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Der Mensch als Symbol

Georg Groddeck: Der Mensch als Symbol - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
booktitleDer Mensch als Symbol
authorGeorg Groddeck
year1933
firstpub1933
publisherInternationaler Psychoanalytischer Verlag
addressWien
titleDer Mensch als Symbol
pages162
created20130311
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wenn ich auch zugebe, daß Schlüsse aus etymologischen Verwandtschaften der Wörter auf Sinneszusammenhänge der Begriffe keinen großen Wert in dem Urteil des Sachverständigen haben, so meine ich doch, vielleicht weil ich Dilettant bin: Das Sprachunbewußte hat einst Geist-Seele und Atmen als dasselbe, als symbolisch gleich empfunden; das würde heißen, daß für das sprachschaffende Meinen, zum mindesten in diesem speziellen Falle, wesentliche Unterschiede zwischen körperlichem und seelisch-geistigem Handeln nicht bestanden. Meine Meinung, daß solche Unterschiede für das menschliche Unbewußte auch jetzt nicht bestehen und nie bestehen werden, kann erst nach und nach begründet werden. Aber ich halte es für zweckmäßig, ab und zu daran zu erinnern, daß für mich Geist-Seele und Körper Erscheinungsformen, Diener des Es sind, das sich je nach Gutdünken einmal mehr körperlich, ein andermal mehr seelisch-geistig offenbart, immer aber lebendig ist, d. h. beide Funktionen gleichzeitig verwendet. Eine Untersuchung, was die Sprache unter Körper versteht, wird meine bisherigen Mitteilungen verdeutlichen.

Das Wort Körper verändert, so scheint es, langsam seinen Sinn, die Neigung, Totes damit zu bezeichnen, wächst, ja im Englischen ist man schon so weit, daß man den toten Menschen corpse benennt; aber auch im Deutschen läßt sich die Bedeutungsänderung feststellen. – Vielleicht ist sie bei uns am deutlichsten in der Mathematik, die ja merkwürdigerweise so entscheidend bei der Mechanisierung des Lebens und bei dem Verdrängen des Meinens zugunsten des Denkens mitgeholfen hat; gerade diese Wissenschaft denkt nicht in den Grundschichten, sondern meint, und heute ist sie in 38 ihren höheren Schichten klare und reine Phantasie geworden. Sie kehrt in die Sphäre des Symbols zurück, in der sie früher unumschränkte Gebieterin war. Vermutlich sind die Zeiten nicht mehr fern, wo man auch im täglichen Leben einsehen wird, daß Mathematik nicht Sache des Gehirns ist, sondern Werkzeug und Wirken des Alls und des Es; die Embryologie beweist, daß längst ehe ein Gehirn entsteht, das befruchtete Ei spielend die schwierigsten mathematischen Aufgaben löst, die Mineralogie zeigt es in der Lehre von den Kristallen, daß Mathematik außerhalb dessen ist, was wir gewöhnlich Leben nennen, ja, man braucht nur einmal zu sehen, wie sicher ein Hund die Schnelligkeit der Automobile berechnet, um zu begreifen, wie niedrig man die Mathematik einschätzt, wenn man sie als logisches Denken auffaßt.

Nach dieser Abschweifung, die mit dem Gewicht ihres Inhalts entschuldigt werden mag, komme ich auf das etwas rätselhafte Wort Körper zurück. Daß es aus dem Lateinischen übernommen worden ist, steht fest; ebenso sicher haben schon vor dieser Übernahme im deutschen Sprachschatz Wortbildungen existiert, die von der gleichen Wurzel stammen. Diese Wurzel lautet qrep-, querp- und ist aus quer (bilden, gestalten) entstanden. Im Sanskrit gehört dazu karoti und karman = Werk, auch kalpate = er paßt (gr. prapis, πραπις = Zwerchfell – Sitz des Verstandes) und krp = Gestalt. Althochdeutsch lautet das Wort href = Leib, wozu angs. hrif gehört, und das ist bezeichnenderweise der Mutterleib: ein treffenderes Gleichnis für gestalten, ordnen kann wohl kaum gefunden werden. Aus dieser den Sprachen gemeinsamen Bedeutung des Ordnens und Gestaltens – Wörter wie corporation, Corpsgeist haben den Sinn von Ordnung beibehalten – schließe ich, daß dem Wort Körper kein Gegensatz zu Geist-Seele ursprünglich innewohnt, sondern daß man diesen Gegensatz nach und nach aufgerichtet hat, um Leben und Tod voneinander zu trennen und sagen zu können: das Fleisch stirbt, aber der Geist dauert. Mir scheint der Gedanke unwissenschaftlich zu sein, widerlegt von menschlichem Meinen und Wissen, aber es wird schwer sein, unserm Kulturleben den Sinn des Heraklitschen panta rhei (παντα ρει) als wirkende Wahrheit wiederzugeben.

39 Der Gedanke, daß der Körper vergänglich sei im Gegensatz zu der Unsterblichkeit von Geist-Seele, kann nicht sehr alt sein; wenigstens spricht dagegen die deutsche Bezeichnung für Körper »Leib«. In früheren Zeiten bedeutete Leib Dauer, Beharren (zusammenhängend mit bleiben – bileiban, gr. liparein [λιπαρειν]). Man nimmt an, daß der Begriff des Klebens damit zu tun hatte. Das Wort »Leben« (engl. life und live, dazu gehört auch leave = bestehen lassen) hat dieselbe Wurzel lib- (leip, lip, lei, li). Das sonderbare Leib-Seelenproblem, von dem jetzt soviel die Rede ist, bestand, scheint es, für andre Kulturen nicht, für sie gab es nur die Einheit: Körper, Leib; aber es scheint eine zu starke Zumutung für die Zeitgenossen zu sein, diese menschlich naheliegende Anschauung wieder aufzunehmen. Das ist um so seltsamer, als gewiß dem christlichen Dogma die Auferstehung des Fleisches selbstverständlich ist. Offenbar hat man aus der unwiderstehlichen Sucht, Denkstoff zu bekommen, eine Trennung vorgenommen, die allem, was wir wissen und meinen, widerspricht.

Im Holländischen hat sich statt des Wortes Leib noch die alte, auch im Deutschen früher gebräuchliche Bezeichnung licham erhalten, während im Neuhochdeutschen es nichts Lebloseres gibt als einen Leichnam. Bei der Denkernation ist nur in dem Worte Leichdorn – Hühnerauge noch die Spur des alten tröstenden Glaubens an Dauer und Leben geblieben. »Gleich«, das in der deutschen Sprache mit der Endung »lich« so reichlich vertreten ist, hängt mit Leiche eng zusammen (ahd. gilik), es bedeutet »einen übereinstimmenden Leib haben«.

Aus besonderen Gründen, die erst volle Bedeutung bei der Besprechung des Begriffs und Wortes »Weib« bekommen werden, hebe ich die Ableitung der zweiten Silbe in »Leichnam« hervor: sie ist nach Kluge ein uns verlorengegangenes Nomen hama-, haman- mit der Bedeutung Hülle (in dem Wort Hemd lebt es noch in der Sprache). Das Umhüllen klingt leise an, die wichtigste Lebens- und Leibesfrage der Geschlechter und der menschlichen Zwiegeschlechtigkeit: das weiblich zu deutende Umhüllen der zweiten Silbe verführt zu der Meinung, daß in der ersten Männliches enthalten sei.

40 Beim Verfolgen dieser Wunschmeinung gerate ich an das englische body = Körper, Leib, über dessen Etymologie noch Ungewißheit zu bestehen scheint; unter anderm nimmt man eine Verwandtschaft mit unserm Bottich und Bütte an, wodurch body ebenfalls zu einer Art Hülle (Schlauch, Faß, lat. budina, gr. pytina, πυτινα) würde. In einem gälischen Lexikon findet sich eine Vermutung, daß body von dem gälischen bod komme, das das männliche Glied bedeutet. Einige Autoritäten, berichtet das Lexikon, vermuten eine Verwandtschaft des gälischen bod mit Buddha, sie erzählen bei dieser Gelegenheit folgende Geschichte, die von einem der Hindu-Paranas herkommt: Während der Flut schlief Bramah und die Zeugungskräfte der Natur waren auf ihre Urelemente zurückgebracht, auf »the Bod und the Pita«. The Pita nahm die Gestalt eines Schiffkiels (huff) an und the Bod wurde der Mast. Auf diese Weise wurden sie über den Ozean getrieben (wafted) unter dem Schutz von Vishnu. Die Erzählung ist für mich wichtig, weil das Wort Pita in deutlicher Beziehung zu dem Harn- und Geschlechtsapparat des Weibes erhalten ist: engl. pit = Grube, pitcher = a womans commodity, nhd. Pfütze, lat. puteus =Wasserbehälter, Zisterne, it. pozzo; über die Frage, ob lat. puteo = stinken, puter = faul mit puteus und Urin zusammenhängt, schweigen die mir zugänglichen Werke, wie so oft, wenn irgendwelche Gefahren für das drohen, was anständig heißt; ich nehme an, daß die Verwandtschaft besteht. Wenn so Pita sich erhalten hat, ist es immerhin denkbar, daß der männliche Teil Bod in dem englischen body sein Leben fristet. Wieder klingt in Bod und Pita das Zwiegeschlechtige an: Bod ragend und stark, Pita umhüllend.

Bessere Auskunft gewährt das griechische soma (σωμα), das in unsrer Wissenschaft in dem Eigenschaftswort somatisch (Gegensatz zu psychisch) eine fragwürdige Rolle spielt. Homer soll das Wort nur in der Bedeutung Leiche oder besser Aas gebraucht haben; erst später sei es mit dem Sinn Leib, Körper in die Alltagssprache aufgenommen worden. Dem steht entgegen, daß soma aus tvomn – Schwellung (Wurzel teka tvo teva = stark sein, schwellen) abgeleitet und urverwandt mit dem Wort saos (σαος) = heil, 41 gesund ist; saos wiederum bildet das Wort soter (σωτηρ) – Retter, Heiland; soma ist also ebenso wie soter das Schwellende, ohne Zweifel das Männliche. Damit ist der Sinn von soma nur noch mit dem Tode durch die oft erwähnte Tatsache verbunden, daß das Männliche stark und geschwollen ist in der Erregung, daß es aber am Weiblichen stirbt. Man kann sich schwer des Spottes enthalten, wenn man sieht, wie mühsam es für erosvergiftende Kulturen ist, Ausdrücke, Worte zu finden, um die Physis, die Natur seelenlos zu machen, um die edle Seele vom Natürlichen, Sinnlichen zu trennen. Es ist nie gelungen und wird nie gelingen.

Und nun bei dem Wort Physis? Ist etwa physisch und psychisch dasselbe? – Jedenfalls sind es keine Gegensätze. Physisch ist das Adjektiv des Verbums phyo (φυω) = erzeugen. Wie konnte es je einem Menschen in den Sinn kommen, Seele und Geist für das Geschehen des Zeugens zu leugnen, es sei denn, daß er ein Denker war? Physis ist die Zeugung selbst, entspricht ungefähr dem lateinischen Wort natura (nasci = geboren werden), dessen tiefsinnige Bedeutung als Zeugendes so unverwüstlich für das Zerdenken war, daß selbst jetzt noch der deutsche Bauer und Arbeiter den Samenerguß die Natur nennt. – Nicht genug damit, daß man die edle Wissenschaft der Physik eifrig aus der verwandtschaftlichen Nähe der Psyche, der Seele oder wie man dies Ding nun nennen will, zu bringen suchte – der Versuch ist, verständlich genug, endlich aufgegeben worden, im Gegenteil sehen wir die Physiker bemüht, wieder zu beseelen, was man vor kurzem leblos hieß – nicht genug damit, man hat sogar eine Metaphysik erfunden, die noch etwas Höheres sein soll als die Natur selber. Ein geistreicher Spötter, Allan Upward, behauptet, der Ausdruck Metaphysik sei durch den Irrtum eines Buchbinders zu seinen hohen Ehren gekommen: Aristoteles habe, als er seine Schrift über die Physika veröffentlichte, nachträglich ein Bündel Manuskripte gefunden und es an den Buchbinder mit der Anweisung geschickt, es anschließend an die Physika – meta physika (μετα φυσικα) – zu bringen, der Buchbinder habe aber das meta physika für einen neuen Titel gehalten, für etwas ganz Besonderes, was außerhalb aller Physis läge, und so sei aus einem handwerklichen Mißverständnis eine 42 Wissenschaft entstanden, mit der sich die Denker bis in alle Ewigkeit beschäftigen können.

Es läßt sich nicht ändern: Physis ist nie und nimmer ein Gegensatz zu Psyche–Pneuma, Seele–Geist, anima–animus, das Wort umfaßt wie das Wort Natur die Welt des meinenden Menschen, alles, auch Eros und Psyche, auch Metaphysik und alle Art menschlichen Dünkels. Für das, was außerhalb des Menschlichen sein mag, gibt es nichts andres als das Wort Gott – Goethe hat es nicht ohne den Schein des Rechtes zu Gottnatur erweitert – und von Gott soll man sich kein Bildnis machen noch irgendein Gleichnis, noch soll man sich darüber eine Meinung bilden.

Läßt sich denn gar nichts an dem Wort Physis ändern? Die Etymologie hat es versucht, und was sie darüber sagt, ist, daran zweifle ich nicht, wissenschaftlich gerechtfertigt, jede Einzelheit trägt den Stempel der Wahrheit, nur leider das Resultat ist klein, ja kleinlich. Die Wurzel von phyo–physis lautet bheu, bhu: davon abgeleitet sind außer den vielen griechischen Wörtern, die alle irgendwie etwas von der Zeugung sagen, lat. fui, futurus (Vergangenheit und Zukunft), altind. (altbaktr.) bhu, bhumis = Erde, bhutis = Dasein usw., nhd. bin und – bauen und beim Bauen bleibt es. Ich nehme nicht an, daß gerade die Etymologie auf den seltsamen Einfall gekommen sein sollte, daß dem Menschen das Bauen eher sich zum Worte gefügt habe als das Zeugen; aber die Lexika hinterlassen den Eindruck, als ob man den Unbefangenen dazu überreden wolle, daß – vermutlich zum Besten des famosen Fortpflanzungstriebes – der Mensch der Geschlechtsliebe gepflegt habe, weil er durchaus bauen wollte. Die Sache wird doch wohl umgekehrt gewesen sein. Die symbolische Gleichung Ackerbau – Hausbau und Geschlechtsliebe besteht sicher, aber man kann sich ebensogut, vielleicht besser den Ackerbau und Hausbau als Folge des Eros vorstellen als umgekehrt. So wie es in den üblichen etymologischen Wörterbüchern gehandhabt wird, verbaut sich die Wissenschaft vom Wort den Weg in das Freie.

Dem Laien fällt, wenn er ein lateinisches Lexikon durchblättert, ein Wort auf, das dicht bei futurus = zukünftig steht, das lautet futuor = begatten. Man bringt es – warum weiß ich nicht – 43 mit dem Wort confuto = schlagen zusammen. Nun ist ja das sanfte, mitunter auch das grausame Schlagen ein Erregungsmittel, das in dem Liebesleben überall gebraucht wird und von jeher gebraucht wurde; man gesteht sich das nicht gern ein, seitdem ein überweiser Nervenarzt diese ganz natürliche und gesunde Neigung, im Liebesspiel Schläge auf den Hintern zu geben, für krankhaft und widernatürlich erklärt hat; daß alle Mütter bei ihren Säuglingen die Zeremonie des Waschens mit einem Klitschen auf das »süße Popochen« beenden, daß sie das schreiende Kind, wenn sie es durch Wiegen auf dem Arm zu beruhigen suchen, hintendrauf klopfen, daß das männliche Glied vor noch nicht langer Zeit allgemein die Rute genannt wurde, daß alle Kinder erotisch betonte Schlagspiele betreiben, daß das Klosett vor kurzem ein gemeinsamer Zufluchtsort für mehr oder weniger tiefsinnige Unterhaltungen war und noch in vielen Gegenden ist – man kann in Gegenden hoher Kultur, wenn auch geringer Zivilisation drei, vier, ja zehn dicht nebeneinander stehende Abtrittsbrillen zählen, und in diesen Familienklausen gibt es keine falsche Scham, jeder tut offen, was er kann –, das alles bedeutet nichts gegenüber den beiden inhalts- und gedankenlosen Wörtern Sadismus und Masochismus. Man sieht, ich unterschätze die engen Beziehungen der Lust zu dem Schlagen nicht, trotzdem kann ich dem Wunsch der Etymologen, das Begatten ganz aus dem Schlagen abzuleiten, nicht Gehör geben, muß vielmehr darauf bestehen, daß der Begattungsakt auch ohne Hauen bestehen kann, daß also das Wort confuto = schlagen von futuor = begatten abgeleitet sein muß und nicht umgekehrt. Wie sich bei näherem Zusehen herausstellt, meint es die Etymologie auch nicht so ernsthaft, sie versteckt ihre Meinung nur, weil sie Angst hat, im Namen des merkwürdigen Krafft-Ebing für pervers erklärt zu werden. Ihre wirkliche Meinung lernt man erst kennen, auch nur nach Überwindung vieler kunstvoll aufgebauter Hindernisse, wenn man im lateinischen Lexikon statt des Buchstabens »f« den Buchstaben »p« aufschlägt, genauer die Buchstabenfolge »pu«. Auch da gibt es noch allerlei Hilfsmittel, um das »pudendum« des Eros zu vermeiden, aber es hilft alles nichts, dieses pudendum (»Mensch schäme dich«) kann bei seiner allgemein anerkannten 44 Stammverwandtschaft mit puer = Knabe, puella = Mädchen, pubes = Geschlechtsteile die enge Beziehung zu puteo = stinken, puteus = Brunnen (Pfütze) nicht ableugnen, und bei dem harmlosen Wort puppis = Schiffshinterteil gesteht selbst der Etymologe ein: dieses Wort lebt heutigen Tages noch weiter in den Wörtern »Fut«, »Fotze«, »pupen« usw. Ursprünglich scheint sich die Wurzel puh – ich nehme etwas willkürlich an, daß futuor, phyo, physis usw. dieser Wurzel ebenso entstammen wie puteo, pubes, pudendum und sogar puto = ich glaube – auf den weiblichen Geschlechtsteil bezogen zu haben, ist dann aber auch auf den Hintern übertragen worden, vielleicht auf dem Wege des puteo = stinken. Man sollte wissen und nicht vergessen, daß stinken erst spät die Bedeutung von Schlechtriechen angenommen hat, daß es früher dasselbe wie duften war und ebenso den Blumenduft wie den Gestank des Furzes bezeichnete. Und es ist keine Frage, daß gerade das weibliche Geschlechtsorgan beide Eigentümlichkeiten hat und gebraucht, durch den Geruch anzuziehen und abzustoßen. Die Zwiespältigkeit alles Weiblichen, die uns Männern rätselhaft vorkommt, ist eben Natur des Weiblichen. Wir sollten es nicht zu verstehen suchen, sondern es anerkennen.

Die verschiedenen Formen, in denen das Wort fut und seine Ableitungen in allen modernen Sprachen Europas vorkommen, stets in der Doppelbedeutung des Hintern und des weiblichen Genitales, also vielleicht des Begriffs Öffnung, Loch, gestatten es nicht, sich mit den kümmerlichen Mitteilungen der Lexika zu begnügen: die Phantasie muß suchen gehn. Denkbar wäre, wenigstens für den Laien, eine Verbindung mit »feucht«, das ahd. fuht, asächs. faht hieß. Denkbar sind aber auch Beziehungen zu lat. fetus = Leibesfrucht und fetor = Gestank; gerade der Geruch beim Wochenbett könnte zu der Verbindung von Gestank (Duft) und weiblichem Genital geführt haben. Es läßt sich nachweisen, daß die Natur den Geruch des Wochenbetts benutzt, um die Geschlechtsbindung des Kindes an die Mutter zu lösen. Das Schwedische bringt in den Wörtern fätta, fitta das weibliche Geschlechtsorgan in die Nähe von födelse = Geburt; auch föda (füttern) gehört dahin, denn wirklich besteht ja nur während der 45 Schwangerschaft ein Zwang, daß das Kind von der Mutter gefüttert werden muß, und das wird den sprachschaffenden Kräften ebenso bekannt gewesen sein wie uns.

Auffallend sind einige Beziehungen zu Ficke (schwed. ficka) = Tasche, das im ndd. Dialekt fudk, föbke, auch wohl fuppe heißt und sicher zu dem Ausdruck ficken = begatten gehört. Von dort aus ist es nur ein Schritt bis zu dem Wort Feige (ficus), das eine so seltsame Rolle in der vulgären und symbolischen Erotik spielt. Auch »Fuß« könnte in Beziehung zu der aus menschlichen Urphänomenen geborenen Wurzel pu stehen.

Nimmt man an, wie ich es oben tat, daß »feucht« mit der Wurzel pu zusammenhängt, so ergeben sich daraus einige verlockende Phantasien für das etymologisch etwas rätselhafte Wort der Lateiner für Weib »mulier«. Die Sanfteren unter den Sachverständigen bringen das Wort in Verbindung mit »mollis = weich, zart«; es gibt aber auch realistische Naturen unter den Sprachgelehrten, und die behaupten, mulier komme von einem Adjektiv »mudos« = »naß« (gr. mydos, μυδος – Nässe, Fäulnis, mydaleos, μυδαλεος – feucht, mydaino, μυδαινω – bewässern; engl. smud und mud; nhd. Schmutz und Moder; air. mutram, mir. mun = Harn). Man sollte denken, daß das Phänomen der Feuchtigkeit des Weiblichen ebenso auffallend zur Zeit der Sprachbildung gewesen sein muß wie das Weiche, jedenfalls aber hat die Erscheinung des Feuchtwerdens erregende Wirkung auf den Menschen. Es ist merkwürdig, daß Walde den Zusammenhang von siz. myllos (μυλλος) = pudendum muliebre, gr. myllo (μυλλω) = beschlafen, myllas (μυλλας) = Hure mit mudos als zufälligen Gleichklang ablehnt; er führt diese Wörter auf molere = mahlen zurück, das auch das Verbum von mollis ist und die Wurzel melax hat. Hier kommen mir allerlei komische Einfälle. Wenn mollis tatsächlich etwas mit Mahlen zu tun hat, so muß es das Zermahlene sein, mollis wäre das, was beim Mahlen weich wird, und das ist nicht oder wenigstens nicht zwingend Weibliches, wohl aber das harte Männliche, das zwischen dem Weiblichen zerrieben wird; mulier wäre dann das Schwächende, der Mühlstein gewissermaßen (gr. amalthyno, αμαλϑυνω = schwächen). Verwandt – so führt Walde weiter aus – sei vielleicht 46 auch idg. smeld = schmelzen, und zu dieser Wurzel gehöre ahd. malz = hinschmelzend, kraftlos, gr. blenna (βλεννα) = Schleim, blennos (βλεννος) = verdummt, mir. blind = eines toten Mannes Speichel, ai. Mandah = Schleim, vimradati = erweicht, gr. bladaros (βλαδαρος) = schlaff und dgl.

Der Laie in diesen Dingen kann kaum dem Gedanken ausweichen, daß das Wort mulier, mag es nun mit mollis oder mit mudos zusammenhängen, seinen Ursprung in dem Liebesspiel des Männlich-Weiblichen hat.

Vielleicht fördert es die Untersuchung, wenn ich mich mit den sprachlichen Ausdrücken für das Weibliche beschäftige. Im Lateinischen heißt femina das Weib: es wird abgeleitet von dem Verbum felare = säugen, saugen (stammverwandt gr. thao [ϑαω] = saugen, thele, themene [ϑηλη, ϑημενη] = an der gesogen wird). Das Zwiegeschlecht ist betont, denn der Saugakt ist im Symbol die Vereinigung des weiblichen Mundes mit der männlichen Brustwarze (gr. mazos [μαζος], mask. Wurzel mad – strotzen – triefen, medea [μηδεα] = Scham, aidoia [αιδοια] = Schamteile); die überall verbreitete Liebessitte des Saugens am Gliede wird wissenschaftlich felare genannt.

Das Wort femina stammt aus der nährenden Tätigkeit des Weibes dem Kind gegenüber. Im Griechischen ist das Wort gyne (γυνη) =Weib gebräuchlich, es gehört zu dem Stamme gen – nachträglich ist es bei den Mitteilungen über gony (γονυ) = Knie einzufügen – theleia (ϑηλεια) = Weibchen, das zu dem oben erwähnten femina gehört, wird angeblich nur von Tieren gebraucht; Männlich-Weiblich und Kindlich-Mannbar sind in beiden Wörtern enthalten.

Das deutsche »Frau« ist femininum zu ahd. fro = Herr, das idg. p̂rw = der erste geheißen hat, es ist also die führende Stellung und nebenbei das Zwiegeschlechtige hervorgehoben. – Bei dem Worte Weib hat mich die Etymologie im Stich gelassen. Kluge hält den bequemen Zusammenhang mit dem griechischen oiphein (οιφειν), lat. futuo = begatten, für zweifelhaft, er schlägt eine Beziehung zu skr. vip = begeistert sein vor; damit würde es dem Sinne nach in die Nähe des griechischen 47 mantis–mainomai = Seher, rasen rücken. Der Engländer Weekley bringt es zusammen mit anord. vifadhr = die Verschleierte, Verhüllte. Wenn diese Ableitung richtig ist, stützt sie einige Mitteilungen, die ich sogleich machen werde. Vorher möchte ich noch erwähnen, daß das englische quean und queen, sowie schw. kvinna = Frau zu dem bekannten Stamm gen gehören.

Ich habe schon mehrfach darauf aufmerksam gemacht, daß der Begriff des Umhüllens, der Höhle mit dem Begriff weiblich verbunden ist; vor allem symbolisiert sich darin das Ewig Weibliche, das uns hinanzieht. Die Betrachtung einiger Bilder möge zeigen, wie das gemeint ist.

Ich zeigte einmal einer einfältig klugen Frau die Maria mit der Sternenkrone, wie sie Dürer in Kupfer gestochen hat (Taf. 4). Sie sah das Bild lange an, dann sagte sie: »Es gibt keine Weiber, es gibt nur das Weib.« Jeder, der den Stich aufmerksam betrachtet, errät, warum diese Frau solch eine tiefe Weisheit, die allen Frauen bekannt ist, die sie aber nie anerkennen, beim Anblick der Maria mit der Sternenkrone aussprach: die Strahlen, von denen die Mutter Gottes umgeben ist, sind die Öffnung einer andern Mutter, aus der Maria mitsamt dem Kinde geboren wird. Das Weib beginnt nie und hört nie auf. Das Weib wird als Mutter geboren, das ist der Sinn der Maria im Strahlenkranze. Mutterschaft ist immanente Eigenschaft des Weiblichen; das Weib wird nicht Mutter, sie ist immer Mutter, körperliche Vorgänge der Schwangerschaft und Geburt haben nichts damit zu tun. Daß man nur die Frauen Mütter nennt, die ein Kind geboren haben, ist ein Irrtum des irrenden Menschen. In Wirklichkeit ist Mutter das umhüllend Weibliche, mit dem Moment der Geburt hört die Frau auf, Mutter gerade dieses einen Kindes zu sein: sie wird seine Ernährerin, Führerin, Freundin, Geliebte, wird Weib diesem Kinde gegenüber, das sie geboren hat.

Das Weib ist nie selber Kind, ist nie selber Greisin, nie Person – Person heißt Maske, und nur der Mann ist eitel genug, etwas durch die Maske vorzutäuschen, was er nur selten ist, Mann –; sie ist immer »das Weib«, mag sie auch Form und Einzelerscheinung wechseln; sich selbst, ihrem Weiblichen ist sie immer treu, mag 48 sie auch noch so oft lügen. Bei der Dürerschen Maria ist das Ewige und Einzige des Weibes doppelt betont: wie ihre Gestalt aus dem Weibesschoß fertig hervortritt, so ist ihr Haupt mit der Sternenkrone – Symbol der Vereinigung von Mann und Weib – von einem zweiten mütterlichen Strahlenkranze umgeben. – Auf dem Arm trägt Maria den Knaben, das Männlich-Kindliche, Symbol des Zwiegeschlechts. Und wie so häufig steht Maria auf der Mondsichel, diesem doppeldeutigen Sinnbild der Schwangerschaft und der männlich schwellenden Kraft, sie fußt auf dem kurzen Augenblick des Mannseins während der Vereinigung und auf der Empfängnis, die sie dem Sieg über den Mann verdankt: am Saum ihres Gewandes hat Dürer den Besiegten dargestellt, im Stich kaum sichtbar. Dürer besaß wie Goethe den Blick für das Symbol und war wie Goethe voll von schalkhaften Einfällen. – Das Doppelgeschlecht des Mondes beweist der Sprachgebrauch: dem Deutschen ist er männlich, den Romanen ein Weib; man könnte fast annehmen, daß uns die Einsicht in das Ewige des Weibes, der Sonne, vertrauter ist als andern Völkern, die gern glauben, der Mann sei Mann, während er in Wirklichkeit Knabe ist und nur durch das Weib Mann wird.

In andrer Form hat Leonardo das Problem des Ewig-Weiblichen gelöst, in der heiligen Anna selbdritt, die im Louvre hängt. Maria sitzt auf dem Schoß ihrer Mutter Anna und hält das Christuskind beim Spiel mit dem Lamm. Die zwei Frauenkörper sind aufs engste miteinander verbunden und nur lose mit der Gruppe des Kindes und Lamms vereint; besonders merkwürdig ist der Kunstgriff, das Ewig-Weibliche dadurch unabhängig von dem Mannbarkeitsalter, der Geschlechtsreife zu machen, daß die Augenbrauen fortgelassen sind. Das Auge ist ein wichtiges Muttersymbol und Zeugungssymbol, wobei die Augenbrauen als Zeichen der Geschlechtsreife gelten. Allerdings war, wie es scheint, das Ausziehen der Augenbrauen in der letzten Renaissancezeit Mode, aber es sind Gemälde von Leonardo da, in denen er die Brauen mitgemalt hat. Im übrigen würde die Bedeutung der Tatsache sich nur von dem Bewußten oder Unbewußten des Leonardo auf das Unbewußte des Zeitalters verschieben, denn sicher sind solche Moden Äußerungen des 49 vorherrschenden unbewußten Meinens. Damit soll nicht gesagt sein, daß die Idee des Ewig-Weiblichen das einzige ist, was sich in dem Ausreißen der Augenhaare ausdrückt.

Die Art, in der Dürer verfahren ist, wurde gerade bei Madonnenbildern viel verwendet, Mutter und Kind sind häufig von Licht- oder Strahlenkreisen umgeben. Unter Umständen treten an Stelle des Lichts andre Symbole der Mutterschaft, des Weiblichen, in dessen Machtbezirk Maria hineingemalt ist. Holbein hat seine Madonna in eine Nische gestellt, deren Abschluß die Muschel der Venus ist. In Michelangelos Menschenschöpfung ist es der flatternde Mantel des anstürmenden Gottes. In der Sixtinischen Madonna schreitet Maria aus einem Vorhang heraus, der sich vor ihr teilt und den Blick auf ein zahlloses Heer von Kindern frei läßt. Am meisten, nicht bloß bei Madonnenbildern, wird bei der Darstellung des Weiblichen die Höhle oder das Gewölbe verwendet; auf die sprachlichen Beziehungen von Höhle, wölben zum Weiblichen komme ich gleich zu sprechen. Hier möchte ich nur noch kurz ein andres Bild Leonardos erwähnen, die Madonna vor den Felsen. Das Gemälde ist ausgefüllt von Symbolik wie alle berühmten Werke der Kunst. Maria schiebt mit sanftem Druck Johannes den Täufer, der ein typisches Symbol des kindlich-männlichen Schicksals ist (Wassertaufe – Urin und Enthauptung – einen Kopf kürzer machen durch den Tanz des Weibes, die beiden Funktionen des Geschlechtsteils klingen an), zu dem Christuskinde hin. Bezeichnend ist dabei, daß Johannes die beiden Hände zur Vereinigung faltet, während das Christkind die Schwurfinger – testes – ter sto erhebt; der Engel streckt den Zeigefinger straff aus. Der Blumenschmuck, Akeleien, Schwertlilien und eine einsame Lilie, betonen, wie alle Blumen, so diese besonders das Zwiegeschlecht. Und nun hinter der Madonna wölben sich Felsen zu zwei Bogen, durch die hindurch der Blick zum Strome gleitet in weite Fernen, die andre Felsmassen abschließen. Der Fluß ist im Symbol lebendiges Leben, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Menschlichen, Schwangerschaft. In die beiden weiblichen Bogen ragen zwei Felsenpfeiler – Phalli – hinein: die Landschaft ist wie alles andre in dem Bilde ein Hymnus auf das tief menschliche Wort des Menschensohns: Ehe 50 denn Abraham war, bin ich, ein Preisen der Dauer des Lebens durch das empfangende und gebärende Weib.

Warum gerade Höhle und Gewölbe als Symbole des Weiblichen benutzt werden, braucht kaum erörtert zu werden: die Beziehung der Höhle zum Mutterschoß, zu der Bauchhöhle, im besonderen zu der Gebärmutter sind ohne weiteres verständlich, und ebenso gibt die Schwangerschaft Auskunft über das Gleichnis der Wölbung. Höhle als Wort öffnet aber so reiche Ausblicke auf wichtige Lebens- und Symbolgebiete, daß sich eine kurze Erwägung lohnt. Die Wurzel von Höhle ist nach Kluge »hel«, erweitert aus »kel« mit der Bedeutung umhüllen, verbergen; die Wurzel führt weiter zu »cve, cvo, ceve, cave, cu«. Im Deutschen finden wir ebenso wie im Lateinischen und Griechischen eine Menge Ableitungen, von denen ich zunächst Hülle erwähne; daran schließt sich stammverwandt das Wort Hütte, und sofort begreift man von da aus wieder, daß die Ursprünge des Hausbaus, der Tempel und Kirchengebäude im Wesen des Weibes zu suchen sind; wenn auch eine Sprachverwandtschaft von Haus und Höhle nicht angegeben wird, bleibt doch die Tatsache, daß ein jeder zunächst im Schoße seiner Mutter wohnt. Die Betrachtung der Tierbauten, die ja auch unter dem Zwange des Männlich-Weiblichen und Kindlich-Mannbaren stehen und oft den Vergleich mit den Schöpfungen unsrer Architektur aushalten, lehrt entweder, daß der Hausbau nichts mit dem Denken zu tun hat, oder daß den Tieren auch die Gabe des Denkens zuzusprechen ist. – Das deutsche Wort Kirche zeigt auch sprachlich noch seine Herleitung vom Weiblichen, es stammt aus dem griechischen kyrikos (κυρικος) = »das dem Herrn – kyrios (κυριος) Gehörende«, und kyrios ist Ableitung von kyeo (κυεω) = schwanger sein. Die Auffassung der Kirche als Braut Christi, als reine Magd ist sprachlich ebenso gerechtfertigt wie der sinnige Ausdruck »Schoß der Kirche«; in den allegorischen Gemälden der Magd Kirche kommt das Umhüllende in Gestalt des weiten schützenden Mantels zum Vorschein. Ich möchte hier gleich anschließen, daß auch die kirchlichen Begriffe Himmel und Hölle dem Vorstellungskreis vom Weiblichen angehören, der eine durch die unbewußte Erinnerung an das Paradiesesleben im Mutterleib und die unbewußte Sehnsucht nach 51 diesem Mutterleibe, die andre mit dem Weiblichen verknüpft durch den merkwürdigen Haß aller Menschen gegen ihre Mütter, eine Erscheinung, auf die ich oft zurückkommen werde. – Deutlich sprechen sich diese Beziehungen der Kirche in der Architektur aller Stile aus – das gilt natürlich ebenso von den Hausbauten, ja auch von den Brücken und Straßen –; dabei muß allerdings erwähnt werden, daß dieses Weibliche nirgends rein, absolut auftritt, sondern immer dem Menschlichen, das heißt der Tatsache des Menschlichen als dreieinigen Wesens, Mann–Weib–Kind, untergeordnet ist. Daß der Acker- und Gartenbau, überhaupt alles, was mit dem uralten Wort »bauen« zusammenhängt, mit in den menschlich-weiblichen Kreis gehören, versteht sich von selbst.

In diesem Augenblick, wo ich so ausgedehnte Lebensgebiete – ich hoffe, nicht ohne eine gewisse Billigung des Lesers – für die Meinung beanspruche, daß Körper und Geist-Seele dasselbe sind, Äußerungsformen des Es, daß es also ein Leib-Seelen-Problem nicht gibt, greife ich auf meinen Beruf als Arzt zurück und äußere meine Verwunderung, daß man immer noch in der Theorie vom Ärzten an einem erdachten Grundunterschied zwischen physischer und psychischer Behandlung festhält. Für die Praxis ist oder sollte wenigstens kein größerer Unterschied zwischen Physisch und Psychisch sein als zwischen Rheinwein und Moselwein.

Aus der Wurzel hel (Höhle, Hülle), kel, cve stammt im Lateinischen cavus, dessen Ableitungen teils die Schlüsse aus dem Deutschen bestätigen – inciens, das zu cavus gehört, heißt schwanger –, teils weiterführen. Bemerkenswert ist da das Wort caulis = Kohl, das ursprünglich einen hohlen Pflanzenstengel bedeutet; hier ist die enge Verwandtschaft und Untrennbarkeit des Symbols Männlich und Weiblich besonders deutlich, da der hohle Stengel zum Männlichen führt, während caulis = Kohl und das abgeleitete Wort cumulus = Hügel ebenso stark das Weibliche betonen.

Im Griechischen liegen die Verhältnisse ähnlich. Als Ausgangswort nehme ich das vorhin genannte kyeo = schwanger sein (dem lat. inciens entsprechend). Kyar (κυαρ) heißt das Loch, kothon (κωϑων), kyathos (κυαϑος) und kylix (κυλιξ) = der Becher, was wegen der Verbindung Trinkgefäß, einschenken, trinken mit dem 52 Zeugungsakt wichtig ist. Kyma (κυμα) ist die Welle: die Verbindung ist in der Symbolik des Meers als Mutter der Aphrodite, der »Schaumgeborenen«, zu suchen. Ich komme auf diese Sache zurück. Kyma ist Macht (potentia, männliche Potenz).

Von der Wurzel hel, kel stammt auch das griechische kalypto (καλυπτω)) her (verhüllen). Die zeitlich und räumlich verbreitete Sitte, das Weib zu verhüllen, hat seine tiefe Berechtigung in der Natur des Weiblich-Menschlichen, dessen Wesen Geheimnis ist; die Tatsache, daß die Kennzeichen des weiblichen Liebens, Tragens und Gebärens beim Menschen verborgen sind, ist das Fundament des Weiblichen, sie enthält in sich zugleich das verendum (das Ehrwürdige) und das pudendum (das Schimpfliche). Verendum hängt mit dem Begriffskreis des Sehens (gr. horao), pudendum mit dem des Geschlechts (pubes) zusammen.

Zu dem Wort kalypto gehört kalix (καλιξ) = Knospe, das in gerader Linie zu den Lebenskeimen und zu der Welt des Sehens (Auge der Pflanze) führt. Ich meine, daß man all diese Sprachzusammenhänge nicht sorgsam genug betrachten kann, wenn man dem Menschlichen wirklich nahe kommen will.

Natürlich liegt in dem Stamm hel, kel, dem Worte kalypto und der Sitte des Schleiers auch das Beschützen, Bewahren, Bewachen, was ja für alles Ehrwürdige Forderung ist (bewahren hängt mit horao zusammen). Auch unser deutsches Hülse, Abkömmling der Wurzel hel, gehört in diesen Sinnkreis.

Neben dem Verhüllen steht das Verhehlen, Hehlen, was zu dem lateinischen celo = verhehlen überleitet; zu diesem Wort stehen u. a. clam = heimlich, color = Farbe und cilium = Wimper in Verwandtschaft. Das englische clam bedeutet die Venusmuschel, als Verbum ist es klebrig machen, feucht sein; trotzdem die Sprachforscher mir keinen Anhalt dazu geben, nehme ich an, daß eben die feuchte Venusmuschel mit dem lateinischen clam–celo etwas zu tun hat: die Muschel ist Attribut der Venus und wird als Wort in allen Sprachen Europas zur Bezeichnung des weiblichen Geschlechtsorgans gebraucht; auch das deutsche klamm = feuchtkalt und die Klamm = enger feuchter Felsspalt vermag ich nicht von dem lateinischen clam zu trennen. Es ist wahrscheinlich, daß 53 auch die Antike eine Vulgärsprache und eine Sprechweise der Geschlechtsliebe hatte. – Die Sinnbeziehung zwischen celo und color wird darauf zurückgeführt, daß die Farbe verhüllt, ebensogut läßt es sich als etwas Verhehlendes auffassen. Das wird deutlich, sobald man annimmt, daß dem primitiven Lateiner ebenso wie uns das Phänomen des Sichverfärbens, des Errötens und Erblassens auffiel; er wird es auch mit dem Gefühl der Scham zusammengebracht haben, der Scham, deren Wunsch es ist, sich zu verstecken. Vermutlich wußte aber der Primitive besser als der Moderne, daß das Erröten der Kinder und Frauen ihre Schwäche verstecken soll: der Mann wird rot, wenn er in Zorn gerät, wenn er gefährlich wird, und das ahmt das schwache Es nach, es tut so, als ob es männlich, gefährlich wäre. Bei Menschen, die an krankhaftem Erröten leiden, läßt sich dieser Zusammenhang leicht nachweisen. Der Vorgang beruht auf dem Symbol: das auszeichnend Männliche, sein Geschlechtszeichen, das Zeichen seiner Kraft und Waffenfähigkeit füllt sich bei der Erektion, beim Mannwerden mit Blut, und diese Erektion wird im Moment des Schämens nachgeahmt im Symbol; ich werde später darauf zurückkommen, daß die aufrechte menschliche Gestalt Symbol der Erektion ist, wobei der Kopf die Rolle der Eichel übernimmt. – Cilium (Wimper) endlich beweist in dem Zusammenhang mit celo, daß unbefangene Zeiten erkannt hatten, daß eine Haupttätigkeit des Auges das Verdrängen, das Sich-selbst-etwas-verhehlen ist; das griechische blepharon (βλεφαρον) = Lid, blepharis (βλεφαρις) = Wimper hängt mit dem Begriff Höhle zusammen. Das Nähere darüber wird unter den Mitteilungen vom Auge und Sehen gesagt werden.

Zur Illustration der Meinung, daß clam = Muschel mit den Liebesvorgängen vom Unbewußten zusammengebracht wird, berufe ich mich wieder auf das Botticellische Gemälde in Florenz, die Geburt der Venus: die Göttin steht auf der Muschel.

Ein wichtiges Attribut der Aphrodite Venus ist der Delphin (delphis, δελφις = Fisch mit gewölbtem Rücken): delphys (δελφυς) ist die Gebärmutter, adelphos = Bruder, adelphe = Schwester. Das Wort ist abgeleitet von der Wurzel ghelbo = aushöhlen (gr. glapho, γλαφω), von dem auch das obenerwähnte blepharon 54 herkommen soll. In der griechischen Plastik ist der Aphrodite fast regelmäßig der Delphin beigegeben. Der Fisch ist Symbol des Knaben und – natürlich – des Männlichen an sich. Ob der gewölbte Rücken für die Wahl des Delphins als Attributs der Venus, wie Sprachforscher annehmen, maßgebend war oder ob die Antike über den Charakter des Delphins als Säugetier Bescheid wußte und ihn als zwiegeschlechtliches Symbol verwendete, weiß ich nicht. Jedenfalls ist schon hier eine Art Übergang zu dem Begriff Wölbung da.

Die Ableitung des Wortes wölben, Gewölbe führt nach Kluge zu dem Wort walbjan, weiter geht es nicht; in der deutschen Etymologie merkt man oft, daß das endlose Grimmsche Wörterbuch immer noch nicht vollendet ist. Man wäre hilflos, namentlich wenn man nach einer Verbindung zu lat. volva (Gebärmutter) sucht, wenn nicht Waldes lateinisches Lexikon Dienste leistete. Walde leitet das Wort volva – vulva von volvo = wälzen ab, gleichzeitig behauptet er, daß mit volvo auch das Wort walwjan = wälzen zusammenhinge. Von wölben spricht er nicht, ich meine aber, walbjan und walwjan müsse dasselbe sein; dann wäre volva geradezu das Gewölbe, was für ein Gebilde wie die Gebärmutter gut paßt. Warum die Wissenschaft den Ausdruck vulva für das weiter außen Liegende des weiblichen Geschlechtsteils braucht und nicht mehr für die Gebärmutter, weiß ich nicht, vermute aber, daß sich volva und valva = Tür – einer weiteren Ableitung von volvo – assoziiert haben; ich erwähne das, weil der Begriff und die Tatsache Tür eine große Bedeutung für die organischen Erkrankungen, namentlich bei dem weiblichen Geschlecht hat. Tür als Symbol des Öffnens und Schließens, Klaffens und Sichklemmens, des Dichten und Undichten bedarf keiner Erklärung. Im Griechischen hängt das Wort elytron (ελυτρον) = Hülle, Futteral mit dem Stamm vel – volvo zusammen und ebenso eilyma (ειλυμα) = Wickeltuch, auch Gebärmutter. Wenn damit die Verbindung zur Geburt und Säuglingspflege hergestellt ist, so bringt hwitfri = Sarg, das zu Gewölbe gehört, den Begriff Tod und Grab dem Begriff Gebärmutter, Zeugung nahe. Die Idee, das Sterben als eine Geburt aufzufassen, die Auferstehung (resurrectio) dem Tode folgen zu lassen, spricht sich 55 darin aus (resurrectio könnte auch die Fähigkeit des Mannes sein, nach dem Sterben der Erektion im Weibe von neuem zeugungskräftig zu werden).

Obwohl ich befürchten muß, daß die weite Ausdehnung des Weiblichen schon jetzt ermüdend wirkt, muß ich doch noch zwei Begriffskreise erwähnen, in denen das Meinen vom Weiblichen in Gesunden und Kranken wirkt: Erde und Meer. »Der Schoß der Erde« beweist an sich schon, wie eng die Verbindung ist; die allerdings unsichere Ableitung des Wortes Erde von der Wurzel ar = pflügen, lat. arvum = Ackerland bestätigt das; terra (Erde) scheint nicht damit verbunden zu sein, und über das griechische ge (γη) schweigt die Sprachforschung. Dagegen gibt es in dieser Sprache ein Wort eraze (εραζε) = zur Erde hin, für das Verwandtschaft mit Erde beansprucht wird. Übrigens wird ja wohl von der ganzen Menschheit die Erde als Mutter alles Lebens aufgefaßt.

Zum Meer führt ein lateinischer Ausdruck für Gebärmutter »botulus«; mit ihm hängt das griechische bythos (βυϑος) = Meerestiefe zusammen. Aphrodites Geburt aus dem Schaume des Meers ist bekannt. Persönlich glaube ich – allerdings ohne wissenschaftliche Berechtigung –, daß Meer, lat. mare, franz. mer auf das engste mit mater wortverwandt ist (Mutter, gr. meter, μητηρ), und wenn das nicht richtig ist, so werden Meer und Mutter (franz. mer und mère) heutigentages jedenfalls vom Unbewußten identifiziert; das beweist fast jede genau durchgeführte Krankenuntersuchung. 56

 

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