schon, Kleiner«, sagte das Mädchen, kippte mit einem Zuge den lichtroten Likör herunter, nahm den Arm des Mannes und führte ihn durch die Tanzenden nach einem freien Tisch. Der schwarzgekleidete Herr, der den Kriegskrüppel hinausgeworfen hatte und wie ein Gesandter aussah, erkundigte sich lächelnd nach den Wünschen des Herrn Doktors und gab seine Befehle mit gedämpfter Stimme an seinen Gesandtschaftssekretär weiter. Nach einigen Minuten kam der Kellner, dem das Mädchen zulächelte, und brachte den Wein. Der Wein glänzte in den beschlagenen Gläsern. Sie tranken. Der Tanz hatte aufgehört. Die Paare lösten sich lächelnd auf. Die kleine Kapelle schwieg erschöpft. Der Saxophonbläser wischte sich mit einem seidenen Tuch den Schweiß von der Stirn.

»Ich heiße Aphro,« sagte das Mädchen, »wie gefällt dir der Name?« Sie hieß niemals Aphrodite, sie war keine Schaumgeborene, »Aphro heiße ich«, sagte das Mädchen mit dem angemalten Herzkirschenmund. »Und wie heißt du, lieber Freund? Bist du schon lange in Berlin? Ich habe dich in dieser Bar noch niemals gesehen. Gefällt es dir bei uns?«

»Es gefällt mir,« lächelte Tobias, »und Sie haben mich noch niemals gesehen. Ich komme von Köln ... Ich war in meinem langen Leben noch niemals in einer Bar. Ist das nicht furchtbar?«

»Also bist du ein Barbar,« versuchte sie zu scherzen, »ja, das ist furchtbar schlimm. In Köln war ich auch mal einige Wochen. Es hat mir sehr gefallen! Wo wohnst du? Bist du Kaufmann?«

»Ich wohnte in Köln,« antwortete Tobias, »aber das ist jetzt vorbei. Ist erledigt. Schlußpunkt darunter. Und was bin ich?«, er näherte sich dem bemalten Puppengesicht und blickte sie starr an, »ich bin nämlich garnichts. Ich bin nichts als Mensch.«

»Das sind wir alle«, lachte sie. »Ich bin ein Mensch, du bist ein Mensch, aber was warst du, als du noch kein Mensch warst?« Sie setzte das Glas an den roten Mund, trank in durstigen Zügen den gelben Wein und beobachtete mit halbgeschlossenen Augen den merkwürdigen Freier, der vorgab, ein Mensch zu sein und beharrlich »Sie« sagte. Erler starrte vor sich hin. Dem Mädchen wurde ein wenig unheimlich zu Mute, aber sie faßte sich rasch. Mochte er seine Laune haben. Ihr Beruf brachte sie mit den sonderbarsten und komischsten Leuten zusammen, mit schwermütigen Trinkern und eleganten Gents, mit abseitigen Existenzen und blasierten Lebemännern. Sie taxierte ihn auf einen Beamten oder mittleren Kaufmann und war durchaus nicht erstaunt, als er sagte, wer er nun eigentlich sei.

»Als ich noch kein Mensch war, Goldkind, wie Sie in kindlicher Unschuld gefragt haben,« antwortete Tobias, »da hatte ich einen schrecklichen Beruf. Ich war katholischer Pfarrer. Doktor der Theologie.«

»Also ein Pfäfflein,« lachte sie hell auf, »ein Pfäfflein! Und nicht so wichtig tun, Kleiner, du bist nicht der einzige, mit dem ich schon zusammengewesen bin, nicht der einzige!«

Tobias wurde verwirrt. Das Pfäfflein hatte ihn beleidigt, ihre weitere Rede beruhigt. Er trank den Wein aus, ließ sich ein neues Glas einschenken, betrachtete ihre hellen Augen und bemerkte erst jetzt ihre goldene Schönheit. Dann sagte er langsam und ergriff dabei ihre weiße, zarte Hand:

»Nein, Aphro, kein Pfäfflein und auch kein Pfaffe. Der Mensch am Kreuz, ein Mensch am Kreuz, wenn Sie das verstehen wollen.«

»Lieber Freund,« sagte sie und nahm ruhig ihre Hand aus der seinen, »lieber Freund, ich will dir mal was sagen: keine Seelenschmerzen, bitte. Nicht tragisch werden. Bestell für die Musik eine Runde. Die braven Burschen spielen auch für dich. Der Mensch am Kreuz ist durchaus ein Film, aber mir ist heute absolut nicht heulerig zu Mute. Komm, sei lieb und brav. Schenk mir ein paar Rosen. Die alte Blumenfrau muß jeden Augenblick kommen.«

Tobias war lieb und brav, er bestellte für die Musik Ohio. Die Musikanten verneigten sich trinkend vor ihm. Das Mädchen lächelte. Die Bar wurde von einigen Mädchen gestürmt, die mit neuen Kavalieren die hohen Stühle besetzten. Durch den lichterhellen Raum kam eine schwarze Gestalt, ein verwehter Schatten mit blühenden Blumen, und ging ängstlich von Tisch zu Tisch. Diese Frau war ungefähr fünfzig Jahre alt und paßte durchaus nicht in die lachende, strahlende Umgebung. Es war Elisabeth. Sie näherte sich dem Tisch, an dem Tobias mit seinem Mädchen saß.

Das Saxophon begann melodisch aufzubrausen, die Geige tanzte auf den scharfgeschliffenen Spitzen gleißender Dolche. Das Schlagzeug lärmte. Aphro bemalte die Herzkirschen ihrer Lippen und zeigte dabei die schönen Zähne. Die Tanzpaare ordneten sich zu neuem Tanz. Die Mädchen an der Bar stimmten in den neuen Schlager lachend ein. Wie von sich selbst besessen schwebten zwei Mädchen als erste durch den Tanzraum, zwei glühende Flatterwölken, die sich innig vereinigen. Der dunkle Schatten mit den Blumen stand jetzt vor Tobias' Tisch.

»Rosen, einen Strauß Rosen«, sagte Tobias.

Plötzlich fiel der Schatten zusammen. Die Blumen stürzten auf den Teppich. Ein Stuhl wurde umgerissen und die Musik endete mit schrillem Geschrei. Die Tanzpaare stockten, und die zwei trunkenen Mädchen kamen als erste zu der Ohnmächtigen. Der schwarzgekleidete Herr, der wie ein Gesandter aussah, erschien und gab seine Befehle an die Kellner weiter. Sie richteten die Zusammengebrochene auf. Das Mädchen Aphro kam mit einem Glase Wein. Auch Tobias war aufgesprungen.

Der Wein machte sie lebendig. Sie öffnete die Augen, und als ihr Blick auf Tobias fiel, da erst erkannte er sie, da erst wußte er, daß sie seinetwegen zusammengebrochen war. Elisabeth! Der Saxophonbläser prüfte schon wieder sein Instrument. Durch die Masken der bemalten Mädchengesichter schimmerte Mitleid.

»Elisabeth! Elisabeth!« flüsterte Tobias, und ihm war, als richteten sich alle Augen auf ihn, ihm war, als hätte er seine Schande in alle Welt hinausgeschrien, »Elisabeth!«

»Tobias«, kam es beinahe unhörbar von ihren Lippen, und dann kippte sie noch einmal um und fiel schwer auf die Tischkante. Ihre Stirn blutete, Aphro schrie auf. Ihre schönen Augen schleuderten Blitze auf den erschreckten Mann. Ihr Mund war nicht mehr herzkirschenförmig, verächtlich war ihr Mund, haßerfüllt, tragisch. Tobias warf einige Geldscheine auf den Tisch, lief nach seiner Garderobe und führte dann mit den Kellnern Elisabeth durch die schimmernde Reihe der Mädchen und Frauen, die ängstlich schauerten, auf die dunkle Straße.

Elisabeth war zu sich gekommen. Tobias hielt sie in den Armen. Das Blut auf der Stirn war gestillt. Ein Wagen federte durch die Nacht. Sie blieb ganz still und lehnte sich an seine Brust und hörte sein Herz schlagen. Ihre Hände umklammerten die seinen.

»Tobias!« flüsterte sie endlich. »Tobias, du bist in Berlin? Warum bist du nicht zu uns gekommen?« Sie sagte kein Wort von der Bar, kein Wort von dem Mädchen, kein Wort der Klage.

»Ich kam am späten Abend,« sagte er stockend, »ganz spät kam ich und bin auf der Flucht. Ich habe Schluß gemacht. Ich habe mich endlich befreit. Ich konnte nicht mehr, Elisabeth. Ich werde dir alles erzählen. Und Carla, was macht Carla? Ich war wie in einem Grab und habe nicht mehr geschrieben ... Bist du mir böse? Ist Carla mir böse?«

»Wir lieben dich«, antwortete die alte Freundin.

»Ihr liebt mich immer noch?«, fragte Tobias leise, »immer noch habt ihr mich lieb? Und niemals habe ich in den letzten Jahren geschrieben. Niemals habe ich an euch gedacht. Immer nur habe ich an mich gedacht!«

»Du hast auch an uns gedacht, Tobias,« antwortete sie mutig, »aber du hast so viel und so Schweres erlebt ... Und nun bist du doch gekommen. Wie wird sich Carla freuen! Immer haben wir nur von dir gesprochen. Bleibst du jetzt bei uns? Du mußt bei uns bleiben und darfst niemals mehr fortgehen!« Sie klammerte sich an ihn und begann zu weinen.

»Ja, ja,« tröstete er und streichelte den alten Kopf, »ja, ja, Lisabeth, ich bleibe bei euch. Ich bleibe bei euch bis zu meiner letzten Reise ...«

»So gehst du doch wieder auf die Reise?«, klagte sie, »findet dein Herz niemals Ruhe und Frieden?«

»Doch, Lisabeth,« sagte er leise und lächelte, »mein Herz findet schon Frieden. Nun bin ich heimgekehrt, und alles ist wieder gut. Habt ihr mich wirklich noch lieb?«

»Wir haben dich lieb,« antwortete Elisabeth und errötete wie ein junges Mädchen, »wir haben dich lieb.«

Nur drei Tage blieb Tobias bei seiner Schwester. Er litt unter ihren Augen mehr als in der Klostergefangenschaft. Carla konnte stundenlang und wie zerfallen dasitzen, die Hände im Schoß gefaltet, und ihn mit so glanzlosen Augen anstarren, daß es war, als säße eine Gestorbene im Stuhl und blicke aus dem Jenseits herüber. Kein Wort des Vorwurfs oder der Klage, kein Wort der Freundschaft oder der Liebe kam von ihren Lippen. Als er in jener Nacht mit Elisabeth heimgekommen war, lag die Schwester schon im Bett. Sie ließen sie schlafen, aber am Morgen, als er aufwachte, stand sie vor ihm und starrte ihn schweigend an. Er hatte seine Arme ausgebreitet, er riß sie an sich, aber es war, als hätte er einen Leichnam umarmt. Elisabeth wagte an jenen Tagen kaum zu atmen und mit ihm ein Wort zu wechseln. Sie fürchtete sich plötzlich vor Carla. Mit jeder Stunde entfernte sie sich immer mehr von ihm. Ja, er war endlich heimgekommen und mußte erfahren, daß er keine Heimat mehr hatte. Da floh er in das wüste Berlin hinaus, in die lärmende Welt, die sich betäubte und das Hungergeschrei der Inflationsopfer mit gellender Jazzbandmusik überbrüllte.

Von seinen früheren Reisen besaß er noch zwanzig englische Pfund. Schon oft war die Versuchung an ihn herangetreten, im Krieg, als er hungerte und krank war, und später in der Revolution, als die Tore zur Freiheit offen standen, das Geld anzubrechen, um eine neue Existenz zu gründen, aber er hatte alle Versuchungen abgeschlagen. Auf der Brust trug er die Banknoten, und als er endlich die ersten fünf Pfund im Hotel wechselte, stieg in sein Herz das betörende Rauschgift von der Macht des Geldes. Am ersten Tag war er ein kleiner sonderbarer Gast gewesen, wohnte in einem dunklen Zimmer unterm Dach und nach dem Hof hinaus, aber als er das Geld wechselte, kam der Geschäftsführer selbst, erkundigte sich nach besonderen Wünschen und wies ihm ein neues, schönes Zimmer an. Diese Macht richtete ihn auf und trieb ihn oft in die kleine Bar am Nollendorfplatz, wo er noch einmal das Mädchen mit dem angemalten Herzkirschenmund traf. Sie betrachtete ihn spöttisch und erinnerte sich des fatalen Zwischenfalls mit der alten Blumenfrau, doch er besiegte ihren Spott durch fünf Dollar, die er gelassen auf ihre entblößten Brüste legte.

Das Mädchen betrachtete ihn verwundert mit den goldgesprenkelten Augen, nahm die Scheine und prüfte sie an der umlagerten Bar. Viele Augen richteten sich auf das Geld, glanzlose Augen, strahlende Augen, trunkene Augen, gierige Augen, alle Tragödien der Welt spielten sich in den geschminkten und verlebten Gesichtern im sekundenlangen Aufleuchten ab. Ein neues Mädchen drängte sich an ihn heran. Sie hieß Nastja und war eine russische Fürstin, die vor der russischen Revolution geflüchtet war und in Berlin auf die Straße ging. Aphro stellte sich vor Tobias, als die Russin kam, nahm ihn unter den Arm und führte ihn aus der Bar.

»Komm, Doktor,« sagte sie, »wir fahren weiter nach dem Westen. Hast du die Russin gesehen? Sie ist ein Raubtier, mein Freund.«

Tobias ließ alles mit sich geschehen und war doch nicht schutzlos. Das Geld schützte ihn und stand wie eine Mauer elektrischer Schläge um seine Brust. Der Wagen fuhr und fuhr. Lichtreklamen glühten und spritzten an den Häuserfronten. Auf der Tauentzienstraße brandete der Verkehr, und der Kurfürstendamm war eine strahlende Schlucht voll Feuer, Musik und Reichtum. Das Mädchen neben ihm kam enger an ihn heran, aber Tobias blieb ungerührt. Er mußte plötzlich an die Straßen im hohen Norden denken, die auch steinerne Schluchten sind, aber grau und trostlos, an jene Schluchten, die in den mexikanischen Räubergeschichten beschrieben werden. Dort hießen sie »Tal des Todes« und hier Weinstraße, dort »Schlucht der Geier« und in Berlin Münzstraße. Vielleicht war auch der Kurfürstendamm eine Schlucht der Geier. Ja, aber diese Geier hatten goldene Flügel. Vielleicht war auch der Kurfürstendamm nur ein Tal des Todes, aber das Eingangstor hieß Wollust, die breite Lichtrinne hieß Wollust, und die Tür zum Schatten hieß Wollust.

Nun war die Nacht da mit ihrer Verzauberung und jener geheimnisvollen Unruhe, die das Blut aufwühlt. Das zweite Dasein entfaltete sich: die Steigerung und Vervielfältigung aller Sinne, die Bereitschaft zum Leben und die Schwärmerei nach der Ewigkeit hin, die sich in den Spielen zwischen Mann und Frau magisch auswirkt. Es war Herbst, und der weiße Septembermond stand klar und kühl am Himmel. Auch Tobias schwärmte nach der Ewigkeit hin, er umarmte das Mädchen, er küßte sie und dachte nicht mehr an sein Geld. Der Wagen hielt vor einer neuen Bar, die mit rubinroten Lichtern den fernen und kühlen Mond beschämte.

Sie setzten sich in die Nähe der Musik und bestellten Wein. Aphro erzählte und erzählte, aber Tobias blieb stumm und lächelte nur. Er hatte sich in der Gewalt und damit auch Gewalt über das Mädchen. Sie spielte ihm ein kleines entzückendes Spiel der Verführung vor, er ließ sich auch verführen und brach um Mitternacht mit ihr auf und nahm alles, was sie ihm geben konnte. Dann fuhr er allein nach seinem Hotel, badete und schlief bis in den hellen Tag hinein.

Der helle Tag! In ihm war keine Reue. Die Welt hatte ihn ausgespien, die Schwester wollte ihn nicht kennen, und die ehemalige Freundin flüchtete vor ihm wie vor einem Aussätzigen. Mit unheimlicher Schärfe sah er seinen Weg. Ein Weg zum Abgrund? Nein, ein Weg zum Gipfel mit der berauschenden Höhenluft der Todesverachtung, ein Weg in das Paradies der Sinne. Noch war Kraft in ihm, noch glühte sein Herz in Leidenschaft, noch konnte er sich verschwenden. Auch das wußte er ganz genau, daß sein Geld die goldene Tür zu jenem Paradies aufschloß. Er liebte darum das Geld um so inniger und war in den nächsten Tagen ein Geizhals, bis er im Osten Berlins auf Hans Bergmann stieß.

Tobias stand vor einem Kino und betrachtete die ausgehängten Lichtbilder amerikanischer Frauen, die mit ihren Puppengesichtern begonnen hatten, die Welt zu unterjochen und mit ihren Masken das neue Schönheitsideal aufzustellen. Amerika, dachte Tobias, Amerika mit der Vergötterung der Frau und mit der Vergötterung des Kindes: immer wieder die Frau und das Kind! Und zwischen der Frau und dem Kind steht der Mann, der Held und der Schurke, aber dahinter nicht mehr das Paradies in den Sternen, sondern das glückliche Ende schon hier auf Erden.

Als er die Bilder betrachtete, bemerkte er ein rotes Plakat, das zu einer Versammlung der katholischen Sozialisten aufrief. Amerika lockte, aber Tobias entschied sich doch zu jener Versammlung. Er ging sehr skeptisch und überlegen in den zur Erde gelegenen Saal, über dem das Kino beinahe so prunkvoll wie eine erleuchtete Kirche prahlte. Langsam strömten einige hundert Leute in den halb unterirdischen Raum, kleine Quellströme in der Tiefe, verloren in dem großen Strom, der in die amerikanische Vergnügungskathedrale mündete. Die Musik aus dem Kino kam verweht und manchmal brausend in die Katakombe, in der sich in einer entgötterten Welt einige hundert neue Gottsucher versammelten.

Der Redner begann mit einem schweigenden Gebet und füllte dann mit glühender Beredsamkeit den kahlen Raum vollkommen aus, daß kein Platz mehr war für die lärmende Musik von oben. Er berief sich auf nichts als die heilige Schrift und sagte der mammonisierten Welt Kampf bis zum letzten Atemzuge an. Wie ein Prediger, der aus der Wüste gekommen ist, verkündete er das Evangelium der Bruderliebe. Aber er schwärmte nicht nur idealistisch, er stand fest auf der Erde und prüfte die realen Machtverhältnisse wie ein Generalstäbler, der einen Angriff vorbereitet. Tobias blieb kalt. Er konnte nicht mehr glühend sein. Er war schon ausgebrannt. Er war ein alter Mann und wußte nicht, daß im Ruhrgebiet, als er noch im Kloster gefangen saß, sich schon kleine Haufen rebellischer Christen sammelten, die rote Fahnen entfalteten, auf denen Jesus gemalt war. Er war viel zu sehr in sein eigenes kleines Schicksal verstrickt.

Als der Redner einen Augenblick schwieg und sich erschöpft den Schweiß von der Stirne wischte, war die Musik aus dem Kino hörbar. Tobias stand auf und entschied sich für Amerika. Da legte sich eine Hand auf seine Schulter. Er blickte um sich. Bergmann stand vor ihm.

»Herr Erler!«, sagte Bergmann mit gedämpfter Stimme, denn der Redner begann wieder zu sprechen, »Herr Erler, wollen Sie nicht bis zum Ende hören? Mensch, es ist seltsam, daß ich immer auf Sie stoße. Ich fahre bald nach Moskau hinüber.«

»Bis zum Ende? Oh, Bergmann, ich kenne die Welt schon! Ich weiß: Ergebung in den Willen Gottes! Nein, nein, nein, ich glaube nicht mehr daran! Bergmann, Bergmann, lassen Sie uns gehen!«

Die Versammlung wurde unruhig, der Redner schwieg einen Augenblick:, und in dem aufmerksamen Schweigen, in das wieder die ferne Musik hämmerte, entfernten sich die beiden Männer. Bergmann begann zuerst zu reden und erzählte von seinen spanischen Erlebnissen, von seiner Gefangenschaft auf dem Kriegsschiff und dann in Holland und zuletzt von der Arbeit in Berlin. Erler war wie ausgedörrter Boden, in den kühler Regen fällt, und trank die Berichte aus der Welt gierig in sich hinein. Manchmal seufzte er, manchmal lachte er, aber ob er nun seufzte oder lachte, immer verglich er sein Leben mit dem jenes Mannes, der neben ihm durch das verdunkelte Berlin wanderte und erzählte. Als Bergmann schwieg, gab Erler Bericht und Rechenschaft von den letzten Jahren.

»Wir sind in einem Alter, Bergmann,« sagte er, »aber wir leben doch jeder auf einem anderen Stern. Mein Stern leuchtet nicht mehr. Ihr Stern ist schön und steigt noch auf. Bergmann, ich bin ein einsamer und verzweifelter Mensch. Wenn ich jünger wäre, hätte mich diese Versammlung erschüttert. Was können sie schon machen, diese glühenden Schwärmer, gegen die kalte Gewalt der Kirche! Das ist wie Urchristentum, Bergmann, und wenn es dann Staatsreligion wird wie das Christentum, geht es vor die Hunde. Ich glaube an nichts mehr und am wenigsten an mich selbst. Mein ganzes Leben war ein entsetzlicher Irrtum. Sehen Sie dieses Berlin an, vergleichen Sie den Osten mit dem Westen: überall die gleichen Menschen mit den gleichen Leidenschaften, aber zwischen ihnen ist eine Front aufgerichtet und ein Schlachtfeld, viel grausiger als wie im letzten Krieg. Und wer krepiert, Bergmann? Genau wie im Krieg, die armen Leute krepieren! Und da soll man noch mitmachen und sich begeistert hineinstürzen? Nein, Bergmann, ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr ... Wo ist Gerechtigkeit?«

Die letzten Worte schrie er hinaus. Bergmann war erschüttert. Er hatte das Leben von Erler verfolgen können wie den Lauf eines Baches, der wild dahinstürmt und am Ende doch versiegen muß, ohne zu münden. Er erinnerte sich an die erste Begegnung in der Marienburger Gefängniszelle, an die entscheidende Begegnung in Berlin, als sie Schubert aus der Mansarde holten, er entsann sich auch der Begegnung in Rom, und überall hatte dieser Mensch vor einer Entscheidung gestanden und war ihr ausgewichen. Was konnte er da helfen! Bergmann gehörte sich ja nicht selbst, er gehörte der Partei und seinen Genossen. Er wußte genau, daß Erler kein Genosse geworden wäre, auch wenn er sich der Bewegung angeschlossen hätte.

»Erler,« sagte er endlich stockend, »ja, Sie sind ein unglücklicher Mensch, und es gibt noch keine Gerechtigkeit auf der Erde. Vielleicht lebe ich auf einem anderen Stern und sehe die Zeit der Gerechtigkeit voraus, und vielleicht ist mein Leben erfüllter als das Ihre, ist reicher, trotz der Armut. Die Fronten zwischen den Klassen kenne ich gut, weil ich dort gekämpft habe und weiterkämpfen werde. Und wenn wir fallen, opfern wir uns, Erler, und die große Idee des Opfers hat alle Bewegungen bis heute und für immer unsterblich gemacht. Ja, Sie sind zerrissen und blutig, aber jeder Mensch muß seinen eigenen Weg gehen. Bis zum Ende, und wenn es bitter sein sollte, Erler. Kein Mensch darf sich um die Entscheidung herumdrücken, wenn die Zeit gekommen ist. Ich habe midi schon lange entschieden, und es war nicht immer süß. Bitter war es oft, Erler, quälend. Aber herrlich am letzten Ende ... Was wollen Sie tun?«

Tobias schwieg und schämte sich. Aber dann stieg in seinem Herzen neue Kraft auf, das berauschende Gefühl kurz vor der Entscheidung. Alles lag hinter ihm. Alles lag vor ihm. Er hatte sich entschieden.

»Bergmann, ich habe mich entschieden,« flüsterte er und war glücklich, »ich gehe meinen Weg, Bergmann. Bis zum Ende ... Es freut mich, daß ich Sie noch einmal gesehen habe, lieber Freund. Leben Sie wohl.« Er gab ihm beide Hände und blickte ihn lange an. Dann sagte er nachdenklich: »Und ehe Sie reisen, besuchen Sie, bitte, meine Schwester. Hier ist die Adresse. Ich muß nun vorwärtsschreiten. Gruß an Lisabeth!« Dann riß er sich los und verschwand in der Dunkelheit.

Bergmann blickte ihm lange nach. Dann ging er langsam weiter. Plötzlich beschleunigte er seine Schritte. Zwei Männer folgten ihm, zwei Polizeispitzel. Er begann zu laufen und hetzte in eine dunkle Querstraße, fand eine offene Haustür, überquerte drei Höfe und kam keuchend und herzklopfend auf einen Lagerplatz, wo er sich bis zum frühen Morgen verbarg. Am nächsten Tage fuhr sein Zug, aber vorher besuchte er noch Carla und Elisabeth und überbrachte die Grüße. Jetzt konnte Carla reden, jetzt konnte sie klagen und weinen, jetzt strömten die Tränen. Sie liebte den Bruder immer noch und wußte, daß sie ihn durch ihr furchtbares Schweigen mit in die tödliche Welt hinausgestoßen hatte.

»Was wird er tun, was wird er tun, Herr Bergmann,« wimmerte sie und faßte nach seiner Hand, »er war immer ein besonderer Mensch, schon als kleines Kind, und ick habe die Schuld, wenn ihm etwas zustößt. Jetzt rede ich und wehklage, aber Elisabeth schweigt! Das ist die Hölle, Herr Bergmann, sie kann nicht grausamer sein! Will er niemals zurückkommen? Hat er uns ganz vergessen? Hat er kein Wort für Lisabeth gesagt?«

»Doch,« tröstete er, »doch, Frau Carla, er hat viele Worte gesagt, zärtliche Worte. Er bittet um Verzeihung.«

»Verzeihung, Verzeihung! Er hat uns zu verzeihen. Wir haben an ihm gesündigt, und er nicht an uns. Rede doch, rede doch,« wandte sie sich, an Elisabeth, »rede doch, und wenn es nur ein Wort ist! Hörst du, er hat gesagt, wir sollen ihm verzeihen!« Elisabeth aber verharrte in Schweigen und ging aus dem Zimmer. Carla blickte ihr verzweifelt nach. Bergmann war ratlos. Dann trat er auf die alte Frau zu und streichelte ihr Haar.

»Jedem Menschen auf der Welt ist ein Weg vorgezeichnet,« sagte er leise, »und wenn der Weg von Tobias ein Schmerzensweg ist, dürfen wir nicht wehklagen. Frau Carla. Vielleicht muß Tobias diesen Weg bis zum bitteren Ende gehen, vielleicht opfert er sich auch, aber dadurch nimmt er viele Schmerzen anderer Menschen auf sich. Die Zeit der Märtyrer ist noch lange nicht vorbei.« Er glaubte selbst nicht, was er sagte, aber für die alte Frau war es doch ein Trost. Sie weinte nicht mehr. Sie lächelte unter Tränen. Bergmann gab seine russische Adresse und verabschiedete sich. Elisabeth war nicht mehr gekommen. Sie saß in der einsamen Stube und weinte. Bergmann weinte nicht.

Tobias war in die Nacht hinausgelaufen, und an dem Tag, als Carla und Elisabeth weinten, fuhr er nach dem Westen der Stadt, in den Lunapark. Sein Geld war zusammengeschmolzen und mit dem Geld sein Mut zum Leben. Aber an diesem Abend war er mutig. Nur die Feiglinge leben weiter, wenn der Tod die einzige Lösung und Rettung ist.

Mit Musik und Flammen erhob sich der Park am Rande der Stadt. Seine leuchtende Heiterkeit wurde durch aufdringliche Reklame gestört, aber das waren Aufrufe an die Lebendigen und priesen Kaugummi, Seife, Schokolade und Würstchen an. Der einsame Mann Tobias war schon jenseits aller Seifen und Würstchen. Er sah den weißen, kühlen Septembermond und blasse, unwahrscheinlich ferne Sterne am Himmel. Von den Sternen bis zur Erde ist nicht weit. In einer Sekunde durchmißt der Blick den Raum vieler Lichtjahre, und als Tobias auf die Erde zurückkehrte, sah er das Mädchen Aphro am Arm eines eleganten Jünglings. In sein Herz kam irdische Leidenschaft, und als Aphro ihren alten Bekannten sah, flüsterte sie ihrem Begleiter einige Worte zu, löste sich aus seinem Arm und schwebte auf Tobias hin, wie sich am Himmel manchmal eine kleine lichte Wolke aus schwarzen Wolkengebirgen löst und eigene Bahnen zieht.

»Der Doktor,« sagte sie, »der Doktor lebt immer noch! Mein Vetter läßt sich entschuldigen, aber er hatte eine dringende Verabredung in Halensee. Liebesgeschichten, Doktor, der arme Junge meint es bitter ernst.«

»Die Aphro!« antwortete Tobias und fiel in ihren leichten Tonfall ein, »die Aphro lebt immer noch, und der Vetter, der arme Junge, hat Liebesgeschichten im Kopf und nimmt es bitter ernst! Da sind wir schon andere Leute, Goldkind, wir nehmen auf dieser Welt nichts mehr ernst. Bist du frei?«

»Ich bin frei,« sagte sie, »und ich freue mich, Doktor, daß du ›Du‹ zu mir sagst. Vielleicht komme ich später einmal zu dir, um zu beichten. Vergibst du auch alle Sünden?«

»Es gibt keine Sünden,« antwortete er, »die Sünden, Goldkind, sind nur böse und eingebildete Träume, Hirngespinste, Aphro mit den goldgesprenkelten Augen. Aber wenn du willst, kann ich dir deine Sünden vergeben.«

Sie lachte.

»So gefällst du mir besser, Doktor. Viel besser als das erste Mal, als du wie das heulende Elend in der Bar saßest. Denkst du noch daran? Und wer war die Frau, die mit ihren Blumen vor dir zusammenklappte?«

»Das alles hast du nur geträumt, Süße,« sagte er traurig, »vielleicht war es meine Tochter oder meine Schwester, Träume weiter, Aphro, und gib mir einen Kuß. Ich liebe deinen Herzkirschenmund!« Und ehe sie antworten konnte, hatte er sie geküßt. Sie riß sich los und war beleidigt.

»Barbar,« sagte sie, »die Zeit zum Küssen kommt erst.«

»Die Zeit zum Küssen ist vorbei!« antwortete er.

Sie wollte sich nicht mit ihm streiten, nahm seinen Arm und führte ihn in den bunten Trubel. Er schritt leicht an ihrer Seite, schwebte schon wie auf den Wolken und hatte kein Schwergewicht mehr. Er gab sich mit ihr dem Schwung rasender Tal- und Bergbahnen hin und dem kurzen, beglückten Absturz einer Rutsche in den kühlen See. Auf einem hochgebauten Karussel erlebte er die Illusion eines Fluges durch den Weltraum und in dem Irrgarten grotesk geschliffener Spiegel die Entlarvung des hochgezüchteten Raubtiers Mensch.

Wie aus einer Honigwabe der Honig quillt, so quollen aus den lichterblühten Terrassen und Dielen die Lieder und Rhythmen vieler Jahrhunderte, sammelten sich scheinbar nahe am See in jener kleinen Kapelle, die in einer gewölbten Halle stand und musizierte. Von der Kapelle ging ein Rauschen aus wie von einer bizarren Muschel der Südsee, in der man auch alle Meere, Stürme, Windstillen, Götter, Teufel und Liebenden singen und musizieren hört.

Vor dem dunklen See standen viele Lampen in bunter Reihe. Ein Hausboot baute ihre leuchtende Terrasse in das stille, dunkle Wasser. Auf jenem Boot war auch nur eine Illusion, es schwamm niemals nach der Mitte des Sees als singendes Herz, nur die hymnischen Schläge der Jazzband lösten sich vom Ufer, auf jenem Boot also saßen Aphro und Tobias, um sich in das leichte, beschwingte und festliche Leben einzufügen. Als die Jazz am wütendsten hämmerte und der Tumult der Instrumente sich ekstatisch steigerte, da begannen sie von der Liebe zu sprechen.

Um den Beginn des Gespräches wehten keine Seufzer. Um den Beginn des Gespräches standen die geschliffenen Klingen prüfender Augen, das Wessen vom Anfang und Ende jeder Liebe und auch das trunkene Wissen von jener Zeit, die ewig ist, von jener Zeit nämlich, in der sich die Tage verdunkeln und die Nächte strahlend werden, wenn die Liebste kommt.

»Es war nicht mein Vetter,« begann Aphro leise, »es war mein Freund, Doktor, mit dem du mich zusammentrafest. Er ist Artist, weißt du, und hat heute frei. Wir haben uns für später verabredet.«

»Es war nicht meine Tochter und auch nicht meine Schwester, Mädchen mit den goldenen Augen,« sagte Tobias, »nicht meine Tochter und nicht meine Schwester, die vor mir zusammenbrach, Liebste, es war meine alte Freundin, die ich verraten habe, als ich noch ein Jammerkerl war. Aber nun bin ich vollkommen frei und habe keine Verabredungen mehr.«

»Armer Kerl«, sagte sie und streichelte seine Hand. »Dann steht es sehr schlimm mit dir ... Warum hast du deine alte Freundin verlassen?«

»Sie hat mich ja verlassen, Aphro!« antwortete er leise, »sie haben mich alle verlassen, die Schwester und auch der Bergmann, und nur du bist bei mir, nur du... Aber wenn du eine Verabredung hast, kannst du gehen. Ich halte dich nicht, Goldäugige.«

»Sonderbar,« sagte sie, »als ich dich heute abend sah, lockten mich nur deine Dollar, Doktor. Aber jetzt lockt mich etwas ganz anderes ... Du willst eine große Reise tun? Hast du keine Angst?«

»Als ich noch lebte, hatte ich Angst, jetzt habe ich keine Angst mehr, Mädchen«, sagte er. »Jetzt ist ein Mensch bei mir, ein goldgesprenkeltes Augenpaar. Du bist bei mir.«

»Du bist ein Schwärmer,« lachte sie leise auf, »ein Schwärmer bist du!« Sie beugte sich zu ihm und küßte ihm die Antwort vom Munde. »Sei still, kein Wort mehr. Das Feuerwerk muß jeden Augenblick losbrennen.«

Tobias ergriff ihre Hand und wollte antworten trotz des beglückenden Kusses, da verstummte die Musik, und die ersten Raketen zischten traurig und schön auf, stiegen nach den Sternen und nach dem kühlen, fernen Mond, blühten, strahlten und zerfielen. Dann knallte und musizierte das grenzenlose Leuchtspiel auf und bezauberte den Himmel.

Aphro hatte ihr kühles Gesicht dem Feuerwerk zugewandt, und die Spritzer jener Funkengarben zuckten um die schmale Stirn und ertranken in dem Brunnen der blanken Augen. Der rotgeschminkte Mund verfärbte sich. Ihre weißen Hände schienen aus Marmor zu sein und lagen unbeweglich auf dem Tisch.

Neue Raketen eroberten sich den Himmel und funkelten schöner als die Sternbilder. Nur der ferne Mond behielt sein blatternarbiges Silbergesicht und war unerreichbar. Tobias seufzte. Die Sterne, dachte er, die Sterne! Der Mensch kann die Sterne mit seinem irdischen Feuer überstrahlen. Aber was ist der Mensch? Eine wimmernde Rakete vor dem schweigsamen Mond.

Über das samtschwarze Wasser sausten feurige Stachelschweine und fauchten wie gehetztes Wild, wenn sie verzischten oder ertranken. Auf einer hohen Schaukel bewegten sich zwei leuchtende Figuren und bliesen im rüpelhaften Spiel goldenen Wind ab. Sie wollten nicht nach den Sternen wie die steilen und sausenden Raketen. Aphro seufzte.

Aber ihr Seufzer erreichte Tobias nicht mehr. Die Nacht, die vorher sein Blut betäubt hatte, die Nacht und ihr gleißendes Feuer machten sein Blut wieder klar. In die Sterne flog sein Herz. Bis an den kühlen Mond spritzte sein Blut. Wer wird seufzen und traurig sein, wenn das Feuerwerk abbrennt wie eine phantastische und leidenschaftliche Liebe? Und in dieser Sekunde, als das Mädchen seufzte, stand sein Herz in Glut und Sehnsucht nach jenseitigen Dingen, war feuriger Fisch über schwarzem Wasser, goldener Schnee mitten im Winter, bunter Vogel aus dem Käfig eines grauen Lebens.

Feuerwerk nach den Sternen!

Raketen nach dem gläsernen Mond!

Plötzlich setzte die Musik, die lange geschwiegen, mit einem verrückten Gebrüll ein, als solle die feurige Klarheit der unvergleichlichen Minuten ausgelöscht werden, als sei kein Tanz der Gestirne, sondern nur Tanz auf der Terrasse eines Hausbootes am dunklen See, Liebestanz zwischen Mann und Frau, Tanz und Sprung vor der endlosen Ruhe des Todes. Auf der schwankenden Diele dudelte und trampelte Amerikas gemachte und lärmende Lebensfreude. Der Jazzbandführer sah wie ein verkrachter Student der Theologie aus, dessen schwarze Hornbrille nur noch an einstiges Studium erinnerte. Jetzt schmiß er die Beine und tanzte und sang:

»Ich schwör' auf Susi.«

Tobias schwor nicht auf Susi.

»Aphro,« sagte er leise, »Liebste, ich danke dir für die letzte Stunde. Jetzt muß ich gehen. Ich habe doch eine Verabredung!«

»Bleib!« sagte sie und beugte sich ihm zu, »bleib, mein Freund und verlaß mich nicht. Jetzt nicht in diesem Augenblick. Ohne dich wäre ich sehr einsam. In einigen Minuten kommen die letzten Raketen.«

Sie blickte ihn verzückt an, als sei er nicht mehr auf dieser Welt. Er ertrug gelassen und mit innerer Heiterkeit ihre schönen Augen, streichelte die weißen, kühlen Hände und atmete berauscht die leichten Wölkchen der guten Parfüme ein, die ihrem Körper entschwebten.

Das Boot schwankte im Rhythmus der vielen Tänzer. Dann kamen drei junge Mädchen in seegrüner Seide, schönes, gebändigtes Fleisch, und tanzten und sangen amerikanische Schlager. Taktmäßig dröhnten die sehnigen, nackten Beine auf dem spiegelnden Parkett. Die wohlgeformten Leiber bogen sich den vielen Männern wie Gastgeschenke zu. Aber bald verschwanden die Mädchen. Ein Charleston begann. Der junge Mensch mit der Hornbrille sang laut und herrlich.

Mitten in diesem Tanz erschien auf der Terrasse ein Arbeiter mit weißer, beschmutzter Matrosenbluse und schloß die Fenster, die nach dem See führten. Er hatte ein schmales, ebenmäßiges Gesicht, wie es sonst nur die Helden in den amerikanischen Filmen haben, die aus dem Dunkel aufsteigen, heldenhaft gegen das Verbrechen kämpfen und am Ende leuchtend siegen. Der Mann blieb stumm und verrichtete in stiller Sachlichkeit seine Arbeit. Die wohlgeformten Leiber der Tanzmädchen waren für ihn keine Gastgeschenke. Wie ein Schatten tauchte er auf und stand, ehe er wieder in sein Dunkel zurücktrat, einen Trommelschlag lang wie aus schwarzer Bronze gegen die strahlenden Musikhallen und gegen das goldene Muschelhaus am See.

Stockten die Tänzer, als er tonlos und drohend gegen jede Musik auf der Terrasse stand? Nein, alles ging weiter, der Tanz, die Musik, das Würfelspiel des Lebens und der Liebe. Die Nacht verstreute mit beiden Händen ihr Gift. Das Mädchen mit dem angemalten Herzkirschenmund, das Mädchen Aphro, weinte. Tobias aber hatte keine Tränen mehr für diese Erde.

Er nahm die Hand, ihre liebe Hand, zum letztenmal und verschenkte seine irdischen Güter, die paar Dollar und Pfunde. An der Stelle, wo er sich verabredet hatte, wurde nicht mehr auf Geld gesehen. An Carla und Elisabeth dachte er nicht mehr, aber Bergmann kam ihm in den Sinn, Ulitsch und auch das Mädchen Henriette aus dem Keller der Weinstraße. Vom See wehte kühler Wind.

Langsam stand Tobias auf, küßte die Stirn der Weinenden und verließ das singende Boot. Er verließ das Boot. In seinem Herzen war nichts als Frieden. Das Mädchen weinte immer noch.

Wie schwebend schritt er dahin, befreit von allen Schmerzen. Mitten auf dem See schoß eine Lichtfontäne hoch und spiegelte sich rauschend mit silbernen und goldenen Quellen im schwarzen Wasser, sprang nach den Sternen, verlöschte und ertrank. Dann kamen Raketen und zischten nach dem gläsernen Mond. Da blieb der einsame Mensch stehen und betrachtete heiter das schöne Schauspiel. Als die letzte Rakete aufzischte, um den Mond zu erreichen, trat Tobias in das tiefe Dunkel eines Gebüsches, und in dem Feuer, das aus seiner Pistole brach, fuhr auch seine arme Seele nach dem Glanz der Sterne. Ja, er seufzte ein wenig, als die Kugel das Hirn zerschmetterte, aber der Seufzer blieb ungehört wie der befreiende Schuß.

In derselben Zeit, als er in jenem Gebüsch zusammenbrach, trocknete das Mädchen Aphro ihre Tränen. Die Musik spielte und raste hymnisch weiter. Ungerührt rollte der Septembermond seine vorbestimmte Bahn über dem funkelnden Jahrmarkt menschlichen Jubels. Aphro weinte nicht mehr. Sie nahm das Geld zu sich, die Dollar und die Pfunde, und bemalte ihr Gesicht. Dann stand sie langsam auf und verließ das Boot. Am verdunkelten See, über dem noch der Rauch des Feuerwerks in weißen Wolken wogte, wurde sie von ihrem Freund schon erwartet.

»Wo ist der Doktor?« fragte der Artist.

»Er ist fortgegangen«, sagte das Mädchen.

*

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.