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Der Mensch am Kreuz

Max Barthel: Der Mensch am Kreuz - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorMax Barthel
titleDer Mensch am Kreuz
publisherBücherkreis Berlin
year1927
firstpub1927
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
created20111110
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Endlos dehnen sich die Felder und Wälder in Ostpreußen und verlieren sich nach der Steppenewigkeit Rußlands. Wie eine blitzende Kette sind die vielen Seen in die bäuerliche Erde verstreut. Darüber wölbt sich der gewaltige Himmel. Im freien Raum zwischen den Wolken und den Straßen sausen im Winter die krachenden Stürme. Die Menschen, die hier wohnen, sind ernst und verschlossen. Viel Schwärmerei und Schwermut ist in ihnen. Das nahe russische Blut ist auch in ihre Adern verspritzt.

Die Erlers stammten aus dem Rheinland. Über zweihundert Jahre saßen sie schon als Pioniere und Vorposten unter Masuren und Litauern hart an der russischen Grenze. Sie waren meistens Lehrer und Organisten, liebten die deutsche Sprache und ihr schönstes Kind, die Dichtkunst. Sie liebten auch Mozart und Beethoven, und wenn sie heirateten, so nahmen sie Bauerntöchter aus deutschem Blut.

Paul Erler heiratete in der Mitte des vorigen Jahrhunderts eine gewisse Klara Scheffler. Sie lebten glücklich zusammen. Vier Kinder wurden ihnen geboren. Zwei Kinder starben im jugendlichen Alter. Die Erlers waren nicht wohlhabend. In dem armseligen Schulhäuschen bewohnten sie zwei kleine Zimmer. An den Gräbern wurde Chopin gespielt und nicht Mozart, aber in der Kirche saß der Organist nach jedem Begräbnis stundenlang an der Orgel und ließ die Pfeifen wie das ewige Gewitter der Schöpfung brausen. Die kahle Kirche war sein Haus, seine weite Welt, sein Riesenschiff. Dort löste er sich aus der Enge des Daseins und vom versteinerten Strand der Armut, dort phantasierte er in die Sterne hinein.

An einem Frühlingstag, als das zweite Kind starb, es war ein Mädchen, wurde ihm ein Sohn geboren. Da glaubte der kleine Orgelspieler und Lehrer, die Hand des barmherzigen Gottes zu erkennen, dem auch der Tod nur Saat ist für neue Auferstehung. An diesem Frühlingstag spielte er auf seiner Orgel Bach und Haydn. Ihm war, als die Fugen brausten, als sei kein Kind gestorben, ihm war, als beginne ein kleiner, geliebter Mensch nur ein zweites Dasein. Das Mädchen, das gestorben war, hieß Maria. Den Sohn nannte er Tobias. Trauer und Freude, Licht und Schatten, Tod und Leben waren um den ersten Schrei dieses Kindes versammelt.

Der kleine Tobias war ein kräftiges Kind. Seine Stimme konnte der Vater oft hören, wenn er im Nebenzimmer die Dorfkinder unterrichtete. Er war ein strenger Lehrer, aber wenn er durch die dünnen Mauern des Hauses seinen Sohn hörte, da lächelte er. Der kleine Tobias prüfte nicht nur seine Stimme, er prüfte auch seine kleine Welt, versuchte sich an den Schüsseln und Tellern, die er mit großer Begeisterung zerbrechen ließ und fühlte sich, als kleiner Donnergott, wenn seine Peitsche knallte. Er war beinahe so stark und so groß wie ein Mann, als er mit einem Hammer den Teppich in der Stube annagelte.

Ja, er war ein leidenschaftliches Kind, aber sein Feuer wurde im vierten Jahr durch eine schwere Krankheit gedämpft. Beinahe zwei Jahre lag der Kleine im Bett, konnte nicht mehr laufen, lachen, springen, hämmern und erduldete heftige Schmerzen. Oft brannten an seinem Bettchen die Sterbekerzen. Die Kerzen verlöschten, das Lebenslicht des kleinen Tobias verlöschte nicht. Endlich konnte er wieder aufstehen, und als er noch ganz schwach die ersten Gehversuche machte, fiel er auf den Boden. Sein linkes Bein war während der Krankheit im Wachstum zurückgeblieben. Er stand als kleiner Hinkepeter in der Welt.

Das Herz des kleinen Tobias war nicht verkrüppelt, aber er begann sich, abzusondern, humpelte nach dem nahen Wald, versteckte sich, war mürrisch und verdrossen, und nur ganz langsam gewöhnte er sich daran, wenn er die Straße entlang ging, die Dinge ein wenig verzerrt und schwankend zu sehen. Er war als Kind schon gezeichnet, und vielleicht war das verkürzte Bein nur ein Sinnbild für sein weiteres Leben, für die vielen Wege, die er später beschritten hat und die ihn schwankend in das Verderben führten.

Noch lebte er, noch atmete er, noch konnte er sich freuen, aber im sechsten Jahr wurde er wieder krank. Er hatte niemals Masern oder Scharlach gehabt, seine Krankheiten waren absonderlich wie das spätere Leben. Diesmal litt er an Polypen, welche die Luftwege mehr und mehr versperrten und die Atmung erschwerten. So wuchs er auf, belastet und geschlagen, war kein Kind mit fröhlichem Herzen, war ein armes, kleines Tier in der Gefangenschaft. Und dazu kam die Armut des Vaters, die strenge Zucht der Mutter, die sehr fromm war und in dem kleinen Herzen den Gedanken an die Erlösung durch das Leid wecken wollte. Aber das Kind bäumte sich auf, bewahrte sein leidenschaftliches Herz, wollte sich nicht in das Leid ergeben und rebellierte.

Oft nahm der Vater den Sohn mit an die Orgel, setzte ihn unten im Schiff ab, stieg dann empor an das Instrument und begann zu spielen. In das Herz des kleinen Tobias fiel die Musik wie Botschaft aus einer anderen Welt, und als ihm der Vater erzählte, daß Beethoven am Ende seines Lebens auch sehr krank gewesen sei und trotzdem große Meisterwerke schuf, da lächelte das Kind und gelobte, auch einmal Musiker zu werden und in seinen Werken allen Schmerz zu besiegen.

»Tobias,« sagte der Vater, als er einmal leise und heftig von seinen Plänen erzählte, »Tobias, Musik kann man nicht lernen. Musik ist da, und wenn sie ganz groß ist, sprengt sie die Brust und findet den Weg in die Herzen der Menschen. Du willst Musiker werden, Tobias? Das ist kein Beruf, das kann nur Berufung sein. Jetzt bist du groß genug und gehst auf die Schule. Lerne, mein Kind, du mußt viel lernen, du hast nur ein wildes Herz und deinen Kopf. Die Welt ist nicht schön, mein Sohn. In ihr ist viel Lärm und wenig Musik. Geh auf die Schule und wir werden sehen, was du kannst. Vielleicht ist in dir Musik.«

So lange und so ausführlich hatte der Vater noch nicht gesprochen. Tobias hatte sehr aufmerksam zugehört, erhob den Kopf und ließ die Augen leuchten.

»Vater,« sagte er, »Vater, ist in dir auch Musik?«

»Nur wie in der Orgel«, sagte der Vater, »nur wie in der Orgel, mein Sohn, wenn der große Meister auf mir spielt ...«

»Wer ist der große Meister?«

»Gott« sagte der Vater.

»Spielt Gott auch so schön wie du, Vater?« fragte Tobias weiter.

»Viel viel schöner, mein Sohn. Er sitzt in den Sternen. Um ihn sind die Engel. Hast du noch niemals die Engel singen hören?«

»Nein,« sagte das Kind, »ich habe die Engel noch nicht gehört. Hast du sie schon singen gehört?«

»Ja, ich habe sie singen gehört, wenn ich auf der Orgel spiele.«

»Aber, Vater, wenn du eine Orgel bist, auf der Gott spielt, warum bist du dann der Vater? Haben die Orgeln auch Kinder?« wollte Tobias wissen.

»Ja, Sternenkinder,« antwortete der Mann, »Sternenkinder, Tobias, und wenn du groß bist, kannst du sie auch singen hören.«

»Dann singe ich mit, Vater, dann singe ich auch, wenn die Sternenkinder singen!«

Der Vater antwortete nichts. Er blickte nur sein Kind an, sah die großen Leuchtaugen in dem blassen Gesicht, die ersten Grübelfalten auf der Stirn und dann glitt sein Blick zu dem verkürzten Bein. Sein Mund zuckte und wurde schmerzlich. »Ach Kindlein,« dachte der Mann, »du wirst es nicht gut haben auf der Welt, du Lahmer. Sie ist ein großes Wettrennen um den Bissen Brot, ein böser Kampf um das Futter. Die Engel singen in den Sternen, die Menschen aber leben auf der Erde ...« Dann verließ er seinen Sohn, ging an die Orgel und musizierte.

Tobias saß in der kahlen Kirche, ein winziger Mensch in der kühlen Halle, in die durch die gemalten Scheiben rotes, blaues und grünes Licht fiel, verzog die Stirn, hörte in die Orgelmusik und wollte die Engel singen hören. Aber er hörte keine Engel singen.

Dem Vater gelang es, in der nahen Kleinstadt für Tobias eine Freistelle auf dem Gymnasium zu bekommen. Ein entfernter Verwandter sorgte in der Stadt für den Schüler, und als der erste Schultag kam, klopfte das Kinderherz sehr schnell. Aus alten Kleidern war ihm ein Gehrock mit sehr langen Schößen gemacht worden, der zuerst das Erstaunen und dann das Gelächter der anderen Kinder erregte. Tobias verfärbte sich wie sein Rock, als er das herzlose Lachen seiner Kameraden hörte. Die ersten Stunden gingen fiebernd vorbei, und in der Freistunde, als er benommen in der frischen Luft auf dem Hofe stand, trat ein größerer Knabe auf ihn zu.

»Wie heißt du, Kleiner,« fragte er. »Kennst du den alten Julius?«

»Ich heiße Tobias Erler, aber den alten Julius kenne ich nicht«, antwortete er.

»Du kennst nicht den alten Julius?« rief entsetzt der andere, wandte sich an seine Kameraden und lachte: »Er kennt den alten Julius noch nicht und heißt Tobias! Los, ich will dir den alten Julius zeigen!«

Mit diesen Worten zog er den Knaben in die Mitte des Hofes, wo ein hoher, ziemlich runder Stein lag. Viele Kinder zogen lachend mit, und als Tobias verwirrt vor dem Stein stand und nicht wußte wo ein und aus, da nahm ihn der ältere Knabe unter den Arm und zerrte ihn zu jenem Stein. Plötzlich warfen sich noch andere Kinder auf ihn und zwängten ihn über den runden Sitz. Er wollte schreien, er wollte weinen, die Kinder lachten und lärmten. Die ersten Hiebe prasselten auf ihn nieder.

»Nehmt die langen Schößkes beiseite,« rief plötzlich ein kleiner, sommersprossiger Knabe, »nehmt die Schößkes beiseite, den Tobias wollen wir aber gründlich einweihen!«

Und er wurde eingeweiht und mußte, wie alle Neulinge, durch diese sonderbare Taufe gehen, ehe er von den Kindern als Mitschüler betrachtet wurde. Die Schläge schmerzten nicht, nur der Spott über das ehrwürdige Kleidungsstück schmerzte und dann eine böse, hohe Stimme, die mitten im Spiel fragte:

»Hörst du schon die Engel singen?«

Zerzaust und feuerrot im Gesicht richtete sich Tobias auf. Wortlos hinkte er davon. Als die Kinder sein Gebrechen jetzt erst bemerkten, wurden sie mit einem Schlage still. Der kleine Sommersprossige, er wurde Ulitsch gerufen, kam langsam auf ihn zu und legte die Hand auf seine Schulter.

»Das war ja alles nur Spaß, Erler,« sagte er, »und wir alle haben den alten Julius kennen gelernt, und nun kennst du ihn auch. Bist du noch böse auf mich?«

»Nein,« antwortete Tobias, »nein, Ulitsch, ich bin nicht mehr böse.«

»Dann können wir ja Freunde sein«, sagte der andere.

»Wenn du willst? Ich will schon«, sagte Tobias.

An diesem Tage fand Tobias Erler einen Freund. Ulitsch war der Sohn eines Berliner Baumeisters, mordhäßlich und sehr lustig. Sein Witz mußte die fehlende Schönheit ersetzen und ersetze sie auch. An der Taufe der noch Unschuldigen beteiligte sich Tobias mit seinem Freund, und der kleine Hinkepeter entwickelte bei den Schlägen eine solche Schwungkraft, daß auch der letzte Spott in den Gesichtern der anderen Schüler erstarb und einem ehrlichen Staunen Platz machte.

»Herrlich haust du zu, Tobbi,« sagte Ulitsch zu ihm, »du hast wohl zu Hause viel Prügel bekommen?«

»Ach, es geht, nicht allzuviel. Die Mutter hat geschlagen. Der Vater nicht. Er strafte nur mit seinen Blicken. Da sah er wie der Engel Michael aus bei der Vertreibung aus dem Paradies.«

»Mein Vater hat mich furchtbar gehauen,« entgegnete Ulitsch, »die Mutter hat mich verzogen.« »Wir Preußen,« sagte der Vater immer, wenn er mich bestrafte, »wir Preußen sind wie die Spartaner. Der alte Fritz war ein großer Staatsmann, aber er hatte auch immer einen Krückstock bei sich.« Wenn das die Mutter hörte, sagte sie: »Vater, wir sind doch gar keine Preußen. Die Ulitschs sind doch aus Smolensk erst vor fünfzig Jahren nach Deutschland gekommen.« Darauf sagte Vater: »Das verstehst du nicht, Mutter, du verzärtelst meinen Sohn, aber er soll ein Mann werden. Basta.« Und dann haute er zu. Aber feste, Tobias.«

Als der kleine Ulitsch das sagte, strahlte er mit dem ganzen Gesicht und tat so, als erzähle er einen Witz. Er ahmte die tiefe Stimme des Vaters und die Rede der Mutter vortrefflich nach, daß auch Tobias, der die Eltern mehr fürchtete als liebte, schallend lachte. Auch der andere lachte und immer noch lachend sagte er:

»Vater war ein Spartaner aus Smolensk.«

»Ein Spartaner aus Smolensk«, lachte Tobias, aber sein Lachen erstarb, und sein Gesicht verfärbte sich. Er atmete heftig und rang nach Luft, zuckte mit den Händen und wäre hingefallen, wenn ihn Ulitsch nicht gestützt hätte. Der Atem setzte beinahe aus, und als der Knabe sich endlich beruhigt hatte, erkannte er blitzschnell, daß er ja nicht nur ein Krüppel, sondern auch ein Kind mit Atemnot war. Er klammerte sich an Ulitsch und flehte:

»Du darfst mich aber nicht verspotten, du mußt mein Freund bleiben, ich bin ja viel häßlicher als du.«

»Kleiner Tobbi,« antwortete Ulitsch leise, »kleiner Schmeichler, nein, wir wollen schon zusammenhalten. Und du gehst einfach mal zum Doktor. Ich habe einen Onkel Doktor, und der soll dich einfach untersuchen. Aber wenn du häßlicher sein willst als ich, da kündige ich meine Freundschaft.«

Der Schulbetrieb setzte ein. Ulitsch und Tobias blieben Freunde. Zum Doktor getraute sich der kleine Erler nicht. Lieber litt er an Atemnot und an Blutandrang nach dem Kopf, saß oft stundenlang dumpf und verwirrt in der Klasse, konnte nicht denken, gab falsche Antworten, ertrug gelinden Spott der Kinder, um an anderen Tagen, wenn der Kopf klar war, die ganze Klasse und auch die Lehrer durch seine guten Antworten zu überraschen.

Die Lehrer liebten ihn nicht besonders. Sie maßen sein Wesen an den klaren Tagen und nur der abstrakte Professor der Mathematik, der in den reinen Bezirken der Theorie lebte, ahnte etwas von dem Kampf des Kindes um die Lunge voll Luft, war nachsichtig und vergrübelt, wenn er das rote, heiße Gesicht sah und sagte einmal:

»Mein Jungchen, mein Jungchen!«

Diese Worte rührten das Kind beinahe zu Tränen. Er stand auf, streckte die Arme wie zum Gebet aus, stammelte, suchte nach Formulierung seiner Gefühle und sagte endlich:

»Herr Professor! Herr Professor!«

Der Professor kam auf Tobias zu, legte die Hand auf seinen Kopf, forschte lange in den schönen Augen, zitierte einen griechischen Dichter und ging wieder auf seinen alten Platz. Der Schüler bebte vor Glück und warf sich dann, trotzdem er eigentlich Mathematik haßte, auf die wohlgeschliffenen Lehrsätze, und wenn er sie gefunden und begriffen hatte und dann in der Stunde aufsagte, erschienen sie ihm viel schöner als lyrische Gedichte.

Mit Ulitsch saß er oft zusammen. Ulitsch war von einer genialen Faulheit. Die Schularbeiten machte er aus dem Handgelenk und bekam noch die beste Note dafür. Wie Tobias schwärmte er für Musik, und er lehrte den Freund ein kleines russisches Lied, das er von der Mutter hatte, und das vielleicht sein Urgroßvater in der Steppe noch kannte, sang und liebte.

»Der preußische Spartaner singt ein Lied!« damit begannen für die Freunde die Wanderungen und Singstunden nach dem kleinen Wald und See, und dann sang Ulitsch das Steppenlied aus Rußland. Im Sommer schwamm er in den See hinaus, schwamm und schrie, triefte von Licht und Wasser, vergaß die Schule und den strengen Vater, den alten Fritz mit dem Krückstock, die Professoren und die griechischen und lateinischen Verben, war nichts als ein braungebrannter Kosaken junge und hitziger Freund, der aufpassen mußte, daß der kleine Hinkepeter Tobias gut durch die Schule kam.

Wenn Ulitsch im Wasser schwamm, saß sein Freund am Ufer des Sees, hatte ein Buch vor sich, las Räubergeschichten und Heldensagen und wurde eifersüchtig, wenn ein Räuber oder Held edler und kühner war als Ulitsch. Auch abends, wenn er über seinen Büchern saß, und er liebte Bücher sehr, in ihnen war ja das hundertfüßige, unverkrüppelte Leben geschildert, auch abends verglich er alle Geschichten mit seinem Freunde und er fand keine Abenteuer, die nicht ebensogut und vielleicht noch besser Ulitsch hätte erleben können. Ulitsch, nichts als Ulitsch! Tobias las sehr langsam, um jede Seite auszukosten, und je mehr er sich dem Ende näherte, umso langsamer las er, und wenn die letzte Seite vor ihm lag, und hinter ihm die Abenteuer und herzklopfenden Geschichten, da wurde er traurig. Manchmal weinte er. Nein, er würde kein Held werden, kein Seefahrer, kein Goldsucher. Aber vielleicht Ulitsch? Ulitsch, nichts als Ulitsch!

Er war eifersüchtig auf den Freund, ahmte seine Rede nach, seine Lieblingsausdrücke und lernte heimlich das russische Lied, um Ulitsch damit zu überraschen. Tobias sang trotz der Atemnot sehr schön. Seine Stimme war lief und quellend. Und er überraschte Ulitsch auch damit. Dann sangen sie zweistimmig das Lied der russischen Spartaner aus Smolensk.

Tobias hatte ein leidenschaftliches Herz, er liebte viele Dinge, er haßte auch viele Dinge, und weil er halb verkrüppelt war, war er vollkommen besessen von der Schönheit und Vollkommenheit feuriger Pferde. Ja, Pferde liebte er neben der Musik am meisten. Die Ferien verbrachte er in seinem Dorf. Dort gab es viele Pferde. Er war ein guter Reiter. Der linke Steigbügel wurde etwas hoher eingeschnallt, und dann ritt er los. Die stolzen, nicht immer gutmütigen Pferde hatten es ihm besonders angetan. Auch der Vater war ein Pferdenarr, trotzdem er niemals ritt. Wenn Tobias zu Hause ankam, ging das Hauptgespräch zwischen Vater und Sohn nach einer kurzen Begrüßung darüber, wer den schönsten Hengst im Dorfe hatte.

»Fest in die Kandare nehmen, Tobias,« sagte dann der Vater, »fest in die Kandare. Das kannst du auch symbolisch auffassen, Junge. Aber um Gottes Willen nicht locker lassen, wenn du reitest, das Pferd muß wissen und fühlen, daß ein Bändiger oben sitzt.«

»Ich nehme es in die Kandarre, Vater,« antwortete Tobias, »und die Hengste kennen mich, schon. Aber man kann ein Pferd auch mit Zucker regieren.«

»Genau so wie die Menschen, Junge,« sagte der alte Organist, »genau so wie die Menschen: mit Zucker und Peitsche.«

Die Mutter machte keine großen Worte um die Reiterei. Sie war ja ein Bauernkind und hatte oft auf dem glatten Pferderücken gesessen, als sie noch ein Mädchen war. Sie philosophierte auch nicht darüber, wie die Pferde oder die Menschen zu regieren sind. Sie war eine tüchtige Hausfrau, tat ihre irdische Pflicht und hatte sich vollkommen auf Gott eingestellt. Ihr Tag begann und schloß mit langen, heißen Gebeten. Sie lebte ihrem Mann und ihren Kindern. Auch Tobias liebte sie sehr, und Tobias liebte seine Schwester Carla, die um drei Jahre älter war und die ihn während seiner Krankheit mit gepflegt hatte. Carla war ein schönes Mädchen mit offnem Charakter und fröhlichem Gemüt. Sie lachte gern, wußte viele Geschichten zu erzählen, Geschichten, die niemals endeten und die viel schöner waren als die, welche Tobias in seinen Büchern las.

Der kleine Hinkepeter wurde größer. Immer noch war Ulitsch sein Freund. Einmal brachte er ihn mit in sein Dorf und als die Ferien zu Ende waren, kam die Freundschaft beinahe zum Bruch. Es war im Oktober und schon ein wenig kalt. Die Wälder flammten, der Himmel war unendlich hoch und blau. Die letzten schönen Tage vor den Novembernebeln waren da. Ulitsch hatte sich an Carla angeschlossen und spazierte irgendwo draußen zwischen den Wiesen.

»Der Bauer Kuhn hat einen prachtvollen Hengst, Junge,« sagte der Vater, »mit Kuhn habe ich schon gesprochen. Er will dir das Pferd bringen. Hast du Lust zu einem Ritt? Carla und Ulitsch sind nach dem Sternsee gegangen.«

»Ach ja, ich habe viel Lust, Vater.«

Und nun wieherte schon der Hengst vor dem Schulhaus. Der Bauer hatte ihn selbst gebracht. Vater und Mutter gingen auf den Hof. Tobias kam langsam und stolz hinterher. Sattel und Steigbügel wurden gerichtet, der Bauer hob den Hinkepeter auf das Pferd und stolz ritt er; Schritt für Schritt, durch das Dorf, winkte und grüßte, verwuchs mit dem Hengst, die Schulgeschichten von den Centauern wurden Wirklichkeit, schön war die Erde, nicht mehr schwankend und verzerrt: vier junge, starke und feurige Pferdebeine trabten über die Straße. Der Hengst schüttelte die Mähne, sein Fell schimmerte, viele Leute kamen aus den Häusern gelaufen, die Luft war hell und klar.

Das Lied aus Rußland fiel Tobias ein. Er summte das Lied vor sich hin. Ulitsch würde ihn sehen und Carla da unten am Sternsee. Das Dorf lag nun hinter ihm, die endlose Landstraße öffnete sich, war keine Straße mehr, war ein Strom, der in die Welt führte, in die Wiesen und Weiden, an den See und in die brennenden Herbstwälder. Dann verließ er die Straße und versuchte auf einem Feldweg einen kleinen Galopp. Herrlich galoppierte der junge Hengst dahin. Tobias sang jetzt das Lied und warf seine mächtige Stimme wie Posaunenstöße in den kühlen Gegenwind, der vom See herüber kam.

Plötzlich stieg der Hengst steil in die Luft, stieß ein brüllendes Gewieher aus und setzte mit mächtigem Sprung über den Weggraben. Er hatte in der Ferne weidende Pferde geäugt. Und nun stürmte er dahin, über Stoppelland und Wiesen, langausgestreckt, ein von der Freude am Dasein geschleuderter Pfeil.

Tobias sang kein Lied mehr, er fiel zur Seite, klammerte sich um den Hals des Pferdes, kam wieder hoch, erinnerte sich des Gespräches mit dem Vater über Kandarre und Peitsche, vergaß den Zucker, nahm die Peitsche, war Herr und Meister über das Tier, schlug zu, was er schlagen konnte, riß an der Kandare und bändigte den wilden Lauf. Die Landschaft flog nicht mehr wie ein Kreisel vorüber. Sie ordnete sich, war wieder Stoppelland und Wiese, und der Wald in der Ferne tanzte auch nicht mehr messerscharf auf und ab.

Der Hengst war gebändigt. Er versuchte noch einmal wilde Sprünge, aber der Mensch auf seinem Rücken ließ nicht nach. Die Kandare riß das Maul blutig. Die Peitsche klatschte. Da warf das Pferd den schönen Kopf zur Seite, riß ihn in die Höhe, schnaufte und ergab sich endlich ganz. Tobias klopfte auf die noch bebenden Flanken, fand zärtliche Worte und zuletzt Trost und Verlockung für die arme Kreatur, ein Stück Zucker. Dann ritt er, stolz über seine Regierungskunst, nach der Straße zurück und von da nach dem Sternsee.

Der See lag unweit der Straße in einem kleinen Wald. Ein vielverschlungener Weg führte zu ihm. Diesen Weg ritt Tobias entlang, und als er den blauen Spiegel des Wassers leuchten sah, begann er, um Ulitsch und Carla zu rufen, das Lied der preußischen Spartaner aus Smolensk. Er ritt ganz nahe an das Wasser heran, nichts war zu sehen, kein Ulitsch und keine Carla, aber als er den Blick wendete und das versteckte Ende des Sees überblickte, sah er ein kleines Boot. Und in dem Boot, das führerlos dahintrieb, saß Ulitsch und hatte seinen Arm um Carla gelegt.

Tobias war fünfzehn Jahre alt und wußte schon, trotzdem er keine Freundin hatte, wenn man seinen Arm um ein Mädchen legt. Plötzlich haßte er Ulitsch. Der Freund hatte in der kleinen Stadt schon manches Mädchen umarmt und geküßt, die Mädchen mochten ihn gern und liefen ihm nach, trotzdem er häßlich war, aber Carla, aber Carla, die Schwester Carla ließ sich von Ulitsch umarmen!

Traurig verließ er den See und ließ die Zügel hängen. Das Pferd trabte langsam den Waldweg nach der Straße zurück. Das Dorf war bald erreicht. Der Bauer saß noch beim Vater. Die Mutter kam aus der Küche.

»Schon zurück?« fragte sie, »hast du nicht Carla gesehen?«

»Nein,« sagte er leise, »ich habe Carla nicht gesehen. Ich bin gar nicht bis an den See gekommen. Das Pferd ist beinahe durchgegangen.«

»Siehst du,« sagte der Vater und lachte, »siehst du, Junge, du hast das Regieren vergessen: Kandarre und Zucker. Hat es dich abgeworfen?«

»Auch das nicht, Vater, ich habe schon richtig regiert, aber mir wurde plötzlich übel ...«

»Vielleicht weil morgen die Schule wieder anfängt, junger Herr?« fragte der Bauer. »Da muß einem schon übel werden,« fügte er hinzu, »was da alles gelernt werden muß. Die armen jungen Herren!«

Tobias lächelte. Der Bauer Kuhn verabschiedete sich. Ulitsch und Carla traten ins Zimmer. Die Mutter war schon wieder in der Küche und richtete ein Eßpaket für die Schule.

»Wir haben dich lange erwartet, Tobbi,« sagte Ulitsch. »Wir waren am See und haben ein Boot genommen. Herrlich, sage ich dir. Wir wollen zum Abend noch einmal hinausfahren.«

»Da fahre ich mit, Ulitsch,« entgegnete Tobias, »da fahren wir alle zusammen und lernen Carla das Lied von den preußischen Spartanern.

»Aber Tobias, das Lied kenne ich doch schon,« antwortete lachend die Schwester. »Dein Freund hat es mich gelehrt... Und ich fahre nicht mehr mit, ich muß doch für dich noch etwas richten, wenn du auf deine Schule fährst. Fahr doch mit Herrn Ulitsch.«

»Ja, du stolzer Reiter, wir fahren zusammen. Einverstanden?« fragte Ulitsch.

»Ja,« antwortete Tobias.

Über den Sternsee fielen die Schatten des Waldes, als die Freunde das Wasser erreichten und einen kleinen Kahn vom Ufer freimachten. Auf dem ganzen Weg hatten sie kein Wort miteinander gesprochen. Ulitsch setzte sich auf die Ruderbank und trieb das Boot in den See hinaus.

»Ulitsch,« begann Tobias leise, »ich habe dich und Carla am Nachmittag gesehen. Ich habe Carla sehr lieb und du darfst nicht mit ihr spielen. Ich weiß, dir laufen viele Mädchen nach, aber Carla ist meine Schwester.«

Ulitsch ließ das Boot treiben und zog die Ruder ein. Das Abendlicht fiel voll in sein Gesicht. Er schloß die Augen, sah mit geschlossenen Augen den Freund an und sagte endlich:

»Tobbi, du bist noch ein kleiner Junge. Ja, die Mädchen laufen mir nach, trotzdem ich häßlich bin, aber Carla ist mir nicht nachgelaufen, Tobias. Weißt du, ich glaube, ich habe deine Schwester lieb.«

Er öffnete die Augen und blickte Tobias ins Gesicht. Durch diesen Blick wurde Tobias verwirrt, wußte keine Antwort, sein Herz hämmerte, das Blut stieg ihm in den Kopf und in den roten Wellen schwammen plötzlich die Gestalten vieler Mädchen, die er auf der Schule kennengelernt hatte und für die er schwärmte. Kein Mädchen schwärmte aber für ihn, den Hinkepeter. Er lächelte gequält. Dann verschwand das Lächeln und Stolz war in seinen Augen. Ulitsch liebte Carla! Ulitsch war sein Freund!

Er hatte sonst keinen Freund. Die Schüler wichen ihm aus, als sei er gezeichnet. Ja, er war ja auch gezeichnet. Nur manchmal drängten sie sich um ihn. Sie kamen zu ihm, wenn die Sommergewitter zuckten und donnerten. Da hatten sie Angst. Er hatte keine Angst. Sein Blut brauste fröhlich im Aufruhr der Elemente. Heidnisches Weltgefühl füllte ihn aus. Wollust des Daseins. Die Gewitter waren noch herrlicher als die Ritte auf den jungen Pferden, mit deren Leibern er verwuchs.

»Ulitsch,« sagte er leise, »hat dich meine Schwester auch lieb? Hast du mit ihr gesprochen?«

»Ja, sie hat mich lieb,« antwortete der Freund, ergriff die eingelegten Ruder und jagte das Boot aus den herandrängenden Schatten in das letzte Licht auf der Mitte des Sees, »sie hat mich lieb, Tobias, und ich habe ihr das Lied von den preußischen Spartanern beigebracht.«

»Singen wir, Ulitsch«, sagte Tobias und begann über das noch glühende Wasser zu singen. Der Wald rauschte. Kühler Wind kräuselte die Flut. Am anderen Ufer legte das Boot an, die Freunde verließen den See und fuhren am nächsten Tag nach der Schule zurück.

Der alte Organist und Carla waren am Bahnhof. Ulitsch stand wortlos bei Carla und drückte heftig ihre Hand, verbeugte sich linkisch vor dem alten Organisten und zog sich dann rasch in das Abteil zurück. Auf der Fahrt blieb er stumm.

Tobias besuchte immer noch die Schule. Seine Hauptliebe warf er auf Geschichte und deutsche Literatur. Er schwärmte für Goethe, und als er mit sechszehn Jahren den »Faust« las, glaubte er, alle Türen zu Himmel und Hölle offen zu sehen. Das Schicksal von Gretchen rührte ihn bis zu den Tränen, er mußte dabei an seine Schwester denken. Mit Ulitsch sprach er niemals wieder über den Tag, als er ihn mit Carla umschlungen im Boot gesehen hatte.

Noch einige Male war Ulitsch in den Ferien in sein Dorf gereist, immer blieb er mit Carla auf langen Spaziergängen allein. Einmal sprach der Vater mit der Mutter über Ulitsch, und Tobias, der eben in das Zimmer trat, hörte die Mutter sagen:

»Sein Vater ist Regierungsbaumeister in Berlin. Er hat viel Geld zu erwarten. Für Carla wäre es ein großes Glück.«

Ulitsch blieb der gute Freund, war lustig und voller Spaße, hatte sehr wenig Verständnis für Tobias Schwärmerei über Goethes Faust, lief jetzt keinem anderen Mädchen mehr nach, wurde ein fleißiger Schüler und saß viel über den Büchern. Das Lied von den preußischen Spartanern aus Smolensk wurde sehr wenig gesungen. Er machte sein Abitur und reiste bald darauf nach Berlin zurück.

»Lieber Freund,« sagte er zum Abschied, »mein alter Herr ruft mich zurück. Ich soll Architekt werden und dann in sein Geschäft eintreten. Mit Carla habe ich mich heimlich verlobt. Du bist der erste Mensch, der es bis jetzt weiß. Wenn ich ausstudiert habe, will deine Schwester nach Berlin kommen. Was sind deine Pläne? Wirst du Lehrer wie dein Vater?«

»Ulitsch,« sagte Tobias, »ich freue mich für meine Schwester. Ich glaube dir, daß du sie liebst. Was aus mir wird, weiß ich noch nicht. Wir sind arm, du kennst ja unsere Verhältnisse. Der Sohn eines kleinen Dorfschullehrers, der Musik liebt! Am liebsten studierte ich Philologie und vielleicht auch Philosophie.«

»Kopf hoch, Tobias: Reichtum macht nicht glücklich,« sagte der Freund.

»Armut erst recht nicht, Ulitsch.«

»Unsinn, darüber zu philosophieren. Wir haben die Welt vor uns. Wir sind jung. Komm mit nach Berlin.«

»Ja,« antwortete Tobias und senkte die Stimme, »ich will dich und Carla später in Berlin besuchen.«

Tobias Erler war nun ganz allein. Die Armut bedrückte ihn. Er dachte viel über seine Eltern nach. Der Vater war Idealist. Seinen Beruf als Lehrer und Organist erfüllte er auf das Gewissenhafteste. Eine einzige Minute Versäumnis beunruhigte ihn stark, und er wurde jedes Mal ärgerlich, wenn die Dorfturmuhr die Zeit unzuverlässig anzeigte. Er hatte keinen Feind, aber sein stilles Wesen wurde von den Dorfbewohnern oft mißverstanden und als Hochmut ausgelegt. Mancher Großbauer behandelte ihn von oben herab und beleidigte ihn dadurch. Der alte Lehrer wehrte sich nicht, er schwieg, wurde traurig, und nur zu Hause klagte er lange sein Leid. In der Musik fand er Trost. Die Musik riß ihn aus dem Jammer. Wenn er ganz niedergeschlagen war, nahm er gewöhnlich die Geige, ging im Zimmer auf und ab und spielte sich allen Kummer aus dem Herzen. Die Mutter tat ungerührt ihre Arbeit, der alte Lehrer war so über der Erde, daß ihm die starre Gleichgültigkeit der Frau nichts anhaben konnte. Aber er stand auch auf der Erde und im Leben. Er gründete und leitete ein Orchester, einen Männergesangverein und einen gemischten Chor. Er brachte in das schwere, bäuerliche Leben Musik hinein.

Jedes Jahr traten die von ihm gegründeten Vereine einige Mal an die Öffentlichkeit. Der alte Organist war Dirigent und Theaterregisseur bei den dörflichen Veranstaltungen. Seine Frau haßte diese Feste, sie waren ihr zu weltlich. Sie kämpfte ständig dagegen und das war die Ursache mancher Konflikte und Auseinandersetzungen.

»Musik, Musik,« höhnte die Frau, »Musik und Tanz und Sauferei, das sind die teuflischen Versuchungen auf der Welt. Das ist die Sünde. Wenn schon Musik ist, dann auf der Orgel. Wenn schon Gesang sein soll, dann in der Messe. Theater, Theater, glaubst du, mit diesem Spektakel in den Himmel zu kommen? Das ist Teufelsspiel, was ihr da treibt. Die Welt ist ein Jammertal und wir sollten weinen und unserer Sünden gedenken, um erlöst zu werden. Der Teufel singt mit in eurem Chor, der Teufel spielt mit in eurem Theater.«

»Frau,« sagte dann der alte Lehrer zum tausendsten Mal, »Frau, auch unser Herr und Heiland war mit den Traurigen traurig und mit den Fröhlichen fröhlich. Er weckte Gestorbene wieder zum Leben auf und verwandelte auf der Hochzeit zu Kanaan Wasser in Wein. Glaubst du, auf jener Hochzeit hätten die Leute nur gejammert? Gott hat fröhliche Menschen lieb.«

»Die Sünde! Die Sünde!« wehklagte dann die Frau, »du wirst es im ewigen Feuer büßen. Versprich mir, daß es das letzte Fest ist, was du leitest!«

Der Mann versprach es, um Frieden zu haben und bereitete trotzdem neue Aufführungen vor. Ohne die Musik und ohne das Theater wäre er gestorben. Bach und Beethoven liebte er sehr, aber Mozart und Haydn vergötterte er. Es gab noch viele Zusammenstöße zwischen dem Mann und der Frau, die Frau war hart, der Mann war weich, und das Weiche siegte in diesem Kampf. In den vierzig Jahren, die er in diesem Dorf nahe der russischen Grenze verbrachte, hat er viele hundert Aufführungen geleitet. Fast alle Dorfbewohner sind durch seine Schulklasse gegangen und haben sein Orgelspiel gehört.

Die Frau Erler war ein sonderbarer Mensch. Ihr Blut war heiß und wild, ihr Wesen zügellos und leidenschaftlich, aber sie wurde schon in der frühen Jugend durch einen strengen Vater gebändigt. Ihre ganze Leidenschaft wurde zu Gott hingelenkt. Auch als Frau betete sie in Wahrheit ohne Unterlaß. Sie war schön. In dem weißen, von schwarzem Haar umrahmten Gesicht flammten dunkle Augen. Ihr Mund war fanatisch. Trotzdem sie fest auf der Erde stand und mit jedem Groschen haushalten mußte, betete sie oft während des Tages: »Alles Gott zur Ehre.« Und wenn ihr heißes Blut schäumte: »Gelobt und benedeit sei ohne End' das heiligste, göttliche Sakrament!« Bei schwerer Arbeit sang sie Passionslieder. Kein Kind hat sie jemals froh lachen gehört.

»Ihr Kinder,« sagte sie häufig, »ihr Kinder seid mir von Gott geschenkt und für Gott muß ich euch erziehen.«

Sie hatte kein Verständnis dafür, daß die kleinen Seelen nach dem bunten Jahrmarkt der Welt verlangten. Als Carla einmal tanzen gehen wollte, wurde sie traurig und sprach von Sünde, Tod und Hölle mit furchtbarem Ernst und mit starker Glut. Sie konnte eindringlich und überzeugend sprechen und verstand es meisterhaft, die Herzen zu erschüttern.

Tobias war ihr Schmerzenskind, ihr Lieblingskind. Als er krank war, hatte sie ihn mit Aufopferung ihrer ganzen Kraft gepflegt und der Jungfrau Maria durch ein Gelübde geweiht. Als Tobias dann auf der Schule war und gute Fortschritte machte, betete sie lange und versunken um den Beistand der Mutter Jesu, ihm die Gnade zu bewahren und als Diener anzunehmen. Tobias wußte von jenem Gelübde nichts. Vom siebenten Lebensjahre an mußte er jeden Morgen die Messe besuchen. Er tat es nie gern, er ging nur, um die Mutter nicht zu betrüben. Und diese Scheu vor der Mutter war so tief, daß er auch als Gymnasiast fast täglich die Messe hörte. Viele Male ging er aus Furcht vor dem allsehenden Auge Gottes und vor der ewigen Höllenstrafe, die dem Sünder auf Erden droht.

Im Hause des alten Lehrers wurde jeden Abend gemeinsam der Rosenkranz gebetet. Die Kinder plapperten mit und die jahrelangen Übungen wurden zur alltäglichen Gewohnheit. Das war kein Gottesdienst mehr, das war Götzendienst. Tobias erzählte der Mutter, das war noch in der Zeit, als Ulitsch mit in das Dorf kam, einmal eine lustige Geschichte von einem jungen Mädchen aus der Stadt. Er erzählte lächelnd, wie sie auf einer Kahnfahrt beinahe in das Wasser gestürzt wäre und sich dabei so ungeschickt benahm, daß auch das Boot taumelte und schwankte und sich auf den Grund festsetzte. Das Wasser an jener Stelle war ganz flach und die Angst des Mädchens konnte nur Gelächter erregen. Auch Ulitsch begann heftig zu lachen. Die Mutter bewahrte ihr strenges Gesicht und richtete dann traurig und ernst die Augen auf ihren Sohn. Das Wort starb in seinem Munde. Alle verstummten. Der Vater nahm die Geige und ging aus dem Zimmer. Nichts war mehr zu hören als das Gelächter von Ulitsch in dem toten, stillen Raum, bis auch Ulitsch verwirrt aufhörte.

Tobias wurde, ohne daß er es merkte, von seiner Mutter in den geistlichen Stand gedrängt. Ja, er liebte Gesang und Literatur, er schwärmte für deutsche Geschichte, atmete auf, wenn er mit seinem Freund durch die Wälder streifte, war glücklich, wenn er dem Blitz und dem Donner seine Stirn bieten konnte und war unglücklich, wenn die Armut ihren Schatten auf seinen Weg warf. Er weinte und wütete, als er endlich, wußte, daß er Theologie studieren sollte, weil er der Jungfrau Maria geweiht und das Studium nahezu umsonst war. Da beugte er sich dem Willen der Mutter. Nein, er war nicht frei.

Als er das geistliche Studium begann, war die Freude seiner Mutter unsagbar groß. Sie sang den ganzen Tag fromme Lieder, kleidete sich festlich, rührte im Hause keine Hand, lag in der Kirche auf den Knien vor der Jungfrau Maria und betete. Sie schrieb ihrem Sohn leidenschaftliche Briefe, in denen ihre Liebe hemmungslos hervortrat, gab ihm viele zärtliche Worte und beschwor ihn, ein treuer Diener der Kirche zu sein. Diese Briefe der Mutter richteten Tobias auf.

»Ja, ja, Mutter,« flüsterte er, »ich will ein treuer Diener unseres Herrn und Heilands sein. Amen. Amen. Amen.«

Ein halbes Jahr vor der Priesterweihe starb die Mutter. Ihr Leben bestand in Arbeit, Kirchenbesuch, Fasten und Beten. Sie hatte ihrem Mann vier Kinder geboren, sie hatte oft mit ihm um das Heil seiner Seele und um das der Kinder gerungen. Ihr Ziel war erreicht: Tobias wurde Pfarrer. Und nun lag sie auf dem Totenbett, die weißen Kerzen brannten. Die verarbeiteten Hände waren über der eingefallenen Brust gekreuzt. Ihr Mund stand wie ein Messerschnitt so scharf in dem wachsbleichen Gesicht. Im schwarzen Haar schimmerten die ersten weißen Fäden.

Tobias kam erst nach Hause, als sie schon tot war. Der Vater stand neben ihrem Bett, tränenlos und lauschend vorübergebeugt, als ob das Herz der Frau beginnen müsse, neu zu schlagen. Carla weinte und schluchzte.

»Jetzt ist sie hin,« flüsterte der Vater, »jetzt ist sie zu ihrem Herrn und Heiland gegangen. Nun ist sie im ewigen Licht. In der Klarheit, mein Sohn. Sie bittet bei der heiligen Jungfrau für uns arme Sünder. Wir haben uns sehr geliebt, Kinder. Die Mutter war eine gerechte und fromme Frau. Sie ist in den Himmel gegangen, um Quartier zu machen für uns alle.«

»Vater, Vater,« sagte Tobias, »wir wollen für sie beten.«

»Kind,« sagte der Vater, und richtete sich auf, »für uns wollen wir beten, für uns arme Sünder.«

Der alte Lehrer kniete am Bett der Gestorbenen, auch Tobias und Carla ließen sich auf die Erde nieder, und das dumpfe Gemurmel der Betenden schwebte wie eine schwarze Wolke durch das Zimmer, wogte durch das geöffnete Zimmer in den schönen Frühlingstag hinaus, der wie eine Lästerung mit hunderttausend Blüten und Wohlgerüchen die Landschaft betörte, nichts vom Tod wußte und Aufbruch war in den goldenen Sommer und fruchtbaren Herbst.

Tobias blieb zu Hause, bis die Mutter beerdigt war. Das ganze Dorf ging hinter dem Sarg. Der Gesangverein, den die Mutter so leidenschaftlich bekämpft hatte, stimmte an ihrem Grab einen dunklen Choral an. Tobias stand neben dem Vater und mußte ihn dann mit Carla vom offenen Grab wegführen. In den letzten Tagen hatte der alte Lehrer kein Wort mehr gesprochen. Es war, als sei sein Mund versiegelt, tot und gestorben wie der seiner Frau.

Sie gingen die breite Dorfstraße entlang in das Haus zurück. Zu beiden Seiten der Straße standen viele Bauern mit ihren Frauen und Kindern, der Gesangverein und die Turner waren versammelt. Sie bildeten eine schweigende Gasse, durch die der alte Lehrer mit seinen Kindern schritt. Er hatte den Hut vom Kopf genommen, der Wind spielte mit seinem silbernen Haar, Vögel sangen, aber für ihn gab es in diesen Tagen keine Musik mehr.

Als sie zu Hause angelangt waren und der Vater am Tisch saß, den Kopf in die Hände gestützt, die Augen starr durch das Fenster gerichtet, ein Bild des Jammers, da legte Carla ihre Hand auf seine Schulter und küßte ihn mitten auf den Mund. Sein Gesicht blieb ungerührt. Carla begann zu weinen. Tobias ging in das andere Zimmer und brachte die Geige mit. Er löste sie aus dem Futteral und legte sie vor den Vater, der immer noch fremd und abwesend durch das Fenster blickte.

»Vater, lieber Vater,« sagte Tobias leise, »die Mutter ist im Himmel. Spiele ihr einen Choral vor.«

»Ich habe ausgespielt, mein Sohn,« sagte der alte Lehrer und blieb in der gleichen erstarrten Haltung, »ich habe ausgespielt, Tobias. Die Mutter hört jetzt die Engel singen.«

Erst nach einer Stunde stand der Lehrer vom Tisch auf und ging dann immer noch steif und starr aus dem Zimmer nach der Straße, wanderte allein und gemessen nach dem Friedhof, stand lange an dem geschlossenen Grab, das mit vielen Frühlingsblumen geschmückt war, bewegte lautlos die Lippen und konnte nicht weinen. Der Abend kam. Immer noch stand er am Grab, endlich raffte er sich auf, ging nach Hause, nahm die Geige und wanderte nach dem Sternsee.

Auf dem Wege zum See traf er einige Liebespaare, die schuldbewußt auseinanderfuhren, als sie den alten Lehrer sahen. Er ging immer weiter, und als er den See erreichte, über den letzter Wind und letztes Licht spielten, als er die kleine Bucht am Ende des Wassers entdeckte, wo auch er mit seiner Frau in jungen Jahren manchen Abend gesessen hatte: da endlich kamen ihm die Tränen.

Er setzte sich in den Wald, vor sich das leuchtende Wasser, nahm seine Geige und stimmte die ewige Klage der armen Kreatur an, der seine Gefährtin gestorben ist. Er spielte und musizierte, bis die Sterne kamen und der einsame Mond sich im Wasser bespiegelte.

Zu der einsamen Totenklage erhob sich plötzlich ein Singen in der Dunkelheit: ein Liebespaar sang ein litauisches Lied, blieb unsichtbar, lag irgendwo im Dunkel des Waldes, hörte die Geige, hörte das eigene Blut musizieren und den Lockruf der ewigen Natur. Dem alten Mann wurde das Herz schwer. Er stand beinahe am Ende seines Lebens, und die da in der Dunkelheit begannen erst das Dasein. Sie lachten noch, liebten, haßten, arbeiteten, aßen und tranken, waren selber noch halbe Kinder und würden bald selbst Kinder bekommen, ein ewiges Auf und Ab in der Welt, eine ungeheuerliche Kette, an deren eisernen Glieder alle Geschlechter im Staub der Erde schleiften, wenn ihre Zeit um und ihre Aufgabe erfüllt ist.

Es wurde dunkler. Berauschend stiegen die schweren Düfte aus dem Waldboden und aus den Wiesen. Der Sternsee schimmerte märchenhaft schön. Der einsame alte Mann, der heute seine Frau begraben hatte, erhob sich und ging langsam nach Hause. Tobias und Carla erwarteten ihn schon voller Unruhe. Er sagte kein Wort, als er kam, er blickte die Kinder still und ergeben an, nahm die Geige und legte sie dann sehr behutsam in den Schrankkasten, den er verschloß.

Am Sonntag darauf saß er wieder an der Orgel und musizierte. Aber in seiner Musik war kein Schwung mehr, kein Sternengesang. Er zog sich von den Vereinen zurück, wurde alt und Einsiedler, führte Selbstgespräche, hielt seine Geige zwei Jahre lang verschlossen, ging fast jeden Tag auf den Friedhof an das Grab seiner Frau, betete viel und im vierten Jahre nach dem Tode seiner Gefährtin ließ er sich pensionieren. Und da war sein Sohn schon Kaplan.

Tobias reiste in die Stadt zurück, verließ das Knabenkonvikt und siedelte in das Internat über. Er war nun Student der Philosophie und Theologie. Sein Professor der Philosophie war kein großes Licht. Kant, Hegel und Schopenhauer wurden mit gleichmütiger Handbewegung beiseite geschoben, der Theologe erledigte mit gelehrtem Eifer die Religionssysteme der Welt und tat so, als seien sie nur verächtliche Irrlehren und nicht wert, sich damit näher zu beschäftigen. Tobias studierte mit großer Gier und ohne Zweifel, was man ihm vortrug. Er wollte sich seines künftigen Berufes würdig erzeigen. Mit seinem Schicksal war er ausgesöhnt. Er dachte viel an die Mutter und ihren brennenden Glauben, wenn sein Herz unbefriedigt war.

Er war ein trauriger Student und lernte wie ein Handwerker seinen Beruf. Er war nicht berufen. Dann wieder versenkte er sich in asketische Übungen, und wenn er aus aller Buße auftauchte, stritt in seinem Herzen die Gier nach Sünde mit der Furcht vor ewiger Strafe. Ja, manchmal schrieb Carla, und auch der Vater schrieb viele Briefe. Aber Ulitsch war verschollen. Seine Nachrichten waren kalt und fremd. Er berichtete von Berlin. Er hatte sein Examen gemacht, war in Paris gewesen und wollte nach Amerika, ehe er sich im Hause des Vaters festsetzte. Ulitsch: ja, Ulitsch sah die Welt, Ulitsch war kein Asket, Ulitsch war nicht geweiht, Ulitsch war ein Mensch, liebte und wurde geliebt.

Erler war nun schon über zwanzig Jahre alt. Alle Übungen hatten sein Blut nicht verkühlt und sein Fleisch nicht ertöten können. Er war ein Mann und doch kein Mann: groß und aufgeschossen, bleich und asketisch, Hinkepeter und traurige Augen, das war Tobias. Ein Mann mit zwanzig Jahren, der sich nicht an die Welt und ihre Abenteuer verschwenden darf! Ein junger Mann, der nur der heiligen Jungfrau geweiht ist und von den anderen irdischen Jungfrauen nichts oder nur sehr wenig weiß, ein Mann, ein kümmerlicher junger Mann, der die tausendjahre alte Weisheit uralter Professoren, die nur aus Zitaten zu bestehen schien, nicht umwandeln durfte in aktive Tat: in Leben und Handlung, Haß und Liebe, uralte Weisheit, die manchmal nach Moder roch und manchmal von Blut tropfte: Weisheit, die so alt schien, daß sie schon böse war, zänkisch, geifernd und voller Gift.

Tobias ist nun zweiundzwanzig Jahre alt und er rebelliert nicht mehr. Er hat viele Gespräche mit seinen Professoren und Mitschülern gehabt, Tobias kann jetzt schon selber mit jungen Füchsen väterlich reden. Er wagt auch schon, in der Gegenwart junger Frauen und Mädchen zu atmen und errötet nicht mehr so tief wie früher. Oh, er ist ein heimlicher Mucker geworden, ein Handwerker für Gott. Er wird seinen Beruf gewissenhaft erfüllen. So humpelt er zu den Vorlesungen viele Jahre, und endlich ist die Zeit um: durch die Gnade der heiligen Jungfrau Maria wird er, Tobias Erler, Sohn des Lehrers und Organisten Heinrich Erler, zum Priester geweiht. Messe. Weihrauch. Viele Glocken läuten. Es ist Herbst.

Es ist Herbst. Tobias Erler ist Kaplan und wird nach einer kleinen Grenzstadt geschickt. Vorher aber besuchte er den Vater. Der alte Lehrer sah seinen Sohn mit fieberheißen Augen an. Er verbeugte sich vor ihm. Der Sohn war stolz und gedemütigt. Mit dem Vater besuchte er das Grab der Mutter. Lange sank er auf die Erde nieder und betete, leidenschaftlich betete Tobias am Grabe der Mutter. Von ihr flehte er Beistand und beharrliche Glut, auszuhalten in schwankender Zeit, hart zu sein gegen sich selber, demütig und ergeben zu sein im Willen Gottes. Amen.

»Bruder,« sagte am Abend Carla zu ihm, »Bruder, ich fahre nach Berlin zu Ulitsch. Er ist aus Amerika zurückgekommen.«

»Weiß es der Vater?«

»Ich habe es viele Mal schon gesagt, aber ich rede in taube Ohren hinein. Was soll ich tun, Bruder? Ach, ich weiß, was ich tun soll. Nach Berlin. Zu Ulitsch. Ich liebe ihn, Tobias!«

»Du sollst Vater und Mutter verlassen und i h m nachfolgen, steht in der Schrift, Schwester, aber auch: Vater und Mutter ehren, auf daß es dir wohlgehe und du lange lebest auf Erden. Carla, Carla,« begann der junge Kaplan zu wimmern, »Carla, Carla, fahre nach Berlin. Fahre zu Ulitsch. Fahre in die Welt! Ach, du weißt ja gar nicht, was ich in den letzten Jahren gelitten habe! Ein Hund war ich und bin vor den Peitschen gekuscht. Carla, ach Carla ...«

»Tobias, Tobias,« flüsterte die Schwester und streichelte ihn, »Tobias, mein Bruder! Mein Bruder!«

Ihre Nähe und Weiblichkeit beruhigte ihn. Er richtete sich auf, wischte sich mit der Hand über die Stirn, als müsse er böse Träume verjagen und sagte dann, die Hand der Schwester ergreifend:

»Carla, fahre nach Berlin. Ich werde dich und Ulitsch später einmal besuchen. Lebe wohl.«

Am nächsten Tag reiste er in die kleine Stadt und trat seine Stelle an. Carla kämpfte mit dem Vater um ihre Liebe, siegte in diesem Kampf und fuhr nach Berlin. Sie heirateten und waren glücklich. Der Vater kam zur Hochzeit. Tobias Erler aber war nicht so glücklich wie seine Schwester.

Er trägt schwer an seiner jungen Würde, und das Kleid erscheint oft ihm wie eine schwarze Rüstung der Trauer und Verantwortung. Er soll Trost spenden? Sein Herz hungert selbst nach Trost! Er soll für die armen Sünder beten? Ach, wer betet für den jungen, verkrüppelten Kaplan? Die Welt rollte durch den Raum inmitten der Milliardenhaufen kreisender Sterne. Wohnen auf den Sternen auch Menschen? Ist Gott auch auf dem Sirius? Und auf dem Orion, auf der Venus, was ist da? Licht, Feuer, Explosionen oder wie hier auf der Erde die Bindung der Menschen in der Religion? Sind die Marsbewohner katholisch oder evangelisch? Nein, er hatte es nicht leicht, der junge Pfarrer, den auch jetzt noch die Schwester verlassen hatte, und der vor sich die Wüste der Welt sah, in der er das heilsame Wasser des reinen Glaubens spenden sollte.

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