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Der Mensch am Kreuz

Max Barthel: Der Mensch am Kreuz - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorMax Barthel
titleDer Mensch am Kreuz
publisherBücherkreis Berlin
year1927
firstpub1927
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
created20111110
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Der junge Kaplan bewohnte ein Dachstübchen und sah durch das einzige Fenster über die Stadt, die ringsum von Wäldern umgeben war. Es war am Abend. Die Sonne war gesunken, die Dämmerung kam, und in seinem Zimmer überdachte Tobias die letzten Wochen. Er hatte eigentlich sehr wenig gearbeitet, sein Pfarrer war noch rüstig und streitbar. Auch Dekanatsgeistliche hatte er kennengelernt. Das waren in der Mehrzahl Männer, die gerne gut aßen und tranken und sich mit den Fragen der Wissenschaft oder Seelenkunde nicht viel quälten. Es waren wohlbeleibte Männer, die ihr Handwerk gut verstanden und sich ganz menschlich gaben, wenn sie nicht Gott dienten. Sie rissen gern Witze, besprachen die Fehler oder Blamagen ihrer Kollegen, und mit noch größerem Eifer, als sie die Messe zelebrierten, huldigten sie dem Kartenspiel.

Tobias stand auf und ging aus dem Zimmer. Auf der Straße begegnete er dem Schumacher Wachuweit, einen Menschen in den dreißiger Jahren, der niemals zur Messe kam und doch mit dem Pfarrer und auch mit den jungen Kaplänen leidenschaftlich gern diskutierte.

»Hochwürden,« begann Wachuweit, »wir haben von Ihrem Herrn Vater gehört, daß sich Hochwürden auch für Musik interessiert. Wollen Hochwürden bei uns nicht einen Gesellenverein gründen? Fünf Männer hätte ich an der Hand. Wir haben schon mit dem Herrn Pfarrer gesprochen, und er ist dafür.«

»Da bin ich auch dafür, Herr Wachuweit, und ich will noch heute mit dem Herrn Pfarrer darüber reden. Wer sind denn die fünf Männer?«

»Der Bäckergeselle Öhring, der Schmied Baiding, der Kaufmann Roth und mein Geselle Jacob.«

»Ich habe nur den Roth und den Schmied in der Messe gesehen. Was sind denn die anderen für Leute?«

»Brave Kerle, Hochwürden. Der Jacob ist ein Freigeist, er hat viele Bücher gelesen, viel mehr als ich. An Gott glaubt er, aber nicht an den Teufel. Gibt es einen Teufel, Hochwürden?«

»Wachuweit, es gibt einen Teufel. Das ist der Versucher in uns,« antwortete der junge Kaplan.

»Der Herr Pfarrer beschreibt den Teufel anders, als Herr Kaplan,« sagte der Schuhmacher. »Ihren Teufel, Hochwürden, kann ich mir vorstellen, den von Herrn Pfarrer aber nicht.«

»Wenn wir den Verein, lieber Wachuweit, gründen wollen, so ist es Vorbedingung, nicht über ein Dogma der heiligen Kirche zu sprechen,« sagte der junge Kaplan und setzte eine strenge Miene auf. »Was ich vorhin über den Teufel äußerte, war nicht amtlich. Ich ersuche, davon keinen Gebrauch zu machen. Und ich glaube nicht, daß aus unserem Verein etwas wird. Wir wollen hören, was der Pfarrer jetzt zu dem Plan meint.«

Er ließ den verdutzten Schuhmacher stehen, erwiderte seinen Gruß und schritt zum Pfarrhaus. Im Studierzimmer brannte noch Licht. Er klopfte an die Tür und trat in den Lichtkreis der Lampe zum Tisch, an dem der Pfarrer saß, und erzählte seine Begegnung mit Wachuweit.

»Herr Kaplan,« lachte der Pfarrer und schob ein Reisebuch beiseite, »Herr Kaplan, der Wachuweit ist ein großer Philosoph, und er hat Sie mit der Frage über den Teufel über den Haufen gerannt. Auch mich hat er schon einigemale damit überfallen. Der Teufel ist der Versucher in uns? Das ist eine gute Antwort, Herr Kollege, und viel treffender als die Geschichten der alten Weiber, die den Gottseibeiuns mit feurigen Hufen fast jeden Abend aus den Schornsteinen fahren sehen. Der Wachuweit denkt an alles, aber er hat kein Gedächtnis. Er hat schon lange wieder vergessen, was Sie ihm über den Teufel erzählt haben. Er sagte zu Ihnen, ich schildere den Satan anders? Das also hat man ihm doch erzählt. Man muß es ihm viele Male erzählt haben, weil er es jetzt noch weiß. Sehen Sie, lieber Herr Kollege, das bleibt hängen von unserer Arbeit: der gehörnte Teufel mit den glühenden Hufen!«

»Und der Gesellenverein?« fragte der junge Kaplan erleichtert, »was denken der Herr Pfarrer über den Gesellenverein? Der Wachuweit machte mich extra auf seinen Gesellen Jacob aufmerksam, der ein besonderer Freidenker sei. Soll man sich für die Sache interessieren?«

»Natürlich, Herr Kaplan. Soll man. Es ist viel besser, wir sammeln die Leute um uns, und vielleicht bleibt doch etwas mehr in ihnen haften als das Bild des Satans, das Gespenst für kleine Kinder und alte Weiber. Dann schon lieber die Erklärung, die Sie gegeben haben. Fangen Sie an, Herr Kaplan, und gründen Sie den Verein.«

Auf dem Heimweg in seine Dachkammer grübelte Tobias über jenes Gespräch nach. Wie anders war der Pfarrer, wenn er in der Kirche stand und seine Gemeinde andonnerte, das ewige Fegefeuer schaurig und das ewige Paradies prachtvoll ausschmückte! Und was hatte der Pfarrer gelesen? Ein Brevier? Nein, er las in einem Buch über China und in seinem Studierzimmer hing das Bild einer Heiligen, das alles andere war als ein Bild zerknirschter Reue oder tränenvoller Buße.

In den nächsten Tagen verständigte sich der junge Kaplan mit Wachuweit, und kurze Zeit darauf kamen sie zusammen, um ihren Verein zu gründen. Wachuweit brachte den Freigeist Jacob mit, einen jungen Menschen in den zwanziger Jahren, der aus Süddeutschland stammte und auf seiner Wanderschaft hier hängen geblieben war. Roth zählte noch keine zwanzig Jahre. Ein langaufgeschossener Jüngling mit rotem Haar, einer billigen Brille und ewig feuchten Händen: das war Johannes Roth, der Kaufmann. Baiding schien nur aus Muskeln zu bestehen. Das Sprechen fiel ihm schwer. Vielleicht war sein Hirn auch nur ein angestrengtes Muskelbündel. Wenn Baiding nämlich dachte, bewegte er den Kopf spielerisch hin und her.

»Der Herr Pfarrer hat mich beauftragt, mit Ihnen, meine Herren, über die Gründung eines Gesellen Vereins zu verhandeln. Wir haben schon die Statuten ausgearbeitet, und ich werde sie Ihnen jetzt vorlesen.« Tobias las die Statuten eines katholischen Gesellenvereins vor und fragte dann: »Wollen Sie auf dieser Grundlage zur Gründung eines Vereins schreiten?«

»Jawohl, Hochwürden,« antwortete Wachuweit, »aber wir möchten bitten, neben der Geselligkeit besonders die Musik zu pflegen. Und ich glaube, daß Jacob noch ein Wort zu sagen hat.«

»Bitte, Herr Jacob«, ermunterte der Kaplan.

»Hochwürden,« begann Jacob auf schwäbisch, »die Sache ist die, daß wir in Bahlingen schon mal so einen Verein gehabt haben. Aber da sind wir bös reingefallen. Der war nämlich gar nichts anderes als eine Fortsetzung der Kirche. Und das ist doch ein Verein für sich.«

»Jacob,« unterbrach ihn Tobias entsetzt, »Jacob, die heilige Kirche ist doch kein Verein!«

»Das weiß ich, Hochwürden,« antwortete Jacob, »aber in die Statuten muß bei der Geselligkeit auch die Pflege der Musik hineingesetzt werden. Sonst mache ich nicht mit.«

Roth meldete sich zum Wort.

»Hochwürden,« begann er ganz aufgeregt, »der Herr Jacob ist ein schwarzes Schaf in der Herde unseres Herrn und Heilands. Der Herr Jacob will nur singen und die Musik pflegen, sonst glaubt er an nichts. Wenn der Herr Jacob in unserem Verein ist, werden viele andere Leute nicht beitreten.«

»Ich habe den Verein gegründet,« begann Wachuweit zu schreien und schlug auf den Tisch, »ich habe den Verein gegründet und wenn der Jacob nicht vornehm genug ist, da pfeife ich auf den ganzen Schwindel, Hochwürden. Ist der Jacob nun endlich aufgenommen?«

»Aber Herr Wachuweit,« besänftigte Tobias, der entsetzt feststellte, daß sich seine Sympathie dem jungen Schwaben zuwandte und sein Haß dem widerlichen Roth, »wir haben ja den Verein noch gar nicht gegründet! Der Herr Pfarrer will das nächste Mal kommen. Ich glaube schon, daß wir den Herrn Jacob aufnehmen dürfen, trotzdem er gesagt hat, die heilige Kirche ist ein Verein.«

»Und sie ist doch ein Verein zur Verblendung der Menschen,« rief der Schuhmacher Jacob, »und ich pfeife darauf, was der Herr Pfarrer sagt. Da gehe ich lieber auf die Wanderschaft.«

Bahling hatte bisher stumm auf seinem Platz gesessen und hin und her wiegend seine Gehirnmuskeln angestrengt, Plötzlich schlug er mit der Faust auf den Tisch und brüllte:

»Der Jacob soll ausgeschlossen werden? Das ist vollkommen ausgeschlossen. Da trete ich auch aus.«

Er stand auf und wehrte den schmächtigen Roth ab, der ihn darüber aufklären wollte, daß der Verein ja noch gar nicht gegründet war, warf Jacob einen treuen Hundeblick zu und verließ das Zimmer, Auch Wachuweit stand auf, stieß seinen Gesellen an und sagte:

»Komm, Jacöble, wir sind nicht vornehm genug. Wir gründen unseren Verein für uns ganz alleine.« Er verließ mit Jacob und Öhring den Raum. Zurück blieb Tobias Erler, der junge Kaplan, der nicht wußte, ob er fröhlich oder traurig sein sollte. Er blieb allein mit dem jungen Roth, der sich über den Tisch beugte und eine Liste vorwies, auf der er die Namen von jungen unbescholtenen Leuten geschrieben hatte, die sich Hochwürden zur Verfügung stellen, um den katholischen Gesellenverein zu gründen. Tobias nahm die Liste und verabschiedete sich schnell. Die Begleitung des Jünglings wies er schroff ab.

So endete sein erster Versuch, sich praktisch zu betätigen. Der Herr Pfarrer nahm die Sache nicht tragisch, er lachte nur, als Tobias darüber berichtete, stellte ein Glas Wein vor ihm hin und sagte:

»Wir müssen tolerant sein, Herr Kaplan. In unserer Gemeinde sind auch Evangelische, Freidenker und Juden. Ich glaube, Herr Kollege, Sie haben richtig gehandelt. Der Wachuweit ist mir von hinten viel lieber als der Roth im Gesicht. Und Jacöble, der tapfere Schwabe, scheint mir von den sieben Schwaben abzustammen, die durch ihre Heldentaten bekannt sind. Die jungen Leute, die der Roth aufgeschrieben hat, sehen wir immer in der Kirche. Die sind uns sicher. Für die brauchen wir keinen Verein.«

Der junge Roth drängte sich noch einige Male an Tobias, um die Vereinsgründung zu beschleunigen. Ihn erfüllte brennender Ehrgeiz, irgend eine Rolle zu spielen. Er kroch und schmeichelte, aber Tobias wies ihn ab. Der Schmied Bahling stellte die Kirchenbesuche ein. Jacob war nicht auf die Wanderschaft gegangen, man sah ihn zum ersten Mal mit seinem Meister Wachuweit in der Messe. Wenn die beiden aber dem Pfarrer oder dem Kaplan begegneten, gingen sie auf die andere Seite der Straße.

Nach einem halben Jahr wurde der junge Kaplan nach Marienburg versetzt. Er ging mit leichtem Herzen: zum ersten Mal kam er in eine größere Stadt. Einen gewaltigen Eindruck machte auf ihn das Ordensschloß. Er besuchte es in den folgenden Jahren viele Male. Die Romantik seiner Jugend wurde wach, die Helden und Abenteuer kamen aus den Kinderbüchern hoch und stiegen in die Rüstungen der alten Ritter. Der junge Kaplan wurde selbst wie ein Kind und sah die klirrenden Ritte der Reiter vom Schloßhof über die Zugbrücke, er sah den Kampf gegen die Feinde, das Blut floß, die Sonne flammte, die Sterbenden stöhnten, die Sieger jauchzten. Im Wind flatterten die seidenen Sturmfahnen. Er lernte auch den Verwalter des Schlosses kennen, einen stolzen, nur mit der »Burg Marien« vermählten Geheimrat, mit dem er viele Stunden über die Blütezeit der Ordensritter verplauderte.

Aufgereiht standen die glänzenden Panzer versunkener Geschlechter. Nur die Phantasie konnte das tote Eisen mit lebendigem Fleisch füllen. Tobias Erler hatte genug Phantasie, um die Toten aus den Gräbern zu reißen und sie im großen Remter in Glanz und Pracht hoher Festlichkeit herumstolzieren oder im Kapitelsaal als Kriegsrat thronen zu lassen. Manchmal aber überkam ihm Wehmut über die Vergänglichkeit der irdischen Dinge und Schwermut darüber, daß auch die ehernen Tritte vergangener Jahrhunderte nur noch geisterhaft vorüberhuschten.

In Marienburg hatte der junge Kaplan viel Arbeit. Vorher mußte er, als er mit dem Volk zusammenkam, in seiner letzten Stadt einiges Lehrgeld zahlen, und jetzt zwangen ihn die Verhältnisse, mit beiden Füßen auf der Erde zu stehen, wenn auch der eine Fuß verkrüppelt war. Der junge Kaplan wurde Präses vom katholischen Vereinshaus und war verantwortlich für die ganze Verwaltung. Da ging es nicht mehr um die erhabene Jungfrau und um die Heiligen, auch nicht um das Paradies oder das Fegefeuer: hier lernte er ausbalancieren zwischen Einkauf und Verkauf, befaßte sich mit Bier und Wein, Zigarren und Likören, mit warmen und kalten Speisen, die in jenem Haus verkauft wurden. Niemals hatte er daran gedacht, als er Theologie studierte, daß auch Brot und Fleisch wichtig zum Leben seien. Und wie wichtig es war, erkannte er aus der ersten Jahresbilanz, die er aufstellte.

Der junge Kaplan wurde der Vorsitzende des katholischen Gesellenvereins. Das Blut des Vaters rauschte fröhlich durch seine Adern. Wie der alte Organist in seinem Dorf, hatte er jetzt in der Stadt die Aufgabe, in jedem Jahr einige Feste zu organisieren. Theater mußte sein, Schauspiel. Tobias war Direktor, Regisseur, technischer Leiter und Souffleur in einer Person. Er hatte den Spielplan zu bestimmen, die Rollen zu besorgen und einzuüben, die Spieler auszuwählen. Im Winter und im ungeheizten Saal konnte nur Begeisterung das klappernde Gebein erwärmen. Bei jeder Probe, und es waren bei der Intelligenz der Spieler immer sehr viele Proben notwendig, mußte er anwesend sein. Arbeit in Hülle und Fülle, Bewegung, Anregung, Aufregung, schöner Eifer, durch das Spiel den Sinn der Welt zu deuten oder zu erklären.

Viele Feste rauschten vorbei und fanden viel Beifall. Zu einem Weihnachtsfest, auf dem ein Krippenspiel aufgeführt wurde, kam auch der Vater aus seinem Dorf herüber. Er hatte den Schmerz über den Tod der Mutter und über die Flucht Carlas vergessen, wie ein Verwundeter seine Wunden vergessen kann und stolz ist, wenn ihre Narben rot aufglühen.

»Bewegte Welt, Tobias,« sagte der Alte. »Botschaft von den Sternen auf die Erde, den Blick zu erheben. In den Weltraum. Ein Schauspiel und ein Beispiel. Carla hat aus Berlin geschrieben. Sie beklagt sich über dich, weil du auf ihre Briefe wenig antwortest. Ulitsch läßt grüßen und ist wütend auf dich. Du solltest wieder einmal das Lied von den preußischen Spartanern aus Smolensk singen, läßt er sagen. Sie haben ihr erstes Kind. Und wie heißt das Kind, Herr Kaplan? Der kleine Mann heißt Tobias Ulitsch!«

»Vater, Vater«, sagte der Kaplan und sah plötzlich durch das Mysterium und Dogma von der jungfräulichen Geburt Marias in die schmerzvollen Wehen seiner Schwester Carla. »Vater, ja: ich habe wenig geschrieben. Das Himmelszelt ist beinahe über mir zusammengestürzt. Die Erde schmerzt mich, weil ich viel in den Sternen lebe. Jetzt schmerzt mich der Himmel, weil ich ahne, wie die Welt wirklich ist. Ich führe nicht nur Schauspiele auf, Vater. Ich bin auch oft im Gefängnis. Vorige Woche haben sie einen jungen Menschen geköpft. Ich war mit dabei. Es war grauenvoll, Vater.«

»Kurz vor Weihnachten haben sie einen Menschen geköpft? Vor dem Fest der Liebe, Tobias? Was hat er getan?« fragte der Vater.

»Er hat einen anderen Menschen umgebracht. Es waren zwei Holzknechte und sie feierten Geburtstag. Es war mitten im Sommer, Vater. Sie tranken natürlich Schnaps, sie erhitzten sich, stritten, rangen miteinander und der eine langte sich die Axt und schlug seinem Kameraden den Schädel ein. Deshalb wurde er zum Tode verurteilt. »Hochwürden,« sagte er in der Nacht vor der Hinrichtung, »es war ein Freund, den ich erschlagen habe. Erschlagen, aber nicht ermordet. Wir haben viel Schnaps getrunken, Hochwürden, alle beide haben wir getrunken, ich habe vielleicht einen Schluck mehr getrunken wie er, Hochwürden, und deshalb habe ich zur Axt gegriffen. Hätte er einen Schluck mehr getrunken, Hochwürden, hätte er die Axt ergriffen und in meinen Schädel gehackt. Und jetzt wird mir der Kopf abgehackt, Hochwürden, und am jüngsten Gericht, Hochwürden, erscheine ich mit dem Kopf unter dem Arm und der Herr Jesu fragt mich: »Was hast du getan, daß man dir den Kopf abhackte?« da sage ich und falle auf die Erde nieder: ›Ich habe zuviel Schnaps getrunken, allergnädigster Herr und Heiland. Amen‹. Siehst du, Vater, das Sternenzelt ist zusammengebrochen.«

»Aber du hast dich wieder aufgerichtet, mein Junge. Der Herr sei der Seele des armen Holzknechts gnädig. Ich fahre morgen wieder in das Dorf zurück, ich denke viel an dich, Herr Kaplan, und wünschte, die Mutter sehe dich noch einmal mit ihren irdischen Augen ... Kommst du oft in das Gefängnis, Tobias?«

»Ja, Vater, ich bin oft im Gefängnis. Ich habe sehr viel Arbeit in Marienburg. Messe und Predigt. Den Gesellenverein. Das katholische Gesellschaftshaus. Gesellschaftliche Verpflichtungen. Aber am meisten, Vater, fühle ich mich den Gefangenen hinter den Mauern verpflichtet. Ich verwalte auch dort die Bibliothek und habe sonderbare Erfahrungen gemacht. Geistliche Bücher werden sehr wenig verlangt. Auch mit mir als Kaplan wollen die Gefangenen nur weltlich sprechen. Und weißt du, Vater, was hauptsächlich gelesen wird? Philosophie und Reisebeschreibung. Dann kommen Naturwissenschaften und Bücher über Kunst und Geschichte. So ein Gefängnis, Vater, ist ein grausamer Ort.«

»Die ganze Welt ist grausam, Tobias. Philosophie und Reisebeschreibung sagst du? Die Kenntnis der menschlichen Seele ist die Vorbedingung zu ihrer Eroberung. Was hast du sonst noch im Gefängnis erlebt?«

»Da sitzt seit sechs Monaten ein gewisser Bergmann. Der war Redakteur an einem sozialistischen Blatt und ist wegen Aufreizung zum Klassenhaß verurteilt worden.

Als ich ihn zuerst besuchte, wies er mich schroff ab. Ich ließ mich nicht abschrecken und kam wieder. Und da haben wir über drei Stunden diskutiert. Er glaubt nicht an Gott, er glaubt aber an ganz bestimmte Weltgesetze und an die Umwandlung der Materie, wie er es nennt. Er ist Materialist und erklärt den Jammer der Menschheit aus den Verhältnissen, ohne den Willen des einzelnen ganz auszuschalten. Er sagt: »Nehmen wir einen Arbeiter an, Herr Kaplan, der zwölf Stunden in der Fabrik arbeitet. Dieser Mann geht Sonntags einmal spazieren und sieht vielleicht die Villa des Kapitalisten, für den er arbeitet. Er denkt dabei an seine dreckige Wohnung, in der vier Kinder in einem Bett schlafen. Er wird also gereizt. Zwei Klassen gibt es in der Welt, denkt er: die Arbeiterklasse und die Klasse der Kapitalisten. Er spricht darüber mit seinen Kollegen in der Fabrik, erzählt von der Villa und von seiner Wohnung, er reizt seine Kollegen auf, über die Klasseneinteilung in der heutigen Gesellschaft nachzudenken. Dieser Arbeiter wird denunziert, kommt vors Gericht und wird, weil ihn der Reichtum des Fabrikanten reizte, für einige Monate wegen Aufreizung zum Klassenhaß ins Gefängnis geschickt. Was sagen Sie dazu, Herr Kaplan?«

»Herr Bergmann,« sagte ich, Vater, »Herr Bergmann, die Kirche beschäftigt sich mit jenseitigen Dingen. Ihr ist es um die Seele des Arbeiters und des Kapitalisten zu tun. Vor Gott sind beide gleich.«

»Herr Kaplan,« lachte Bergmann, »Sie vergessen, daß die Kirche über tausend Jahre lang eine weltliche Macht war und sieh wohl in die gesellschaftlichen Verhältnisse eingemischt hat. Ihr Kampf geht also nicht nur um die Seele, von der kein Mensch weiß, was sie ist. Sie ist so vielfältig wie die Bilder, die sich die Menschheit von Gott gemacht hat, in Europa, in Asien, in Amerika, in Afrika und Australien. Der Kampf der Kirche geht auch um die irdischen Dinge. Die Missionare zum Beispiel sind sehr oft nur die Pioniere für die Eroberung fremder Länder. Zuerst sind die Missionare da, dann die Kaufleute und dann die Soldaten und die Kanonen. Vielleicht werden Sie jetzt sagen, Herr Kaplan, die Kanonen, also die Obrigkeit, ist von Gott eingesetzt. Wenn die Kanonen aber nun losgehen, ist es auch Gottes Wille? Und wenn man in der Geschichte nachliest, sieht man, daß eine Regierung, also eine Obrigkeit, die andere ablöst. Alles fließt, das haben schon die alten Griechen gewußt und ausgesprochen.«

Dem Bergmann, Vater, war mit dem nicht beizukommen, was ich wußte, glaubte oder gelernt hatte. Er stellte Tatsachen vor mich hin, Ziffern, Zahlen, Statistiken, er brachte Tabellen über die Sterblichkeit der Arbeiterkinder in den Berliner Hinterhäusern: nach den drei Stunden war ich von ihm vollkommen geschlagen. Ein Kollege, mit dem ich darüber sprach, sagte, der Bergmann wäre der Antichrist. Da mußte ich ein Lachen unterdrücken, Vater. Der Bergmann ist fünfundzwanzig Jahre alt, Sohn eines kleinen Handwerkers, Setzerlehrling und Buchdrucker gewesen: das las ich in seinen Akten. Soviel Mühe macht sich der Antichrist nicht, er geht auch nicht für ein Jahr ins Gefängnis, nur um einen gewissen Tobias Erler mit grausamen Tatsachen zu verwirren und zu erschüttern, Was meinst du, Vater?«

Der alte Lehrer zuckte hilflos mit den Schultern. Er wußte keine Antwort. Nur das wußte er, daß die Welt nicht schön eingerichtet war, er hatte ja selber viele Jahre gedarbt und gehungert. Nur das wußte er, daß der Mensch kämpfen und arbeiten muß bis zum letzten Atemzug und daß die Seligkeit und das Glück allein neben Gott in der Musik und in der Harmonie der Natur zu finden waren. Er gab seinem Sohn die Hand.

»Tobias,« sagte er endlich, »was wissen wir von der Welt! Was wissen wir, was Gott mit uns vorhat? Denke an die Mutter, die sich trotz der Armut ihren Glauben bewahrt hat. Wir alle sind schwach, die heilige Jungfrau wird uns behüten und stützen.«

»Ja,« sagte Tobias, »ja, auch ich weiß, daß ich sehr wenig weiß, daß ich gar nichts weiß, Vater. Der Bergmann hat mir einige Bücher aufgeschrieben, die ich lesen soll. Gewöhnlich empfehle ich den Gefangenen Lektüre, aber die Welt steht auf dem Kopf: jetzt empfiehlt mir ein Sträfling dieses und jenes Buch, und, Vater, ich werde sie lesen.«

Der alte Lehrer verabschiedete sich und fuhr in sein stilles Dorf zurück. Ja, die Welt hatte sich gedreht. Wo früher ein Schatten war, strömte jetzt das Licht. Er hatte Angst um seinen Sohn. Zu Hause fand er Trost in der Musik. Auch Carla hatte geschrieben.

Der junge Kaplan besuchte nicht nur die Gefängnisse und leitete nicht nur die Feste des Gesellenvereins. Er verrichtete auch geistliche Dienste. Er hörte die Beichte und vergab sehr schnell die kleinen Sünden. Er predigte auch. Laut schallte seine Stimme durch den kühlen Raum. Von der Kanzel aus beobachtete er mit staunender Verwunderung den Eindruck seiner Worte. Wenn er vom Fegefeuer und von der Hölle sprach, verzerrten sich angstvoll die Gesichter der Gemeinde, wenn er die Seligkeit des Paradieses ausmalte, glaubte er die Herzen der Gläubigen freudig schlagen zu hören. Oh, er war wie ein Zauberer und konnte Qualen und Jubelrausch erzeugen. Manchmal spielte er auf den Herzen der Kirchenbesucher wie auf einer Orgel.

Tobias Erler kam in Marienburg auch in den gesellschaftlichen Betrieb hinein. Er entwickelte trotz seiner seelischen Erschütterung allerhand Talente und wurde ein sehr guter Skatspieler. Er gewann oft. Wein wurde getrunken, Bier, es wurde Billard gespielt und Kegel geschoben. Er befreundete sich innig mit einem Kaplan. Zwei Jahre lebten sie im besten Einvernehmen zusammen und haben sich keine einzige Minute lang entzweit. Sie trugen gleiche Mäntel, gleiche Handschuhe, gleiche Stöcke und gleiche Plüschhüte. Mit jenem Kaplan fuhr er einmal nach Danzig und hörte die erste Oper. Tannhäuser wurde aufgeführt. Erler schwelgte in Musik und war so erschüttert, daß er zitterte und weinte. Als der Sirenenchor begann, brauste das Blut in dem kleinen Kaplan wie eine glühende Flamme der Sinnlichkeit und Leidenschaft.

Er wagte kaum zu atmen. Als er einmal um sich sah, um die verzauberten Gesichter der anderen Menschen zu studieren, fiel sein Blick auf einen Major, der während der Aufführung eingeschlafen war. Tobias haßte den Major, in ihm haßte er plötzlich das ganze Militär und mußte merkwürdigerweise an den politischen Gefangenen Hans Bergmann denken.

In den folgenden Monaten kam Erler sehr wenig zur Lektüre. Die Bücher, die ihm Bergmann empfahl, las er nicht. Er dachte aber viel über jene erste Unterhaltung nach und fand seine Verwaltungsarbeit als Präses im katholischen Gesellenverein sehr glücklich formuliert als: Umwandlung der Materie. Der befreundete Kaplan riß über jene Formulierung nur billige Witze, und bei jedem Skatabend, an dem Wein oder Bier getrunken wurde, sagte er bei jedem neuen Glas: »Herr Kollege, verwandeln wir die Materie!«

Tobias Erler spielte nicht nur Karten oder Billard, er wurde auch zu einigen Gesellschaften eingeladen. Er glaubte schon, weil er Wagner gehört hatte, ein Weltmann zu sein, aber seine Verstöße gegen die sogenannte gute Form waren sehr zahlreich. Bei einem Essen hatte er als Tischnachbarin eine junge, schöne und reiche Witwe. Sie machte viele Versuche, mit dem interessanten Kaplan, von dessen Aufführungen man in der Stadt sprach, eine Unterhaltung in Fluß zu bringen. Aber an diesem Abend konnte Tobias nicht sprechen. Das Blut schoß ihm in den Kopf, die allzu heftige Weiblichkeit der schönen Nachbarin verwirrte ihn. Sie wandte sich schließlich einem älteren Herrn zu und Erler wurde eifersüchtig, als er das betörende Lachen der jungen Frau hörte.

Die Tafel wurde aufgehoben. Die Gäste gingen zum Tanz. Außer Erler waren auch einige Pfarrer anwesend, die sich besonders an den Wein hielten und sehr artig über vollkommen weltliche Dinge sprechen konnten. Die geistlichen Herren waren nach der aufgehobenen Tafel auch gute Tänzer. Die bildschöne junge Witwe kam auf Tobias zu.

»Mit Ihnen möchte ich gern einmal tanzen,« sagte sie. »Ich habe Ihre letzte Aufführung gesehen, Herr Kaplan, und bin begeistert. Was Sie alles aus den Menschen herausgeholt haben!«

»Gnädige Frau,« stotterte der junge Kaplan verlegen, »ich tanze nicht den Tanz um das goldene Kalb!« Er drehte sich um und ließ die Dame stehen. Er hatte etwas ganz anderes antworten wollen, etwas galantes und weltmännisches, aber er fürchtete sich ganz einfach vor der schönen Frau. Ja, er hätte sie in seine Arme reißen wollen, er war ja ein Mann und liebte schöne Frauen. Von der Ecke aus beobachtete er die junge Tänzerin, die sich mit einem beleibten Pfarrer lächelnd und wiegend über das Parkett bewegte. Der Pfarrer tanzte wie ein Faun. Die schöne Dame bewegte sich wie eine Nymphe.

Am nächsten Tag besuchte Erler im Gefängnis Hans Bergmann. Als politischer Sträfling konnte sich Bergmann selbst beschäftigen. Auf dem Tisch lag ein großes Buch, daneben viele Zettel mit Auszügen. Bergmann las und schrieb, und manchmal stützte er den Kopf in die Hände und dachte nach.

»Herr Bergmann,« sagte der junge Kaplan, »in vierzehn Tagen ist Ihre Zeit um. Was wollen Sie dann machen?«

»Wieder an meine Zeitung gehen. Das Jahr war für mich gute Erholung. Ich habe viel gelernt und studiert.«

»Was ist das für ein Buch, was Sie lesen?« fragte der Kaplan.

»Das ›Kapital‹ von Marx,« sagte Bergmann, »aber das würde ich Ihnen noch nicht empfehlen,« und tat so, als müsse er für das Heil einer Seele sorgen, »dieses Buch dürfte für Sie zu schwer sein.«

»Das käme auf die Probe an,« antwortete lächelnd Erler, beugte sich über das Buch, erhaschte einige Ausdrücke wie Akkumulation, Expansion und imperialistische Tendenz, wußte damit nichts anzufangen und sagte weiter: »Herr Bergmann, eigentlich sollte ich Sie nicht besuchen. Ihre Seele hat zuviele Namen und Gestalten, als daß ich sie anrufen und einordnen könnte. Ein Kollege, mit dem ich über Sie sprach, behauptet, Sie seien der Antichrist.«

Bergmann lachte.

»Was ist das für ein theologischer Unsinn! Wenn Gott die Welt geschaffen hat, warum erschuf er den Antichrist? Vielleicht sind Gott und Teufel, weil sie aus einem Gehirn entsprungen sind, dem Gehirn des Volkes nämlich, mathematisch ausgedrückt zwei parallel laufende Linien, die sich in der Unendlichkeit treffen. Was meinen Sie dazu?«

»Garnichts, Herr Bergmann,« sagte Erler, »ich will mich nur von Ihnen verabschieden. Vor fünf Monaten war ich bei Ihnen und Sie haben mir klar gemacht, daß man mit Leuten von Ihrem Schlag anders diskutieren muß, als ich es bis jetzt getan habe. Vor einigen Wochen habe ich bei meinem Bischof beantragt, mir Urlaub zu gewähren, um mein Studium zu vollenden. Heute Morgen ist der Bescheid gekommen. Ich gehe für zwei Jahre nach Freiburg. Dann werden wir sehen, Herr Bergmann, wenn wir wieder einmal zusammentreffen sollten, wer die besseren Gründe für sich hat.«

»Die Gründe sind billig wie Brombeeren, ich gebe nur etwas auf Tatsachen. Tatsachen, bringen Sie Tatsachen, Herr Kaplan, auch mit Tatsachen können Sie mich nicht überzeugen, aber vielleicht dazu bringen, noch bessere Tatsachen gegen die Ihren aufzustellen. Im übrigen freue ich mich, daß Sie ein wenig in die Welt hinauskommen. Fahren Sie über Berlin, gehen Sie in irgendeinen Hinterhof, Quergebäude vierter Stock und sehen Sie sich mit eigenen Augen an, wie die Menschen dort leben. Vergleichen Sie dann mit Charlottenburg, mit dem Tiergartenviertel. Tatsachen, Herr, Tatsachen.«

»Nach Berlin komme ich schon, Herr Bergmann, meine Schwester ist dort verheiratet, und ich werde nicht vergessen, mir einen Hinterhof, Quergebäude vierter Stock, anzusehen. Leben Sie wohl.«

Er gab ihm die Hand. Die schwere Eisentür knallte ins Schloß. Der Sträfling war wieder allein. Er setzte sich an den Tisch, beugte sich über das aufgeschlagene Buch, las und notierte, dachte nach, stützte den Kopf in die Hände und blickte dann mit hungrigen Augen dem schmalen Streifen Sonne nach, der durch das vergitterte Fenster in die Zelle kam und langsam über die kahlen Wände wanderte und Lockruf war in die Freiheit der unvergitterten Welt.

Der Gefangene sah die Sonne wandern und endlich aus der Zelle verschwinden. Viele Monate hatte er ihr Lichtspiel an den Wänden verfolgt, die goldene Spur und leuchtende Schrift aus der Welt. Ja, und in zwei Wochen würde auch er wieder im ungebrochenen Licht stehen und selbst ein wenig Licht in die Hinterhöfe und dumpfen Gehirne verbreiten. Der Kaplan Erler? Oh, das war ein junger, gläubiger Mensch, erfüllt und besessen von seiner Mission. Erler ist ein Pfarrer, aber kein Pfaffe, dachte der Sträfling. Wenn nun der Kaplan mit der Welt in Berührung kommt, mit der Wissenschaft, gingen seine Gedanken weiter, da würde sich ein großartiges Schauspiel abrollen: der erbitterte Kampf zwischen Glauben und Wissen, der Himmelssturz auf die Erde.

Nun war die Sonne vollkommen aus der Zelle verschwunden. Bergmann riß sich zusammen, dachte nicht mehr an Tobias Erler, er dachte nur an die kommende Entlassung. Und um vollkommen ausgerüstet zu sein, las er, bis die Dunkelheit durch die Gitter kroch, weiter in seinem Buch.

Erler erledigte die letzten Besuche in der Stadt. Noch einmal lief er nach der alten Ordensburg, noch einmal belebte seine Phantasie die eisernen Rüstungen, noch einmal dröhnten die Schritte versunkener Jahrhunderte durch sein Hirn. Noch einmal wehten die seidenen und gestickten Sturmfahnen im Wind. Das Bild vom Heiligen Georg erwachte in dem kleinen Kaplan. Ja, jetzt zog auch er in die Welt, jetzt wappnete und rüstete er sich, und er würde schon streiten für die Jungfrau Maria und für den heiligen Glauben.

Über zwei Jahre war er Kaplan in der Stadt gewesen. Er hatte viel gelernt und viel erfahren. Er konnte Bilanzen aufstellen, Beichte hören, Theateraufführungen leiten, predigen und musizieren. Die ewige Scham und Schüchternheit vor den Frauen war auch langsam gewichen. Wo waren die quälenden Zweifel der ersten Zeit? Und wenn Zweifel kamen, da wollte er an Bergmann denken, an den Mann in der Zelle, der sich während der Gefangenschaft für neuen Kampf vorbereitete. Audi er würde sich vorbereiten. Freiburg war eine große Stadt. Zwei Jahre Studium war eine lange Zeit. Er ging als kleiner verkrüppelter Kaplan hin, als Doktor der Theologie und Philosophie würde er in das Amt zurückkommen.

An der Feier, die ihm zu Ehren gegeben wurde, nahmen ungefähr dreihundert Gäste teil. Auch einige evangelische Herren waren anwesend und, das machte ihn besonders stolz und glücklich, viele Damen, alte und junge. Auch die schöne Witwe, die ihm damals nach dem Essen zum Tanz aufgefordert hatte, war erschienen. Und an diesem Abend konnte er frei und artig auf ihre Reden antworten.

Gedämpfter Jubel, ab und zu ein Gelächter, Wein und viele Reden, Trinksprüche und schmeichelhafte Vergleiche: Tobias Erler war hemmungslos glücklich. Ein Prälat hielt eine väterliche Ansprache, sein Freund, der damals mit in Danzig war, setzte sich an das Klavier und spielte einige Takte des Sirenenchors. Zum Schluß wurde getanzt, und der kleine Kaplan führte auch seine Tänzerin behutsam über das spiegelnde Parkett.

Am frühen Morgen, als sich der Zug in Bewegung setzte, winkten einige Kapläne lange dem Scheidenden nach. Die weißen Fähnchen der Zurückbleibenden verflatterten wie Schmetterlinge. Tobias Erler setzte sich auf seinen Fensterplatz, die Felder und Wälder wirbelten vorüber, kleine Dörfer und blitzende Gewässer und die Räder hämmerten: »Doktor Tobias, Doktor Tobias«. Am Abend war Berlin erreicht.

Brennend gern hätte er seine Schwester und Ulitsch gesehen, aber beide waren mit dem kleinen Sohn ans Meer gefahren. Weiter, weiter, immer weiter ging die Fahrt. Eine sternenvolle Nacht. Ein früher Morgen mit veränderter Landschaft: Weinberge, malerische Städte, blitzende Flüsse, die selig wanderten, große Wälder, fruchtbares Feld und dazwischen immer wieder die gesegneten Hügel mit Wein. Sonne und grenzenloser Himmel. Die blauen Kurven des Schwarzwaldes liefen schwärmerisch nach den weißen Wolken.

*

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