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Der Mensch am Kreuz

Max Barthel: Der Mensch am Kreuz - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/barthel/menschkr/menschkr.xml
typefiction
authorMax Barthel
titleDer Mensch am Kreuz
publisherBücherkreis Berlin
year1927
firstpub1927
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
created20111110
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Drei junge Ermländer fuhren nach Freiburg, drei jungen Kaplänen schwellte das Herz, drei junge Männer sahen beglückt den Schwarzwald und die gesegnete Rheinebene mit der Aussicht nach den Vogesen. Das Gebirge des Kaiserstuhls erhob sich vor dem Rhein, der gletschergrüne Wasser in seiner Rinne führte. Im goldenen Dunst schimmerte das Elsaß. Wasser, Licht, Wald, Feld, Wein und Berge: die Natur entfaltete sich verschwenderisch, brauste zusammen und tönte wie Musik.

Auch in Tobias Erler war Musik, als er durch die Stadt Freiburg wanderte. Er bewunderte das herrliche Münster aus dem zwölften Jahrhundert, das berühmte gotische Kaufhaus mit der Rundbogenhalle, dem Altan und den zwei Erkertürmchen, er besah sich auch die alte Universität und meldete sich schließlich in dem »Collegium Sapientiae«, das von einem Professor des katholischen Kirchenrechtes, einem Prälaten, gegründet und geleitet war. Ungefähr zwanzig junge Kapläne und Pfarrer aus ganz Deutschland waren hier zusammen, um ihre Ausbildung zu vervollkommnen: Geistliche aus Ostpreußen, Schlesien, Bayern, Baden und aus dem Rheinland.

Mit großen Plänen war Tobias nach Freiburg gekommen. Er wollte vor allem Theologie studieren, die geistige Grundlage schaffen für die Diskussionen mit Leuten wie Bergmann. In der ganzen Welt war die katholische Kirche und Lehre verbreitet, und bei ihrem Studium, dachte der Kaplan, würde er ja auch auf die Weltzusammenhänge stoßen, auf die Weltwiderstände und auf den Weltsieg. Die Bücher, die ihm der Sträfling Bergmann in Marienburg aufgeschrieben hatte, waren vergessen.

»In Theologie wollen Sie promovieren, Herr Kaplan?« fragte bei der Vorstellung der Leiter des Collegiums, »ich rate gut für Nationalökonomie. Wir haben viele Professoren der Theologie, aber wenige der Nationalökonomie. Die Zusammenhänge auf der Welt begreifen, heißt Gott begreifen, Herr Kaplan.«

»Herr Professor,« antwortete Tobias mit dem schönen Eifer eines Menschen, der sich ein eigenes Ziel aufgestellt hat, »Herr Professor, ich plädiere dennoch für Theologie, Ich habe in Marienburg einige Menschen getroffen, mit denen ich heiß und hart über theologische Fragen ringen mußte. Ich brauche Rüstzeug für neue Diskussionen, Herr Professor. Gottesgelahrtheit gegen Weltgelahrtheit, wenn der Herr Professor erlauben.«

»Erlaube schon,« antwortete der Prälat, »erlaube schon, Herr Kaplan. Aber Sie treten doch in die »Arminia« ein? Nur die »Arminia« kommt für meine Herren in Frage.«

»Verzeihung, ich bitte tausendmal um Verzeihung, Herr Professor, aber ich habe mich schon für die »Hercynia« entschieden.«

Tobias Erler antwortete zum zweiten Maie falsch. Er hätte Nationalökonomie studieren und in die katholische Verbindung »Arminia« eintreten sollen, aber er hatte einen harten Kopf, Der Kopf des Herrn Prälaten war noch härter und diese Tatsache sollte der kleine Kaplan, der doch so sehr auf das Wohlwollen der Menschen angewiesen war, bald erfahren. Wohl hatte ihm sein Bischof die Wahl der Studiumfächer und auch der Verbindungen freigegeben, aber der Bischof war fern, und der Prälat war nahe,

»Nun gut, Herr Kaplan,. dann eben die »Hercynia« und dann eben Theologie,« sagte der Herr Professor. »Mit Ihnen kann man, scheint es mir, nichts anfangen!« und entließ ihn sehr ungnädig. Tobias trat in die »Hercynia« ein, studierte vornehmlich Theologie und hörte beiläufig Nationalökonomie, Weltgeschichte und Kunstgeschichte, Die Professoren waren mit ihm sehr zufrieden, bis auf den Prälaten, der die Ablehnung seiner Vorschläge niemals verschmerzen konnte. Er behandelte ihn kühl und zurückhaltend. Nein, er liebte den hinkenden Kaplan nicht, der es gewagt hatte, seine Anregung in den Wind zu schlagen»

Die Zeit verging. Der Sommer flammte über der Stadt. Die nahen Berge des Schwarzwaldes standen blau und glühend im klaren Licht. An den freien Sonntagen wanderte Erler mit einigen Studienfreunden oft das herrliche Dreisamtal hinauf, besuchte das Höllental und den Titisee, erstieg den Feldberg und sah an einem klaren, frühen Silbermorgen auch die gleißende Lichtkette der nahen Alpen. Wie eine gezackte Mauer aus Feuer und Glas standen die Berge am Horizont, der Säntis, der Eiger, der Mönch und die Jungfrau.

Einmal fuhr er auch an den Rhein, sah das reißende Gletscherwasser rinnen, riß sich die Kleider vom Leib, badete im kühlen Strom, kämpfte mit der Strömung, glühte und war stolz wie damals als Kind auf den glänzenden Rücken der jungen Pferde. Ein anderer Kaplan, der den Ausflug mitmachte, wagte sich nicht in das Wasser. Er sang unter den hohen, schimmernden Pappeln ein kleines Volkslied und bewachte die Kleider. Als Tobias genug im Wasser getobt hatte, kam er triefend und tiefatmend an das Ufer, legte sich nackt in das Licht und streckte mit so leidenschaftlicher Gebärde die Hände nach der Sonne, als wolle er sie auf die glühende Erde reißen,

»Herr Kollege,« scherzte sein Begleiter, »Herr Adam aus dem Paradies, was meinen Sie wohl, was der Herr Professor sagen würde, wenn er Sie jetzt sähe? Glauben Sie, er spräche sein Lob aus?«

»Das glaube ich kaum,« antwortete Tobias, »nein, sicherlich nicht. Ein angehender Doktor der Theologie und nackt unter Gottes freier und schöner Sonne! Das ist gar nicht auszudenken!«

Der andere lachte.

»Sie haben eine gute Logik, Herr Kollege,« sagte er, »aber gegen die Tatsache, daß dort oben Menschen kommen, können Sie weiter nichts vorbringen als ihre Kleider. Haben Sie vom Baum der Erkenntnis gegessen?«

»Ja, habe ich, also rasch in den Habitus!«

Erler zog sich an. Die Leute kamen näher. Die zwei geistlichen Herren erhoben sich und spazierten am Ufer entlang.

»Gelobt sei Jesus Christus!«

»In Ewigkeit, Amen.«

Von der nächsten Bahnstation fuhren die zwei jungen Geistlichen nach Freiburg zurück. Tobias hörte Theologie und Weltgeschichte, und arbeitete an seiner Dissertation. Der Sommer verging. Es wurde Herbst. Es wurde Herbst, die Bäume verfärbten sich, der Wein wurde geerntet, die ersten weißen Nebel stiegen geisterhaft aus den Tälern. Tobias bekam von seinem Bischof einen Brief, einen sonderbaren Brief. Er lautete:

»Da über Sie innerhalb und außerhalb des Hauses Klagen laut geworden sind, sehe ich mich veranlaßt, Sie in die Diözese zurückzurufen.« Schluß. Weiter nichts. Keine Begründung. Nur ein amtlicher Befehl. Nun war es aus mit dem Studium, armer kleiner Kaplan. Nun war es nichts mit dem Doktor.

Die Herbstnebel stiegen. Die Räder der Eisenbahn, die ihn nach Freiburg trug, hatten gelogen mit ihrem Hammerschlag: »Doktor Tobias, Doktor Tobias.« Der Vater, was wird der Vater sagen? Und Carla und Ulitsch? War er nicht vom Leben genug gezeichnet? Sollte er auch noch das Brandmal einer verunglückten Promotion auf der Stirn tragen? Das verächtliche Makel eines verächtlichen Menschen, der dem Schicksal nicht gewachsen war?

Sein Herz klopfte rasend. Er war sich keiner Schuld bewußt. Die Professoren hatten ihn bis auf den Prälaten gern. In der Studentenverbindung kannte er nur Freunde. Nein, er hatte gearbeitet und gebüffelt, sein Doktormanuskript wuchs immer mehr, die Vorlesungen über Weltgeschichte begeisterten ihn, er kannte sich im Kirchenrecht aus, und nun kam der kalte Schlag völlig unvorbereitet auf sein armes Gesicht. Wer konnte Klage über ihn geführt haben?

Einen Augenblick dachte er an jenen Sommertag, als er im Rhein gebadet und dann nackt in der Sonne gelegen hatte. Aber das war ja Unsinn. Der nackte Leib war ja keine Sünde. Auch Michelangelo hatte die Sixtinische Kapelle mit nackten Gestalten ausgemalt. In höchster Erregung eilte er zu dem Leiter des Collegium, zeigte den Brief und bat den Professor, seine bisherige schriftliche Arbeitsleistung durchzusehen.

Der Prälat hörte die bewegte Klage des Kaplans mit ungerührtem Gesicht an. Er richtete die klaren Augen starr auf den jungen Menschen, spielte mit einem Bleistift auf der Tischplatte, nahm das Manuskript und blätterte darin. Tobias hing, wie ein Angeklagter am Munde des Richters hängt, der den Spruch verkündet, am Gesicht des lesenden Professors.

»Ja,« sagte er dann endlich erstaunt und freundlich, »ich war der Ansicht, Sie hätten bis jetzt nichts gearbeitet. Setzen Sie die Arbeit fort, vielleicht kann ich noch etwas für Sie tun.«

»Herr Professor,« stammelte der Kaplan und war glücklich, »Herr Professor, ich will mit verstärktem Eifer an die Arbeit gehen.«

»Ist schon gut, ich werde dem Bischof schreiben und berichten.«

Der Prälat stand auf. Tobias war entlassen.

Wie im Taumel lief er durch die Straßen der Stadt. Zuerst schwankten noch die Häuser, das Münster drehte sich wie ein ersterbender Kreisel, die Erkertürmchen am Kaufhaus schienen sich langsam zu bewegen, aber endlich nahmen die Dinge und die Gebäude ihre ursprüngliche Gestalt an. Die Menschen liefen nicht mehr mit verzerrten Gesichtern und Gliedmaßen durch die Straßen, der Wind von den nahen Bergen blies kalt, aber es war ein tröstlicher Wind und machte Tobias ganz klar. Er ging nach Hause und schrieb seinen Bischof und bat um Aufschub der Rückberufung. Er konnte sich nicht verteidigen.

Er war ja nicht angeklagt wegen der oder jener Verstöße, aber er legte doch sein ganzes Leid in den ergebenen Brief, seinen Schmerz, seine Hoffnung und auch seinen Stolz. Der Bischof antwortete nicht. Er hüllte sich in Schweigen, und in dem Schweigen, das tödlicher war als der schroffste Tadel, arbeitete er an seiner Dissertation und setzte es durch, daß er sie schon um Weihnachten einreichen konnte.

Der Prälat blieb kühl und freundlich. Was kümmerten ihm die Seelenschmerzen eines kleinen Kaplans? Erler war selbst schuld an seinem Unglück. Zuerst die Sache mit der Promotion, dann die falsche Wahl der Studentenverbindung und dann das unwürdige Bad im Rhein! Nackt in der Sonne liegen! Spott über seinen Professor! Nein, er liebte den langaufgeschossenen Hinkefuß aus Ostpreußen durchaus nicht. Er selbst, der Prälat, hatte an den Bischof Klage über Tobias Erler geführt.

Tag und Nacht hatte Tobias gearbeitet, die drohende Wolke der Abberufung über dem Kopf. Carla hatte einige Male geschrieben, aber ihre Briefe blieben unbeantwortet. Auch dem Vater schickte er keine Post. Sollte er vor aller Welt Klage erheben? Es wäre nur Anklage geworden, Klage und Anklage gegen sich selbst. Er versank oft, während er arbeitete, in Schwermut. Gedanken an den Tod quälten ihn. Und als er mit seiner Arbeit fertig war, schien es, als hätte das Unheil nur darauf gewartet, um mit neuen Schmerzen über ihn hereinzubrechen. Er wurde krank. Seine Lunge war angegriffen. Ein heftiges Lungenbluten warf ihn nieder.

Tobias ist krank. Die Brust schmerzt, bei starken Anfällen kommt Blut aus dem Mund und schmeckt bitter. Das Fieber überfällt den geschwächten Leib. Die Ärzte sind da. Nachtwachen müssen eingelegt werden, und wenn der Kranke aus wirrem Schlaf erwacht, sieht er die Lichtspiele der flackernden Kerzen an den weißgetünchten Wänden. Der Tod ist nicht mehr grauenvoll. Ach, wie selig muß das sein, denkt der Kranke, langausgestreckt im Grabe zu ruhen. Im Grab ist Frieden,

Seligkeit. Weltlärm aus der Ferne wird große Harmonie. Einmal ist die Schwester Carla auf Besuch. Tobias ist immer noch krank und schwach. Carla weint. Ach, wie schön ist es, wenn ein Mensch um den anderen Menschen weint! Carla, liebe Carla! Nein, nein, ich sterbe nicht. Nein, nein, ich werde gesund, vollkommen gesund, Schwester, und besuche dich und Ulitsch und das Kind in Berlin. Wie alt ist der kleine Tobias? Der Vater war in Berlin? Ja, der Vater. Und die Mutter, denkst du noch an die Mutter, Carla? Sie hat es gut und hustet kein Blut.

Tobias darf wieder aufstehen und in der Wintersonne sitzen, die durch die Wälder wandert und glüht von der eisigen Pracht der verschneiten Berge. Carla ist schon lange wieder in Berlin. Sie hat Wein geschickt und so schöne Sachen zu essen, daß es beinahe eine Sünde ist, wenn sie taumelleicht auf der Zunge vergehen. Viele Freunde aus der Verbindung kommen und besuchen den Kranken. Sie bringen Lärm der Welt mit, Geschichten aus der Vereinigung und von den Professoren. So, so, der Herr Prälat wird »Der Großinquisitor« genannt? Er ist eitel und selbstgefällig? Ach ja, er ist ein Mensch mit allen Fehlern und Schwächen! Er ist sehr einsam und verschmäht den Umgang mit den anderen Professoren und wen er haßt, den läßt er's spüren? Ach, ich habe es ja selbst gespürt, dachte der Genesende ohne Haß. Er sieht die Welt ohne Schleier.

Autorität und Unterwerfung? Wie kann ein Mensch, der schwach und von sich selbst besessen ist, Autorität sein für einen anderen Menschen? Eine große Maschine ist aufgebaut, eine Weltmaschine, und die braust über die Länder. Sie ist sehr kunstvoll eingerichtet und hat verschiedene Teile, wertvolle Kurbelwellen und einfache Schrauben. Ja, aber, denkt der Genesende mit dem klaren Gehirn des wieder zum Dasein Erwachten, ja, aber nimm die geringste Schraube aus der Maschine und sie bricht zusammen. Ist der Herr Prälat eine Kurbelwelle oder nur der Dampf, der eifernd um das Gestänge zischt? Bin ich selbst wichtig? Ach Gott, daß mich wichtig sein in deiner großen Maschine, die in der Welt braust und deinen Ruhm verkündet! Ein winziges Schräubchen nur, das in aller Demut seinen Dienst erfüllt, Gott, laß mich nicht nur Dampf sein, der um die Räder pfeift und zischt... Wie schön leuchtet die Sonne! Sie hat keine Lehrsätze und Dogmen, sie will nichts sein als Licht.

Tobias darf nun das Zimmer verlassen. Auf den Bergen liegt noch Schnee. Mit einem Schlitten fährt er in die weißen Wälder hinein, in die tiefen Schweigewälder und denkt an den Frühling. Bald muß der Frühling kommen. Der Föhn wird über die Berge stürzen, ein wilder, heißer Atemzug aus der vollen Brust der Natur. Tobias fährt und fährt, die Glocken am Schlitten klingeln, das Pferd dampft, und schön geht das Spiel seiner Muskeln. Die klare Luft ist berauschend. Der Kopf wird matt und schläfrig. Die Müdigkeit kommt und bringt neue Kräfte und Säfte, neuen Mut, neues Blut. Viel schlafen, nicht träumen, nein, nur schlafen, tief und endlos und dann beim Aufwachen Liebe zur Welt im Herzen verspüren.

Endlich, endlich ist der Kaplan Tobias gesund. Er setzt sich hin und schreibt große Briefe nach Berlin an Ulitsch und Carla, große Briefe an den Vater, Briefe, die wie Berichte eines Menschen sind, der ein neues Land entdeckt hat und sich über die geringsten Kleinigkeiten wundert und sie herrlich findet. Die Dissertation liegt beim Prälaten, der Herr Professor von der Weltgeschichte kommt und unterhält sich mit Tobias Erler.

»Kopf hoch, Herr Kaplan,« sagt er und blickt freundlich, »Kopf hoch, und das Collegium beauftragt mich, Ihnen die besten Wünsche zur Genesung zu übermitteln. Sie haben in Demut die Krankheit ertragen.«

»Herr Professor,« antwortet Tobias, »Herr Professor, ich war nicht immer demütig und ergeben in den Willen des Herrn. Manchmal war ich voller Hochmut und Haß gegen Hochwürden Prälaten.«

»Herr Kaplan, wir sind arme Menschen, und Demut gegen Gott ist herrlich, Demut gegen Menschen aber ist verächtlich. Ich glaube an keine Demut in weltlichen Dingen. Demut und Wehmut ist sehr verwandt. Mut, Herr Kaplan, Lebensmut, Glaubensmut! Mut und Entschluß haben neben Gott das Rad der Geschichte in der Welt herumgerissen!«

»Wie kann ich in meiner kleinen Dorfgemeinde am Rad der Geschichte stehen?« sagte Tobias und lächelte schmerzlich, »wie kann ich in meinem Gesellenverein das Sausen der Weltgeschichte hören, Herr Professor?«

»Lebensmut und Glaubensmut, Herr Kaplan! In jeder menschlichen Seele ist neben der Sehnsucht nach Gott die Sehnsucht nach der Welt«, antwortete der Professor und fuhr fort: »Heute schon darf ich gratulieren, Herr Doktor Erler!«

Der Professor der Weltgeschichte ist gegangen und Tobias wundert sich sehr, daß er nicht glücklicher ist, weil seine Doktorarbeit Erfolg hatte. Er muß immer noch an die letzten Monate denken. Ergebung in den Willen Gottes wird gewöhnlich von den glücklichen Menschen den Unglücklichen und Unterdrückten eindringlich empfohlen. Der Widerspruch zwischen dem Amt und der Würde und den Menschen kann nicht gelöst werden. Wie kann einer Barmherzigkeit verkünden, wenn er selber unbarmherzig ist? Wie kann einer von Demut sprechen, wenn Ehrgeiz sein Herz verbrennt? Wie darf ein Mensch die Liebe verkünden, wenn er andere Menschen haßt? Ja, der Prälat ist, als Tobias krank war, bei dem Bischof für ihn eingetreten. Was war das schon für eine Menschenliebe? Am Ende steckte doch nur Berechnung dahinter, die Berechnung nämlich, dem Bischof zu zeigen, daß er, der Herr Prälat, den Kaplan Tobias Erler auf den rechten Weg gebracht hat.

In den nächsten Tagen bekam Tobias die amtliche Nachricht, daß seine Dissertation angenommen und er zu den mündlichen sieben Prüfungen zugelassen sei. Er arbeitete Tag und Nacht, um fertig zu werden. Jetzt fühlte er sich in dem schönen Freiburg durchaus nicht mehr glücklich. Der Frühling kam und verging. Der goldene Juli strahlte. In diesen Julitagen wurde Tobias Erler von der theologischen Fakultät mit dem Prädikat: magna cum laude zum Doktor der Theologie ernannt. Bei den mündlichen Prüfungen, besonders in der Kirchengeschichte und im Kirchenrecht, litt er wieder an Blutandrang nach dem Kopf und konnte nur mäßige Antworten geben. Vierzehn Monate hatte der kleine Kaplan zu der Promotion gebraucht.

Endlich hatte er sein Ziel erreicht. Aber unter was für Bedingungen, unter was für Schmerzen, unter was für Enttäuschungen! Wieder einmal war das Sternenzelt über ihn zusammengebrochen. Ihm war, als er von seinen Kollegen die Gratulationen entgegennahm, als sei das erreichte Ziel gar nicht der Mühe wert gewesen. Was nutzte alles Wissen um die theologischen Dinge, wenn das Wissen um das wahre Wesen der Menschen die himmlische Glorie verbitterte?

Ein letztes Mal wanderte er durch die Stadt, besuchte das Höllental und kam nach dem Titisee. Blau und herrlich waren die Wälder. Schöne Berge am Himmel im gleißenden Licht, ein glühend blauer Himmel mit goldenem Dunst. Schwarze Wolkenwände über dem Feldberg. Rollender Donner eines fernen Gewitters. Langsam erlöschte das Taglicht. Die Wolkenwand schien in den Weltraum zu wachsen und stürzte dann rasselnd über den Bergen zusammen, ließ schwefelgelbe und lichtblaue Blitze aufzucken und Donner in die Täler fallen, wo sie wie Lawinen niedergingen und vielfaches Echo hören ließen. Schon vorher war der Regen gekommen: ein endloser silberner Sommerregen, ein Wolkenbruch mit rauschenden Ergüssen.

Der junge Doktor der Theologie trat aus dem Hotel, wohin er vor dem Gewitter geflüchtet war, ins Freie. Es regnete immer noch. Sanft und zärtlich war dieser Regen, nachdem seine erste Wut verrauscht war. Immer noch zuckten und leuchteten die Blitze, immer noch krachten in den triefenden Tälern die Donner. Tobias ging mitten in den Regen hinein, in den Schein der letzten Blitze, in das Echo der entfernten Donner und trank mit durstigen Zügen die frische Luft. Wie in seiner Kindheit hatte auch bei diesem Gewitter sein Herz schwärmerisch geschlagen. Erlösung war in der Natur, Befreiung, Aufatmen, Neubeginn. Auch in der Brust des jungen Menschen war Befreiung, Aufatmen und Neubeginn. Fröhlich fuhr er nach Freiburg zurück.

Am nächsten Tag verließ er die Stadt. Zum Abschiede hatten sich auf dem Bahnhof die Kartellbrüder der beiden Verbindungen Hercynia und Ripnaria fast vollzählig eingefunden. Sie übergaben ihm einen herrlichen Rosenstrauß mit der Schleife seiner Verbindung und sangen, als der Zug sich in Bewegung setzte und die Räder wieder den Takt: »Doktor Tobias, Doktor Tobias ...« hämmerten, das alte Studentenlied: »Bemooste Bursche zieh' ich aus, ade!«

Ja, der junge Doktor zog aus der Stadt. Als er allein war, lächelte er bitter. Wie hatte er von seinem Auszug in die Welt geträumt! Als Sankt Georg wollte er wiederkommen, um den Drachen des Unglaubens zu bekämpfen. Und jetzt war sein Glaube selbst schon erschüttert! Ein Zitat aus Goethes Faust fiel ihm ein: »Heiße Doktor, Magister gar ...« Die Räder der Eisenbahn hämmerten ihre rhythmische Musik. Die Rheinebene leuchtete im Licht. Immer weiter stürmte der Zug. Über Stuttgart reiste der junge Doktor Erler in die Bayrischen Alpen.

Die grenzenlose Einsamkeit der Berge erschütterte ihn. Er sah die steilen Wände und schroffen Gipfel im Abendrot und im Licht der frühen Sonnenaufgänge. Mit einem jungen Kaplan aus einem Gebirgsdorf, mit dem er sich rasch, anfreundete, unternahm er stundenlange Wanderungen durch herrliche Lärchenwälder nach den grünen Matten. Er ließ sich von dem jungen Kaplan über die Kirchengemeinde berichten und hörte entsetzt das Urteil: »Gute Katholiken, Herr Kollege, aber schlechte Christen!«

Von den Bergen aus reiste Tobias nach den Königsschlössern und wurde von der überladenen Pracht in den Staub der Bewunderung gedrückt. Er blieb nicht lange in jenem Staub, er riß sich hoch, seine Kinderträume von Glanz und Gold und Edelsteinen, Marmor, Elfenbein und Leuchtkraft waren hier in diesen Schlössern Wirklichkeit geworden. Wie im Rausch bewunderte er alle Kostbarkeiten. Er glaubte, im Orient zu sein, in Damaskus oder in Smyrna. Er vergaß die einsamen Berge, die grünen Alpenseen und die reißenden Gewässer: er war wie ein Kind, das den wilden Glanz und das heftige Leuchten der Dinge mehr liebt als die Dinge selbst. Das Theaterblut in ihm verführte sein Herz.

Das Theaterblut führte ihn auch nach Oberammergau. Dort erlebte er die Passionsspiele. Der starre Ernst der bäuerlichen Darsteller nahm ihn gefangen, Maria erschütterte ihn, Judas Ischariot machte ihn weinen. Manchmal hätte er diese oder eine andere Szene besser gewünscht, doch er tröstete sich mit den Gedanken, daß die geistlichen Herren, die unsichtbar hinter dem Spiel standen, alles sorgfältig erwogen hatten. Drei Tage blieb er in Oberammergau und reiste dann über München nach Nürnberg.

Auch in Nürnberg blieb er einige Zeit, erlebte das steinerne Wunder der deutschen Gotik, die Kirchen, die Brunnen, die alten Patrizierhäuser, er erlebte Dürer und den Erzgießer Peter Vischer, er studierte in den Museen und reiste dann einen Tag in das zauberhaft schöne Rothenburg ob der Tauber hinüber. Das südliche Deutschland schien ihm eine vollkommen andere Welt mit alter Kultur zu sein. Auch die Menschen waren liebenswerter. Endlich raffte er sich auf, verließ Rothenburg und Nürnberg und kam nach Berlin.

Ulitsch bewohnte am Nollendorfplatz eine schöne Wohnung. Er war im Büro, als der junge Doktor, müde von der Reise, ankam. Carla war wohl in Freiburg gewesen, aber er war krank und konnte nicht sprechen. Nun stand er vor der Tür. Sein Atem ging heftig. Er klingelte und Carla erschien.

»Tobias! Bruder! Tobias!« rief sie und fiel ihm um den Hals. »Laß dich ansehen, Doktor Tobias!« Dann zog sie ihn rasch in den Flur und half ihm aus den Mantel. Unaufhörlich redete und lachte sie. Endlich kam Tobias zum Wort:

»Carla, Schwester! Liebe Schwester! Ja, ich bin jetzt wieder gesund und braungebrannt von der Reise. In den Alpen war ich, habe ja geschrieben aus Oberammergau und zuletzt aus Nürnberg. Nein, nein, ich habe nicht geschrieben, wann der Zug kommt, ich wollte euch überraschen. Wo ist Ulitsch? Wo ist der kleine Tobias?«

»Komm, Bruder,« sagte Carla glücklich und führte ihn ins Zimmer. »Du bleibst einige Tage bei uns wohnen. Das Gepäck soll das Mädchen holen. Ulitsch ist im Büro. Er kommt gegen Mittag. Warte, bitte, einen Augenblick. Mache es dir bequem. Ich bin sofort wieder da.«

Sie lief aus dem Zimmer. Tobias setzte sich bequem in einen Sessel und lächelte glücklich. Endlich, endlich würde er auch Ulitsch wiedersehen und das Lied von den preußischen Spartanern aus Smolensk singen. Da öffnete sich die Tür und ein kleines Kind wagte sich schüchtern in das Zimmer. Carla blieb unsichtbar.

»Wer bist du, kleiner Mann?« fragte Tobias.

»Tobias Ulitsch,« antwortete das Kind. »Bist du der Onkel Tobias? Was hast du mir mitgebracht?«

»Ja, ich bin der Onkel Tobias, und ich habe dir auch etwas mitgebracht. Ein Pferd, ein Hottehühpferd!« Er griff in die Tasche und zog ein kleines, buntbemaltes Pferd hervor und gab es dem Kind. Der kleine Tobias griff mit gierigen Händchen nach dem Spielzeug, wandte sich sehr schnell um und lief, nach der Mutter schreiend, aus dem Zimmer. Der große Tobias lachte.

»Mutti, Mutti, der Onkel hat mir ein Hottehühpferd mitgebracht!« hörte er schreien und jauchzen.

Nun erschien Carla mit ihrem Kind, strahlend, glücklich, stolz und jener Glanz war um sie, den der junge Pfarrer von den alten Madonnenbildern her kannte. Das Kind streckte die Arme weit aus – »wie Flügel,« dachte Tobias, »wie Flügel« – das bunte Holzpferd in der linken Faust und besah es mit großen Augen.

»Ulitsch ist schon unterwegs, Bruder,« sagte Carla, »ich habe telephoniert. Bist du müde von der Reise?«

»Müde, jetzt müde, nein, ich bin nicht müde, Schwester! Wie kann ich müde sein, wenn ich euch besuche ... Schön habt ihr die Wohnung eingerichtet. Carla, und ich bin so froh, daß ich endlich bei euch bin.«

»Schmeichler! Komm und besehe dir unsere Räume. Das Mädchen ist nach dem Bahnhof und holt dein Gepäck ... Wie gefällt dir mein Sohn?«

»Wunderschön, wunderschön! Wunderschön ist der kleine Tobias!«

Die Schwester setzte das Kind liebevoll nieder und zeigte dem Bruder die Wohnung. Als sie in das Schlafzimmer kamen, in dem die zwei Betten ganz nahe beieinander standen, wurde er verlegen. Im Kinderzimmer heiterte er sich auf. Dann reinigte er sich vom Staub der Reise, ging in das Musikzimmer und setzte sich ans Klavier. Von ganz allein begann er die Melodie des russischen Liedes anzustimmen. Als er mitten im Spiel war kam Ulitsch.

»Du bist mir ein schöner Freund und Schwager, kein Wort von deiner Ankunft zu schreiben! Laß dich betrachten, Freund, laß dein liebes Gesicht sehen. Gratuliere zum Doktor! Meine Hochachtung: in vierzehn Monaten! Morgen mußt du mit zu mir ins Büro kommen, da sehen wir uns einen Neubau an.«

»Ulitsch, mein Freund, fünf Jahre, sechs Jahre haben wir uns nicht mehr gesehen! Du warst in Paris und in Amerika, in der Welt, alter Knabe, und ich danke dir für alle Kartengrüße und Briefe, ... Berlin, Berlin ... wann baust du hier die ersten Wolkenkratzer?«

»Jetzt baue ich ein Warenhaus, Du wirst große Augen machen. Was sagst du zu meinem Sohn? Das ist mein schönstes Werk bis jetzt!«

»Aber Ulitsch!« lachte verlegen Carla, »aber Ulitsch, Tobias ist Doktor der Theologie!«

»Und wenn schon,« lachte der Mann, »nur in der Heiligen Schrift und bei der Jungfrau Maria ...«

»Aber jetzt hör' auf mit der Lästerung!« sagte Carla und war böse, »immer spottest du am unrechten Platz.«

»Lieber Schwager,« sagte Tobias, »ich bin kein kleines Kind und jede Geburt ist ein heiliges Mysterium, Wenn du willst, können wir als Männer einmal darüber reden. Und deinen Neubau besehe ich mir gern. Wie war Paris? Was hast du in Amerika erlebt?«

»Tolle Sachen, lieber Freund«, antwortete der junge Baumeister und erzählte von seiner Reise. Er schwärmte von Paris, aber noch mehr von New York und Chicago und entwarf ein Bild von dem fieberhaften Tempo der Arbeit über dem großen Wasser. Tobias hatte die Augen geschlossen, als Ulitsch erzählte, und vor seinen geistigen Augen nahm Gestalt an, was Ulitsch mit großer Begeisterung berichtete. Amerika! Aus den Grassteppen und an den mächtigen Strömen wuchsen die keuchenden Städte empor. Amerika, andere Hälfte des Erdballs, Weizen und Baumwolle, Kupfer und Stahl, Dollars und Petroleum ... Amerika, neue Welt und doch wieder das alte Spiel aus dem alten Europa: Kampf um die Macht, Kampf um das Geld.

»Und jetzt, Herr Doktor,« schloß Ulitsch seinen Bericht, »jetzt wollen wir von der Schule und dem Sternsee sprechen. Herrgott, der Sternsee! Carla, der Sternsee! Weißt du noch, wie uns Tobias mit dem Pferd suchte und nicht fand? Weißt du noch, Carla, wie ich dich das russische Lied lehrte?«

»Ich weiß es noch. Wir kamen aus der Bucht und dann sangen wir das Lied. Ganz klar und blau war der Himmel.«

»Und vorher?« scherzte Ulitsch.

»Sei still, Ulitsch, vorher hast du mich geküßt.«

»Ach, liebe Leute, ich habe euch an jenem Tage gesehen! Und darum wollte ich am Abend mit euch über den See fahren. Aber Carla wollte nicht. Weißt du noch, Ulitsch, was wir für ein Gespräch führten?« fragte Tobias.

»Das Pfäfflein hat uns gesehen, Carla, und jetzt kommt der Betrug heraus. Was sollen wir mit ihm machen?«

»Etwas zu essen geben, Ulitsch«, antwortete lachend die Schwester.

Das Mädchen kam und brachte den Koffer des Reisenden. Er zog sich um und bald saß er neben Carla am Tisch, wurde bedient, wurde geliebt und verhätschelt wie der kleine Tobias, war sehr glücklich, scherzte und erzählte von seinen Reisen in den Bergen und von Oberammergau. Am Abend besuchte er mit Ulitsch und Carla die Oper, fuhr durch das leuchtende Berlin, sah zum ersten Mal das Brandenburger Tor und die Linden, den Reichstag und das Schloß, schwelgte in Musik, hörte den »Freischütz« und summte auf der Heimfahrt vergnügt den »Jägerchor«.

Berlin, Berlin, der Tiergarten in der Nacht, schweigende Gewässer, einsame Wanderer durch das warme Dunkel. Liebespaare, Schutzleute, Blumenverkäufer, Lichtreklame am Potsdamer Platz, die Bäume an den Straßen wie die Kulissen in einem großen Theater. Um was geht das Spiel in der Millionenstadt? Weiter, immer weiter rollte die Fahrt. Endlich kam der Wagen an den Nollendorfplatz, einen flüchtigen Blick in das Kinderzimmer, in dem der kleine Tobias schön wie ein Engel schlief, ein letztes, kurzes Gespräch mit Ulitsch und Carla und dann selige Müdigkeit, tiefer, traumloser Schlaf bis in den hellen Morgen hinein.

*

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